Besorge das sogleich ! Jetzt fort mit ihm ! « » Ich selbst werde ihn hinunterbringen . Komm ! « Er faßte ihn beim Mantel und schob ihn vor sich her zum Tore hinaus . Der Chodj-y-Dschuna verabschiedete sich von mir und ging ihnen nach . Zu Kara aber sagte ich : » Du siehst , was du mir über diesen Tifl sagtest , hat schnelle Frucht gebracht . Heut abend habe ich Etwas vor , was Niemand wissen darf . Halte dich bereit , mit mir nach dem See hinunterzugehen , wenn Alle schlafen ! « Da schaute er in herzlicher Freude zu mir her und sagte : » Ein Abenteuer , ein verschwiegenes ! Mit dir , Effendi ! Ich weiß , was dieses Vertrauen bedeutet , und danke dir dafür ! « Er zog meine Hand an sein Herz . Dann ging ich in die Wohnung des Ustad , um die Karte des Schah an ihre Stelle zurückzulegen . Ich hatte sie nicht gebraucht . Der übrige Teil des Tages war nur dem Schlafe und der Sammlung weiterer , neuer Kräfte gewidmet . Am Abende aßen wir in der Halle . Ich hatte erfahren , daß nach dem Wettrennen eine Beleuchtung sämtlicher Höhen stattfinden solle . Es waren auch schon viele Fackeln angefertigt worden , darunter sehr lange und starke von Palmenfaser , welche mehrere Stunden lang brennen und nur schwer zu verlöschen sind . Ich ließ mir von Schakara heimlich ein halbes Dutzend von diesen geben und nahm sie nach dem Essen mit hinauf zu mir . Schakara wurde überhaupt mit in das Geheimnis gezogen , denn ich brauchte Jemand , der für mich und Kara das Tor offen zu halten hatte . Was ich tun wollte , war nicht ungefährlich . Darum teilte ich es ihr mit , daß ich die Absicht habe , vom See aus in den versteckten Kanal einzudringen , und forderte sie auf , nur höchstens drei Stunden auf uns zu warten und , falls wir da noch nicht zurückgekehrt seien , uns schleunigst Hilfe zu senden . Als man zur Ruhe gegangen war , nach zehn Uhr , begab ich mich in den Hof . Kara stand bereit ; Schakara war bei ihm . Ich wiederholte ihr , wie ich mir ihre etwaige Hilfe dachte . Er nahm die mitgebrachten Fackeln ; dann gingen wir . Im Duar gab es kein Licht . Man schlief auch hier bereits . Am Landeplatze fanden wir das Boot . Es war nur angebunden . Die beiden Ruder hingen in den Dollen . Wir stiegen ein und paddelten uns leise nach der Stelle , welche ich untersucht hatte . Es war nicht schwer , die Maueröffnung hinter dem Gestrüpp aufzufinden . Wir stellten das Boot rechtwinkelig dagegen an und gaben hinten einige kräftige Ruderschläge . Es drang mit seiner ganzen vorderen Hälfte ein . Wir nahmen die Ruder in das Boot , bückten uns nieder und krochen unter dem nun auseinandergeteilten Rankengewirr bis an die Spitze des Kahns vor . Nun war der Sternenhimmel über uns verschwunden . Wir befanden uns in dichtester Finsternis . Die Ruder an uns nehmend , tasteten wir mit ihnen rechts und links aus dem Kahn heraus . Wir fühlten harte Wände und stießen uns an diesen so weit hinein , daß auch das Hinterteil des Fahrzeuges durch das Gestrüpp kam . Hierauf zog ich das Schibhata49 aus der Tasche , um eine der Fackeln anzubrennen . Bei ihrem Scheine sah ich ein ganz vorn im Schnabel des Bootes befindliches Loch , in welches ich sie steckte . Später hörte ich , daß dieses Loch genau zu diesem Zwecke angebracht worden sei , weil die Schamiki des Abends gern rund um den See zum Nur-y-Saratin 50 ruderten . Der Kanal war hier , am Anfange , sehr schmal . Aber als wir