Brust , wie aus seinem innersten Leben drängend . Daß er erschrocken stand . Daß er ewig lauschte . Daß es ihm deuchte , als wenn in den reinen Lüften , die im Weidenstumpfe knarrten , und in den fernen , freien Tieren dasselbe seit Anbeginn lebendig wäre wie in ihm . Ungebunden und mit freiem Fluge , die Seele voll Licht und den Weg voll blumigen Grases hinauszuspringen , ohne Band , ohne Ziel , weil allenthalben das Ziel der Stunde , die Rast , der Aufenthalt , die Stärkung unter Fuß oder Huf gebreitet daliegt , von der Sonne geweckt , vom wehenden Luftzuge erzitternd . Hier quollen Gefühle der Freiheit auf . Und er wähnte so hin in seinen wachen Träumen , als wenn er hineingestellt wäre , ein alter Zigeuner , in die weite Steppe und hätte irgendwo da sein Wanderzelt aufgeschlagen . Als wäre er nicht geboren in einer fremden , gebundenen Gesellschaft , sondern aus dem Boden aufgesprungen , wie eines jener schlanken , schönen Schwertgräser , die mit ihren toten Ähren jetzt am Wassergraben entlang sich stolz wiegten . Hier vergaß Einhart , daß noch eine andere Welt lebte , darin er als ehrgeiziger Künstler umgegangen . Und sein einstiges Treiben und Trachten schien erstorben zu einem fernen , leeren Gemurmel . Hier hockte Einhart stundenlang auf einer Hürde und sah hinaus . Sein dunkles Gesicht war jetzt noch vollends richtig bronzen gebrannt . Seine Hände waren fein und dürr wie braune Zigeunerhände . Hier begann in ihm zum ersten Male eine Stimme leidenschaftlich zu rufen nach einem freien , eigenen , aus sich bestimmten Leben . Nie hatte er gewußt , daß es im Blute einen Laut gibt , so unaufhaltsam , so unstillbar tief , so ewig alle Stimmen der Zeit und der Welt überrufend , daß nichts bleibt als diese eine Stimme . Unter den Tieren wanderte er manchmal weit hinaus , ohne Hut , ohne Stab , ganz nur er , einsam und achtlos , daß man ihn schließlich ängstlich ein paarmal suchen kam und ihn an die Ordnung im Schlosse gütig zu mahnen . Er konnte hier alles vergessen . Er starrte einem Blatte nach , das frei im Winde lebte . Und einem Füllen , das nach seiner Mutter Laut die Ohren neckisch vorwarf . Er sah auch immer darin eine Weibesgestalt bewegungslos stehen , streng in sich selber und von zärtlicher Güte , wie nur die Schönsten sie haben . Mit der Süße der Züge einer Geliebten und auch eines ein wenig ängstlichen , lieblichen Kindes . Fern kam es . Fern ging es . Diese Bilder von Verena tauchten von ferne in die Fülle Gefühl , die ihn in der Steppe zum Leben aufrief . Und wenn dann Einhart heimgekommen , waren seine Augen von dem Glanz , der in jedem Grase gefunkelt , noch tiefer und fröhlicher , noch ahnungsvoller und leidenschaftlicher zugleich . Es ging dann aus seinen Augen und aus seinen Worten , wenn er sich so vollgesogen mit der kühnen , hinauslockenden Freiheit des Weidetieres und des ziehenden Vogels , eine solche stählerne Festfreude aus , daß mancher an der besonnten Schloßtafel , verstohlen auf Einhart blickend , nicht begriff , wie mit diesem schlanken , jetzt in gewählter Salontracht dasitzenden , leicht ergrauten Manne , dessen Mienen und Gebärden sanft und gütig waren , sich ein solcher Hauch freien Wandertums und losen Abenteuers , eine solche rücksichtslose Ungebundenheit und Lust am namenlosen Leben auf der weiten Erde je zusammengefunden . Einhart saß an der Tafel sanft geneigt . Die Gräfin Schleh sah ihn wie beglückt an . Aller Blicke suchten ihn manchmal . Er konnte mit