, anstatt ihre Schuld durch ein Gott gefälliges Leben und aufrichtige Buße zu sühnen , fröhlich in den Tag hineinlebe ! « » Wer hat Dir das Geheimniß verrathen ? rief ich entsetzt aus , und dabei dachte ich an Dich . « » Gott hat es mir durch einen himmlischen Sendboten kund thun lassen und ich – ich will meine armen Eltern aus der ewigen Verdammniß retten ! kreischte sie laut auf und dann sank sie besinnungslos zu Boden . – « » Als sie endlich auf ihrem Lager aus einer tiefen Ohnmacht erwachte , redete sie irre . Eine schwere Krankheit hatte sie befallen , und während einer Woche glaubten wir täglich , daß es mit ihr zu Ende ginge . In meiner Angst und in der festen Ueberzeugung , daß nur Du allein ihr die furchtbaren Mittheilungen gemacht haben könntest , schrieb ich an Dich , Es waren harte Worte , welche ich Dir sagte , die aber durch den schweren Verdacht , der auf Dir lastete , vollkommen gerechtfertigt waren . Erst nach langer , ruhiger Ueberlegung begann ich zu bezweifeln , daß Du den Frevel an Johanna begangen habest , und ich wurde darin bestärkt , durch einzelne ihrer Dich betreffenden Worte und durch die im Delirium wiederholte Erwähnung eines von einem himmlischen Boten an sie gerichteten Briefes . « » Johanna ' s vielfache Fragen , ob Du Dich bereits auf freiem Fuße befändest , und meine auf ' s Neue erwachende Zuneigung zu Dir , den ich schließlich nur für einen leichtsinnigen , verführten Patron hielt , veranlaßten mich nunmehr , mit aller Macht für Deine Befreiung zu wirken . Mir allein wäre es schwerlich gelungen , doch war ich glücklich genug , die Theilnahme einer höchst achtbaren Familie , in deren Hause Johanna ihre erste Jugend verlebte , für Dich zu erwecken . Jenen treuen Freunden verdankst Du hauptsächlich , daß die Mauern des Kerkers Dich nicht mehr umschließen . « » Ich war von Allem unterrichtet , was dort in Frankfurt geschah , und unsere Freunde erhielten wieder durch mich regelmäßige Berichte über meine arme Johanna . Wir Alle hofften . Du würdest Dich durch die Besorgniß vor Deiner Wiederverhaftung und durch die ernsten Rathschläge wohlmeinender Leute bestimmen lassen , so schnell als möglich dem nächsten französischer Hafen zuzueilen . Du Haft in dieser Beziehung unsern Erwartungen nicht entsprochen und wirft in Folge dessen eine um so trübere Erinnerung von hier mit fortnehmen . Ich glaube wenigstens , daß Du , so wie ich Dich kenne , nicht von hier scheiden willst , ohne Johanna wenigstens heimlich gesehen zu haben . « » Ich habe sie gesehen – « » Du hast sie gesehen ? « fragte der Oberstlieutenant erstaunt . Ich erzählte darauf meine Erlebnisse vom vorhergehenden Abend bis in die kleinsten Einzelheiten , und fand einen gewissen schmerzlichen Genuß darin , nicht nur jedes Wort zu wiederholen , welches Johanna selbst gesprochen hatte , sondern auch der schmachvollen Reden der beiden Geistlichen Erwähnung zu thun . Dabei fiel mir auf , daß mein Vormund nur um die Besuche Bernhard ' s wußte , der andere Priester ihm dagegen vollständig fremd war . Ich erklärte mir daraus , daß dieser also wirklich zum ersten Male die Schwelle der Oberförsterei betreten habe . » Du hast Johanna gesehen , « nahm der Oberstlieutenant wieder das Wort , sobald ich geendigt , » und damit den Zweck , der Dich hierherführte , erreicht ; Du kannst daher schon morgen Deine Weiterreise antreten . « Auf diese Zumuthung antwortete ich nichts ; ich hatte zu fest beschlossen , jene Gegend