» Auslese , « fiel er ihr ins Wort - » das ist es auch . Die Unehelichen sind oft biologisch das wertvollste Material , und daß sie in so hohem Prozentsatz zugrunde gehen , ist meist nur die Schuld der Verhältnisse , in die sie nach ihrer Geburt gestoßen werden . - - Wissen Sie aber , Frau Lore , « fuhr er lebhaft fort , - » welches die wirkliche Elite unter den Unehelichen und unter den Geborenen überhaupt ist ? « » Nun ? « fragte sie gespannt . » Das sind die Kinder , - die , trotzdem sie unehelich geboren werden , - doch noch in einer Familie aufwachsen , in einer Familie von Vater und Mutter - - nämlich - in der Stiefvaterfamilie . « » So , « sagte sie und horchte hoch auf . » Ja , « fuhr er fort , » wenn die Mutter später einen anderen Mann heiratet , dann ist das Kind zumeist geborgen . Hier liegen tatsächlich « , er fuhr mit den Fingern über seine Statistik , » die günstigsten Verhältnisse . « Er blickte in seine Akten : » Was Berufsausbildung und Militärtauglichkeit betrifft , so kommt diese Gruppe den Ehelichen am nächsten . « » Aber , warum sagen Sie , « meinte Lore nachdenklich , - » daß diese Kinder zumeist auch eine biologische Elite darstellen ? « Er lächelte ... » Liebe Frau Lore , - denken Sie doch mal , - was für ein Prachtweib muß so eine Frau sein , die - die , - trotzdem sie nach unseren heutigen verschrobenen Moralbegriffen eine - Gefallene ist , « - er sagte es lachend und ohne Scheu , - » die also , trotzdem sie eine - solche - Gefallene ist , « - nun lachten beide , - » doch noch geliebt und geheiratet wird . « » Eine große Ehre , « sagte sie , noch immer lachend , - » und welche eine Hoffnung für so eine arme Gefallene ! « Das Lachen verschwand nicht von ihrer beider Gesichtern . Er fuhr fort : » Und selbstredend hat so eine Prachtfrau wieder ein Prachtkind , - es ist da also eine Art Auslese - sozusagen automatisch wirksam . « » Und es entsteht nicht selten eine Prachtfamilie auf diese Art , nicht wahr ? « » Na , « meinte er mit verlegenem Gesicht , und griff nachdenklich an sein Ohrläppchen , » manchmal kann sich der Herr - Stiefvater - was biologische Pracht anbelangt , nicht gerade als Mehrer der Familienschönheit betrachten ... - aber - das ist ja auch gar nicht seine Aufgabe . « » Und was ist seine Aufgabe ? « forschte Lore . » Oh - das ist eine feine Sache . « Er stützte den Kopf in die Hand und blickte ein wenig über die Ränder des Zwickers . » Bedenken Sie , wie viel mehr dieser - Wahlvater - für die Mutter zumeist empfindet , als der wirkliche Vater des Kindes . Ich habe hier auch Material gesammelt , « er drückte mit der Hand gegen die Akten , - » darüber , wie die Ehen mit dem sogenannten Schwängerer ausgehen , - der irgendwie gezwungen oder beeinflußt wird , das schwangere Mädchen zu heiraten . Zumeist tut er das , um die Alimentation zu ersparen . Diese erzwungenen Ehen « fuhr er ernsthaft fort - » werden zumeist sehr unglücklich . Das Kind wird da sehr oft als Last empfunden , man haßt es , als die unglückliche Ursache der ganzen , erzwungenen Situation . Ganz anders aber liegt die Sache in den Ehen mit dem - Wahlvater , dem Stiefvater . Er ist der Mutter mit dem Kinde begegnet - « , seine Stimme wurde tief und war von einem fremden Ton , den sie noch nie an ihm gehört , durchbebt , - » und hat beide - frei gewählt . Er liebt nicht nur die Mutter , - nein , er liebt auch das Kind . « Mild und lösend drangen diese Worte in sie . Ihr war auf einmal , - als wäre sie nicht mehr allein , nicht mehr suchend , nicht mehr zu neuer , abenteuerlicher Fahndung genötigt . Und das Gefühl wurde in ihr stark : hier ist