lustiger Laune auch nur von dem springenden Blatte erzählen , dessen Spiel über die Ebene hin er mit spannenden Augen aufgesogen . Oder das Zwiegespräch von ein paar rauhaarigen Füllen , das er , als sie miteinander weideten , vorgab selber erlauscht zu haben . Innige Wahrheit barg sich immer hinter seinen lustigen Lügen . Man sah alles , was Einhart sich so aus den blauen Lüften eingebildet . Denn Einhart hatte wie ein Raubvogel so sicher die kleinsten Seelendinge angesehen , die in Luft und Steppe hinstrichen . Das alles hatte er erspäht . Das alles lebte in seinen Worten . Daß ein Pferdewiehern wie ein Lachen der Freiheit und das Auseinanderbrausen einer jungen Hengsteschar wie der letzte Ton einer ganzen Geschichte der Leidenschaft ausklang . Man liebte Einhart . Alle liebten ihn . 9 Tage nachher war man beim Landmarschall , dem Grafen Renauld , zur Tafel . Einhart sah hier Verena wieder , die heute in lichten Gewändern kam . Hier ging von Anfang an eine fröhliche Laune durch die hohen , reichen Räume . Der alte , zausbärtige Schloßherr , ein frischer , leidenschaftlicher Mensch , der jeden Eintretenden eine Weile mit zutunlichen Worten in Beschlag nahm , hatte besonders Einhart laut hofierend angesprochen . Und er war dann auch nicht mehr von seiner Seite gegangen , hatte ihn heiter plaudernd und lachend einige Säle im Schlosse weitergeführt , und hatte ihm dort herrliche Sammlungen von japanischen Altertümern , persische antike Porzellane und die kostbarsten Möbelstücke alt orientalischer , eingelegter Arbeit , wahrhaft königliche Besitztümer , einzeln vors Auge gehalten und erklärt . Aber auch bei Tisch waren alle voll Laune . Auch Verena , die in ihren hellen , blaßgrünen Falbeln und mit der dunklen Perle mitten auf der Stirn , die an einem Goldkettchen hing , wie eine liebliche Heilige von Perugino dasaß . Es schien , als wenn auch sie nur eine arglose Teilnehmerin zu erscheinen wünschte . Sie sprach , ein wenig scheu , einige Male freundlich über den Tisch herüber . Was Komtesse Josefa unabsichtlich flüchtig lächeln machte , weil Verena dabei in richtiger , weltlicher Teilnahme redete . Man sprach während der Tafel viel von den Künsten . Der alte , graubärtige Schloßherr hatte Einhart dazu ausdrücklich angeregt . Und weil Einhart gleich mit heimlicher Entzückung die Nähe der lichten Verena gefühlt , redete er froh mit versunkener , zögernder Frische , lächelte dann und wann mit seinen funklen Augen den oder jenen absichtslos an und sah oft wie zufällig zu Verena hinüber , die mit mildem Eifer seinen Worten zuhörte . Einhart redete mit viel Wärme kluge Worte . » Jeder Künstler , nein , ein jeder von uns , « sagte er lebhaft , » sollte eigentlich immer noch ein Kind sein . « » Wohl dem , der ein Kind bleibt sein Lebelang , « sagte er danach , weil sich sein Blick in Verenas jungfräulicher Schmäle eine Weile wie verfangen . » Davon ganz abgesehen ! « verbesserte er sich dann schnell , wie er es merkte , daß er in die Irre ging . » Vor einer höheren Macht sind wir ja alle immer Kinder , « sagte er lachend . » Ich wollte nur sagen : zuerst kommt die Meisterschaft des Meisters , der den Schüler vorwärts führt . Mag der Meister nun ein Mensch oder die Natur selber sein . « » Aber von dem Meister muß der sich befreien , « sagte er nachdrücklich , » der ein Meister werden will . Von der Natur sich befreien ! Die Natur zum Eigentum seiner selbst überwinden ! Ja ! Das taten alle Großen . Da redet erst