noch nicht geboren ist , sein Leben enden wird als Mann oder als Greis oder ... ach , was für Gedanken ... fort , fort . Heinrich erklärte sich bereit , den Wunsch Annas zu erfüllen , und stand auf . » Es wird mir vielleicht selber nützlich sein « , sagte er wie zur Entschuldigung . » Ich könnte über allerhand ins Reine kommen . « » Aber geben Sie acht , daß Sie nicht plötzlich in Ihre politische Tragikomödie geraten « , bemerkte Georg . Und zu Anna gewandt : » Er schreibt nämlich ein Stück mit einem deutschnationalen Couleurstudenten als Helden , der sich aus Verzweiflung über die Emanzipation der Juden mit Schwämmen vergiftet . « Heinrich winkte ab . » Ein Glas Bier weniger und Sie hätten nicht einmal diesen Witz gemacht . « » Neid « , erwiderte Georg . Er fühlte sich außerordentlich gut aufgelegt , insbesondere , weil er nun fest entschlossen war , übermorgen abzureisen . Er saß ganz nahe bei Anna , hielt ihre Hand in der seinen und hörte es wie von Melodien späterer Tage im tiefsten Grunde seiner Seele rauschen . Heinrich stand plötzlich im Garten draußen vor der Veranda , griff über die Brüstung , nahm seinen Mantel vom Sessel und schlug ihn romantisch um sich . » Ich beginne « , sagte er . » Erster Akt . « » Vorher Ouverture in D-moll « , unterbrach ihn Georg . Er pfiff eine getragene Melodie , nur ein paar Töne , und schloß mit einem » und so weiter « . » Der Vorhang hebt sich « , sagte Heinrich . » Fest im königlichen Garten . Nacht . Am nächsten Tag soll die Prinzessin mit dem Herzog Heliodor vermählt werden . Vorläufig nenn ich ihn Heliodor , er wird wahrscheinlich anders heißen . Der König betet seine Tochter an und kann Heliodor , der eine Art von zäsarenwahnsinnigem Gecken vorstellt , nicht ausstehen . Zu diesem Fest , das der König hauptsächlich gibt , um Heliodor zu ärgern , sind nicht nur die Edeln des Landes geladen , sondern die Jugend aller Stände , soweit sie sich durch Schönheit ein Recht dazu erworben hat . Und die Prinzessin soll an diesem Abend mit jedem tanzen dürfen , der ihr gefällt . Da ist besonders einer , Ägidius mit Namen , von dem sie ganz hingerissen scheint . Und niemand freut sich mehr darüber als der König . Eifersucht Heliodors . Steigendes Vergnügen auf Seite des Königs . Auseinandersetzung zwischen Heliodor und dem König . Hohn , Verfeindung . Nun geschieht etwas höchst Unerwartetes . Ägidius zückt den Dolch gegen den König , er will ihn ermorden . Dieser Mordversuch müßte natürlich sehr sorgfältig motiviert werden , wenn Sie nicht die Güte hätten , lieber Georg , die Sache in Musik zu setzen . So wird es genügen , anzudeuten , daß der Jüngling ein Tyrannenhasser , Mitglied einer geheimen Verbindung , vielleicht ein Narr oder Held auf eigne Faust ist . Das weiß ich nämlich noch nicht . Der Mordversuch mißlingt . Ägidius wird festgenommen . Der König wünscht mit ihm allein zu bleiben . Duett . Der Jüngling ist stolz , gefaßt , groß , der König überlegen , grausam , unergründlich . So ungefähr stell ich mir ihn vor : Er hat schon viele in den Tod geschickt , schon viele sterben sehen , aber ihm , in seiner ungeheuern innern Wachheit , scheinen alle übrigen Menschen in einem Zustand halber Bewußtheit dahinzuleben , so daß ihr Dahingehen gewissermaßen nichts anderes zu bedeuten hat als einen Schritt aus Dämmerung in Finsternis . Ein solcher Untergang scheint ihm hier zu mild oder