Schutz , - guter , guter Schutz . Sie schloß die Augen und ihr war , als hätte sie eine Vision : sie sah sich im Gedränge , - geschoben , gestoßen , hastend , suchend , - und da kam einer - ein einziger unter allen - und bot ihr seinen Arm . Sie sah den tiefen Ernst auf seinem Gesicht , sie fühlte , wie er ihren Arm leise gegen seine Brust drückte , und auf einmal wußte sie , daß er ihr diesen Arm nicht nur geliehen , sondern gegeben hatte . Sie schlug die Augen auf und sah , im Schein der Lampe , voll in sein Gesicht . Sie sah , wie seine Augen auf ihrem Antlitz ruhten und sie sah , wie sein Gesicht durchleuchtet war von Liebe . Oft hatte sie , in letzter Zeit , vergeblich versucht , sich an sein Gesicht genau zu erinnern , nun war es ihr , als ob sie ihn - erkannte . Einen Augenblick schien es ihr , als wäre sie ihm schon einst - irgendwo - irgendwann einmal begegnet , - als hätte sie das alles schon erlebt , - was sie eben jetzt erlebte , - und sie hätten sich jetzt - nach langer , langer Trennung - wiedergefunden und hätten sich , in vielen Verhüllungen , entdeckt , - erkannt . Sie sah die mächtige Biegung der Stirn , sah , wie edel und steil die Nase sich zum Munde streckte , sah , wie verschönt das Gesicht von dem großen Gefühle war , das es durchleuchtete , wie eine Flamme ein transparentes Gehäuse durchschimmert , - und sie erkannte ihn ... Als er diesmal von Schöneberg nach Hause ging , hatte er nichts diktiert ; aber sie hatten ernsthaft beschlossen , das am nächsten Tag nachzuholen ; heute - hatten sie Besseres zu schaffen gehabt ... Mit glücklichem Gesicht ging er durch die nächtlichen Straßen . Eine Melodie summte ihm durch den Kopf , und er suchte Worte als Text . » Wenn ich bei meiner Christel bin « , so hatte Goethe gesungen , - wie wird mir da so froh zu Sinn . Erlöst fühlte er sich , - erlöst von dem Druck , der auf seiner Mannheit gelastet hatte . Daß ihm dieses je beschieden sein konnte , - nie hatte er es gedacht . Und daß er nicht nur eine Frau bekam , eine Frau von edler Art , - nein , auch eine Frau , die einen solchen Schatz , eine solche Mitgift ihr eigen nannte : ein wirkliches , lebendiges , fix und fertiges , wohlgeratenes Kind . Oh , was bedeutete dieser Schatz , diese Mitgift gerade für ihn ! Er hatte es ihr schon heute gesagt , - ernst - Aug ' in Aug ' - nach der ersten , großen , seligen Freude , nachdem er das Wunderbare , das unsagbar Herrliche erlebt hatte ... Er hatte ihr gesagt : » Wir werden kein Kind haben , - denn ich habe nichts zu vererben . « Da hatte sie mit ihrem kräftigen , frohen Lachen geantwortet und hatte gesagt : » Wir haben ja ein Kind . « » Ein richtiges , lebendiges Kind « , flüsterte er jetzt vor sich hin . » - Lörchen Wigolski , « - so konnte sie nicht auf die Dauer heißen ; das tat nicht gut ; » Lörchen Schubert , « - ein Lächeln glitt über sein Gesicht , - » Gott sei Dank , ausgeschlossen ; aber Lörchen Diamant , - das mochte taugen . « - - - An diesem Abend saß er wieder vor seinem Tagebuch . Er schlug das Heft auf - und kaute an der Feder . Sein Gesicht , von dem das Lächeln nicht wich , hatte einen verlegenen Zug . Hin und her drehte er den Federstiel in den Händen , - wahrhaftig , er schämte sich vor dem Buch , - er wußte nicht , wie er es - gestehen sollte . Aber ein Vers wollte ihm nicht aus dem Sinn , er flüsterte ihn immer wieder vor sich hin : » Durchsüßet und geblumet ... « Dann ging er zum Bücherregal , um den Vers auch wörtlich zu finden . Freund Walther von der Vogelweide , der wußte doch , wie man - solche Dinge - - sagte . Er legte das Buch vor sich hin und schrieb : » Durchsüßet