, wie es der Fülle von Poesie in meinem Herzen gelang , selbst das zu verklären , zu verschönen , was an sich so prosaisch ist . Das ist es ja , was er unter wahrer Weiblichkeit versteht , die Fähigkeit , auch das Alltägliche poetisch aufzufassen und zu gestalten . Ich werde also ein Kochbuch in Versen und mit Illustrationen herausgeben und das Werk ‚ Die deutsche Frau am häuslichen Herde ‘ nennen . Denkt nur , welch ’ reizende Initialen und Arabesken da anzubringen sind ! Ich werde zeigen , daß man ein Büschel Petersilie ebenso anmutig arrangieren kann , wie Rosen oder Veilchen . Ist solch eine grüne frische Randverzierung nicht immer hübsch anzusehen , sei es Epheu oder Petersilie , Myrte oder Sauer ­ ampfer ! und wenn eine wärmere Farbe darin fehlt , — so lasse ich ein paar rosige Radieschen verstohlen zwischen den Blättern durchschimmern und habe ein so reizen ­ des Frühlingsbild geschaffen , wie nur irgend eine unserer berühmten Malerinnen . Ist denn ein Küchen ­ gewächs nicht auch ein Gewächs Gottes ? Nicht auch schön wie Alles , was er schuf ? Und welche Abwechs ­ lung läßt sich in diesem Werke anbringen . Zum Bei ­ spiel das Kapitel der Zubereitung von Seefischen werde ich mit einem eigenen Titelblatte eröffnen in der Art , wie die Kupfertafeln in Schleidens , Wunder des Meeres ‘ .40 Unter einer klaren Wasserfläche spielen in buntem Gemisch alle die Fische , von denen das Kapitel spricht . Korallenriffe winden sich zwischen durch und von der untergehenden Sonne rosig angehaucht wiegen sich Wasserlilien auf ein ruhigen Meeresspiegel ! — Jeder Abschnitt wird ein derartiges Titelbild bekom ­ men , welches das zuzubereitende Tier lebendig und in seinem Elemente zeigt , das Wild im Walde vor der jagenden Meute fliehend , die Taube mit dem Ölzweig über der Arche schwebend , das zahme Geflügel im niederländischen Genre in seinem heimischen Hühnerhofe . Obst und Gemüse muß als Stillleben arabeskenhaft behandelt und zu Randverzierungen der einzelnen Rezepte verwendet werden . Zum Schluß ein Bild , wo die Familie fröhlich um den gedeckten Tisch versammelt ist . Oben drüber in gotischen Buchstaben der schöne Spruch : , Komm Herr Jesus , sei unser Gast ! ‘ Jesus ist auch dieser Einladung gefolgt und sitzt in Strahlenglorie oben am Tisch , umgeben von den Kindern des Hauses . Ihm gegen ­ über das glückliche Ehepaar , sich gegenseitig die Bissen in den Mund steckend . Engel kredenzen ihnen die Speisen , die Engel der Eintracht , des Friedens und der Genügsamkeit . Die Gattin sitzt mit dem Rücken gegen den Beschauer , der Gatte jedoch — und das ist die Hauptpointe — der Gatte wird ein Portrait ! “ 41 Sie hielt inne , hingerissen von der Schi ­ lderung ihrer poetischen Schöpfung und der Aussicht auf den großen Erfolg , der dem Werke nicht fehlen konnte . „ Nun , wen soll denn das Portrait vorstellen , wohl mich ? “ fragte Herbert spöttisch . „ Dich ? O nein ! Schelm — errätst Du ’ s nicht ? Ach Gott , sieh mich nicht so scharf an , — Du weißt ja doch , wen ich meine ! “ „ Möllner ? “ sagte der Bruder . „ Nun freilich . Gott , wenn ich mir das Lächeln denke , das um den stolzen , schwellenden Mund spie ­ len wird , wenn er sein Portrait von meiner Hand gezeichnet sieht , wenn er sieht , wie überall , in Allem , was ich denke und schaffe , sein Bild mir gegenwärtig ist ! O