gewesen wäre ! Das alte Schloß war so spukhaft still an diesem Abend . Das Dienstmädchen saß vermutlich beim Punsch in der Dienerstube , die im Souterrain lag . Eine Viertelstunde lang hatte das mächtige Geläute der Schloßkirche die Zimmer durchtönt , und ihn hatte es unterhalten , die Kirchgänger den Berg hinaufsteigen zu sehen . Heini war [ 280 ] schrecklich müde vom Bilderbesehen . Heinz hatte ihm , da anderes Spielzeug dem Kinde nicht zusagte , ein ganzes Dutzend der heiß ersehnten Bilderbücher geschenkt . Nun sollte er ihm etwas erzählen und konnte doch vor Unruhe kaum still sitzen . Im Auf- und Abgehen sprach er , wie unter einem inneren Zwange stehend , von den Weihnachten seiner Kinderjahre , wie Otti und Hede ihn , den Kadetten , vom Bahnhofe abgeholt hätten nach Hause , wo Berge von Kuchen ihn erwarteten , und wie sie alle Drei so gar nicht gewußt hätten , was anfangen , bis zu dem heiß ersehnten Glockenzeichen . „ Warum ist Tante Otti nicht bei uns ? “ fragte Heini . „ Sie ist krank . “ „ Was fehlt ihr denn ? “ „ Das verstehst du nicht , mein Liebling . “ Der Kleine schwieg und Heinz dachte weiter an die Zeiten , wo er sich so wohl gefühlt hatte unter den Verhätschlungen seiner Schwestern , besonders Hede die war gerade zu erfinderisch gewesen in Liebesbeweisen . Wie hatten sie beide miteinander getollt , gelacht , wie ernsthaft hatte sie davon gesprochen , ihm dereinst die Frau auszusuchen , und mit welch rührender Bereitwilligkeit gab sie ihm die paar Groschen ihres Taschengeldes , wenn Ende des Monats nichts mehr in seinem Portemonnaie war ! Und jetzt – jetzt redeten sie kaum miteinander , und am Weihnachtsabend war sie nicht daheim – – . Es war seine Schuld , das fühlte er deutlich . Er war im Unrecht ! Er stößt da das beste , was er , nächst seinem Kinde , noch im Leben hat , mutwillig von sich . – – Wenn sie nachher kommt , dann will er sie umfassen und sie bitten , Geduld mit ihm zu haben , will sie bitten , ihm zu helfen , das Leben weiterzutragen . Er will ihr alles gestehen , wie und warum er gelitten , wie er gearbeitet , wie er den Mut zu weiterem Schaffen verloren . Er will sich an ihr , an dem treuen Schwesterherzen wieder aufrichten . Er ist so weich gestimmt wie einst vor Jahren , wo sein Kinderauge in den Glanz des Weihnachtsbaumes schaute . „ Möchtest du , daß Tante Hede bald kommt ? “ unterbricht Heini des Vaters Gedanken . „ Gern , Heini , und weißt du , dann wollen wir Tante bitten , daß sie abends immer bei uns bleibt . “ „ Ja , Papa ! Warum thatest du das nicht schon lange ? “ Heinz wurde verlegen . „ Tante hatte Weihnachtsarbeiten , “ sagte er unsicher . „ Sieh ’ mal , sie hat dich gemalt ; und hat dir die hübsche Bluse genäht ; aber nun wollen wir sie bitten , daß sie bei uns bleibt , und dann lesen wir und spielen Halma , und das Pianino schieben wir hierherein und Tante singt uns Lieder vor – möchtest du das ? “ „ Freilich , Papa ! “ antwortete der Kleine und seine Augen glänzten . Und dann klopfte es plötzlich und gleich darauf trat Hede ein . Heinz erwiderte ihren „ Guten Abend ! “ nicht , er sah sie nur groß an , erstaunt , befremdet . So hatte sie ausgesehen vor fünfzehn Jahren , so rosig , so jung , so hübsch . Eine Strähne der dunklen Scheitelhaare hatte sich