überall war Leben , während des ganzen Tages alles in Bewegung . Durch die einst so stille Galerie , in die Vorderzimmer , die sonst keine Seele bewohnt , konnte niemand gehen , ohne einer zierlichen Kammerjungfer , einem eleganten Kammerdiener zu begegnen . In der Küche , in der Vorratskammer des Kellermeisters , in der Halle der Dienstboten , in der großen Eintrittshalle , – überall dasselbe Leben ; in den Salons war nur Ruhe und Frieden , wenn der blaue Himmel und der halcyonische Sonnenschein des herrlichen Frühlingswetters die Gäste in den Park hinausriefen . Selbst als das schöne Wetter zu Ende war und fortwährender Regen für einige Tage das Regiment hatte , schien das Vergnügen keine Einbuße erlitten zu haben . Die Zerstreuungen im Hause wurden nur noch zahlreicher und lustiger und mannigfaltiger , nachdem den Belustigungen draußen ein Ende gemacht worden war . Ich hörte mit Erstaunen , wie zum erstenmal eine Abwechselung in den abendlichen Vergnügungen vorgeschlagen wurde ; sie sprachen davon » Charaden aufführen « zu wollen , aber in meiner Unwissenheit verstand ich den Ausdruck nicht . Die Diener wurden hereingerufen , die Speisetische beiseite gerollt , die Kerzen und Girandoles anders plaziert , die Stühle dem Thürbogen gegenüber in einem Halbkreise aufgestellt . Während Mr. Rochester und die anderen Herren diese Veränderungen anordneten , liefen die Damen treppauf , treppab , und riefen nach ihren Kammerjungfern , Mrs. Fairfax wurde herbeigerufen , um Auskunft zu geben über die Hilfsquellen , welche das Haus an Shawls , Kleidern und Draperien aller Art zu bieten vermochte ; im dritten Stockwerk wurden gewisse Garderoben durchsucht , und die Abigails brachten ganze Arme voll Brokatschleppen , Atlasröcke , seidene Casaques , Spitzenüberwürfe und schwarze Umhüllen herunter ; dann wurde eine Auswahl getroffen , und die ausgesuchten Sachen , die dem gewünschten Zweck entsprechen konnten , wurden in das Boudoir hinter den Salon gebracht . Inzwischen hatte Mr. Rochester die Damen wieder um sich versammelt und suchte eine Anzahl von ihnen heraus , die zu seiner Abteilung gehören sollten . » Miß Ingram ist natürlich die meine , « sagte er ; später ernannte er dann noch die beiden Miß Eshton und Mrs. Dent . Dann sah er mich an . Zufällig stand ich in seiner Nähe , da ich gerade damit beschäftigt war , das Schloß von Mrs. Dents Armband , das geöffnet war , wieder zu schließen . » Wollen Sie mitspielen ? « fragte er . Verneinend schüttelte ich den Kopf . Er drang nicht weiter in mich , wie ich gefürchtet hatte , daß er es thun würde , sondern gestattete mir , ruhig auf meinen gewöhnlichen Sitz zurückzukehren . Nun zogen er und seine Helfershelferinnen sich hinter den Vorhang zurück . Die andere Abteilung , welche von Oberst Dent angeführt wurde , nahm auf den im Halbkreise aufgestellten Stühlen Platz . Als einer der Herren , Mr. Eshton , meiner ansichtig wurde , schien er vorzuschlagen , daß man mich auffordern solle mit von der Partie zu sein ; aber Lady Ingram wies diesen Vorschlag sofort zurück . » Nein , « hörte ich sie sagen , » sie sieht zu dumm aus für irgend ein Spiel dieser Art. « Es währte nicht lange , so erklang eine Glocke und der Vorhang wurde aufgezogen . Innerhalb des Thürbogens gewahrte man die große Gestalt Sir George Lynns , welchen Mr. Rochester ebenfalls gewählt hatte , in ein weißes Betttuch gehüllt . Vor ihm auf dem Tische lag ein großes , aufgeschlagenes Buch , und ihm zur Seite stand Amy Eshton , die sich in Mr. Rochesters Rock drapiert hatte und ein Buch in der Hand hielt . Eine