der dicke weiße Dunst des Baderaumes in den bleichen , kühlen Tag hinaus . Und da draußen gewahrte Herr Jettenrösch einen mit dem Pferde quirlenden Reiter , der sich auf der Flucht in den Gassenwinkel vor dem Badhaus verirrt hatte . » Gottes Tod ! Was ist denn geschehen ? « Entgeistert starrte der Reiter dieses paradiesische Fenster an , in dem jetzt unter wehendem Dampf ein doppelter Adam und eine dreifache Eva zu sehen war . Fünf Stimmen kreischten ihm erschrocken zu . Und da lallte der Reiter : » Die Hallturmer Mauer ist gefallen . Die bayrischen Reiter sind hinter uns . Springet , ihr Herren , springet ! « Herr Jettenrösch , der Hundswieben und die drei frummen Fräulein sprangen bereits . Sehr schnell . Sie sprangen aus der Badstube und über die steile Treppe hinauf . Es verging eine halbe Stunde , bis sie zur Not in deckende Kleider kamen und in der Verwirrung zusammenraffen konnten , was sie mitschleppen wollten . Durch die Marktgasse gab ' s keinen Weg mehr . Vor dem Badhaus knäuelte sich ein Gedränge flüchtender Bauern vorüber , mit großen Packen auf den Köpfen , mit Kindern , Schafen und Schweinen , mit Vieh und Karren . Ein Trupp von sieben Gadnischen Reitern sprengte erbarmungslos in dieses Gewühl hinein - und einer war dabei , der halb ohnmächtig im Sattel hing , helmlos , das bärtige Gesicht und die Platten der Rüstung von Blut übergössen . War ' s der Marimpfel ? Oder war ' s nur einer , der ihm gleichsah ? Die fünfe aus dem Badhaus hatten erschrocken kehrtgemacht . Sie liefen durch den Hausflur , gewannen das Gärtlein , hüpften durch die bunten Beete , kletterten über Mauern und Zäune , flüchteten über das steile Gehäng hinunter und wateten im Tal durch die rauschende Ache . Auf dem Sträßlein , das neben dem Frauenreuter Sudhaus gegen den Königssee hinaufzog , trafen die fünf dürftig Bekleideten keuchend mit dem Häuflein der dicht verhüllten Nonnen zusammen , die aus dem geweihten Schwesternhaus geflohen waren und mit geschürzten Kutten zu dem verläßlichen Schlupfwinkel der Klostergrube rennen wollten . Wie ein Schwärm erschreckter Schäflein sprangen die frommen Mütterchen ratlos hin und her und waren glücklich , als sie Geleit und männlichen Schutz bekamen . Hinter den beiden blessierten Stiftsherren zappelten die ehrbaren Nonnen und die frummen Fräulein einträchtig nebeneinander her , hielten sich bei den Händen gefaßt und beteten beim Springen den gleichen Hilfeschrei zur allbarmherzigen Himmelskönigin . Wer von diesen Fliehenden die verstörten Augen über die Schultern drehte , konnte droben auf der Hallturmer Straße , von jagendem Nebel halb umschleiert , ein winziges Figürchenspiel entdecken , das sich hurtig gegen Berchtesgaden bewegte . Aus der Ferne beschaut , erschien es fein und zierlich . In der Nähe war ' s ein Schauder und Grauen . Hinter fliehenden Fußknechten des heiligen Peter kam ein Schwärm der Burghausener Harnischreiter einhergesprengt . Nach der blutigen Arbeit bei der Hallturmer Mauer blühte diesen Siegern das lustige Sackmachen zu Berchtesgaden . Wer jetzt den flinksten Gaul hatte , fand die reichste Beute und konnte das Haus wählen , das er plündern wollte . Wie der Hagel auf die Ähren schlägt , so stampften die Gäule immer wieder in einen Trupp der Fliehenden hinein . Wer von diesen Bedrohten nicht über den Hang der Straße hinuntersprang - wer in einem Wahnwitz , den er als Tapferkeit empfand , sich wider die rollende Eisenwalze