nicht eher zu verlassen , als bis ich betreffs Johanna ' s Lage einen entscheidenden Schritt gethan . Der Oberstlieutenant , mein Schweigen für Zustimmung nehmend , fuhr darauf fort : » Wie Du Johanna gestern gesehen hast , sitzt sie , mit kurzen Unterbrechungen , bereits seit Monaten , nur daß ihre Kräfte sie mit erschreckender Schnelligkeit verlassen und sie , nach dem Ausspruch des Arztes , ihrer baldigen Auflösung entgegengeht . O mein Gott , diejenigen , welche ihr die grausamen Enthüllungen machten , haben eine schwere , eine furchtbare Verantwortlichkeit auf sich geladen ! Das zarte Wesen war noch zu jung , zu schwach , um das schreckliche Geheimniß ertragen zu können , überhaupt erfahren zu dürfen . Doch wer auch immer die Schuld trägt , nicht zufrieden damit , ihr ganzes Erdendasein vergiftet zu haben , benutzte er auch noch ihre krankhafte Aufregung dazu , sie zu überzeugen , daß es ihr obliege , die Sünden ihrer Eltern abzubüßen . Den verhängnißvollen Brief hatte sie in ihrer ersten Verzweiflung vernichtet , doch ließ sich der Inhalt desselben aus ihrem späteren Benehmen leicht errathen . « » Als sie nämlich ihre Krankheit so weit überstanden hatte , daß sie wieder aufrecht im Bette sitzen konnte , verlangte sie fortwährend nach einem katholischen Geistlichen . Meine Lisette , Du kennst sie ja , glaubte darin einen Fingerzeig Gottes zu entdecken und riech mir dringend , ihren Bitten zu willfahren . Lange weigerte ich mich hartnäckig ; ich suchte Johanna durch freundliche Worte zur Vernunft zu bringen , allein vergeblich ; das arme Kind flehte , daß es einen Stein hätte erbarmen mögen , › was hilft mir meine Religion , ‹ rief sie unter Thränen aus , › die mir nur gestattet , für mein eigenes Seelenheil Sorge zu tragen ? Verschafft mir einen rechtgläubigen katholischen Geistlichen , der mich lehrt , die Schuld meiner Eltern zu sühnen , oder ich sterbe in meinen Sünden , die doppelt schwer auf mir lasten , weil ich versäumte , eine mir auferlegte heilige Pflicht zu erfüllen . ‹ O , mein Sohn , so manches liebe Mal habe ich dem Tode in die Augen geschaut , wenn die feindlichen Feuerschlünde Verderben in unsere Reihen schleuderten , und ich habe nicht gezittert oder gezagt , höchstens den Faustriemen etwas fester um mein Handgelenk gedreht , allein die Veränderung zu beobachten , die innerhalb kurzer Zeit mit Johanna vor sich ging , das war mehr , als ein ganzes Regiment zu ertragen vermocht hätte . Und dennoch wäre ich , trotz meiner Lisette und trotz Johanna ' s Flehen , unerschütterlich geblieben , hätte der Arzt nicht die letzte Möglichkeit einer Rettung von der Erfüllung ihrer Wünsche abhängig geglaubt . « » Wo Herr Bernhard , der bewußte Kaplan , so schnell herkam , nachdem ich meine Zustimmung gegeben , weiß ich mir heute noch nicht zu erklären ; jedenfalls aber hielt ich ihn , nach ein oder zwei Unterredungen , für einen verständigen Menschen , der seiner schwierigen Aufgabe wohl gewachsen sei . Er besuchte von da ab Johanna fast täglich ; meine Lisette war stets zugegen und enthielt von der kindlichen Frömmigkeit und christlichen Geduld , mit welcher er Johanna tröstete und ihr wenigstens nicht zurieth , schon jetzt , und zwar ohne vorher reiflich überlegt zu haben , zum Katholicismus überzutreten . « » Wenn es mich nun auf der einen Seite erfreute , daß Johanna durch den religiösen Verkehr mit Herrn Bernhard ruhiger und ihr schrecklich aufgeregter Seelenzustand gewissermaßen