unsichtbare Gestalt läutete eine lustig klingende Glocke ; dann kam Adele ( welche darauf bestanden hatte , zur Gesellschaft ihres Vormundes gezogen zu werden ) nach vorn und streute den Inhalt eines Blumenkorbes aus , den sie am Arm getragen hatte . Und jetzt erschien die prächtige Figur Miß Ingrams , ganz in weiß gekleidet ; ein langer , weißer Schleier wallte von ihrem Haupte , eine Guirlande von Rosen umkränzte ihre Stirn ; ihr zur Seite schritt Mr. Rochester und beide näherten sich dem Tische . Sie knieten nieder , während Louisa Eshton und Mrs. Dent , die ebenfalls in weiß gekleidet waren , hinter ihnen Aufstellung nahmen . Hierauf folgte eine stumme Ceremonie , aus welcher man leicht erriet , daß es die pantomimische Darstellung einer Trauung sei . Gegen den Schluß hin berieten Oberst Dent und seine Gesellschaft während einiger Minuten im Flüsterton ; dann rief der Oberst : » Bride ! « ( Braut ) Mr. Rochester verneigte sich und der Vorhang fiel nieder . Eine geraume Zeit verfloß , bevor er aufs neue in die Höhe ging . Die Scene , welche sich jetzt dem Auge darbot , war ungleich sorgsamer vorbereitet als die vorhergehende . Wie ich bereits erwähnt habe , schritt man über zwei Stufen von dem Speisesaal in das Gesellschaftszimmer hinauf . Auf der oberen dieser beiden Stufen stand jetzt eine große , prächtige Marmorschale , in welcher ich einen Schmuck des Gewächshauses wieder erkannte . Dort stand sie gewöhnlich von Goldfischen belebt und von seltenen exotischen Pflanzen umgeben . Sie war von enormer Größe und schwerem Gewicht und ihr Transport in die Gesellschaftsräume mußte viel Mühe und Zeit gekostet haben . Zur Seite dieses Marmorbassins saß auf dem Teppich Mr. Rochester , in Shawls gehüllt , einen Turban auf dem Kopfe . Seine dunklen Augen , die bräunliche Hautfarbe , seine heidnischen Gesichtszüge paßten ausgezeichnet zu diesem Kostüm . Er war das gelungenste Bild eines orientalischen Emirs ; der Absender oder das auserkorene Opfer eines Pfeils . Und jetzt erschien auch Miß Ingram auf der Scene . Sie hatte ebenfalls eine orientalische Tracht angelegt ; eine purpurrote Schärpe war um die Taille geschlungen ; ein reich gesticktes Tuch um den Kopf geknüpft ; ihre herrlich geformten Arme waren bloß , der eine stützte einen Krug , den sie mit der vollkommensten Anmut auf dem Haupte trug . Sowohl ihre Gestalt wie ihre Züge , ihre Gesichtsfarbe und ihr ganzes Aussehen weckten den Gedanken an eine israelitische Prinzessin aus den Tagen der Patriarchen . Und eine solche sollte sie zweifelsohne auch darstellen . Sie näherte sich dem Marmorbassin und beugte sich über dasselbe , wie um ihren Krug zu füllen . Dann hob sie ihn wieder auf das Haupt empor . Die Gestalt am Brunnen schien jetzt zu ihr zu reden , ihr eine Bitte vorzutragen : Und sie sprach : » Trinke mein Herr ; « und eilend ließ sie den Krug hernieder auf ihre Hand , und gab ihm zu trinken . Dann zog er aus den Falten seines Gewandes ein Juwelenkästchen , öffnete es und ließ kostbare Armspangen und Ringe vor ihren Augen funkeln . Sie spielte Erstaunen und Bewunderung ; er kniete nieder und legte ihr die Schätze zu Füßen ; ihre Blicke und Geberden drückten Ungläubigkeit , Entzücken und Zögern aus . Der Fremde legte die Spangen um ihre Arme und befestigte die Ringe in ihren Ohren . Es waren Eleazar , der Knecht Abrahams , und Rebekka ; nur die Kamele fehlten . Die ratende Gesellschaft steckte wieder die Köpfe zusammen ; augenscheinlich konnten sie sich nicht über das genaue Wort oder die Silbe einigen , welche dieses Bild illustrieren sollte . Oberst Dent , der