zur Wehr setzte - , der wurde niedergeritten , niedergeschlagen , niedergestochen . Weit hinter dem Reiterschwarme jagte ein schlanker Falbe , der sich beim Rennen wie ein Windhund streckte . Im Sattel gaukelte ein junger Mensch . Seine Rüstung war von Erde und Asche umkrustet , mit geronnenem Blut gesprenkelt . Die Linke hielt den Zügel vorgeschoben ; die Rechte , die schlaff hinunterhing , umklammerte den Griff des Schwertes . Er hatte den Helm verloren , trug nur die Kettenhaube - und aus dem kleinen Oval des Stahlgeflechtes sah ein blasses , von Schweiß und Schmutz geflecktes , fast zur Unkenntlichkeit verzerrtes Knabengesicht heraus . Immer hörte er zwei zornige Stimmen schreien , weit hinter sich . Der eine von den beiden , die immer die gleiche Silbe kreischten , ritt auf einem keuchenden Schimmel , der andre auf einem erbeuteten Roß , das eine Gadnische Herrenschabracke trug . Die beiden hetzten ihre Pferde , doch immer größer wurde die Entfernung zwischen ihnen und diesem andern . Als hinter den Wiesenhügeln die ersten Dächer von Berchtesgaden auftauchten , hatte der Falbe den jagenden Reiterschwarm schon eingeholt . Mit keinem Spornstreich hetzte der junge Mensch den Gaul . Aber bis auf die Mähne beugte er sich und bettelte mit flehenden , leisen Lauten . Und der Falbe streckte , streckte und streckte sich , überholte wieder und wieder einen von den andern Reitern , kam mit der Nase voraus und jagte als erster in die leere Marktgasse von Berchtesgaden hinein . Als der Reiterhaufe um die Wende der Gasse sauste , fiel ein Geknatter über die Dächer her , und droben auf dem Berghang pufften kleine Wölklein auf , die Schüsse von Faustbüchsen . Zwei von den Reitern fielen unter die Gäule - ein Roß , das in den Kopf getroffen war , stieg mit fuchtelnden Hufen in die Luft . Auch der Bub auf dem rasenden Falben wankte . Doch er hielt sich an der Mähne . Vor einem Haus , durch dessen Erkerglas ein weißes Frauengesicht in Angst herausguckte , wollte er das Pferd zum Stehen bringen . Der Falbe prellte noch eine Strecke weit voraus . Mit zerrenden Fäusten wendete der junge Reiter den Gaul und erreichte an Amtmann Someiners Haus das Tor in dem gleichen Augenblick , in dem der Sackmacherschwarm heranrasselte . Der erste Häuf jagte weiter , zum Stift und zu den Kirchen , aus denen sich die fetteste Beute holen ließ . Die Nachtrabenden wählten unter den Häusern der Gasse . Der Bub blieb im Sattel sitzen , weil er vor Schwäche nicht aus dem Bügel kam . Er drängte den Falben breit vor das Tor , und der Gaul ließ den Kopf hängen und pumpte mit zitternden Flanken , von denen die weißen Schweißflocken herunterfielen . Ein paar von den Reitern , die in der Gasse wählten , kamen flink dahinter , daß der Bub unter den Häusern das beste zum Sackmachen gefunden hatte . Sie wurden grob und wollten den Falben vom Torbogen wegziehen . Mit erwürgter Stimme schrie der Bub : » Das Haus ist mein ! Und rührt mich einer an , so schlag ich zu ! « Das Ding drohte bös zu enden . Da kamen zwei Pfeif die die Straße hergejagt , das Roß mit der Gadnischen Herrenschabracke und der keuchende Schimmel . Malimmes war zuerst bei dem Buben . Er sprang aus dem Sattel , stieß die maulenden Reiter fort , faßte den Jul am Arm und brüllte wütend : » Du Lausbub , du narrischer ! Was hast du denn da für eine Dummheit gemacht ! Da hättest du hin sein können ! « Jul schüttelte den Kopf und lächelte stumm in seiner