schaffen ? Es ist so wunderlich ; seitdem das geschehen ist , weiß ich erst , was uns beide , mich und dich , zusammenhält . Da spinnen sich eben Fäden hinüber und herüber , an die keine Hand greifen darf , ohne zu verdorren , wie ' s in der Schrift heißt . Da ist ein Geheimnis , ein heiliges Geheimnis , und verletzt ' ich ' s , so wär mir ' s , als würgt ich nicht nur das Kind in deinem Leib , sondern auch all die ungebetenen Lieder in meiner Brust . Es gibt im Leben jedes Mannes eine Frau , in der ihm die Mutter wieder jung wird , an die ihn eine unsichtbare , unzerreißbare Nabelschnur bindet , und der gegenüber seine Liebe , groß oder klein , sein Haß sogar , seine Gleichgültigkeit zum Phantom wird , wie alles , was wir austeilen , zum Phantom wird an dem , was uns ausgeteilt wird . Und es gibt eine andere Frau , die ist mein Geschöpf , die Frucht meiner Träume , die ist mein Bild , die hab ich aus meinem Blut gezeugt , die ist in mir gelegen wie der Samen in der Blüte , und die muß mein sein , wenn sie sich enthüllt hat , oder ich sterbe vor Einsamkeit und Sehnsuchtswut . « Der maßlose Mensch drückte sein Gesicht in das Kissen und stöhnte : » Die muß mein sein , oder ich steh nimmer auf vom Bett . Aber trät ich über dich hinweg , Gertrud , so müßt ich rufen wie Faust : o , wär ich nie geboren . « Gertrud gab keinen Laut von sich . Als nun Minute auf Minute verfloß und Daniel , ruhiger werdend , ins Zimmer horchte und das Schweigen der Frau ihn mit Angst erfüllte , richtete er sich empor . Der Mond war untergegangen , es war stockfinster geworden . Daniel tastete nach Zündhölzern und machte Licht . Die brennende Kerze in der Hand , beugte er sich zu Gertrud hinüber . Sie war totenbleich . Mit weiten Augen schaute sie in die Höhe . » Lösch das Licht aus , Daniel , « flüsterte sie , » ich muß dir was sagen . « Er blies das Licht aus und stellte den Leuchter weg . » Gib mir die Hand , Daniel . « Er suchte ihre Hand , ergriff sie , die eiskalt war , und legte sie auf seine Brust . » Darf ich bei dir bleiben , Daniel ? Willst du mich bei dir dulden ? « » Dulden , Gertrud , wie denn dulden ? « fragte er tonlos ; » du bist mein Weib ; vor Gott mein Weib , « fügte er hinzu , in dumpfer Erinnerung des Wortes einer andern . » So will ich auch deine junggewordene Mutter sein . Wie du es willst . « » Ja , wie denn Gertrud , wie ? « » Ich will euch helfen , dir und Lenore . An mir sollt ihr nicht verbluten . Nur laß mich da sein . « » Das sagt sich leicht , Gertrud , aber es ist schwer . « Er schmiegte sich dicht an sie , schloß sie in seine Arme und schluchzte mit unerwarteter Heftigkeit . » Es ist schwer . Ja , es ist schwer . Aber du darfst nicht an mir verbluten . « Sein Kopf lag an ihrer Brust ; Krämpfe schüttelten ihn , bis der Tag heraufdämmerte . Da kam es plötzlich wie ein Schrei von Gertruds Lippen : » Ich bin ja auch eine Kreatur ! « Als er sie dann fest umschlang , murmelte sie : » Es ist schwer , aber sei nur getrost , Daniel , sei nur getrost . « 15 Dem Apotheker Pflaum war es zu eng in seinem Haus an der Heiligengeistkirche geworden . Er hatte in letzter Zeit mehrere Häuser besichtigt und sich schließlich für das Schimmelweissche entschieden , das zum Kauf ausgeboten war . Die Apotheke blieb