Sprecher , verlangte » das tableau des Ganzen ; « und hierauf fiel der Vorhang wiederum . Als er zum drittenmal in die Höhe ging , war nur ein Teil des Gesellschaftszimmers sichtbar . Der übrige Raum war durch einen Wandschirm verdeckt , der mit einer groben , düsteren Draperie verhängt war . Das Marmorbassin , welches im letzten Bilde den Brunnen vorgestellt hatte , war entfernt worden , an seiner Stelle stand ein roh gezimmerter Holztisch und ein Küchenstuhl . Diese Dinge erblickte man bei dem Lichte , welches eine alte Stalllaterne gab ; sämtliche Wachskerzen waren ausgelöscht . Inmitten dieser elenden Umgebung saß ein Mann , seine geballten Fäuste ruhten auf den Knieen ; seine Blicke waren auf den Boden geheftet . Ich erkannte Mr. Rochester trotz seines besudelten Gesichts , seiner unordentlichen Kleidung ( der Rock hing lose vom Rücken herab , gleichsam als wäre er ihm in einer Rauferei beinahe vom Leibe gerissen ) , ich erkannte ihn trotz des verzweifelten , düsteren Gesichtsausdrucks , des wild und verworren um die Stirn hängenden Haars . Als er sich bewegte , klirrte eine Kette ; auch an den Händen trug er Fesseln . » Bridewell ! « [ Fußnote ] rief Oberst Dent aus , und die Charade war gelöst . Eine geraume Zeit verstrich , während welcher die Darsteller des lebenden Bildes ihre Gesellschaftskleider wieder anlegten . Endlich traten sie wieder in den Speisesaal . Mr. Rochester führte Miß Ingram am Arm ; sie machte ihm große Komplimente über seine Darstellungskunst . » Wissen Sie , daß mir von Ihren drei Figuren die letzte bei weitem am besten gefiel ? Ah ! Wenn Sie doch um einige Jahre früher gelebt hätten ! Welch ein prächtiger , stattlicher , tapferer Wegelagerer wären Sie gewesen ! « » Habe ich allen Ruß aus meinem Gesicht gewaschen ? « fragte er und wandte ihr sein Antlitz zu . » Ach , ja ! Aber es ist jammerschade drum ! Sie können nichts finden , was Sie besser kleidete , als die Schminke jenes Raufbolds . « » Sie könnten also einen Held von der Landstraße , einen Wegelagerer , lieben ? « » Ein englischer Wegelagerer käme gleich nach einem italienischen Banditen ; und dieser könnte wiederum nur von einem levantinischen Piraten übertroffen werden . « » Nun , was ich auch sein mag , vergessen Sie nicht , daß Sie mein Weib sind ; in Gegenwart all dieser Zeugen ist vor einer Stunde unsere Trauung vollzogen worden . « Sie kicherte und ein tiefes Rot bedeckte ihre Wangen . » Jetzt ist die Reihe an Ihnen , Dent , « fuhr Mr. Rochester fort . Als der andere Teil der Gesellschaft sich nun zurückzog , nahm er mit seiner Truppe die leeren Sitze ein . Miß Ingram setzte sich zur Rechten ihres Anführers und Direktors ; die andern » Errater « nahmen die Stühle zu beiden Seiten des schönen Paars . Jetzt hatte ich kein Interesse mehr für die Darsteller auf der improvisierten Bühne ; ich wartete nicht mehr gespannt auf das Aufgehen des Vorhangs ; meine ganze Aufmerksamkeit wurde von den Zuschauern absorbiert ; meine Augen , die vorhin unverwandt auf den großen , gewölbten Bogen gerichtet gewesen , ruhten jetzt wie gebannt auf dem Halbkreis von Stühlen . Ich weiß nicht mehr , welche Charade Oberst Dent und seine Gesellschaft aufführten , welches Wort sie wählten , wie sie sich mit der Sache abfanden , – aber ich sehe noch heute die Beratung vor mir , welche nach jeder Scene folgte ; ich sehe , wie Mr. Rochester sich zu Miß Ingram wandte und Miß Ingram sich zu ihm ; ich sehe , wie sie ihm ihr Haupt zuwandte , bis ihre rabenschwarzen Locken fast auf seiner Schulter ruhten und seine Wangen streiften ; ich höre ihr