das Innerste , was in uns selber redet . Dem müssen wir ganz untertan werden . Es zur Sprache bringen , das ist die Meistersprache . « » Mit dieser Sprache verstehen sich die Großen aller Zeiten , « redete er sanftmütig zu Verena hinüber . » Sie reden aus einem heimlichen Reiche , daraus wir wohl alle ausgetrieben sind . Eine Art Heimat . « » Das ist dann Heimatkunst , « sagte er lachend . » So kommt es mir wenigstens manchmal vor , « gab er noch ein wenig kleinlauter hinzu , weil er die Augen Verenas zärtlich auf sich gerichtet gesehen ohne Absicht . Er wußte nicht sonst groß , was er geredet . Er redete mit schwärmerischem Tone . Sein Auge konnte dabei aufblitzen . Und an der Tafel herumwandern von dem zu jenem . Manchmal ging es wie das Auge eines gütigen Vaters über die aschblonde Junge hin , immer sie wie im Zwange fast demütig bittend um ihre Fröhlichkeit . Und Verena saß allmählich ganz frohmütig , indes Einhart erzählte und sich heimlich verzehrte nach ihrem Anblick , wenn ihm auch nur der volle Strauß großer , gelber und rosa Chrysanthemen , der mitten im Licht der Tafel ragte , ihren Anblick für Augenblicke entzog . Verena ließ dann ihren Hut in der Vorhalle des Schlosses liegen und lief , wie die jungen Komtessen , mit hinaus auf die Pferdeweiden . Sie hatte eine scheue , kindliche Heiterkeit . Einhart suchte wie absichtslos ihre Nähe und behandelte sie mit sanfter , fast zärtlicher Achtung . Verena vergaß sich ganz . Auch in die andern war ihre Heiterkeit eingegangen . Man begann sich zu haschen . Beinahe wäre Verena mitgesprungen . Sie besann sich zu rechter Zeit und war dann ein wenig verlegen . » Wie sie alle froh sind ! « sagte sie nur zur alten Gräfin Schleh gewandt , die neben ihr auf dem Parkwege hinschritt . Man schritt über welke Wiesen . Verena brach einige verspätete Blumen und lachte fröhlich für sich . Einhart ging der alten Gräfin zur Linken . Ihm gingen beim Schreiten heimlich Melodien mit . Es schritt sich herrlich in den losen Herbstschatten und weiter hinaus . Man wanderte über die Weiden . Ein alter , struppbärtiger Hirte kam herangesprengt und zog seinen vergilbten Filzhut nieder , den er vor die Brust hielt , daß die roten Bänder daran flatterten . Der Hirte gab weise Antworten auf drolliges Fragen . Die Tiere kamen heran , junge , scheue Stuten , die um die Tränke standen und äugten . Ein paar graue Wollköter spannten auf den Hirten , den strengen Herrn der Steppe , der auf dem flattermähnigen , heißen , braunen Hengsttiere herangestrichen . Der jetzt das lose , unbändige Tier noch immer fest in Stricken hielt . Bis er ihm dann plötzlich neu die Freiheit gab , um selber ein ganzes Rudel Füllen um die vornehmen Ankömmlinge heranzutreiben . Sonne ! Sonne ! Steppenerde ! Himmel klar und tief ! Lose Tiere auf weicher Grasflur weit in die Ferne ! Vögel , die hinziehen im Grenzenlosen ! Man schritt ohne Rücksicht . Die jungen Komtessen hatten sich unter die Füllen verstreut mit einigen der jungen Herren zusammen . Man schlug in die Hände . Man lockte mit Grasbüscheln , die man abgerissen , bis eines oder das andere der Tiere laut schnaubend langsam herangekommen . Die alte Gräfin Schleh wandelte achtlos mit dem zausbärtigen Schloßherrn in tiefer Zwiesprache . Verena stand einsam neben Einhart . Schlank aufgerichtet . Ihr lichter Kopf wie in silbernen Schimmern gegen die Ferne . Ihre Augen lächelten . Einhart sah hinaus , als wenn er es sehnsüchtig erspähen müßte und keine