gelockert und hing ihr über die Stirn , die Lippen , die sonst einen so herben Zug hatten , ließen nun im halb verlegenen Lächeln die weißen Zähne durchblitzen – wie ein Wunder erschien sie ihm . „ Heinz ! bist du böse ? “ fragte sie und ging zu ihm hinüber und erfaßte seinen Arm . Er schüttelte den Kopf . „ Hast du auf mich gewartet ? “ „ Ja ! “ sagte das Kind anstatt des Vaters , „ sehr haben wir gewartet , und wir wollten dich um etwas bitten . “ Sie blickte von einem zum andern und ihr Lächeln erstarb . „ Wir wollten dich bitten , Tante , daß du jetzt immer abends bei uns bleibst . Es ist nicht schön wenn du drüben allein sitzest , sagt Papa , und das Klavier schieben wir auch hierher . Hede antwortete nicht , sie sah nur fragend auf Heinz , auch er hatte eine Frage in seinen Augen , und auf einmal färbte ein Purpurrot ihr Gesicht . „ Heinz , “ begann sie endlich , zu ihm tretend und die Hand auf seine Schulter legend , „ Heinz , ich muß dir eine Mitteilung machen . Sieh , Heinz – ich – du weißt ja wie arm ich bin an einem bißchen eignen Glückes – oder , du weißt es nicht , nein – du weißt es ja nicht ! Und da hat mich der Zufall , oder die Not – wie du willst – in das Haus getrieben , wo ich nun doch noch – nicht ein bißchen – nein , ein ganzes Uebermaß von Glück finden sollte . – - Heinz , ich habe es genommen , als es mir entgegengebracht wurde heute , ich konnte es ja nehmen , ich bin frei , ganz frei , denn du – du brauchst mich nicht – ich hab ’ s gemerkt während des halben Jahres meines Hierseins . Und so bin ich jetzt Günthers Braut . Er war sehr blaß geworden , er trat auch unwillkürlich einen Schritt von ihr fort , so daß ihre Hand von seiner Schulter sank . Dann aber , als er in ihre Augen sah , ihre erschreckten , ängstlich erweiterten Augen , faßte er nach ihrer Rechten . „ Du hast recht gethan , “ sagte er gepreßt , „ sehr recht , ich gratuliere dir , Hede , von ganzem Herzen ! “ „ Er will morgen bei dir anfragen , um – – “ „ Laß doch ! “ murmelte er , sie unterbrechend . „ Du bist doch dein eigner Herr , Kind . Aber – natürlich ist er mir willkommen , sehr willkommen – selbstverständlich ! Und wenn ich dir sonst irgendwie nützlich sein kann , Hede , du weißt ja – du hast recht gethan sehr recht ! Er hielt ihr die Hand hin . „ Ich bin müde , ich habe ein wenig Kopfweh , schlaf ’ wohl und träume glücklich ! Gute Nacht , Hede ! “ Sie ging ohne ein Wort , ganz erschüttert , hinaus . „ Will die Tante nicht hier bleiben , Papa ? “ fragte Heini nach einer Weile , der nicht verstanden hatte , was die Unterhaltung bedeutete . „ Nein , Heini , “ sagte er und die ganze schneidende Bitterkeit seiner Seele brach aus den Worten , „ nein , Heini , sie hat die kleinen Günthers lieber als uns , sie will ihre Mama werden . “ Zum zweitenmal war er zu spät gekommen mit seinen guten Vorsätzen . Und er küßte seinen Jungen – der wenigstens blieb ihm . Die Nachtigallen sangen wieder im Park von Breitenfels ; sie waren zahlreicher gekommen als je , denn nichts störte sie mehr in diesen verlassenen Fürstengärten . Im Frühjahr haben die Herrschaften mit dem kranken Erbprinzen herkommen wollen , aber die Aerzte waren dagegen gewesen . Die Luft sei zu herb , die Lage zu hoch für seine kranken Lungen . So hatte man denn