gegenseitiges Geflüster ; ich rufe mir die Blicke ins Gedächtnis zurück , welche sie miteinander wechselten ; und sogar die Empfindungen , welche mich in jenem Augenblick beherrschten , steigen in der Erinnerung von neuem in meiner Seele auf . Mein Leser , ich habe dir gesagt , daß ich gelernt hatte , Mr. Rochester zu lieben ! Und ich konnte dies Gefühl jetzt doch nicht in mir ersticken , nur weil ich fand , daß er gänzlich aufgehört hatte , meine Gegenwart zu bemerken – weil ich stundenlang in seiner Nähe weilen konnte , ohne daß er auch nur ein einzigesmal einen Blick zu mir herübersandte – weil ich sah , wie seine ganze Aufmerksamkeit sich auf eine schöne und vornehme Dame concentrierte , die mich nicht einmal für würdig hielt , den Saum ihres Gewandes zu berühren , wenn sie stolz an mir vorüberrauschte ; die ihr dunkles , herrschsüchtig gebieterisches Auge sofort von mir abwandte , wenn ein Blick aus demselben mich zufällig traf , als ob ich ein Gegenstand sei , der zu gering , zu unbedeutend für die Betrachtung eines so hochstehenden Wesens . Ich konnte nicht aufhören , ihn zu lieben , nur weil ich sicher war , daß er diese Dame binnen kurzem heiraten werde – weil ich täglich aus der stolzen Sicherheit ihrer Haltung sah , daß sie über seine Pläne und Absichten in Bezug auf sie vollständig im Reinen war – weil ich stündlich Zeugin seiner Huldigungen war , die , wenn auch nachlässig , gerade durch diese Nachlässigkeit berückend und durch ihren Stolz unwiderstehlich waren . Diese Umstände brachten nichts mit sich , das meine Liebe hätte abkühlen oder ersticken können ; nein , sie brachten nur tiefinnerste Verzweiflung . Und , mein Leser , vielleicht meinst du auch , sie hätten mir Eifersucht bringen können , wenn ein Mädchen in meiner Stellung überhaupt auf ein Weib wie Miß Ingram eifersüchtig zu sein hatte wagen können . Aber ich war nicht eifersüchtig , – oder doch nur sehr selten , – die Art des Schmerzes , welchen ich empfand , würde durch dieses Wort schlecht bezeichnet gewesen sein . Miß Ingram stand sozusagen um eine Linie unter dem Niveau der Eifersucht ; sie war zu untergeordnet in geistiger Beziehung , um dies Gefühl erwecken zu können . Verzeih mir die anscheinende Paradoxe , lieber Leser – aber ich meine , was ich sage . Sie war sehr glänzend , aber sie war nicht natürlich ; sie war eine herrliche Erscheinung , sie hatte mehrere ausgezeichnet ausgebildete Talente ; aber ihre Seele , ihr Gemüt waren armselig , ihr Herz war trocken und empfindungslos von Natur , nichts blühte und grünte auf diesem Boden , er brachte keine erfrischenden , natürlichen Früchte hervor . Sie war nicht gut , sie war nicht ursprünglich ; sie pflegte volltönende Phrasen aus Büchern zu wiederholen ; sie sprach niemals eine eigene Meinung aus ; sie hatte keine eigene Meinung . Sie schlug einen hohen Gefühlston an , aber sie kannte nicht das Gefühl der Sympathie und des Mitleids ; Wahrheit und Zärtlichkeit waren nicht in ihr . Nur zu oft verriet sie dies , indem sie der trotzigen Antipathie , welche sie ungerechterweise gegen die kleine Adele gefaßt hatte , freien Lauf ließ ; mit verächtlichen Schimpfworten stieß sie das Kind von sich , wenn es sich ihr zufällig näherte ; oft schickte sie sie aus dem Zimmer und immer behandelte sie sie mit unveränderlicher Kälte , mit Bitterkeit und beißendem Spott . Andere Augen außer den meinen beobachteten diese Kundgebungen ihres Charakters noch – beobachteten sie genau , scharfsichtig und fein . Ja , der künftige Gatte , Mr. Rochester selbst , übte eine strenge und unaufhörliche Wachsamkeit