Grenzen sähe . Einhart stand lange so stumm . Etwas in seinem Blute begann sich zu regen , daß er tiefer atmen mußte , um sich dagegen zu betören . Er fühlte jetzt Verena neben sich schreiten und neben sich ragen in der Freiheit . Es war jetzt wie eine jähe Gewalt aufgekommen . Er begann Seltsamkeiten zu reden mit einem zitternden Tone , als wenn er sänge . Er sprach von den weiten Toren , die hier hinausführten aus aller Trauer und allem Herkommen . Von den kleinlichen , engen Bestimmungen und Zwecken , die die Menschenseele ewig verkümmerten . Er pries ein Leben ohne Ziel , wie jene losen Lüfte es lebten , die mit goldenen Halmen vor ihnen hintändelten . Er sah dem reitenden Hirten nach und der scheuen , sonnengebräunten Hirtin , die ferne hinschritt . Er pries ein Leben ohne Namen und ohne Grenzen , so auf Pferdes Rücken hin , frei und im Gefühle der Kraft , stolz das Weib seiner Liebe zu behüten und am Herzen des Weibes im Zelte auszuruhen . Seine Worte klangen wie helle Rufe , und als wenn er am liebsten sich hingeworfen , den Boden der Steppe mit der Stirn zu berühren in Inbrunst . Verena stand neben Einhart . Sie war kindlich erstaunt in ihrer scheuen Fröhlichkeit . Weil sie die Glut in Einhart lohen sah . Die verzückten Worte seiner Rede hatten sie noch mehr aufgeweckt . Als sie dann beide wieder unter die übrige Gesellschaft traten , und man dem Schlosse langsam zuwandelte , war Einhart ganz für sich neben ihr . 10 Wer wohl begriff , was in Verena so zärtlich aufquoll , als die alte Gräfin Schleh mit Einhart und dem übrigen Besuche durch die hohe Allee des Schloßgartens hinausgefahren . Als nur die alte Baronin mit dem blinzelnden Auge und die liebende Komtesse Josepha noch um sie waren . Verena sah auf und lachte in die Abendluft , weil oben hoch ein Rüttelfalke mit zitternden Flügeln im Äther stand , nach Beute spähend . Verena sah lange hinauf ins Abendlicht , bis ihre Augen geblendet kleiner wurden , und war kindlich erschreckt , als das flüchtige Tier plötzlich in die Baumkronen niederschoß , und nur ein schrilles Gekreisch hörbar blieb . Das Schloß lag in roter Glut . Die Fenster umrankte glühes Blattwerk . Verena schritt neben Komtesse Josepha und hing den Arm in den ihren . Verena begann jetzt auch einige schwebende Töne zum ersten Male zu singen . » Oh Verena ! « sagte die junge Gräfin zu ihr . » Wie es klingt ! Herrlich ! Siehst du , du kannst es ! « sagte sie nur . Sie wußte , wie oft Verena jeden Versuch , sie aus ihrer Trauer zu Tönen zu locken , immer noch bestimmt abgewehrt . » Meinst du , daß ich es wieder können werde ? « sagte Verena nur , und sah in die weite Wiese hinein , wohinter in der Ferne ein weißer Tempel an einem Schilfwasser ragte , davor mitten eine große , weiße Vase sich aus der Flut erhob . Und Verena sang gleich noch eine kleine Kadenz , lachte in die Luft und hatte den Abendglanz in ihren tiefen , grauen Augen leuchten . » Oh Verena ! wie du wunderbar aussiehst , wenn du so aufblickst « , sagte die junge Gräfin , als sie jetzt merkte , daß Verena eine zärtliche Heiterkeit kaum bemeisterte . Man schritt einen Augenblick stumm . Die alte Baronin achtete nicht groß auf die unsichtbaren Geister , die im Abendglühen rings und in Auge und Seele der neben ihr schreitenden jungfräulichen Frauen umgingen . Sie war an einem Asternbeet stehen geblieben , besah umständlich die bunten Blumen , nur um etwas auch dabei mitzutun , und brach eine blaue Aster , die sie