. « » Friedel ! Wenn ich nur weinen könnte ! « schrie ich auf . Aber ich konnt ' s ja nicht . » Wilhelm , bleib bei mir , was soll ich ohne dich in der Welt ! « Und dann beugte ich mich nieder und legte mein Gesicht an seine kalte Wange und küßte seinen Mund . So blieb ich lange , lange allein mit ihm , denn auch Friedel war gegangen . Ich sprach zu meinem Eberhardt flüsternd und schaute in sein liebes Gesicht , dann schnitt ich mir eine seiner Locken ab . – Das Zimmer hatte man mit Orangenbäumen geschmückt , und zahlreiche Kränze und weiße Rosen bedeckten den Toten , sie alle hatten noch gestern in voller Pracht geblüht , ja gestern noch ! » Nicht einmal einen Kranz hab ' ich für dich , mein einziger Schatz ! « flüsterte ich . » Was kann ich dir nur mitgeben in dein kühles Grab ? « Da fiel mir ein , daß Kathrin meiner Mutter noch im Sarge ein kleines Medaillon von der Brust genommen hatte , welches eine Locke enthielt , die einst die Verstorbene mir abgeschnitten , auf meine neugierige Frage hatte Kathrin erwidert , wenn man einem Toten Haare von einem Lebenden mit in die Erde gäbe , so zöge ihn der Verstorbene bald nach sich . Entschlossen nahm ich eine kleine Schere , band mein Haar auf und schnitt mit raschem Griff einen meiner langen braunen Zöpfe ab , die sein Entzücken gewesen waren . » Hier , mein Wilhelm , das ist noch besser wie Blumen « , flüsterte ich und legte die Flechte unter die Tücher auf sein Herz . – » Nun leb wohl , hab ' Dank für alles und hole mich bald ! « Ich wollte mich noch einmal niederbeugen , um ihn zu küssen , da wurde die Tür aufgemacht und mehrere Offiziere traten ein , gefolgt von dem Baron . Ich wandte mich von dem Sarge ab und schritt gesenkten Blickes aus dem Zimmer , ein paar Rosen von seinem Sarge und die Locke in der Hand . Im Begriff , die Tür zu schließen , hörte ich , wie einer der Herren fragte , wer ich sei . Der Baron sagte laut und doch mit einer gewissen Verlegenheit in der Stimme : » Die Dame , die sein Kind in Pflege hatte . « Ich nahm auch das noch hin , es schmerzte nicht , es tat mir eben nichts mehr weh . Etwas wie ein verächtliches Lächeln mochte wohl um meinen Mund gezuckt haben über dieses Ableugnen meiner Rechte seitens eines Mannes , den ich wie einen Vater geliebt hatte , und der auch mich liebte vor anderen . Sein Stolz konnte sich selbst in diesem Moment nicht verleugnen . – Dann ertönte eine andere Stimme : » Verzeihen Sie , Herr Baron , wenn diese junge Dame Fräulein Margarete Siegismund ist , so hat uns Eberhardt bereits vor längerer Zeit angezeigt , daß er sich mit ihr verlobt habe . Im Offizierkorps ist dies hinlänglich bekannt , und wir werden nachher sofort Veranlassung nehmen , der Braut unseres verstorbenen Kameraden zu kondolieren . « Ich hörte noch etwas wie beifälliges Murmeln mehrerer Stimmen , dann nahm ich mein Tuch um und wollte gehen , obgleich ich nicht wußte , wohin . Aber ich hätte um keinen Preis Beileidsbezeigungen anhören können , so herzlich sie auch gemeint sein mochten . Friedel kam und brachte mir mein Bild und die Brieftasche Eberhardts , die er aus seinem Waffenrock genommen hatte . Ich fragte ihn , ob er nicht wisse , wo ich bleiben könnte , bis das Begräbnis vorüber sei . Er nickte . » Warten Sie einen Augenblick , Fräulein . « Nach einem Weilchen kehrte er zurück , begleitet von einer korpulenten , gutmütigen Bürgersfrau , deren kleine