geordneter wurde , so erfüllte es mich andererseits mit einem schwer zu beschreibenden Entsetzen , zu gewahren , wie sie von Stunde an dahinsiechte und ihr Geist sich fast ausschließlich mit dem vermeintlich trostlosen Zustande ihrer verstorbenen Eltern beschäftigte . « » Betrachtete sie doch zuletzt jeden irdischen Ge danken , ja sogar die Erinnerung an Dich , ihren verlobten Bräutigam , als eine schwere Sünde , wie sie heute noch damit umgeht , mich , einen alten , bald siebenzigjährigen Kriegsknecht , der allein seligmachenden Kirche in die Arme zu führen , was , wenn es ihr gelänge , meiner guten Lisette allerdings ein ganz ungeheures Vergnügen bereiten würde . Uebrigens , Junge , muß ich Dir gestehen , so wenig ich auch sonst davon halte , die Cocarde zu wechseln , wenn ich meine arme Johanna dadurch wieder zu dem heitern Kinde machen könnte , als welches sie im vorigen Jahre in mein Haus einzog , dann soll mich der Teufel holen , wenn ich nicht zum Katholicismus oder jeder andern beliebigen Religion überträte . « » So stehen also die Sachen ; Du kannst daraus entnehmen , welch schwere Zeit ich hier verlebte . Dich noch einmal wiedergesehen zu haben , gereicht mir zum Trost und zur Beruhigung . Deinen leichtsinnigen Streich vergebe ich Dir , um des Kummers willen , welchen auch Du zu tragen bestimmt bist ; ich verzeihe Dir doppelt gern , weil ich aus Deinem Munde vernommen habe , was mir auch Andere bereits versicherten , daß Du in üble Hände gerathen und gewissermaßen wider Deinen ursprünglichen Willen in den Strudel mit hineingerissen worden bist . Ich beiläge Dich innig und tief , ich beklage Dich , nächst Johanna , am meisten ; aber Du bist ein Mann und wirft Dein Loos männlich zu ertragen wissen , und wohin das Geschick Dich verschlagen mag , und welche Wechselfalle des Lebens Dich treffen , erinnere Dich zuweilen Deines alten Vormundes und daß ich , wenn Dir etwas daran gelegen ist , noch in meiner letzten Stunde Dir meinen Segen , über Länder und Meere fort , zusenden werde . « » So , mein Sohn , ich bin zu Ende ; was ich Dir zu sagen wünschte , das habe ich Dir mitgetheilt ; nun erzähle auch Du mir offen und ehrlich Deine Erlebnisse , und dann wollen wir von einander scheiden , – aber trinke , – trinke einmal , Du siehst so bleich ans , Du dauerst mich , trinke ein halbes Gläschen , mein Kind . « Dem alten Mann zu Liebe führte ich das Glas an die Lippen , aber zu trinken vermochte ich nicht . Ich vergegenwärtigte mir Johanna , die , mir wenig Schritte von mir entfernt , vielleicht vergeblich den Schlummer herbeisehnte . Nachdem ich sodann einen Blick auf Anton geworfen , der sich in der Nähe des mäßig geheizten Ofens niedergekauert hatte und eingeschlafen war , begann ich meinen Bericht . Ich schilderte nicht nur meinen Aufenthalt in Frankfurt , meine Flucht und meine Reise von dorther bis zur Oberförsterei , sondern auch Alles , was nur im Entferntesten in Beziehung zu Johanna oder mir gebracht werden konnte . Ich erwähnte unseres Zusammentreffens mit Bernhard bei dem Gesundbrunnen und der daselbst gewechselten Worte ; dann Bernhard ' s ersten Besuchs bei mir und seiner Beredsamkeit , die damals mein ganzes Innerstes in wilde enthusiastische Flammen setzte . Ebenso gedachte ich Fräulein Brüsselbach ' s und ihrer Warnung , die sie auf dem Berge bei Rolandseck an mich ergehen ließ , woraus ich den Schluß zog , daß kurz vor mir Bernhard mit dem vorgeblichen Onkel an derselben