Verena reichte . Aber Verena sah sich die Blume lange erst kindlich an , stand still und redete dann zu der Blume , als wenn niemand um sie wäre . » Ach , du bist es , Liebe ! « sagte sie . » Solche düstere Blume paßt wohl nicht mehr an mein Herz , « sagte sie dann bestimmt . Und dann redete sie ganz ernst und sich sichtlich besinnend . » Nur blaue Astern schmückten meines Vaters Sterbezimmer , « sagte sie dann . » Er hatte nie sonst im Leben Blumen angesehen . Nur erst als man ihn in seiner letzten Krankheit in Kissen in den Park gebettet und er so lange still für sich dasaß . Da hatte er zum ersten Male im Leben Blumen geachtet . Diese da . Er hatte sie zu lieben begonnen . Deshalb befahl Mutter , daß man ihn im Tode damit schmücken sollte . « Die alte Baronin war richtig erschrocken , daß sie so fehlgegriffen und wartete lange , ehe die frohe Laune , die sie verscheucht , in das lässige , stille Abendwandeln zurückkehrte . Dann war die Baronin im voraus ins Schloß zurückgekehrt . Im Schloßgarten , dort wo man von der Landstraße in den Park hineinsah , hatte die junge Gräfin ein eichenes Kruzifix für die Wanderer , die vorbeigingen , errichten lassen . Jeden Tag des Jahres kniete sie zu Ave dort und legte der Jungfrau einen Strauß Blumen nieder . Jetzt knieten Verena und Josepha im Abendlichte vor dem kleinen Holzbilde und schauten verträumt zur Jungfrau empor und beteten ein kindliches Gebet , eine jener süßen Weisen , die nichts wollen , als sich nach goldenen Früchten recken , oder gar gläubig selig nach Mond und Sternen , sprechend : Gieb mir den Mond ! Gieb mir die Sterne ! Gieb mir das Reinste ! Indes Baum und Strauch um sie in der Runde flüsterten . 11 Es waren Tage vergangen . Und es war ein lieblicher Tag gekommen nach Sturm und Regen . Die Bäume waren noch vollends astkahl geworden , und das Laub häufte sich in den Gartenwegen . Einige Astern blühten noch in den Beeten , die ziemlich gezaust aussahen . Die Sonnengespinste in der Luft hatten goldene Wärme . Die Renaulds mit Verena waren wieder zu Besuch auf dem Schlosse der alten Gräfin . Verena sah rosig und reizend aus . Sie trug ein Barrett und einen ganz schlichten Sammetpelz , den sie wie einen Husarenmantel leicht auf die Schulter hing , als man im Parke spazierte . An diesem Abend war man in den Musiksaal des Schlosses gegangen , weil einige der jungen Mädchen gewünscht hatten , Musik zu hören . Ein weiter Raum mit freier Wölbung , also daß die Töne des Klaviers darin voll Wohlklang sangen und wie aus einer tiefen Seele kamen . Alle hatten sich gleich an die Wände verteilt und saßen in Ecken und Winkel gelehnt und versunken . Weil Verena sich unerwartet ans Klavier gesetzt hatte , wo ihre mattgraue Robe allein noch rieselte . Sie begann einige Baßtöne anzuschlagen , die im Raume tief surrten . Alle horchten wie erstaunt und beglückt . Aber sie war unentschlossen . Dann begann sie ein Kinderlied . Einhart horchte . Der Klang der Stimme allein sang ihm schon ein Schicksal vor . Es klang nicht zerbrochen . Es hallte wie eine Überwindung . Der Ton war anfangs ängstlich und zögernd im Vorwärtsgange . Aber Verena sang durch die leisen Kümmernisse , die sie zurückhalten wollten , sich ganz und gar zu einer freien Feier . Einhart saß gleich und zerriß sich den Sinn nach diesem Klange , der ihn umspann , wie aus Harfenlauten und Vogelstimmen gemischt . Ein jeder Hall beladen mit einem frommen Geheimnis , das leise hinschwebt . Ein jeder auch