, « wehrte Norina , » mir ist , als wären sie alle beseelt . « Als sie die Höhe erreichten , zeigte sich plötzlich ihnen zur Seite ein Berghang , übersät von blühenden Ginsterbüschen . Die Sonne stand darauf und wandelte alles in funkelndes Gold , während der Himmel dahinter sich veilchenblau wölbte . In stummem Staunen standen die beiden Wandernden . Dann sanken sie wortlos in das weiche Gras . Sie waren wie verzaubert . Bis drüben der Glanz erlosch . Dann erwachten sie . Und kletterten , die Straße suchend - denn das Sinken der Sonne erinnerte an den Heimweg - gerade hinauf , wobei Konrad jeden Stein dankbar grüßte , weil er ihm den Vorwand bot , Norinas Hand zu umfassen . » Wir sollten uns stärken vor dem Heimweg , « meinte er , sobald sie die Straße erreicht hatten . » Stärken ? Wo ? « lachte sie . » Glauben Sie , hier gäbe es alle hundert Schritte ein Wirtshaus ? ! Da müssen wir schon bis nach Tavernuzze zurück ! « Er sah sich um . Jenseits , auf der höchsten Höhe , entdeckte er Mauerwerk zwischen Weinspalieren . Und die Kinder , die unten am Wasser mit den rosigen Schweinchen gespielt hatten , kamen die Straße herauf und bogen um die Mauer in der Richtung auf jenes versteckte Haus . » Habt ihr da droben zu trinken ? « sprach Konrad die kleinen Burschen an . Sie lachten lustig aus braunen Schelmenaugen . » Wir haben Wein , sehr guten Wein , « meinte der älteste stolz und winkte dazu mit den schmutzigen Händchen . Konrad und Norina folgten ihm . Sie kamen an ein Haus mit gewölbter , auf mächtigen Pfeilern ruhender Loggia . In schweren , dichten Trauben umspannten üppige Girlanden blauer Glyzinen ihre Bogen ; auf der einen Seite füllte sie hochgetürmt duftendes Heu , um das ein ganzes Hühnervolk gackerte , auf der anderen saß auf geflochtenem Strohstuhl eine sehr alte , weißhaarige Frau mit einem kleinen , nackten Kinde auf dem Schoße . Als unsere Wandernden , von den Knaben angekündigt , sich näherten , traten aus der Türe im Hintergrund ein paar hochgewachsene Weiber , aus dem Garten liefen noch andere Kinder herzu , und langsam , mit arbeitsmüdem Schritt , kamen die Männer aus dem Stall und von der Wiese . Einer , der letzte , ein dunkel gebräunter Geselle , trug über den breiten Schultern schwere Kupferkessel . Er hob sich im Schreiten in großer Silhouette vom Abendhimmel ab , der jetzt einem stillen , grünen Meere glich . Sie scharten sich , wie um ihres Lebens Mittelpunkt , um die Alte , die , während die anderen alle die Fremden grüßten , mit einer fast abweisenden Würde ihnen entgegensah . Norina aber neigte sich vor ihr . » Es soll Frauen geben , « sagte sie dann zu Konrad , » die höhnend davon reden , daß man sie zu einer Gebärmaschine erniedrigen wolle . Was kann ein Weib mehr erhöhen , als am Ende ihres Lebens ihres ganzen Geschlechtes Mutter zu sein ? ! « Sie streichelte den Kindern die braunen und schwarzen Köpfchen und sprach lächelnd mit den Frauen , während Konrad vom Bauer erfuhr , daß Wein und Öl , sieben Eier und ein Laib alten Brotes alles sei , was er im Hause habe . » Gern « , so sagte er freundlich , » steht es den Gästen zur Verfügung . « Im Kamin loderte alsbald , von Holzblöcken genährt , ein mächtiges Feuer auf , am Kesselhaken darüber hing die Eisenpfanne , in der in brodelndem Öl Mehl und Eier zu köstlichen Kuchen brieten . Die roten und blauen Flammen erleuchteten den dunklen Raum , tauchten