es wird , es muß ihn rühren ! “ „ Ja , es wird ihn ungemein rühren “ , bemerkte Herbert , „ und es wird eine reizende Szene geben , wenn er das Werk seiner Geliebten , der Hartwich , zum Geschenk bringt , damit sie das Kochen daraus lernt ! Vergiß nur nicht , ein Rezept zu Froschkeulen beizu ­ fügen , damit sie ihm immer die Frösche braten kann , die sie mit einander bei ihren physiologischen Versu ­ chen gebrauchen . “ „ O Edmund “ , klagte Elsa etwas erschrocken und enttäuscht , „ es fließt heute wieder wie Wermut von Deinen Lippen . Geh ’ , diese ätzende Schärfe zerstört alle Blüten meiner Phantasie . Deshalb vermeide ich Dich immer , wenn ich eine Arbeit beginnen will . Was hast Du nur für Freude daran , mich aus mei ­ nen Himmeln zu reißen ? Ist das recht ? Laß eine Seele ihre Heimat suchen , die nicht auf dieser Erde heimisch ist ! “ Und sie schlug die Äuglein zur Decke auf und legte die runzlige Hand auf ihr flaches Brüstchen : „ Ich bin eine kleine , bescheidene Seele ! Meine Hoffnung , mein kindliches Vertrauen ist mein ganzer Reichtum , bitte , bitte , süß ’ Brüderchen , laß ihn mir , so lange kein Anderer ihn mir raubt . “ „ Aber Du wirst Dich doch endlich überzeugen müssen , daß Du mit Deinen Hoffnungen geprellt bist , und deshalb will ich Dich wenigstens warnen , damit Du nicht durch vorzeitige Kundgebungen Deiner Ge ­ fühle Dich und mich mit Dir lächerlich machst . Ich weiß aus bester Quelle , daß Möllner draußen in Hochstetten war , um die Hartwich zu besuchen , und daß er zwei Stunden bei ihr blieb . Reime das mit sei ­ nem Enthusiasmus in der Sitzung zusammen und mach ’ Dir einen Vers daraus . “ Elsa schlug die Augen nieder und dachte ein Weilchen nach , dann aber atmete sie tief auf und schüttelte die wallende Mähne : „ Nein , es ist nicht , es kann nicht sein ! Dieses Mannweib gewinnt vielleicht das Interesse , aber nimmer das Herz unseres Freun ­ des . Nein , nein , Elsa fürchtet nicht , daß Lohengrin sich zur Ortrud verirre.42 Und nun an die Arbeit , daß bald der Tag komme , wo er fragen wird : , Elsa , wessen Antlitz trägt denn die Gattin , die auf dem Bilde neben mir am Tische sitzt ? ‘ Dann werde ich den Kopf zur Seite wenden und sagen : , Das müs ­ sen Sie wissen ! ‘ — Brüderchen , Schwesterchen , o , er wird meinen Kopf zu sich umwenden und sprechen : , So soll sie aussehen ! ’ 43 Laßt mich — laßt mich — es wogt mir wie Frühlingsatem aus meinem Zimmer entgegen . Ja , ja , ich fühle es , die Musen erwarten mich dort ! “ Mit diesen Wor ­ ten flog , flatterte , rauschte sie in ihr Atelier . Frau Herbert sah ihr mit einem traurigen , fast mitleidigen Blick nach : „ Nun sage mir nur Edmund , kannst Du wirklich einen Moment lang geglaubt haben , ein Mann wie Möllner werde dies Mädchen heiraten ? “ „ Warum nicht , es ist schon manche ungleichere Partie gemacht worden , — es kommt nur darauf an , daß man es richtig einzufädeln versteht . Hätte die arme Elsa eine so geschickte Mutter , wie die Deine war , so läge die Sache nicht außer dem Bereiche der Möglichkeit . Allein das arme Ding hat Niemanden als mich , der ihr beisteht , und wir Männer sind im Kuppeln ungeschickter , als die dümmste Frau ! “ Frau Herbert hatte bei dem Ausfall auf ihre Mutter und sie selbst schmerzlich vor sich hingeblickt , sie fand es unter ihrer Würde , auf eine so