über seine Braut aus ; und aus dieser klugen Überlegung – dieser seiner Vorsichtigkeit – dieser vollkommen klaren Erkenntnis der Mängel und Fehler seiner Angebeteten – dieser in die Augen fallenden Leidenschaftslosigkeit seiner Gefühle für sie – aus diesem allem entsprang mein grenzenloser Schmerz , meine nicht enden wollende Pein . Ich sah ein , daß er sie heiraten würde , aus Rücksichten auf die Familie , vielleicht auch aus politischen Gründen ; ihr Rang und ihre Verbindungen sagten ihm zu . Ich fühlte , daß er ihr seine Liebe nicht geschenkt hatte , und daß ihre Eigenschaften auch nicht geeignet waren , ihm dies Gefühl abzuringen . Diesen Schatz würde er ihr niemals zu eigen geben ! Und dies war der Punkt – dies war es , wo der Nerv berührt wurde und schmerzte – dies war es , was das Fieber nährte und steigerte : er konnte sie nicht lieben ! Wenn sie den Sieg mit einem Schlage errungen hätte , wenn er sich ergeben und sein Herz ihr zu Füßen gelegt hätte , so würde ich mein Antlitz bedeckt und der Wand zugewendet haben , um zu sterben , für sie zu sterben ( figürlich , mein verehrter Leser ) . Wenn Miß Ingram ein gutes und edles Weib gewesen wäre , mit Kraft und Mut und Innigkeit und Zärtlichkeit und Verstand begabt , so würde ich nur einen entscheidenden Kampf mit zwei Ungeheuern – mit der Eifersucht und der Verzweiflung zu bestehen gehabt haben . Ich hätte mir das Herz aus der Brust gerissen , um es zu zertreten – und dann hätte ich sie bewundert , angebetet , ich hätte ihre Überlegenheit anerkannt und wäre für den Rest meiner Tage in Frieden gewesen – und je absoluter ihre Überlegenheit , desto tiefer wäre meine Bewunderung gewesen – desto ruhiger meine Ergebenheit . Aber wie die Dinge jetzt lagen – Zeuge der Anstrengungen sein zu müssen , welche Miß Ingram machte , um Mr. Rochester zu fesseln , und das öftere Mißlingen derselben zu gewahren – zu sehen , wie sie in der Einbildung lebte , daß jeder Pfeil traf , ins Schwarze traf , und wie sie sich mit ihren eingebildeten Erfolgen brüstete , während ihr Hochmut und ihre Selbstgefälligkeit das weiter und weiter von ihr entfernten , was sie anzulocken wünschte – Zeuge von all diesem zu sein , hieß in einer fortwährenden Erregung , unter einem erbarmungslosen Zwange leben . Denn ich sah , wie es ihr möglich gewesen sein würde , den Sieg zu erringen , während sie nur eine Niederlage erlitt . Pfeile , welche fortwährend von Mr. Rochesters Brust abprallten und wirkungslos zu seinen Füßen niederfielen , würden sein stolzes Herz getroffen und schwer verwundet haben , wenn eine sichere Hand sie abgeschossen hätte , das wußte ich ; sie würden Liebe aus seinen kalten Augen haben leuchten lassen und seinem sarkastischen Antlitz den Stempel der Innigkeit aufgedrückt haben . Oder noch besser , – ein stiller Sieg wäre ohne Waffen errungen worden . » Weshalb kann sie nicht mehr Einfluß über ihn gewinnen , wenn sie doch bestimmt ist , ihm einmal so nahe zu stehen ? « fragte ich mich . » Gewiß , sie kann ihn nicht wahrhaft lieben , wenigstens ihn nicht mit der echten , rechten Liebe lieben ! Denn wenn dies der Fall wäre , so brauchte sie nicht so künstlich zu lächeln ; ihm nicht unaufhörlich solche Blitzesblicke zuzuwerfen , ihre Mienen , ihre Attitüden , ihre Bewegungen ohne Unterlaß zu studieren . Mir ist , als würde sie seinem Herzen näher rücken , wenn sie ruhig an seiner Seite weilte und weniger spräche und weniger kühn blickte . Ich habe in seinem Antlitz einen Ausdruck gesehen , der sehr verschieden war von der harten , versteinerten Miene , die er jetzt gar oft annimmt , wenn sie so eindringlich und lebhaft zu ihm spricht – aber jener Ausdruck kam von innen heraus , er war nicht künstlich hervorgezaubert durch verführerische Lockungen und berechnete Manöver ; und man brauchte ihn nur hinzunehmen – ihm ohne Prätension zu antworten , wenn er fragte , ihn ohne Grimassen anzureden , wenn es nötig war – und jener Ausdruck wurde freundlicher und liebevoller und erwärmte einen wie ein nährender Sonnenstrahl . Wie wird es ihr denn gelingen , ihm zu gefallen , wenn sie erst verheiratet sind ? O nein , es wird ihr nicht gelingen , dessen bin ich sicher – aber es könnte gelingen , und wahrhaftig , ich glaube , seine Gattin könnte das glücklichste Weib sein , dessen Fuß auf unserer Erde wandelt . « Bis jetzt habe ich noch kein verdammendes Urteil über Mr. Rochesters Plan gefällt , um der Familienverbindungen und anderer materieller Interessen willen eine Heirat zu schließen . Ich war aufs höchste erstaunt , als ich zuerst seine Absicht entdeckte . Ihn hatte ich für einen Mann gehalten , bei dem es nicht wahrscheinlich war , daß er sich bei der Wahl einer Gattin von so gewöhnlichen Motiven würde leiten lassen ; aber je länger ich die Stellung , die Erziehung u. s. w. der beiden Parteien in Betracht zog , desto weniger fühlte ich mich berechtigt , ihn oder Miß Ingram zu beurteilen oder zu verdammen , weil sie in Übereinstimmung mit den Grundsätzen und Ideen handelten , welche ihnen ohne Zweifel seit ihrer Kindheit eingeimpft waren . Die ganze Gesellschaftsklasse , zu welcher sie gehörten , huldigte diesen Grundsätzen ; folglich mußten sie doch auch eine Begründung für dieselben haben , wenn ich sie auch allerdings nicht ergründen konnte . Mir schien es , daß ich nur ein Weib an mein Herz ziehen würde , das ich lieben könnte , wenn ich ein Mann wäre wie er ; aber die Augenscheinlichkeit der Vorteile für das Glück des Mannes , welche in diesem Heiratsplane lagen , überzeugten mich , daß es Argumente gegen die allgemeine Annahme solcher Ansichten geben müsse , Argumente , von denen ich keine Ahnung hatte – denn sonst hätte doch die ganze Welt so handeln müssen , wie ich gewünscht , daß sie handeln möchte . Aber in Bezug auf diesen Punkt sowohl wie auf manchen anderen wurde ich meinem Brotherrn gegenüber sehr nachsichtig . Ich vergaß und übersah all seine Fehler , für die ich doch einst ein so scharfes Auge gehabt hatte . Früher hatte ich mich bemüht , alle Seiten seines Charakters zu studieren , die schlechten mit den guten in den Kauf zu nehmen , und aus dem genauen Abwägen der einen gegen die anderen ein gleichmäßiges und gerechtes Urteil zu fällen . Jetzt sah ich keine schlechten Eigenschaften mehr . Der Sarkasmus , der mich einst zurückgestoßen , die Härte , die mich erschreckt und eingeschüchtert , erschienen mir jetzt nur wie die notwendige Würze eines köstlichen , seltenen Gerichts : ihr Vorhandensein machte es scharf , ihr Fehlen würde es aber geschmacklos und fade gemacht haben . Und jenes vage Etwas , das ein sorgsamer Beobachter dann und wann in seinem Blicke entdeckte , um es schnell wieder verschwinden zu sehen , ehe er noch jene seltsame , geheimnisvolle Tiefe ergründen konnte , – jenes Etwas , das mich mit Furcht und Schrecken erfüllt hatte , wie wenn ich auf vulkanischem Boden gewandelt und plötzlich die Erde unter meinen Füßen hätte erbeben und einen Abgrund sich vor mir hätte öffnen sehen , – jenes Etwas , ich sah es zuweilen noch jetzt , aber mein Herz klopfte vor Jammer und Mitgefühl , – es lähmte meine Nerven nicht mehr . Ich wußte nicht , ob es ein finsterer oder ein