die vielen Gesichter , die sich um die am Tische sitzenden Fremden reihten , in ihre Glut . Schon lag ein reines Tuch über der geschwärzten Platte , als von draußen einer der Knaben hereinlief und einen Strauß duftender Rosen in ihre Mitte stellte . Dann trug der Bauer die große , strohumflochtene Flasche herzu , die Mädchen brachten Teller und ungefüge eiserne Gabeln und Messer , und schließlich setzte die Bäuerin stolz den dampfenden Kuchen vor ihre Gäste . Die Flammen im Kamin sanken zusammen . In tiefem Violett , das nur die Sterne durchbrachen , sah der Himmel durch das einzige kleine Fenster . Norina und Konrad hoben die Gläser , um ihren Gastgebern zuzutrinken . Sie dankten freudig . Dann aber füllte der Bauer noch einmal die Becher : » Madonna segne den Schoß der Frau ! « sagte er feierlich . Und Konrad zog , als könnte es nicht anders sein , Norinas Kopf an seine Schulter und küßte sie auf die Stirn . Als sie in die Loggia hinaustraten , saß die Greisin noch immer auf ihrem Sessel . Das Kind auf ihrem Schoße schlief . Norina neigte sich abermals tief vor ihr . » Deinen Segen , Mutter , « bat sie . Und die alte Frau hob ihre zitternde , von eines langen Lebens Arbeit rauh gewordene Rechte und legte sie auf den Scheitel der jungen . Noch einen Blick auf das alte Haus , und sie gingen dem Tale zu . Die Nacht lag dunkel darin . Aber Miriaden Leuchtkäfer wetteiferten mit den funkelnden Sternen , um sie hell zu machen . » Wein Weib ! « flüsterte Konrad , ihre Lippen suchend . Nur ganz leise gaben sie den Druck der seinen zurück . Als sie wieder durch die schmale Gasse von Montebuoni kamen und den Aufgang zur Kirche erreicht hatten , öffnete sich in dem Hause vor ihnen eine Tür . Chorknaben erschienen , vermummte Gestalten dann mit brennenden Kerzen in den Händen , - ein Zug , der kein Ende nahm ; und schließlich : ein schwarzer Sarg . - Norina erbebte . Konrad aber hatte den Arm fest um sie geschlungen . » Mein Weib ! « flüsterte er noch einmal . Da schmiegte sie sich an ihn , Schutz suchend . Der Zug verschwand durch die Kirchenpforte . Ihr Weg war wieder frei . Aber noch lange tönten die Totenlitaneien ihnen nach . Achtes Kapitel Wie Konrad das Glück und das Ziel zu finden glaubte und wie es entschwand Vom Domturm zu Bamberg läuteten die Glocken , - die kleinen , die eine süße , helle Stimme haben , als sängen pausbäckige Englein über dem Christuskind in der Wiege ; die große , deren dunkler , tiefer Ton , getragen von den Wellen der Luft und vom Winde , bis weit über die Stadt hinaus in Wäldern und Wiesen widerklingt wie die Posaunen der Erzengel am Tore der Ewigkeit . Aus all den vielen engen Straßen , die von der Stadt hinauf zum Domplatz führen , strömten die Kirchgänger , alte Weiblein , die die Gewohnheit eines langen Lebens führte , schon auf dem Wege den Rosenkranz gedankenlos drehend ; junge Mädchen , sich ihres weißen Kleides freuend , das für sie des Festtags frohes Zeichen und wichtigstes Ereignis war ; würdige Männer , für die diese Teilnahme an der Sonntagsmorgenandacht einen stets erneuten Beweis für ihre staatserhaltende Gesinnung bedeutete ; dazwischen Kinder und Soldaten , die dem Befehle gehorchten , während ihre Gedanken auf den Spielplätzen und in den Wirtsstuben waren . Sie gingen alle mit gesenktem Kopf ; erfüllt von ihren Werktagssorgen , die nur hier und da auf jungen Gesichtern eine kleine , dünne