Galle « – am liebsten hätte sie ihm seine Schokolade vor die Füße geworfen , » dem gelben Gerippe im Fracke , weil er vor dem lieben , reinen Engel da drin so ganz niederträchtige Dinge gesagt hatte « . In dem Augenblicke , wo die Thür hinter dem Hinausgehenden schallend ins Schloß fiel , kam Liane aus der fernen Fensterecke , wohin sie sich vorhin geflüchtet , auf Mainau zugeflogen – sie ergriff seine Rechte und zog sie an ihre Lippen . » Was thust du , Liane ? « rief er , in jäher Ueberraschung die Hand wegziehend . » Du mir ? « – Dann aber ging es wie eine Verklärung über sein Gesicht , und er breitete die Arme aus – die junge Frau schmiegte sich zum erstenmal freiwillig an seine Brust . Leo stand , die Hände auf dem Rücken verschränkt , ganz blaß vor Ueberraschung ; aber so ungeniert er sonst seine Meinung herauspolterte , diesem ungewohnten Anblicke gegenüber blieb er sprachlos . Lächelnd zog ihn die junge Frau zu sich herüber , und er legte , halb in Eifersucht trotzend , halb schmeichelnd die kleinen Arme um ihre Hüfte . Diese drei schönen Menschen bildeten eine Gruppe , wie man sie zur Verkörperung des häuslichen Glückes , der süßesten Eintracht nicht anmutiger zusammenstellen konnte . » Ich werde mich doch morgen von euch beiden trennen müssen , « sagte Mainau im Tone der Entmutigung . » Nach dem Auftritte mit dem Onkel darfst du nicht hier bleiben , Liane . Ich aber kann Schönwerth nicht verlassen , bevor die offenen Fragen erledigt , die angebrochenen Kämpfe geschlichtet sind . « » Ich bleibe bei dir , Mainau , « sagte sie entschieden . Sie wußte ja , daß ihm noch niederschmetternde Enthüllungen unvermeidlich bevorstanden – in diesen schweren Momenten gehörte sie an seine Seite . » Du sprichst von Kämpfen , und ich sollte dich allein lassen ? ... Ich kann mich hier genau so isolieren wie in Wolkershausen – dem Hofmarschall brauche ich nie mehr zu begegnen – « » Einmal noch wirst du es müssen , « unterbrach er sie , indem er ihr zärtlich das schwere , wuchtige Haar aus der Stirn strich , » du hast gehört , er wird heute zu Hofe gehen , und müßte er sich › auf allen vieren hinschleppen ‹ . Ich gehe aber auch – es ist das letzte Mal , Liane – wirst du dich überwinden können , mich zu begleiten , wenn ich sich herzlich darum bitte ? « » Ich gehe mit dir , wohin du willst . « – Sie sagte das mutig , wenn auch die Flamme eines lebhaften Erschreckens über ihr zartes Gesicht hinflog . Das Herz klopfte ihr doch bang und angstvoll bei dem Gedanken , daß sie noch einmal vor die Frau hintreten sollte , die ihre ergrimmteste Feindin war , die Himmel und Erde in Bewegung setzen wollte , um sie aus ihrer Stellung zu verdrängen , ihr das Herz zu entreißen , das sich ihr gestern unter den heiligsten Beteuerungen für immer zu eigen gegeben . 23. Der Hofmarschall blieb den Tag über in seinem Zimmer – er aß allein und verlangte nicht einmal nach Leo . Die Schloßleute aber waren plötzlich wie aus den Wolken gefallen , denn der junge Herr hatte mit Leo und dem neuen Hofmeister drunten im Salon der gnädigen Frau gespeist ... Er hatte auch den Arzt aus der Stadt holen lassen und war selbst mit ihm in das indische Haus zu der Sterbenden gegangen . Auf seinen Befehl und in seinem Beisein hatte man mit lautloser Behutsamkeit die schadhaften Stellen im Plafond des verwüsteten Hauses zudecken müssen , damit kein belästigender