niedrige Bosheit zu antworten . Sie sagte nur ganz gelassen : „ Es freut mich , Edmund , daß es doch ein Geschöpf in der Welt gibt , für welches Du Nachsicht , ja so ­ gar ein blindes Wohlwollen hast . Nun , sie ist Deine Schwester ! Ich habe das arme Wesen gewiß auch lieb , aber ich glaube nicht , daß es irgend einer List gelingen werde , in Möllner eine Neigung für sie zu erwecken ! “ „ Du hast sie von jeher mit gehässigen Augen betrachtet “ , fuhr Herbert auf , „ man sollte meinen , sie sei ein Monstrum . Sie ist nicht mehr ganz jung , aber sie hat doch etwas sehr Jugendliches . Sie ist kein großes Talent , aber eine echte Künstlernatur . Sie ist nicht hübsch , aber gerade ein Schwärmer , wie Möllner , sieht mehr auf innere als auf äußere Vor ­ züge und ihre wahrhaft schöne Seele kann ihm nicht verborgen geblieben sein . Ist es nicht auffallend , wie er sie in Gesellschaft auszeichnet ? Führt er sie nicht immer zu Tisch , wenn sie keinen Herrn hat , was meistens der Fall ist ? Wenn sie Alle meiden , setzt sich nicht Möllner zu ihr ? Das tut ein so gewissenhafter Pedant wie Möllner nicht ohne Absicht , und hätte sie keinen anderen Reiz für ihn , als ihre so naiv zur Schau getragene Bewunderung , so wäre das schon ein Band , ihn zu fesseln , denn er ist eitel wie jeder Mensch und muß daher an einer so fana ­ tischen Vergötterung Gefallen finden ! Wäre diese verwünschte Hartwich nicht dazwischen getreten , wer weiß , wie weit wir es mit ihm gebracht hätten ! Aber sie soll es mir büßen , das sei ihr hiermit gelobt ! “ „ Du wirfst Deinen Groll wieder auf eine ganz Unschuldige . Was kann denn dies fremde Mädchen dafür , daß Möllner sich für ihre geniale Kraft mehr interessiert , als für den sentimentalen Dilettantismus , dies ewige Wollen und Nichtkönnen unserer Elsa ? Ich habe von jeher seine Freundlichkeiten für diese nur als eine Handlung der Menschlichkeit aufgefaßt . Sie ist eine lächerliche Persönlichkeit in der Gesell ­ schaft , das weißt Du wohl , — ein Mann von Möllners gutmütigem und ritterlichem Charakter duldet es nicht , daß man ein unschuldiges , harmloses Mäd ­ chen verhöhne , — deshalb warf er sich zu ihrem Be ­ schützer auf und suchte , großmütig , wie er ist , die Lieblosigkeit der Anderen bei ihr wieder gut zu machen . Auch ahnt er sicher nicht , daß Elsas Eitelkeit noch so hochstrebende Plane an diesen Akt des Mitleids knüpft , sonst würde er sich nie verzeihen — “ „ Genug , genug ! “ unterbrach sie Herbert wütend . „ Wie Du nur mit Deinem Gesichtsschmerz so viel reden kannst ! Ich begreife , daß Dir Elsa zuwider ist , weil ich sie gebildet habe , aber ich begreife nicht , wie Du Dich auf Deinem Sorgenstuhle in diesen Möllner verlieben konntest ! — Wahrlich , hoffte ich nicht , diese Schwester bei ihm anzubringen , ich hätte dem hochmütigen , eingebildeten Burschen längst die Zähne gezeigt , denn ich hasse ihn eben so sehr , als ihr Weiber , alte und junge , ihn vergöttert ! “ Frau Herbert streifte den zischenden , schäumen ­ den Sprecher nur mit einem ruhigen , überlegenen Blick — das Wort , das ihr auf der Zunge schwebte , schluckte sie hinunter , denn sie besaß ja die bei Frauen so seltene Kunst , zu rechter Zeit zu schweigen , und so nahm sie stumm ihre Arbeit wieder zur Hand . — Einige Minuten wartete Herbert auf eine Ant ­ wort , die ihm