vorläufig , wo sie war , auch Jason Philipp Schimmelweis behielt Laden und Wohnung . Der Apotheker wollte als Hausherr den ersten und den zweiten Stock beziehen ; er hatte eine zahlreiche Familie . An einem schönen Augustnachmittag verließen beide Herren , der Apotheker und der Buchhändler , die Kanzlei des Notars Rübsam , wohin sie sich verfügt hatten , um wegen der Umschreibung der auf dem Kaufstück lastenden Hypotheken zu verhandeln . Ein wolkenloser Himmel mit schon abendlich gefärbtem Blau strahlte über der Stadt . Der Apotheker Pflaum sah aus wie ein Mann , der alle Kümmernisse hinter sich hat und sich seiner Sorgenlosigkeit freut . Jason Philipp Schimmelweis hingegen war verdüstert . Er sah aus wie ein Mann , der heruntergekommen ist . Auf seinem Rock glänzte ein Fettfleck . Dieser Fettfleck erzählte von häuslichen Unannehmlichkeiten ; er erzählte , daß Jason Philipp eine Frau hatte , die seit Monaten krank darniederlag , ohne daß ein Arzt zu sagen wußte , an welcher Krankheit sie litt . Jason Philipp war erzürnt gegen die Frau , gegen die Krankheit , gegen die Doktoren und gegen die wachsende Verwirrung und Unordnung seiner Lebensumstände . Als sie über den Egydienplatz gingen , warf er auf das Haus , in welchem Daniel wohnte , einen Blick unbändigen Hasses . Aber er sagte nichts , er kniff bloß die Lippen zusammen und senkte den Kopf . Dabei bemerkte er den Fettfleck auf seinem Rock und ließ ein ärgerliches Brummen hören . » Ich werde mit Ihnen gehn , Herr Apotheker , und mir ein Fläschchen Benzin mitnehmen , « wandte er sich an seinen Begleiter , und seine Stimme hatte jene kaum wahrnehmbare , wenn auch widerwillige Demut , die der Arme dem Reichen gegenüber an den Tag legt . » Schön , schön , « antwortete der Apotheker , » kommen Sie nur . « Und er blies Luft von sich , weil ihm heiß war . » Grüß Gott , « schrie er plötzlich und schwenkte den Arm , » grüß Gott ! Was machen denn Sie hier ? « Der Anruf galt Herrn Carovius , der in eigentümlicher Versonnenheit vor dem Gänsemännchen-Brunnen stand . » Ihr Diener , meine Herren , « sagte Herr Carovius . » Ich sehe , es gibt noch Einheimische , die unsere einheimischen Kunstwerke studieren , « spöttelte der Apotheker und blieb stehen . Auch Jason Philipp blieb stehen und schaute zerstreut und verwundert auf den bronzenen jungen Mann mit den zwei Gänsen . In der Nähe spielten Knaben mit einem Ball , und als sie die drei Männer vor dem Brunnen stehen sahen , unterbrachen sie ihre Beschäftigung und stellten sich grinsend herum , wie wenn etwas Neues zu bestaunen wäre . » Wir wissen gar nicht , was für Reichtümer wir besitzen , « sagte Herr Carovius . » Stimmt , stimmt , « nickte der Apotheker . » Und ich denke eben darüber nach , was für eine Bedeutung diese Gruppe haben mag , « fuhr Herr Carovius fort , » es ist etwas Musikalisches in dem Motiv , ganz unleugbar etwas Musikalisches . « » Stimmt , stimmt , « wiederholte der Apotheker , um nach einer Pause verblüfft hinzuzusetzen : » Ja , wieso denn etwas Musikalisches ? « » Ausgerechnet etwas Musikalisches ? « murrte Jason Philipp Schimmelweis , den das bloße Wort Musik in Unbehagen versetzte . » Ja , das muß man halt kapieren , « sagte Herr Carovius spitzig und zog einen Jungen , der sich bis an