Herzogin dem Verbluten nahe war , und da ist ihr Blut in die Adern der Herzogin geleitet worden « , berichtete die Komtesse . » Antonie schreibt , ohne das wäre die Herzogin gestorben . O Gott , o Gott , es ist schauderhaft , ich hätte es nicht gekonnt . « » Himmel , wie schrecklich ! « riefen sämtliche Damen . » Wie mutvoll ! Das ist Rasse ! « sagte der kleine Offizier mit funkelnden Augen . » Tausend Wetter , das ist zum Verlieben ! « rief Seine Exzellenz und bekam dafür einen verweisenden Blick von seiner Frau Gemahlin . » Sie sah wunderbar schön aus « , flüsterte der Schwermütige noch melancholischer als gewöhnlich . » Dieser beneidenswerte Gerold ! « » Er hat übrigens seinen Abschied eingereicht « , erzählte der Husarenoffizier , » er will seine Güter selbst bewirtschaften . « » Was hast du noch , Lolo ? « ermunterte die Gräfin ihre Tochter . » Oh , sie hat so viele Brillanten bekommen « , erzählte eifrig die Komtesse , » und die alte Hoheit hat sie gepflegt wie eine Tochter und sie geherzt und geküßt . « » Ah , reizend ! « » Wann sie wohl heiraten werden ? « » Sie leben jedenfalls im Winter in der Residenz . « So ging es weiter . Im innersten Herzen gönnte keines dieser Klaudine das Glück , aber keines wagte , mit einem Wörtchen den Ruf von Baron Gerolds Braut anzutasten . Es rauschte so ganz anders jetzt in den Bäumen der Waldfrische , und die Damen beschlossen einmütig , der jungen Braut einen prachtvollen Blumenkorb zu spenden als ein Zeichen ihrer Dankbarkeit für die Rettung der geliebten Herzogin . Indessen war das Brautpaar vor dem Eulenhause angelangt . Gärtchen und Gebäude lagen friedlich im Abendsonnenschein und die durchbrochenen Rosetten der Klosterruine schimmerten rosig angehaucht . Klaudines schönes Gesicht ward plötzlich von einer peinvollen Angst belebt . Dort war ja die alte , rundbogige Haustür bekränzt mit Girlanden aus Spargelkraut und Rosen ! » Lothar « , flüsterte sie und berührte leicht seinen Arm beim Aussteigen , » ich bitte , nein , ich verlange von Ihnen – kehren Sie heim mit Beate , ich will Joachim erst vorbereiten . Ich kann hier nicht Komödie spielen , es geht über meine Kräfte . « Er kämpfte sichtlich mit einem Entschluß , aber ein Blick in die verzweifelten blauen Augen hieß ihn nachgeben . Er erwiderte kein Wort , er wandte sich nur und bat Beate , sitzen zu bleiben . Bis zur Haustür , wo die kleine Elisabeth ihr jubelnd entgegenlief , begleitete er sie und küßte ihr die widerstrebende Hand . » Wann wünschen Sie den Wagen nach Altenstein , heute abend ? « sagte er . » Sie gestatten selbstredend , daß ich Sie hinüberbegleite ? « Sie drehte sich eben in der Haustür um und nickte Beate abschiednehmend zu . » Ich danke Ihnen , Lothar « , klang es nun leise , aber bestimmt , » ich kehre nicht nach Altenstein zurück , ich bleibe hier . Ich werde die Herzogin hiervon benachrichtigen . Sie glauben es nicht ? « fuhr sie müde lächelnd fort , » ich versichere Sie , ich habe tatsächlich nicht die Kräfte zu diesem Spiel . Ich versuchte ja heute tapfer meine Pflicht zu tun , nicht wahr ? Haben Sie Mitleid mit mir ! « Sie neigte ernst den Kopf und ging ins Haus . Fräulein Lindenmeyer kam ihr entgegen . Die Alte fiel in freundlicher Hast beinahe über ihre Stubenschwelle . Sie hatte die rotbebänderte Haube auf