Gelegenheit gäbe , seinen Grimm noch weiter auszulassen , als jedoch keine erfolgte , wandte er sich seinem Arbeitszimmer zu . Da klopfte es an die Tür und herein trat der Postbote mit einem dicken , viereckigen Packet in der Hand . Herbert erblaßte bei diesem Anblick , auch seine Frau sah kummervoll danach hin . „ Dein Manuskript ? “ frug sie . „ Mein Manuskript ! “ sprach er und schrieb mit zitternder Hand seinen Namen in das Postbuch . „ Kostet einen Gulden vier und zwanzig Kreuzer “ , sagte der Briefträger trocken . „ Auch noch ? “ knirschte Herbert und zählte das Geld mühsam in Groschen und Kreuzern zusammen . Als der Mann das Zimmer verlassen , schnitt Herbert hastig die Schnüre auf und ein Briefchen kam zum Vorschein , welches er schnell überflog und wie zerschmettert seiner Gattin reichte . Der Brief trug den Stempel : „ Direktion des Hoftheaters zu X. “ und lautete : An Herrn Professor Herbert in N ..... Mit größtem Bedauern muß ich Ew . Wohlgeboren Ihr Trauerspiel „ Penthesilea “ zurücksenden , indem dasselbe zu große szenische Schwierigkeiten bietet , um auf der Bühne dargestellt werden zu können.44 Der von Ew . Wohlgeboren mir anempfohle ­ nen Verschwiegenheit dürfen Sie versichert sein . Hochachtungsvoll ! W ..... Frau Herbert blickte schwer seufzend den Gatten an , der bleich und zitternd neben ihr stand . „ Das war nun noch die letzte Hoffnung ! “ sprach er und zerknitterte den Brief . „ Allen anderen In ­ tendanten und Direktoren vergab ich es , daß sie mir das Stück zurückschickten , — denn sie Alle sind nicht fähig , den Wert eines solchen Werkes zu begreifen . Von einem Menschen wie W ..... aber kann man Verständnis für wahre Kunst fordern , weigert er mir die Aufführung , so ist es Neid . Aber er soll sich mit diesen Zeilen das Todesurteil geschrieben haben ! “ Er hob wie zum Schwur das zerdrückte Blatt in die Höhe : „ Jetzt erkläre ich dem deutschen Bühnenwesen und seinen Lenkern den Krieg . Wer nichts zu hoffen hat , hat nichts zu fürchten . Ich habe sechs Tragö ­ dien für den Papierkorb geschaffen , — ich schreibe nun keine mehr ; ich schreibe nun nur noch Kritiken und kann mir endlich den Genuß der Rache gönnen ! Die Kritik ist die allliebende Mutter , die jedem Mißvergnügten , Verkannten ein Feld für seine Fähigkeit eröffnet . In ihre Arme werfe ich mich von nun an . Unser Publikum ist entartet ; ich gebe es auf , für eine Masse zu dichten , die scharenweis der Posse zuströmt , bei den faden Späßen eines modernen Lustspielhelden jubelt und in einem , von Weiber ­ hand gekneteten Rührstück Tränen vergießt . In dieser Zeit wären Shakespeares , Schillers und Goethes Werke als „ Kathederpoesie “ verworfen worden , hätten nicht vergangene Dezennien ihnen den Stem ­ pel der Klassizität aufgedrückt ! Diese verkommene Ge ­ neration muß wieder herangebildet werden durch die Presse . — Sie sprechen ihr Hohn und klimpern mit ihren vollen Taschen , diese Kassenhelden , die das Pu ­ blikum demoralisieren , aber ich will sie geißeln , daß sie mich nur noch den Attila der deutschen Bühne nennen sollen ! “ Er hielt inne , denn der Atem war ihm bei sei ­ ner Philippika ausgegangen , und er begann sein Ma ­ nuskript noch einmal durchzulesen , indem er sich be ­ ruhigend murmelte : „ Das gehört der Zukunft ! “ — 45 Frau Herbert hatte ihn austoben lassen , wie