Erschöpfung . Nun lachte auch Malimmes . Und Runotter trat zu dem Falben hin und lehnte das entstellte Gesicht gegen des Buben eisernen Schoß . Grauenhaft sahen diese beiden aus . Ihr Wehrzeug hatte hundert Dullen und war von den Füßen bis zur Halsberge wie in dunklen Rost getaucht . Von den Nachbarhäusern war ein dumpfes Krachen zu hören . Hier wurden Gewölbtüren und Kästen in Trümmer geschlagen . Und von überall klangen zeternde Stimmen , die um Hilfe schrien . » Hui , da zwicken die Raubleut ! « Lustig guckte Malimmes an dem schmucken Haus hinauf . » Brav , Bub ! Gut hast du gesorgt für unsern Sack ! « » Nit rauben ! « knirschte Runotter . » Aber das Haus in Scherben schlagen ! Und Feuer in die Amtsstub werfen ! « Er stieß den gepanzerten Fuß gegen das Haustor . Einen verstörten Blick in den Augen , sagte Jul mit strenger Stimme : » Das Haus hat Fried . Ich will ' s. Das ist nit des Amtmanns Dach . Da hauset ein andrer . Der hat meinen Bruder auf seinen Gaul gehoben . « Während Runotter wortlos die Zügel der drei Gäule faßte , guckte Malimmes mit gut gespielter Verblüffung drein : » Nit schlecht ! Und jetzt hab ich mein ganzes Spargut versoffen und verknöchelt - bis auf drei Goldpfennig und einen schlechten Landshuter Gulden ! « So sagte er . Doch was ihm den Hosensack so mager gemacht hatte , das war der unverschämte Preis gewesen , den Herr Grans für das gute Wehrzeug des Buben gefordert hatte . Jul wollte aus dem Sattel steigen . » Malimmes - tu mir helfen - « Der griff mit hurtigen Fäusten zu , hielt den Buben an die Brust geklammert , drosch mit der freien Faust auf das Haustor los und schrie zum Erker hinauf : » Frau ! Höia ! Das Tor auf ! Euer Haus hat Ruh . Bei Gottes Blut ! « Ein Gerappel im Flur . Riegel wurden zurückgeschoben , und eiserne Stangen klirrten . Die Tür ging auf . Malimmes sagte zu Frau Marianne , die weiß in der Dämmerung des Flures stand : » Dem Buben müßt Ihr ein Vergeltsgott sagen , Frau ! Der ist mit dem Teufel um die Wett geritten , um Euer Haus wider die Raubleut zu hüten . « Er führte den Buben zu der Steinbank , die im Flur an der Mauer war . » Flink , Frau ! Ein Trunk Wein muß her und ein Bissen Brot . « Die Amtmännin rannte über die Treppe hinauf . Und der Flur verfinsterte sich , weil Runotter die drei Gäule hereinführte . Er sagte müd : » Da muß doch ein Stall sein , nit ? « Die zwölf Hufe klapperten über die Bohlen . Und Runotter drehte das Gesicht nach der vergitterten Tür der Amtsstube . Drei suchende Sackmacher wollten ins Haus herein . » Langsamt « Malimmes zog das Eisen blank . » Da ist schon wer ! « Die drei gingen schimpfend davon . Malimmes blieb unter dem Torbogen stehen , um die Schwelle zu sperren . Als Frau Marianne kam , mit einem Brotwecken , mit einem gehäuften Teller und zwei bauchigen Weinkrügen , drehte Malimmes das Gesicht und sagte zu Jul : » Nimm kein Fleisch nit ! Bloß trückenes Brot . « Schweigend aß der Bub , und Frau Marianne , mit kollernden Tropfen auf den blassen Wangen , saß neben ihm und reichte ihm die Brotscheiben hin . » So ! « sagte Malimmes . » Jetzt tu einen Trank ! Aber fest ! « Frau Marianne hob den Krug und ließ den Buben trinken , bis er die Kanne fortschob und mit seiner linden Knabenstimme sagte : » Vergelt ' s Gott , liebe Frau ! Mir ist wieder wohl . « Malimmes fragte : » Hast du wahrhaftig genug ? « Der Bub nickte . » Also her damit ! « Malimmes nahm einen festen Rinken Brot und