trauriger Ausdruck , ein hinterlistiger , verschmitzter , oder ein verzweifelter sei ; aber ich scheute mich jetzt nicht mehr davor , ich sehnte mich nur grenzenlos danach , ihn ergründen zu können ; ich pries Miß Ingram überglücklich , weil es ihr eines Tages vergönnt sein würde , in jenen Abgrund zu blicken , sein Geheimnis ergründen und seinen Jammer heilen zu dürfen . Während ich nur an meinen Herrn und seine künftige Gemahlin dachte , nur sie sah , nichts hörte als ihre Zwiegespräche und nur ihrem Thun und Lassen eine Wichtigkeit und Bedeutung beilegte , war der übrige Teil der Gesellschaft mit ihrem eigenen Vergnügen und ihren Sonderinteressen beschäftigt . Die Ladies Lynn und Ingram fuhren fort , die feierlichsten Konferenzen miteinander abzuhalten ; sie wiegten ihre Turbane hin und her und erhoben ihre vier Hände in Erstaunen oder Entrüstung , oder Geheimthuerei oder Entsetzen und Schrecken – je nach dem Gegenstande , um welchen ihre wichtige Unterhaltung sich drehte . Die beiden Damen bewegten sich wie zwei durch ein Vergrößerungsglas betrachtete Marionetten . Die milde Mrs. Dent unterhielt sich mit der gutmütigen Mrs. Eshton ; und von diesen beiden erhielt ich zuweilen einen gütigen Blick , ein freundliches Wort . Sir George Lynn , Oberst Dent und Mr. Eshton diskutierten über Politik oder Angelegenheiten ihrer Grafschaft oder Rechtssachen . Lord Ingram kokettierte mit Amy Eshton . Louisa sang und spielte mit einem der jungen Herren Lynn , und Mary Ingram horchte gelangweilt auf die zierlichen , wohlgesetzten Redensarten des andern . Und zuweilen gaben diese alle , wie auf Verabredung , ihr Zwischenspiel auf , um den Hauptträgern der Handlung zuzuhören und sie zu beobachten ; denn trotz allem waren Mr. Rochester und Miß Ingram – diese nur , weil sie ihm so nahe stand – die Seele und das Leben der Gesellschaft . Wenn er sich auch nur für eine Stunde aus dem Gesellschaftszimmer entfernte , so schien eine sehr bemerkbare Verstimmung und Gelangweiltheit sich seiner Gäste zu bemächtigen ; und sein Wiedereintritt gab der Unterhaltung augenblicklich einen lebhaften Impuls wieder . Das Fehlen seines belebenden Einflusses schien sich ganz besonders eines Tages bemerkbar zu machen , als er sich in dringenden Geschäftsangelegenheiten hatte nach Millcote begeben müssen und erst spät am Abend zurückerwartet wurde . Der Nachmittag war regnerisch gewesen ; ein Spaziergang , welchen die Gesellschaft nach einem Zigeunerlager , das auf einer Wiese jenseits Hay aufgeschlagen war , geplant hatte , mußte infolge des Regens aufgegeben werden . Einige der Herren hatten sich in die Ställe begeben ; die Jüngeren spielten mit den jungen Damen im Billardzimmer Billard . Die verwitweten Damen Lynn und Ingram suchten Trost in einem ruhigen Spielchen . Nachdem Blanche Ingram durch ihre mürrische Schweigsamkeit einige Versuche zurückgeschlagen hatte , welche Mrs. Dent und Mrs. Eshton gemacht , um sie in die Konversation zu ziehen , hatte sie anfangs einige sentimentale Lieder und Melodien zur Klavierbegleitung gesummt ; dann war sie plötzlich aufgesprungen , hatte einen Roman aus ihrem Zimmer geholt , und jetzt lag sie in hochmütiger Gleichgültigleit auf einem Sofa hingestreckt und versuchte sich die langsam hinschleichenden Stunden seiner Abwesenheit mit jenem Romane zu vertreiben . Im Zimmer und im ganzen Hause herrschte Ruhe . Nur zuweilen drang ein fröhliches Lachen aus dem Billardzimmer bis zu uns herunter . Es begann schon zu dämmern , die Glocke hatte bereits das Zeichen zum Ankleiden für die Dinerstunde gegeben , als die kleine