, es lag Freude , Wehmut und auch etwas Stolz auf den schönen Lippen . » Apropos , « rief sie ihm entgegen , » ich habe Briefe von Ihren Freunden aus Deutschland für Sie mitgebracht , « und nach diesen Worten sagte sie den Herren » Gute Nacht , « ergriff den Arm des Grafen Kicki , und verließ den Saal . Valerius ging ebenfalls nach seinem Mantel ; der Gedanke an die deutschen Briefe erfüllte seinen Geist , und träumerisch stieg er die Treppe hinab . » Gute Nacht , lieber Träumer , « flüsterte kaum hörbar eine deutsche Stimme neben ihm . Als er sich ermunterte , sah er den Grafen und die Fürstin vor sich hineilen , und ein Schwarm von jener Gruppe aus dem Saale stürmte an ihm vorüber nach der Tür . Dort schwangen sie sich rasch auf ihre Pferde und begleiteten den Wagen Konstantiens . Diese ungewöhnliche Courtoisie machte einen angenehmen Eindruck auf Valerius . Man sieht gern das Heimische geehrt in der Fremde . Er glaubte wenigstens , dies sei der Grund seines Wohlgefallens an dieser Szene . 16. Es war spät in der Nacht , aber der Mond schien noch in lichten Strahlen . Valerius war so erfüllt von Gedanken , Träumen , unklaren Wünschen , daß er seine Wohnung noch nicht suchen mochte . Er wanderte durch die stillen Straßen und war bald wieder auf der Weichselbrücke . Wie so ganz anders sahen ihn jetzt die Wellen des Flusses , die Sterne , die Mondesstrahlen , die dunkel gewordenen Fenster der Paläste an ; denn die äußeren Dinge erhalten erst ihre Augen und ihre Sprache von unserem Herzen . Selbst die trüben weltgeschichtlichen Gedanken , die ihn vor wenig Stunden hier zu Boden drückten , sie waren verschwunden , und wenn er sie herbeirief , so lächelten sie , als hätten sie ihren Scherz mit ihm getrieben . » Es ist wirklich eine Maskerade , « sprach er vor sich hin , » dies wunderliche Leben bis in das geheimste Treiben unserer Gedanken hinein , und es kommt nur auf die Beleuchtung an , ob sie ein schauerliches oder ein lustiges Ansehen haben soll . Solch eine gewöhnliche Redensart : Das Leben ist eine Maskerade , und doch so tief und so richtig ! Im Grunde sind in den vulgärsten Sprichwörtern und Phrasen alle Wahrheiten längst aufgefunden , und es ist töricht , sich darum zu quälen . Man verliert sein Leben , und die Welt gewinnt nichts Neues . « Aber sein grübelnder Charakter verließ ihn auch in diesem Augenblicke nicht , auch von seinen glücklichen Momenten verlangte er Rechenschaft . Er erinnerte sich einer Zeit , wo diese Fürstin Konstantie einen durchaus ungünstigen Eindruck auf ihn gemacht hatte : ihr männlicher Stolz , ihre Keckheit , des Lebens Freuden wie eine Titanin an sich zu reißen , hatte ihm mißfallen , entschieden mißfallen . Und er konnte sich doch nicht leugnen , daß ihre plötzliche Erscheinung ihn jetzt mit einer Art Zauber überwältigt hatte . Aber er leugnete sich ' s. Stanislaus und der tiefe Blick , den er in ein so edles , so vortreffliches Herz getan hatte , die Überzeugung , welche er dadurch gewonnen , jenes romantische Polen , für das er ausgezogen von seiner Heimat , existiere wirklich , Hedwig mit dem Schimmer ihrer lieblichen Jugend , die ganze kräftige Freude des Festes - das alles , glaubte er , habe seinen Trübsinn verscheucht . » Und die Fürstin hat wohl auch dazu beigetragen , « setzte er leise hinzu . » Sie erinnert mich an die schönen Tage in meiner Heimat , an das poetische Grünschloß , an meine innige Kamilla ! Ich habe dir versprochen , Kamilla , dein zu gedenken und dich zu küssen , wenn ich mich freue , vergib , daß es seit so langer Zeit zum ersten Male geschieht . « Während er wieder nach der Stadt zurückkehrte , erkämpfte er von seiner Eitelkeit noch einen neuen Grund , und da es eben eine verstockte Eitelkeit war , die er sich in seinem früheren so abgemachten und sicheren Wesen zum Vorwurf machte , so verfolgte er mit der Strenge eines Büßers jeden Sieg , den er über diese Schwäche zu erringen glaubte . » Sie ist die Schwester des Eigennutzes , und dieser der Erbfeind aller Bildung , « sagte er , um sich in eine erhöhte Stimmung zu bringen und dadurch seinen Fehler desto lebhafter zu empfinden . » Sie hat von jeher die besten Menschen , und somit die besten Prinzipien unterjocht , die Führer und Träger neuer großer Ideen haben sich von der alten verderbten Welt betören lassen durch eitlen Prunk und Glanz , so ist Cäsar , so Napoleon erlegen , so sind tausend weniger Bekannte immer wieder zurückgezogen worden unter den Troß der Gewöhnlichkeit . « Er glaubte nämlich , ein geheimes Etwas in ihm sei geschmeichelt oder bestochen vom Range der Fürstin , und die mehr als gewöhnliche Auszeichnung , mit der sie ihm begegne , mache darum einen so günstigen Eindruck auf ihn , weil sie von einer Fürstin ausgehe . Sein ganzer demokratischer Stolz empörte sich dagegen , aber was helfen Grundsätze gegen anerzogene Schwächen ! In unserem Zeitalter der großen Standesunterschiede wächst mit einem großen Teile der niedriger Geborenen ein verborgener irdischer Himmel auf , in welchem die höheren Stände sich bewegen , nach welchem der Geist strebt , ohne es zu wissen . Denn dieser wunderliche Himmel liegt wie eine unklare , ungestaltete Ahnung in diesen Menschen , und wenn sie mit vornehmen Leuten in genaue Lebensverhältnisse kommen , so fühlen sie sich in einer erhabeneren Sphäre , und doppelt glücklich , ohne daß ihr Stolz die richtige Deutung dieser Illusion auffinden läßt . Das schreitet vom Bauer zum Bürger , vom Adeligen zum Fürsten , und durch alle Mittelglieder dieser Stände . Es hilft nichts dagegen als ein trostloser Indifferentismus , der keine Reize kennt , und die poetischen Menschen verfallen am ersten in diese Illusion . Denn der Begabteste sucht vor allem nach vollkommeneren Zuständen . Diese Illusion völlig verwischen , hieße die platte Prosa ins Leben einführen , und die edleren Demokraten wollen wohl nicht alle Unterschiede aufheben , sondern sie mildern , sie auf richtigere Unterschiedsmerkmale gründen und die Aussicht auf eine einstige völlige Ausgleichung eröffnen . Denn sie glauben an ein zukünftiges Äußerstes der menschlichen Zivilisation . Aber all diese Dinge , welche sich Valerius auf dem Wege nach seiner Wohnung vorsprach , halfen ihm nicht von dem unbehaglichen Gefühle , das in ihm erregt war . Jenes geheime Etwas - jenes geheime Etwas , das glaubte er wie ein Wild verfolgen zu müssen , das war der unbestimmte Makel , auf den er alle seine Aufmerksamkeit richten wollte . Darüber hatte er sich in den Straßen verirrt und war in eine enge Sackgasse geraten . Das Quergebäude , das die Gasse schloß , hatte ein großes Tor , er glaubte eine Spalte davon offen und einen Menschen zwischen den Flügeln zu sehen . Der Mondschein fiel eben auf das Tor , Valerius sah , daß der Mensch eingeschlafen war , er wußte indessen keinen Ausweg aus diesem Straßengewinde und sah sich genötigt , den Schläfer zu wecken , um Bescheid zu erhalten . Als er ihn rüttelte und nach dem Wege fragte , fuhr dieser