; nirgends stimmte die Rechnung ; überall hatten die Menschen eine falsche Addition gemacht oder den Kasus verwechselt . Er sagte und beteuerte , daß er niemals in seinem Leben gelogen hatte . Ein bewundernswerter Fall ; und wirklich stand es fest und war nachzuweisen , daß er mit dem einzigen Busenfreund , den er je besessen , einem Schulamtskandidaten in Tauberbischofsheim , deshalb für immer gebrochen hatte , weil er ihm auf eine Lüge gekommen war . Wie ratlos mußte nun Caspar einer so ernsten Wachsamkeit , einer solchen Vereinigung von seltenen und vorbildlichen Eigenschaften , wie sie der bessere Teil des Lehrers bot , gegenüberstehen . Wir , der Leser und ich , haben darin leichtes Spiel , uns kann man nicht betrügen , uns sind die Kleiderfalten offen und die Haut über dem Herzen ist uns durchsichtig ; wir weilen auf einer höheren Warte , wir sind Seher und Humoristen ; wir verfolgen Herrn Quandt , wenn er in einen Krämerladen tritt , mit höflicher Gemessenheit ein halbes Pfund Käse verlangt und dabei mit unruhig-eifrigen Augen die Einkäufe seiner Nebenmenschen , gleichviel ob es Köchinnen oder Generale sind , in seinem Innern notiert ; wir hören ihn , wenn er mit dem Oberinspektor Kakelberg spricht und sich mit Schmerz über die zunehmende Verlotterung der Schuljugend beklagt ; wir sehen ihn jeden Sonntagmorgen gebürstet , frisiert , gewaschen zum Gottesdienst eilen und mit Bescheidenheit sein Gebetbüchlein aufschlagen ; wir wissen , daß er respektvoll gegen Höhere und unnachsichtig gegen Geringere ist , denn sein Pflichtbewußtsein nach beiden Seiten unterliegt keinem Zweifel . Aber wir wissen auch , daß er jeden Abend vor dem Schlafengehen im Nachthemd auf der Kante seines Bettes sitzt und sich mit düsterer Miene erinnert , daß ihn der Regierungsrat Hermann heute ziemlich nachlässig gegrüßt hat ; mit Bedauern nehmen wir von der Tatsache Kenntnis , daß er seine Schüler , selbstverständlich nur die faulen und störrischen , mit einem sorgsam getrockneten spanischen Rohrstock empfindlich zu züchtigen pflegt , und leider dürfen wir nicht verhehlen , daß er seine gutmütige Frau nicht immer so zart und rücksichtsvoll behandelt , wie es vor Fremden geschieht , die nach ihren Beobachtungen ohne weiteres der Ansicht sind , daß diese Ehe als das leuchtende Beispiel eines guten Einvernehmens zwischen Gatten zu betrachten sei . So war für Caspar , der den Vorteil unsrer Allwissenheit und Allgegenwart natürlich nicht genießt , Herr Quandt eine zwar dunkle und unfrohe , aber durchaus imponierende Gestalt . Ein bißchen Alpdruck spürte er jedesmal , wenn Quandt in wunderlich forschendem Ton und mit unabgewandtem Blick zu ihm sprach . Er fühlte sich anfangs bedrückt in dieser gar engen Häuslichkeit , in der man fast nicht einmal mit seinen Gedanken allein sein konnte , und der einzige Trost war , daß der Graf , der schon anfangs Dezember hatte reisen wollen , noch immer in der Stadt war . Stanhope behauptete zwar , auf wichtige Briefe warten zu müssen , in Wirklichkeit harrte er jedoch der Rückkehr des Präsidenten Feuerbach , da ihn das Beginnen des Mannes , der Grund seines Fernseins beunruhigte wie den Wanderer ein drohendes Gewitter . Auch Caspar hielt ihn , und das in eigner Weise . Er pflegte den Jüngling jeden Nachmittag für eine oder anderthalb Stunden zum Spazierengehen abzuholen ; sie gingen dann gewöhnlich den Weg zum Schloßberg hinauf und gegen das Bernadotter Tal , das in schöner Abgeschiedenheit wie eine Vorhalle zu den finster umschließenden und weitgedehnten Wäldern lag . Caspar empfand einen sehr wohltuenden