zu banal . Diesen Jüngling will er aus einem Tag , wie ihn noch kein Sterblicher genossen , ins furchtbarste Dunkel stürzen . Ja , das geht in ihm vor . Wieviel er davon ausspricht oder singt , das weiß ich natürlich noch nicht . Ägidius , als ein nach aller Meinung zu sofortigem Tod Bestimmter , wird abgeführt , und zwar auf dasselbe Schiff , auf dem am Abend darauf Heliodor mit der Prinzessin ihre Reise hätten antreten sollen . Der Vorhang fällt . Der zweite Akt spielt auf dem Verdeck . Das Schiff in voller Fahrt . Chor . Einzelne Gestalten heben sich heraus . Ihre Bedeutung tritt erst später zutage . Morgendämmerung . Ägidius wird aus dem untern Schiffsraum heraufgeleitet . Wie er natürlich glauben muß , zum Tode . Aber es kommt anders . Seine Fesseln werden gelöst , alle neigen sich vor ihm . Er wird begrüßt wie ein Fürst . Die Sonne geht auf . Ägidius hat Gelegenheit zu bemerken , daß er sich in der besten Gesellschaft befindet . Schöne Frauen , Edelleute . Ein Weiser , ein Sänger , ein Narr sind zu größern Rollen bestimmt . Aus dem Chor der Frauen löst sich aber keine andre als die Prinzessin selbst , die Ägidius zu eigen gehört , wie alles auf dem Schiff . « » Ein splendider Vater und König « , sagte Georg . » Für einen geistreichen Einfall ist ihm nichts zu teuer « , erläuterte Heinrich , » das ist seine Natur . Es folgt ein herrliches Duett zwischen Ägidius und der Prinzessin , dann setzt man sich zum Mahl . Nach dem Mahle Tanz . Hohe Stimmung . Ägidius muß sich natürlich für gerettet halten . Er wundert sich nicht übermäßig , denn sein Haß gegen den König war immer sehr von Bewunderung unterzündet . Der Abend bricht an . Plötzlich ist ein Fremder an der Seite des Ägidius . Vielleicht ist er auch längst dagewesen . Einer unter den vielen , unbemerkt , stumm . Er hat ein Wort mit Ägidius zu sprechen . Fest und Tanz gehen unterdessen weiter . Ägidius und der Fremde . All dies ist Euer , sagt der Fremde . Ihr könnt damit nach Belieben walten , könnt Besitz ergreifen und töten , ganz wie Ihr wollt . Aber morgen ... oder in zwei , oder in sieben Tagen , oder in einem Jahr , oder in zehn oder noch später , wird dieses Schiff sich einer Insel nähern , an deren Ufer auf einem Felsen eine marmorne Halle ragt . Und dort wartet Euer der Tod . Der Tod . Euer Mörder ist mit Euch auf dem Schiff . Aber nur der eine , der dazu bestimmt ist , Euer Mörder zu sein , weiß es selbst . Kein anderer kennt ihn . Ja überhaupt kein anderer auf diesem Schiff ahnt , daß Ihr ein Todgeweihter seid . Das bewahrt wohl in Euch ! Denn wenn Ihr Euch irgendwie merken laßt , daß Euer Los Euch selbst bekannt ist , so seid Ihr noch in derselben Stunde dem Tode verfallen . « Heinrich sprach diese Worte mit affektiertem Pathos , wie um seine Befangenheit zu verbergen . Einfacher fuhr er fort . » Der Fremde verschwindet . Vielleicht laß ich ihn auch ans Land setzen von zwei Schweigenden , die ihn begleitet haben . Ägidius bleibt zurück , unter Hunderten , Männern und Frauen , von denen einer oder eine sein Mörder ist . Wer ? Der Weise ? Der Narr ? Der Sterngucker dort ? Irgendeiner von denen , die im Dunkeln kauern ? Die dort am Geländer schleichen ? Eine von den Tänzerinnen ? Die Prinzessin selbst ? Sie tritt wieder zu ihm , ist sehr zärtlich , ja leidenschaftlich . Heuchlerin ? Mörderin ? Liebende ? Wissende ? Jedenfalls die Seine . All dies