Sonnenstrahl hereinfalle – die exotische Tierwelt , die das Thal von Kaschmir bevölkerte , war in ihre Hütten und Schlupfwinkel eingesperrt worden , und » der junge Herr « hatte die Röhre des nahen , rauschenden Laufbrunnens eigenhändig geschlossen – die scheidende Menschenseele sollte auch nicht durch das leiseste Geräusch beunruhigt werden . Diese Anstalten genügten , um das wandelbare Völkchen der Bedientenseelen sofort umzustimmen . Die sterbende Frau , die man so lange Jahre eine unnütze Brotesserin gescholten , war mit einemmal eine arme Dulderin , und weil Baron Mainau mit einem so feierlichen Ernste aus dem indischen Hause zurückgekehrt war , schwebten die Lakaien noch leiser als sonst auf den Zehenspitzen durch die Gänge , und in den Remisen wurde alles unnötige Poltern , alles Singen und Pfeifen vermieden , als ob die Sterbende im Schlosse selbst läge ... Auch Hanna ging mit rotgeweinten Augen umher . Sie hatte heute zwei merkwürdige Dinge erlebt ; einmal hatte sie durch das Schlüsselloch des Speisesalons gesehen , wie der Herr Baron » ihre Dame « geküßt hatte – und dann war sie zum erstenmal im indischen Garten gewesen . Eine Tasse Bouillon für die Löhn in den Händen , war sie in das Sterbezimmer eingedrungen – seitdem weinte sie unaufhörlich und behauptete in der Küche , sie sei hier unter lauter Barbaren und Einfaltspinseln geraten , denn niemand , die harte , grobe Löhn ausgenommen , habe sich um die arme Kranke gekümmert , die doch , das sehe der gebildete Mensch auf den ersten Blick , ein aus der Fremde hergeschlepptes Fürstenkind sein müsse . Auch Mainau hatte einen tieferschütternden Eindruck im indischen Hause empfangen . Das Antlitz , nach dessen verhüllendem Schleier er einst in brennender Neugier vergeblich die Hand ausgestreckt , und welches er dann voll Abscheu geflohen , in dem Wahn , es müsse das Kainszeichen des tiefen Falles , das Grinsen des Irrsinns in seinen verheerten Zügen tragen – es hatte vor ihm auf den Kissen gelegen , bleich , in friedlicher , unentstellter Schönheit – nicht Onkel Gisberts treulose Geliebte , nicht Gabriels Mutter – ein sündenlos sterbendes Kind , ein weißes Rosenblatt , das ein Lüftchen sanft aus dem heimischen Kelche gelöst und zum Sterben auf die Erde niedergestreut hat ... Der scharfe , unbestechliche Geist der zweiten Frau hatte eine grellleuchtende Fackel in das verschüttete Dunkel einer fernen Zeit geworfen ; ein noch intensiveres Licht aber ging von diesem stillen Gesichte aus . Mainau wußte jetzt , daß sein tadellos ehrenhaftes Schönwerth Fallthüren des Verbrechens genug aufzuweisen habe – sie waren der Boden unter seinen Füßen gewesen , und er hatte es nie für nötig gefunden , auch nur einmal prüfend auf diesen Boden zu klopfen , so abenteuerlich auch die Dinge , die sich auf demselben abgespielt , damals seinen jugendlichen Augen erschienen waren . Er fühlte sich tief schuldig , der frivole Mann , der nur allzugern sein blindes Vertrauen auf des Onkels unbestechliches Rechtsgefühl innerlich kajoliert hatte , um sich durch unliebsame Gründlichkeit , langweilige Untersuchungen im Lebensgenuß nicht stören zu lassen ... Hier hatte er in der That kein Mißtrauen gehegt ; aber bei dieser augenblicklichen , unerbittlich richtenden , inneren Einkehr mußte er sich zu seiner Beschämung sagen , daß er noch vor wenigen Monaten bei dem ersten beleuchtenden