Einfluß von der Bewegung in der kalten , meist frostklaren Luft . Ihre Gespräche strebten stets von einem unverbindend persönlichen Punkt aus ins Allgemeine , wo das zu Sagende gefahrlos wurde und doch das Lehrhafte wie das Erzählende nicht den Reiz einer anmutenden Vertraulichkeit entbehrte . Es schien dem ein Übereinkommen zugrundezuliegen , ein Friedensschluß vor einer dumpf gefühlten Wandlung , welche die vergangene Schönheit ihres Verhältnisses vollends zerstören mußte . So gingen sie dahin , anzusehen wie Freunde , in einer ihrem Schicksalskreis fremden Region aufrichtig einander ergeben , den Unterschied der Jahre und der Erfahrung ausgleichend durch ein williges Schenken von der einen und ein nicht minder williges Empfangen von der andern Seite . Der Lord fand sich durch diese Form eines Verkehrs lebhaft angezogen , ja im wahrsten Sinn ergriffen . Durfte er sich doch auch einmal wieder unbefangen fühlen , ohne Joch , von keiner Peitsche zu ausbedungenem Ziel gezwungen ; in sich selber ruhend , betrachtsam und nicht ohne Wehmut überschauend , wie das Leben in seiner Brust gehaust und was es dem zwecklos spielenden Geist übriggelassen , der ja das eigentliche Element ist , in welchem der Mensch den Menschen erkennt . Er ging über die Tiefen seines Daseins hin wie über eine gebrechliche Brücke , die der leichteste Windhauch in den Abgrund stürzen kann . Am liebsten redete er über Menschenlos und Menschendinge : erzählte , wie der begonnen , wie jener geendet , was diesen ins Unheil gestürzt und jenem zu Ansehen verholfen ; wie er einen im Glück gewahrt , an der Tafel des Königs schwelgend , und wie selbiger zwei Jahre später in einer Dachkammer elend krepiert war . Ungleich ging es zu auf Erden ; in schwer erklimmbarer Höhe blühten die Blumen ; nichts sicher , nichts von Bestand , nirgends Verlaß . Gewisse Regeln durften nicht unbeachtet bleiben , nach welchen das Wirken des einzelnen sich zu fügen hatte . Stanhope erwähnte das Buch des Lord Chesterfield , eines Vorfahrs und weitläufigen Verwandten , der in berühmten Briefen an seinen Sohn gar treffliche Maximen gegeben hatte ; ganze Seiten daraus wußte er aus dem Gedächtnis herzusagen . Derselbe Chesterfield habe , um den Ahnenstolz des Adels zu verspotten , in seinem Schloß zwei Bilder aufhängen lassen , einen nackten Mann und ein nacktes Weib , und darunter geschrieben : Adam Stanhope , Eva Stanhope . Der Graf gab seiner Überraschung darüber oft drastischen Ausdruck , einen wie klugen Kopf er in Caspar bei aller Einfalt und Schweigsamkeit entdeckte : immer zutreffend im Widerpart , durchaus weltlich gestimmt , in Frage und Antwort aus erster Hand , das Gegensätzliche mühelos erfassend und phantasievoll verknüpfend . Die Wandlung kam bald . Ein unbedeutender Anlaß führte sie herbei . Eines Tages , während der Rückkehr nach der Stadt , sprach sich Stanhope darüber aus , wie fruchtbar es für die innere Haltung eines Menschen sei , wenn er seine Erlebnisse nicht leichtsinnig vorüberfließen lasse , sondern sie moralisch zu nützen suche , indem er durch schriftliche oder mündliche Mitteilung den Stoff seines Nachdenkens bereichere . Caspar fragte , wie er das meine ; statt der Antwort stellte der Graf , den dieser Umstand längst beunruhigte , die lauernde Gegenfrage , ob Caspar noch ein Tagebuch führe . Caspar bejahte . » Und willst du mir nicht gelegentlich daraus vorlesen ? « Caspar erschrak , überlegte und antwortete zögernd , ja , er wolle es tun . » So nehmen wir die gute Stunde wahr und machen uns gleich daran « , sagte Stanhope . » Ich wünsche