sein Hosenbein gewagt hatte , am Ohr , daß er ein Jammergeschrei von sich gab . Auf einmal brach Jason Philipp Schimmelweis , nachdem er noch einen wütenden Blick auf das Monument geworfen hatte , in ein Gelächter aus . » Jetzt begreif ich , « stotterte er hustend , » Sie sind ein Fuchs , bester Herr Carovius , Sie sind ein Schlauberger . « » Was gibts denn , meine Herren ? « fragte der Apotheker , der unruhig war , weil er argwöhnte , der Heiterkeitsausbruch sei irgendwie gegen ihn gerichtet . » Na , sehen Sie denn nicht ? Verstehen Sie denn nicht ? « keuchte Jason Philipp mit scharlachrotem Gesicht , » die beiden Gänse - ? Das Musikalische und die beiden Gänse - ? Geht Ihnen noch immer kein Licht auf ? « » Nicht im Allergeringsten , « sagte der Apotheker und bemühte sich , einen Grund zu entdecken , um mitlachen zu können . Carovius aber hatte verstanden . Er streckte den Zeigefinger der linken Hand kerzengerade in die Luft und brach gleichfalls in ein wieherndes Gelächter aus . Er packte den Apotheker am Arm und immer in den Pausen zwischen zwei Lachsalven meckerte er : » Großartig ! - Unter jedem Arm eine Gans ! - Unbezahlbar ! - Herr Schimmelweis , das mög Ihnen Gott vergelten ! Das haben Sie ausgezeichnet gegeben . « Nun war sich auch endlich der Apotheker über den Zusammenhang klar . Er patschte sich auf die Schenkel und rief : » Der Teufel soll mich holen , wenn das nicht der beste Witz ist , den ich in meinem ganzen Leben gehört habe . « Jason Philipp Schimmelweis faßte sich wieder . Er drückte die Hände auf seinen Magen und sagte atemlos : » Wer hätte gedacht , daß das Gänsemännchen leibhaftig unter uns wandelt ? « » Ja , wer hätte das gedacht , « gab Herr Carovius zu . » Ein Fund ! ein Kapitalschuß ! Wir beschließen einfach : Gänsemännchen ! Wir sind ja beschlußfähig . Wir sind ja drei . Ist doch ein alter Satz : tres faciunt collegium . « » Und die , « stotterte Jason Philipp , mit dem Finger auf die Brunnengruppe deutend , indem Lachtränen über seine runden Bäckchen flossen , » die sind auch drei , die auch ! « » Die auch , die auch , das ist wahr , « kreischte Herr Carovius . » Eine Prise , meine Herren , « sagte der Apotheker , seine Tabaksdose ziehend . » Nein , auf den Spaß muß ich mir eine Zigarre anstecken , « erwiderte Jason Philipp schluckernd . » Ich denke , wir begießen die Geschichte mit einem Glas Salvator , « schlug Herr Carovius vor . Die zwei andern erklärten sich einverstanden , und so marschierte das Kollegium über den Platz , machte bisweilen , von einem gemeinsamen Lachkrampf neuerdings bezwungen , halt und wandte sich mit vertrockneten Kehlen dem Wirtshaus zu . Vielleicht war es nur ein Abendschatten , der den Ausdruck hervorbrachte , vielleicht eine seltsame Beseelung , aber das stolzstehende Brunnenmännchen hinter seinem Gitter schien ihnen traurig und erstaunt nachzublicken , während die spielenden Buben den ergötzlichen Zwischenfall bald vergessen hatten . Philippine zündet ein Feuer an 1 Wie in einer früheren Zeit , deren sie ungern gedachten , waren Daniel und Lenore ganz in ein gegenseitiges Verstummen geraten . Oft gingen sie auf der Stiege bloß mit einem flüchtigen Nicken aneinander vorüber , und kam Lenore zur Schwester , so zog sich Daniel wortlos zurück . Einmal kam sie , als Gertrud nicht zu Hause war . Daniel war verstockt , und Lenore brachte ebenfalls kein vernünftiges Wort über die Lippen . Er ertrug ihren Anblick nicht ; ihre Blässe und die äußere Heiterkeit , die sie sich erkämpft hatte , verdächtigte er . » Es ist ein unwürdiger Zustand , Lenore , « stieß er hervor , » machen wir ein Ende . « Ein Ende machen ? Ja , wie denn ? dachte Lenore . Jeder Tag schmiedete die Kette fester . Auch Gertruds Anblick war für Daniel eine Qual . Er fühlte sich von ihr beobachtet und spürte ihre Angst um ihn . Dazu rückte das Ereignis immer näher , das sie mit dem Schimmer des Leidens umgab und der Schonung empfahl . Ihre Züge , obwohl hager und entstellt , hatten im Ausdruck etwas dunkel Verklärtes . Als Gertrud es eine Weile mit angesehen hatte , wie er seiner Arbeit entfremdet wurde und an nichts mehr Freude hatte , beschloß sie , mit Lenore zu reden . Sie tat es ohne Vorbereitung und ohne Zartheit . » Siehst du denn nicht , daß du ihn zugrunde richtest ? « rief sie ihr zu . » Du willst also , daß ich zugrunde gehe ? « fragte Lenore überrascht und erschrocken . Sie hatte den ganzen Umfang von Gertruds Verzicht sogleich begriffen . » Was liegt an dir ? « entgegnete Gertrud hart , » wofür hebst du dich auf ? « Dieses Wort brachte in Lenore alle Vorstellungen von Pflicht und Ordnung ins Wanken . Mit ungläubigen Augen schaute sie die Schwester schweigend an . Nicht mehr die glückliche und sanfte Gertrud hatte so gesprochen , sondern die von ehedem , die einsame und lieblose . Was liegt an dir , wofür hebst du dich auf ! Das hieß so viel als : mach kurzen Prozeß mit deinem Leben und spinn ' die kleine Episode in seinem nicht überflüssig in die Länge . Da faßte sich Lenore ein Herz , um das Vorhaben endlich auszuführen , das sie lange Zeit bei sich erwogen hatte und auf das sie ihre letzte Hoffnung setzte . Eines Abends ging sie auf Daniel zu und sagte : » Ich möchte mit dir nach Eschenbach gehen , Daniel , und deine Mutter besuchen . « » Warum möchtest du denn das ? « fragte er verwundert . Er und die Mutter schrieben einander nicht , das lag nun einmal im Wesen beider und in ihrem Verhältnis ; aber er wußte , daß Lenore dann und wann einen Brief aus Eschenbach erhielt und daß sie ihn beantwortete , ohne mit ihm darüber zu sprechen . Erst jetzt im Zusammenhang mit ihrer Bitte fiel ihm dieses als merkwürdig auf . Als sie nach ein paar Tagen den Wunsch wiederholte , willfahrte er ihr , und sie vereinbarten den nächsten Sonntag für den Ausflug . 2 Matt und warm lag die Oktobersonne über dem Land ; die Wälder flammten im Herbstlaub , die Äcker dehnten sich kahl , den Hügeln der Frankenhöhe entlang zogen Wolken als föhniger Flaum . Sie waren bis Triesdorf mit der Bahn gefahren , dann mit dem Postwagen bis Merckendorf . Von hier aus gingen sie zu Fuß . Daniel wies auf eine Gänseherde hin , die am Ufer eines abgelassenen Weihers trottete , und sagte : » Das ist unser Heimatsvogel , sein Gackgack ist unsere Musik . Es klingt aber gar nicht übel . « Eine Bäuerin ging vorüber und bekreuzigte sich vor einem Heiligenbild . » Sonderbar , daß hier plötzlich alles katholisch ist , « sagte Lenore . Daniel nickte und erwiderte , als sein Vater nach Eschenbach gezogen , hätten