heute noch so sein . Nacht über dem Meer . Schauer . Wonnen . Das Schiff langsam weiter , jenem Ufer entgegen , das Stunden oder Jahre weit entfernt im Nebel liegt . Die Prinzessin ruht zu seinen Fußen , Ägidius starrt in die Nacht und wartet . « Heinrich hielt inne , wie selbst bewegt . In Georg klang es . Er hörte die Musik zu der Szene , da der Fremde verschwindet , von den Schweigenden begleitet , und dann allmählich wieder das Fest nach dem Vordergrund der Bühne zurauscht . Nicht nur als Melodie war sie in ihm , sondern schon mit aller Fülle der Instrumente . Tönten nicht Flöte , Oboe und Klarinette ? Sang Cello und Violine nicht ? Dröhnte nicht leiser Trommelschlag aus dem Winkel des Orchesters ? Unwillkürlich hob er den rechten Arm , als hielte er den Taktstock in der Hand . » Und der dritte Akt ? « fragte Anna , da Heinrich noch immer schwieg . » Der dritte Akt « , wiederholte Heinrich , und seine Stimme klang bedrückt , » der dritte wird wohl in jener Halle auf dem Felsen spielen glauben Sie nicht ? Er müßte , denk ich , mit einem Gespräch anfangen zwischen dem König und dem Fremden . Oder mit einem Chor ? Nein , auf unbewohnten Inseln gibt es ja keine Chöre . Also der König ist jedenfalls da , und das Schiff ist in Sicht . Übrigens , warum muß die Insel unbewohnt sein ? « Er hielt inne . » Nun ? « fragte Georg ungeduldig . Heinrich legte beide Arme auf die Brüstung der Veranda . » Soll ich Ihnen was verraten ? es ist gar keine Oper ... « » Wie meinen Sie ? « » Es hat schon seine guten Gründe , daß ich an dieser Stelle nie recht weiter gekommen bin . Es ist eine Tragödie , offenbar . Und ich habe nur die Courage nicht , sie zu schreiben . Wissen Sie , was darzustellen wäre ? Die innere Wandlung des Ägidius wäre darzustellen . Das ist offenbar das Schwierige und Schöne an dem Stoff , mit andern Worten das , woran ich mich nicht wage . Eine Flucht ist die Idee mit der Oper , und ich weiß nicht , ob ich mir dergleichen darf angehen lassen . « Er schwieg . » Aber jedenfalls « , sagte Anna , » müssen Sie uns den Schluß erzählen , so wie Sie ihn für die Oper im Sinn hatten . Ich kann Ihnen nämlich nicht verhehlen , daß ich sehr gespannt bin . « Heinrich zuckte die Achseln und erwiderte müde : » Also das Schiff legt an . Ägidius kommt ans Land , er soll ins Meer gestürzt werden . « » Durch wen ? « fragte Anna . » Aber ich weiß ja nicht « , erwiderte Heinrich leidend . » Von jetzt ab weiß ich überhaupt nichts mehr . « » Ich hab mir gedacht , daß die Prinzessin es sein würde , die ... « , sagte Anna und vollführte eine todverkündende Handbewegung durch die Luft . Heinrich lächelte mild . » Ich hab natürlich auch daran gedacht , aber ... « Er unterbrach sich und sah plötzlich gespannt zum Nachthimmel auf . » Im ersten Plan « , bemerkte Georg mißgelaunt , » sollte es mit einer Art Begnadigung enden . Aber sowas ist wohl nur für eine Oper gut genug . Jetzt , als Tragödienheld wird er natürlich wirklich ins Meer hinuntergestürzt werden , Ihr Ägidius . « Heinrich hob den Zeigefinger geheimnisvoll empor , und seine Züge belebten sich wieder . » Ich glaube , mir dämmert was . Aber sprechen wir vorläufig nicht davon , wenn ich bitten darf . Es ist doch vielleicht gut gewesen , daß ich den Anfang erzählt habe . « » Wenn Sie aber glauben , daß ich Ihnen eine Zwischenaktmusik machen werde « , sagte Georg ohne besondre Kraft , » so täuschen Sie sich . « Heinrich lächelte schuldbewußt gleichgültig , und die gute Stimmung war dahin . Anna fühlte mit Mißbehagen , daß die ganze Geschichte verpufft war . Georg war unsicher , ob er sich ärgern sollte , daß seine Hoffnung ins Wanken gekommen , oder sich freuen , daß er einer Art Verpflichtung ledig geworden war . Heinrich aber war zumute , als verließen ihn seine eigenen Gestalten in schattenhafter Verwirrung , höhnisch , ohne Abschied und ohne das Versprechen wiederzukommen . Er fand sich allein , verlassen , in einem traurigen Garten , in Gesellschaft eines liebenswürdigen guten Bekannten und einer jungen Dame , die ihn gar nichts anging . Er mußte mit einemmal an ein Geschöpf denken , das zu dieser Stunde mit rotgeweinten Augen hoffnungslos in einem schlecht beleuchteten Kupee dunkeln Bergen entgegenfuhr , in Sorge , ob sie morgen früh rechtzeitig zur Probe erscheinen würde . Nun fühlte er es wieder : seit das zu Ende war , ging es abwärts mit ihm . Nichts hatte er mehr und niemanden . Das Leid jener kläglichen und in Qual gehaßten Person war sein einziger Besitz . Und wer weiß , morgen schon , mit den rotgeweinten Augen lächelte sie einen andern an , noch immer Schmerz und Sehnsucht in der Seele und doch schon neue Lebenslust im Blut . Frau Golowski war auf der Veranda erschienen , etwas verspätet und eilig , noch mit Hut und Schirm . Sie brachte Grüße aus der Stadt von Therese , die Anna nächster Tage wieder einen Besuch abstatten wollte . Georg , der an einem Holzpfeiler der Veranda lehnte , wandte sich an Frau Golowski mit der absichtlichen Höflichkeit , die er ihr gegenüber stets zur Schau trug . » Wollen Sie nicht Fräulein Therese in unserm Namen fragen , ob sie nicht einmal ein paar Tage heraußen wohnen möchte ? Die Mansarde oben ist vollkommen zu ihrer Verfügung . Ich gehe nämlich demnächst auf kurze Zeit ins Gebirge « , setzte er hinzu , als wenn er sonst das kleine Zimmer oben regelmäßig bewohnte . Frau Golowski dankte . Sie wollte es Therese bestellen . Georg sah nach der Uhr und fand , daß es Zeit war , sich auf den Heimweg zu machen . Dann verabschiedete er sich mit Heinrich . Anna begleitete beide bis zur Gartentür , blieb dort noch eine Weile stehen und sah ihnen nach , bis sie auf der Höhe waren , wo der Sommerhaidenweg anfing . Die kleine Ortschaft im Talgrund floß im Mondenschein dahin . Die Hügel standen fahl , wie dünne Wände . Der Wald atmete Dunkelheit . In der Ferne glitzerten tausend Lichter aus dem Nachtsommerdunst der Stadt . Schweigend gingen Heinrich und Georg nebeneinander her , und Fremdheit stieg zwischen ihnen auf . Georg erinnerte sich jenes Spaziergangs durch den Prater im vorigen Herbst , da ein erstes , beinahe vertrautes Gespräch sie einander genähert hatte . Wie viele waren seither gefolgt ! Aber waren sie nicht alle wie in die Luft geweht ? Auch heute noch nicht konnte Georg mit Heinrich wortlos durch die Nacht wandeln wie früher so manchmal mit Guido , mit Labinski auch , ohne sich innerlich von ihm fort zu verlieren . Das Schweigen wurde ihm drückend . Er begann , weil das ihm eben zuerst einfiel , von dem alten Stauber und pries dessen Verläßlichkeit und Vielseitigkeit . Heinrich war nicht für ihn eingenommen , fand ihn ein wenig berauscht von der eigenen Güte , Weisheit und Tüchtigkeit . Das war auch eine Sorte Juden , die er nicht leiden mochte : die mit sich einverstandenen . Sie kamen auf den jungen Stauber zu reden , dessen Schwanken zwischen Politik und Wissenschaft für Heinrich etwas sehr Anziehendes zu haben schien . Von da aus gerieten sie in eine Unterhaltung über die Zusammensetzung des Parlaments , über die Zänkereien zwischen Deutschen und Tschechen , über die Angriffe der Klerikalen gegen den Unterrichtsminister . Sie redeten mit so angestrengter Beflissenheit , wie man nur über Dinge zu sprechen pflegt , die einem im Grunde der Seele völlig gleichgültig sind . Endlich debattierten sie darüber , ob der Minister nach der zweifelhaften Rolle , die er in der Frage der Zivilehe gespielt , im Amte bleiben durfte oder nicht ; und wußten am Ende nicht mehr recht , wer von ihnen beiden sich für , und wer sich gegen die Demission ausgesprochen hatte . Sie gingen längs des Friedhofs hin . Über die Mauer ragten Kreuze und Grabsteine und schwammen im Mondenschein . Der Weg senkte sich nach abwärts zur Straße . Sie eilten beide , um die letzte Pferdebahn zu erreichen , und , auf der Plattform stehend , in schwüler , dunstiger Nachtluft rollten sie der Stadt zu . Georg erklärte , daß er den ersten Teil seiner Reise zu Rad zu unternehmen gedächte . Und einem plötzlichen Einfall folgend , fragte er Heinrich , ob er nicht mit von der Partie sein wollte . Heinrich war einverstanden und nach wenigen Minuten begeistert . Beim Schottentor stiegen sie aus , suchten ein nahes Café auf und bestimmten in einer ausführlichen Unterredung mit Zuhilfenahme von Spezialkarten , die sie in Lexikonbänden fanden , alle möglichen Reiselinien . Als sie sich voneinander verabschiedeten , stand der Plan zwar noch nicht ganz fest , aber sie wußten schon , daß sie übermorgen früh miteinander Wien verlassen und in Lambach ihre Räder besteigen würden . Am offenen Fenster seines Schlafzimmers stand Georg noch eine ganze Weile überwach . Er dachte an Anna , von der er morgen für wenige Tage nur Abschied nehmen sollte , und sah sie vor sich , so wie sie in dieser Stunde im blassen Dämmerlicht zwischen Mond und Morgen auf dem Land draußen in ihrem Bette schlummern mochte . Aber es war ihm in dumpfer Weise , als stände diese Erscheinung nicht mit seinem Schicksal in Zusammenhang , sondern irgendwie mit dem eines Unbekannten , der selbst noch nichts davon wußte . Und daß in jenem schlummernden Wesen ein anderes noch tiefer und geheimnisvoller schlief , und daß dies andre sein Kind sein sollte , das vermochte er gar nicht zu fassen . Jetzt , da die Nüchternheit der Frühe beinahe schmerzlich durch seine Sinne schlich , ward ihm das ganze Erlebnis fern und unwahrscheinlich wie noch nie . Immer hellerer Schein zeigte sich über Dächern und Türmen , aber die Stadt war noch lange nicht erwacht . Ganz regungslos lag die Luft . Von den Bäumen drüben aus dem Park kam kein Wehen , kein Duft von den verblühten Beeten . Und Georg stand am Fenster ; glücklos und ohne Begreifen . Siebentes Kapitel Langsam stieg Georg aus dem untern Schiffsraum empor , auf schmaler , teppichbelegter Treppe , zwischen langgedehnten , schiefen Spiegeln ; und in einen langen , dunkelgrünen Plaid gehüllt , der nachschleppte , wandelte er unter dem Sternenhimmel auf dem menschenleeren Verdeck auf und ab . Am Steuer , bewegungslos wie immer , stand Labinski , drehte das Rad und hatte den Blick zum offenen Meer gerichtet . Welche