wollten ihm alle dienen und helfen . Er aber hatte sich besonders an des Erzählers Frau angeschlossen , bei dem er auch wohnte und aß . So verging nun eine Zeit , während welcher die Frau nachdenklich und schweigsam war ; dann aber sagte sie zu ihrem Mann , daß sie ja doch beide sich von den Vorurteilen der bürgerlichen Gesellschaft befreit hätten und sich als Pfadsucher der neuen Menschheit wüßten , die , wie sie das oft besprochen , auch eine andre Form der Ehe bringen werde ; in dieser solle die Freiheit der Persönlichkeit gewahrt bleiben ; und da die Persönlichkeiten sich heute immer verschiedenartiger entwickelten , so werde die neue Ehe viele voneinander abweichende Typen aufweisen . Nun wisse er wohl , daß sie ihn liebe , aber es sei zu dieser Liebe eine neue Zuneigung in ihr Herz gekommen , nämlich für ihren gemeinsamen Freund ; und anfänglich habe diese Erscheinung sie recht beunruhigt , denn da die Gefühle zu ihm als ihrem Mann noch immer die alten seien , so habe sie ihn doch nicht verlassen mögen um den neuen Geliebten ; am Ende aber habe sie sich gedacht , daß auch solches in der künftigen Gesellschaft möglich sei , daß eine Frau mit zwei Ehegatten lebe , wie umgekehrt ein Mann mit zwei Ehefrauen , was wir ja beides auch heute schon bei barbarischen Völkern in der Wirklichkeit sehen ; und da sie doch die künftige Gesellschaft in ihrer Lebensführung vorbilden wollten , so schlage sie ihm vor , daß der Freund in ihren Ehebund als Gleichberechtigter aufgenommen werde . Auf diese Rede konnte der Mann nichts erwidern , da sie aber eine Angelegenheit von großer Bedeutung für die künftige Ordnung der Menschheit betraf , so entschloß er sich , daß er alles seinen Freunden unterbreitete , damit vorher eine gründliche Besprechung über die soziologischen und sittlichen Fragen stattfinde , die diesen Fall betrafen . Dies geschah nun alles , und nach einer sehr genauen Prüfung kamen die Freunde zu dem Urteil , daß die Frau recht habe und nach ihrer Rede geschehen müsse . Dem Spruch fügte sich der Mann , und so begannen die drei ihre neue Ehe . Nun zeigten sich aber bald Unzuträglichkeiten , die sich aus dem Wesen des zweiten Gatten ergaben . Durch seine Eigenart war er nämlich allen Vorstellungen unzugänglich , die bezweckten , ihn zu etwas seinem Willen Entgegengesetzten zu bewegen ; und nachdem zuerst aus Schonung alles nach seinen Wünschen gegangen war , herrschte er nachher hierdurch vollständig , zur großen Beschwernis des ersten Mannes . Und während sonst das neue Verhältnis wohl hätte Dauer haben können , wurde es ihm nun unerträglich , so daß er aus der Familie ausschied , denn die Frau hing mehr an dem zweiten Manne wie an ihm . Derart lebte er nun schon seit Wochen allein . Hans wußte auf diese Bekenntnisse wenig zu antworten ; aber da jemand , der sein Herz erleichtern will , denn der Mann hing noch an seinem Weibe und sehnte sich nach ihr , nicht verlangt , daß man viel zu ihm spricht , sondern er ist froh , wenn er selbst ohne Störung seine Beichte beenden kann , so fiel das dem andern nicht auf . Nach einer Weile fuhr der fort , nachdem er nun dergestalt allein lebe , habe er wieder mehr für die Verbreitung ihrer gemeinsamen Ideen tun wollen . Und da sei ihm Hans eingefallen , daß er es in der Hand habe , der Sache einen wichtigen Dienst zu leisten . Er wisse nämlich , daß er gelegentlich noch jenen Kurt besuche , den Schwager Hellers , den er gleichfalls an jenem ersten Abend kennen gelernt . Wenn er nun dem auf seiner Schreibstube einmal sage , er wolle telephonieren bei ihm , so werde er und der andre den Raum verlassen , und er , nämlich Hans , bleibe allein . Dann könne Hans auf einer Wachstafel Abdrücke der Schlüssel machen , nach denen er selbst , der solche Künste gelernt habe , Nachschlüssel anfertigen werde ; und wenn dann einmal gelegene Zeit