die Kanne , aus welcher Jul getrunken hatte . » Frau , den andern Krug und den Teller müßt Ihr meinem Herrn in den Stall tragen . « Er trank wie ein dürstendes Roß . Auf der Straße ein Getrappel vieler Hufe . Malimmes guckte zum Tor hinaus . Es waren die Hauptleute , Herr Seipelstorfer und Martin Grans mit Gefolge . Herr Grans deutete lachend : » Da steht ja der Bauernsöldner , den wir unter den Toten gesucht haben . « Die Herren kamen zum Haustor geritten , und Hauptmann Seipelstorfer sagte : » Mann ! Heut in der Nacht hast du die beste Arbeit gemacht . Sonst täten wir noch allweil vor der Hallturmer Mauer hocken . Man wird dich lohnen dafür . « » Das kann ich gleich brauchen ! « Malimmes lachte . » Darf ich eine Bitt tun ? Das Haus da ist Raubgut meines Herren . Möchtet Ihr nit ein Schutzfähnl Vor die Haustür stecken ? « Ein weißes Fähnlein mit dem Fürstenzeichen wurde vor der Schwelle aufgestellt . Dann ritten die Herren mit ihrem Gefolge zum Stift , um in den Stoben des Propstes Quartier zu nehmen . Jetzt konnte Malimmes das Eisen ins Leder stecken - hinter jeder Ungebühr wider den weißen Tuchlappen , der da vor dem Haus des Amtmanns baumelte , stand der Galgen . Der Söldner ging auf den Buben zu , der mit geschlossenen Augen gegen die Mauer gelehnt saß . Und da kam gerade Frau Marianne aus dem Stall zurück , mit einem neuen Schreck in den Augen . In dem von Asche , Schmutz und Blut bedeckten Harnischreiter , der die Gäule betreute , hatte sie den Ramsauer Richtmann erkannt . Und da zitterte sie um ihres Mannes Leben . Sie ging auf den Buben zu und wollte reden ; doch um ihre Kehle lag ' s wie eine würgende Faust . » Komm ! « sagte Malimmes zu Jul . » Du mußt dich waschen und brauchst ein Bett . « Jul flehte : » Laß mich da noch sitzen eine Weil ! « » Ins Bett ! « Malimmes wandte sieb grob an die Amtmännin . » Ich will für den Buben eine gute Stub . « » Eine Stub ist leer , mein bestes Bett ist drin . Ich lauf gleich , daß ich alles richten kann . « Frau Marianne hastete über die Treppe hinauf . Dabei hörte sie einen kommen und sagen : » So , die Gäul sind versorgt . « Lautlos weilte sie über die letzten Stufen der Treppe hinaufschleichen . » Frau ! Ein Wörtl ! « Wie versteinert blieb sie stehen und klammerte sieh an das Geländer . Klirrend kam Runotter über die Treppe herauf . » Ist der Amtmann im Haus ? « Sie stammelte : » Ach , guter Mensch - bei Gottes Barmherzigzeit , meinem Ruppert ist übel . « Hart sagte der andre : » Nit lang ist ' s her , da ist mir auch nit wohl gewesen in dem Haus da . « » Mensch , Mensch , so hab doch Mitleid mit einem Siechen ! « Runotter lachte grell . » Ich will ihm nur Grüßgott bieten . Das ist doch nötig , nit , wenn man als Gast in ein Haus kommt ? « Frau Marianne schüttelte heftig den Kopf . » Er nimmt ' s für geboten an . « » Wollet Ihr mich nit führen , Frau , so such ich den Amtmann selber . « Da ging ihm Frau Someiner schweigend voran in die Wohnstube . Hier brannten sehr viele wohlriechende Räucherkerzlein , während das schwere Pendel der Kastenuhr sein altes Wort sagte : » Bau ! Bau ! Bau ! « Frau Marianne öffnete die Tür der Schlafkammer , in die das Licht von zwei kleinen Gartenfenstern hereinfiel . Das große Ehebett war zur Hälfte bedeckt , zur Hälfte offen . Leer war auch die offene Hälfte . Denn Herr Ruppert Someiner , von einem Anfall seines Leidens gepeinigt , saß wie ein Häuflein des bittersten Elends in einem , hölzernen , wunderlich geformten Lehnsessel , hemdlings , Leib und Beine von einer geblümten Decke umhüllt , abgemagert , klein zusammengekrümmt , fahlgesichtig , mit hilflos irrenden Augen . » Schau , Ruppert « , stotterte die Amtmännin , » da kommt einer - mußt keine Sorg haben - bloß grüß Gott will er sagen . Ich tu dich ins Bett heben , komm ! « Herr Ruppert stöhnte : » Ich kann nicht - « Er wurde stumm , sein Gesicht veränderte sich , und das Kinn fiel ihm schlaff gegen die Hemdkrause . Runotter stand auf der Schwelle , wortlos , die beiden Fäuste über dem Knauf seines Schwertes , das er vor sich hin gestoßen hatte . Draußen in der Wohnstube klang immer dieses » Bau ! Baut ! « Und wie aus weiter Ferne hörte man kreischende Menschenstimmen , Gepolter und Gerassel , den Lärm des Sackmachens in den Nachbarhäusern . » Also , Gestreng Herr Amtmann ? Wie ist das jetzt ? Dürfen die siebzehn Ramsauer Küh auf der Mordau grasen ? Oder müssen die siebzehn Ochsen hinauf ? « » Mordau ? « lallte Herr Someiner . » Wohl ! So hat man das Hängmoos taufen müssen . Mein Bub erwürgt , hundert Leut erschlagen , mein Haus ein Kohlhaufen , hundert Dächer vom Feuer gefressen , ein Dorf im Elend , ein Land verwüstet , Mord und Not in der Welt - und was Recht heißt , muß in Angst auf dem Schmelzbänkl hocken . « Herr Ruppert fand keine Antwort . Sein Gesicht wurde so grau wie Asche . Der Bauer nickte . » Jetzt ist das so . Und keiner macht ' s nimmer anders . Wenn ich Euer Leben in Scherben schlag , wie ' s die Herren gemacht haben mit dem meinigen - was tät ' s helfen ? Gute Besserung , Herr Amtmann ! Ich geh . Es schmeckt nit fein da herin . « Er ging durch die Wohnstube hinaus . Frau Marianne atmete auf . Und Herr Someiner klagte in einer dunklen Logik seiner bedrängten Seele : » Das hätt ich mir meiner Lebtag nicht träumen lassen , daß ein redliches Mannsbild so in Untreu verfallen könnt ! « » Mann , ja Mann , so nimm doch ein lützel Verstand an ! « grollte die Amtmännin , während sie den Leidenden in das Bett schleppte . » Der hat doch mit seinen Leuten unser Haus gehütet wider die Raubleut . « Durch dieses Wort und in der Bettwärme schien Herr Ruppert zu einer milderen Anschauung zu gelangen . Aber er hatte mit seiner Rede , die der andre noch vernommen , einen schweren Schlag auf den quälenden Stachel getan , der seit vielen schlaflosen Nächten in Runotter bohrte . Als der Bauer hinunterkam , sah Malimmes ihn verwundert an . » Herr ? Was hast du ? « » Nichts . « Runotter legte seine schwere Hand auf die Kettenhaube des Buben . » Ich geh zu den Gäulen . « Wieder rasselte auf der Straße ein Reitertrupp vorbei . Zwei im ledernen Holdenküraß , mit erbeuteten Pferden , hielten vor der Haustür , der Altknecht des Runotterhofes und Heiner , der bei lachendem Gesicht eine Blutkruste auf der Stirn hatte . Durch den Eisenhut war ' s durchgegangen . » Aber das gute Käpplein der Traudi hat grad noch ausgehalten . « Der dritte von den Knechten fehlte . » Wird schon kommen ! « tröstete Malimmes . Aber dieser dritte blieb aus . Die Magd mußte Speis und Trunk bringen , mußte den vergitterten Eingang der Amtsstube aufsperren und in diesem geheiligten Raum die Heulager richten . Über die Treppe rief Frau Marianne herunter : » Das Stübl ist fertig . « » Komm , Bub ! Wann nit gehen kannst , ich trag dich . « » Es geht schon . « Als Frau Marianne droben im zweiten Stockwerk vor den beiden Mannsleuten die