und breitete beide Arme aus . » Ach , gnädiges Fräulein , welch ein Glück ! « rief sie weinend vor Freude . » O , wir wissen es schon , wir wissen es ! Des alten Heinemann Enkelin war da , sie hat es brühwarm hergebracht . Warum kommt der Herr Bräutigam nicht mit ? « Klaudine mußte sich umarmen und küssen lassen , dem herbeigeeilten Heinemann die Hände schütteln und Idas Glückwünsche entgegennehmen . Ganz betäubt stieg sie endlich die Treppe empor . Wie schwer war doch dies alles ! Joachim sah von seinem Hefte auf , als sie eintrat . Er brauchte erst ein paar Sekunden , um in die Wirklichkeit zurückzukehren . Dann sprang er auf , trat rasch zu ihr und hob ihren Kopf in die Höhe . » Meine tapfere kleine Schwester – und als Braut ? Sieh mich an , mein Liebling « , bat er . Aber sie hob die Wimpern nicht , von denen jetzt große Tropfen fielen . » Ach Joachim , Joachim ! « schluchzte sie . Er streichelte ihr über das weiche seidige Haar . » Weine nicht « , sagte er , » sprich lieber , was haben sie dir getan da draußen ? « Und da brach er los , der Sturm der Verzweiflung , schrankenlos , unaufhaltsam . Sie schonte sich nicht , sie verhehlte , bemäntelte nichts von der Demütigung , die erbarmungslos über sie gekommen war , gegen die ihr Stolz sich ohnmächtig auflehnte . » Und Joachim « , schluchzte sie wild auf , » das schrecklichste ist , daß ich ihn liebe , liebe , wie nur ein Mädchen lieben kann , seit Jahren schon ! An dem Tage , da er neben Prinzeß Katharine am Altar stand , habe ich gemeint , ich könne nicht weiterleben , und jetzt wirft mir das Schicksal hohnlachend das ersehnte Glück in den Schoß und sagt : » Da – aber behutsam ! Es ist nur Goldschaum , der darauf klebt , es ist nicht echt . Da hast du , um was du gebetet und geweint hast , jahrelang ! « – Glaube mir , er hat mich an sich genommen , so etwa wie er das Silbergeschirr auf der Versteigerung erstand , um jeden Preis , weil er lieber sterben würde , ehe er duldete , daß an dem Namen Gerold ein Makel haftet . Er hat mich an sich gezogen – der Familienehre halber , um weiter nichts , nichts ! « Sie schwieg erschöpft , aber das bittere leidenschaftliche Schluchzen dauerte fort . Joachim antwortete nicht . Noch immer lag seine Hand auf ihrem blonden Haar . Endlich sagte er mild : » Und wenn er dich doch liebte ? « Sie stand plötzlich auf den Füßen . » O mein Gott ! « sprach sie , und auf ihrem verweinten Gesicht drückte sich etwas wie Mitleid aus . » Nein , du argloser guter Mensch , er liebt mich nicht ! « » Aber wenn er es doch täte ! Er ist niemals einer von denen gewesen , die Gefühle zu heucheln verstanden . Du weißt , er hätte sich von je lieber die Zunge abgebissen , ehe er ein unwahres Wort redete . Immer war er so , Klaudine . « » Ja , gottlob ! « rief sie flammend und richtete sich hoch auf , » das hat er auch nicht gewagt ! Du denkst , Lothar hätte um mich geworben mit Liebesheucheln ? O nein , unwahr ist er nicht . Und als ich ihm die Komödie vorschlug , da fiel es ihm nicht ein , zu beteuern , daß er etwa sehr betrübt sein werde , wenn wir uns später trennen . Nein , ehrlich ist er – bis zum Verletzen ehrlich ! « Sie schien sich plötzlich zu fassen . » Du Armer « , sagte sie weich , indem sie des Bruders Hand ergriff , » so störe ich deine Arbeit mit meinen bösen