sei , so würde er mit einem Freunde des Nachts das ganze unbewachte Geschäft öffnen und aus dem Geldschrank eine Summe nehmen , die seine Freunde in Rußland brauchten , um eine Druckerei anzulegen ; und da keinerlei Spuren eines Einbruchs zu bemerken wären und man nicht erfahren könne , auf welche Weise das Geld verschwunden sei , so müsse dieser Plan ganz sicher auszuführen sein . Bedenken sittlicher Art aber werde er , Hans , doch wohl nicht haben , da man doch nur einem Ausbeuter nehme , was er zu Unrecht besitze , und das verwende für die Befreiung der Menschheit . Wie Hans diese Rede hörte , wurde ihm wie durch einen Blitz sein eignes Leben und das Leben aller dieser Menschen erleuchtet , und wurde von tiefem Entsetzen fast geschüttelt , und war ihm , als müsse er den Russen niederschlagen in Entrüstung ; und so sehr konnte er sich nicht bezwingen , daß der andre nicht seine Verfassung gemerkt hätte ; die war aber derart , daß er in Angst geriet und verlegen wurde und dann plötzlich ging . Wie der andre fort war , kamen dem Hans die Tränen über sein Leben , er legte das Gesicht auf seine Arme und weinte bitterlich . Aber noch nicht war die Zahl der Boten zu Ende , die ihm an diesem Weihnachtsabend geschickt wurden , nämlich der Brief der toten Luise und dieser Mensch , der sich eben vom Narren zum Verbrecher entwickelte ; es kam noch ein Wort von der treuen Dienstmagd seiner Eltern , und das traf ihn am tiefsten . Die Mutter schickte ihm zur Bescherung aus der Heimat ein Kistchen , in das sie allerlei gepackt , was sie nützlich für ihn meinte , denn Überflüssiges zu schenken war ihrer sparsamen Art zuwider , und auf dem Boden lag der Brief , der fest zusammengefaltet war ; in dem schrieb sie , daß Dorrel gestorben war , und erzählte die Art ihres Hinganges , und was sie ihr aufgetragen für ihn . Denn nachdem sie ihrer Frau alle ihre Habe nochmals gezeigt und gesagt , daß dies alles Hans erben solle , sagte sie : » Wie er zuletzt im Hause war , zum Tode seines Vaters , da fiel mir auf , daß sich sein Wesen verändert hat und daß seine Augen anders sind wie früher . Hierüber habe ich eine große Angst bekommen , aber als eine ungebildete Dienstmagd , die keine Kenntnis hat von einer Gelehrsamkeit , wagte ich ihm nichts zu sagen . Nun ich aber fühle , daß ich sterben werde , und ich hoffe , daß unser himmlischer Vater mich zu sich in sein Reich nimmt um seines Sohnes willen , so will ich versprechen , daß ich oben fleißig Fürbitte tun will für ihn bei Gott , damit der sich seiner erbarme und recht bald ihn frei mache aus seiner jetzigen üblen Verfassung . « Es wohnte Hans bei braven und ordentlichen Leuten , die gleich ihm ein trübes Weihnachten feierten . Der Mann war ein Zuckerbäcker gewesen , und als ein fleißiger und ordentlicher Mann , der auch eine sparsame und häusliche Frau hatte , war er in seinen Verhältnissen recht vorwärtsgekommen . Die beiden hatten einen einzigen Sohn , den sie mit vieler Liebe erzogen , und vielleicht waren sie allzu nachsichtig gegen ihn gewesen . Sie hatten ihn auf die gute Schule getan , wo er als ein begabter und leicht auffassender Junge anfänglich rasche Fortschritte machte , aber wie er in die höheren Klassen kam , wurde er träge , hielt sich zu den leichtsinnigen und schlechten Schülern , und durch Rauchen und Trinken vergnügte er sich in einer Weise , die seinem Alter nicht zukam . So geschah es , daß er die Schule nicht beenden und dann studieren konnte , wie die Eltern gedacht , sondern er mußte aus der Sekunda abgehen . Da ließen sie ihn eine mittlere Beamtenlaufbahn ergreifen und brachten ihn bei der Steuerverwaltung unter , und waren sehr stolz , wenn er sie in seiner schmucken dunkelgrünen Uniform besuchte , zahlten auch viel Geld für ihn , denn er machte große Ausgaben , weil er immer sein und vornehm erscheinen wollte . Dann heiratete er frühzeitig die Tochter eines andern Beamten , die ein sehr schönes Mädchen war , und es wurde erzählt , sogar ein Offizier habe um sie anhalten wollen . Die war nun freilich nicht vermögend und wußte nicht gut hauszuhalten , sondern hatte ihre größte Lust am Putz und Vergnügen ; aber da ihre Art der seinigen zusagte , so lebten sie doch recht unbekümmert und fröhlich zusammen . Die alten Eltern gerieten in große Sorgen , wie sie dieses Leben sahen und die großen Ausgaben merkten , und nachdem sie lange mit sich zu Rate gegangen , wie sie dem abhelfen könnten , besuchte am Ende der Vater seufzend seinen Sohn , ermahnte ihn zur Sparsamkeit , warnte ihn und sagte am Ende , wenn er vielleicht Schulden gemacht habe , so solle er sie ihm nennen , denn er wolle lieber für ihn bezahlen , als daß er ins Unglück komme . Und über die herzlichen Worte war der Sohn fast gerührt geworden , wie es leichtfertiger Leute Art ist , aber im Nebenzimmer hatte die Schwiegertochter alles gehört , die kam herein und schalt auf den alten Mann , sagte ihm , daß er ihr Leben nicht verstehe und sie beide beständig kränke und fügte noch viele bittere Worte hinzu über ihre vornehmere Herkunft und besseren Gewohnheiten . Über dieses alles wurde der Sohn beschämt , teils wegen seines Vaters , daß ihm der ins Gewissen geredet , teils wegen seiner Frau , weil die ihre Geburt gegen seinen Vater hervorhob ; der Zorn aber , der aus dieser Beschämung entstand , richtete sich gegen seinen alten Vater , als der es gut gemeint hatte , und so wurde er heftig und verbot dem am Ende sein Haus . Da ging der gute alte Mann wortlos aus der Stube , küßte noch einmal den Enkel , und es flossen ihm Tränen über die Backen , und dann mied er seinen Sohn ; dieser aber , da er sich schuldig fühlte , mied ihn gleichfalls . Nun geschah es nach nicht langer Zeit , daß in der Kasse , welche der junge Beamte verwaltete , Unterschleife entdeckt wurden , denn weil sein Einkommen bei weitem nicht ausreichte für sein Leben , so hatte er erst Schulden gemacht , und wie die Schuldleute drängten , hatte er fremdes Geld angegriffen . So wurde er denn gleich verhaftet und ihm der Prozeß gemacht und zu Zuchthaus verurteilt . Die junge Frau , die doch mitschuldig an seinem Verbrechen war , gebärdete sich wie irrsinnig , beschimpfte ihren Mann vor andern Leuten und ließ sich von ihm scheiden als von einem Ehrlosen . Dann brachte sie das einzige Kind zu den Schwiegereltern und sagte denen , sie wolle eines solchen Mannes Sohn nicht erziehen , denn der schlage gewiß nach seinem Vater , und sie selbst wolle nun ein neues Leben anfangen , nachdem ihr früheres zerstört , nämlich sie habe eine große Begabung für den Gesang und wolle Künstlerin werden . Dann ging sie aus dem kleinen Orte fort , und es wurde erzählt , daß sie Sängerin in einer großen Stadt in einem jener Häuser geworden sei , wo die musikalischen Darbietungen nur andre Dinge verbergen sollen . Auch die Eltern verließen ihre Stadt , in der sie jung gewesen waren und gearbeitet hatten und alt geworden waren , und nahmen den Enkel mit sich , denn sie konnten die Schande nicht ertragen und meinten , in der Großstadt vermöchten sie sich am besten zu verbergen , daß sie niemand sähe , der sie gekannt , und daß das Kind ohne Vorwurf um seinen Vater aufwüchse . Über dem allen waren nun Jahre vergangen , und das Kind hatte zugenommen an Größe und Verstand und sich zu großer Ähnlichkeit mit seinem Großvater entwickelt , war auch recht brav in der Schule und saß immer als einer der Ersten . So kam nun die Zeit heran , daß ihr Sohn entlassen werden mußte aus dem Zuchthause , dem Jungen hatten sie aber erzählt , er sei in Amerika . Und wiewohl der Vater ihn noch einmal gesprochen nach seiner Verurteilung und sie sich Briefe schrieben , so wußten sie nicht , ob er zu