eine Villa gemietet in Badenweiler und hoffte dort auf ein Wunder . In Breitenfels blieben die Läden geschlossen und die Möbel verhängt , die Schloßwache gähnte auf ihrem Posten die paar Beamten gähnten in den Bureaus wie die wenigen Bediensteten ebenfalls , und auch die zwei Braunen im Stalle gähnten auf ihre Weise , und dabei standen sie sich die Beine steif , wie der Kutscher versicherte , denn der Herr Schloßhauptmann scheine ganz und gar vergessen zu haben , daß er über die Equipage verfügen könne . Das letzte Mal waren sie in Geschirr gegangen , als Ostern die Schwester mit dem Herrn Oberförster Hochzeit gemacht hatte . War auch eine Hochzeit gewesen ! Um zehn Uhr früh getraut in der Kirche in Gegenwart des Herrn Schloßhauptmanns und des Rentmeisters , keine Seele sonst , dann stehenden Fußes droben im Zimmer des ersteren ein Glas Champagner , ein belegtes Brötchen , und das junge Paar stieg in den Wagen um nach der neuen Heimat zu fahren . Der Oberförster war nämlich zu Neujahr plötzlich nach Wolfsrode , einem einsamen Jagdschloß inmitten ausgedehnter Waldungen , versetzt , nicht allzuweit von der Residenz , und drunten in der Oberförsterei saß ein anderer , ein neugebackener , eben verheirateter Oberförster , der sich und sein junges Eheglück förmlich vergrub in dem großen Hause , und den die Breitenfelser ebensowenig zu Gesicht bekamen wie den Schloßhauptmann droben . Im Doktorhause wohnte der neue Arzt . Er hatte wirklich nicht zu bereuen , dort eingezogen zu sein , der Herr Doktor Lehmann . Nicht nur , daß es auf der ganzen Gotteswelt keine sauberere freundlichere Wohnung gab mit so ausgezeichnetem Kaffee und stets frischer Butter mit einer so mütterlich freundlichen Wirtin , die es verstand , die alte Kundschaft ihres verstorbenen Gatten dem jungen Nachfolger zuzuführen – nein , es war da auch noch ein besonderer Anziehungspunkt , ein schönes schlankes Mädchen , dessen große braune Augen mit einem fesselnden Ausdruck von Schwermut und Sehnsucht in die Welt schauten . [ 282 ] Wenn der Herr Doktor von seiner Landpraxis heimkehrte , durch den lenzgrünen Schloßgarten fuhr und das kleine Haus vor sich sah , hinter dessen spiegelnden Scheiben der Mädchenkopf sichtbar wurde , dann ward es ihm wieder zu Mute , als sei er noch einmal siebzehn Jahre alt und laufe als schüchterner Primaner einher , und er hatte ebensolches Herzklopfen wie zur Zeit seiner ersten Liebe . Und er , der ein bißchen sehr flott gewesen war , der sich groß gethan hatte auf der Universität im Punkte der Weiberverachtung , er machte die lächerlichsten Manöver , um einen Blick Aennes zu erhaschen , und da dies immer mißlang , so klammerte er sich mit seinen Wünschen an die Mutter und huldigte ihr in einer so ehrerbietigen Weise , daß er der Frau Medizinalrat als Inbegriff aller männlichen Tugend und Vollkommenheit erscheinen mußte , und daß sie jeden Abend , so ähnlich wie Karoline während der Weihnachtspredigt , betete . „ Lieber Gott , laß es doch etwas werden ! “ Aenne war recht still geworden und recht blaß , die Unthätigkeit drückte sie zu Boden . Sie hatte in der Zeit der tiefen Trauer auch nicht singen dürfen , nur ein einziges Mal widerstand sie nicht , und da war Frau Rat so fassungslos und erschüttert gewesen von der Pietätlosigkeit