blaue Augen von Tränen überflössen . Sie war die Wirtin vom Hause und bot mir in freundlicher Weise ein Zimmer an bis morgen abend . Dankbar nahm ich es an und saß dann still darin , in meinen Schmerz versunken . Die Nacht brachte ich auf dem Sofa zu , und am anderen Morgen früh schlich ich mich leise hinauf , um noch einmal seine lieben Züge zu sehen . Aber der Sarg war bereits geschlossen . So ging ich wieder hinunter und saß allein in dem kleinen Stäbchen , stundenlang . Da hörte ich auf einmal den taktmäßigen Schritt heranmarschierender Soldaten , Kommandoworte , das Sprechen vieler Menschen . Ich trat ans Fenster und sah die Leichenparade aufgestellt . Die Offiziere der Garnison standen leise flüsternd in der Straße . Ich lehnte mich mit der Stirn an die Scheiben und starrte hinunter auf die bunte Menge , die ihm die letzte Ehre erwies . Ich dachte , daß ich nun so allein sei , daß unter all den vielen keiner ihm so nahe gestanden hatte wie ich , und daß sich doch niemand um mich bekümmere – da öffnete sich die Tür meines Zimmers , und als ich mich umwandte , blickte ich in das alte , liebe Gesicht der Frau Renner . Ihr Arm umfaßte mich , während ich zitternd am Fenster stand und den Sarg aus dem Hause tragen sah . – Die Trommeln wirbelten , der Trauermarsch erklang und der Zug setzte sich in Bewegung . Ich aber schaute dem blumengeschmückten Sarge nach und umklammerte krampfhaft die Hände der kleinen Frau , bis er um die Straßenbiegung verschwunden war . Dann wandte ich mich um und sagte noch einmal : » Leb wohl , leb wohl – nun ist alles vorbei . « – Die kleine Frau zog mich aufs Sofa , faßte mich liebevoll um und wollte sprechen ; der Jammer ließ sie aber nicht dazu kommen . Sie weinte nur still , und so saßen wir da , während sie draußen auf dem Kirchhofe ihn einsenkten in die kahle , gefrorene Erde – mein Glück , mein alles . Dann schreckte ich auf , die schmetternden Klänge eines lustigen Marsches trafen mein Ohr : sie kehrten zurück vom Begräbnis ; und immer lauter und näher erschallten diese übermutigen , lustigen Weisen . Ach , es war sein Lieblingsmarsch gewesen . Unter diesen Klängen war er damals in Bendeleben eingezogen , hatte er mir einst so verwegen , so lustig in die Augen geschaut , damals , als die Regimentskapelle auf dem großen Rasenplatze vor dem Schlosse spielte . » Oh , die Jugend , das Leben ist doch wunderschön ! « hatte er damals gesagt , und ich hatte mit eingestimmt und mitgejubelt . Noch als ich ihn zum letzten Male sah , pfiff er diese Melodie und schaukelte sein Kind auf den Knien ! Oh , diese Erinnerungen , wie sie mich packten , mir zeigten , wieviel süßes Glück ich verloren ! Aber was die furchtbare Gegenwart nicht gestattete , das weckte die Mahnung an die wonnige Vergangenheit – ich schlang meine Arme um den Hals der alten Frau und schluchzte und weinte aus dem tiefsten Grunde meiner gequälten Seele . » Gott sei Dank , sie weint ! « das war alles , was die alte Frau sagte . Und nun , meine liebe Freundin , habe ich kaum noch etwas von mir zu sagen , mit ihm war eben alles ins Grab gesunken , was das Leben mir wert gemacht hatte – was nun folgte , war kein Leben mehr , war ein Vegetieren ohne jedes Interesse . Noch manchen schweren Schlag habe ich zu ertragen gehabt , aber der willkommene Gast , die Freude , ist nie mehr bei mir eingekehrt . Wohl ist mir noch mancher herzlich