es ihre Art war , endlich aber hielt sie es doch für eine Pflicht der Wahrheit , wenigstens in etwas den Hochmut des gereizten Mannes zu dämpfen . „ Es ist ein trauriges Amt “ , begann sie , „ den literarischen Scharf ­ richter zu machen , ich möchte es nicht verwalten ! Man tut Niemandemetwas Gutes dabei . Man zerstört manch hoffnungsvolles Talent im Keim , ladet den Fluch zahlreicher Seelen auf sich , die ehrlich ran ­ gen und strebten , und die Mühen ihrer Tage und Nächte verloren , die Kinder ihrer Schmerzen mit dem kalten Stahl der Negation gemordet sehen müssen . Auch das Publikum dankt es Dir nicht , wenn Du ihm entwertest , was ihm lieb geworden wäre und es um manchen Genuß armer machst ! Schiller und Goethe haben nie in dieser Weise Kritik geübt , haben gelebt und leben lassen , denn sie waren zu groß , um sich auf Kosten eines Zeitgenossen größer machen zu wollen , und zu gut , um das , was er im Schweiße seines Angesichtes schuf , mutwillig zu zerstören . O Edmund , wie klein ist der , welcher Andere erniedri ­ gen muß , um sich selbst zu erhöhen . “ „ Du predigst wieder ohne Sinn und Verständnis “ , fuhr Herbert die redliche Frau an . „ Schiller und Goethe konnten leicht die Edlen spielen , sie wa ­ ren nicht verkannt , ihnen weigerte ein besseres Ge ­ schlecht die Krone nicht , die ihnen zukam . Wer freierwählter König ist , wäre ein Tor , die Vasallen sei ­ nes Reiches mit Krieg zu überziehen . Mir aber weigert die Nation mein Recht , deshalb muß ich es mir erkämpfen . “ „ Bist Du so sicher dieses Rechtes ? “ frug Frau Herbert mit leiser Stimme , „ bist Du so gewiß , daß Deine Werke denen Schillers und Goethes ebenbür ­ tig sind und die gleichen Erfolge verdienen ? “ Herbert stand wie versteinert über das Verbre ­ chen eines solchen Zweifels : „ Ich glaube , Dein Ge ­ sichtsschmerz hat Dir das Gehirn angegriffen , — und man tut besser , über solche Dinge nicht mehr mit Dir zu sprechen ! “ Frau Herbert bog sich auf ihre Arbeit nieder . Ein leichtes Rot überflog ihr blutleeres Gesicht , aber sie war an solche Ausfälle zu sehr gewöhnt , um et ­ was darauf zu erwidern . Sie hatte ihrem Gefühl nach schon zu viel gesprochen , und als sie in Herberts verstörte Miene sah , ergriff sie das Mitleid . Wie un ­ würdig er es auch trug , — es hatte ihn doch immer ­ hin ein Unglück getroffen und sie wollte es ihm nicht noch schwerer machen . „ Höre Edmund “ , sagte sie nach einer Pause , während welcher Herbert in den Schön ­ heiten seines Manuskriptes Trost suchte und fand , „ entschließe Dich doch , das Stück Deinen Bekannten vorzulesen . Es sind ja so viele geistreiche Leute hier , die auch ehrenhaft genug sind , Dir offen ihre Meinung zu sagen ; da kannst Du dann beobachten , welchen Eindruck das Ganze macht , und vielleicht auf die Urteile der Zuhörer hin etwas verbessern ! “ „ Ich brauche keines Menschen Urteil ! Was mein Stück wert ist , weiß ich selbst . Soll ich mir noch nachsagen lassen , ich bedürfte der Hilfe Anderer bei meinen Arbeiten . Das fehlte nur , daß es noch ruchbar würde , ich schriebe unbrauchbare Dramen . Nein , zu einem Werke , das keinen äußeren Erfolg erzielte , mag ich mich nicht bekennen , ich darf mir weder vor meinen Kollegen , noch vor meinen Schü ­ lern eine solche Blöße geben . “ Die Tür öffnete sich ein wenig und durch die Spalte