Blitze auch » dieser unangenehmen Geschichte « möglichst aus dem Wege gegangen sein würde ... Daß er nun , durch ein charaktervolles Weib aufgerüttelt , Urteil und Willenskraft zusammenraffte und handelnd eingriff , änderte nicht viel mehr an dem , was er durch Indolenz und Egoismus gesündigt . Die Augen unter den zugesunkenen Lidern sahen nicht mehr , wie er das gemißhandelte Kind , das im thränenlosen Schmerze die letzten Atemzüge der Mutter bewachte , emporzog und an sein Herz nahm – die Frau hörte nicht , wie der arme » Bastard « liebevoll » mein Sohn « genannt wurde – sie empfand das so wenig wie der Knabe selbst , der keines anderen Kind sein wollte , als ihr , der Scheidenden , an deren Herz ihn die harte , kalte , abscheuliche Welt draußen zurückgestoßen hatte ... Noch konnte Mainau dem Hofmarschall keinen anderen Vorwurf machen , als daß auch er blind geglaubt habe . Bei der Unterschiebung des Dokumentes war er nicht beteiligt gewesen – er hatte sich heute unbefangen und sicher auf das Papier berufen , das nicht mehr existierte . Der Hofprediger ging hier auf eigenen Wegen , wie er auch der Briefaffaire jedenfalls eine zufriedenstellende Wendung dem Hofmarschalle gegenüber zu geben gewußt hatte , ohne die Wahrheit zu verraten . Das sagte sich Mainau zu Selbstbeschwichtigung und doch konnte er den Verdacht , ja , die schmerzliche Ueberzeugung nicht abschütteln , daß der Ruf der Mainaus geschädigt werde , sobald man fortfahre , den Schutt von jener halbverschollenen Zeit wegzuräumen ... Zur späten Nachmittagszeit ging Liane auch in das indische Haus . Mainau hatte dringende Botschaft aus Wolkershausen erhalten und mußte sich für einige Stunden in sein Arbeitszimmer zurückziehen – Leo aber befand sich vortrefflich und der Aufsicht des neuen Hofmeisters , an den er sich merkwürdigerweise sogleich attachiert hatte ... Eine ungewohnte Stille umfing die junge Frau , als die Thür des Drahtgitters hinter ihr zugefallen war – ein so atemloses Schweigen , als habe die über dem Bambushause kreisende dunkle Gewalt auch alles pulsierende Leben aus der Luft und von der Erde weg aufgesogen . Seltsam – Onkel Gisberts Lieblinge gingen zusammen heim . Seine prachtvolle Musa , die so mutig in den fremden , nordischen Himmel hinaufgestiegen war , lag wie hingemäht auf dem Rasenplatze – der Sturm hatte sie grausam zerpflückt – , je eher diese Spielerei zerfiel , desto besser , hatte ja der Herr Hofmarschall gesagt ... Die junge Frau mußte über weithin geschleuderte Baumäste wegsteigen , die quer die Wege versperrten ; sie ging ganze Strecken lang auf abgeschüttelten Rosenblättern , und da , wo sie vereinzelt auf freien , weiten Rasenflächen standen , waren die Kronen alter , dickstämmiger Rosenbäume scheinbar so mühelos abgeknickt wie ein Kinderfinger einen mürben Blumenstengel zerbricht ... Zerstörung wohin der Blick fiel – nur der Hindutempel strahlte nach dem Regenbade frischer und goldiger als je , und der Teich breitete sich glatt und blauglänzend zu seinen Füßen , als sei er der falsche Nachbar nicht gewesen , der gestern den Gischt seiner gepeitschten Wellen über die Marmorstufen hinweg bis in die Tempelhalle hineingeschleudert hatte . An seinem sumpfigen Ufer aber waren über nacht Hunderte von weißen Seerosen aufgegangen – die nordischen Wasserblüten lagen frisch und lebenatmend auf dem hingebreiteten Blätterpfühle , während die indische vergehend das Haupt senkte . Was würde wohl im Inneren des mörderischen Verfolgers drüben im Schönwerther Schlosse vorgegangen sein , wenn er einen Blick auf dieses Rohrbett hätte werfen können ! O , dagegen war er geschützt ! Liane hatte gesehen , daß selbst die Fenster seiner Wohnung , die nach dem indischen Garten gingen , förmlich verbarrikadiert waren ... Von leuchtenderer Schönheit konnte die Bajadere auch damals nicht gewesen sein , wo sie ihm die vertrocknete Höflingsseele in verzehrender Leidenschaft aufgestürmt , als jetzt in der Verklärung der letzten Lebensstunde . Frau Löhn hatte den leichten Körper , » diese Schneeflocke « , noch einmal in die frischeste , weiße Musselinwolke gehüllt , » weil sie das immer so gern gehabt « . Auf der unmerklich atmenden Brust lag der Schmuck der Goldmünzen , und die linke Hand umschloß das an einer Kette hängende Amulett . Diese durchsichtigen bläulichen Lider hoben sich wohl noch einmal – wenn die Augen verglasten , aber den lieblichen Zug von Glückseligkeit , in welchem die halboffenen Lippen bereits erstarrt waren , nahm sie mit hinab unter den roten Obelisken . » Denken Sie um Gottes willen nicht , daß ich um die arme Seele da weine , gnädige Frau , « sagte die Löhn mit gedämpfter Stimme , als ihr Liane liebevoll unter die stark geschwollenen Lider sah . » Ich hab ' sie lieb gehabt , « fuhr Frau Löhn fort , » so recht herzlich lieb , als wär ' sie mein Kind ; aber gerade deswegen mache ich ein Kreuz darüber und sage : › Gott sei gelobt ! Die Qual ist von ihr genommen ‹ ... Heute morgen im Frühstückssaal , da kamen mir die Thränen , und ich meinte , ich müßte gleich ersticken vor Freude , wenn ich nicht aufschreien dürfte – sehen Sie , das war ' s ! Ich bin dann ' rüber gegangen in das Haus , das so viel Marter und Herzeleid mitangesehen hat , und da hab ' ich mich so recht von Herzen ausgeweint – nun darf ich ' s ja . Nun heißt ' s nicht mehr Komödie spielen und der Gesellschaft da drüben ein X für ein U vormachen ; nun wird die Larve in die Ecke geworfen , die ein ernsthaftes Gesicht machen mußte , wenn ich den Spitzbuben , den Halunken am liebsten die Augen ausgekratzt hätte . Nichts für ungut , gnädige Frau , denn heraus muß es ! Aber ich befühle mir noch manchmal den Kopf , ob ' s auch wahr ist , was ich jetzt erlebte , und nachher kommt mir die Angst , weil der mit dem geschorenen Kopfe die Sache doch wieder dreht , wie er will , und wenn der junge Herr auch den allerbesten Willen hat . Da heißt ' s nun schnell sein und zuerst kommen ... Was hab ' ich gesagt , gnädige Frau ? Sie sind richtig der gute Engel gewesen , den der liebe Gott geschickt hat – seine Langmut war zu Ende , und dem jungen Herrn Baron sind endlich die Augen aufgegangen – wie er heute morgen in den Saal trat und Sie ansah , da wußte ich auf einmal , was die Glocke geschlagen hatte ... Also , um ' s kurz zu machen : Ihnen ganz allein verdankt der Gabriel sein Glück , Ihrer Klugheit und Ihrem guten Herzen , und da müssen Sie nun auch die Sache zu Ende bringen ... Mit dem jungen gnädigen Herrn ist ' s nichts – nehmen Sie mir ' s nicht über ! Aber er ist zu lange böse und hart gewesen , als daß ich und der Gabriel so schnell ein Herz zu ihm fassen könnten . Ich hab ' s heute morgen versucht ; aber es ging absolut nicht ; der Doktor war auch dabei , und da stand