Tür der kleinen weißen Stube auftat , sah der Bub erschrocken die Kleider an , die von einem Zapfenbrett an der Mauer herunterhingen . Ein grünes Reiterwams aus Hirschleder war dabei , mit violett geflügelten Ärmeln . » Nur Mut ! « mahnte Malimmes mit einer wunderlichen Stimme . » Ist kein Feind nit da ! « Das Stübchen duftete herb , obwohl die zwei Kerzen nicht brannten . Wasser war in dem kupfernen Becken und Wasser in der kupfernen Kanne . Vor dem Waschtisch war eine dicke Kotze auf den Boden gelegt . Das große , weißverhangene Bett , neben dem ein Tischlein mit Wein und Speisen stand , war aufgedeckt . Schweigend richtete Frau Marianne die Kissen und ging aus der Stube . Malimmes hob dem Buben die Kettenhaube über die Ohren . Das schwarze Haar war dicht an den Kopf geklebt , auf den Wangen sah man wie eine Blutzeichnung das Muster des Ringgeflechtes , und das schmale Oval , das die Kettenhaube vom Gesicht freigelassen hatte , war braun und grau . Unter heiterem Schwatzen zog Malimmes an des Buben Küraß die Schnallen auf . Nun plötzlich der Laut eines fürchterlichen Schrecks . Der Küraß hatte auf der Brustplatte eine kleines , rundes Loch mit einwärts gebogenen Rändern . » Bub , bist du letz ? « Jul schüttelte den Kopf . » So viel gut ist mir . « Malimmes riß ihm den Küraß herunter . Das Geschoß der Faustbüchse hatte den Stahl durchbohrt und war in dem Lederpolster , das wie eine große Brille aussah , kraftlos hängen geblieben . » Guck , mein gescheites Pölsterlein ! « Und lachend legte Malimmes auf die Hand des Buben ein kleines Ding wie eine graue , zerquetschte Nuß . » Vergelt ' s Gott , Mensch ! « Jul atmete auf und betrachtete die zerdrückte Kugel . » So kann der Tod ausschauen ! « Fest schloß er die Hand um das kleine Bröcklein Blei . Malimmes schnallte die letzten Eisenstücke von dem Buben herunter , immer heiß und übermütig schwatzend . » So ! Jetzt tu dich waschen ! Fest ! Was Eisen ist , nimm ich mit . Dein Gewand mußt du vor die Tür hinaustun . Und liegst du im Nestl , so iß und trink ! « Er strich mit der Hand über das weiße Lager hin . » Da wirst du gut schlafen . « Seine Stimme bekam wieder jenen wunderlichen Klang . » Und lieb wirst träumen , paß auf ! « Er lud das klirrende Eisenzeug auf Arm und Schulter . Draußen blieb er stehen , bis er innen an der Türe den Riegel hörte . Er nickte vor sich hin . Und plötzlich wurden seine Züge ernst und müd . Langsam , wie mit zerschlagenen Knochen , stieg er die Treppe hinunter . Vor dem Hause ging ein lärmendes Gedränge vorbei . Der Häuf der Spießknechte rückte in Berchtesgaden ein . Manche hatten verbundene Köpfe , und viele trugen um die Schuhe noch die dicken Lumpen , die sie vor dem Sturmlauf naß um die Füße gebunden hatten , damit ihnen die unter der Asche noch verborgene Glut des niedergebrannten Waldverhaues das Schuhleder nicht versengen möchte . Der Hauf brachte die Gefangenen , unter denen der alte Armansperger war , der Hauptmann vom Hallturm . Die Schwerverwundeten des bayrischen Heerhaufens hatte man zur Plaienburg hinuntergeschafft , die Toten begraben . Die Gefallenen der Gadnischen Besatzung hatte man liegenlassen ; um die hatte sich der heilige Peter zu bekümmern , von dem augenblicklich niemand wußte , wo er sich aufhielt . Die Flüchtigen seiner Kriegsmacht waren gegen Schellenberg hinausgeprellt ; die meisten hatten sich zur festen Gadnischen Grenzburg am Hangenden Stein gerettet . An die