Sonntagshoffnung verklärte . So kamen sie über die Regnitzbrücke , die einst eine kraftvolle Bürgerschaft kühn über den Fluß gespannt hatte , in dessen Mitte , eine stolze Trutzwehr wider die befestigte Domburg droben , sie ihr Rathaus als ein uneinnehmbares Wasserschloß auf Pfahlroste setzten . Kein dankbarer , kein bewundernder Blick sah zu ihm auf , keiner verlor sich nach drüben zu den winkeligen Fischerhäusern am Fluß mit den braunen Booten davor , über denen zwischen hohen Stangen die Netze trockneten . Niemand blieb in der schmalen Gasse stehen , um sich in die Terrassengärten zu träumen , die hinter den Mauern und Balustraden am Stephansberg aufwärts steigen , oder staunend an dem alten Patrizierhaus daneben empor zu schauen , dessen Masse eines Künstlers reiche Phantasie aufgelöst hatte in ein Gewoge von Ranken und Muscheln und bewegten Gestalten . Und keiner der Kirchgänger dachte daran , angesichts seines Ziels , des hohen , viertürmigen Domes , auch nur einmal den Kopf zu wenden , um , rückwärts blickend , über die zackigen Giebel und Türme der Stadt hinweg seine Gedanken zu den waldigen Höhen drüben wandern zu lassen , die in leichter Wellenbewegung den Horizont begrenzten . Sah sich einer oder der andere um , so reichte Blick und Gedanke nicht weiter als bis zum Kleide oder bis zum Hute der Nachbarin oder zum neuen Ordensband im Knopfloch des nächsten . Nur zwei , die mitten unter ihnen desselben Weges gingen , trugen das Haupt erhoben , die Augen offen , um allen Zauber ringsum in sich aufzunehmen . » Fremde ! « meinte ein wenig geringschätzig , wer ihr Stehenbleiben , ihre Freude , ihr Staunen bemerkte . Wer müßte sich solcher Gefühlsäußerungen nicht schämen , wenn es ein Einheimischer wäre ! Sich niemals verwundern , ist das eigentliche Kennzeichen kleinbürgerlicher Bildung . Konrad Hochseß aber war kein Fremder . Er kannte hier jeden heimlichen Winkel , jede verborgene Gasse , jeden altertümlichen Hof , und er führte Norina , seine junge Frau , in alles ein , was ihm heimatlich war , daß es auch ihr eine Heimat werden möchte . Seit der stillen Trauung in Florenz waren sie langsam , überall auf dem Wege Tage , selbst Wochen weilend , nordwärts gezogen . Von Carlo Savellis lärmendem Hochzeitsfest hatten sie Nachricht erhalten , als sie angesichts der Dolomiten hoch oben auf weichem Bergmoosteppich , unter hellgrünen Lärchen den Sommer verträumten . Nur ganz flüchtig hatte sich dabei Norinas Stirn in finstere Falten geschoben . War es das Glück , in das Konrads Liebe sie hüllte wie in einen Panzer , waren es die weißleuchtenden oder rotglühenden Felsentürme , die sich zwischen sie und die Heimat geschoben hatten ? - Sie wußte nicht , was es war , sie fühlte nur , daß kein Weh sie mehr berührte . Am stillen , westlichen Ufer des Tegernsees , diesem lieblichsten unter allen Seen Bayerns , in dessen hellem , blauem Spiegel die Gebirgslandschaft zu einer Idylle wird , hatten sie zuletzt viele Wochen zugebracht , ganz glücklich , ohne jede Berührung mit der Welt nur sich selbst leben zu können . Von da aus war Konrad einmal allein nach Hochseß gefahren , um zum Empfang der Herrin alles vorzubereiten . Dabei hatte er auch durchgesetzt , daß die Tanten in den seit dem Fortzug der freiherrlichen Familie leergebliebenen Eckartshof hinunterzogen . Obwohl ihnen nunmehr ein ganzes Haus allein zur Verfügung stand , fühlten