noch einige protestantische Familien dort gewohnt , die sich zum Gottesdienst zusammengetan . Später seien die meisten ausgewandert , und jetzt sei seine Mutter vielleicht noch die einzige Protestantin im ganzen Ort . Aber sie habe dadurch nie Schlimmes erfahren , und er selbst sei als Knabe häufig in die Kirche gegangen , freilich bloß , um die Orgel zu hören , doch habe niemand daran Anstoß genommen . » Immerhin ists ein anderer Schlag Menschen , « fügte er hinzu , » äußerlicher als wir und heimlicher zugleich . « Lenore hielt den Blick auf den Kirchturm gerichtet , dessen spanisch-grünes Dach aus der Talsenkung emporstieg . Nach langem Schweigen sagte sie : » Ob es ein Bub sein wird oder ein Mädchen , Gertruds Kind ? Sicherlich ein Mädchen . Eines Tages wird es auf der Welt sein und wird mich anschauen mit Augen , mit wirklichen Augen . Wie seltsam , dein Kind wird mich anschauen ! « » Was ist da zu staunen ? Viele werden geboren , viele schaun einen an . « » Und wie willst du ' s heißen ? « fragte Lenore . » Wenn es blond ist und blaue Augen hat wie du , soll ' s Eva heißen . « » Eva ! « rief Lenore aus , » nein , so kann ' s nicht heißen . « Sie selbst hatte damals für das Kind der Dienstmagd den Namen Eva gewählt , und daß er jetzt gerade auf diesen Namen verfiel , erschien ihr sonderbar . » Warum denn nicht Eva ? « forschte er , » da steckt wieder etwas dahinter . So ein Weibsvolk hat doch immer was im Extratopf zu kochen . Heraus mit der Farbe ! « Lenore schüttelte lächelnd den Kopf . Gern hätte sie ihm alles gestanden , aber sie wußte nicht , wie er es aufnehmen würde ; sie fürchtete , er werde umkehren im Zorn über ihre Listigkeit . Trat das Kind einmal vor ihn hin , dann hielt es ihn auch , das wußte sie . Sie waren stehen geblieben und blickten über die sonneglänzende Ebene . » Wie allein wir sind , « sagte Daniel . » Alles ist leichter hier , « antwortete Lenore gedankenvoll ; » könnte man nur vergessen , woher man kommt , man könnte glücklich sein . « 3 » Sieben Jahre lang bin ich fort gewesen , « sagte Daniel , als sie durch das Tor schritten . Alles erschien ihm lächerlich klein , das Rathaus , die Kirche , der Platz und der Wolframsbrunnen . Auch hatte er sich die Straßen reinlicher und die Häuser wohlhabender aussehend gedacht . Als er über die drei wie Muscheln ausgebogenen Stufen am Tor hinaufstieg und in den Kramladen mit seinen Würzgerüchen trat , schwand die vergangene Zeit zu einem Nichts . Marianne konnte vor Freude kein Wort sprechen . Sie reichte Daniel die eine , Lenore die andere Hand . Ihre erste Frage war nach Gertrud . Aber da saß in der Stube ein vierjähriges Kind mit reichem Blondhaar und märchenhaft blauen Augen . Das Gesichtchen war von zartester Schönheit , der Körper von zartestem Bau . » Wer ist das Kind ? Wem gehört es ? « fragte Daniel . » Es ist dein eigenes Kind , Daniel , « antwortete seine Mutter . » Mein eigenes Kind ? Ja um Gott - ! « Errötend und erblassend schaute er von der Mutter zu Lenore . » Dein Fleisch und Blut . Gedenkst du an Meta nicht mehr ? « » An Meta ... Also das . Und ihr , ihr habt ' s genommen ? Und du , Lenore , hast darum gewußt ? Und du , Mutter , hast ' s genommen ? « Er setzte sich an den Tisch und verbarg sein Gesicht . » Das