bestürzt in die Höhe » ja , ja , Herr ! « nahm Valerius bei der Hand und führte ihn durch einen schmalen , dunklen Hof , nach einem alten Stallgebäude . Dabei bat er fortwährend mit leiser Stimme , der Herr möge ihn nur nicht verraten , daß er geschlafen , er müsse den ganzen Tag Holz hauen , um sein krankes Weib und seine Kinder zu ernähren , und es sei jetzt schon die dritte Nacht , daß er am Tore stehen , und den Fremden den Weg weisen müsse , da sei es ihm wohl zu vergeben . Dies und dergleichen sprach der Mann , und ehe noch Valerius über die wunderliche Erscheinung zu sich gekommen war und ein Wort gesprochen hatte , sah er sich von dem Führer in das Stallgebäude geschoben . In dem weiten Raume brannten nur einige Handlaternen , welche durch die Hände , in denen sie schwankten , ihr flüchtiges Licht bald hier , bald dorthin verbreiteten . Bei diesen Streiflichtern erkannte Valerius , daß er unter eine Versammlung geraten sei , die sich eben aufzulösen schien . Niemand hatte sein Eintreten bemerkt , wenigstens nahm niemand Notiz davon . Er hörte noch die Worte : » Also nichts von Skrzynecki , alles für den Alten , und den Tod den Hunden « und ein beifälliges Gemurmel . Die Versammlung zerstreute sich ; und Valerius hüllte sich tief in den Mantel und ging mit von dannen , als ob er zu ihnen gehörte . Die Laternen waren verlöscht , er konnte niemand erkennen . Drinnen glaubte er einige bärtige Bauerngesichter erblickt zu haben , ein flüchtiger Mondblick zeigte ihm einige Militärmäntel , die vor ihm aus dem Tore traten , an welchem der schläfrige Pförtner mit abgezogener Mütze stand . Es war ein altes , zerhacktes Gesicht , ein roter Säbelhieb lief wie ein Blutstrich über dasselbe . Er lächelte vertraulich , als Valerius vorbeischritt , und flüsterte ihm ins Ohr : » Herr , das lohnte ja nicht der Mühe . « Ein Teil der Versammlung , die nicht eben zahlreich zu sein schien , blieb noch im Hofe zurück , wahrscheinlich , um kein Aufsehen durch ihre Menge zu erregen . Der erste Teil , mit welchem Valerius fortschritt , zerteilte sich ebenfalls am Ende der Sackgasse , und dieser schlug auf gut Glück den ersten besten Weg ein , denn er hielt es nicht für ratsam , hier zu fragen . Es ist immer gefährlicher , zuviel zu wissen , als zuwenig . Ein Bauer war ihm gefolgt , und es schien ihm , als ob er schon am Tore aufmerksam von demselben Gesellen betrachtet worden sei . Der Mond trat eben in eine Lücke der Häuser , und das Gesicht des Bauers beugte sich plötzlich vor das seine . Es war Slodczek , der ihn forschend ansah , und gleich darauf wie ein Pfeil einem Trupp der übrigen nachstürzte , deren Schritte man noch in der Ferne hörte . Valerius erkannte das Drängende der Gefahr und ging raschen Schrittes nach der entgegengesetzten Seite . Im Gehen zog er leise seinen Säbel aus der Scheide und drückte ihn unter den Arm . Schritte kamen hinter ihm drein ; sie konnten aber auch dem zweiten Trupp angehören , schnelles Laufen konnte ihn am leichtesten verdächtigen . Es bot sich eben eine Querstraße , er bog hastig hinein und rannte an eine Gestalt , der Mantel flog ihm zurück , sein nackter Säbel flimmerte in der Dunkelheit . » Pardon , « sprach eine höfliche Stimme . Die Tritte näherten sich schnell . Valerius fragte den Unbekannten , der ebenso in seinen Mantel vergraben zu sein schien , nach welcher Richtung zu der sächsische Platz läge . Die Stimme gab Bescheid , und er ging rasch die Quergasse entlang und bog in eine breitere Straße . Eine reitende Patrouille begegnete ihm , und er hatte nichts mehr von jenen Schritten zu besorgen . Jene Stimme beschäftigte ihn aber , er glaubte sie schon gehört zu haben , es schien ihm , als hätte sie die Worte : » Joachim Lelevel « gesprochen . Jetzt sah er sich auf bekanntem Wege , es war die Straße , in welcher Hedwig wohnte . Als er an dem Hause vorbeiging , welches ihrer Wohnung gegenüberlag , glaubte er eine Bewegung unter der dunklen Haustüre zu bemerken . Genauer hinsehend erkannte er eine Mannsfigur , die in den Mantel gehüllt am Boden lag - ein schwerer Seufzer drang zu ihm auf . Valerius dachte , es sei ein Verunglückter , welcher der Unterstützung bedürfe ; er neigte sich zu ihm , und fragte nach seinem Schmerze und ob er helfen könne . Eine kalte Hand legte sich in die seine , und eine Stimme wie aus den tiefsten Gräbern sprach : » Valerius , mir kann niemand helfen , ich bin ein Jude . « Dabei richtete sich die Figur langsam auf und trat aus der Vertiefung des Portals - die bleichen Mondesstrahlen fielen auf Joels bleiches Gesicht . Er drückte dem Valerius die Hand , warf noch einen Blick auf das gegenüberstehende Haus und schritt in die Nacht hinein . Das Schicksal schien in dieser Nacht keine gleichmäßige Stimmung in Valerius dulden zu wollen . Wie betäubt von den mannigfachen Wechseln kam er nach Hause und warf sich aufs Lager . Er wollte nichts mehr denken , nichts mehr überlegen , nichts fürchten , nichts hoffen , da er sich solchergestalt in der Hand von allerlei Zufällen sah , welche ihr höhnendes Spiel mit ihm trieben . Aber unsere Gedanken sind eben der Himmel oder die Hölle , welchen wir nicht entfliehen können , selbst im Schlaf nicht entfliehen können . Denn auch die Träume stehen in ihrem Dienste . Und es will uns sogar manchmal bedünken , als streckten gerade in die Träume fremde Mächte dreister als sonst wohin ihre Hände : im Schlafe sehen wir Gedanken und Bilder ausgewachsen vor uns stehen , deren Anfänge wir kaum in unserem Herzen empfunden haben . Unsere Bildung wird in den Träumen sogar verarbeitet und oft neu gewendet und gerichtet , unsere Selbständigkeit ist zu Ende , aber unsere Kräfte sind gewachsen , wir empfinden uns freudig oder schmerzlich als unmittelbare Werkzeuge höherer Gewalten . Darum ließen schon die ältesten Völker im Traume die Götter kommen und mit Menschen sprechen . Darum nennen wir noch oft die begabtesten Menschen , die Poeten , Träumer , weil wir sie erfüllt sehen von übergewöhnlichen Kräften , von göttlichen Worten und Gedanken , die ihnen nur direkt von der Gottheit gekommen sein können im Schlaf und Traume . Wenn es ein Mittel gibt , die Zukunft zu erraten , so liegt es gewiß in den Träumen . Diese Kenntnis der Zukunft war aber eben jene Frucht vom Baume der Erkenntnis , welche die neugierige Eva naschte , und die ihr den Tod bereitete . Die Erfüllung ist der Tod des Wunsches , und wer nicht mehr wünschen und hoffen kann , der ist des Todes . Solch ein Erkenntnistraum sinkt oft in den Morgennächten auf die Menschen herab , aber der Himmel ist freundlich wie immer , und hüllt ihn in seine romantischen Nebel ; nur wenn man in der späteren Zeit wieder einen Teil jenes Traumes erfüllt glaubt , da dichtet man eine nächste Folge , aber man weiß sie nicht , und kann in Furcht und Hoffnung weiter leben . Warum soll man diese Offenbarung nicht glauben ? Webt sie doch nur aus den Anlagen und Kräften , aus den verborgenen Gedanken des Schläfers seine Zukunft ! Das waren die träumerischen Dinge , welche den halbschlafenden Valerius in jenen Morgenstunden umflatterten ; welch eine Geschichte aber mitten in diesen Gedanken durch seine Seele hinzog , davon wußte er am andern Morgen nur noch einzelne Stücke . Im Verlauf des Lebens dichtete er sich einen Zusammenhang . 