entgegengekommen , und ich lernte auch , nachdem ich die ersten schweren Jahre überstanden , diese Herzlichkeit und Liebe anerkennen , aber ich selbst – ich konnte mich nicht mehr freuen , das hatte ich verlernt in jenen schrecklichen Stunden . Bald nachher hatte ich gänzlich vereinsamt an Kathrins einfachem Hügel gestanden , noch jung und nicht imstande , eine Beschützerin , und sei sie auch noch so schwach , zu entbehren . Auf Bendeleben hatte man mir damals eine Heimat angeboten , um so mehr , da Eberhardts Kind lange nach mir weinte und bangte . Ich sollte ihn erziehen , sagte mir Frau v. Bendeleben , aber ich lehnte ab . Es war wohl ein wenig Stolz von mir : ich wollte nicht da Erzieherin sein , wo ich im Begriffe gestanden hatte , die Mutter des Kindes zu werden . Dann fürchtete ich mich auch , weich zu werden und dereinst den Abschied nicht ertragen zu können , wenn es seiner Mutter plötzlich einfallen sollte , ihn nach Wien zu fordern . Ich hatte recht gehabt . Ruth vermählte sich zum dritten Male , mit dem jungen Fürsten Bodresky , und da die Ehe kinderlos blieb , adoptierte später der Fürst seinen Stiefsohn . Er wurde im katholischen Glauben , zu dem auch Ruth übertrat , erzogen und scheint mit der bestechenden Persönlichkeit den ganzen Leichtsinn seiner Mutter geerbt zu haben . Jetzt ist er längst verheiratet und hat es nur der Größe seines fürstlichen Vermögens und der enormen Mitgift seiner Frau zu verdanken , daß es ihm noch nicht gelungen ist , sich zu ruinieren . Ach , manchmal denke ich , wenn Gott seinen rechten Vater hätte leben lassen , und wir beide ihn erzogen hätten , ob da nicht ein trefflicher Mensch aus ihm geworden wäre . Wer so , verweichlicht von dem raffinierten Luxus , mit dem ihn seine Mutter umgab , in den Händen gewissenloser Hofmeister , in der gefährlichen Moral der Jesuiten erzogen – konnt ' es anders kommen ? Ich blieb also fest und ging nicht nach Bendeleben , obgleich Hanna mir es beinahe übelnahm . Zu Frau Renner , zu der einfachen Frau , zog es mich , die mir freundlich den Aufenthalt in ihrem Hause anbot . Wie zart und schonend bin ich dort behandelt worden , sowohl von ihr wie von dem jungen Pastor . Seinen Worten verdanke ich es auch , daß ich mich demütig unter Gottes Hand beugte , anstatt mit ihm zu hadern . Ich wurde stille nach und nach , aber die Wunde meines Herzens ist nimmer geheilt , und noch heute , noch jetzt blutet sie , sobald die Erinnerungen kommen . Von den Personen , die mir in meiner Jugend so nahe standen , lebt niemand mehr außer dem Pastor Renner in Weltzendorf , der , jetzt ein alter Mann und mein einziger Freund , seine Tage beschließen will in dem Hause , das einst mein Vaterhaus war . Die erste , die heimging und deren Tod mich mit heißem Schmerz erfüllte , war meine süße Hanna . Ganz plötzlich erlag sie einer epidemischen Krankheit und ließ , noch nicht sechsundzwanzig Jahre alt , ihren trauernden Gatten und drei kleine Kinder zurück . Wir waren im gleichen Alter , und ich fragte wieder , warum der liebe Gott nicht mich hatte sterben lassen , anstatt die zu fordern , die noch so unentbehrlich war , und für die ich so gern gegangen wäre . In demselben Jahre trat auch eine Lebensfrage an mich heran : Pastor Renner bot mir seine Hand . Er hatte mich schon längst geliebt , schon damals , als ich noch das hübsche , glückliche Mädchen war , das so wild zu reiten und