also war drin in dem Extratopf , « murmelte er scheu vor sich hin ; » es heißt wohl am Ende gar Eva ... ? « » Ja , Eva heißt es , « flüsterte Lenore bewegt . » Geh hin zu deinem Vater , Eva , und gib ihm die Hand . « Das Kind tat , wie ihm befohlen worden . Dann erzählte Marianne ihrem Sohn , daß Lenore es gewesen , die die Magd nach Eschenbach gebracht und daß Meta später geheiratet habe und mit ihrem Mann nach Amerika gegangen sei . Jeder Blick und jede Miene Mariannes verriet , mit wie großer Liebe sie an dem Kind hing und daß sie es wie ihren Augapfel hütete . Der Ring des wunderbaren Geschehens umschnürte Daniels Herz . Wo Verantwortung lag und wo Schuld , wo der Wille endete und die Fügung begann , konnte er nicht entscheiden . Dank zu äußern , war gemein ; die innere Wallung zu verhehlen , schwer . Er schämte sich vor beiden Frauen ; als er aber das lebendige Geschöpf anschaute , verlor die Scham ihren Sinn . Und wie hoch Lenore emporwuchs in seinen Augen , als tätiges wie als empfindendes Wesen schien sie ihm gleich verehrenswert . Beinah schauderte ihn davor , sie so nah zu wissen , und daß das , was sie getan , für ihn getan worden , erfüllte ihn mit Demut . Am allerseltsamsten aber war die kleine Eva . Er wurde nicht satt , sie zu betrachten und staunte über das Spiel der Natur , die sich darin gefallen hatte , aus einer plumpen Magd ein Menschenbild von adeligster Prägung entstehen zu lassen . Es war etwas himmlich Leichtes an dem Kind . Es hatte feine Hände , feine Gelenke und eine durchsichtige Stirn , deren bläuliches Geäder sich nach verschiedenen Richtungen verzweigte . Sein Lachen war die reinste Musik , und in Gang und Gebärden hatte es einen Rhythmus , der hohe Versprechungen auf künftige Freiheit und Anmut gab . Daniel führte Lenore durch das Städtchen , dann vors Tor . Es war Jahrmarkt , und es herrschte großes Gedränge . Sie kehrten daher wieder in die stillen Gassen zurück und gingen schließlich in die Kirche . Der Meßner kam ; er erkannte Daniel noch und sperrte ihm den Chor auf . Daniel setzte sich an die Orgel , der Meßner trat die Bälge , Lenore nahm auf einem Bänkchen an der Wand Platz . Daniels Augen blickten fest , die Finger griffen mit Geistergewalt in die Tasten . Es waren zwei Motive , die in freien Quinten gegeneinander drängten , sich dann vereinigten und , zu einem geworden , von den tiefen in die hohen Register zogen , von der Hölle durch die Welt zum Himmel . Ein Hymnus krönte das improvisierte Gebilde . Lange stand er noch mit Lenore in der Stille . Unter der gewölbten Höhe atmeten die Gesänge weiter . Es dünkte beide , als fließe das Blut des einen in den Körper des andern hinüber . Früher Erlebtes schwand aus dem Gedächtnis , eine weite Reise schien hinter ihnen zu liegen , keine Stimme mahnte an die Rückkehr , sie waren von Pflicht und Angst erlöst . 