Karriere ! dachte Georg . Zuerst Toter , dann Minister , dann ein kleiner Bub mit einem Muff und heute schon ein Steuermann . Wenn er wüßte , daß ich auf diesem Schiff bin , so würde er sicher appellieren . » Geben Sie acht « , sagten hinter Georg die zwei blauen Mädeln , die er vom Seeufer her kannte ; aber schon stürzte er hin , verwickelte sich in den Plaid und hörte den Flügelschlag weißer Möven über seinem Haupt . Gleich darauf saß er unten im Salon an der Tafel , die so lang war , daß die Leute am Ende ganz klein aussahen . Ein Herr neben ihm , der dem alten Grillparzer ähnlich sah , bemerkte ärgerlich : » Immer hat dieses Schiff Verspätung , schon längst sollten wir in Boston sein . « Nun bekam Georg große Angst ; denn wenn er beim Aussteigen die drei Partituren im grünen Einband nicht vorweisen konnte , so wurde er unbedingt wegen Hochverrats verhaftet . Darum sah ihn auch der Prinz , der den ganzen Tag auf dem Verdeck mit dem Rad hin und herraste , manchesmal so sonderbar von der Seite an . Und um den Verdacht noch zu steigern , mußte er an der Tafel in Hemdärmeln dasitzen , während sämtliche Herren , wie immer auf Schiffen , Generalsuniformen und alle Damen rote Samttoiletten trugen . » Gleich sind wir in Amerika « , sagte ein heiserer Steward , der Spargel verteilte , » nur noch eine Station . « Die andern können ruhig sitzen bleiben , dachte Georg , die haben nichts zu tun , ich aber muß gleich ins Theater schwimmen . Und in dem großen Spiegel ihm gegenüber erschien die Küste : lauter Häuser ohne Dächer , die terrassenartig immer höher hinaufstiegen ; und ganz oben in einem weißen Kiosk mit durchbrochener Steinkuppel , ungeduldig , wartete die Musikkapelle . Die Glocke auf dem Verdeck ertönte , und Georg stolperte mit seinem grünen Plaid und zwei Handtaschen die Treppe hinauf zum Garten . Aber man hatte den unrichtigen hertransportiert ; es war nämlich der Stadtpark ; auf einer Bank saß Felician , neben ihm eine alte Dame in einer Mantille , legte die Finger an die Lippen , pfiff sehr laut , und mit außergewöhnlich tiefer Stimme sagte Felician : » Kemmelbach Ybs . « Nein , dachte Georg , solch ein Wort nimmt Felician nicht in den Mund ... rieb sich die Augen und erwachte . Der Zug setzte sich eben wieder in Bewegung . Vor dem geschlossenen Kupeefenster leuchteten zwei rote Laternen auf . Dann rann still und schwarz die Nacht vorbei . Georg zog seinen Reiseplaid fester um sich und starrte auf die grün verhängte Lampe an der Decke . Ach wie gut , dachte er , daß ich allein im Kupee bin , so hab ich doch mindestens vier oder fünf Stunden fest geschlafen . Was war das für ein seltsam wirrer Traum ? Die weißen Möven fielen ihm zuerst wieder ein . Ob die irgend etwas zu bedeuten hatten ? Dann dachte er an die alte Frau mit der Mantille , die eigentlich niemand anders war , als Frau Oberberger . Sie würde sich nicht sonderlich geschmeichelt fühlen . Aber hatte sie nicht wirklich ausgesehen wie eine ganz alte Dame , als er sie vor ein paar Tagen an der Seite ihres leuchtenden Gemahls in der Loge des kleinen , weiß-roten Kurtheaters erblickt hatte ? Und auch Labinski war ihm im Traum erschienen , als Steuermann , sonderbarerweise . Und auch die Mädchen in blauen Kleidern , die vom Hotelgarten aus durchs Fenster ins Klavierzimmer hineingeblickt hatten , sobald sie ihn spielen hörten . Aber was war denn nur das