uns eine Strecke weit fortgegriffen hatten , traten die Wände doppelt weit zurück , und auch die Höhe nahm in demselben Verhältnisse zu . Die Luft war kalt und feucht , doch gut und leicht zu atmen . Die Wände und die Decke bestanden aus den schon oft erwähnten Riesenquadern . Nun schoben wir uns statt mit den Händen mit den Rudern fort . Der Kanal ging stetig geradeaus . Das Wasser war tief und schwarz , dabei aber durchsichtig wie Kristall . Das Bild unserer ruhig brennenden Flamme schaute wie aus unergründlicher Tiefe zu uns herauf . Ich war so vorsichtig gewesen , die Länge des Kanals abzuschätzen , natürlich nur so ungefähr , bloß mit dem Auge . Die Zahl der Quader gab mir den Anhalt hierzu . Vierzig , sechzig , achtzig Meter ! Ein solcher Aufwand von Material und Arbeitskraft konnte nicht bloß den Zweck einer einfachen Zu- oder Ableitung des See- oder Bergwassers haben . Es mußte noch ganz andere Gründe gegeben haben , diesen Zu- oder Abfluß nicht oben vor aller Augen , sondern hier unten in der Verborgenheit geschehen zu lassen . Wenn ich mich in die ferne Zeit zurückdachte , in welcher diese Bauten entstanden waren , so drängte mir die von unserer Fackel kaum einige Bootslängen weit durchbrochene Finsternis die Frage auf , ob dieses Wasser wohl als lebenspendendes Element oder aber als verschwiegener , düsterer Helfer des Todes betrachtet worden sei . Bereits über achtzig Meter waren wir vorgedrungen . Der Duar lag droben hinter uns . Wir mußten uns ungefähr an der Stelle befinden , wo draußen , auf fester Felsenunterlage , die Cyklopenmauer begann . Da hörten hier unten die behauenen Quader auf ; der Kanal wurde noch breiter und höher , so daß wir die Ruder bequem ausstrecken und rühren konnten , und die Wände bestanden aus dem mühsam durchbrochenen Gestein des Berges . Die Decke war gewölbt . Hierauf kamen wir an einen Seitenkanal , welcher rechtsab führte , und lenkten in ihn ein . Er war genau so breit und so hoch wie der Hauptkanal , aber nicht lang . Auch hatte man sich bei der Herstellung weniger Mühe gegeben . Die rechte Seite war Naturgestein , die linke aber Mauer , aus Riesenblöcken aufgeführt , doch nichts weniger als glatt behauen . Es gab hüben wie drüben hervorragende Ecken , Kanten und Spitzen , welche nicht beseitigt worden waren . Da , wo dieser Seitenkanal aufhörte , wich die Decke plötzlich zurück . Wir sahen in eine dunkle Oeffnung hinauf , deren Höhe nicht abzumessen war , weil unser Licht sich hierzu als unzulänglich erwies . » Was mag da oben sein , Effendi ? « fragte Kara . » Ich sinne darüber nach , wo wir uns jetzt wohl befinden . Unter den Ruinen jedenfalls , aber an welcher Stelle ? « » Ich habe soeben auch im Stillen gerechnet , « antwortete ich . » Wenn ich morgen am Tage in den Ruinen nachrechne , werde ich es wissen . Auf dem Rückwege nachher werde ich die Steine , die alle von gleicher Länge und Höhe sind , genauer zählen . Jetzt schätze ich nur so ungefähr , daß grad über uns der unterste Urbau liegt , in dessen Vordermauer die kleinen Oeffnungen sind , welche wahrscheinlich Fenster bilden sollen . Ich schließe das auch aus dem Umstande , daß dieser Bau auf derselben Gesteinsart liegt , aus welcher hier die rechte Seite des Kanales besteht . Die Steine der linken Seite habe ich gezählt . Ich werde es mir notieren . « Ich nahm mein Buch aus der Tasche , um mir diese Anmerkung zu machen . Da sagte Kara , indem er nach oben wies : » Dort hängt Etwas an einer Spitze im Gestein . Es sieht genau so aus , als ob Jemand von da oben , wo hinauf wir nicht sehen können , heruntergestürzt sei , wobei ein Fetzen seines Gewandes dort losgerissen und festgehalten worden ist . « Ich schaute hinauf . Es war so . Der hängen gebliebene Fetzen war ganz mit Kalksinter überzogen und also nicht vermodert . » Mich schauert , Effendi ! « fuhr Kara fort . » Wenn dieses finstre Loch da oben in der Decke erzählen könnte , wie Viele hier in diesem dunkeln , eiseskalten Wasser sterben mußten - - - Laß uns umkehren ! Mich friert ! « Wir griffen zu den Rudern und brachten uns in den Hauptkanal zurück , welcher nur noch eine kurze Strecke weiterführte und dann auf ein großes , unterirdisches Wasserbecken mündete , an dessen südlichem Ende wir uns befanden . Die Decke war so hoch , daß wir sie bei unserm schwachen Licht nicht sehen konnten . Zu unserer linken Hand verlor sich die natürliche Felsenwand dieses Bassins in tiefe Dunkelheit . Rechts lag die unbewegte und scheinbar ununterbrochene Flut in drohender Finsternis . Die Luft war feuchter als vorher , beinahe nässend und von einer moderigen Schärfe , als ob sich hier Fäulnisprozesse abgespielt hätten , die nun zwar vorüber waren , doch ohne daß der stechende Duft der Verwesung sich vollständig niedergeschlagen hatte . Das war nicht gut zu atmen , doch auszuhalten immerhin . Dabei brannte die Fackel ziemlich hell . Es mußte irgendwo eine Stelle geben , durch welche dieser unheimliche Raum mit der äußeren Atmosphäre in Verbindung stand . » Das stinkt wie alte , nasse Gräber ! « sagte Kara , indem er sich schüttelte . » Mich friert jetzt noch mehr als dort . Ich habe das Gefühl , als müßten in dem Wasser unter uns nur lauter Leichen liegen ! Was tun wir jetzt , Effendi ? « » Wir untersuchen dieses Wasserbecken . « » Meinst du , daß wir uns zurückfinden werden ? « » Ja . « » Du hattest aber doch Sorge ! Das zeigt die Weisung , die du Schakara erteiltest . « » Ich dachte dabei an ein Unglück durch schlechte , erstickende Luft . Wir können aber doch atmen , und diese natürliche Höhlung ist doch wohl nicht so groß , daß man sich trotz aller Aufmerksamkeit in ihr verirren müßte . Wenn wir bedächtig vorgehen , kann uns nichts geschehen . Bleiben wir zunächst am Rande des Wassers ! Hier links ist es alle . Wenn wir nach rechts hinüber diesem Rande folgen , bis wir zur jetzigen Stelle zurückkehren , haben wir seine Ausdehnung kennen gelernt und wissen , was es uns hierauf noch bietet . Komm ! « Wir lenkten vom Kanale rechts ab und fuhren längs der überstark erscheinenden Mauer hin , an deren andern Seite wir uns im Nebenkanale befunden hatten . Ich zählte ihre Quadern . Sie war hier etwas länger als drüben und schloß einen zweiten Seitenkanal mit ein , welcher zu unserer andern Hand nicht durch eine feste , kompakte Wand , sondern durch natürliche Pfeiler eingefaßt wurde , deren Höhe eine so beträchtliche war , daß wir die Decke selbst dann , als ich noch eine Fackel anbrannte , nur undeutlich sehen konnten . Diese Decke reichte auch hier nicht bis ganz an das Ende des Kanales . Es gab auch hier eine dunkel gähnende Oeffnung oben , die irgend einen Zweck gehabt haben mußte . Indem ich prüfend emporschaute , äußerte sich Kara : » Wahrscheinlich stürzte man auch hier diejenigen Personen herunter