ich wie auf den Mund geschlagen ... Gabriel , gehe einmal hinaus . Die frische Luft ist dir nötig wie das liebe Brot , und ich hab ' der gnädigen Frau mancherlei zu sagen ! « Der Knabe , um dessen Schultern die junge Frau tröstend ihren Arm gelegt hatte , stand auf und ging in den Garten , um sich auf die Bank unter das Rosengebüsch zu setzen – von dort aus konnte er durch das zertrümmerte Glasfenster der Thür bis auf das Rohrbett sehen . » Also der junge Herr Baron läßt den Zettel nicht mehr gelten , den der selige gnädige Herr geschrieben haben soll ; warum er das auf einmal thut , weiß ich nicht . Ich kann nur dem lieben Gott danken , daß es so ist , « fuhr die Beschließerin fort . » Das Schlimme ist nur , daß es nun einen heillosen Krieg mit den – Gott verzeih ' mir ' s ! – mit dem Pfaffen gibt , und daß wir da nicht recht behalten , das steht so fest wie der Himmel droben . Sie haben ' s ja heute vom Herrn Hofmarschall gehört ; er lachte dem jungen Herrn geradezu ins Gesicht ... Nun weiß ich aber was , « – sie dämpfte ihre Stimme zum leisesten Flüstertone – » gnädige Frau , es ist etwas Schriftliches da , auch ein Zettel vom seligen Herrn , den er vor meinen Augen , wirklich Buchstaben für Buchstaben , geschrieben hat . Dort , « – sie zeigte auf die linke Hand der Sterbenden – » sie hat es in ihrer Hand . Es ist eine kleine Büchse , sieht aus wie ein Buch von Silber , und da drin liegt der Zettel ... Die arme , liebe Seele – soll einem da das Herz nicht brechen ? Da sagen die Unmenschen , sie sei ihrem Herzliebsten untreu geworden , und da liegt sie nun seit dreizehn Jahren und behütet den armseligen , kleinen Zettel ängstlicher als ihr Kind und leidet Schmerzen in den kranken Fingern , die sie in der Angst darum klammert , weil es das Letzte ist , was er ihr gegeben hat , und weil sie denkt , jeder , der ihr nahe kommt , will es ihr nehmen . « Der Moment trat der jungen Frau vor die Augen , wo der Hofprediger nach dem Schmucke gegriffen hatte . Jetzt verstand sie die folternde Angst des armen Weibes , das kühne Auftreten der Löhn , ihre wildverzweifelte Abwehr , mit der sie sich zwischen die Kranke und den Hofprediger gestellt hatte . Ein Nervenschauer überlief sie bei dem Gedanken , daß dort zwischen den dünnen , blassen , halberkalteten Kinderfingern ein Zeuge auf die Stunde der Auferstehung wartete . Der Priester hatte ihn unwissentlich halb und halb in der Hand gehabt , ohne daß ihm der hilfreiche Geist seines Herrn und Meisters ein » Zermalme ihn ! « zugeflüstert . » Sehen Sie , gnädige Frau , das Unglück und die Not mußten erst kommen , ehe das arme Ding dort mich auch nur mit einem Auge ansah , « sagte die Beschließerin weiter . » Ich bin immer ein häßliches , unfeines Weib gewesen , und da konnte ich ' s ja auch gar nicht verlangen . Wie sie der selige gnädige Herr nach Schönwerth brachte , da war ' s ein Gethue in dem Schlosse , als dürfte ein anderes Menschenkind zu dem indischen Hause nur auf den Knieen rutschen . Der Herr war ja selbst wie närrisch und verlangte es so von seinen Leuten . Unsereins durfte sie kaum ansehen , geschweige den anreden , wenn sie wie ein kleines Kind durch die Schloßgänge lief und ihr Reh nachzerrte und sich von ihrem Schatze nicht haschen ließ , und wenn er wie toll hinterdrein brauste , bis sie sich auf einmal wie ein flinkes Bachstelzchen schwenkte und husch