herzhaft zu lachen verstand . – Ich habe einen schweren Kampf gekämpft zwischen Dankbarkeit und dem unvergeßlichen Andenken an den einzigen , den ich je geliebt . Die Augen der alten Frau sahen mich ängstlich und forschend an , und doch , ich konnte mich nicht entschließen , seine Frau zu werden . Er hatte Anrecht auf ein Herz , das sich ihm ganz hingab , und ich hatte ja keins mehr . Mit vielen , vielen Tränen bat ich , mich nicht für undankbar zu halten , aber ich könne nicht die Seine werden . Er fügte sich . Ich sah , es machte ihm Schmerz , aber er ist mir trotz alledem ein wahrer Freund geblieben sein Leben lang . Zwei Jahre später führte er seiner Mutter eine junge Braut zu , rosig und frisch , deren blaue Augen voll Seligkeit an den ernsten Zügen des Bräutigams hingen . Da beschlossen wir – seine Mutter und ich – das junge Paar zu verlassen und in mein altes Heim zu ziehen . So geschah es . Wir richteten die alte Pfarre wohnlich ein für die junge Frau . Wir freuten uns dann später , wenn wir das blonde Köpfchen am Fenster gegenüber sahen , wie sie eifrig nähte , oder wenn sie , flink wie ein Wiesel , das klappernde Schlüsselbund an der Seite , herüberhuschte und einen wichtigen Rat von der Mutter verlangte . So lebten wir still , wir beiden Frauen , und nur wenn die Erinnerung an vergangene Zeiten bei mir einkehrte , konnte ich wieder plaudern . Dann dankte ich Gott , daß ich so Schönes erleben durfte . Eines Tages wurde ich auf das Schloß gerufen : der Hausherr lag auf dem Sterbebett . Ich habe ihn gepflegt fünf lange Wochen Tag und Nacht , habe ihm die Augen zugedrückt , die mich noch einmal dankbar anblickten , und habe wenigstens einen kleinen Teil der Schuld abgetragen , die mir die Dankbarkeit für frühere glückliche Zeiten auferlegte . Die Witwe war trostlos und klammerte sich in ihrem Jammer an mich . Bei der Beerdigung sah ich auch Bergen und Ruth wieder , beide mit ihren Söhnen . Willi , jetzt Fürst Bodresky , war ein bildschöner Junge geworden , dunkel , feurig und lebhaft , während Wilhelm v. Bergen das Wesen seines Vaters hatte : gerade und schlicht , mit bewußtem Willen . Ruth war noch die kokette , lebhafte , elegante Erscheinung wie früher , aber ein Leben voll steter Aufregung und Abwechslung hatte den Schmelz der Jugend vorzeitig von dem wundervollen Antlitz verwischt . Sie sah in manchen Augenblicken trotz ihrer dreißig Jahre müde und alt aus . Mich beachtete sie nicht , und , was mich am meisten schmerzte , sie hielt den Sohn geflissentlich von mir fern . Der hübsche Junge tat scheu und fremd gegen mich . Bergen war desto herzlicher , wir sprachen viel von Hanna und der schönen Zeit von damals , auch Eberhardts gedachten wir , und ich weinte mich satt in seiner Gegenwart . Er wußte ja , wieviel ich gelitten . Bald nach dem Begräbnis , und zwar auf Ruths Andringen , wurde Anstalt zum Verkauf von Bendeleben gemacht . Frau v. Bendeleben sollte mit nach Wien übersiedeln , Fürst Bodresky mochte das Gut nicht übernehmen . Bergen hatte nicht das nötige Kapital dazu und war auch zu gern Soldat , und auf die Kinder könnte man nicht warten , meinte Ruth – unterdessen hätten gewissenlose Pächter das Gut ruiniert . So dauerte es nicht lange , da zog die Herrin von Bendeleben mit ihrer Tochter , der Fürstin , nach dem glänzenden Wien , und in dem alten aristokratischen Hause , unter dem stolzen Wappen der Bendelebens , ging jetzt ein bürgerlicher , behäbiger Besitzer aus und ein . An den vornehmen , hohen Zimmern , wo jahrhundertelang nur Bendelebens gelacht und getrauert hatten , tobte eine Schar flachshaariger , kompakter Kinder , die sogar mit der Armbrust nach den bunten Göttern am Plafond des Speisesaales schossen , bis der wackere Vater und die brave Hausfrau , um nicht den Anblick von verstümmelten Nasen und fehlenden Augen zu haben , die vorwurfsvoll auf sie niederzublicken schienen , den Tüncher kommen und die ganze bunte Herrlichkeit weiß übermalen ließen , das » Vive la joie « dazu . Ach , gab es denn wirklich einmal eine Zeit , wo man das » Es lebe die Freude ! « hätte rufen mögen ? Mir preßte es das Herz zusammen , als ich fremde Leute da schalten sah , wo ich meine glücklichsten Tage verlebt hatte . Der alte Park mit seinen stillen Plätzen , seinen samtgrünen Rasenflächen , er kam mir entweiht vor , als ich eines Tages die wilde Jagd der Kinder darin herumtoben und die Gänse und Enten vom Hühnerhofe darin umherspazieren sah . Anne Marie war langst mit ihrem Manne davongezogen , denn die neue Gutsherrschaft brauchte keinen Gärtner . Die frühere Ordnung , die Stille war ganz abhanden gekommen . Ach , wenn der Baron das hätte sehen können ! Er hätte nicht Ruhe im Grabe und würde der Tochter , die dieses alte Familiengut zum Verkauf gebracht hatte , geflucht haben . Aber so geht es , gerade das Kind , auf dessen adlige Gesinnungen er so stolz war , es verschacherte jetzt das Haus seiner Väter , an dessen Erhaltung doch des Vaters ganzes Herz gehangen hatte . – » Warum hat er ' s nicht im Testament verboten ? « sagte Frau Renner . Ja , warum ? Weil er seinen aristokratischen Hinterbliebenen alles andere zugetraut hätte – nur nicht diese pietätlose Handlung . Und so lebten wir weiter , jahrelang , ein Leben , in dem sich nichts ereignete und suchten uns nützlich zu machen . Ich unterrichtete die kleinen Kinder des Pastors und half der jungen Frau in der Wirtschaft . Dann wurde meine gute , alte Renner kränklich , und nach langem Hin- und Herüberlegen meinte der besorgte Sohn , daß es besser sei , sie wohne in der Stadt , wo sie jeden Augenblick ärztliche Hilfe haben konnte . Ich begleitete sie natürlich , und ich tat es nur zu gern . Dann war ich ja seinem Grabe nahe , das ich bisher nur selten besuchen konnte . Dies machte mir den Aufenthalt in der engen Stadt lieb und angenehm . Und so zogen wir hierher in diese Wohnung hier . Die Hausbesitzer haben dreimal gewechselt , aber die Mieterin ist dieselbe geblieben , und sie ist alt und grau geworden in diesem Stübchen . Ich habe hier meiner alten Freundin nach langer Krankheit die Augen zugedrückt und habe versucht , ihr den Lebensabend heiter zu gestalten durch freundliche Pflege und herzliches Eingehen auf ihre Interessen und Freuden . Ich habe mich auch nach ihrem Tode noch immer gefreut , wie zu ihren Lebzeiten , wenn die Kinder und die blühenden Enkel aus dem stillen Dorfe kamen . Sonst habe ich keine Bekanntschaften geschlossen – auch keine gesucht in der Stadt . Zum Kirchhof bin ich seither jeden Tag gegangen . An schönen Sommerabenden nehme ich meine Arbeit mit und sitze an seinem Grabe auf der kleinen Bank , die ich dorthin stellen ließ . Wenn der Flieder duftet und die Rosen blühen , bleibe ich lange Stunden dort und kann mich kaum trennen von dem liebsten Platze auf der