Adele , welche neben mir auf einem Sitze in der Fenstervertiefung kniete , plötzlich fröhlich ausrief : » Voilà , Monsieur Rochester qui revient ! « Ich wandte mich um und sah , wie Miß Ingram mit der größten Eilfertigkeit von ihrem Sofa aufsprang . Auch die Übrigen blickten von ihren verschiedenen Beschäftigungen auf , denn im selben Augenblick wurde ein Knirschen von Rädern und platschende Huftritte draußen auf dem durchweichten Kieswege vor dem Hause hörbar . Eine Postchaise fuhr vor . » Was mag ihm nur eingefallen sein , auf diese Weise nach Hause zu kommen ! « sagte Miß Ingram . » Er ritt Mesrour , den Rappen , nicht wahr ? Und Pilot war doch bei ihm , als er fortritt ? Was kann er mit den Tieren angefangen haben ? « Indem sie dies sagte , kam sie mit ihrer hohen Gestalt und ihrer ungeheuren Kleiderfülle dem Fenster so nahe , daß ich mich weit zurücklehnen mußte , und fast das Rückgrat gebrochen hätte . In ihrer Aufgeregtheit bemerkte sie mich im ersten Augenblick fast gar nicht , und als ihr Blick denn doch auf mich fiel , verzog sie die Lippen höhnisch und wandte sich einem andern Fenster zu . Die Postchaise hielt an . Der Kutscher zog die Glocke zur großen Eingangsthür und ein Herr in Reisekleidern entstieg dem Gefährt . Aber es war nicht Mr. Rochester , sondern ein großer , schlanker , elegant aussehender Mann , ein Fremder . » Wie ärgerlich ! « rief Blanche Ingram aus , » du langweiliger , kleiner Affe ! « ( dies galt der armen , kleinen Adele ) » wer hat dich dort in das Fenster gesetzt , damit du falschen Allarm bläst ? « und bei diesen Worten warf sie mir einen zornsprühenden Blick zu , als wäre ich die Schuldige gewesen . Jetzt wurde draußen in der Halle ein kurzes Gespräch hörbar , und gleich darauf trat der Fremde ein . Er verbeugte sich tief vor Lady Ingram , die er wahrscheinlich für die älteste der anwesenden Damen hielt . » Es scheint , Madame , daß ich zu sehr ungelegener Zeit komme , « sagte er , » denn mein Freund Rochester ist nicht zu Hause . Aber ich komme von einer sehr langen und ermüdenden Reise , und daher darf ich wohl die Rechte einer sehr alten und intimen Freundschaft geltend machen und mich hier bis zu der Rückkehr meines Freundes installieren . « Er war von ausgesuchter Höflichkeit ; sein Accent schien mir indessen etwas fremdartig – nicht gerade ausländisch aber auch nicht entschieden englisch . Er mochte ungefähr so alt sein wie Mr. Rochester , zwischen dreißig und vierzig ; seine Gesichtsfarbe war seltsam fahl ; sonst war er ein schöner Mann , besonders auf den ersten Blick . Bei näherer Prüfung entdeckte man in seinem Gesicht allerdings etwas , das abstieß , oder vielmehr etwas , das nicht gerade gefiel . Seine Züge waren regelmäßig , aber zu schlaff ; sein Auge war groß und schön geschnitten , aber man las darin , daß er ein nutzloses , leeres , unbedeutendes Leben geführt , – wenigstens erschien es mir so . Der Ton der Ankleideglocke zerstreute die Gesellschaft . Erst nach dem Diner sah ich den Fremden wieder . Um diese Zeit schien er sich bereits ganz heimisch zu fühlen . Aber jetzt gefiel mir seine Physiognomie noch weniger als zuvor ; sie war zugleich unruhig und doch leblos . Seine Blicke wanderten umher , aber man fühlte , daß sie nichts suchten ; das gab ihm einen seltsamen Ausdruck , wie ich noch niemals einen in dem Gesicht eines Menschen beobachtet . Für einen schönen und nicht unliebenswürdigen Mann war er außergewöhnlich abstoßend . Dies glatte , oval geformte Antlitz übte keine Macht aus ; in jener schmalen , gebogenen Nase , in dem kleinen Kirschenmund lag