Gespenstische in diesem Traum gewesen ? Nicht die blauen Mädchen , auch Labinski nicht und nicht der Prinz von Guastalla , der zu Rad übers Verdeck gerast war . Nein , seine eigene Gestalt war ihm so gespenstisch erschienen , wie sie zu beiden Seiten neben ihm in den langgedehnten , schiefen Spiegeln , hundertmal vervielfacht einhergeschlichen war . Es begann ihn zu frösteln . Durch den Luftspalt oben drang kühle Nachtluft ins Kupee herein . Die tiefschwarze Finsternis draußen wandelte sich allmählich in schweres Grau , und plötzlich klangen Georg Worte im Ohr , die er vor wenigen Stunden erst von einer dunkeln Frauenstimme gehört hatte , klangen flüsternd und weh : Wie bald wirst du mich vergessen haben ... Er wollte die Worte nicht hören . Er wollte , sie wären schon wahr geworden , und wie verzweifelt stürzte er sich zurück in die Erinnerung seines Traums . Es war ihm ganz klar , daß der Dampfer , auf dem er die Konzertreise nach Amerika unternommen , eigentlich das Schiff bedeutet hatte , auf dem Ägidius seinem düstern Schicksal entgegenfuhr . Und der Kiosk mit der Musikkapelle war die Halle gewesen , wo den Ägidius der Tod erwartete . Wundervoll hatte der Sternenhimmel sich über das Meer gebreitet . Die Luft war so blau und die Sterne so silbern gewesen , wie er sie im Wachen niemals gesehen , nicht einmal in der Nacht , da er mit Grace von Palermo nach Neapel gereist war . Plötzlich wieder , flüsternd und weh , klang durch das Dunkel die Stimme der geliebten Frau : Wie bald wirst du mich vergessen haben ... Und nun sah er sie selbst vor sich , wie er sie vor wenig Stunden erst gesehen , das dunkle Haar über die Polster fließend , bleich und nackt . Er wollte nicht dran denken , beschwor andre Bilder aus den Tiefen seiner Erinnerung hervor , jagte sie mit Willen an sich vorbei ... Er sah sich auf einem Friedhof umhergehen in schmelzendem Februarschnee , mit Grace ; er sah sich mit Marianne über eine weiße Landstraße dem winterlichen Wald entgegenfahren ; er sah sich mit seinem Vater in später Abendstunde über die Ringstraße wandeln ; und endlich drehte sich sausend ein Ringelspiel an ihm vorüber , Sissy mit lachenden Lippen und Augen schaukelte auf einem hölzernen , braunen Pferde , Else anmutig-damenhaft saß in einem roten Wägelchen , und Anna ritt einen Araber , lässig die Zügel in der Hand . Anna ! Wie jung und holdselig sie aussah ! War das wirklich dieselbe , die er in wenigen Stunden wiedersehen sollte ; und war er wirklich nur zehn Tage von ihr fern gewesen ? Und sollte er nun alles wiedersehen , was er vor zehn Tagen verlassen hatte : zwischen Blumenbeeten den kleinen Engel aus blauem Ton , den Balkon mit dem hölzernen Giebel , den stillen Garten mit den Johannisbeerstauden und Fliederbüschen ? Ganz unfaßbar erschien ihm das . Auf der weißen Bank unter dem Birnbaum wird sie mich erwarten , dachte er . Und ich werde ihre Hände küssen , als wäre nichts geschehen . » Wie gehts dir , Georg « , wird sie mich fragen , » bist du mir treu gewesen ? « Nein ... das ist nicht ihre Art zu fragen . Aber ohne daß sie fragt und ohne daß ich antworte , wird sie fühlen , daß ich nicht mehr als derselbe wiederkomme , der ich gegangen bin . Wenn sies doch fühlte ! Wenn es mir erspart bliebe zu lügen ! Aber hab ichs nicht schon getan ? Und er dachte an die Briefe , die er ihr geschrieben hatte vom Seeufer her , Briefe voll