ein Zauberstab , dem Auge Gärten voll Blumen zu wecken und seiner tiefsten Begehrung letztes Gefühl . Es däuchte auch Einhart , als kämen die Töne wie Friedenstauben , hinausgeflogen , zu suchen , wo sie in den weiten Wassern eine Stätte fänden . Wer Einhart kannte , mußte wissen , daß er allmählich dasaß , als wenn es seine Seele selber wäre , die den Raum mit tausend dunklen und hellen Gewalten ausfüllte . Manchmal schienen die Töne , wie wenn Sturmvögel ihr Lied schrieen im Gewitter . Manchmal schien der Raum sich tief zu verdunkeln vor Einharts Augen , daß er sich ermannen mußte . Große Rätselkelche graufleckiger Lilien ragten im Dämmer von einem blanken Marmortische , verbreiteten einen betäubenden Duft im Saale und schienen mit zu leben ein stummes , nieverratenes Lebensgeheimnis . Verena sang und sang mit einer zärtlichen , stillen , selbstvergessenen Leidenschaft . Sie sang Lied um Lied . Sie sah aus wie ein musizierender Engel , von Meisterhand hingebildet , aber mit einer Seele , die sich wirklich regte und mit einem roten Munde , der selber Musik war . Und Verena sang und sang . Und jemehr sie sang , desto reicher gewannen ihre Augen und Mienen den Ausdruck einer lichten , reifen Kraft , einer tiefen Zuneigung zu den Visionen ihrer Tongestalten . Daß sie allmählich völlig vergaß , wer um sie war . Daß nur ihr Blick manchmal noch den gütigen Blick Einharts berührte , wie wenn sie sein reiches Leben mit ihrer Seele flüchtig grüßen wollte , und auch wecken , und nicht binden . Ihre leisen Töne hauchten im Raume wie verwehende Gespinste . Ihre Tiefen klangen wie harte Sprüche der Parze manchmal . Oder wie ein Echo in Gründen . Ihre schluchzenden Melodiengänge waren Nachtigallen im südlichen Morgengeäst . Wie alle versunken waren und nicht erwachten ! Auch Verena erwachte nicht aus dem Fest der Seele . Zart ist das Zarte dieser Welt . Süß und köstlich . Es muß immer schweben . Es ist nie auf der Erde . Hat nicht Fuß und hat nur Halt in der eigenen Wonne . Verena hatte dann nach Santuzzas Liebesklage plötzlich geschwiegen . Sie stand da und sah sich scheu um . Sie lächelte zur alten Gräfin hinüber , die mit einer Träne im Auge zu ihr trat und ihr leise die heiße Wange strich . Verena sah in den Dämmerraum wie geblendet . Und sie errötete , weil alle noch wie im Banne gehalten sich nicht rührten . Und weil auch Einhart dasaß , die Hand auf die Augen gepreßt , und nicht zu erreichen war . An diesem Abend wagte Einhart nicht mehr , Verena sich zu nahen . 12 Wer die Steppe kennt , liebt sie wie das Meer . Das Meer - : ehern anrauschend , gewaltig wogend und schäumend , ewig in seiner Unruhe . Oder auch gebreitet wie ein seliger Garten für schöne Meerfrauen , wenn die Fluten im Sonnenglanze sich wärmen und mit den goldbraunen Tangen ihrer Leiber Glanz scherzend umspülen . So breitet sich der gewaltige Mantel der Wasserwogen in rastloser Unruh und macht das Menschenauge voll Schrecken oder voll Lachen . Aber die lautlose Schweigsamkeit ist der Steppe Geschenk , ewig quellend aus der niegestörten Stille grenzenloser Fluren . Wer nur am Berghange den Abendfrieden erhört , der mit sanften Glutfarben die Täler vergoldet , kennt nicht den Hymnus , den die Steppe schweigt aus unerwecklicher , ewiger Schweigsamkeit . Wer bloß Stummheit kennt , erhört noch keinen Ton jener ehernen Erdenruhe , darin der Ruf des Vogels untersinkt wie ein Ring in die Flut , kaum gehört , schon verloren . Siehe die Ruhe des