und gebärdeten sie sich doch wie gewaltsam Vertriebene : Sie , die auf Hochseß Geborenen , mußten der Fremden - wieder einer Fremden , wieder einer Katholikin ! - weichen . Es konnte nicht ausbleiben , daß hinter Konrads Rücken die ganze Nachbarschaft gegen ihn und seine Frau Partei nahm . Er empfand davon nichts , denn die kurze Zeit , die er in Hochseß blieb , war mit Überlegungen und Anordnungen für eine Norinas würdige Einrichtung des Schlosses ganz ausgefüllt gewesen , und ließ seine Tätigkeit ihm Stunden der Muße , so waren Gedanken und Gefühle so ganz bei ihr , daß er alles um sich her vergaß . Die Tage der ersten Trennung zeigten ihm , was er bis dahin nicht gewußt hatte : daß sein Glauben ein Glauben an Norina , sein Leben ein Leben in ihr geworden war ; daß seine Sehnsucht sie - nur sie - immer suchen würde . Sie war nicht wie andere Frauen , deren erste Hingabe eine Preisgabe ist , die dem Manne allzu rasch nichts mehr zu wünschen , nichts mehr zu enträtseln übrig lassen ; sie mußte stets aufs neue erobert werden ; um ihren Besitz würde er immer ringen müssen . Ihrer Ehe drohte nicht die Gefahr , jene Alltagsgewohnheit zu werden . Um einen Tag früher , als Norina erwartet hatte - jede weitere Stunde fern von ihr dünkte ihm wie ein Raub an seinem Leben - war er zurückgefahren . Und als er spät am Abend wieder in Tegernsee angekommen war , hatte er geglaubt , sein Herz müsse zerspringen vor Freude : drüben über dem Wasser , mit dessen kleinen Wellchen die letzten Sonnenstrahlen schäkerten , entdeckten seine scharfen Augen das Häuschen , und in dem Häuschen wußte er sie , sein Weib ! Sie mußte seine Heimkehr geahnt haben ; mit einem jubelnden : » Ich wußte , daß du kommen würdest , kommen mußtest ! « war sie ihm in die offenen Arme geflogen . Noch nie hatte er sie jubeln hören , noch nie war sie so zärtlich gewesen ! Als ringsum alles schlief , auch die vielen Lichter des jenseitigen Ufers erloschen waren , und nichts vom Leben Zeugnis gab als das kichernde Plätschern der Wellen , hatte sie sich an ihn geschmiegt , ganz dicht - wie damals in Montebuoni , als der Schreck sie Schutz suchen ließ bei ihm , - und wie ein Hauch war es über ihre Lippen gekommen : » Mutter werd ' ich sein - Mutter ! « Von da an ging sie umher wie eine , die eine unsichtbare Krone trägt . Nichts vermochte mehr das süße Lächeln um ihren Mund zu verscheuchen , nicht einmal Maud Savellis Brief , der ihren baldigen Besuch ankündigte . Ihre Abreise nach Hochseß konnte sie nicht mehr erwarten . » Unter dem Eindruck der Heimat soll mein Kind sich entwickeln , « hatte sie zu Konrad gesagt , ihre Wange schmeichelnd an die seine lehnend . Denn sie war zärtlich zu ihm geworden - weich und zärtlich und von einem so lebendigen Eifer beseelt , ihm jeden Wunsch von den Augen abzulesen , daß er nur immer Mühe hatte , ihrem Dienenwollen zu wehren . Und doch war es so schön , sie dienen zu sehen : ihre Demut schien sie noch mehr als ihr Stolz zur Königin zu erheben . Konrad wäre in dieser Zeit restlos glücklich gewesen , wenn nicht ein Wort wie ein Pfeil sich ihm immer wieder ins Herz gebohrt hätte : » Mein Kind , « sagte sie zehnmal , hundertmal am Tage . » Mein Kind . « Niemals » unser Kind ! « Hätte er sie mit einer Frage nach dem Warum kränken sollen ? Vielleicht wäre dann , wenn auch nur für eine Sekunde , ihr Lächeln erstorben ! Er schwieg . Die letzte