zwanzig , die verwundet waren und nimmer weiterkamen , wurden aufgestöbert - unter ihnen Marimpfel mit einer Kopfwunde , die ihm tiefer ins Blut als ans Leben gegangen war . Von den Faustschützen , die auf die Heiter in der Marktgasse geschossen hatten , wurden drei erwischt . Sie erlebten noch einen schönen Abend ; denn der Himmel und die Berge begannen sich zu klären ; die sternhelle Mondnacht erlebten sie nimmer ; bevor es dämmerte , hingen sie an dem Galgen , den man auf dem Marktplatz neben dem Brunnen errichtet hatte . Im Verlaufe dieses schönen Abends gab es noch einen Alarm . Von der Gadnischen Besatzung am Schwarzenbach , wo der heilige Peter ebenfalls mit fehlendem Glück wider eine Übermacht gefochten hatte , kam ein Häuflein fliehender Reiter durch die Ramsau nach Berchtesgaden gejagt . Ein paar entrannen , die andern wurden gefangen oder niedergestochen . Und hinter ihnen erschienen die Sackmacher des heiligen Zeno . Sie fanden zu Berchtesgaden abgespeiste Tische und leere Kästen . Es gab Gezänk und Raufereien . Die zu kurz Gekommenen zerstreuten sich im Tal , um die einschichtigen Bauernhöfe heimzusuchen . Herden von Vieh , Schafen , Ziegen und Schweinen wurden zusammengetrieben - item verloren viele Gänse , Enten , Hennen und Tauben die Köpfe , ohne daß der Amtsschreiber Pießböcker diesmal die Ziffern notieren mußte . Und ehe die schöne Nacht über die Berge hinging , flammten an vielen Orten die Dächer auf , in die ein mutwilliger oder enttäuschter Sackmacher das Feuer geworfen hatte . Zu Berchtesgaden hausten die Raubleut schauerlich . Einer von den höfischen Ministerialen brachte nach Einbruch der Nacht die Kunde dieser Greuel zur Klostergrube hinter dem Königssee , wo an die sechzig Flüchtlinge des fürstpröpstlichen Hofes versammelt waren , in einer Höhle und unter Zelten , auch unter freiem Himmel , im träumerischen Bergwald und bei lustig flackernden Feuern , an denen emsig gekocht und gebraten wurde . Herr Jettenrösch , der nicht nur das schmuckste Pfennigweiblein , sondern auch eine poetische Ader besaß , wurde durch die Schilderung der Sackmachergreuel dichterisch angeregt . Während er im Schöße des frummen Fräuleins Rusaley die von den Musen geküßte Stirn ruhen ließ , preßte er seinen Zorn über die Missetaten des Feindes in eine vaterländische Elegie , deren lateinische Hexameter besagten : » Vierzehnhundert zwanzigundeins , im Jahre des Unheils , Als die siebzehnte Sonne des Juli aus Nebeln emporstieg , Wurde mein Berchtesgaden tückisch bekriegt und geplündert . Gleich einer heidnischen Horde warf sich der Feind in den Tempel , Raubte den kostbaren Schmuck , entraffte die frommen Geräte , Schleppte die Meßbücher fort und - leider - die wertvollen Kelche , Samt den mit edlem Gestein umkrusteten Knöchlein der Heil ' gen . Dreimal weh den Verruchten , die an des Münsters Altären Häcksel , Hafer und Heu ihren mistenden Rossen geboten ! Solcher Frevel ward noch erhöht durch greuliche Sünde : Denn die verdammten Halunken - so nicht wissen , wen Gott ist - Schleuderten nicht nur schändlich fort die göttliche Zehrung , Nein , sie stahlen - o pfui ! - uns auch die Monstranz noch , die goldne . Zwiefach wurde der göttliche Kult gestört und geschädigt : Nicht nur die Priester mußten entfliehn , auch die Schwestern , die frommen , Da sie mit Recht die Schändung der heiligsten Güter besorgten . Weh ! Diesen Greuel verschuldete Herzog Heinrich der Schwarze . Nennt sich : katholischer Christ ! Und ist eine Geißel der Kirche ! Fürst von Bayern , du , hab acht , dein wartet die Hölle ! « Als der Mondschein über die Wipfel des Bergwaldes , hinglänzte und am Feuer die schmorenden Gänse dufteten , trug Herr Jettenrösch mit einer Stimme , die von Ergriffenheit bebte , seine lateinische Dichtung vor . Und als der begeisterte Sänger schloß und in der Stille des Bergwaldes erwartungsvoll umherblickte , erhob sich reichlicher Beifall . Es applaudierten auch jene , die gar nicht Latein verstanden . Der junge Sigwart zu Hundswieben preßte das Gesicht in die Hände und bewegte schluchzend die Schultern . » Liebster ? « fragte der geschmeichelte Dichter . » Weinst du über das Unglück unsres Landes ? « » Nein ! « Hundswieben hob das grinsende Gesicht mit dem Pflasterknoten auf der Nase . » Unser unglückliches Land wird sich in Bälde wieder erholen . Ich weine über deine schlechten Verse , die in Ewigkeit nicht mehr besser werden . « Herr Jettenrösch ärgerte sich . Alle andern lachten . Die heitere Stimmung mehrte sich noch , während man die am Spieße knusperig ausgefallenen Gänse verzehrte und gegen die Kühle der Bergnacht mit stark gewürztem Glühwein ankämpfte , der nicht nur den Magen wärmte , auch das Blut in allen Adern befeuerte . Gewagte Scherzworte flatterten auf ; neben den erlöschenden Feuern begannen allerlei Zärtlichkeiten heimlich zu spielen , und die Töchter der Hofbeamten ließen sich von den Domizellaren in modischen Gebräuchen unterrichten . Sogar die jungen Nönnlein beteiligten sich lebhaft an Gesprächen , wie sie sonst im Schwesternhause niemals geführt wurden . Und sie bekamen glühende Wangen , als die frummen Fräulein Rusaley , Aglaja und Gerilind ein süßes , sehnsuchtsvolles Liedchen mit feinem Dreiklang hinauszwitscherten in die stille , schöne Nacht . Das Mondlicht tauchte hinter den Watzmann hinunter , das sanft rauschende Dach der Bäume wurde finster , kleine Leuchtkäferchen flogen um , und während es den Anschein hatte , als wäre das Lager der Flüchtigen schon tief in Schlummer gesunken , huschte mit leisem Kichern das ewig Menschliche durch den friedvollen Bergwald - - - - Um diese dunkle Stunde erwachte zu Berchtesgaden eine Schläferin und fuhr aus den Kissen auf , geweckt durch einen heiser gellenden Schrei der eigenen Kehle . Ihre verstörten Augen irrten in der Finsternis , von der sie umgaben war , und fanden die matte Helle des kleinen , vergitterten Fensters . Mit wirbelnden Sinnen und unter tobenden Herzschlägen begann sie dieses Entsetzliche zu verstehen : Die Feinde hatten sie gefangen , hatten ihr das blutige Eisen aus der Faust gewunden und hatten sie zu ewiger Strafe verdammt ; und nun lag sie in diesem finsteren Kerker , zu gerechter Buße für die unmenschliche Tat , die sie begangen hatte im Grausen der Schlacht . Begangen ? Wer ? Ihre eigne Faust , ihr Herz , ihr Wille ? Nein ! Nein ! Nur dieses schreckliche , von einem bösen Geist geführte Eisen hatte das Grauenvolle verbrochen . Dieses Eisen , das ein lebendiges Ding mit eignem Willen war und immer stach und schlug und mordete ! Dieses Eisen , das ein widerstrebendes , von allen Schrecken der Erde gepeinigtes Menschenkind hinter sich her riß und die an den Schwertgriff gebannte Faust mißbrauchte , um eine geliebte Stirn zu spalten . Zitternd an allen Gliedern , brennend an Leib und Seele , saß die Erwachte in den Kissen , immer gemartert von der