der Tochter , daß Aenne den Deckel des Instruments nicht wieder geöffnet hatte . Tante Emilie litt mit ihrem Liebling , ja sie war ein paarmal auf Leben und Tod mit der kurzsichtigen Schwägerin zusammengeraten . Aber , mein Gott , wer kämpft gegen tief eingewurzelte Vorurteile ! In der Trauerzeit durfte man nicht singen , was sollten die Leute denken ! So behauptete Frau Rätin . Aenne klagte nicht , sie machte auch keinerlei Versuche mehr , die Mutter zu überreden . Sie ging im Hause umher , wie wenn sie nie fortgewesen wäre , nie da draußen in der Welt Triumphe erlebt hätte . Aber Tante Emilie sah es und fühlte , wie das Kind seelisch und körperlich litt . Und als es Frühling wurde , da verlor Aenne alle Fassung . „ Könnt ’ ich nur wenigstens alle Tage eine Stunde lang singen , so recht all meinen Kummer hinaussingen , “ schrieb sie an Fräulein Hochleitner , „ es würde mich beruhigen und ermutigen , aber bei Mutter ist Singen identisch mit Jubilieren . Und so lebe ich denn weiter zwischen Nähtisch und Kochherd und mehr oder weniger großen Wäsche und die Jahre meiner Freiheit kommen mir vor wie ein schöner , schöner Traum , aus dem ich schmerzlich erwacht bin . Das einzige , was mir noch blieb , sind meine Spaziergänge , und mitunter laufe ich stundenlang in den Wald hinein , und wenn ich an ein Lieblingsplätzchen komme , ich habe eins auf einer tannenumstandenen Lichtung , dann singe ich und der Frühlingswind nimmt mir die Töne von den Lippen fort , und die dumme Thräne , die ich dabei weine , die trocknet er auch . – – Mitten in eine Gardinenwäsche hinein – die duftigen Schleier flatterten bläulich weiß auf der Leine im Garten der Frau Rat – kam eine Aenderung . Tante Emilie kehrte von einem Ausgange heim , und den Kopf zwischen ein paar nassen Vorhängen durchsteckend , winkte sie dem Mädchen . Aenne , die im großen Gartenhut aufhängen half , ließ das Stück , das sie eben über die Leine schlagen wollte , wieder in den Korb fallen , kam herüber und folgte der Tante in deren eigenes Stübchen . Zu ihrer Verwunderung fühlte sie , wie die alte Frau ihr einen Schlüssel in die Hand drückte , und den Kopf wegwendend , sagte dieselbe . „ Da , mein altes Herze – da – ich konnt ’ s nicht länger mit ansehen . “ „ Was ist denn das ? “ fragte Aenne . „ Der Schlüssel zu deinem Musikzimmer “ , war die stolze Antwort . „ Aber , Tantchen , sag ’ nur – ich verstehe dich gar nicht – . “ „ Na , das ist ganz einfach ! Ich habe der Förstersfrau auf dem Luisenschlößchen eine Stube abgemietet , sie darf ja vermieten , ob ’ s nun Sommerfrischler sind oder du es bist , das ist egal . Und aus Brendenburg ist heute früh ein Klavier gekommen : ich hab ’ s freilich nur geliehen und – na , ich konnt ’ s nicht mehr mit ansehen , Kind , es ist ja schlimmer als hungern und dürsten , was du leidest ! Die Noten sind auch schon unterwegs von Dresden . Und nun schweig ’ still gegen Mutter , sonst ist ’ s aus mit der Herrlichkeit – die Verantwortung übernehme ich . “ Aenne hätte am liebsten aufgeschrieen vor Entzücken , aber sie fiel nur stumm der alten Frau um den Hals – „ Du Liebste ! du Beste , wie soll ich dir danken ! Nachher laufe ich hin – o Gott , welch ’ ein wundervoller Gedanke , du Goldtante ! “ Wie ein Wind war sie unten und