ihnen kommen werde , und hatten zwar große Sehnsucht nach ihm , aber der Vater wagte doch nicht , nach dem Orte seiner Strafe abzureisen und ihn dort zu empfangen , denn er fürchtete , daß ihm das wieder mißfallen möchte und ihn wieder verhärte . Deshalb waren jetzt ihre Herzen gespannt in Furcht und Hoffnung , denn gleich nach den Feiertagen waren die Jahre abgelaufen . So hatte nun dieses Weihnachtsfest für sie eine besondere Bedeutung . Und wie es oft geschieht , daß guten Menschen Not und Sorge das Herz offen machen für andere , wie bei bösen sie es verschließen , so sprach die Frau zu dem Mann , er solle zu dem Mieter hinübergehen und den einladen zu ihrem Weihnachtsbaum , denn sie hatte wohl gemerkt , daß er ein einsamer Mensch war , um den sich niemand kümmern mochte an diesem Abend . Aber als der Mann nun in seiner festlichen Kleidung anklopfte und endlich die Tür öffnete , da fand er Hansen ohne Besinnung im Zimmer auf dem Boden liegen , und neben ihm lag das geöffnete Kistchen von der Mutter , welches ein paar Schuhe enthielt , Strümpfe und Taschentücher , und ein Stück Honigkuchen . Wie der Arzt kam , erkannte der schweres Nervenfieber und ordnete an , daß Hans gleich in ein Krankenhaus gebracht wurde . So geschah , und war Hans die ganze Zeit besinnungslos , wie er im Krankenwagen gefahren wurde , und nur für einen Augenblick hatte er eine gewisse Klarheit , wie man ihn durch einen langen Gang trug , an vielen Türen mit Nummern vorbei . Der Mann zu seinen Füßen war ganz weiß gekleidet , und wie er sich umwendete , sah er , daß der andre Mann ebensolche Tracht hatte ; das war ihm wunderbar , was das bedeuten mochte . Auch standen da zwei Krankenschwestern , von denen sagte die eine : » Und nicht einmal am Weihnachtsabend hat man Ruhe , das ist hier wie im Gefängnis . « Da vergingen ihm die Sinne wieder , aber um das Wort » Gefängnis « bildeten sich allerhand wirre und unfaßbare Phantasien , die ihm eine große Angst einflößten . Nach seiner bestimmten Zeit kam Hans wieder zur Besinnung , aber da war sein Körper sehr schwach , und lag in großer Mattigkeit in einem Bett ; seine Seele indessen war erfüllt von Bangigkeit , Reue und Angst , und erschien ihm sein Leben nutzlos verschleudert , und er meinte , daß er mit allem am Ende sei . Dieses merkte die Pflegerin , die ihn besorgte , daß er nicht die friedliche und ruhige Stimmung des Gemütes hatte , die nach einer schweren Krankheit uns trösten soll und wieder ganz gesund machen . Deshalb fragte sie ihn , weshalb er sich verzehre , und hörte mit Geduld , wie er sich selbst anklagte . Da antwortete sie ihm , daß er sich aufrichten müsse und den Willen haben zu Kraft und Freude , und um ihm Mut zu machen , sagte sie , daß er sie selbst betrachten solle , wie sie ruhig sei und in Ordnung ihre Pflicht erfülle , und habe doch Schweres in ihrer Vergangenheit begangen , das sie ihm erzählte . Ihr Vater war ein einfacher Mann gewesen , der in seiner frühen Jugend weit in die Welt gekommen war , und hatte da manches gesehen , davon in seiner Heimat niemand etwas bekannt war . Deshalb kehrte er nach Hause zurück mit einem wenigen von Geld , das er in der Fremde verdient , und tat sich mit einem reichen Bürger seines Ortes zusammen , einem Schlächtermeister , und mutete auf Kohlen . Und so hatte er Glück und fand reiche Kohlenlager , und war auch weiterhin verständig , indem er sich nichts abschwatzen ließ , sondern mit seinem Genossen sein Gefundenes selber ausbeutete , und gelangte auf diese Weise zu großem Reichtum , daß er viele Zechen besaß und auch Eisenwerke baute und Bahnen anlegte ; und ward seine Heimat durch ihn ganz verändert aus einem grünen und frischen Lande , wo Holzhauer wohnten und Gebirgsbauern , zu großen Orten mit düsteren Häusern und Straßen voll schwarzen Staubes und zu Luft voller Qualm der rauchenden