lieblichen , roten Mundes , wenn Verena schweigt und kaum nickt , ob zwar schon aus ihrer Seele ein Wunsch aufsteigt , gegen die Ruhe der Schlafenden , deren Mienen in tiefer Verlorenheit schlummern und von milder Erquickung sprechen . Die Ruhe der Schlafenden ist tief . Aber die Schlafende wird die feinen Lippen regen und wird erwachen . Die Ruhe des tiefsten Schlummers ist lebendigstes Leben gegen die Ruhe des Toten , dessen Wesen vor unsern irdischen Augen erhaben eingesunken in die große Stillung , die sich ihm plötzlich weit und entbindend aufgetan . Trachten und Tun ist Schlummers Ruhe gegen die Totenruhe . Ein rastloses Zielsuchen gegen ein ewiges Gefunden . Ein Drängen und Tasten gegen eine nie ausgeträumte Vollendung . Und so summt die Steppe die letzte Stillung . So tut sich der ewige Abgrund Schweigen auf vor deinen Ohren . So kannst du lauschen und lauschen und erhörst dir das Lied , das in alle jache Unrast der Zeit zum Troste gesungen dem Ringen , dem Trotzen , dem letzten Sehnen der Liebe . Einhart pries es so . Einhart floh jetzt längst hier hinaus in das Schweigen . Einhart floh durch Busch und Dickicht und konnte nicht mehr Halt finden . Es war eine richtige Narrheit gekommen . Narrheit nannte er es , weil er jetzt zum ersten Male seine grauen Haare fühlte . Es geschah , daß er mit seinem Skizzenbuche ausging , weil er um jeden Preis allein sein mußte . Es war nur reine Vorgabe . Er zeichnete oder malte gar nichts . Er hatte längst vergessen , wer er war . Ein Meister nun schon gar nicht . Das merkte er bald an der Not , in die er sich einspann . Darin mit Malen oder Federstrichen durchaus nicht zu helfen war . Einhart war derart untätig und verträumt , daß er wie der Hirte draußen stundenlang auf der Viehtränkrinne hocken und mit einem Grashalme spielen konnte von Mittag bis Abend . Er hatte dann auch wirklich gar nichts gedacht . Oder alles war nur flüchtig hingegangen vor seinen Augen . Manchmal auch ein Hohnlachen über sich selber , wenn er an Verenas fromme , blonde Jugend dachte und nicht wußte , ob sie ihn je mit ihren klaren , grauen Augen angesehen . Er träumte wahrhaftig jetzt nicht , wie der Künstler träumte , schnell nur hin zu laufen und die Träume in Farben einzufangen . Er träumte fortwährend die einzige , wirkliche Welt der Einsamkeit vor sich , die Ruhe darin in der Weite der Grasflur , die eine lautlose Welt , und sein Leben darin mit Verena . Denn Einhart sah Verena Tag und Nacht . Er sah sie fortwährend mit Augen vor sich . Er sah sie in lichter , fließender Schlankheit mit der verspäteten Blume in Händen . Wie eine Liebende sah er sie . Wie eine Tätige sah er sie . Und seine Augen und Sinne schufen sich ewig eine lange Geschichte Lebens und Wanderns mit ihr . Dann lachten seine Augen und sein Mund hell in die Lüfte , ehe sie zu sich kamen , wenn er Verena gegen die tiefen , reinen Lufträume der Steppe mit einem Kinde im Arm hatte aufragen sehen . Unbegreifliche , jähe Kraft der Einbildung , die Einhart im Leben immer geübt . Jetzt kam diese Kraft zum ersten Male mit eisernem Zwange und wollte das eigene Leben aus sich erfüllen und bemeistern . Er lächelte gütig , wenn er merkte , daß er einen ganzen Tag so hingebracht . Und daß auch im Dunkel seines nächtigen Zimmers im Schlosse , wenn er nur einmal aus Träumen von Verena die Augen aufschlagen würde , ihr Lichtbild , ihr schmales , strenges Oval kühl und sanft im Dämmer schweben würde . Und Einhart erschrak