mit beiden Armen an seinem Halse hing – da mußte ich manchmal die Zähen zusammenbeißen , um nicht hinzulaufen und das federleichte Ding im roten Jäckchen und Florkleidchen vor Liebe zwischen meinen groben Händen zu zerdrücken . Sehen Sie sie doch an ! So was Wunderschönes sieht die Welt so bald nicht wieder . « Jetzt brach ihre Stimme ; sie stand auf und schob ordnend wie eine zärtlich stolze Mutter an den schweren schwarzblauen Flechten , die zu beiden Seiten der leise veratmenden Brust niederhingen . » Ja , die Haare , die hat er manchmal auf der Hand gewogen und geküßt , « seufzte sie auf – sie blieb am Bette stehen . » Er mag wohl auch gedacht haben wie ich , daß sie schwerer seien , als das ganze kleine Mädchen selbst . Perlen und Rubinsteine und Goldstücke sind nur immer so drüber hingestreut gewesen ; das alles hab ' ich dem Herrn Hofmarschall herausgeben müssen ... Sie hatte eine feine Kammerjungfer , die der Herr Baron aus Paris oder Gott weiß woher mitgebracht hatte ; die mußte sie bedienen , und mit der war sie gut wie ein Engel – die gelbhäutige Hexe hat ' s ihr schlecht genug vergolten ... Der gnädige Herr ist einmal früh umgefallen und für ein paar Stunden so gut wie tot gewesen , und nachher beim Aufwachen , da hat es sich gezeigt , daß die Dunkelheit in seinem Kopfe – sie sagen , die Melancholie – sie schon vorher angefangen hatte , vollends ausgebrochen ist . Von dem Augenblicke an waren der Herr Hofmarschall und der Kaplan , der jetzige Herr Hofprediger , die Herren im Schönwerther Schlosse . Ich hab ' Ihnen ja schon einmal erzählt , daß die ganze Schloßgesellschaft zu den zwei – Spitzbuben gehalten hat – nichts für ungut , gnädige Frau – und die Schlimmste ist die noble Kammerjungfer gewesen . Sie hat die schändliche Geschichte , daß die arme Frau den schönen Reitknecht Joseph lieb habe , ausgeheckt und dem kranken Herrn weisgemacht . Dafür hat sie auch ein paar tausend Thaler mitgenommen , wie sie nach Hause gereist ist ... Nun bin ich ' nübergegangen ins indische Haus – heimlich , denn mein Mann durfte es ja nicht wissen . Sie kauerte dazumal hier auf dem Bette , verwildert und halb verhungert ; aus Angst vor dem Hofmarschall wollte sie lieber nicht essen und im unordentlichen Bette schlafen , um nur die Riegel nicht wegzuschieben ... Ich weiß bis heute nicht , wie es gekommen ist , aber er hat nie gemerkt , daß sie an mir eine Stütze gehabt hat ; vielleicht bin ich doch nicht so dumm , wie er immer sagt ... Sechs Monate lang hat sie wie eine Gefangene hier im Hause gesteckt . Das Jammern und Weinen vor Sehnsucht nach dem Manne , der nichts mehr von ihr wissen wollte , vergesse ich in meinem Leben nicht ... Nachher ist der Gabriel geboren worden , und von da an wurde › die harte , grobe , unbarmherzige Löhn ‹ als Zuchtmeister im indischen Hause angestellt ... Manchmal bin ich auch bei dem kranken gnädigen Herrn gewesen , wenn mein Mann seine Schwindelanfälle hatte , da mußte ich bedienen , denn ich wußte , wie er ' s gern hatte ... Wie oft habe ich da ihren Namen auf der Zunge gehabt , um ihn nur einmal an sie zu erinnern und ihm zu sagen , daß er einen Sohn habe , und daß alles niederträchtige Lüge sei , was sie ihm weisgemacht hatten , aber es mußte tapfer wieder hinuntergeschluckt werden , denn wenn er auch noch so gut und gescheit war , sobald seine schwarze Stunde kam , da beichtete