Nachrichten . Ertrage mich , Joachim , ich werde ruhiger werden , ich will nun wieder dein Hausmütterchen sein , dein guter Kamerad . Daß ich doch nie hinausgegangen wäre ! Und allmählich werde ich alles , alles überwinden , Joachim ! « Sie küßte ihn auf die Stirn und ging in ihr Stübchen , dessen Tür sie hinter sich verriegelte . Wie frisches kühles Quellwasser wirkte die Ruhe dieses eigenen kleinen Heims auf ihre Seele . Sie ging von Möbel zu Möbel , als müsse sie jedes einzelne begrüßen , und stand endlich still vor dem Bilde der Großmutter . » Du warst eine so kluge alte Frau « , flüsterte sie , » und welch törichte Enkelin hast du erzogen ! Sie bezahlt die zu spät erworbene Klugheit mit ihrem Lebensglück ! « Dann legte sie mühsam das Spitzenkleid ab , hüllte sich in ein einfaches graues Hauskleid , setzte sich still ans Fenster in den alten Lehnstuhl und schaute in den dämmerigen Abend hinaus . Unten in der Wohnstube schlich inzwischen die kleine Elisabeth betrübt um den freundlich gedeckten Tisch , er sah doch schön aus mit der rosengefüllten Porzellanschale in der Mitte , den kunstvoll gebrochenen Servietten und den rosenumkränzten Stühlen für das Brautpaar . Und gar der schöne Kuchen , von Ida selbst gebacken ! Der dicken Wachspuppe hatte die Kleine ein neues blaues Kleid angezogen . Wo blieben sie denn nur alle so lange ? Sie lief hinunter in Fräulein Lindenmeyers Stube . » Wann ist denn endlich Hochzeit ? « fragte sie ungeduldig . Sie hatte gemeint , die festliche Vorbereitung bedeute schon die Hochzeit . » Ach , mein Liebling « , seufzte das alte Fräulein und sah kopfschüttelnd zu Ida hinüber . War das auch ein Brautpaar , das am ersten Verlobungstage nicht einmal zusammenblieb ? Oder sollte das eine neue Mode sein ? Zu ihrer Zeit war das anders gewesen , da mochte man sich gar nicht trennen und saß beieinander und sah sich in die Augen . Sie seufzte . » Räume ab , Ida « , flüsterte sie , » die Wespen kommen in die Stube nach dem Kuchen , er wird nur trocken . Ach , unsere duftigen Kränze ! Das ist das Los des Schönen auf der Erde ! Ida , Ida , mir ist ganz unheimlich zumute ! « » Elisabeth möchte Kuchen haben « , sagte die Kleine und trippelte hinter dem Mädchen hinaus . 27. Der erste Schnee in den Bergen ! Dort oben fällt er früh . In der Ebene fliegen vielleicht noch die Sommerfäden , da flimmert und stiebt es schon hier oben und liegt duftig weiß und glitzernd auf den Tannen . Dann ist es behaglich in den Häusern der Menschen , die großen Kachelöfen tun ihre Schuldigkeit und die Fenster sind mit grünem Moos umkränzt , daß der kalte Wind keine noch so kleine Öffnung findet , ins Innere zu dringen . Köstlich ist es dann besonders abends , wenn die Lampe über dem Tische schaukelt und ihr Licht auf spiegelndes Teegerät fällt . Aber so heimlich warm , so wohnlich , so altväterlich behaglich war es doch nirgends in dem ganzen Gebirge , wie in der Wohnstube des Neuhäuser Schlosses . Draußen flimmerte und stiebte es , hier innen brannte die Lampe auf der Platte des altmodischen Schreibtisches . Beate schrieb : » Also , dies wären die Wirtschaftsfragen gewesen , Lothar , jetzt zu den Herzensangelegenheiten ! Ich war vorhin im Eulenhause und traf Klaudine in der Wohnstube , sie gab der kleinen Elisabeth Unterricht . Ich möchte