und geblumet sind die reinen Frauen . « Hier stock ' ich schon , - - sollte er nicht besser schreiben : die neuen Frauen ? - - Pfui , Pharisäer ! Nun gerade : » Durchsüßet und geblumet sind die reinen Frauen « , - die Feder kratzte eifrig , und Blicke ins Büchlein wurden geworfen , - » So Wonnigliches gab es niemals anzuschauen « , - sein selig verklärtes Gesicht beugte sich fast zärtlich zu dem Papier , - und weiter kritzelte die Feder , - » In Lüften noch auf Erden , - noch in allen grünen Auen « ... Während nun hier ein Schicksal in freundliche Bahnen bog , wurde ein anderes an gefährliche Klippen gedrängt . Eines Tages kam Werner zu Olga , - bleich , verstört , zerrüttet . » Es ist geschehen « , sagte er dumpf und preßte hilfesuchend ihre Hände . » Was ist geschehen ? « fragte sie , von banger Ahnung erfüllt . Stammelnd berichtete er ... Der Gatte der Baronin habe das Verhältnis entdeckt . » Wie konnte das sein , - und was soll nun werden ? « » Wie es sein konnte , das weiß ich nicht . Es war gestern in meiner Wohnung . Sie sagte , - wir wären in voller Sicherheit . Plötzlich - spät abends , wird an der Glocke gerissen - gegen die Tür geschlagen ... Wir schaffen kaum die nötigste - Ordnung , - als er auch schon an der Tür des Zimmers steht und Einlaß erzwingt . « » Und nun ? « » Er hat mich gefordert ... morgen früh ... « » Du sollst - ? ! « Er lachte krampfhaft auf und fuhr sich mit der Hand in die Haare . » Ja , ja - bei der Tragödie darf das Satyrspiel nicht fehlen . Ich soll mich mit ihm schießen , - jawohl . « » Willst du das wirklich ? « » Was bleibt mir andres übrig ? « Und finster fügte er hinzu : » Mir kann es recht sein . « » Werner , « sagte sie angstvoll - » du hast doch nicht die Absicht - den Mann der Baronin wie - wie einen Feind - aus der Welt zu schaffen ? « Starren Blickes sah er sie an . Dann schüttelte er den Kopf und sagte mit fester Stimme ... » Nein , ich habe nicht die Absicht , kann sie auch nicht haben , denn ich weiß nur schlecht Bescheid mit der Pistole . « » Und er , « flüsterte sie , » wird er ? - - « » Das bleibt ihm überlassen « , sagte er fest . Dunkel - wie ein schon vergessener Traum - stieg die Erinnerung in ihr auf : wie auch sie einmal einer Pistole mutig die Brust geboten ... Am nächsten Tag , um die Mittagsstunde , als sie schon lange angstvoll wartete , stand er an ihrer Tür . Er war heil und unversehrt . Aber sein Gesicht schien blutlos , und sein Auge flackerte irr . » Werner , « flüsterte sie , » ist es vorbei ? « » Es ist vorbei « , sagte er mit fremder , heiserer Stimme . » Es ist alles vorbei . « Und dann erfuhr sie , was geschehen war ... Werner hatte in die Luft schießen wollen ... Aber als der Pulverdampf sich zerteilte , da sah er , drüben , den Gegner zurückgesunken , in den Armen seiner Zeugen . » Ich habe ihn getötet « , flüsterte er . Und dann erzählte er noch mehr . Wie ein Gezeichneter war er durch die Straßen getaumelt , - hin , zu ihr , der Geliebten . Er traf sie und sagte ihr , was geschehen war , - sagte ihr , - daß sie nun frei war ... wie sie es gewollt . Da war in ihren großen Sphinxaugen ein Feuer entbrannt . War es ihr Wille gewesen , - der in ihm gewirkt , - gegen den seinen ... oder war es doch auch sein Wille gewesen - verborgen dem wachen Sinn und nur wirkend in jener dunkelsten Tiefe , in die kein Auge blickt ? ... » Geh jetzt , « hatte sie ihn gebeten , » und komm wieder - in zwei Stunden , nach meiner Wohnung . « Zwei Stunden war er in den Straßen umhergeeilt - und dann in das Haus gegangen , - in dem der Tote schon lag . Als er sich scheu der Tür näherte , da