17. Die Vormittagssonne weckte Valerius aus seinen Träumen und brachte ihm , wie sie es stets tat , die Hoffnung auf einen lebendigen , heiteren Tag , auf eine lichte Zukunft . Er schrieb ' s auch diesen Sonnenstrahlen zu , daß er sein Herz so ahnungsreich und fröhlich bewegt fühlte , als stünden ihm große Freuden bevor . Er hatte es zwar nicht vergessen , daß er sich Briefe bei der Fürstin holen sollte , aber er meinte , diese schöne verführerische Frau habe keinen Anteil an seiner angenehmen Stimmung , und er werde auch heute noch nicht zu ihr gehen . Mit diesen herumspielenden Gedanken legte er sich ins Fenster , mitten ins Gold der Sonne hinein , und atmete heiter die milde Winterluft . Das Fenster führte nach der südöstlichen Fläche vor Warschau , und die Waffen der manövrierenden Truppen , welche dort herumschwärmten , blitzten weithin wie ein Funkenregen . Noch war auf dieser deutschen Seite der Stadt kein Feind zu erwarten , und selbst Valerius ließ sich die Möglichkeit nicht träumen , daß noch in demselben Jahre von jener besonnten Ebene der neue Untergang des polnischen Volks in die Tore ziehen werde . Seine traurigen Gedanken waren überhaupt in den Hintergrund gedrängt , und er ertappte sich bald nur auf der Frage : » Gehst du heut zur Fürstin , oder nicht ? « Er mußte über sich selbst lachen und sich eingestehen , daß es wieder ein Stückchen jenes geheimen Etwas , jener Eitelkeit , daß es Koketterie sei , wenn er nicht hingehe . » Du willst dich rar machen , den Uninteressierten spielen , « sagte er sich spottend . Aber es kam heute nichts Ernsthaftes in ihm auf , die Zeit der Vorwürfe gegen sich selbst schien vorüber zu sein ; es ist auch langweilig und abgeschmackt , sich fortwährend zu hofmeistern - dachte er - wir wollen einmal meine Erziehung und die Erziehung des Menschengeschlechts eine Zeitlang auf sich beruhen lassen . Magyac mußte das Pferd satteln , und er ritt spazieren , hinaus in die Sonne , und wenn das Pferd gelaufen wäre bis ins heiße Afrika . O , es entwickelt sich ein so schönes , gesundes Leben unseres Geistes und Herzens , wenn wir zu Wagen oder zu Pferde dahingerissen werden in die reine Gottesluft , Kopf und Herz werden durch keine Mühseligkeit des Körpers gestört und der Mut wächst hoch in die Wolken . Der Mut ist aber der eigentliche Lebensstoff , welcher überall das Größte erzeugt in Taten und Gedanken . Es flog sein Gaul an einem Phaeton vorüber , aus welchem er seinen Namen zu hören glaubte . Aber es tat ihm weh , dem lustigen Pferde das eiserne Gebiß einzudrücken und seinen Lauf zu hemmen . Wie oft seufzen wir gegen die Macht , wenn sie uns durch Schmerzen zügelt , wo wir mit vollen Segeln dahinstreichen möchten ! Und ein feines Gefühl setzt unsere Verhältnisse leicht fort im Umgange mit lieben Tieren . Liegt doch namentlich im Pferde soviel Schönheit und Adel , daß es den Menschen nur zu leicht an ein verwandeltes , unglückliches Geschlecht gemahnt , und seine Freundlichkeit und sanfte Hand in Anspruch nimmt . Valerius kehrte also erst um , als das Pferd seine Lust gebüßt hatte , und suchte nun den Wagen wieder zu erreichen , um zu sehen , ob er sich geirrt habe oder nicht . Dieser