Stelle gewesen und vielleicht von der Irrsinnigen belauscht worden sei . Des wilden Andres feindliche Gefühle gegen mich , und die Beweise dafür beschrieb ich , wie sie es verdienten , und vor allen Dingen vergaß ich nicht , die verdächtige Freundschaft zwischen Bernhard und Anton ' s Bruder hervorzuheben und die Unterredung zwischen denselben , welche ich am vorhergehenden Abend theilweise erlauscht hatte , zu wiederholen . Ueberhaupt ging ich mit größter Ueberlegung zu Werke , und wo es mir irgend von Wichtigkeit erschien , berichtete ich so ausführlich wie möglich . Ich hegte dabei die Absicht , meinem Vormunde , ohne offen als Kläger gegen Bernhard aufzutreten , ein so klares Bild von dem gegen uns gesponnenen Verrath zu verschaffen , wie es mir selbst vorschwebte . Und es gelang mir ; ich durfte es wenigstens aus den grimmigen Blicken entnehmen , mit denen er bald mich , bald Anton , bald die unangerührten vollen Gläser vor uns auf dem Tisch anstarrte , und aus der rücksichtslosen Heftigkeit , mit welcher er abwechselnd seine Augenklappe verschob und seinen ehrwürdigen Schnurrbart drehte , Heine Bewegung hier mit einem tiefen schmerzlichen Seufzer , dort mit einem langen rollenden Fluch begleitend . Und als ich dann geendigt , da richtete er sein unter der buschigen Braue fast verschwindendes Auge auf mich , als ob er mich mit demselben habe durchbohren wollen . » Junge , merkst Du , was aus der ganzen Geschichte hervorgeht ? « fragte er und zugleich legte er seine zitternde Hand auf meinen Arm , » wenn Du ' s nicht merkst , so will ich Dir ' s sagen , obwohl Du , als Gelehrter und obenein als Jurist , es längst errathen haben müßtest . Die Sünden der Eltern sind an meiner armen Johanna heimgesucht worden , und zwar auf Anstiften desjenigen , der einst von meinem seligen Bruder die wohlverdiente körperliche Züchtigung erhielt . Ja , mein Sohn , der Gefährte Bernhard ' s ist Niemand anders , als jener verfluchte Pfaffe , der einst das Familienglück meines Bruders grausam zerstörte , um , wie sich die Leute ausdrücken , die Seele des Kindes dem Teufel zu entreißen ! Nur er , der jene unglücklichen Verhältnisse , nächst mir , am genausten kannte , war im Stande , vor Johanna die traurige Vergangenheit zu enthüllen oder durch den Herrn Bernhard enthüllen zu lassen und ihr Gemüth durch die frevelhafte Vorspiegelung : daß nur die katholische Religion ihr Gelegenheit biete , ihre Eltern aus dem Fegefeuer zu retten , unheilbar zu zerrütten ! Hahaha ! ein schöner Sendbote Gottes ! Wie er und seine Helfershelfer den Charakter des armen Kindes studirt haben müssen , um einen so sichern und unfehlbaren Streich nach demselben zu führen ! Und wie schlau haben sie es verstanden , Dich aus dem Wege zu räumen ! Ha , sie fürchteten sich vor Dir , vor mir nicht , denn sie wußten , daß ich meiner guten Lisette gern zu Gefallen lebe und lieber ein Auge zudrücke , als mich in religiöse Scharmützel einlasse . Hahaha ! sehr schlau , sehr überlegt haben sie es angefangen , und das Ziel , welches sie im Auge hatten , es ist erreicht , glanzvoll erreicht ! Und doch , was ist es im Grunde , was sie zu so beträchtlichen Opfern an Zeit und Geld veranlaßte ? Was ist es , Junge , frage ich Dich ? « rief der Oberstlieutenant auf dem Gipfel seiner Wuth aus , indem er mich heftig schüttelte ; » der Wunsch , sich an den Verstorbenen in ihren Nachkommen zu rächen , ist es nicht allein , « beantwortete er schnell seine