Welt . So ist mein Leben hingegangen , einförmig , freudenarm , und – nutzlos werden Sie sagen , mein liebes Kind . Sie haben recht , mir ist der Wirkungskreis einer Frau und Mutter versagt geblieben . Ich habe mich weder an öffentlichen Vereinen beteiligt , noch an irgendwelchen Werken des allgemeinen Wohles , wo ich hätte an die Öffentlichkeit treten müssen . – Ich bin kein neidisches Gemüt , aber wenn ich ein fremdes herzliches Glück sehe , so tut es mir weh , und es ist mir am wohlsten zu Hause in meiner Einsamkeit und Stille . Ich habe mir auch im stillen einen kleinen Wirkungskreis geschaffen , und ich weiß , es gibt Menschen , arme Menschen , die mit Liebe und Dankbarkeit an mir hängen . Bedauern Sie mich aber nicht , mein liebes Frauchen , ich habe auch schöne Stunden . Wenn ich an dem kleinen Klavier sitze und die Lieder spiele , die ich einst gesungen in der fernen , schönen Jugendzeit , dann taucht sie lebendig vor mir auf , so zauberhaft , so schön wie damals . Dann reite ich wieder auf feurigem Pferde neben ihm durch den Wald , dann sieht wieder der Mond hernieder und zeigt mir sein liebes , dunkles Auge , und in mein Ohr tönen jene herzlichen Worte , die das Herz nie vergessen kann . Wohl mir , daß ich sie einmal durchleben durfte , jene berauschende Zeit , nicht jede hat solche Erinnerungen in ihrem Unglück . Und jetzt sind sie alle tot die anderen , tot die stolze Frau v. Bendeleben , tot auch die schöne gefeierte Fürstin Ruth , tot des Pfarrers sorgliche Hausfrau und der bravste Freund , Heinrich v. Bergen – die einen noch jung , die anderen schon müde vom Leben . Nur der Pastor Renner lebt noch und Ihre alte Freundin mit den weißen Haaren . Uns beide wird Gott auch bald abrufen . Und wenn erst ein grüner Hügel über dem Sarge sich wölbt , dann wird niemand ahnen , welche Freude und welcher Kummer einst die Herzen bewegte , die nun so still geworden sind . Ach , ich wünschte mir nur eines , aber das kann ja nicht in Erfüllung gehen : ich möchte einst neben Eberhardt auf dem stillen Kirchhofe liegen ; doch – es ist ja nicht möglich . Und nun verzeihen Sie mir , daß diese meine Erzählung so lang , so ausführlich geworden – ich kam wieder hinein in die alten Erinnerungen , möchten sie doch nicht zu langweilig sein für Sie . Leben Sie wohl , herzlich wohl . Ich wünsche , daß die milde Luft Italiens Ihre Frau Mutter stärke und kräftige . Bleiben Sie nicht zu lange mehr aus und denken Sie manchmal an Ihre einsame alte Freundin . Gott befohlen und auf Wiedersehen in herzlicher Liebe Ihre Margarete Siegismund . Ich habe sie nicht wieder gesehen , meine alte Freundin , deren rührende Geschichte die vorstehenden Blätter enthalten . Mein Aufenthalt in Italien dehnte sich über den ganzen Winter ans . Mein Mann nahm später Urlaub und kam uns nach , er brachte mir Grüße und einen Brief von der lieben Nachbarin . Es sollte der letzte sein , den ich von ihr empfing . Ich bekam keine Antwort auf meine verschiedenen Schreiben , und dann im März von fremder Hand einige Zeilen , denen man es ansah , daß sie beim Schreiben gezittert hatte . Sie meldete mir , daß meine gute , alte Freundin dieses unvollkommene Leben mit dem besseren Jenseits vertauscht habe – sie habe noch herzlich meiner gedacht und den Schreiber dieser Zeilen beauftragt , mir ihre letzten Grüße zu überbringen und den Dank für manche heitere Stunde , die sie durch