4 Lenore sollte bei Marianne und Eva schlafen , Daniel in seinem alten Zimmer . Er zeigte es Lenore , und sie traten aus Fenster und schauten hinaus . Da gewahrten sie Eva , die drunten im Hof auf einem Holzgeländer barfüßig hintänzelte . Mit ausgestreckten Ärmchen hielt sie sich im Gleichgewicht , und die Grazie ihrer Bewegungen war so elfenhaft , daß sich Daniel und Lenore einander verwundert zulächelten . Nach dem Abendessen ging Daniel vors Haus . Marianne und Lenore saßen eine Weile beim Fenster , hinter ihnen glomm der Lampenschein . Später kamen sie ebenfalls auf die Straße und gesellten sich zu Daniel . Marianne war aber des Kindes wegen unruhig ; sie meinte , es sei heute erregt gewesen und könne nach ihr rufen . » Bleibt nur draußen solang ihr wollt , ich laß die Tür halt offen , « sagte sie und kehrte um . Da gingen Daniel und Lenore wieder auf den Jahrmarkt . Es war noch früh am Abend , doch das Gedränge war nicht mehr so dicht . Sie wanderten langsam durch die Budengasse , blieben stehen , um den Tiraden eines Ausrufers zu lauschen , oder um zuzuschauen , wie die Bauernburschen nach Figuren schossen und nach einer Glaskugel , die auf einem Wasserstrahl tanzte . Allenthalben brannten grüne und rote Lampen , vom Wall droben zischten Raketen in die Nacht , in den Wirtschaften spielten Musikanten und johlten betrunkene Zecher . Dann kamen sie auf einen Rasenplatz , der nur durch das Licht aus einem Zirkuswägelchen beleuchtet war . Auf der Treppe des Wagens saß ein Mann in Trikot und hielt den Kopf eines schwarzen Pudels auf den Knien . » Das waren die letzten Bewohner der Erde , « sagte Daniel , als sie den Platz überschritten hatten . Der Lärm erstarb , die bunten Lichter verschwanden . » Wie weit willst du noch gehen ? « fragte Lenore , ohne Furcht in der Stimme . » So weit , bis ich bei dir bin , « war die rasche Antwort . Eine Brücke zeigte sich in undeutlichem Umriß , lautlos floß das Wasser unter ihr . Der Pfad schimmerte gelblich , der Himmel war ohne Sterne . Plötzlich schien der Weg zu enden , Bäume standen da und rückten immer näher aneinander , aus der Dunkelheit wurde Finsternis , die Füße stockten . » Wir haben einander alles gesagt , « sprach Daniel , » in Worten sind wir einander nichts mehr schuldig . Genug geschwatzt , genug gezaudert , Schmerz genug und Irrtum genug ; wir können nicht mehr anders , deshalb dürfen wir nicht mehr anders . « » Sei still , « flüsterte Lenore , » ich mag dein Hadern nicht , es ist so friedlos und böse , was du redest . Gestern hab ich geträumt , du lägest auf den Knien und hättest die Hände emporgefaltet . Da liebt ich dich sehr . « » Brauchst du Träume , um mich zu lieben , Mädchen ? Ich nicht . Ich brauche dich , so wie du bist . Dreißig werd ' ich jetzt , Lenore ; mit dreißig wird der Mann erst wach , da gewinnt er erst die Welt . Du weißt , was in mir ruht , du ahnst es . Du weißt auch , wie ich dich brauche , du fühlst es . Du bist mein Inwendiges , bist aus meiner Musik erschaffen , ohne dich bin ich eine leere Hülse , Stückwerk , eine Geige ohne Saiten . « » Ach Daniel , ich glaub dir ' s ja , und doch ist alles nicht wahr , « erwiderte Lenore und ihm dünkte , als könne er in der Finsternis ihr spöttisch-melancholisches Lächeln sehen ; » irgendwo , fast möcht ich sagen in Gott , ist es nicht wahr . Und wenn wir bessere Menschen wären , Gottesmenschen , dann müßten wir verzichten . Dann wär es schön zu leben ; wie über den Wolken wohnte man , froh und rein . « » Sprichst du das aus deinem Herzen ? Spricht so dein Herz , Lenore ? « » Liebster , ach Liebster ! Mein Herz ist so wie deins verdunkelt und verzaubert . Ich kann ja nicht mehr von dir