buchstäblich , wenn die Zeit ihm wie einem verliebten Jüngling verstrichen war . Also , daß die weiten Herden sich in der Ferne längst umeinander gedrängt hatten , und er die Welt noch kaum grau in grau verschwinden sah . Aber er saß und saß doch weiter auf der Hürde , fühlte den Ätherhimmel wie eine wasserklare Wölbung hoch über sich , und den Streifen Erde darunter ohne Maß und Grenzen . Fühlte sich hoffnungslos kühl umfächelt und umflüstert in der stillen Grasflur , darin noch Verenas dämmernde Gestalt wehte , die seine Seele ewig in die Einsamkeit schuf . Und versank neu ratlos in die tiefste Erstorbenheit der Steppennacht . An einem solchen Tage , den er nicht heimgekommen , war es , daß er erst spät zernagt erwachte und sich mit Leide besann . Die Gräfin Schleh hatte ihn ausdrücklich herzlich gebeten , zu kommen , weil sie noch einmal ein kleines Fest im Schlosse veranstaltet und Gäste aus der Nachbarschaft , auch Renaulds und Verena gebeten hätte . Aber wie er nun war . Er ging nicht . Er ermannte sich nicht . Er saß auf der Tränkrinne , von den Mäulern längst verlassen , die vor einer Stunde und mehr um ihn geschnobert , und dachte nur , daß sie im Schlosse mit ihrem Feste allein fertig werden müßten . Und er gab sich um so inniger der kühlhereinbrechenden Stummheit hin , weil er sein heißes Begehren noch einmal wie ferne klagen hörte mit dem schrillen Schreie des Brachvogels , und untersinken nur noch wie Schatten der Dinge , die allmählich im Raume zerflossen . So war die Nacht hereingebrochen . Der alte , in einen umgekehrten Schafpelz gehüllte Hirte war zu ihm getreten und wies in die Ferne , wo ein bleicher Schein blinkte , und die schwarzen Silhouetten einzelner Tiere sich gegen ein kleines Feuer erhoben . Da hörte auch Einhart , daß fröhliche Musik herklang , Zigeunermusik , schluchzende Weisen , weit herübergetragen . Denn sie waren dem Dorfe und Parke fern . Die Weisen verklangen über die graue Ebene unter dem blaßgoldenen Nachtschein . Es war eine Sehnsucht in den Lüften . Es ging eine Sehnsucht in den Gräsern . Es ging jetzt eine nagende Sehnsucht aus Einhart . Er lauschte . Er machte lautlose Schritte . Er ging in der grauen Dämmernacht hin , nachdem er dem Graubart mit tiefen , sicheren Blicken Lebewohl gesagt . Schritt getrieben von den Tönen , die vom Schlosse kamen . Eilte . Hörte die Geigenklänge . Hörte das Cymbal durch Baum und Büsche herüber singen . Sah die gotischen , hohen Fenster des Saales durch die Bäume herüberleuchten . Und trat über Stufen hastig dem Fenster nahe . Man tanzte . Man war heiter . Alle waren festlich und heiter . Auch Verena . Die Zigeuner , die in einer Nebentür des Saales um den Tisch mit dem Cymbal postiert waren , spielten neu . Verena schwebte mit dem Grafen Karol , allen voran , in die Runde der Frohen . 13 Am andern Tage hatte sich Einhart entschlossen abzureisen . Als er es der alten Gräfin mitteilte , war sie gütig und machte Versuche , ihn zurückzuhalten . Niemand ahnte , was in Einhart diese Tage vorgegangen . Man hatte seine weiten Wanderungen durchaus nur hingenommen aus dem natürlichen Wunsche , die fremde Landschaft und die fremden Leute darin genauer auszuspähen , und hatte nicht im entferntesten eine Vermutung , daß Einharts Gemüt in einem richtigen Zerwürfnis mit sich hingelebt . Und Einhart hielt sich fast streng und vermied auch nur das leiseste Wort , das man auf eine solche Wandlung der Dinge hätte beziehen können . Die alte Gräfin ,