hing ihre Wäsche fertig auf , dann wieder nach oben – das Hauskleid aus , ein anderes an , den Schlüssel in die Tasche ! Und den Hut in der Hand ging ’ s aus der Thür und mit Geschwindschritt über den Schloßplatz , zur Marstallpforte hinein , am Teich vorüber den Berg hinauf ! Atemlos klopfte sie oben an die Stube des Försters , eine schmucke Frau öffnete und lachte . „ Ja , ja , Fräulein , hier können Sie singen , soviel Sie wollen , hier hört ’ s keiner und stört Sie keiner , und ich freue mich , ich hör ’ zu von weitem ! Sie wies auf eine Thür im Hintergrunde des Hausflurs , und als Aenne sie öffnete , da fiel ihr Blick zunächs auf ein Pianino , das schräg ins Zimmer hinein stand , in den Leuchtertüllen steckte statt der Kerzen ein paar Fliedersträuße und auf den wenigen Möbeln des förderlichen Putzzimmers prangten auch überall Blumen . Die Wände waren zart gelblich getüncht , die gewölbte Decke ebenfalls und durch die klaren Scheiben der Fenster brach ein grünlich goldenes gedämpftes Licht , denn dicht vor ihnen wehten Buchenzweige mit hellgrünen köstlichen Blättern , wie sie der Mai bringt . Eine ganz feierliche , wahrhaft poetische Stimmung überkam das junge Mädchen in diesem einsamen Gemach . Die Förstersfrau war gegangen , aber sie stand außen vor der Thür und lauschte . Und nun zogen Klänge hinaus , süße , wunderbar zu Herzen gehende Klänge , daß sie unwillkürlich die Hände faltete . Ja , das war schön ! Das mochte sie leiden , das klang anders , als wenn ihr Mann zur Harmonika brummte ! „ Die linden Lüfte sind erwacht , Sie säuseln und weben Tag und Nacht . Sie schaffen an allen Enden . O frischer Duft , o neuer Klang ! Drum armes Herze , sei nicht bang ! Nun muß sich alles , alles wenden . – “ Dann ihre Lieblinge , Brahms ’ wunderbar ergreifende Lieder „ Feldeinsamkeit “ , „ Von ewiger Liebe “ , und Lied auf Lied , ein paar Stunden lang . Wie ein Verschmachteter nicht enden kann zu trinken , so sang sie bis in die rotgoldene Abenddämmerung hinein , und zum Schluß ihr altes trauriges Lieblingslied . „ 0 du purpurner Glanz der flutenden Sonne , Wie zauberhaft webst du um Flur und Hain , Wie färbst du mit lodernder Rosenwonne Das blasse Antlitz der Liebsten mein ! – “ Nun saß sie , die Hände in den Schoß gelegt , und dachte an ihren traurigen kurzen Liebestraum , an Heinz . „ 0 Sonne , o Liebe , wie kalt ohne euch ! “ Sie hatte ihn nicht wiedergesehen seit dem Begräbnis ihres Vaters , und er hatte ihr nicht die Hand gedrückt wie den andern allen , er war plötzlich verschwunden gewesen . Die Leute sagten , er sei hochmütig . Frau May nannte ihn „ verrückt “ , er wisse ja kaum , ob er grüßen solle oder nicht , wenn er mal , was selten genug geschah , über den Platz an ihren Fenstern vorbeiging . Ehemals , da wären sie gut genug für ihn gewesen ! Gottlob , an den dachte Aenne nicht mehr . Doktor Lehmann zuckte einfach die Schultern , wenn die Rede auf Heinz kam , er war jetzt Arzt bei dem kleinen Heini , und Frau Rat interessierte sich brennend für die alten Patienten ihres seligen Mannes , aber so zuvorkommend der Doktor auch sonst war , hierüber schwieg er wie ein Grab . Heinz lebte da oben mit seinem Kinde , weiter wußte Aenne nichts . Sie stand endlich auf , schloß das Fenster und das Klavier und