Dir ja gern etwas besonders gutes schreiben diesmal , aber es ist immer das nämliche . Sie spricht nie von Dir , und wenn ich davon anfange , so erhalte ich keine Antwort , wenigstens keine , die mich befriedigt . Sie zeigt nur ein Interesse , und zwar das an dem Befinden der Herzogin . Sie lebt wie eine Nonne und sieht bleich aus zum Erbarmen , ihre einzige Abwechslung sind stundenlange einsame Spaziergänge . Joachim , der Egoist , scheint es nicht zu bemerken oder will es nicht sehen . Ich habe ihm aber heute den Star gestochen . Er brachte gerade wieder ein dickes Manuskript , das Klaudine abschreiben sollte , ich nahm es ihr vor der Nase weg und sagte : » Wenn Sie erlauben , besorge ich das , Sie überbürden ja das arme Mädchen « – Du weißt , sie hat die Ida abgeschafft und tut alles allein , kocht , näht und plättet , und nicht etwa schlecht ! Da soll sie nun neben den Haushaltungsgeschäften noch wie ein Bogenschreiber fronen und ihre Augen vollends verderben . Als ob die nicht vom Weinen genug gelitten hätten ! Weiß Gott , man sieht sie ja kaum anders , als mit eigentümlich geröteten Augenlidern , wenn sie auch zehnmal auf meine Frage : » Hast du geweint ? « antwortet : » Ich ? Weshalb sollte ich denn weinen ? « Joachim sah mich ganz erstaunt an , er hat mir nicht zu widersprechen gewagt , es hätte ihm auch nichts geholfen , denn er ist einer von denen , die man mittels Energie gefügsam machen muß . Aber verzeihe , ich schreibe so lange von Joachim , und Du willst von Klaudine hören . Du hast mich gefragt , ob sie den Verlobungsring trägt . Es tut Dir gewiß weh , aber lügen kann ich einmal nicht , Lothar – der goldene Reif fehlt an ihrer Hand . Ich fragte sie darum , da wurde sie verlegen und antwortete nicht . Sie hat einen so herben Zug um den Mund , es schmerzt mich , sie anzusehen . Du hättest wohl anders um sie werben sollen , aber freilich , wie die Sachen lagen – Manchmal denke ich , sie hat vielleicht doch den Herzog – Nein , nein , Lothar , ich will dich nicht ängstigen , ich bin so dumm in solchen Dingen , ich weiß ja nicht , was zwischen euch steht , und ich will mich nicht in euer Geheimnis drängen . Gott gebe , daß sich diese Wolken verziehen ! Aber eines weiß ich , wenn sie sich nicht bald verziehen , so werdet ihr sterbensunglücklich . Zuweilen packt es mich , ich möchte dann eintreten und fragen : Liebt ihr euch , oder liebt ihr euch nicht , was ? Aber Du hast es ja verboten . Frau von Katzenstein schrieb neulich an Klaudine , daß Prinzeß Helene bei der Herzogin in Cannes sei , sie soll sich fast aufopfern und mit unermüdlicher Geduld um die Kranke sein . Auch die Herzogin lobt sie in ihren Briefen an Klaudine . Ihre Hoheit schreibt fast täglich , und Klaudine antwortet pünktlich , aber die Korrespondenz scheint ihr keine Freude zu machen . Die hohe Frau erkundigt sich nämlich in jedem Briefe : » Wann ist Deine Hochzeit , Klaudine ? Warum schreibst Du nichts von Deinem Bräutigam , von Deinem Glück ? « Und zuweilen liegt eine Orangenblüte zwischen den Blättern . Was Klaudine antwortet , weiß ich nicht , vermute aber aus der immer wiederkehrenden Frage , daß sie gar nichts darauf erwidert . Herrgott , ist das ein langer Brief geworden ! Und ich will noch mehr schreiben heute , ich beginne nämlich Joachims Manuskript