in den Tod , die man verschwinden lassen wollte ! Es gibt zwar kein bestimmtes Zeichen hierfür , aber - - - Allah ' l Allah ! Sieh dorthin ! Was liegt da auf dem Stein ? « Er deutete nach dem letzten der erwähnten Pfeiler . Dieser ragte in einem Durchmesser von wenigstens sechs Meter aus dem Wasser , verjüngte sich aber sofort in einer Weise , daß dieser Durchmesser kaum noch zwei Meter betrug . Hierdurch entstand eine ebene Platte von vier Meter Breite , und auf dieser lag das , was Kara veranlaßt hatte , seinem Satze ein so erschrockenes Ende zu geben . Wir paddelten das Boot hin und sahen , daß der betreffende Gegenstand ein menschliches Gerippe war , ganz zusammengekrümmt , die Kniee bis an den Leib herangezogen , die eine Hand geöffnet , um nach Hilfe auszufassen , die andere aber geballt , wie in fluchender Drohung ausgestreckt . » Das ist einer der Unglücklichen , von denen ich sprach ! « rief Kara aus . » Er hat schwimmen können und sich über Wasser gehalten , bis er in der Finsternis zufälligerweise an den Pfeiler stieß . Er fühlte die ebene Stelle und kroch hinauf . Da ist er dann elend verschmachtet , verhungert , zu Grunde gegangen . Wie mag er gebetet , geflucht , geschrieen , gewimmert haben in dieser schrecklichen , nassen , erbarmungslosen Unterwelt ! Geächzt , gestöhnt , gebrüllt , gezetert in fürchterlichster Qual und Todesangst , bis ihm die Heiserkeit die Stimme raubte , so daß er nur noch innerlich zu fluchen vermochte und mit dem letzten Fluch zu Allah ging , der ihn erhören mußte ! « Ich sagte nichts . Die Untersuchung des Skelettes war mir wichtiger als alle Reflexionen . Es war feucht , aber hart wie Stein , von Kalk ganz durch- und überzogen . Ein ausgewachsener Mann in den kräftigsten Jahren . Eine hohe , breite Stirn . Im Leben wohl ein schöner , kluger Denkerkopf . Der erste Gedanke seines Lebens ein Segen für die Mutter , der letzte eine Verwünschung seiner Geburt ! Wie lange lag das versteinerte Gerippe hier an dieser Stelle . Jahrhunderte ? Jahrtausende ? Welchem Volke , welchem Stande , welcher Religion gehörten die Gräßlichen an , die ihn in einen derartigen Tod geschleudert hatten ? Ich vermutete grad über uns den zweiten Werkstückbau mit den beiden Hochreliefs . Also Heiden ! » Fort von hier ! « sagte ich . » Ich habe mich absichtlich warm angezogen , weil ich mir sagte , daß es hier unten naßkalt sein werde . Aber ich glaube , hier friert auch mich ! « Das Bassin bog sich von hier nach links , um erst einen dritten und dann noch einen vierten Seitenkanal zu bilden . Und sonderbar : Erstens lagen diese Kanäle meiner Vermutung noch genau unter der dritten und vierten Etage der Ruinen . Und zweitens endete jeder mit einer ähnlichen Deckenöffnung , wie wir bei den beiden ersten beobachtet hatten . Wozu diese schauerliche Verbindung der sonnigen Oberwelt mit dem lichtlosen , unterirdischen Becken ? Wasser war da oben doch stets und für alle Bedürfnisse mehr als genug vorhanden gewesen ! Waren die Gründe vielleicht ebenso finster und unerbittlich wie die eiseskalte Flut , die unser Boot jetzt trug ? Indem wir wenden wollten und darum die Ruder tief in das Wasser tauchten , brachten wir dieses in lebhaftere Bewegung als bisher . Dieser Wellenschlag vervielfältigte in der Tiefe die Bilder unserer Fackelflammen . Die Brechung des Lichtes bewirkte ein scheinbares Emporsteigen alles Dessen , was