schickte sich zum Heimweg an . Herrgott , drei Stunden hatte sie hier versäumt , und drunten wartete die Mutter und die Wäsche ! Sie reichte der Frau Försterin , die ihr vor der Thüre entgegenkam , die Hand , rief ein „ Auf Wiedersehen ! “ und lief davon wie gejagt . [ 293 ] Bei Frau Rat war bös Wetter ; heute ist der Donnerstag , der Tag , an dem ein für allemal Doktor Lehmann der Abendgast ist , und den hatte Aenne vergessen können ! Die Frau Rat , die aus Aennes Verhalten gegen den Doktor bisher durchaus nicht weder für noch gegen ihn herauszulesen vermocht hatte , mußte diese Nichtachtung durchweg als schlechtes Zeichen auffassen und das Barometer ihrer Laune war rapid gefallen . „ Fange mir nur um Gotteswillen nicht wieder das Umherstrolchen in den Wäldern an ! Du bist kein Backfisch mehr ! “ So ward sie empfangen . Aenne erwiderte : „ Solange werde ich nicht wieder ausbleiben , aber meine Spaziergänge , die lasse ich mir nicht nehmen . Du weißt , Vater hielt immer so sehr darauf ! “ Sie ward sehr rot , als sie das sagte , denn sie schämte sich ihrer Lüge und beeilte sich , durch doppelte Freundlichkeit alles wieder gutzumachen ; sie war sogar heute gesprächig dem Doktor gegenüber , und Frau Rat war zu Mute wie einem Fisch , der vom trockenen Ufer wieder ins klare , kühle Wasser gelangt ist . Man sprach über allerhand Alltagsdinge , wozu der Geruch der frisch abgenommenen Wäsche , der bis ins Eßzimmer gedrungen war , gut paßte . Es gab für die Damen Thee , den Frau Rat drei- bis viermal aufzubrühen pflegte , und für den Doktor goldklares [ 294 ] schäumendes Bier , ferner Soleier , Radieschen und Mettwurst , und das stand alles auf blendend weißem Tischtuch , und die beiden alten Damen hatten so blendend weiße Häubchen , und das junge Mädchen heute so rosenrote Wangen und blitzende Augen , daß einem heiratslustigen jungen Doktor , der ja nach der Meinung aller älteren Damen durchaus eine Frau haben muß , da unverheiratete Aerzte zu genierlich sind – daß einem solchen wohl das Herz aufgehen konnte , zumal wenn er so viel Sinn für Gemütlichkeit und häusliches Leben hatte wie Doktor Lehmann . Geld besaß sie freilich nicht , aber sie war herzig , und er durfte ja immerhin ’ mal ein nettes kleines Vermögen erwarten , er konnte sich den Luxus erlauben aus Liebe zu heiraten . Der Alte würde brummen – na , schadete nichts , er mußte sich ja aussöhnen , wenn er das Mädchen sah ! „ Sie waren doch heute auf dem Schloß ? “ fragte Frau Rat . Er zuckte heute nicht die Schultern , sondern erwiderte . „ Ja , ich war auf dem Schloß . “ „ Bei Kerkow ? “ „ Ja , bei Kerkow . “ „ Um den Jungen ? “ „ Um den Jungen . “ „ Steht ’ s schlecht ? “ Jetzt hielt er das Achselzucken für angebracht . „ Na , prosit , Frau Medizinalrat ! “ sagte er , sein Glas ergreifend . „ Prosit ! “ nickte Frau Rat , ihn ein bißchen schief ansehend , und dachte : warte – später will ich dir das Achselzucken schon abgewöhnen ! „ Ich glaubte nur , “ fügte sie hinzu , „ weil Sie so eilig geholt wurden . “ Das kleine Dienstmädchen erschien plötzlich und rief Frau Rätin hinaus ; nach einem Weilchen wurde auch Tante Emilie hinaus beordert und dann hörte man draußen etwas wie Schelten und Jammern . Aenne saß derweil höflich bei ihrem Gast , der sie mit seinen