eigene Frage , » nein , nicht allein die Rache , sondern ihr fluchwürdiger fanatischer Eifer , durch solche schlagende Beispiele aus das verdummte Volk einzuwirken ! Hahaha ! ich höre sie schon , wie sie hingehen und mit triumphirender Miene verkünden , daß es ihnen , mit Hülfe eines ganzen Armeekorps von Heiligen und nach schweren Kämpfen mit dem Satan , endlich gelungen ist , diesem ein Opfer , welches er schon sicher in seinen mörderischen Krallen zu halten meinte , zu entwinden ! Als ob Johanna , das unschuldige , sanfte Wesen überhaupt schon eine Sünde begangen hätte ! Aber achte nur darauf , sie werden dem Volke beweisen , daß die Krankheit meiner Nichte ein Werk des Teufels gewesen , weil ihre Eltern sie nicht haben katholisch taufen lassen ! O , Fluch , tausendfacher Fluch über diejenigen schwarzröckigen Schurken , gleichviel , welcher Confession sie angehören , die sich mit scheinheiliger Miene in das engere Familienleben einschleichen , um das irdische Glück in demselben zu tödten , und die sich anmaßen , nach Willkür über das Wohl und Wehe , den Glauben und die ganze Zukunft der einzelnen Mitglieder ihre Bestimmungen treffen zu dürfen ! « Bei diesen Worten sprang der erbitterte alte Krieger so geräuschvoll empor , daß Anton erwachte , worauf er mit langen festen Schritten in der Stube auf und abzugehen begann . So hatte ich ihn noch nie gesehen ; sein Auge glühte unheimlich , seine Brust hob und senkte sich unter den übereinandergeschlagenen Armen , als ob er von Krämpfen befallen sei , während sein sonst farbloses Gesicht sich hoch röthete . Nachdem er das Gemach einige Male durchmessen , blieb er plötzlich vor mir stehen . » Den Andres schieße ich todt , so wie er sich in dem Forst betreffen läßt , « sagte er mit einer Ruhe , welche nichts Gutes zu verkünden schien , und dann setzte er seinen Gang wieder fort , ohne zu beachten , daß Anton , von Todesangst ergriffen , zuerst ihm und dann mir einen flehenden Blick zusandte . » Und die Pfaffen Hetze ich bei ihrem nächsten Besuch mit den Hunden vom Hofe , « fuhr er fort , abermals vor mir stehen bleibend . » Aber Johanna , die sich so sehr an Bernhard ' s Besuche gewöhnt hat , würde sein plötzliches Fortbleiben keine nachtheiligen Folgen für sie haben können ? « fragte ich besorgt . » Das ist Alles wahr genug , « entgegnete der Oberstlieutenant , » aber wie soll ich es machen , um das Gesindel los zu werden ? « » Wenn man Johanna vielleicht Ersatz böte ? « » Ersatz ist leicht gesagt , mein Sohn , aber wo gäbe es Ersatz für sie , die von irdischen Dingen nichts mehr hören oder sehen will ? « » Man hat doch vielfach erlebt , daß ein Gemüth , welches durch eine heftige Aufregung gebrochen und verwirrt wurde , durch eine ähnliche , aber aus entgegengesetzten Ursachen entspringende Bewegung Heilung fand ; was meinen Sie , wenn ich urplötzlich vor Johanna hinträte ? Vergessen hat sie mich nicht , dafür sind mir gestern Abend die schlagendsten Beweise geworden , und es ist fast mit Sicherheit vorauszusehen , daß mein Erscheinen nicht ohne entscheidenden Einfluß auf ihren Geist bleiben wird . « » Zu spät , mein Sohn , zu spät , « antwortete mein Vormund schmerzlich bewegt , denn es war ihm nicht entgangen , daß , während ich ruhig sprach , der namenloseste Schmerz meine Brust zerriß ; » sei auf das Schlimmste gefaßt , mein Kind , Johanna ' s Leben zählt nur noch nach Tagen , obwohl ich zugebe , daß Dein plötzliches Erscheinen ihren Geist