sich da unten befand , und so erhob sich vor unsern Augen eine Menge menschlicher Gestalten , welche sich zu bewegen und drohend auf uns zuzuschwimmen schienen . Kara stieß einen gellenden Ruf des Schreckens aus , und auch auf mich wirkte dieser Anblick so , daß mir fast das Ruder entfallen wäre . » Leichen , nichts als Leichen , über denen wir uns befinden ! « preßte der junge Hadeddihn hervor . » Effendi , leben wir noch , oder sind wir gestorben und müssen selbst auch da hinunter ? « » Fasse dich , Kara ! « ermutigte ich ihn . » Wir leben , und auch unter uns ist nicht der Tod , sondern etwas ganz Anderes . Was das Verbrechen früherer Zeiten zu verbergen und zu vernichten suchte , das wurde durch das schwer kalkhaltige Wasser in Stein verwandelt , damit man später wisse , was der , welcher wirklich Mensch ist , von dem zu erwarten habe , der sich mit seinem Menschentum nur brüstet . Was du jetzt sahst , war Kalk , war Gips , war aufgelöster , weißer Ruchamstein . Denk dir , es seien bloß nur Marmorbilder , die man hier tief versteckte , damit sie nicht in falsche Hände kommen möchten ! Rudern wir ruhig weiter ! « » Ja . Aber brenn noch eine Fackel an , damit es lichter um uns werde ! Mir ist , als schaute rings der Tod aus tausend leeren Augenhöhlen zu uns her , und das ist eine Vorstellung , die mich peinigt ! « Ich tat es . Dann setzten wir die Untersuchung fort . Diese ergab , daß wir es nicht mit einem , sondern mit zwei Wasserbecken zu tun hatten , einem vorderen , in dem wir uns befanden , und einem hinteren , welches wir einstweilen noch unbeachtet ließen , um das erstere vollständig kennen zu lernen . Wir vermuteten über uns eine hohe Wölbung . Sehen konnten wir sie nicht . Sie wurde von natürlichen , regellos stehenden Pfeilern getragen , Ueberreste der Steinwände , deren weiche , erdige Zwischenfüllung das Wasser weg- und in den See gespült hatte . Auch diese Wände waren nach und nach aufgelöst und zerfressen worden , und was von ihnen noch übrig war und von mir als » Säulen « bezeichnet wurde , sah so zerrissen , zerklüftet und durchlöchert aus , als ob es jeden Augenblick zusammenbrechen müsse . Diese Deckenträger hatten alle , ohne Ausnahme , das Aussehen , als ob sie aus weißem Pfefferkuchen beständen , der im Wasser gelegen habe und nur notdürftig getrocknet worden sei , um wenigstens einen Anschein von Festigkeit zu bekommen . Es gab in diesen ausgelaugten Gebilden Stellen , bei deren Anblick es mir war , als ob ich sie laut krachen und prasseln höre und als ob sie sich schon bewegten , um zusammenzubrechen . Wenn ich an die ungeheuren Mauerlasten dachte , welche auf diesem höchst unzuverlässigen Gewölbe ruhten , unter dem ich mich befand , so wollte mich eine Gänsehaut überlaufen , und es prickelte mir ängstlich in allen Fingerspitzen . Kara schien ganz dieselbe Empfindung zu haben , denn er sagte : » Wer hier auf den Gedanken käme , eine Pistole abzufeuern , der wäre unrettbar verloren , denn der ganze Berg würde von dieser kleinen Erschütterung über ihm zusammenbrechen und ihn unter sich begraben ! Wollen uns beeilen , fortzukommen , Effendi ! Mir will fast bange werden ! « » Nur noch das hintere Becken ! « sagte ich . » Vermutlich ist es nicht so groß wie dieses , und wir werden also schneller mit ihm fertig . « » Aber , um Allahs willen , nur leise , leise ; das bitte ich dich ! Ich sehe Alles um