zu kopieren . Ich habe schon darin geblättert , es ist das zweite Heft der spanischen » Reiseerinnerungen « . Was willst Du sonst noch wissen , Lothar ? Frage nur , ich antworte aufrichtig . Laß Dir die Zeit auf Deinem einsamen Schlosse in Sachsen nicht allzu lang werden . Gott gebe im Befinden der Herzogin einen erfreulichen Fortgang ! Die arme Kranke , sie soll so unruhig sein , so große Sehnsucht haben nach ihrer deutschen Heimat und nach den Kindern . Gestern schickte sie Rosen an Klaudine . Vor mir duftet eine der armen weitgereisten Blüten im Wasserglase und schaut verwundert in das Schneetreiben vor den Fenstern . Es wogt und tanzt ganz unermüdlich in der farblosen Dämmerung des beginnenden Abends . Ich lege Dir eine Locke bei von unserer Kleinen . Prinzeß Thekla hat in der Tat Frau von Berg bei sich , weißt Du das ? Und wußtest Du , daß der Herzog Herrn von Palmer nicht mit nach Cannes nahm ? Es ist auffallend , er konnte sonst nicht ohne ihn sein . « Sie adressierte den Brief und stand eben im Begriff , nach dem Kinderzimmer zu gehen – es war die Zeit , wo die Kleine ihr Abendsüppchen verspeiste , – da ward ihr Heinemann gemeldet . » Nun « , fragte sie , als der Alte eintrat , » was ist bei euch passiert ? « » Gott sei gepriesen , nichts ! Aber wir haben ein Telegramm bekommen , das gnädige Fräulein muß noch mit dem Nachtzuge fort . Sie läßt Fräulein von Gerold um einen Schlitten bitten , der sie nach der Bahn fahren kann . « Beate befahl in aller Seelenruhe das Anspannen und schenkte eigenhändig dem Alten ein Gläschen Branntwein ein . » Ich werde mitfahren « , sagte sie , » und Sie können hinten aufsitzen . « » Ja , darum ließ das gnädige Fräulein auch herzlich bitten , ich hatte es vergessen « , murmelte der Alte . Beate fuhr nach kaum einer Viertelstunde in den schnee- hellen Wald hinaus . Was in aller Welt mochte geschehen sein ? Das Eulenhaus hob sich grau aus den verschneiten Tannen und rötlich schimmerten die erhellten Fenster in die Nacht . Fräulein Lindenmeyer kam ihr im Hausflur entgegen . Sie sah beängstigend feierlich aus und ihre Augen schwammen in Tränen . Sie hatte die Hände gefaltet und flüsterte der erschreckten Beate zu : » Mit der Herzogin geht es zu Ende ! « Beate flog die Treppe empor nach Klaudines Zimmer . Die packte eben eilig ein Köfferchen . Sie wandte ihr ein trübes Antlitz zu . » Um des Himmels willen « , rief die Eintretende , » du reisest nach Cannes ? « » O nein « , erwiderte Klaudine , » nur nach der Residenz . Die Herzogin will zu Hause sterben . « Und sie legte die Hände vor das vergrämte Gesicht und weinte . » Sie bringen sie zurück ? Ach Gott ! Meine gute Klaudine , weine nicht , liebe , einzige Klaudine , du mußtest ja doch wissen , daß es nur eine Frist sein konnte , dieses scheinbare Besserwerden ! « » Da die Depesche von Frau von Katzenstein , Beate , die Herzogin erwartet , mich in der Residenz zu finden . Morgen abend kommen sie an . Die Depesche ist schon aus Marseille . Ich wollte dich bitten , Beate , sieh zuweilen nach der Kleinen « , fuhr Klaudine fort , » Joachim ist so in der Arbeit und Fräulein Lindenmeyer zuweilen schon recht vergeßlich . Ich hatte gedacht , an Ida zu schreiben , aber die Lindenmeyer erzählte mir , sie habe schon eine Stelle angenommen . « » Was redest du denn