lächelte eine zweite Spalte , der große Mund Elsas , herein . Als sie aber das düstere Verhängnis auf den Mienen ihres Bruders sah , rückte auch das breite Stumpfnäschen und endlich das ganze holde Wesen nach . Sie trug eine weiße Schürze mit einem Brustlatz , einen Überärmel von Kattun am rechten Arm und in der Hand einen Pinsel , desgleichen einen über dem rechten Ohr . „ Euere Stimmen störten mich in meiner Arbeit . Warum zanktet Ihr Euch schon wieder ? Ihr wißt doch , daß meine Phantasien durch das leiseste Ge ­ räusch wie scheue Koboldchen verjagt sind . “ „ Jetzt ist wohl Zeit , an Deine Allotria zu denken , wenn ein Werk wie meine Penthesilea als „ unausführbar “ zu seinem Dichter zurückkehrt “ , don ­ nerte sie der Bruder an . „ Gott ! “ rief Elsa bestürzt : „ die Penthesilea — auch von W ..... verworfen — o wer hätte das ge ­ dacht ! Ich verehrte diesen Mann so sehr ! — Mein armer Bruder — das ist hart ! Brüderchen , — Edmündchen , sieh nicht so finster drein ! O ich fühle ganz mit Dir . Wem schon so viele Werke zurückge ­ wiesen wurden , wie mir , der kennt diesen Schmerz ! Und was sagt meine arme Ulrike ? Sie ist auch so niedergeschlagen . “ „ O sie brauchst Du nicht zu bedauern “ , bemerkte Herbert bitter , „ sie hat nur Klagen über die Unfä ­ higkeit des Gatten , nicht über sein Unglück . “ Frau Herbert wandte das Gesicht nach dem Fen ­ ster , als habe sie die boshafte Rüge nicht gehört . „ Du mußt ihr das nicht so übel nehmen , Brü ­ derchen . Sie hat ja nie etwas Anderes als Übersetzungen gemacht , — sie weiß nicht , was sich be ­ wegt in eines Dichters Brust . “ Frau Herbert sah Elsa bei diesen geringschätzi ­ gen Worten ernst und ruhig an . „ Und dennoch ge ­ währen uns meine anspruchslosen Übersetzungen für die Unterhaltungsblätter die einzige feste Einnahme , die wir außer Edmunds Gehalt und meinen Zinsen haben . Das kommt daher , weil ich nicht leisten will , was über meine Kräfte geht . Einem bescheidenen Wollen , das mit dem Können gleichen Schritt hält , wird ein kleiner , aber sicherer Erfolg nie fehlen . “ Elsa wendete sich etwas verblüfft über die un ­ verkennbare Anspielung von ihr ab und zu dem Bru ­ der , der höhnisch murmelte : „ Natürlich , das ist der Endreim zu dem vorhin schon angestimmten Liede vom , Wollen und Nichtkönnen ! ‘ “ Elsa warf sich kosend , wie Klärchen vor Egmont , 46 auf einen Schemel zu seinen Füßen nieder , streichelte seine glattrasierten Wangen , nahm ihm das dicke Manuskript aus der Hand und drückte es an ihren Busen : „ Tröste Dich , mein Dichter ! Deine Penthesilea wird dennoch leben ! Hier , hier — in diesem und in Aller Herzen ! Laß sie nur drucken und gib sie als dramatisches Gedicht heraus , — dann findet sie einen Leserkreis unter den Besten Deines Volkes . “ „ Du bist eine gute Schwester “ — sagte Her ­ bert geschmeichelt , „ aber Du weißt , daß ich bisher nicht einmal einen Verleger fand , der genial genug gewesen wäre , es mit meinen Tragödien zu wagen . Und das Werk selbst drucken zu lassen , dazu fehlen mir die Mittel . “ „ Brüderchen — nein , ich kann nicht glauben , daß die Penthesilea keinen Unternehmer fände . Sie ist das Größte , was Du geschrieben . Auch der roheste Mensch muß von dieser Erhabenheit ergriffen werden ! Ich glaube noch eher , daß die gewaltigen Kampfszenen zwischen Trojanern , Amazonen und Griechen auf der Bühne schwer darstellbar sind , namentlich die mit dem Riesenpferde . Aber daß sich Jemand weigern sollte , eine solche Dichtung zu drucken — nein — nimmermehr . Wenn aber auch das Undenkbare geschähe , so verzweifle nicht . Soviel wird mir mein Kochbuch schon tragen , daß ich Dir die Mittel zum Selbstverlag geben kann ! O — welch wunderbare Fügung des Schicksals , wenn es mir vergönnt wäre , durch ein Kochbuch der deutschen Nation die Kenntnis ihres schönsten Werkes zu verschaffen . Die Wege des Genius sind unerforschlich und so wird vielleicht Penthesilea aus dem Schaume des Suppentopfes er ­ stehen , wie einst Aphrodite aus dem Schaume des Meeres . — Nun siehst Du , da lächelst Du ja . Nicht wahr — Dein Schwesterchen weiß immer , wie sie ihr geniales Brüderchen vergnügen kann ? “ „ Du bist ein liebes , poetisches Kind ; wenn ich auch Deine Hoffnungen nicht teile , so tut mir doch Dein Verständnis und Deine Bewunderung wohl , ich danke Dir ! “ Und Edmündchen legte die Hand auf das ihm zärtlich zugeneigte Lockenhaupt seines Schwesterchens . Sechstes Kapitel . Emanzipation des Fleisches . Am Abend dieses verhängnisvollen Tages trat Professor Herbert , bevor er in das Kränzchen ging , in ein prachtvolles Boudoir einer am Ende der Stadt gelegenen Villa . Das ganze Zimmer bildete ein Zelt von rotem golddurchwirkten Damast , dessen ungeheure Falten sich in der Mitte des Plafonds vereinigten und eine Rosette bildeten . An den Wänden rings umher waren niedere türkische Diwans von demselben Stoff . Rote Plüscheteppiche , so weich und lang ­ haarig wie ein üppiger Rasen , bedeckten den Boden . An den Wänden hingen türkische Pfeifen und kostbare Waffen aller Art : Schilder , Schwerter , Pistolen und Dolche . Im Hintergrunde des Zimmers wölbte sich ein besonderes von schlanken Säulchen getragenes Zelt über einem Ruhebett , vor welches ein Löwenfell mit ausgestopftem Kopfe gebreitet war . Neben demselben stand auf dem Boden ein kostbarer Apparat zum Opiumrauchen . Auf einem niederen Tischchen von Bronze und Malachit lag eine Reitgerte mit Diamant ­ knopf . Ein Tabouret neben dem Diwan trug eine chinesische Schale mit Zigarren . Auf einem geschliffenen Marmorsokel erhob sich in der Mitte des Zimmers ein Bronzeguß des Farnesischen Stiers , rechts und links von dem Zelte des Ruhebetts auf den gleichen Piedestalen die Abgüsse der Rossebändiger des Monte Cavallo zu Rom.47 Die reiche Drapierung der Wände wurde durch Armleuchter mit Ampeln von Milchglas gehalten . Der Dampf einer feinen Zigarre durchzog in blauen Ringen das Gemach , das weit eher einem türkischen Pascha als einer Dame angehören konnte und dennoch wurde es von einer Dame bewohnt und ihre Zigarre war es , deren Wolken den so eben ein ­ tretenden Herbert umhüllten . Herbert sah vorerst nur zwei schöne Frauenfüße in perlengestickten russischen Pantoffeln auf dem Rücken des Löwen liegen , die Vorhänge des Zeltes verhüllten ihm noch die Gestalt . Zwei Schritte weiter und da dehnte sich in behaglichster Ruhe auf den schwellenden Kissen vor ihm ein Weib , neben welchem alle andern Werke der Natur zur Pfuscherei wurden , — eines der Weiber , die nur zuweilen erscheinen , um lachend Alles zu verdunkeln , was Menschen bis da ­ hin für schön gehalten hatten . — Herbert stand , wie jedesmal , geblendet und verwirrt vor diesem Bilde . Er hatte den neuen Frack an , hielt einen funkelneuen Zylinder in den Glacés , die ihm seine Frau diesen Morgen geflickt hatte — und doch , was war er mit all dieser Eleganz , was half ihm der neue Frack dieser Frau gegenüber ? Stumm stand er da „ in seines Nichts durchbohrendem Gefühle “ — was konnte er ihr sein und geben ? Sie war das Urweib — sie forderte den Urmann , wie die letzte Riesin in den Nibelungen nur den letzten Riesen lieben mochte . War er in seinem Fracke jener Urmann — jener Sieg ­ fried , der diese Brunhild bezwingen konnte ? 48 Ach , er fühlte es zu wohl , er war nichts — als ein arm ­ seliger Schwächling , dessen einzige Kraft die der Be ­ gierde war . „ Ah , sieh da , unser kleiner Philister “ , sagte gähnend die schöne Brunhild in gebrochenem Deutsch und reichte ihm ihre weiche Hand , mit der sie ihn wie ein Kind neben sich auf den Diwan herabzog . Herbert sank so tief in die üppigen Polster , daß sie fast wie Wogen über ihm zusammenschlugen . Zu seiner steifen Hal ­ tung und Toilette paßte aber dieser Platz auf ebener Erde gar schlecht — er hatte nicht die Geschmeidig ­ keit der reichen Aristokraten , die gewöhnt sind , sich in seidene Kissen zu schmiegen und die Beine von sich zu strecken . Solch ein Sitz taugte nur für den , der sich unbekümmert und behaglich , die Opiumpfeife im Munde , neben der rauchenden Genossin ausdehnen und ge ­ legentlich seinen Kopf zum Schlummern in ihren Schoß legen durfte . — Der arme Herbert gehörte nicht zu diesen Begünstigten des Glückes . Hölzern und ängst ­ lich saß er da , wie eine zusammengeknickte Glieder ­ puppe und seine spitzen Knie ragten trostlos über das Niveau seines Sitzes empor , während sich von der allzustarken Krümmung seine knappen Kleidungsstücke verschoben . Er stellte schüchtern seinen Hut neben sich auf das weit höhere Tabouret und beneidete ihn um den vorteilhafteren Platz . „ Nun , mein gelehrter Herr “ , begann die Dame wieder „ so stumm ? Wo fehlt es denn ? Was drückt Sie , häusliches Elend ? Pardon — ich wollte sagen : eheliches Glück . “ „ Das drückt mich ja immer , meine teure Gräfin ! “ erwiderte Herbert . „ Diesen Staub schüttle ich bei Ihnen von den Flügeln . Es ist heute etwas Anderes , was mich bekümmert — meine Penthesilea — “ Die Gräfin lachte laut auf und blies eine starke Wolke Tabak zur Decke empor . „ Da haben wir ’ s ! — Entweder es ist seine Frau — oder seine Penthesilea , die ihn quält — ich wünsche der Einen wie der An ­ deren sobald als möglich die ewige Ruhe , denn ein unglücklicher Ehemann und ein Trauerspiel passen so wenig in die Atmosphäre dieses Boudoirs , wie der Duft von Eau de Cologne und Kamillentee , diese schauer ­ lichen Attribute eines Krankenzimmers . “ „ Und doch waren Sie es , Gräfin , deren Helden ­ gestalt mich zur poetischen Verherrlichung jener kühnen Amazone des Altertums begeisterte . “ „ Das mag wohl sein , doch — Bester — glauben Sie nur , daß Penthesilea selbst es sicher als eine schwere Strafe betrachtet hätte , ihren Ruhm in einer deutschen Tragödie lesen zu müssen ! Nun , nur nicht gleich wieder verletzt ! Schnell eine Zigarre ! Wollen Sie Feuer haben ? Da , ich will Ihnen mehr geben , als Sie nur brauchen “ , und dabei bog sie sich mutwillig lachend zu ihm hin und zündete mit ihrer Zigarre