und über uns wackeln ! « Daß dieses sein Gefühl kein falsches war , das sollte sich uns später mehr als deutlich zeigen ! Jetzt aber ruderten wir uns nach dem Hintergrunde , wo wir sonderbarer Weise wieder auf Menschenarbeit trafen . Es gab eine breite Mauer von gewaltigen , unbehauenen Blöcken , welche auf kompaktem Fels errichtet worden war . Es schien , als ob man durch diese Mauer das hintere Bassin habe vollständig verschließen und verbergen wollen . Warum wohl das ? Doch bestand dieser Fels aus Kalk . Das Wasser hatte auch hier so auflösend und zerstörend gewirkt , daß nur noch die allerhärtesten Teile von ihm vorhanden waren . Und auf diesen wenigen , leichten Ueberresten lag die ganze Wucht der Riesenmauer ! Wie war es doch nur möglich , daß nicht schon längst hier Alles , Alles zusammengebrochen war ! Ein Halt war hier nicht mehr zu suchen und zu finden . Er mußte anderswo liegen , seitwärts oder oben , in irgend einem an sich geringfügigen Gegendrucke . Hörte dieser auf , so stand die Katastrophe zu erwarten ! Ein Gewitter , ein kleiner Erdrutsch oder etwas dem Aehnliches konnte die letzte , wenn auch unbedeutende Veranlassung zu dem gewaltigen Zusammenbruche sein , welcher längst schon vorbereitet war . Einen längst entwurzelten Baum wirft , sei er noch so groß und stark , schließlich doch ein kleiner Druck schon um . Wir schlüpften an einer der Stellen , wo die Mauer frei in der Luft schwebte , unter ihr weg und befanden uns dann im hintern Becken . Es war , wie ich vermutet hatte , nicht so groß wie das vordere . Säulen schien es nicht zu geben . Wir umruderten es in kurzer Zeit . Es bildete einen Halbkreis , dessen schnurgerade gebauter Durchmesser die Mauer war . Der Bogen bestand aus lückenlosem Fels , der sich hoch oben nischenförmig zusammenzuneigen schien . Als ich dies bemerkte , fiel mir die Sage von » Chodeh , dem eingemauerten « ein , welche Schakara mir erzählt hatte . Fast unbegreiflicher Weise war dieser Fels fast glänzend schwarz , so ungefähr wie recht dunkler , polierter Serpentin . Wie das wohl kam ? Nachdem wir nun den Umfang dieses Innenbeckens kennengelernt hatten , beschlossen wir , es auch einmal zu durchqueren . Da stießen wir schon nach wenigen Ruderschlägen auf einen aus dem Wasser ragenden Riesenblock von genau rechteckiger Gestalt . Er war feucht , schlüpfrig , unten weiß überkalkt , je höher hinauf aber um so trockener und dunkler . Seine Kanten waren so geradlinig und scharf , daß ich diese Regelmäßigkeit für Menschenarbeit halten mußte . Seine oberen Linien lagen im Bereiche unserer Flammen . Auch sie waren genau wie nach Schnur oder Wasserwage gebildet . Das Ganze hatte so sehr das Aussehen eines allerdings gewaltigen Sockels oder Postamentes , daß ich eine der Fackeln nahm , mich aufrichtete und in die Höhe leuchtete , um zu sehen , ob sich Etwas darauf befinde , was seinen ganz ungewöhnlichen Dimensionen entsprechend war . Und richtig ! Fast glich meine Ueberraschung einem frohen Schrecke ! Das Licht fiel auf etwas wunderbar rein weiß Glitzerndes , etwas so schneeig Zartes und Unbeflecktes , daß ich zunächst meinen Augen gar nicht trauen wollte . Dieses lautere , keusche , unschuldige Weiß , auf welchem Millionen Flammenkörnchen brillierten , kam mir nach Allem , was wir hier unten bisher gesehen hatten , so heilig , so unbegreiflich vor , als ob mein Blick auf etwas Ueberirdisches , vollendet Seelisches gefallen sei ! » Siehst du Etwas , Effendi ? « fragte Kara unter mir . » Ja , « antwortete ich , noch immer staunend . » Was ? « » Etwas wie aus dem Paradiese ! Wir haben die Dschehenna51 hinter uns , den Ort des steingewordenen Erdenfluches . Hier aber ist es mir , als sei der Fluch in Segen umgewandelt , und was dort Kalk im Todeswasser war , das kniee hier erlöst im alabasternen Gebete ! « » Ich höre dich , aber ich verstehe dich nicht ! « » Das glaube ich ! Auch ich kann nicht verstehen , wie das , was ich jetzt sehe , hierher gekommen ist . Es kniet hier Jemand , den ich bloß nur ahne . Ein betender Gigant ! Mir leuchtet nur das Glied , das er vor Gott , dem Allerhöchsten beugt ; das Andre steigt empor in Nacht und Grauen . Hebt er die Hände fordernd auf zum Himmel ? Hält er sie still gefaltet in Ergebung ? Hebt kühn er seine Stirn ? Ist sie gesenkt zur Erde ? Wirft er den Blick vertrauensvoll ins Weite ? Bedeckt er zaghaft ihn mit demutsvollen Lidern ? Was frage ich ? Es sei genug , daß ich hier beten sehe ! « Ich ließ die Fackel sinken , steckte sie an ihren Ort und setzte mich wieder nieder . Es war mir , als müsse ich hier bleiben , bis irgend ein Ereignis nahe , diese » Anbetung in der Verborgenheit « nach Matthäus 6 Vers 6 zu beantworten . Aber ich nahm mir vor , recht bald zurückzukehren und diesen Ort so genügend zu beleuchten , daß ich die ganze Figur , die hoffentlich kein Torso war , vollständig und deutlich vor mir stehen hatte . Für heute war unser Werk vollbracht . Wir verließen das zweite Bassin , nachdem ich mir einige Notizen über dasselbe gemacht hatte . Das vordere nahm ich noch sorgfältiger auf . Und als wir wieder in den Hauptkanal einfuhren , maß ich mit Hilfe einer Leine , die wir im Boote fanden , einen der Steine bis auf den Zentimeter genau , und da diese Quader alle die ganz gleiche Länge und Höhe hatten , so war es später leicht , eine Zeichnung anzufertigen , die es mir ermöglichte , die unterirdischen Linien zu Tage festzulegen . Wir passierten das verschließende Gestrüpp ganz in derselben Weise wie bei unserm Kommen , und als wir dann den Sternenhimmel wieder über uns hatten und die Zeit bestimmen konnten , sahen wir , daß während unsers Aufenthaltes in der Unterwelt doch mehr als zwei Stunden vergangen waren . Die Fackeln hatten wir natürlich verlöscht , bevor wir wieder in das Freie gelangten . Am Landeplatze angekommen , banden wir das Boot fest . Kara nahm die Fackeln , ich die Maßleine , und dann traten wir den Heimweg an . » Effendi , glaubst du , daß ich froh bin , wieder festen Boden unter den Füßen und den Himmel über mir zu haben ? « fragte er . » Dieses fürchterliche , tief verschwiegene Wasser ! Diese lügnerischen Säulen ! Und dieser unermeßliche Druck von oben , den sie zu halten vorgaben und doch unmöglich halten können ! Ich habe fast gezittert , und es ist mir , als ob ich einem beinahe unvermeidlichen und gräßlich heimtückischen Tode entronnen sei ! « Er hatte ganz meine eigenen Gefühle ausgesprochen . Bei mir kam ja noch dazu , daß ich schwer krank gewesen war und für solche Eindrücke also empfänglicher sein mußte als er . Es war eigentlich höchst unvorsichtig von mir gewesen , diese Untersuchung des Erdinnern schon jetzt vorzunehmen ; aber die Zeit und die Ereignisse drängten , und glücklicher Weise hatte ich mich weder erkältet , noch fühlte