Etappe vor der Heimkehr war der Besuch eines Münchener Arztes gewesen , zu dem die Sorge um Norina Konrad getrieben hatte . » Was wollen Sie eigentlich bei mir ? « hatte der alte joviale Herr lachend ausgerufen , sobald sie vor ihm standen . » Sie wurden wohl nach allen Regeln der Eugenik füreinander ausgesucht ? « Erst nachdem ihm Norina von ihrem ersten Unglück leise und zitternd erzählt hatte , war er ernster geworden . » Ist Ihr erster Gatte gesund gewesen ? « frug er . » Ich glaube - nein , « antwortete sie zögernd . » Er starb nach einem Jahr . « » Na , also ! « rief der Professor erleichtert . » Und nun sehen Sie sich den da an - « und er lächelte Konrad zu ; » wenn Sie nicht gerade den Anspruch machen , daß Ihre Kinder Ackergäule werden - « Seine kleinen klugen Augen waren prüfend von einem zum anderen gewandert . Dann hatte er sich selbst unterbrochen und in etwas gedehnterem Ton gesagt : » Sie haben beide dieselben Augen ? « » Wir sind verwandt , Herr Professor , « war Konrads Antwort gewesen . » Nahe ? « » Unsere Großväter waren Geschwister . « » Hm , hm ! « machte der Professor . » Alte Familie ? « » Sehr alt - so wie die Hochseß ungefähr . « Der alte Herr hatte gelacht - ein wenig gezwungen , wie es Konrad vorgekommen war - : » Deren erster nachweisbarer Ahnherr bekanntlich Jesum Christum in den Sattel half , als er in Jerusalem einzog . « Dann hatte er sich Norina zugewandt , die ihn mit tiefernstem Frageblick nicht aus dem Auge gelassen hatte . » Keine Sorge , Frau Baronin , keine Sorge . Ich freue mich schon des strammen Stammhalters , zu dem ich werde gratulieren dürfen . « Auf Norinas Glücksglanz war ein Schatten gefallen , wie schon eine kleine Wolke am blauen Himmel ihn auf die blühende Wiese wirft . Aber wie die leise erschauernden Blumen ihre Kelche wieder der Sonne öffnen , sobald sie lachend unter dem scherzend vorgezogenen Schleier hervorsieht , so verflog jede Erinnerung daran unter dem Einfluß von ihres Herzens strahlender Seligkeit . Kurz ehe sie weitergereist waren , kam ihnen die Nachricht , daß der alte Giovanni , den sie im Palazzo Ritorni als Türhüter zurückgelassen hatten , und der damit sehr zufrieden gewesen zu sein schien , verschwunden sei . Niemand wisse , wohin er sich begeben habe ; nur Battisto gegenüber habe er am Abend vorher geäußert , daß es Zeit sei , die Fledermäuse aus dem Turm zu jagen , sonst würden sie sich in Monna Lavinias Haare hängen . Konrad war ernstlich beunruhigt um den Alten . » Ich weiß gewiß , daß er in Hochseß sein wird , wenn wir kommen , « sagte Norina überzeugt . » Wußtest du denn von seiner Absicht ? Hattest du Nachricht von ihm ? « frug Konrad , nicht wenig erstaunt über die Bestimmtheit ihrer Aussage . » Nein , « gab sie lächelnd zur Antwort , » aber ich kenne unser Volk : je geringer seine Bildung ist , desto sicherer führt der Instinkt es seinen Weg . Und solch ein Schwachsinn wie der Giovannis ist vielleicht nur die Entwicklung eines höheren Sinns ! « » Du würdest ihn auch nicht um unseres Kindes willen fürchten ? « Sie lachte hell auf , ihre Arme zärtlich um seinen Hals legend . » O du aufgeklärter Deutscher ! « rief sie , » was bist du töricht ! Keinen besseren Schutz wüßt ' ich für mein Kind als ihn ! « Und nun läuteten vom Domturm zu Bamberg auch ihnen die Glocken - die kleinen mit den hellen Kinderstimmen , die großen mit dem Posaunenton . Sie waren