Schlote , und zogen viele fremde Leute zu , und auch die Einheimischen arbeiteten bei ihm in Schächten und Hütten , mit Verdrossenheit und Unmut . Er selbst aber ward ein schweigsamer und stiller Mann , der des Morgens in der Frühe in seine Arbeitsstube ging , Briefe las und Antworten diktierte , und wenn er einen ansah von seinen Leuten , so war sein Gesicht seltsam zerstreut , denn er dachte an eine Zeche oder eine Schwankung der Preise ; und seine Erholung war , daß er am Abend in das Klubhaus ging , wo auch seine studierten und seinen Angestellten sich erfreuten , da setzte er sich allein in eine bestimmte Ecke und hatte vor sich ein Glas eines bestimmten Weines und saß stumm da , spielte etwa einmal mit seinen Fingern . Dann ging er nach Hause und wanderte lang auf und ab in seiner Wohnstube , und am Ende legte er sich schlafen in seinem Schlafzimmer , das war eingerichtet mit fürstlicher Pracht . Er hatte als junger Bursche geheiratet , ein Mädchen seines Standes , die war an zehn Jahre älter wie er ; von der hatte er zuerst keine Kinder , aber später bekam er mit ihr eine Tochter . Nun war er selbst mit der Zeit in Aussehen und Benehmen ein Mann geworden , wie wenn er immer in seiner jetzigen Lage gelebt hätte , und hatte auch auf seiner Wanderschaft fremde Sprachen gelernt und redete seine Muttersprache fast ohne Dialekt ; die Frau aber konnte sich nicht recht in die neuen Zustände passen , denn nur , daß sie prunksüchtig wurde und zänkisch , sonst behielt sie alle ihre alten Gewohnheiten und Sitten bei . Das hatte den Mann nicht sehr gestört , solange das Kind nicht da war , denn er lebte wenig mit ihr zusammen ; wie jedoch das Kind geboren war und einige Jahre alt wurde , da schied er sich von ihr , und sie zog weit weg , er aber behielt das Kind . Nun wurde das Mädchen erzogen von teuren Erziehern , und am Mittag , wenn gegessen wurde , sah sie der Vater immer , denn sie mußte ihm gegenüber sitzen , sonst sah er sie aber nicht , weil er zu viel zu bedenken hatte . Da wuchs denn das Kind auf , wie es mochte , denn die Erzieher wagten nicht , streng zu sein , und der Vater erfüllte ihr alle Wünsche , weil er sie so wenig sah und doch wollte , daß sie ihn lieb hätte , und wie er nicht mehr wußte , was einem Kinde recht und passend ist , so schenkte er ihr viel kostbares Spielzeug . Hierdurch gewöhnte sich das Kind , daß alles seinen Einfällen gehorchen mußte , und daß es teure Dinge für nichts achtete und keine Grenze fand für seine Wünsche , und das ganze Leben erschien ihm langweilig . So wuchs das Mädchen heran zu einem schönen Fräulein , und ihre Erzieherin redete ihr allerlei vor von der Liebe und von vornehmen Heiraten . Da kamen auch bald Freier von allerlei Art. Es wollte aber der Vater gern , daß sie einen jungen Mann ehelichte , der bei ihm diente in seinem Geschäft und tüchtig war in aller Hinsicht . Diesen ladete er oftmals zu Tisch ein und fragte seine Tochter , wie er ihr gefalle ; da antwortete sie , daß sie ihn sich gar nicht recht angesehen habe ; und wie er ärgerlich wurde über diesen Hochmut und ihr sagte , daß er selbst ein armer Arbeitsjunge gewesen , der mit einem Schnupftuchbündel in der Hand in die Fremde gezogen sei , da zuckte sie nur die Achseln , und er vermochte nichts weiter über sie , denn er mußte zu viel an seine Geschäfte denken und konnte deshalb ihr Wesen nicht erfassen . Nun drängten sich um sie viele glänzende und vornehme Herren und schmeichelten ihr , und da sie unerzogen war und nicht bedachtsam , weil sie niemals auf Festes gestoßen war , so glaubte sie wörtlich alles , was ihr Schönes gesagt wurde , und ward noch hochmütiger ; lieb gewinnen aber konnte sie niemand , in der Art , wie ihre Erzieherin ihr das geschildert hatte , die ein häßliches und armes Mädchen gewesen war , das immer sehnsüchtig zur Seite gestanden