er dem Kaplan alles , und da wäre ich ohne Gnade an die Luft gesetzt worden , und die beiden im indischen Hause hätten gar niemand mehr auf der Welt gehabt . « Liane griff nach ihrer Hand und drückte sie innig ; diese Frau hatte einen unglaublichen Fond von Liebe , Selbstverleugnung und zärtlicher List für die beiden Unglücklichen entwickelt , wie kaum eine Mutter für ihr eigen Fleisch und Blut ... Sie wurde ganz rot und schlug förmlich erschrocken die Augen nieder , als die schöne Hand sich so weich und lind um ihre groben Fingerknöchel legte . » Nun ging ' s aber bei dem kranken Herrn aufs Sterben los , « fuhr sie unsicher , fast bewegt fort . » Der Herr Hofmarschall und der Kaplan waren die ganze lange Zeit nicht von seiner Seite gewichen . Einer war immer da und sah drauf , daß alles am Schnürchen ging , wie sie ' s eingefädelt hatten , und da mußte es doch passieren , daß der Herr Hofmarschall sich erkältete und krank wurde , und der Kaplan mußte in die Stadt , um dem katholischen Prinzen Adolf die Sterbesakramente zu reichen – und das war eine Fügung vom lieben Gott , es mußte alles so kommen ; denn wie der geschorene Kopf zum Schloßthor ' naus war , da kriegte mein Mann seinen Schwindelanfall so derb , daß er nicht vom Kanapee aufstehen konnte . Na , ich war ja da ! ... Ich stand im roten Zimmer neben dem kranken Herrn und reichte ihm die Medizin – und die dunklen Vorhänge hatte ich von den Fenstern wegziehen müssen ; da fiel die liebe Sonne herein auf sein Bett , und da war ' s doch gerade , als wäre auch ein Vorhang von seinen Augen weggezogen worden ; er sah mich ganz hell an , und auf einmal streichelte er meine Hand , als wollte er mich loben für meine Bedienung – da ging mir ' s wie Feuer durch den Kopf . › Du riskierst ' s ‹ , sagte ich mir und rannte fort . Zehn Minuten drauf kroch ich mit der armen Frau durch das Maßholdergebüsch drüben beim rechten Flügel und durch die kleine Bohlenthür an der eisernen Wendeltreppe . Niemand sah uns ; kein Mensch hatte eine Ahnung , daß da etwas passierte , wofür die ganze Schloßgesellschaft vom Herrn Hofmarschall ausgepeitscht worden wäre , wenn er ' s gewußt hätte ... Ich machte die Thür im roten Zimmer auf – mein Herz hämmerte ordentlich vor Angst – und sie flog mir voraus – den Aufschrei vergess ' ich nicht , solange mir die Augen im Kopfe stehen . Das arme Weib ! Aus ihrem schönen Herzallerliebsten , aus dem stolzesten Herrn war ein Gespenst geworden ... Sie warf sich über sein Bett hin . Ach , neben seinem gelben hohlen Gesicht sah man erst , wie frisch und schön sie war ; wie eine rotweiße Apfelblüte lag sie auf den grünseidenen Decken ... Er sah sie zuerst ernsthaft an , bis sie ihre Arme um seinen Hals legte und ihr kleines Gesicht an seines drückte , ganz so wie früher . Da streichelte er ihr das Haar , und sie fing an zu sprechen , in ihrer Sprache – ich verstand kein Wort – und das ging immer schneller , und sie mußte wohl alles ' runter sagen , was sie auf dem Herzen hatte , denn seine Augen wurden immer größer und funkelten , und das bißchen Blut , das er noch in den Adern hatte , trat ihm in die Stirn ... Und was ich auf dem Herzen hatte , das sagte ich auch ... Herr Gott , mir wurde aber doch angst und bange ; ich dachte , er stürbe auf der Stelle . Er wollte mit aller Gewalt sprechen – es ging nicht . Da schrieb er auf ein Papier : › Können