schon in vielen deutschen Kirchen miteinander gewesen . Nirgends hatte Norina zu beten vermocht , wie sie es in Florenz täglich zu tun gewohnt war . » So düster sind eure Kirchen - als wäre Religion nur für Büßer und Leidtragende , « hatte sie erklärt , » sie drücken nieder , und dann am meisten , wenn ihre Spitzbögen alle Schwere des Steins aufgelöst zu haben scheinen . Sie machen es genau wie eure spitzen Kirchtürme - die wir auch nicht kennen - sie weisen alle nach oben , von der Erde fort , als hätten wir hier unten nichts zu suchen . « » Und ist nicht der Inhalt und Sinn aller Religion ein Führen und Weisen nach oben , über uns hinaus ? « hatte Konrad gefragt . » Nein , nein , « hatte sie erwidert , um dann nachdenklich , die Augen ins Weite gerichtet , fortzufahren : » Wie der Mann sich ein Haus baut , wenn er eine Familie gründet , Mauern um sein Leben errichtet , seinem Umherschweifen ein Ende bereitend , seiner Arbeit einen bestimmten Kreis anweisend , seine Freiheit , die ihn vielleicht bisher über alle Grenzen hinweg , ziellos umhertrieb , freiwillig beschränkend , so bauen wir wohl auch ein Haus für unsere Seele , die sich im Weiten verlor , denn was sie fand , wenn sie suchte , das waren doch immer nur neue Weiten gewesen . Ein Haus zur Ruhe , zur Sammlung - eins der bewußten Beschränkung vielleicht auch hier - eines , in dem jeder die Symbole dessen errichtet , was seinen Hoffnungen und Sehnsüchten als das Höchste erschien . Meinst du nicht - « und sie hatte dabei jenes demütige Lächeln , das ihr , seitdem sie sich Mutter fühlte , einen so wundervollen neuen Reiz verlieh - » daß dies Religion ist ? « Er hatte ihr damals , betroffen von einer Auffassung , die ihn um so schmerzvoller berührte , als sie ihm richtig erschien , nur ausweichend geantwortet . Heute war ihm als sängen die Glocken , was sie gesprochen hatte , aber es klang ihm nicht wie Unterwerfung , sondern wie Sieg und Jubel . Posaunen der Erzengel am Tore der Ewigkeit - - Ewigkeit - ein Geheimnis , dessen dunkle Pforte er nie zu berühren gewagt hatte , aus Angst , nur eine Spalte könne sich öffnen und der Blick durch sie ihn zerschmettern . » Sind wir nicht selber ewig ? « dachte er jetzt . Und mit einem seligen Blick umfaßte er seines Weibes Gestalt , während sie an ihm vorüber durch das offne Portal des Domes schritt . Sie traten leise zwischen die große Menge der Betenden , hinter den Sarkophag , der Kaiser Heinrichs II. , des letzten und größten Sachsenkaisers , und seiner Gemahlin , der heiligen Kunigunde , Gebeine trug . Rechts und links von ihnen knieten in Reihen betende Nonnen . Über sehr jungen , unschuldigen Gesichtern trugen die einen große , weiße Flügelhauben ; mit schwarzen Schleiern deckten die anderen ihre grauen Scheitel ; und goldene Kreuze glänzten über den breiten , schneeigen Schulterkragen . Auf den Gesichtern aber lag ein Frieden , der sich bei den einen als ein Auslöschen alles Lebens , bei den anderen als ein Erwachen tieferen und reicheren Lebens offenbarte . Die Litaneien wechselten mit dem Gesang . Viele Priester standen droben auf dem hohen Chor , fernab der Gemeinde , so daß nur das Weiß und das Rot und das Gelb ihrer Gewänder erkennbar war und ihr feierliches Hin- und Wiederschreiten , Beugen und Aufrichten . Einer trat in ihre Mitte mit weißem Haar ; Chorknaben trugen seinen schweren , goldgestickten Mantel , andere