nur einen ungefähren Einblick zu erhalten und bin neugierig , wie du so etwas anpackst . « Zu Hause angelangt , begleitete der Lord Caspar auf dessen Zimmer und nahm , der Erfüllung des Versprechens gewärtig , auf dem Kanapee Platz . Im Ofen prasselte Feuer ; draußen herrschte seit dem Mittag starker Tauwind ; es dämmerte schon , die Hügel waren violett umschleiert . Caspar machte sich unter seinen Büchern zu schaffen , doch Minute auf Minute verging , ohne daß er sich im geringsten anschickte zu tun , was Stanhope erwartete . » Nun , Caspar , « meldete sich endlich ungeduldig der Graf , » ich bin bereit . « Da gab sich Caspar einen Ruck und sagte , er könne nicht . Stanhope sah ihn groß an ; Caspar schlug die Augen nieder . Das Tagebuch sei unter vielen andern Sachen versteckt , und es sei unbequem , es zu erreichen , murmelte er stockend . » So so « , versetzte der Lord und lachte fast lautlos durch die Nase . » Wie flink du in Ausflüchten bist , Caspar ; ich hätte nicht geglaubt , daß du so flink in ... Ausflüchten bist . Ei , sieh doch ! « In diesem Moment klopfte und scharrte es an der Tür , der Lord rief , und die Gestalt Quandts schob sich langsam ins Zimmer . Er tat erstaunt , den Herrn Grafen hier zu finden , und fragte , ob Seiner Lordschaft eine kleine Erfrischung gefällig sei . Der Lord dankte stumm und heftete den Blick fortgesetzt auf Caspar . Quandt merkte gleich , daß da was auf der Pfanne brodelte . Er erkundigte sich , ob Seine Herrlichkeit Anlaß habe , mit dem Hauser unzufrieden zu sein . Stanhope entgegnete , er habe allerdings einigen Grund , sich zu ärgern , und in kurzen Worten teilte er dem Lehrer mit , worum es sich handle . Hierauf zu Caspar gewandt , sagte er laut und markiert : » Wenn es von vornherein nicht in deiner Absicht lag , mir von deinen Intimitäten Kenntnis zu geben , so hättest du es nicht versprechen dürfen . Und wenn du dein Versprechen bereut hast , so durftest du es schicklich wieder zurücknehmen . Aber statt dessen zu einer solchen « , eine beredte kleine Pause , » Ausflucht zu greifen , das scheint mir deiner und meiner nicht würdig . « Er erhob sich und verließ das Zimmer . Quandt folgte ihm . Unten im Flur blieb Stanhope stehen und fragte den Lehrer kurz angebunden , ob er sich in der verflossenen Zeit schon ein Urteil über die Fähigkeiten und den guten Willen Caspars gebildet habe . » Eben wollte ich Eure Lordschaft ergebenst ersuchen , mir zur Besprechung dieses Punktes eine Viertelstunde Gehör zu schenken « , erwiderte Quandt . Er nahm das Öllämpchen vom Nagel und bekomplimentierte den Lord in sein Studio . Indes sich Stanhope in den Lederstuhl setzte , Bein auf Bein kreuzte und gelangweilt in die Luft starrte , ramschte Quandt seine Notizblätter zusammen und sagte , er habe den Hauser gleich vom ersten Tag an tüchtig vorgenommen , ihm diktiert , ihn lesen und rechnen lassen , die deutsche und lateinische Grammatik abgefragt , alles aus dem Gröbsten und nur des Überblicks halber . » Und das Ergebnis ? « fragte Stanhope , wobei die Langweile seine Nasenflügel auseinanderdehnte . » Das Ergebnis ? Leider ziemlich trostlos , leider ! « Es mußte ein Schmerz für Herrn Quandt sein , denn in diesem » leider « lag ein tiefgefühlter Ton . Es mußte ein Schmerz für ihn sein , daß Caspars Handschrift so viel zu wünschen übrig ließ . » Er hat nichts Freies und Zügiges in seiner Hand , und mit der Orthographie steht er auf gespanntem Fuß « , sagte er . Es mußte ein Schmerz für Quandt sein , wenn ein Mensch den Dativ nicht in allen Fällen vom Akkusativ unterscheiden konnte . » Von der funktionellen Bedeutung des Konjunktivs hat er nicht die geringste Vorstellung « , sagte Quandt und fuhr fort : » Im sprachlichen Ausdruck scheint er nicht ungewandt , hier ragt er sogar über seine sonstige Bildungsstufe hinaus , und er kennt die Sätze und ihre Verbindungen so weit , daß er den Punkt , das Kolon , das Anführungs- , Frage- und Ausrufungszeichen genau und das sogar von Sprachforschern so verschieden in Anwendung gebrachte Semikolon manchmal richtig zu setzen weiß . « Immerhin ein Lichtstrahl . Hingegen die Arithmetik , o weh ! Er beherrscht die vier Grundrechnungen in gleichbenannten Zahlen noch nicht mit Sicherheit . » Eine Null wird für ihn bald da , bald dort zum unüberwindlichen Hindernis « , sagte Quandt . Die Lehre von den Brüchen , vom Kettensatz , von den einfachen und zusammengesetzten Proportionen : ein hoffnungsloses Dunkel . » Erstaunlicherweise arbeitet er jedoch in diesen Dingen am willigsten « , sagte Quandt . » Wie erklären Sie sich das ? « erkundigte sich der Lord mit der Neugierde eines Verschlafenen , den man an den Füßen kitzelt . » Ich erkläre mir das so : Jedes Exempel stellt sich als ein für sich bestehendes Ganzes dar . Ein solches zu gestalten , dazu hat er immer Lust und Verlangen , und es macht ihm Spaß , wenn er es vollendet sieht . Was ihn aber lange beschäftigt , erregt sein Mißbehagen und kann ihn sogar zu allerlei unwahren Entschuldigungen veranlassen . Daher zeigt er sich auch verdrießlich bis zum Zorn , wenn er ein leichtes Exempel falsch gerechnet hat und den Fehler der Oberflächlichkeit nicht finden kann . « Weiter , weiter : Geschichte , Geographie , Malen , Zeichnen ? Was die Geschichte betreffe , so habe Quandt noch niemals und bei keinem Menschen eine ähnliche Gleichgültigkeit gefunden , sowohl gegen vaterländische Begebenheiten wie gegen welthistorische Fakta , gegen Monarchen , Staatsmänner , Schlachten , Umwälzungen , Helden und Entdecker . » Nur die Anekdote fesselt ihn , ein Geschichtlein , damit kann man ihn ködern . « Traurig ! Und die Geographie ? » Auf der Erdkugel fühlt er sich keineswegs zu Hause « , sagte Quandt . » Auch ist er oft zerstreut ; er merkt nicht auf . Die nürnbergische Schwärmerei über sein wunderbares Gedächtnis ist mir ein Rätsel , ein unsagbares Rätsel , Mylord . « Mylord hatte genug . Vom Malen und Zeichnen wollte Mylord nichts mehr wissen ; er unterbrach den Lehrer , der Proben zeigen wollte , und warf ein , daß ihm die Ausbildung in diesen Nebenfächern zwar wünschenswert erscheine , daß er aber kein großes Gewicht darauf lege . » Wünschenswert , jawohl , « versetzte Quandt , » und das Wünschenswerte sollte doch gepflegt werden . Der Geist eines Menschen ist wie ein Zuchtgarten , in welchem das Schöne und das Nützliche nebeneinander gedeihen dürfen . Ich glaube , der mächtigste Ansporn für den Hauser ist seine Eitelkeit . Wenn man es versteht , seine Eitelkeit zu befriedigen , kann man ihn zu allem haben . Noch eine Frage , Mylord : haben Sie besondere Wünsche wegen des Religionsunterrichts ? Ich habe schon mit Herrn Pfarrer Fuhrmann gesprochen , der sich erboten hat , zweimal wöchentlich Caspar eine Stunde zu geben . Die Bibel habe ich selbst mit ihm durchzunehmen begonnen . « Stanhope hatte nichts dawider ; er wollte aufbrechen , aber mit verlegenem Stottern brachte Quandt jetzt das Quartiergeld aufs Tapet , seine Frau liege ihm über die zunehmende Teuerung am Hals . Der Lord , ganz Seigneur , bewilligte kurzerhand einen Zuschuß ; es wurde vereinbart , daß Caspar einen Mittagstisch für zwölf und einen Abendtisch