hatte ; und am Ende dachte sie , daß sie ein Wesen von ganz besonderer Art sei , das beglücken könne , wen sie wolle , wie der Zufall aus den vielen Mitspielern einer Lotterie einen herausgreift , blindlings und ohne Grund . Da war nun in dem Kreise ein junger Offizier , der ganz arm war und von bürgerlicher Herkunft und nicht besonders ansehnlich , aber er hatte ein braves Gemüt und einen rechtlichen Charakter ; der durchschaute wohl ihr Wesen , und weil er zudem bei so vielen glänzenden Bewerbern doch gar keine Aussichten zu haben schien , so hielt er sich ganz still und ruhig im Hintergrunde und bekümmerte sich nicht um sie . Diesen nun , weil er allein von allen abseits stand , suchte sie gerade aus , denn für so hochstehend hielt sie sich , daß seine Unansehnlichkeit und der Glanz der andern vor ihren Augen ein ganz gleiches Verdienst hatten . Der Jüngling , der zuerst glaubte , daß sie nur mit ihm spielen wolle , zog sich noch mehr zurück , wie er ihre Annäherungen bemerkte , und das wiederum machte sie nur hartnäckiger , so daß er am Ende verspüren mußte , es sei ihr ernst mit ihrem Entgegenkommen . Da verfiel er der menschlichen Schwachheit , daß die Hoffnung , welche derart in ihm erweckt wurde , ihm einen glänzenden Schleier vor ihrem Bilde ausbreitete , daß er die Fehler und Mängel nicht mehr sah , die er früher recht scharf bemerkt , denn er war auch stolz und kannte seinen Wert in seinem geringen Äußern , und es schien ihm ein Besonderes von ihr , daß sie ihn unter den andern nun herausgefunden hatte ; so meinte er denn , daß sie in einer glücklichen und redlichen Ehe ihr voriges Wesen bald ändern werde , das ihr ja nur äußerlich angeflogen sei . Und auch ihr Vater wurde getröstet über ihre Wahl , denn er hoffte , daß er aus diesem jungen Mann sich werde einen Nachfolger erziehen können . Derart wurde dann die Hochzeit der beiden gefeiert ; aber schon an dem Tage der Feier und vor der Trauung kam zwischen den beiden der erste Streit , um eine geringe Kleinigkeit , und die Braut , die schon festlich geschmückt war und nur noch des Kranzes harrte und des Schleiers , zog den Ring vom Finger und warf ihn auf die Erde . Da wendete sich der Bräutigam und wollte zur Tür hinausgehen ; aber schon hatte er eine zu große Liebe gefaßt , daß er nicht mehr sich trennen konnte , deshalb kam er zurück , hob den Ring auf und gab ihn ihr wieder mit bittenden Worten . Nun führten die beiden eine recht unglückliche Ehe , denn der Mann war ernsthaft und wollte lernen , damit er später alles leiten könnte , wenn sein Schwiegervater einst tot wäre ; die Frau aber verspottete und kränkte ihn , und er war ganz weich in ihrer Hand und konnte ihr nicht antworten , wie er gemußt hätte ; und sie selbst war dabei ohne Tröstung und langweilte sich , weil sie nicht wußte , was sie wollte . Ihr Vater indessen gewann mit der Zeit den Mann lieb wie seinen Sohn , denn er war viel um ihn , und waren beide vom gleichen Schlage ; deshalb sagte er ihm , er solle sein Weib gehen lassen , wie sie wolle , denn es sei ja auch eine Torheit , wenn man sich Ruhe wünsche und Zufriedenheit , weil kein Mensch die erreichen könne , außer etwa in ganz jungen Jahren , wo man nur seine Sehnsucht vor sich habe und nicht die Wirklichkeit . So wurde denn der Mann zu einem Menschen , wie der Alte war . Inzwischen waren noch viele Verehrer um die Frau , die wohl sahen , daß sie unglücklich war , und ihr weiter schmeichelten und sich kränken ließen von ihr . Da fiel es ihr ein , aus Hochmut und Überdruß , und weil sie ihren Vater und Mann beleidigen wollte , daß sie sich einen Liebhaber aussuchte ; das war ein windiger junger Mensch , der ein groß Wesen machte von sich , aber von Schulden lebte und von niemand geachtet wurde ; mit dem ließ sie sich ein , denn es war ihr recht , daß er sie in wunderlicher Weise