runden dunklen Augen durch den Kneifer in stiller Bewunderung betrachtete . „ Wollen Sie mir nicht verraten , wie es dem armen Kleinen droben geht ? “ fragte das junge Mädchen jetzt . „ Ach , Fräulein Aenne , das ist ein Trauerspiel , “ gab er zur Antwort , „ der Junge macht mir schon genug Sorge , aber der Vater noch mehr . “ „ Ist Herr von Kerkow krank ? “ fragte Aenne scheinbar obenhin , aber das Herz klopfte ihr mächtig . „ Vollständige Abulie . “ „ Was ist das ? “ „ Das ist eine Seelenkrankheit , Fräulein Aenne . “ Sie wechselte plötzlich die Farbe . „ Wie äußert sich das Leiden ? “ fragte sie . „ Das ist Willenlosigkeit in höchster Form , Gleichgültigkeit , Melancholie . “ „ Um Gottes willen , so helfen Sie ihm doch , Herr Doktor ! “ stieß sie hervor . „ Ich ? “ Er lachte kurz auf . „ Wissen Sie , der hört überhaupt nicht zu , wenn ich ihm etwas sage – da müssen andere Einflüsse kommen als der meine . In eine Nervenheilanstalt mit ihm und dort rücksichtslos ihm klar machen , was er für ein Jammermensch geworden ist , das wäre noch das einzige ! Uebrigens , ein Wunder ist ’ s nicht ! Sieben Jahre und mehr Schloßhauptmann von Breitenfels – der Teufel ! Ich wäre schon früher übergeschnappt . Und dann alle die sauberen Geschichten nebenher , die davongelaufene Frau , das krüppelhafte Kind , und immer in den himmelhohen , einsamen Zimmern , um die der Wind heult und von denen man meilenweit in die Welt hinaussieht , in die Welt , in der es Arbeit , Lust und Kampf und , mit einem Worte , Leben giebt ! Und hier festgeschmiedet sitzen als Nichtsthuer , bewußter Nichtsthuer , denn er weiß ja was diese Stellung bedeutet , und dazu Geist im Kopfe und Blut in den Adern ! Na , jetzt ist ’ s zu spät , jetzt rappelt er sich nicht mehr allein heraus , und eine Hand , die ihm helfen könnte , hat er nicht . Neulich sagte ich ihm ’ mal : „ Zum Donnerwetter , Herr , werfen Sie doch dem Durchlauchtigsten seinen ’ Schloßhauptmann ’ vor die Füße , scheren Sie sich ins Leben hinaus , meinetwegen als Eisenbahnschaffner , und suchen Sie andere Eindrücke , sonst gehen Sie zu Grunde ! ’ Was meinen Sie , was er antwortete ? Nichts antwortete er , sieht nur an mir vorüber auf das Kinderbett , als ob das unglückliche Kerlchen nicht irgendwo in einer Familie untergebracht werden könnte , zum Beispiel bei der verheirateten Schwester . Aber darin ist er so unvernünftig wie eine herzkranke Mutter . Na , mich hat er ja nicht konsultiert für seine Person , und ich trage keine Verantwortung ! Und nun lassen wir das Thema , Fräulein Aenne , es paßt nicht hinein in diese Gemütlichkeit ! – Sehen Sie doch nur , wie der Mond durch die Birnbaumzweige guckt und durchs Fenster glustert , so daß der Storm ein Gedicht ’ darüber machen könnte , wenn er noch lebte ! Und dann hier – wir beide am Eßtisch – so haben gewiß Ihr Herr Vater und Ihre Frau Mutter zusammengesessen in dieser Stube , als sie jung verheiratet waren . Es ist einfach rührend , famos , und ich – “ In diesem Augenblick kam Frau Rat mit einer Glasschüssel , in welcher etwas Hellgelbes bibberte und zitterte , und hinter ihr Tante Emilie mit einem Kännchen voll Himbeersaft zurück , und Frau Rat entschuldigte sich mit riesigem Wortschwall wegen ihrer langen Abwesenheit ; das erzdumme