schien seine Richtung nach den Truppen hin zu nehmen , welche sich auf der Fläche herumschwenkten . Jetzt hielt er still , Valerius sah einen Reiter mit einem Handpferde ansprengen , ein Soldat sprang aus dem Wagen , bestieg das Pferd , und ritt zu den Truppen . Federn von Damenhüten wehten über das zurückgeschlagene Verdeck der Kutsche , Valerius näherte sich langsam . » Da kommt der Unartige ganz langsam angeschlichen ! « Das war Hedwig , und die Fürstin saß neben ihr . Sie war Gast im Hause von Stanislaus ' Eltern . Dieser war der Reiter gewesen , dessen Regiment hier manövrierte , Konstantie wollte die Truppenbewegungen ansehen . Sie begrüßte ihren Landsmann auf das freundlichste , ja es lag ein Schmelz von Innigkeit in ihren Fragen , wie es ihm gehe , was er denke , ob ihn der schöne Morgen nicht erquicke ? daß auch seine Antworten und Reden zutraulicher und herzlicher wurden als gewöhnlich . » Ich habe Sie ja noch nie so munter gesehen , Herr von Valerius , « rief Hedwig in ihrer jugendlichen Heiterkeit , » Sie haben sogar einmal rote Wangen - und jetzt noch rötere . « » Das tut die Sonne , liebes Fräulein , die Sonne . « » Ja , die Sonne - es hat ein jeder seine Sonne . « Da brauste das Ulanenregiment vorüber , Graf Kicki in der schimmernden Uniform an der Spitze ; er neigte den Degen , als er in die Linie des Wagens kam , und die schlanken Reiter , die flatternden Fähnlein , die blitzenden Waffen , das Gewieher und der Trott der Pferde gewährten den lustigsten kriegerischen Eindruck von der Welt . » Wie können Sie denn in der Irre herumreiten , schwarz angetan wie ein Trauernder , während Ihr Regiment im bunten Glanze die Revue passiert ? Sind Sie denn Ihres Dienstes entlassen ? « » Ja , mein Fräulein Wunderhold , ich habe mich aus dem Waffendienst in den Augendienst begeben , und ich harre der Befehle - man hält mich für unbrauchbar zum Soldaten , und spricht von mir wie Don Juan von seiner verabschiedeten Geliebten : Ihr Kopf hat sehr gelitten . « Valerius erkundigte sich nach der alten Gräfin , und hörte , daß sie sich noch ebenso befände , wie sie sich seit einigen dreißig Jahren befunden habe - » aber dieser Krieg , « setzte Hedwig traurig hinzu , » wird wohl das Ende ihres Lebens sein . Siegen wir , so stirbt sie vor Freude , und werden wir von neuem unterjocht , so stirbt sie vor Kummer . « Es flogen Wolken über den Himmel , die Sonne ward bedeckt , und bald fiel ein trüber Regen . Sie eilten nach der Stadt zurück , Valerius versprach , um die Teezeit seinen Besuch zu machen , und so trennten sie sich . Dieser plötzliche Wechsel vom schimmernden Sonnenscheine zum grauen trübseligen Regenwetter verdüsterte seinen Sinn , der nur gar zu geneigt war , sich dunklen Ahnungen hinzugeben , wenn der Himmel seine Anzeichen zu senden schien . Sein Geist kämpfte gegen den Aberglauben , aber sein Herz dafür . Von demselben Fenster seiner Wohnung , aus dem er noch vor kurzem die freudestrahlenden Waffen der polnischen Soldaten gesehen hatte , erblickte er jetzt mit Mühe durch die düstere Luft dunkle heimkehrende Scharen ; es war ihm einen Augenblick , als weine das ganze Volk , vom Himmel und Glück verlassen . Er rief Magyac , und fragte ihn hastig , ob er gestern das erstemal im patriotischen Klub gewesen sei . In dem Augenblicke kam ihm erst jene befremdliche Äußerung der Fürstin wieder ins Gedächtnis , die eine Stunde nach seiner Anwesenheit in der demokratischen Versammlung bereits davon gewußt habe . Nichts verstimmt