für acht Kreuzer erhalten solle . Um den üblen Eindruck dieser Erörterung zu verwischen , die ihn beschämte und demütigte , äußerte Quandt den Wunsch , Seiner Lordschaft nach deren Abreise periodischen Bericht über die Fortschritte Caspars zu senden . Stanhope , schon völlig ergeben , stellte dies seinem Belieben anheim . » Es wäre ratsam , « schlug Quandt vor , » Hausers Briefe an Eure Herrlichkeit zugleich als Stilübungen zu betrachten . Ich könnte , ohne natürlich am Gedanken etwas zu verändern , die Hauptfehler korrigieren und mit roter Tinte eine Zensur darunter schreiben . So hätten Sie immer ein Bild seiner derzeitigen Fähigkeiten . « Stanhope fand diesen Gedanken unvergleichlich . Sie traten nun in den Flur , Quandt trug wieder das Öllämpchen voran . Auf einmal prallte er zurück und hielt das Lämpchen hoch . Am Stiegengeländer stand eine dunkle Gestalt . Es war Caspar . Aha , der hat gehorcht , fuhr es Quandt durch den Kopf . Er drehte sich um und sah den Lord beziehungsvoll an . Caspar trat auf Stanhope zu und bat ihn mit bewegter Stimme , noch einmal auf sein Zimmer zu kommen . Der Graf antwortete kalt , er habe wenig Zeit , Caspar möge sein Anliegen hier vorbringen . Caspar schüttelte den Kopf ; der Lord dachte , Caspar habe sich eines Bessern besonnen , er stellte sich , als ob es ihn Überwindung koste , dem Wunsch zu willfahren , dann ging er mit kleinen , wie gezählten Schritten die Stiege hinan . Quandt folgte unaufgefordert und blieb im Zimmer oben als stumme Person neben der Tür stehen . Caspar sagte , er wolle dem Lord das Tagebuch gerne zeigen , aber dieser möge ihm versprechen , nichts darin zu lesen . Der Lord verschränkte die Arme über der Brust . Dies wurde ihm denn doch zu bunt . Aber er antwortete mit der Ruhe einer vollendeten Selbstbeherrschung : » Du kannst mir wohl glauben , daß ich ohne deine Einwilligung nicht in deine Privatangelegenheiten dringen werde . « Caspar öffnete die Schublade des Kommodekästchens und hob den Zipfel eines Seidentüchleins , unter welchem das blaue Heft lag . Der Graf näherte sich und blickte in wortloser Befremdung bald auf das Heft , bald auf Caspar . » Was für eine kindische Zeremonie ! « stieß er finster heraus . » Ich hatte nicht die geringste Begierde geäußert , deinen papierenen Schatz zu sehen . Soviel ich weiß , wolltest du mir daraus vorlesen ; mit Flunkereien bitte ich mich zu verschonen . « Auch Quandt war nun herangekommen , und mit zweifelnden Blicken maß er das mysteriöse Heft . Caspar schaute währenddem , auch indes der Lord das Zimmer schweigend verließ , mit einem chinesischschiefen , schiefbesinnenden Blick vor sich hin , einem Blick der Versunkenheit und Jenseitigkeit , wie ihn manche Köpfe auf sehr alten Bildern haben . » Wenn ich meine unmaßgebliche Meinung äußern darf , « sagte Quandt , der den Grafen zum Tor begleitete , » so muß ich gestehen , ich glaube nicht an dieses Tagebuch . Ich glaube nicht , daß ein Charakter wie der des Hauser von sich selbst aus den Antrieb findet , ein Tagebuch zu führen . Ich kann mir nicht helfen , Mylord , aber ich glaube nicht daran . « » Ja , denken Sie denn , daß er uns da bloß leeres Papier gezeigt hat ? « versetzte Stanhope schroff . » Das nicht , aber ... « » Was also ? « » Je nun , man muß der Sache nachgehen , man muß sich damit beschäftigen , man muß sehen , was dahinter steckt . « Stanhope zuckte die Achseln und ging . Er hatte gehofft , aus den Aufzeichnungen des Jünglings mancherlei über sich selbst zu hören ; dies lockte ; er wußte , daß er dort auf einem hohen Postament stand und daß