möglicher Weise beruhigen kann . Und dann denke auch an Dich ; Feinde von Dir lauern ringsum , jede weitere Stunde Deines Verweilens in dieser Gegend , vergrößert die Gefahr , welche Dir droht . « » Erreichte ich auch weiter nichts , als daß Johanna ihre letzten Lebenstage in stillem Frieden verbrächte und nicht mehr heimgesucht von den sie marternden Priestern – weiter nichts , als daß sich noch einmal ihr liebevolles Lächeln , zum Andenken für ' s ganze Leben , in meine Seele eingrübe , ich wollte diesen Erfolg ja so gern , so unbeschreiblich gern mit meiner Freiheit bezahlen . Was bleibt mir noch , wenn Johanna von uns scheidet ? was bleibt mir , das meinem Leben auch nur noch den geringsten Reiz zu verleihen vermöchte ? « Wiederum durchmaß mein Vormund das Gemach mit festen Schritten , worauf er sich nach einer Weile mir wieder zuwendete . » Gustav , Du kannst recht haben , « hob er an , » für Dich , für mich , für uns Alle wäre es eine Wohlthat , für Johanna selbst aber am meisten , erfreute sie sich vor ihrem Eure noch einiger lichten Tage . Sie soll Dich sehen , aber ich muß mir die Sache überlegen ; es muß so geschehen , daß nicht , während Du Dich bei dem armen Kinde befindest , die Pfaffen hingegen und Dich verrathen . Laß mich daher allein ; kehre in Dein Versteck zurück , wo Du am sichersten aufgehoben bist , und sende jeden Abend , sobald es dunkel geworden , den Anton zum Rapport . Nimm Dir auch noch diese Decken mit , denn die Nächte sind kalt , und dann dies Körbchen mit Wein und Speisen , ich habe Alles eigenhändig ans Speisekammer und Küche stehlen missen , um nicht mit Fragen belästigt zu werden . Nun gehe mein Kind , hoffe das Beste und sei vorsichtig . Deine Gefangennahme wäre ein Nagel mehr zu meinem Sarge , also auf Wiedersehen . « So sprechend , begleitete er mich bis an die Hausthür ; zu antworten vermochte ich nicht , nur die Hand drückte ich meinem alten theuern Wohlthäter , er aber wußte , was ich damit sagen wollte . Wir waren schon längst vom Hofe herunter und dicht vor der ersten Biegung der Landstraße angekommen , da erkannte ich , rückwärts schauend , in der geöffneten Thür vor dem schwachen Lichtschimmer , der aus der Stube auf die Hausflur fiel , noch immer die hohe regungslose Gestalt meines Vormundes . 16. Capitel . Das Wiedersehen Sechzehntes Capitel . Das Wiedersehen . Am zweiten Abend nach meiner Zusammenkunft mit dem Oberstlieutenant brachte Anton mir die Nachricht , daß derselbe mich in kürzester Frist erwarte . Die entscheidende Stunde war also da ; ich sollte Johanna sehen und sprechen , um zugleich auf ewig Abschied von ihr zu nehmen . Obgleich ich für meine Person aus das Wiedersehen vorbereitet war , obgleich eine schmerzliche Freude mich erfüllte , noch ein Mal Johanna ' s süße Stimme hören , noch ein Mal ihr für ihre unerschütterliche Liebe und Treue danken zu dürfen , schwebte ich doch in einer angstvollen Spannung , wie derjenige sie wohl empfinden mag , der auf seinem letzten Gange der nächsten Zukunft gedenkt ? » Wie wild das enden ? Wird sie mich wiedererkennen ? « fragte ich mich mit innerem Beben , und als Antwort darauf fühlte ich nur ein stärkeres , ängstlicheres Klopfen meines Heizens . Erst als ich mich wieder bei meinem Vormunde in der Stube befand und die ernste , feierliche Entschlossenheit in seinen Zügen gewahrte , gewann ich neue Fassung und die überlegende Ruhe , welche zu dem gewagten Schritt unumgänglich nothwendig war . Keines