mich an ihrem stillen Lebensabend genossen habe . Sie ruhe auf dem Gottesacker zu Weltzendorf – war noch hinzugefügt – neben ihren Eltern und Kathrin . Unterzeichnet war der Brief : Friedrich Renner , Pastor emer . Weltzendorf , den 26. März 1875 . Meine Tränen fielen auf die unsicheren Schriftzüge , und aufrichtig war meine Trauer . Ich hatte sie recht von Herzen liebgehabt , die einsame alte Dame , die so viel Trübes erlebte in der Welt . Möge sie ruhen in Gottes Frieden ! – Frühling war es , als wir wieder in unsere Heimat einkehrten , und was für ein Frühling ! Die ganze Atmosphäre war erfüllt von Blütenduft , die Sträucher und Bäume schimmerten im hellsten Grün und die Festungswälle sahen ganz blau aus von all dem Flieder , der dort blühte . Uns gegenüber in der Wohnung , wo sonst das alte liebe Gesicht herausschaute , stand ein junges Mädchen mit langen , goldblonden Zöpfen und putzte die Fensterscheiben spiegelblank , während sie vergnügt und unbekümmert um die Leute in die warme Luft hinaussang : Mein Herz , tu dich auf , laß den Frühling herein ! Es wohnten schon wieder andere Menschen drüben . Es bleibt eben kein Fleckchen leer , und wenn einer geht aus diesem Leben , wie bald ist keine Lücke mehr zu erkennen ! Es tat mir weh , dieser Anblick , so anmutig das Bild auch war , und ich habe noch manche Träne geweint , ehe ich mich daran gewöhnte , das alte , freundliche Gesicht dort nicht mehr zu sehen . Während dieser schönen Frühlingstage wurde in einem heiteren Kreise unserer Freunde eine Landpartie beschlossen . Verschiedene hübsche Punkte der Umgegend wurden ins Auge gefaßt ; endlich schlug irgend jemand Weltzendorf vor , und zu meiner größten Freude ging dieser Vorschlag durch . An einem sonnigen , blauen Maitage rollten wir unter blühenden Obstbäumen dem Ziele unseres Ausfluges zu . Ich war still im Gegensatz zu der anderen Gesellschaft , ich dachte daran , daß ich den Ort sehen sollte , wo meine alte Freundin gelebt und geliebt und wo sie nun auch ihre letzte Ruhestätte gefunden hatte . Im Wagenkasten lag ein Kranz von Frühlingsblumen , den ich auf ihr Grab legen wollte . Gespannt sah ich die grauen Mauern des stattlichen Schlosses aus dem lichten Grün der Linden und Kastanien auftauchen , das große Dorf lag wie begraben unter Blütenbäumen und der kleine Kirchturm ragte schlank darüber weg in den blauen Himmel hinein , wie ein Hirt , der seine Herde bewacht . – – Wir fuhren in das Dorf , stiegen am Wirtshause aus , und eine kleine , saubere Dirne zeigte uns den Weg zu dem Park , den der jetzige Besitzer ( vermutlich einer der hoffnungsvollen Armbrustschützen ) galanterweise uns zur Verfügung gestellt hatte . Auf dem Rasen standen Tische und Bänke , und in buntem Durcheinander wurde der landesübliche Kaffee mit Bergen von Kuchen vertilgt . Die Regimentsmusik spielte die lustigsten Weisen zum Ergötzen der ganzen Einwohnerschaft des Dorfes , die sich zahlreich jenseits des kleinen Flüßchens , der hier die natürliche Grenze des Parkes bildet , versammelt hatte . Ich allein war zerstreut , ich mußte ja immer an die denken , die hier einst gewohnt . Und wenn mein Auge in das Dunkel der prachtvollen Baumgruppen tauchte , dann war es mir immer , als müßte dort eine schlanke Mädchengestalt im blaßblauen Kleide mit den dunklen Flechten um den Kopf heraustreten . Oder es müßten ein paar Reiterinnen die Allee entlang