er vergöttert worden war ; es ist schön , vergöttert zu werden , wie wenig Ähnlichkeit man auch mit einem Gott haben mag , und wenngleich das Götterbild vom Sockel gestürzt war , um seine Trümmer mußte noch eine reizende Romantik blühen . Dies lockte . An das Verräterische des Büchleins dachte er nicht , wollte er nicht denken , damit mochten sich die Schergen abfinden . Trotzdem begab er sich am nächsten Mittag ins Lehrerhaus , trat in Caspars Zimmer und forderte kurz und streng von dem Jüngling die Ablieferung der Briefe , die er ihm während ihrer Trennung nach Nürnberg geschrieben . Caspar gehorchte ohne zu fragen . Die Briefe , es waren nur drei , darunter der gefährliche , geschwätzige , den der Graf zu fürchten hatte , lagen in einer besonderen Mappe in einer Hülle von Goldpapier . Stanhope zählte sie nach , steckte sie in die Brusttasche und sagte dann etwas milderen Tons : » Du holst mich heute abend um acht Uhr vom Hotel ab . Wir sind aufs Schlößchen zu Frau von Imhoff geladen . Zieh dich gut an . « Caspar nickte . Stanhope schritt zur Tür . Die Klinke in der Hand , drehte er sich noch einmal um : » Morgen reise ich . « In der Krümmung seines Mundes lag Überdruß und Grauen . Ihm graute plötzlich vor dieser Stadt und vor ihren Menschen , ihm graute vor etwas , das er wie eine höllische Unholdfratze über sich in der Luft hängen sah und dem er durch die Geschwindigkeit seiner Pferde zu entrinnen hoffte . Den Präsidenten zu erwarten hatte er aufgegeben , denn Feuerbach hatte seinem Stellvertreter geschrieben , er käme erst nach Neujahr . » Morgen schon ? « flüsterte Caspar betrübt ; und nach einer Pause fügte er scheu hinzu : » Was abgemacht ist , das gilt aber ? « » Was abgemacht ist , das bleibt bestehen . « Die Einladung der Imhoffs war zugleich eine Abschiedsfeier für den Grafen . Es waren gebeten : der Regierungspräsident Mieg , der Hofrat Hofmann , der Direktor Wurm , Generalkommissär von Stichaner mit Frau und Töchtern und einige andre Herrschaften ; alle kamen in großer Gala . Man war sehr gespannt auf Caspars erstes Erscheinen in der hiesigen Gesellschaft . Sein Auftreten enttäuschte nicht . Wie feierte man ihn , bemühte man sich um ihn ; man sagte ihm Komplimente , die lächerlichsten Komplimente , lobte seine kleinen Ohren und schmalen Hände , fand , daß ihm die Narbe auf der Stirn , die vom Schlage des Vermummten herrührte , interessant zu Gesicht stehe , bestaunte sein Reden und sein Schweigen und wähnte damit den Lord zu entzücken , der sich jedoch über eine gemessene Höflichkeit hinaus nicht verpflichtete und dem überschwenglichen Wesen der Damen seinen verbindlichsten Sarkasmus entgegensetzte . Nachdem die Tafel aufgehoben war , erschien der Kämmerling des Lords und brachte ein Paket , welches in ungefähr einem Dutzend Exemplaren das in Kupfer gestochene Porträt Stanhopes enthielt , worauf er in Pairstracht mit der Grafenkrone dargestellt war . Er verteilte die Bilder an » die lieben Ansbacher Freunde « , wie er mit bezauberndem Lächeln sagte . Das Kunstwerk erfuhr die lauteste Bewunderung , sowohl in bezug auf die Ähnlichkeit wie auf die Ausführung ; als jeder seinen Dank gezollt , kam das Gespräch auf Bilder überhaupt , und es entstand eine Meinungsverschiedenheit darüber , ob man aus den Zügen eines Porträts auf die Charaktereigenschaften der betreffenden Person schließen könne . Der Hofrat Hofmann , als der negative Geist , der er überhaupt war , bestritt es mit großer Lebhaftigkeit und mit Aufwand von vielen Gründen ; er sagte , jedes Bildnis gebe schließlich doch nur eine Essenz der