schwangen Weihrauchfässer , so daß sein ehrwürdiges Haupt aus lichten Wolken hervorschien . Und er trat weit vor auf der höchsten Stufe des Altars und hob die goldene Monstranz . In breiten Strahlen leuchtete in diesem Augenblick die Morgensonne durch die Fenster über ihm . Zu einem lichten Schleier wurde der Weihrauch , des Priesters weiße Haare zu einem Heiligenschein , zu einer Flamme die Monstranz ; niedergezwungen von frommem Entzücken und heiliger Scheu sanken die Andächtigen in die Knie . Norina mit ihnen ; und tief , ganz tief , als könne sie sich an der Gebärde vollkommener Hingabe nicht genug tun , beugte sie noch den Kopf auf die gefalteten Hände . Eine Flut weißen Lichtes füllte das Schiff der Kirche , streckte ihre mächtigen grauen Pfeiler , weitete ihre Wölbung . War ' s nicht , als zuckten die Lider des schlummernden Kaiserpaars ? Reckte der steinerne Reiter drüben sich nicht im Sattel ? Groß und staunend , die Unterlippe mißbilligend vorgeschoben , richtete sich der Blick des ritterlichen Königs auf sein Ebenbild , das da unten allein noch aufrecht stand . In Konrads Stirn stieg die Glut der Beschämung . Sie alle hatten die Mauer um sich gebaut und ihr Allerheiligstes hineingetragen . Brausend setzte die Orgel ein . Der Gesang der Frauen mischte sich in ihre vollen Akkorde . Eine Stimme darunter - es war die der jüngsten der Nonnen mit den Flügelhauben - erhob sich jauchzend wie ein Lerchenlied über allen : » Jungfrau Maria , wir grüßen dich , Heilige , gnadenreiche - « Und Konrad Hochseß kniete neben Norina , seinem gesegneten Weibe . Sie fuhren mit vier Füchsen durch das Wiesental . Ein frischer Oktoberwind schüttelte die Bäume über ihnen , daß es goldene Blätter regnete . Und was der Himmel der Tochter Italiens an Farben schuldig blieb , das gab ihr der Wald in märchenhafter Fülle . Immer wieder mußte der Kutscher die erregten jungen Pferde bändigen , denn Norinas Augen wurden nicht satt , zu sehen . In allen Schattierungen von Braun und Gelb und Rot leuchteten die Höhen . Zu Ehren der Einziehenden trugen sie ihr Festgewand . Es war Sonntag heute . Von Wandernden war die Straße belebt . Aus allen Wirtshäusern am Wege schallte Musik ; die hellen Kleider der Mädchen , die bunten Schärpen der Kinder belebten die Wiesengründe wie große Blumen . Und je näher sie dem Tale der Hochseß kamen - sie fuhren nicht über die kahle Hochebene , denn nur der schönste Weg sollte Norina in die Heimat führen - , desto mehr sammelten sich die Landleute an der Straße , das junge Paar neugierig erwartend . Im Wirtsgarten von Gasselsdorf unter der riesigen Kastanie , deren Äste sich über ihn und noch weit über die Straße reckten , - ein Dach von schimmerndem Golde heut - , stand die dicke Wirtin , einen Korb rotbackiger Äpfel in den Wagen reichend . » Gottes Segen zum Einzug , « sagte sie . Norina begriff nicht , warum Konrad ihr kaum Zeit ließ zum Danken . Am nächsten Dorf , wo das Schulhaus für die Hochsesser Jugend lag , stand der Lehrer , umringt von Buben und Mädels , die Fahnen schwenkten und Hurra riefen ; - Norina in ihrer Freude hätte am liebsten jedem einzelnen die roten Wangen geküßt . Dann wurde das Tal ganz still , ganz eng und heimlich . Hier war kein Platz für ein Haus . Ernsthaft , schon im beginnenden Abenddämmern , standen die waldigen Höhen , die zerklüfteten Felsen , dem leise sich selbst in den Schlaf singenden