ich mich sonstwie körperlich geschädigt . Es hatte ganz im Gegenteile den Anschein , als ob durch dieses Unternehmen die Energie sowohl des Leibes wie auch der Seele gehoben worden sei . Ich fühlte mich eher gekräftigt als ermüdet oder gar abgespannt . Schakara freute sich , als wir kamen . Sie sagte , daß sie bereits begonnen habe , um uns besorgt zu werden . Als Kara mich fragte , ob er ihr Alles erzählen dürfe , sagte ich , daß dies ganz selbstverständlich sei , forderte ihn aber auf , gegen Jedermann sonst zu schweigen . Dann ging ich hinauf zu mir , brannte die Lampe an und setzte mich an den Tisch , um die Zeichnung der beiden Bassins jetzt sofort anzufertigen . Die Eindrücke waren jetzt so frisch , daß ich fast jede Einzelheit in größter Deutlichkeit vor mir sah , und als ich fertig war , konnte ich überzeugt sein , mich um keinen einzigen Meter geirrt zu haben . Es galt nur noch morgen am Tage diese Grundebene mit der Neigung des äußern Terrains in Einklang zu bringen . Ganz von selber versteht es sich , daß die unverlöschlich tiefen Bilder , welche ich mit nach Hause gebracht hatte , mich noch auf das Lebhafteste beschäftigten , als ich mich hierauf zur Ruhe legte . Der Schlaf wollte nicht kommen , und als er sich endlich doch einstellte , nahm er sie mit in jenes seelische Gebiet hinein , welches für uns noch im Geheimen liegt und mit dem Verlegenheitsnamen Traumwelt bezeichnet wird . Ich träumte , und zwar mit einer Lebhaftigkeit und Deutlichkeit , als ob ich nicht schlafe , sondern wache . Und ich träumte sonderbarer Weise , daß ich nicht ich , sondern der Ustad sei . Ich war völlig identisch mit ihm und kannte jede verflossene Minute seines Lebens und jedes Wort , welches er geschrieben hatte . Und das verwischte sich nicht ; das blieb auch nach dem Traume . Sein Inhalt war folgender : Ich kam als Ustad in das Land der Dschamikun und sah die Bauten hier am Berge liegen . Ich nahm ihr Aeußeres in Augenschein , und was ich dabei sah , das ließ den Wunsch in mir erwachen , auch mit dem Innern genau bekannt zu werden . Ich fragte Jemand , wo der Eingang sei . Da sah er mich mit kalten Augen an und sprach : » Ich bin kein Dschamiki . Ich bin der Geist , der jeden Nahenden vor der Versuchung warnt , den kühnen Schritt in diesen Bau zu lenken . Wer ihn betritt , der hat für alle Ewigkeit auf sich , auf Leib und Geist und Seele zu verzichten . Wer das nicht tut , verläßt ihn niemals wieder , nicht lebend und nicht tot . Die Schatten dulden nicht , daß sie verraten werden . « » Die Schatten ? « lachte ich . » Wo ist der wesenlose , impotente Sill , der eine wirkliche Persönlichkeit wohl fürchten machen könnte ! « » Frag anders ! Frage so : Wo ist die mächtige Persönlichkeit , die Jeden , der ihr dunkles Reich betritt , zum Schatten macht , verzaubert oder tötet ? Sie wohnt und herrscht in diesem Riesenbau . Willst du hinein , so halte ich dich nicht ; ich habe nur zu warnen , nicht zu zwingen . Unzählige schon hörten nicht auf mich . Die Starken sah ich niemals wiederkehren ; die Andern aber waren ihm , dem Zauberer , in andrer Art verfallen . Sie kamen zwar zurück , doch nur als seine Schatten , die geist- und körperlos an mir vorüberschlichen , um vampyrgleich der Menschen Blut zu saugen . « » Und fand sich Keiner , der ihm widerstand ? « » Nicht Einer ! « » Das schreckt mich nicht . Was Zauber heißt , ist Lüge . Nun