Sie mir Gerichtspersonen herbeischaffen ? ‹ Ich schüttelte den Kopf ; das war unmöglich ; er mochte es wohl selbst am besten wissen ... Da schrieb er nun wieder . Wie mich das dauerte ! Die Schweißtropfen standen ihm auf der Stirn , und in den Augen hatte er Angst , ich sah ' s wohl , wahre Seelenangst um das schöne , liebe Wesen , das ihm fortwährend das Gesicht streichelte und so selig war , daß es wieder bei ihm sein durfte ... Er war fertig , und ich mußte ein Licht anbrennen und Siegellack bringen . Mit dem kostbaren Ringe , den er dem Herrn Hofmarschall geschenkt hat , machte er zwei große Siegel unter das Geschriebene – er that es selbst ; aber weil er zu schwach war , so mußte ich seine Hände derb niederdrücken , damit das Wappen ja recht klar und scharf in dem Lacke ausgeprägt wurde . Er sah es nachher durch ein Glas an , und es mußte recht sein , denn er nickte mit dem Kopfe . Er hielt mir den Zettel hin ; ich sollte die Aufschrift laut lesen , und da buchstabierte ich denn auch heraus : › An den Freiherrn Raoul von Mainau ‹ , und da übergab er mir das Papier zur Besorgung ; aber sie sprang auf und riß es mir weg und küßte es in einem fort ; nachher schüttete sie das , was in dem kleinen silbernen Buche lag , auf die Erde und legte den Zettel dafür hinein ... Wie ein Lachen ging es dabei über sein Gesicht , und er winkte mir zu , als wollte er sagen , es sei da einstweilen gut aufgehoben . Er hat sie nachher noch geherzt und geküßt – zum letztenmal auf Erden ; er hat ' s gewußt , aber sie dachte es nicht ... Sie wollte auch nicht fort , als er mir ein Zeichen machte , daß ich sie heimbringen sollte . Sie fing zu weinen an wie ein Kind ; aber sie war ja so sanft und folgsam – er sah sie nur ernsthaft an und hob den Finger , und da ging sie hinaus ... Wenn sie nur immer so gefolgt hätte ! Aber nun , wo sie ihn wiedergesehen hatte , sehnte sie sich krank ; sie sah nicht einmal den kleinen Gabriel an , so sehr setzte ihr der eine Gedanke zu – und da geschah ' s eben . Sie entwischte mir und war ohne mich in das Schloß gelaufen , und der Herr Hofmarschall hat sie im Gange vor dem Krankenzimmer ertappt ... Wie es dann gekommen ist , ob sie hat schreien wollen , und er ihr deshalb die Kehle zugedrückt hat , oder ob er ' s in der wütenden Eifersucht gethan hat , das weiß niemand , und an die Sonne wird ' s auch niemals kommen ; aber gethan hat er ' s , ich weiß es von ihr selber , denn ich verstand ihr Wesen und ihre Augen so gut , als ob sie spräche . Im Anfange war ja ihr Kopf auch noch ganz klar , bis der Hofprediger gekommen ist und immer so in sie hineingeredet hat – da schrie sie endlich einmal auf , so gräßlich , wie jemand , der gefoltert wird . Herr Gott , der ist gelaufen ! Er hat ' s nicht wieder probiert ; aber sein Schönthun verfing auch nicht mehr – das arme Gehirn war nicht wieder in Ordnung zu bringen ... Nun habe ich alles gesagt , und nun bitte ich Sie , nehmen Sie die Kette mit dem silbernen Büchelchen an sich . « » In diesem Augenblicke doch nicht ? « rief Liane entsetzt . Sie trat an das Bett und bog sich über die Sterbende . Aus den geöffneten Lippen wehte es ihr schon wie aus einer Gruft entgegen ; aber der Busen hob und senkte sich immer noch fast gleichmäßig . » Ich würde mich nie beruhigen , wenn sich ihre Augen im Momente der Berührung doch noch einmal öffneten und die Wegnahme