Bächlein zur Seite , wie treue Wächter an der Wiege des Thronerben . Norinas Kopf lehnte an Konrads Schulter . » O , du - du , « flüsterte sie , während ihre Augen durch Tränen der Seligkeit glänzten , » wie schön , wie wunderschön ist unsres Kindes Heimat ! « » Unsres Kindes ! « Ein erstickter Schrei war ' s , mit dem Konrad sie an sich zog , ihre Stirn , ihre Augen , ihre Lippen mit Küssen bedeckend , um schließlich den Mund in heißer Leidenschaft auf den Nacken zu pressen , da , wo der Ansatz der blauschwarzen Haare ihn am weißesten erscheinen ließ . » Konrad , Konrad ! « mahnte sie leise , dunkel erglüht nach dem Kutscher weisend . » Der Johann ? ! « lachte er übermütig auf , » der hat an die Füchse zu denken und dann , - meinst du nicht , daß er weiß , was ein junger Ehemann tut , der eine wunderschöne Frau hat ? ! « Er versuchte sie wieder zu küssen ; sie aber bog sich weit zurück , » du weißt doch , Konrad - , « mit leisem Vorwurf sagend . » Ich weiß ! « entgegnete er , sie frei gebend , - eine unsichtbare Hand schien die Falte zwischen seinen Brauen wieder tief in die Stirne zu modellieren ; - » ich weiß , daß du nur dem Kinde gehören willst . « Um dann , als bereue er den Ton von Unmut , den er angeschlagen hatte , mit innigem Ausdruck in Stimme und Gebärde hinzuzufügen : » Unserm Kinde ! « Ein Seitensprung der beiden Vorderpferde riß ihn aus dem Sitz empor . » Was stehst du da , dummes Gör , und erschrickst die Gäule , « schimpfte der Kutscher , der die Tiere rasch wieder in seine Gewalt bekam . Norina hatte sich herausgebogen . Ein blondes Mädchen mit hellen , zärtlichen Blauaugen stand am Wege , einen großen Strauß bunter Herbstblumen , den ihre beiden Hände kaum zu umklammern vermochten in den Wagen hineinstreckend . » Ich habe zur heiligen Jungfrau gebetet - alle Tage - , « flüsterte sie aufgeregt und ließ ihn auf Norinas Schoß fallen , über dem die Blumen sich breiteten wie ein Teppich . Sie wollte danken , doch die Kleine war auf und davon . » Der Greislerin ihr lediges Kind , « brummte der Kutscher ärgerlich . Der Weg stieg an . Schon grüßte von der flatternden Fahne die rote Rose von Hochseß . Und die untergehende Sonne spiegelte ihre Glut in allen Fenstern des Schlosses . » Lauter Rosen leuchten dir ! « rief Konrad selig . Sie aber wandte ihm das Antlitz zu . Es war todblaß . » Es sind Rosen , nicht wahr ? ! « kam es bebend von ihren Lippen . » Kein Blut ? - Kein Blut ? ! « Sie mußten an Eckartshof vorüber . Konrad hatte nicht gewagt , durch ein Verbot des Empfangs den Ärger der alten Damen noch mehr zu steigern ; mit erleichtertem Aufatmen sah er nun die geschlossenen Türen , die verhängten Fenster . Schon waren sie am Garten vorbeigefahren , als Norina , die Menge der Dahlien darin bewundernd , sich nochmals umwandte ; da saßen auf der Hecke zwei Köpfe wie körperlos , jeder ein Abbild des anderen : graue Scheitel um farblose Gesichter - hämisch herabgezogene Mundwinkel , graugrün von Neugierde , oder von Haß - oder von beidem ? - funkelnde Augen . Sie bohrten sich alle vier in Norinas Antlitz . » Mal oggio ! « schrie sie auf , das Gesicht mit beiden Händen bedeckend . Sie ließ es ruhig geschehen , daß Konrad sie in die Arme nahm und ihr zuredete wie einem verängstigten Kinde . Er erzählte von den Tanten als verbitterten alten Jungfern , die schon auf dem Leben der Großmutter gelastet hätten , das ihre