offene , redliche Menschen mehr , als die Überzeugung , umschlichen und behorcht zu werden ; es belastet sie wie ein böses Gewissen , und das ist das ärgste , was sie fürchten . » Nein , Herr , « antwortete Magyac , » zum zweiten Male . « Er versicherte , Valerius gar nicht gesehen , noch weniger gegen jemand seinen Namen genannt zu haben . Dieser hatte Magyac im Verdachte , auch in jenem Stallgebäude gewesen zu sein , und er war im Begriffe , ihn auch danach zu fragen . Aber es hielt ihn eine Art Stolz zurück , nach Geheimnissen zu forschen , die man verbergen wollte . Dies ganze Wesen von heimlichen Umtrieben , das sich um ihn her spann , verstimmte ihn indes immer mehr . Er war gekommen , für dieses Volk zu kämpfen , und nun sah er sich fortwährend wie ein störender Fremder übergangen und doch beobachtet . Bei größerer Unbefangenheit hatte er allerdings keinen eigentlichen Grund zur Klage ; es war Torheit zu verlangen , daß die Polen jeden Fremden in ihre geheimsten Absichten einweihen sollten . Aber das Unbehagen war bei einem Charakter wie der seine ebenfalls natürlich . So verbrachte er in trüber Stimmung den Rest des Tages auf seinem Zimmer . Alle Zweifel über Leben , Völker , Freiheit rüttelten wieder an ihm , und er schalt sich selbst , daß der Gedanke an die glänzende Fürstin zum öftern in ihm aufstieg , und jene finsteren Gestalten mit einem freundlichen Lichte beleuchtete . Wenn wir einmal ins Zweifeln gekommen sind , so hält kein Glaube mehr fest , und die stärksten Menschen , welche sich auf eigene und neue Wege des Lebens gewagt haben , erschrecken vor ihrer Kühnheit . Sie beneiden dann einen Augenblick die große Masse der Alltagsmenschen , die im hergebrachten Schlendrian einherziehen , dergleichen Zweifel und Sorgen nicht kennen , und in Trübsal immer links und rechts Stützen finden , weil sie nie von der allgemein betretenen Heerstraße gewichen sind . Die Männer neuer Lebensgedanken und einer neuen Zeit werden auch immer die Märtyrer derselben , selbst wenn ihnen die alte störrige Außenwelt keine Kerker öffnet , keine Schafotte errichtet . Ihr Gewissen , das unter den alten Gedanken aufgewachsen ist , hält sie unter einer immerwährenden Tortur , und es ist um so peinlicher als das der andern Menschen , weil es die Verpflichtungen gegen die Gesellschaft tiefer empfindet . Die immerwährende Prüfung hat es spitzer und feiner gemacht . Und der stärkste Mensch mißtraut seinen Kräften , der edelste Reformator fragt sich in stillen Stunden : Bringst du nicht auch Unglück mit deinen neuen Gedanken ? Beruht das Herkommen nicht auf der Weisheit vieler Generationen ? Ist deine und der Gleichgesinnten Meinung nicht vielleicht unreif , unvollkommen , grün und dreist neben den alten viel geprüften Formen ? Ertappt er sich nun auf einen Irrtum , auf einer Schwäche , sie mögen noch so fern liegen von dem Hauptgange seiner Gedanken , dann ist die allgemeine Unsicherheit da . So ging es auch Valerius . In all seinen Überzeugungen war er schwankend geworden . Nichts war ihm früher klarer und abgemachter erschienen , als das Verhältnis zwischen den verschiedenen Geschlechtern , seine Ansicht über Ehe und Treue . Der Gedanke an die Fürstin weckte dies alles wieder auf , und der quälende Zweifel seiner Seele brachte jetzt alle die Gesichter seiner Ideen über diese Gegenstände bleich und mit verzerrten Zügen vor seine Augen . Die Dämmerung lag bereits in seinem Zimmer , und noch ging er brütend , prüfend , anklagend , verteidigend , verwerfend in demselben auf und ab . Einem fremden Zuschauer hätte er unheimlich erscheinen müssen , wie er halblaut sprechend mit unsichtbaren Geistern zu verkehren schien . Alle die verschiedenen Meinungen , mit denen er rang , schienen in den Winkeln des Gemachs zu stehen , bald rastete er vor diesem , bald vor jenem , und sprach mit ihnen , und antwortete statt ihrer : » Wenn ich die gewöhnliche Treue tadle , rede ich nicht der jämmerlichen Liederlichkeit das Wort , die in grauenvollem Egoismus nur ihren Lüsten nachjagt , mag aus den Opfern derselben werden , was da will ! Löse ich nicht den Bestand aller Dinge auf , wenn ich den zuverlässigen Glauben auf ihre unwandelbare Stetigkeit hinwegreiße ? Sind denn so viele Jahrhunderte im Irrtume gewesen , welche die Treue zu einer Tugend erhoben haben ? « » Aber war nicht die rohe Tapferkeit , der grausame blutdürstige Fanatismus einst auch eine Tugend ? Kann die Welt von der Stelle rücken , wenn sich die Gesellschaft fortwährend in denselben Gedanken herumbewegt ? Ist es nicht eine förmliche Mordanstalt , jene schwindsüchtige Treue , welche über ihren eigenen Tod hinaus zu bestehen trachtet ? Das Interesse , der Reiz , die leiseste Hoffnung von Glück ist oft verschwunden , wenn die Leute ein altes Versprechen einlösen ; beide Teile fühlen es , beide wagen es nicht zu äußern , um den Popanz der Treue nicht zu verletzen , beide stürzen sich mit offenen Augen ins Verderben . Das täglich wechselnde Leben , der Reiz , welcher fröhlich vor ihre Augen tritt , predigt stürmend das Gegenteil , aber sie verstocken sich , um ihr Gespenst nicht zu verletzen , sie sündigen gegen die Herrlichkeit der Natur , die sich ihnen in den Schoß wirft , um ein Wort zu halten , das ihnen vielleicht ein Augenblick des Rausches entlockt hat . « » Sind denn nicht aber wirklich die schönsten Gefühle von tieferer Dauer , von stetem Bestande ? Heißt es nicht das Herz verflachen , wenn man die Treue von dannen weist ? Verurteilen wir uns nicht selbst dadurch zu jener vorüberfliegenden Unbedeutendheit , die alle Verbindung mit ewigen Zuständen aufgibt ? « » O , erfindet , ihr widersprechenden Geister , ein neues Wort , verdrängt eure tödlichen Bezeichnungen für unwandelbare , unverrückte Zustände , sie sind unserem Blute und unserem Streben fremd , sie sind unnatürlich und erzeugen das Unglück - keine Untreue , nein , sie ist des Herzens unwürdig , aber auch nicht jene Treue , jenes tote , stehende Gewässer . « » Ich sehe dich , Kamilla , du zürnst mir nicht , wenn ich ein anderes Weib küsse - deine Seele lebt im Grunde meines Herzens , solange ein Tropfen Blutes darin rollt . Und soll ich nicht mehr atmen , wenn es nicht deine Luft ist ? - Ohne Weiber ist das Leben arm , arm , sehr arm . « » Du zürnst mir nicht , aber unglücklich wirst du doch , wenn du ' s erfährst . Und würdest du einen andern küssen ? Hab ' ich mehr Recht ? - Wahrhaftig , ich habe mehr Recht , und das ist kein törichter Männerstolz , ich werde dir ' s erklären , aber ein andermal . Jetzt hab ' ich genug regiert , genug gearbeitet an der Einrichtung der Welt , ich muß Weiber sehen ! « So hatte er sich endlich in eine humoristische Laune hineingesprochen . Es war selten , daß sie ihn von seinen Gedanken erlöste , aber er nahm sie immer fröhlich auf , wenn sie kam , und tröstete sich dann , wenn die Fragen ungelöst blieben mit Hamlet oder richtiger gegen Hamlet : Die Welt ist zwar aus den Fugen , und ich soll sie einrenken ,