hatte ihm , bevor er noch die Klingel berührte , die Jungfer der Baronin geöffnet und ihm einen Brief hinausgereicht ... Er öffnete die zur Faust geballte Hand . Hier - hier - war der Brief . Sie strich die zerdrückte Papierkugel glatt und las : » Die Tat ist geschehen , die geschehen mußte und doch nicht geschehen durfte . Ich eile zu dem - der solche Taten nicht setzt - und den ich liebe . « Sie begriff nicht . Stumm hielt sie das rätselhafte Papier in der Hand . Da brach es aus ihm heraus . » Oh , verstehst du nicht - verstehst du nicht ? ! Ich - ich mußte die Tat begehen , - - - damit sie frei wurde - für einen anderen . « » Aber du wolltest ihn doch nicht töten « , sagte Olga . » Nein , ich wollte es nicht , - ich weiß nicht , - ich glaube , ich wollte es nicht ... Aber hätte ich ihn nicht getötet , so wäre ich doch derjenige gewesen - durch den ihre Ehe gelöst wurde - und der Name des - anderen - wäre frei geblieben . Kein Gesetzesparagraph hätte verhindert , daß eine neue Ehe - dort - geschlossen wurde . Keine Schmach hätte diese neue Ehe befleckt , und keine Bürde wäre auf sie geladen worden . « Wie ein schwerer , wallender Vorhang , - so rauschte das Geheimnis zurück . Sie begriffen beide . Sie wußten alles , - auch wer jener andere war . Sein Bild stand in diesem Augenblick vor ihrer beider Seelen . Sie sahen ihn , wie sie ihn damals gesehen , - an jenem Abend , da er mit der Baronin und mit ihnen zusammen war . Wie wenn auf eine dunkle Bühne plötzlich , auf eine einzige Stelle , volles Licht fällt und eine Gestalt beleuchtet , die hier im Dunkel gestanden und nun allen sichtbar wird , - so sah ihn Olga . Sie erinnerte sich an den fast kahlen Schädel von ungeheueren Dimensionen , an jene Stirn , die steil , wie ein Dachgiebel , aufstieg und sich schwang , wie ein romanischer Bogen . Sie erinnerte sich an den durchdringenden Blick - und an die Worte , die jener Mann über das Wollen gesprochen und über die Wünsche , die sich abarbeiten für dieses gefährliche Wollen , wie die Sklaven . Sie erinnerte sich , was er über die Orientalen gesagt , - über ihre nüchterne und entsühnende Moral der inneren Abrüstung . Und sie wußte , daß sich ihre und Werners Gedanken an diesem Bilde , das plötzlich , im vollen Licht , inmitten der dunklen Szene stand , begegneten ... Sie war es , die aus dem betäubungsähnlichen Zustand zuerst erwachte . Sie raffte sich auf . » Jetzt gilt es zu retten - was noch zu retten ist . « » Und was sollte das sein , was hier noch zu retten wäre ? « fragte er , mit verzerrtem Lächeln . » Das bist du « , sagte sie . » Du mußt fort und sogleich . « » Fort , warum ? « Langsam nur drang durch die Nebel die Vorstellung zu ihm , die sie ihm klar machte : daß er verfolgt würde , - wegen Totschlags im Duell , - und daß er darum fort müßte , heute noch , sofort . Er weigerte sich , vor den Folgen der Tat zu fliehen . » Willst und kannst du denn bleiben , - jetzt , - hier - wo du solches erlebt hast ? « Die Scham des Mißbrauchten stieg ihm glühend zu Gesicht . » Fort , fort « , dachte nun auch er . Aber wohin ? Nach der Schweiz , nach Italien , Amerika ? Und ohne Mittel ? Sie grübelten beide . Plötzlich durchschoß sie ein Gedanke . » Ich weiß , wohin du gehst ! « Und entschlossen teilte sie ihm ihren Plan mit . Er sollte zu Doktor Emmerich nach Ascona . Dort war er geborgen und konnte abwarten , bis er sich selbst wieder helfen konnte . Doktor Emmerich würde ihn aufnehmen . Er ließ alles geschehen , wie sie wollte . Er blieb in ihrer Wohnung , während sie hastig den Hut aufsetzte und forteilte zu der Bank , bei der sie ihr Depot hatte . Sie hob einen Betrag ab . Die Filiale , bei welcher ihr Depot lag , war in einem großen Kaufhaus . Gerade gegenüber den Schaltern der Bank waren jene des Reisebureaus . Hier erfuhr sie , wann der nächste Zug ging , der nach der Schweiz Anschluß hatte . Dann nahm sie ein geschlossenes Automobil , fuhr zu ihrer Wohnung zurück und hieß den Chauffeur warten . In wenigen Minuten kam sie mit Werner wieder . Er hatte seinen breiten Filzhut tief in die Stirn gedrückt . Sie fuhren direkt zur Bahn . Ohne Gepäck reiste er ab . Noch lag der Schreck über dieses gewaltsame Ereignis in Olgas Seele . Aber sie hatte keine Zeit , sich ihren bangen Gefühlen hinzugeben . Die Arbeit an ihrer Korrespondenz häufte sich immer mehr , und Lore mußte jetzt täglich kommen , ihr zu helfen . Und Lores Augen wurden immer froher und ihr tiefes Lachen immer herzlicher . Stanislaus kam , mit merkwürdiger Zufälligkeit , immer gerade dann , wenn Lore gehen sollte , - die er dann natürlich begleitete ... Der Bruder erschien ihr plötzlich sonderbar jung und lebhaft , elastisch und verschönt . Seine Kleidung wurde sorgfältig , beinahe elegant ; er hatte sich einen neuen , dunkelblauen Anzug bei einem teueren Schneider machen lassen . » Ist er auch richtig , - sitzt er gut ? « fragte er die Schwester , als er sich darin präsentierte . » Aber sehr « , sagte sie und wunderte sich nicht wenig . » Warum denn nicht schwarz , jetzt , in der Trauer ? « » Dafür genügt die Florbinde um den Arm , « meinte er , - » übrigens habe ich mir außerdem - auch noch einen schwarzen Anzug bestellt ; Smoking « ... Bald wußte sie , wie es mit beiden stand . » Nur noch ein wenig sicherer stehen , « sagte Stan , - » soweit wir Freien es überhaupt können ; nur noch mehr Überblick über die Einnahmen , - geregelte Mitarbeit da und dort - Vollendung des Buches - ein neues Auflagenhonorar , dann sei es gewagt . « Und er arbeitete mit » Dampfkraft « , wie Lore erzählte , und stieß die Kapitel seines neuen Buches eines nach dem anderen heraus . Nachdem Olga so viel über die Lage der Unehelichen zu hören bekam , fiel ihr ein , daß das Thema sich vorzüglich für einen Vortrag im » Bunde « eigne . Stanislaus war einverstanden und bat sie , sich für ihn mit Frau Dr. Wallentin in Verbindung zu setzen . Er hatte , solange er arbeitete , keine Zeit , irgendwelche » Schritte zu unternehmen « - außer die täglichen Schritte nach Schöneberg . » Wie ein Kokon muß man sich einspinnen , « sagte er , - » will man ein Buch herausbringen . « Und er spann sich ein , und es gab jemanden - in Schöneberg - der ihm dabei half . Olga schrieb an Frau Dr. Wallentin und erhielt bald Antwort . » Sehr liebes Fräulein Diamant , ich möchte über die Arbeit Ihres Bruders , die mich in hohem Grade interessiert , recht ausführlich mit Ihnen sprechen , und vor allem möchte ich Sie endlich einmal wiedersehen . Es ist schon eine kleine Ewigkeit her , seit wir uns zuletzt begegnet sind . Vielleicht kommen Sie beide eines Nachmittags zu mir heraus in den Grunewald ? « Und da Stanislaus noch immer keine » Schritte unternahm « , so ging sie allein . Es war richtiger Frühling geworden , auch in Berlin . Der Park um die Villa blühte ... Der See funkelte in goldenen Reflexen , als hielte er alle Strahlen der Sonne gefangen . Olga saß mit Frau Wallentin auf der Terrasse , unter dem Dach der Markise , am runden Teetisch , und sie blickten in die wiegenden Wipfel der Kiefern und in das zarte Laub der Buchen . » Ich habe mich in letzter Zeit dem Bunde wenig widmen können « , sagte die alte Frau . Sie schenkte selbst den Tee ein . Wie liebte Olga diese edlen , durchstrahlten Hände , wie dankte sie im Herzen dieser alten Frau dafür , daß sie ihr und allen , die sie kannten , ein wunderbares Märchen kündete , - daß sie ihnen allen zeigte , wie schön das Alter sein kann . Selten nur war sie herausgekommen , trotzdem sie wußte , daß sie kommen durfte . Zuviel der Störung und der Verstörung hatte sie erlebt in all der Zeit , und schamhaft hatte sie sich dann vor dieser Lichten verborgen . Jetzt , wo sie wieder bei ihr saß , dachte sie , daß man immer nur zu den Menschen gehen sollte , in deren Nähe man selbst schöner würde , - ruhiger und reiner in der Linie . Hier schien es ihr , als ob ihre Seele mit gebändigtem Feuer , wie ein Vogel , der sich sicher in reinen Lüften wiegt , frei und leicht ihres Weges flöge ... Und so , wie es Menschen gab , - so dachte sie , - die alle Schichten eines anderen Seins in wilde Wirbel brachten , bis es Aufruhr und Lava gab , - so andere , die die Elemente sänftigten , die Dämonen bannten , - in deren milder Sphäre Vollbringen wohnte . Und Goethes erhaben-demütiges Danklied kam ihr in den Sinn : » ... Spähtest , - wo die reinste Nerve klingt . « Sie hatte Frau Wallentin nicht gesehen , seit sie nach Hause gereist war , und auch vorher , während der Bitternisse , die sie erlebt , - nur selten . Sie erzählte ihr , daß der Vater nun tot war . » Und nun bleiben Sie hier - bei uns . Denn wir brauchen Sie « ; und mit innigem Lächeln nickte sie ihr zu . Olga berichtete von Stanislaus und seinem neuen Buch . Frau Wallentin riet , den Vortrag bis zum Herbst zu verschieben . Denn da er das Buch noch nicht abgeschlossen habe , so würde es zu spät in der Jahreszeit werden , um mit einem Vortrag herauszutreten . Aber sie wollte erfahren , was er gesammelt hatte , und Olga mußte ihr versprechen , dem Bruder zuzureden , daß er sie bald aufsuchen möge . Dann erzählte Olga von Erika , - der einstigen Helferin beim Ordnen der Bibliothek . Stumm und bang horchte die alte Frau , als sie von jenem Abend sprach , an dem Erika sterben wollte , und ein großes Leuchten brach aus ihren Augen , als sie hörte , was dann geschehen war . » Die Welt ist voll von Wundern , « sagte sie leise , - » ihr Glücklichen - ihr Jungen , vergeßt das nie . « Ein wehmütiges Lächeln umschattete ihren Mund . In Olga stieg die Sorge auf , ob die alte Frau sich gesund fühle , und sie fragte , warum sie sich dem Bunde weniger gewidmet habe . » Es ist doch nicht - weil Sie behindert waren ? « » Ich war behindert - aber durch etwas sehr Glückliches « , sagte Frau Wallentin . Ihre blauen , tiefen Lichtaugen strahlten auf . » Mein Sohn Manfred ist endlich gekommen . « Und sie erzählte ihr von ihm . Sie berichtete - nicht als ob sie die Mutter wäre . Sie sprach mit der glücklichen Begeisterung , mit der ein junges Mädchen von dem Manne spricht , der seine Träume verwirklicht . Sie erzählte , - daß er ein Mensch war , der nach einem vorgefaßten , festen Plan systematisch ein Lebenswerk baute . Er hatte ein Programm von Taten , für deren Beendigung ein Menschenleben nicht ausreichte . » Aber was tut dies , « warf sie mit frohem Lächeln ein . - Sind wir denn nicht da , um unsere Taten an andere weiter zu geben ? Und nun gar er ! Sobald seine Pläne selbständig laufen , wie er es nennt , dann überläßt er sie ihrem Schicksal und nimmt das nächste Werk in Angriff . Manfred hatte erst Medizin und dann Nationalökonomie und Philosophie studiert . » Und doch ist er kein Gelehrter - wie Erasmus von Rotterdam « , berichtete die Mutter , lächelnd . Und ernst fügte sie hinzu : » Er ist ein Organisator ... Ihn beschäftigte alles , was die Welt