so lange darum ? « sagte Beate und half der Cousine den Mantel anziehen , » das ist doch selbstverständlich . Mach dich gut warm , und – « » Aber laß das Kind hier im Eulenhause « , unterbrach Klaudine sie , » Joachim ist es gewöhnt , daß Elisabeth in der Dämmerung heraufkommt und auf seinen Knien sitzt und sich Märchen erzählen läßt . « » Versteht sich « , erwiderte Beate . » Aber , was ich sagen wollte , Klaudine « , – sie stockte – » vergiß den Verlobungsring nicht . « Klaudine wandte sich erschreckt um . » O ja , du hast recht « , sagte sie traurig und suchte den Ring aus einem kleinen Kästchen hervor . Fräulein Lindenmeyer stand weinend neben Beate im Hausflur , während Klaudine von Joachim Abschied nahm . » Ach Gott , so jung noch und schon sterben müssen ! « schluchzte das alte Fräulein , » von Mann und Kindern fort , und so weit da draußen in der Welt ! Gott gebe es , daß sie noch lebend die Heimat erreiche ! « » Gott gebe es ! « wiederholte wie unbewußt Klaudine und fuhr neben Beate in die Schneenacht hinaus . Beate ließ es sich nicht nehmen , ihre Cousine bis an den Zug zu geleiten , und als die erleuchtete Wagenreihe in der Nacht verschwunden war , fuhr sie mit ernsten Gedanken heim . Die Schlittenglocken klingelten seltsam feierlich im Walde , es war so lautlos still ringsumher . Sie dachte an den Schnellzug , der durch das Land jagte und die kranke Herzogin mit sich führte . Und sie dachte an Klaudines Weinen . Welch Wiedersehen zwischen den beiden ! Auch Klaudine dachte an ihre fürstliche Freundin , als sie so ganz allein dahinfuhr . Es reist sich schrecklich mit solchem Ziel . Düster stand die Zukunft vor des Mädchens Seele , düsterer als die Nacht da draußen . Sie hatte zunächst nur eine kleine Strecke zu fahren , dann aber in Wehrburg zwei Stunden Aufenthalt . Da schimmerten schon die Lichter von Wehrburg , der Zug fuhr langsamer und hielt endlich . Sie stieg aus und ging durch die zugige erleuchtete Halle nach dem Wartesaai Sie hob den Schleier nicht , als sie eintrat , und nahm still in einer Ecke Platz . Nicht weit von ihr saßen flüsternd ein Herr und eine Dame , die letztere gleich ihr unkenntlich durch einen dichten Schleier , nur die Bewegung des Kopfes schien Klaudine bekannt . Von dem Herrn hatte sie bis jetzt nur das stark angegraute , kurz gehaltene Haar gesehen . Er trug einen kostbaren Pelz , sein Hut lag neben ihm . Er beugte sich über ein Kursbuch , und wenn er eine Seite umschlug , so zuckte das Leuchten eines großen Brillanten zu ihr herüber . Es ist ein trauriger Aufenthalt während einer Winternacht in einem schlecht geheizten und schlecht beleuchteten Wartesaal . Unwillkürlich beobachtet man seine Leidensgefährten und überlegt : Was mögen die vorhaben , wohin reisen sie , welche Bande verknüpfen sie untereinander ? Ist es ein Ehepaar ? Sind es Vater und Tochter ? Klaudine in ihren trüben Gedanken starrte ebenfalls auf das einzige Paar Menschen , das , außer dem schlaftrunkenen Kellner , den Raum mit ihr teilte . Die Dame sprach leise und eifrig , ihr Kopf war dicht zu dem Herrn geneigt . Dieser rückte fast ungeduldig auf dem Stuhle hin und her . » Unsinn ! « hörte Klaudine ihn jetzt in französischer Sprache sagen , » ich habe es tausendmal erklärt , ich gehe bis Frankfurt und komme dann zurück . « » Ich