brausen mit blitzenden Augen und dem Übermut der Freude auf den rosigen Gesichtchen , die schlanken Gestalten Eberhardts und Bergens ihnen zur Seite . – Dort auf dem kleinen Balkon , der so keck an dem Turm klebt , hatte sie wohl gestanden , die erste unverständliche Sehnsucht der Liebe im Herzen , und zu den Sternen aufgeschaut . Hier auf diesem Platze vielleicht hatte sie den ersten Brief gelesen , und an jener kleinen Brücke war es , wo sie in dunkler , stürmischer Nacht bewußtlos zusammensank , als ihr beinahe das Herz brach über seine Untreue . Gegen Abend schlich ich mich heimlich fort aus dem Kreise der Tanzenden , ließ mir den Blumenkranz aus dem Wagen reichen und suchte mir eine kleine Dirne , die mich nach dem Kirchhof geleiten sollte . Ich ging , mein leichtes Sommerkleid auf der staubigen Straße zusammenraffend , hinter dem kleinen Flachskopf her . – » Das ist das Pfarrhaus « , sagte das Kind nach einem Weilchen und wies auf ein leidlich schmuckes Häuschen , dessen Fenster mit wildem Wein fast zugewachsen waren . Die alte Linde stand noch in dem kleinen Vorgarten und beschattete eine Bank , auf der ein etwa zwölfjähriges Mädchen , eifrig im Gesangbuche lesend , saß , während die frischen Lippen sich leise bewegten , als lerne es auswendig . Ich war stehengeblieben . Als das Kind mich bemerkte , stand es rasch auf , machte einen verlegenen Knicks und lief schleunigst und dunkelrot mit seinem Buche in die geöffnete Haustür hinein . Nun wandte ich mich nach dem gegenüberliegenden Hause , das mußte ja ihr Vaterhaus sein – auch dies lag tief im Schatten zweier Linden , die zu beiden Seiten der alten Sandsteintreppe standen . Die Fenster waren weit geöffnet und ließen die milde Fruhlingsluft hinein . An einem derselben saß im Lehnstuhl ein alter Mann mit schneeweißem Haar und sah gespannt nach mir herüber . Dann erhob er sich und trat gleich darauf vor die Haustür . Ich ging hinüber und stand vor dem Greise , der sein schwarzes Käppchen vom Haupte nahm und mit freundlicher Stimme fragte : » Sie sind gewiß die junge Freundin von Fräulein Siegismund ? Ich habe Sie schon lange erwartet und will Sie gern zum Kirchhof begleiten . « Er reichte mir die Hand und schritt dann rüstig neben mir her , die hohe Gestalt noch ungebeugt , das Auge klar und mit einem forschenden Ausdruck auf mich gerichtet . » Ich bin noch gerade zur rechten Zeit gekommen , um meiner alten Freundin die Augen zuzudrücken « , fuhr er dann fort . » Sie hat mir viel Liebes und Gutes von Ihnen erzählt , und ich freue mich , daß sie noch spät ihr Herz jemandem erschlossen hat . – Ich habe sie dann mit hierhergenommen in ihre Heimat . Mag ihr die Ruhe hier sanft sein auf dem kleinen Kirchhof , wo sie als Kind schon gespielt hatte . – Hier ist das Grab « , fügte er hinzu und zeigte auf einen mit frischem Rasen belegten Hügel , » dort ruhen ihre Eltern , und dies hier ist Kathrins Ruhestätte . « Ich trat näher und legte meinen Kranz auf den weißen Marmor des einfachen Steines . » Margarete Siegismund « , las ich leise , » geboren den 30. Mai 1812 , gestorben den 25. März 1875 . Selig sind , die da Leid tragen ; denn sie sollen getröstet werden . « Mir liefen still die Tränen aus den Augen , ein unendlich wehmütiges Gefühl hatte mich ergriffen . Der alte Mann neben mir schaute stumm auf das Grab , dann sagte er leise : » Weinen Sie nur , mein liebes Kind , sie ist es