besten oder einschmeichelndsten oder am offensten sich darbietenden Eigenschaften , es komme dem Maler oder Stecher nur darauf an , einen besonderen , seinem Kunstwesen verwandten Zug bis zur vorgesetzten Wirkung zu übertreiben , so daß von der wahren Art des betreffenden Menschen kaum noch etwas übrigbleibe . Dem wurde heftig widersprochen ; das hänge ja vor allem von dem Genie des Künstlers ab , wurde erwidert , und Lord Stanhope , der die Äußerungen des Hofrats bei diesem Anlaß als einen Mangel an Delikatesse empfinden mußte , ereiferte sich sehr gegen seine sonstige Gepflogenheit und behauptete , er seinerseits getraue sich aus jedem Bildnis , wen es auch darstelle und von wessen Hand auch immer es gefertigt sei , die seelische Beschaffenheit der abgebildeten Person zu erraten . Bei diesen Worten lächelte die Hausfrau bedeutungsvoll . Sie verschwand in einem Nebenraum und kehrte alsbald mit einem goldgerahmten ovalen Ölbild zurück , das sie , noch immer lächelnd , in kurzer Entfernung von dem Grafen aufrecht auf den Tischrand stellte . Die Gäste drängten sich herzu , und fast von allen Lippen erscholl ein Ausruf der Bewunderung . Es war ein äußerst lebendig und natürlich gemaltes Bild , welches eine junge Frau von verblüffender Schönheit darstellte : ein Gesicht weiß wie Alabaster und überhaucht von zartem Rosenrot ; klare und ebenmäßige Züge , einen Blick , dem offenbar die Kurzsichtigkeit etwas Poetisches und Schüchternes gab , und im ganzen der Physiognomie ein himmlisches Leuchten von Gefühl . » Nun , Mylord ? « fragte Frau von Imhoff schelmisch . Stanhope nahm eine neunmalweise Miene an und ließ sich vernehmen : » Wahrlich , in diesem Geschöpf verbindet sich orientalische Weichheit mit andalusischer Grazie . « Frau von Imhoff nickte , als ob sie das Gesagte vortrefflich fände . » Schön , Mylord , « meinte sie , » wir wollen etwas über den Charakter der Dame wissen . « » O , man will mich attrappieren ! « versetzte Stanhope heiter . » Nun gut . Ich denke , es ist das eine Frau , welche jede Art von Leiden oder Ungemach mit außerordentlicher Langmut zu ertragen versteht . Sie ist sanft , sie ist gottesfürchtig , sie liebt den idyllischen Frieden des Landlebens , ihre Neigungen gehören den schönen Künsten - « Frau von Imhoff konnte nicht mehr an sich halten und brach in belustigtes Lachen aus . » Ich bin sicher , Graf , daß Sie nur , um mich zu necken , eine so falsche Deutung unternommen haben « , sagte sie . Der Hofrat machte ein mokantes Gesicht , Stanhope errötete . » Wenn ich mich blamiert habe , so belehren Sie mich eines Bessern , gnädige Frau « , antwortete er galant . » Um das zu können , müßte ich Ihre Geduld länger als wünschbar in Anspruch nehmen « , sagte Frau von Imhoff plötzlich ernst . » Ich müßte Ihnen von dem ungewöhnlichen Schicksal dieser Frau erzählen , die meine beste Freundin ist , und ich würde Gefahr laufen , die gute Stimmung zu zerstören , in der Sie sich alle befinden . « Aber man wollte sich nicht damit zufriedengeben , und Frau von Imhoff mußte schließlich dem allgemeinen Drängen willfahren . » Meine Freundin kam als Mädchen von achtzehn Jahren an den Hof einer mitteldeutschen Residenz « , begann sie mit einer reizenden Befangenheit . » Sie war vater- und mutterlos und in ihrer Existenz ganz auf ihren Bruder angewiesen « . Dieser Bruder , ich will ihn der Kürze wegen den Freiherrn nennen , galt trotz seiner Jugend , er war nur um zehn Jahre älter denn seine schöne Schwester , für einen Mann von hervorragenden Talenten ; der Fürst , obwohl schwächlich und ausschweifend , wußte seine Fähigkeiten vollauf zu würdigen , gab eine der höchsten Stellen des Landes unter seine Verwaltung und überhäufte ihn mit Ehren und Auszeichnungen . Doch nahm der Freiherr an den Vergnügungen des Hofes nur insofern teil , als er die Schwester in die Salons und Gesellschaften des Adels einführte , und er hatte auch die Genugtuung , daß sie nicht nur durch ihre Schönheit , sondern auch durch Geist , Anmut und ein selten befeuertes Naturell der Mittelpunkt jedes Kreises wurde , in dem sie sich sehen ließ . » Eines Tages nun wurde das ruhige Zusammenleben der beiden Menschen auf eine furchtbare Weise zerstört « . Fast zufällig machte der Freiherr die Entdeckung , daß in der Finanzverwaltung des Landes ganz ungeheuerliche Unterschleife stattgefunden hatten , es handelte sich um viele Hunderttausende von Talern , und daß der Fürst selbst , in Bedrängnis geraten durch eine arge Mätressen- und Protektionswirtschaft , bei diesen zum Nachteil des Volkes ausgeführten Manipulationen beteiligt war . Der Freiherr wußte sich keinen Rat . Er vertraute sich der Schwester an . Diese sagte ihm : Hier gibt es kein Schwanken , geh zum Fürsten und mach ihn ohne Rückhalt auf die Schwere eines solchen Verbrechens aufmerksam . Es geschah . Der Fürst geriet in Zorn , wies dem jungen Mann die Tür und deutete ihm an , daß er seinen Abschied zu nehmen habe . Als der Freiherr seiner Schwester von dem unerwarteten Ausgang seines Unternehmens Mitteilung machte , drängte sie ihn , die Geschichte vor die versammelten Landstände zu bringen . Auch dazu erklärte sich der Freiherr bereit , eröffnete sich aber vorher noch einem seiner Freunde , der den Entschluß zu billigen schien . Derselbe Freund schrieb ihm am nächsten Abend ein Briefchen , worin er ihn dringlichst aufforderte , einer wichtigen Besprechung halber sogleich in ein nahe der Stadt gelegenes Lusthaus zu kommen . Ohne Zögern folgte der Freiherr dem Ruf , ließ , trotzdem es schon spät und die Nacht finster war , sein Pferd satteln und ritt davon . » Seit dieser Stunde wurde er nicht mehr gesehen « . Einige Leute wollten gegen Mitternacht in der Nähe jenes Lusthauses Schüsse gehört haben , aber wie dem auch sein mochte , der Freiherr war verschwunden , und was mit ihm geschehen war , blieb ein unerklärtes Rätsel . Den Schmerz der Schwester kann man sich denken . Doch vom ersten Tag an verschmähte sie es , diesem Schmerz sich hinzugeben , und entfaltete eine erstaunliche Tätigkeit . Da sie nach und nach den Tod des Bruders glauben mußte , setzte sie alles daran , um wenigstens seinen Leichnam ausfindig zu machen . Sie nahm Arbeiter auf , die in der Umgebung des Lusthauses wochenlang die Erde aufgraben mußten , mit Güte , mit List , mit Drohungen beschwor sie den angeblichen Freund des Bruders , zu reden , wenn er etwas wisse ; es war umsonst , er behauptete , nichts zu wissen . Niemand wollte etwas wissen . Sie warf sich dem Fürsten zu Füßen , der sie huldvoll anhörte und , anscheinend selbst ergriffen , alles zu tun versprach , um der Sache auf die Spur zu kommen . Es war umsonst . Einige Tage darauf erkrankte sie , ohne Zweifel durch Gift ; der Versuch wiederholte sich . Plötzlich aber starb der Fürst an einem Schlagfluß . Ihres Bleibens an jenem schrecklichen Ort war nun nicht mehr . Sie begann zu reisen und suchte an allen kleinen und großen Höfen Deutschlands , später sogar in London und Paris Minister , Monarchen und Männer der Öffentlichkeit zu gewinnen , um Sühne oder wenigstens Aufklärung zu erlangen . » Stellen Sie sich das Leben vor « , fuhr Frau Imhoff fort , » das