glaube Ihnen nicht « , flüsterte die Dame heftig , » es bleibt bei dem , was ich gesagt habe – betrügen Sie mich , so wissen Sie , wie ich mich rächen werde . « » Nun , das würde Ihnen auch nicht zum Heil gereichen , meine Beste ! « » Das tut dann auch nichts mehr « , erklärte sie lauter , als es ihre Absicht sein mochte , und ihre kleine Hand schlug , zur Faust geballt , auf den Tisch . Besänftigend legte der Herr seine Rechte darüber und sah sich erschreckt um . Klaudines Schleier war so dicht , er verbarg völlig ihre Züge und ihre erstaunten Augen . Das war ja , mein Gott , das war Herr von Palmer , und , natürlich , so zischte nur Frau von Berg , wenn sie gereizt wurde . Das war ihr üppiges Haar , ihre volle Gestalt . Was in aller Welt – ? » Ich bitte dich « , sagte er jetzt schmeichelnd , » was sollte ich ohne dich da draußen ? Sei doch vernünftig und erfülle meine Bitte ! « Eben brauste ein Zug in den Bahnhof , nun ertönte die Glocke und der Beamte rief in das Zimmer : » Einsteigen in der Richtung nach Frankfurt am Main ! « Eilig erhob sich Herr von Palmer . » Bleibe hier « , sagte er heftig . » Ich werde mir doch nicht nehmen lassen , Sie bis an den Zug zu geleiten « , erwiderte sie höhnisch . » Wer weiß , wie lange ich Ihre Gegenwart entbehren muß « ! Er antwortete nicht und stürmte hinaus , die Dame rauschte hinterdrein . Klaudine erhob sich unwillkürlich und trat ans Fenster . Sie sah Palmer eilig in ein Abteil erster Klasse verschwinden . Die Dame stand davor , fest in ihren Pelz gewickelt . Dann setzte sich der Zug in Bewegung und die Zurückbleibende kam wieder ins Wartezimmer . Sie sah einen Augenblick die verschleierte Klaudine scharf an , dann schlug sie den Schleier zurück und bestellte sich Tee und Zeitungen . Richtig , dieser Seidenflor hatte das geschminkte Gesicht ihrer Feindin verhüllt . Herr von Palmer mochte wohl den Herrschaften entgegenreisen , was aber veranlaßte die schöne Frau zu Besorgnissen ? Und endlich kam ihr Zug . Klaudine wartete ab , welches Abteil Frau von Berg nehmen würde , es waren nur zwei erster Klasse im Zuge . In das eine stieg Frau von Berg , so schritt sie auf das andere zu , das der Schaffner ihr sofort öffnete . Einen Augenblick überlegte sie noch . Dort saß ein Herr – sollte sie zweiter Klasse fahren ? « » Ist das Nichtraucherabteil zweiter Klasse frei ? « fragte sie . » Nein , es sind fünf Herren drinnen und eine Dame , und im Frauenabteil eine Familie mit Kindern . « Sie stieg ein und nahm am Fenster Platz . Der Herr dort in der Ecke schlief , es war nichts von ihm zu sehen , als Mütze und Pelz und eine dunkelviolette Reisedecke . Nun , lange dauerte ja die Fahrt nicht mehr , zwei Stunden höchstens . Sie legte den blonden Kopf mit dem dunklen Pelzmützchen an die Kissen , sie war so müde , aber die rastlos weiterarbeitenden traurigen Gedanken ließen sie nicht schlafen . Die Herzogin würde sterben , dann hatte sie ein treues Herz verloren und ihre Freiheit gewonnen . Sobald am Begräbnistage die letzte Fackel gelöscht war , würde sie Lothar den Ring in die Hand legen und aufatmen . Ihre Brust hob sich , aber schon der Gedanke an dieses Aufatmen tat ihr weh . Ach , das Leben , das dann kommen würde ! So farblos , so einförmig , das Leben eines armen adligen Fräuleins , das allmählich