lassen . Ich hab mich abgefunden mit allem . Ich bin mir der ganzen Schuld in meiner Seele bewußt . Ich weiß , was ich tue und nehm es auf mich . Es nützt ja kein Sträuben mehr , über uns schlagen die Wasser zusammen . Ich meine nur , du sollst dir kein Wahnbild vorgaukeln , als ob wir damit emporgestiegen wären über andere , als ob wir uns einen Dank des Schicksals verdient hätten . Nein , Daniel , was wir tun , tun alle , die sich verlieren , tun alle , die hinuntersteigen . Laß mich bei dir sein , Liebster , küß mich , küß mich zu Tode . « 5 Philippine hatte Lenore versprochen , am Sonntag nach dem Inspektor zu sehen und sich um Gertrud zu kümmern . Als sie über den Fünferplatz ging , trat sie in den Kolonialwarenladen und verlangte für drei Pfennige Heftpflaster . Sie hatte sich zu Hause an einem Nagel die Haut blutig gerissen . Der Gehilfe schnitt das Pflaster ab und fragte , was es Neues gebe . » No , Sie Lamabaz , wollen S ' das Allerneueste wissen ? « schnarrte Philippine mit selbstgefälligem Grinsen . » Je neuer , je besser , « versetzte der Gehilfe lüstern . Philippine beugte sich über den Ladentisch und raunte : » Heut machen sie zusammen die Hochzeitsreis ' . « Sie lachte scheppernd , der Gehilfe riß die Augen auf . Zwei Stunden später lief das Wort durch die Mäuler aller Weiber des Viertels . Gertrud lag im Bett . Das Aushilfsweib , das in der Küche kochte , gab Philippine einen Teller , auf dem sich das Mittagessen für den alten Jordan befand , Fleisch , Gemüse und ein paar saure Pflaumen . Auf der Stiege naschte Philippine zwei von den Pflaumen und leckte ihre Finger ab . Den ganzen Nachmittag hindurch stöberte sie in Lenores Kammer . Sie durchsuchte die Schränke , die Schubladen und die Taschen der Kleider . Als es dämmerte , stand plötzlich , in Hut und Mantel , der Inspektor vor ihr und schaute stumm , mit vergrämtem Gesicht , der unerklärlichen Geschäftigkeit des Mädchens zu . Philippine griff nach dem Besen , der in der Ecke lehnte , und fing an zu kehren . Dabei sang sie , falsch , frech und wild : » Kein Feuer , keine Kohle kann brennen so heiß , als heimliche Liebe , von der niemand nichts weiß . « Jordan ging fort , ohne etwas zu sagen . Er hatte vergessen , sein Zimmer abzusperren . Kaum gewahrte Philippine , daß der Schlüssel steckte , so öffnete sie die Tür und trat in die Kammer . Mit abergläubischen , feigen Blicken spähte sie um sich her . Sie hatte Angst vor dem Inspektor wie vor einem überlegenen alten Zauberer . Für solche Fälle hatte sie gewisse Beschwörungsformeln parat ; sie murmelte : » Tu Erden hinein , machs Büchslein zu , den Daumen drauf , bespuck den Schuh . « Und sie spuckte auf ihren Schuh . Hernach hantierte sie am Schrank herum , weil sie darin die Geheimnisse des Inspektors vermutete . Aber das Schloß trotzte ihren Bemühungen , und so setzte sie sich mißmutig an den Schreibtisch . Dort standen in einfachen Holzrähmchen die Photographien Gertruds und Lenores . Sie lief hinaus , holte eine Stopfnadel und stach diese in Lenores Bild , gerade zwischen die Augen . Dann griff sie nach dem Bild Gertruds , und als sie es eine Weile in Händen gehalten und düster betrachtet hatte , gewahrte sie , daß es blutbefleckt war . Das Pflaster hatte sich von ihrem Finger