Wortes mächtig reichte ich dem Oberstlieutenant die Hand . » Es hat sich eher gemacht , wie ich glaubte , « sagte er , wie ein Vater mich umarmend ; » Dein Versteck muß gut sein , denn selbst der argwöhnische Andres glaubt Dich fern , oder er würde die ihm von den Pfaffen gebotene Wachsamkeit nicht eingestellt haben . Ja , es hat sich schnell genug gemacht . Meine Lisette ist eben zur Abendmesse gefahren , das Hausgesinde habe ich ihr nachgeschickt , und außer mir befindet sich nur noch Johanna ' s Wärterin im Hause . Niemand ahnt unser Vorhaben , die beiden Priester sind in gewohnter Weise hier gewesen und sogar von mir im Vorbeigehen begrüßt worden , und wenn ich nicht irre , gedenken sie nach der Messe noch einmal hier vorzusprechen . Sie sind nicht blind dafür , daß meiner armen guten Johanna Auflösung in jeder Stunde erfolgen kann . Nun , nun , fasse Dich mein Junge , sei ein Mann , « fügte er mit bebender Stimme hinzu , als er gewahrte , daß ich erbleichte , » Du mußt Dich in ' s Unvermeidliche fügen , und dann bedenke , die Pfaffen haben , so Gott will , mein Haus zum letzten Mal betreten . « Sobald er dann Anton angewiesen , wieder seinen alten Platz am Ofen einzunehmen , mir aber behilflich gewesen war , mein Aussehen durch einige von mir auf der Oberförsterei zurückgelassene Kleidungsstücke meiner früheren Erscheinung möglichst ähnlich zu machen , begab er sich in Johanna ' s Gemach , um die Wärterin zu entfernen . Nach einigen Minuten kehrte er zurück , und mich am Arm ergreifend , zog er mich schweigend mit sich fort . Nachdem wir die beiden anstoßenden Gemäßer durchschritten hatten , gelangten wir auf einen schmalen , nach der Küche führenden Gang , den eine kleine Lampe matt erhellte . » Hier ist sie , « sagte der Oberstlieutenant , auf eine geschlossene Thür weisend , » warte , bis ich Dich rufe , und fasse allen Muth zusammen , der Dir zu Gebote steht , Du wirst ihn gebrauchen . « Gleich darauf trat er ein , die Thür nur anlehnend , so daß ich jedes in dem Gemach gewechselte Wort deutlich verstehen konnte . – » Bringst Du mir den versprochenen Trost ? « fragte Johanna ihren näher tretenden Onkel mit matter Stimme . » Er wartet vor der Thür auf Dich , « entgegnete der Oberstlieutenant , » ich wollte Dich nur fragen , meine liebe Tochter , ob Du sonst noch Wünsche hat , damit ich Euch nachher nicht zu stören brauche . « » Onkel , theuerster Onkel , wenn Du doch den göttlichen Lehren Dein Ohr nicht verschließen wolltest , « versetzte Johanna unbeschreiblich traurig , » hast Du nur einmal mit mir vereinigt gebetet , so wird Dein Herz sich erweichen . Du wirst Deine Irrthümer einsehen – « » Schon gut , schon gut mein Kind , ich will mit Dir beten , « unterbrach sie der Oberstlieutenant , » mit Dir und mit dem , der vor der Thür auf die Erlaubniß zum Eintreten harrt , will ich gern beten . « » O , Gott , wie gut Du bist , « rief Johanna inbrünstig aus , » Du hast es mir vergönnt , meinen theuren Onkel bekehren zu dürfen ; o , lasse doch auch Deine Güte und , Gnade über meinen armen verlassenen Gustav walten ! « » Auch Dein Gustav soll mit Dir beten , « versetzte der Oberstlieutenant tief ergriffen . » Gustav Wandel ? mein armer verlassener Gustav ? « fragte Johanna , und ihr Athem schien zu stocken . Der Oberstlieutenant antwortete nicht mehr , er war bereits aus der Thür getreten , und im nächsten Augenblick kniete ich vor Johanna , von meinen Gefühlen überwältigt mein Gesicht