Zärtlichkeit und Sehnsucht , die ja auch schon Lüge gewesen waren . Und er dachte daran , wie er nachts gewartet hatte mit klopfendem Herzen , das Ohr an die Tür gepreßt , bis alles im Gasthof still geworden , wie er dann über den Gang geschlichen war , zu jener andern , die bleich und nackt dagelegen war , mit offenen , dunkeln Augen , umströmt vom Duft und bläulichen Glanz ihrer Haare . Und er dachte dran , wie er und sie in einer Nacht halbtrunken vor Lust und Verwegenheit auf den Balkon hinausgetreten waren , unter dem verführerisch das Wasser rauschte . Wär einer in der tiefen Finsternis dieser Stunde draußen auf dem See gewesen , so hätte er die weißen Leiber durch die Nacht leuchten sehen . Georg bebte in der Erinnerung . Wir waren nicht bei Sinnen , dachte er . Wie leicht hätte es sein können , daß ich heute sechs Schuh unter der Erde läge , mit einer Kugel mitten durchs Herz . Es kann noch immer so kommen . Sie wissens ja alle . Else hat es zuerst gewußt , obwohl sie kaum je aus dem Auhof in den Ort heruntergekommen ist . James Wyner hats ihr wohl erzählt , der mich am Abend mit der Fremden auf der Landungsbrücke hat stehen sehen . Ob Else ihn heiraten wird ? Daß er ihr so gut gefällt , kann ich verstehen . Er ist schön . Dieses gemeißelte Antlitz , diese kalten , grauen Augen , die klug und gerade in die Welt schauen . Ein junger Engländer . Wer weiß , ob in Wien nicht auch eine Art von Oskar Ehrenberg aus ihm geworden wäre ? Und es fiel Georg ein , was Else ihm von ihrem Bruder erzählt hatte . Auf dem Krankenbett im Sanatorium war er Georg so gefaßt , beinahe gereift erschienen . Und jetzt in Ostende sollte er ein wüstes Leben führen , spielen und sich in der übelsten Gesellschaft herumtreiben , als wenn er sich durchaus zugrunde richten wollte . Ob Heinrich die Sache noch immer so tragikomisch fände ? Frau Ehrenberg war ganz weiß geworden vor Kränkung , und Else hatte sich an einem Morgen im Park oben vor Georg so recht ausgeweint . Ob sie nur um Oskar geweint hatte ? Das Grau vor dem Kupeefenster erhellte sich langsam . Georg sah , wie draußen die Telegraphendrähte in eiligen Wellen mitschwebten und wanderten , und er dachte daran , daß gestern Nachmittag auf einem dieser Drähte auch seine lügnerischen Worte zu Anna gewandert waren : Morgen früh bin ich bei dir , in Sehnsucht Dein Georg ... Gleich vom Amt aus war er wieder zurückgeeilt , zu einer glühenden und verzweifelten Abschiedsstunde mit jener andern . Und er konnte es nicht fassen , daß sie auch in dieser Stunde noch , während er schon eine ganze Ewigkeit lang von ihr fort war , noch in dem gleichen Zimmer mit den fest geschlossenen Fensterläden liegen und schlafen und träumen sollte . Und heute Abend wird sie daheim sein bei Mann und Kindern , daheim wie er . Er wußte , daß es so war , und er konnte es nicht verstehen . Das erstemal in seinem Leben war er nahe daran gewesen , irgend etwas zu begehen , was die Leute vielleicht Tollheit hätten nennen dürfen . Nur ein Wort von ihr und er wäre mit ihr in die Welt gegangen , hätte alles zurückgelassen , Freunde , Geliebte und sein ungeborenes Kind . Und war er nicht noch immer bereit dazu ? Wenn sie ihn riefe , würde er nicht kommen ? Und wenn er ' s täte , hätte er nicht Recht ? War er nicht für Abenteuer solcher Art viel mehr geschaffen , als für das stille , pflichtenvolle Dasein , das er sich