zur einsilbigen alten Jungfer wird . Und wenn Joachim sich nun wieder verheiratete ? Wenn zu all der Freudlosigkeit auch noch das Bewußtsein des Überflüssigseins käme ? Wenn dereinst Beate einem Mann folgte , fort aus dem stillen Paulinental ? Ach nein , Joachim blieb ihr , mußte ihr bleiben . Wie sollte er in seiner Zurückgezogenheit , in seinem arbeitsvollen Dasein Zeit finden , um zu freien ? Joachim blieb ihr und sein Kind . Sündhafte Mutlosigkeit war es , so zu denken . Sie hatte noch so viel , viel mehr als andere ! Sie setzte sich hoch , kerzengerade , und sah auf die flimmernden Eisblumen der gefrorenen Fensterscheiben . Dann zuckte sie tödlich erschreckt zusammen . In dem Rollen und Kreischen des Zuges , der eben kurz vor einer Haltestelle gebremst wurde , hatte sie nicht gehört , daß der Herr dort aufgestanden und herübergekommen war . Erst als sie fühlte , daß etwas ihren Mantel streifte , hatte sie aufgesehen – vor ihr saß Lothar . » Also wirklich ? « klang es herzlich . » Trotz des Schleiers erkannt ! Aber , was spreche ich denn ? Es gibt ja nur einmal dieses goldige Haar . Und Sie wollen auch nach der Residenz ? « Es lag ein Ausdruck freudigster Überraschung in seinen Zügen . Unwillkürlich hatte seine Rechte gezuckt , als wollte sie eine dargebotene Hand erfassen . Klaudine saß da , wie versteinert . Sie hatte sich merkwürdig rasch gefaßt . » Ja « , erwiderte sie kurz , die Hand übersehend . Sie hielt die beiden ihrigen ineinandergeschlungen im Muff , als wollten sie sich gegenseitig festhalten . » Der Kammerherr von Schlotbach telegraphierte mir , daß die Herrschaften morgen eintreffen , und da habe ich mich gleich aufgemacht . « » Aber , sagen Sie , wie geht ' s im Paulinental ? « fragte er dann . » Gut ! « antwortete sie . » Und meine Kleine ? « » Sie ist gesund , glaube ich . « » Glauben Sie ? « fragte er mit bitterer Betonung . Eine Weile schwiegen beide . Der Zug hielt . Draußen knirschte der Schnee unter schweren Männertritten , irgendeine Tür wurde zugeschlagen , dann läutete die Glocke und schrillte die Pfeife und weiter rollte die Wagenreihe . » Klaudine « , begann er zögernd , » ich habe vorgestern an Sie geschrieben . Der Brief wird heute früh im Eulenhause anlangen – « Sie neigte flüchtig den Kopf , ohne ihn anzusehen . » Ich war in einer furchtbaren Stimmung « , fuhr er fort , » stellen Sie sich vor , wie ich in dem alten , spärlich eingerichteten Schlosse hause , zwei Stunden von der nächsten Stadt , völlig eingeschneit . Ich bin vielleicht , naß wie eine Made , eben von einem Pirschgange zurückgekehrt , sitze neben einem rauchigen Kamine , der kaum wärmt , der Schneesturm tobt vor den Fenstern , und so allein bin ich , so furchtbar allein in dem öden Gebäude ! Dazu habe ich dann zuweilen förmliche Visionen . Ich sehe die Neuhäuser Wohnstube , sehe meine Kleine drinnen spielen , höre ihr Jauchzen und meine ordentlich den Geruch von Bratäpfeln zu spüren , die um diese Jahreszeit nie in der Röhre des Kachelofens fehlen . « Er stockte einen Augenblick . » Und da denke ich , mein Gott , wozu sitzest du eigentlich hier in so trübseligen Gedanken ? In einem solchen Augenblick stand ich vorgestern auf , holte meine Schreibmappe und schrieb , um Sie auf der Stelle zu fragen , ob – « Sie fiel ihm fast heftig ins Wort