vergötterte , wie es wohl in törichten Büchern beschrieben wird . Ihr Mann und Vater merkten nichts von dem Wesen , trotzdem sie recht offen war , denn die hatten ihre Arbeit und dachten nicht an weiteres , sie aber trieb es so weit , daß sie ein Kind bekam , und ihr Mann meinte , es sei sein Kind , und freute sich über das Söhnchen , und ihr Vater hoffte , daß es auf einen von ihnen beiden schlagen möge und nicht auf die Mutter . Danach entzweite sie sich mit dem leichtfertigen Menschen , denn der wurde von den Gläubigern gedrängt und war in seiner beständigen Angst gegen sie nicht mehr so aufmerksam gewesen wie vorher ; lieb gehabt aber hatte sie auch ihn nicht . Nun geschah es , daß die beiden Männer eine Erholung haben wollten von ihrer schweren Arbeit , kauften sich eine Lustjacht und machten mit der Frau und dem Kinde eine Seereise . Wie sie unterwegs waren , bezog sich an einem Nachmittag der Himmel und kam Regen und stürmisches Wetter , so daß sie alle nach unten gingen in die Kajüte , indessen die drei Leute , welche das Schiff bedienten , auf dem Deck arbeiteten . In der engen und dumpfen Kajüte aber befiel sie alle eine eigne Gereiztheit , und sie begannen sich untereinander Vorwürfe zu machen , indessen draußen die Wogen wunderlich gingen ; da warf der Vater der Tochter vor , daß sie an nichts Freude habe und keinen Menschen liebe , und die Tochter sprach gegen den Vater , daß er immer nur an sein Geschäft denke und sich nicht um sie bekümmere , und wie der Mann gut zureden wollte , da höhnte sie den , daß er nichts verstehe , wie in seiner Schreibstube sitzen , und auch der Mann wurde heftig und sagte , daß er ihr Herr sei ; inzwischen war der Knabe , der damals dreijährig sein mochte , ängstlich geworden und schmiegte sich an den Vater ; die Frau aber geriet in einen maßlosen Zorn und schrie , niemand sei ihr Herr , und indem der Mann das Kind halten wollte , weil das Schiff sehr schaukelte und er Furcht hatte , der Sohn möchte fallen und sich verletzen , da rief sie , das Kind gehöre ihr und nicht ihm , denn sie habe es von einem andern . Wie sie diese Worte in blindem Haß hervorgestoßen hatte , taten sie ihr leid , denn die beiden Männer wurden ganz bleich , aber in dem Augenblick rief das Kind in großer Angst ihren Namen , und da fielen sie alle um von einem starken Stoß und rollten durch die enge Kajüte und konnten sich nur mit großer Mühe wieder aufrichten , aber wie sie sich aufgerichtet hatten , da waren der festgeschraubte Tisch und Stühle über ihren Köpfen in der Luft , und das Geschirr , das auf dem Tisch gestanden , lag auf dem Boden mit samt dem Tischtuch , und nach einer Weile sagte der Vater , daß das Schiff gekentert war . So trieben sie nun auf der See mit dem Kiel nach oben und das Deck war unter dem Wasser , und das Wasser drückte und klopfte gegen die Decke der Kajüte und klatschte gegen die Tür , und in solcher Lage erhielt sich die Jacht durch die eingepreßte Luft , die nicht hatte entweichen können , weil sie so ganz schnell umgeschlagen war , die Männer aber , die oben gewesen , waren fortgeschwemmt und ertrunken . Erst langsam wurde den Eingeschlossenen das klar , denn sie hatten eine große Angst . Es quoll auch bald Wasser von unten , denn das beständige Schlagen der Flut machte die Bretter locker , und so mußten sich denn die Menschen beizeiten umsehen , wo sie sich besser sicherten , und da sie nicht hinausgehen konnten aus dem kleinen Raum , denn vor der Tür war ja Wasser , so blieb ihnen nichts , als daß sie sich recht hoch machten . Deshalb schwang sich der Mann erst auf den Tisch , der oben festgeschraubt war in dem früheren Boden und prüfte die Haltbarkeit , und dann hob er die Frau hoch mit dem Kind und half dem Vater . Wie das geschehen war , suchte er auf dem Boden nach Essen und fand einige Brötchen und Zwiebäcke und