Mädchen habe vorwitzigerweise den Flammeri stürzen wollen , und natürlich sei er zusammengefallen . Sie sah dabei verstohlen vom Doktor , dessen Augen glänzten , zu Aenne hinüber , die stumm und blaß auf ihrem Stuhle saß . Jedenfalls – die Präliminarien einer Liebeserklärung waren erfolgt . Herrgott , wenn ’ s doch zum Abschluß käme , aber bald – bald ! Nach dem Essen ging man ein wenig im Garten umher . Frau Rat prüfte die kleinen grünen Früchte der Stachelbeersträucher und dachte , daß sie nächstens ein Kompott davon geben könne , mit Omelette , und der Doktor hielt sich neben Aenne und knüpfte allerlei drollige Betrachtungen an über die verwehten weißen Blütenblättchen der Obstbäume , die wie frisch gefallener Schnee auf den Wegen und dem Rasengrund lagen ; Aenne hörte es kaum , sie sah nur immer Heinz vor sich . Frau Rat machte sich weit entfernt von ihnen im Garten etwas zu schaffen und ärgerte sich wütend über Tante Emilie , die den beiden jungen Leuten nachging und weder das Husten noch das Rufen der Rätin zu hören schien . „ Dummheit ist doch ’ ne Gottesgabe , “ murmelte sie erbost , „ sie stört möglicherweise gerad ’ den Augenblick , wo das Kind sagen will : ’ Sprechen Sie mit meiner Mutter ! ’ Sieht ’ s nicht gerade so aus ? Er , der wie ein Buch redet , und sie mit gesenktem Kopf ! O , du lieber Himmel , nun ist sie schon ganz in ihrer Nähe . – Emilie ! Emilie ! “ schrie sie mit voller Kraft , „ komm ’ doch ’ mal eben her , ich sitze hier fest – mein Kleid sitzt fest an den Stachelbeeren ! Aber natürlich , ihr ging heute alles überquer – anstatt der alten Tante Emilie , die ja doch nicht mehr so laufen konnte , kam Aenne eilends daher , das Rot des Erschreckens auf dem Gesicht . „ Was ist denn , Mütterchen ? “ „ Bin schon losgekommen , “ brummte die schwer enttäuschte Frau , „ kannst wieder gehen . “ „ Mutter , “ sagte das schöne Mädchen und preßte die Hand gegen ihre Schläfe , „ unterhalte du deinen Freund ein wenig , ich habe Kopfweh und möchte hinaufgehen . “ Frau Rat wollte schon eine schmetternde Rede loslassen , des Inhalts , daß man sich beherrschen müsse , da sah sie das bleiche , leidende Antlitz der Tochter , das völlig verändert erschien . „ Na ja , das kommt vom Umherrennen draußen , hast dich wahrscheinlich nach deiner Gewohnheit stundenlang auf den feuchten Boden gesetzt . Geh ’ nur , wenn ’ s schlimmer werden sollte – der Doktor ist ja im Hause ! “ Tante Emilie und der Doktor , die eben den Gang herauf kamen , sahen die schlanke , dunkle Gestalt Aennes gerade noch im Hausflur verschwinden . Nun hätte Frau Rat den Doktor gern ein wenig allein gesprochen , und Tante Emilie wegzubringen , war ja so leicht . „ Sieh ’ doch nach , Emilie , “ bat sie , „ ob sie ’ s etwa im Halse hat ? “ Und dann fragte sie den jungen Arzt , ob er schon das neue Riesenvergißmeinnicht gesehen habe . – „ Nein ? O , das müssen Sie sehen , bei dem Mondschein ist ’ s hell genug . “ Er war bis oben vollgefüllt von Hoffnungen , Wünschen , Zukunftsplänen – ein Funke , und die Bombe mußte platzen , und da Frau Rat diesen Funken schlug , prasselte das Bekenntnis des kleinen , dicken Doktors mit einer Leidenschaft empor , die selbst Frau Rat überraschte . Seine Beteuerungen , daß er Aenne geradezu „ wahnsinnig “ liebe ,