auf ihren Knieen verbergend . – Todtenstille umgab uns ; ich wagte nicht , aufzuschauen , weil ich das Schrecklichste befürchtete . Da fiel etwas neben mir auf die Erde , es war das Crucifix , und gleichzeitig fühlte ich , daß zwei zarte Hände schmeichelnd , wie sie so oft gethan , sich auf mein Haupt legten . » Armer , armer Gustav , sogar Deine schönen Locken haben sie Dir geraubt , « hauchte sie über mich hin , indem sie sich mühsam zu mir niederneigte und einen Kuß auf meine Stirne drückte . O , es war ein Augenblick , so unendlich süß , und auch doch wieder so namenlos bitter , daß ich glaubte , vor Schmerz und Wehmuth vergehen zu müssen . Zögernd schaute ich endlich empor ; Johanna blickte mir in die Augen , worauf sie ihre Hände zurückzog und mit denselben , wie um eine Vision zu verscheuchen , nach beiden Seiten über ihre fast durchsichtigen , blaugeaderten Schläfen strich . » Gustav , bist Du es wirklich ? « rief sie dann laut aus , » bist Du es wirklich , Du mein einziger , mein eigener Gustav ? « » Johanna , ich bin gekommen , um mit Dir zu leben und zu sterben ! « sagte ich leise , noch immer knieend und meine Arme um ihre hinfällige Gestalt schlingend . Da entstürzten Thränen ihren milden blauen Augen , ihre Arme legten sich um meine Schultern , und ihr Haupt sanft auf das meinige stützend , schluchzte sie heftig . » Gustav , Du beiß und ewig Geliebter , « flüsterte sie mit tiefinnigem Ausdruck , » ach , wie habe ich gelitten ; nun aber ist Alles gut ; ich bin krank gewesen , ich bin es noch , aber tröste Dich mein guter Gustav , ich werde genesen und Du wirst nicht wieder von mir gehen , oder ich begleite Dich bis an der Welt Ende . O , Welch schreckliche Dinge haben sie mir erzählt , oder habe ich es geträumt ? Ja , geträumt , – so gräßlich , – daß es alle Beschreibung übersteigt . Ich sah Männer mit schwarzen Augen und entsetzlichen Blicken , Du weißt ja , den Herrn Bernhard am Gesundbrunnen ; und sie hatten eine eiserne Kette um meine Brust gelegt , und wenn sie sprachen , dann zog sich die Kette , mir namenlose Schmerzen bereitend , immer enger zusammen . Auch von Dir habe ich geträumt , von Dir , meinem Gustav ; ich wußte , wo Du warst , wußte , daß Du Deine arme Johanna noch immer treu und aufrichtig liebtest , aber ich fürchtete mich , von Dir zu sprechen , mir war , als ob bei der Erwähnung Deines Namens , die sengenden Augen mich ins Herz getroffen hätten . Doch ich bin kindisch , ich vergesse , daß Alles nur ein Traum , ein krankhafter Zustand gewesen , « fügte sie unter Thränen lächelnd hinzu . » Johanna , meine arme Johanna , schone Dich , « stotterte ich in meiner Besorgniß , ohne eigentlich zu wissen , was ich sagte , denn der Tod hatte den holden bleichen Zügen und den eingefallenen zarten Wangen sein Zeichen so deutlich aufgedrückt , daß mich bei ihrem Anblick eine schwer zu bemeisternde wilde Verzweiflung ergriff . » Ich mich schonen , Geliebter ? « fragte sie lächelnd , » jetzt brauche ich mich nicht mehr zu schonen . Bis vor wenigen Minuten noch wurde mir das Athmen schwer , aber jetzt , höre doch , wie laut und kräftig ich spreche , meine Brust ist frei , mit Wollust trinke ich die Luft ein , der Bann , der meine Brust so schmerzhaft einzwängte , ist gebrochen und ich werde mich bald , sehr bald wieder erholen . – Lieber , lieber Gustav , Du bist wein bester Arzt gewesen , ich fühle es , denn seit Deinem Eintritt befinde ich mich so Wohl , ach so wohl . O