vollkommener macht . Zehn Jahre hat er damit zugebracht , die Erde zu bereisen . Und während er wanderte und das Leben der Völker durchforschte - ging er zu den Einzelnen - zu den Großen , zu denen , die die Welt vorwärtsrücken . Diese Größten - ob sie Einsame waren oder Gefeierte , - die hat er in aller Herren Länder aufgesucht , - und hat sie verknüpft - zu einheitlicher Tat . « Es war eine Organisation gewaltiger Namen , eine Organisation der bewegenden , geistigen Kräfte dieser Welt , die er , in aller Stille , geschaffen hatte . Eine Zentralstelle zur Durchforschung der Probleme der Entwickelung sollte gegründet werden . Jetzt erst , nach zehnjähriger Vorbereitung , ausgerüstet mit diesem Stabe glänzender Namen , die allein jene Autorität erringen konnten , die notwendig war , um der Organisation zur Macht zu verhelfen , - sollte das Zentralkomitee öffentlich begründet werden . Und Frau Wallentin erzählte , daß das Unternehmen eingeteilt war in die verschiedensten Kulturkreise , mit einzelnen , stofflich verschiedenen Arbeitsbezirken . Die bewegenden Probleme der Welt galt es , nach dem Standpunkt internationaler Kenntnis , zu sichten . Auf dem Gebiete der sozialen Gestaltung , der Organisation der Völker , der Verbindung der Intellekte , der Revision der moralischen Gesetze , auf denen die Menschheit fußen konnte , galt es , zu wirken . Und im Mittelpunkt der ganzen , globischen Zentralisation stand ein Komitee zur Erforschung der Gesetze der Deszendenz und der Variation , - eine wissenschaftliche Kommission , die die sozialen und die biologischen Gesetze untersuchte , durch welche die Erzeugung hochwertiger Menschen gesichert schien . Von diesem Zentralgedanken ausgehend , hatte auch die Mutter jenen Bund begründet . Der Grundgedanke , der sie und die Söhne leitete , war der , daß alle Kulturtaten unendliche Zersplitterung der Kräfte , solange mit sich bringen müßten , - solange nicht der Mensch selbst auf der Höhe der Art stand . Aus dem Bereiche des Zufälligen , des oftmals Schädlichen und die Entwickelung der Art Hemmenden , - sollte die Zeugung des Menschen zu einer Tat werden , aus der immer wieder nur höheres Leben entstehen konnte . Die Gesetze der Hygiene mußten zu diesem Zweck ebenso revidiert werden , wie die der sozialen Bedingungen , innerhalb welcher Menschen aufwuchsen . Die Abschaffung schädlicher Fortpflanzungssitten und die Festigung der Rechte , die eine gesunde Selektion verbürgten , standen an erster Stelle des Arbeitsprogramms . Und die Mutter sprach auch von den Ahnen ihres Sohnes . Zwei Varianten waren es , die in dieser Familie immer wiederkehrten ; die Bedenklichsten und die Waghalsigsten . Gelehrte und Revolutionäre wurden in dieser Familie immer wieder geboren . Manchmal auch schlossen sich diese Strebungen in einer Gestalt zusammen , und es entstand einer , der sich auflehnte und dennoch bedenkend seine Taten formte , den das Feuer der eigenen Seele nicht über die wahre Natur der Dinge hinwegtäuschen konnte , der sie ansah mit der nüchternen Ruhe des Forschers und sich doch nicht beruhigte darüber , daß sie so waren , wie sie waren , - sondern , - in Ahnung ihrer höheren Formen - weiter und immer weiter ging ... Olga hatte gehorcht ; sie hatte alles umschlossen , alles geborgen . Die Stunde war glücklich . Nicht immer war die Seele so weit , so frei , so hingegeben , - daß sie horchen konnte , wie heute , an diesem goldenen Tag . » Da kommt Manfred « , sagte die alte Frau . Die Gittertür zum Park war geöffnet worden , er kam über den Weg dem Hause zu . » Ein hoher Mann « , dachte Olga . Er grüßte hinauf . Sie sah ,