hinzugesetzt , daß so wertvoll die abgegebenen Erklärungen zu gunsten der Arbitrage und gegen die übertriebenen Rüstungen auch seien , es noch ein anderes Mittel gibt , vorzugehen , auf welches ich einen besonderen Wert lege , das ist : die Gründung eines Tribunals zu provozieren - eines Zentral-Tribunals Europas , eines hohen Rats der Mächte . Mein Freund Stanhope wird diese Idee vor der Konferenz weiter ausführen . « Im folgenden September wohnte Rudolf im Haag dieser Konferenz bei , nicht als Teilnehmer , sondern als Zuhörer . Zu Punkt drei der Tagesordnung : » Vorbereitung eines Organisationsplanes eines internationalen Schiedsgerichtstribunals « führte der Referent , Mr. Stanhope , Gladstones Worte über das » europäische Zentral-Tribunal « , über den » hohen Rat der Mächte « an und fuhr fort : » Unsere Aufgabe ist es nun , diese Forderung mutig vor die Regierungen zu bringen . Alles , was bis jetzt an sogenanntem Völkerrechte besteht , ist ohne eigentliche Grundlage gewesen , auf Zufälle , auf Präzedenzfälle , auf Entscheidungen von Fürsten aufgebaut . Daher ist das Völkerrecht diejenige Wissenschaft , welche die wenigsten Fortschritte gemacht - eine widerspruchsvolle Anhäufung von vaguen Paperassen . Zwei große Notwendigkeiten liegen vor den zivilisierten Völkern : Ein internationales Tribunal und ein Kodex , der dem modernen Geist entspricht und sich elastisch den neuen Fortschritten fügen könnte . Damit wäre der Triumph der Kultur erreicht und die verbrecherische Zuflucht zum Massentotschlag abgeschnitten . Wie die Dinge heute stehen , werden in jedem Parlament neue Militärkredite gefordert und wir werden von der Presse zur Bewilligung gepeitscht . Anders wäre es , wenn wir antworten könnten : Die Gefahren , gegen die die verlangten Rüstungen uns schützen sollen , würden durch das von uns verlangte Tribunal beseitigt . Darum soll ein Projekt ausgearbeitet werden , das wir den Regierungen vorlegen könnten . « Mit großer Genugtuung hörte Rudolf diesen Worten zu . So war denn die Bewegung vom Gebiet der Theorie in die Wege der Praxis geleitet . Gespannt folgte er der an Stanhopes Antrag sich knüpfenden Diskussion . Vorerst der allen großen Initiativen gegenüber - wie es scheint - unvermeidliche Hemmversuch : » Es sei für die Mitglieder der Konferenz nötig , « sagte ein Opponent , » nur greifbare , ausführbare Anträge zum Beschluß zu erheben , welche in den verschiedenen Parlamenten mit einiger Wahrscheinlichkeit der Annahme vorgelegt werden könnten ; nun würde aber Herr von Caprivi sicher nie den Vorschlag eines internationalen Tribunales in Erwägung ziehen , - auch müsse man vermeiden , durch derlei Pläne den Fluch der Lächerlichkeit auf sich zu ziehen ; die Gegner seien nur allzusehr geneigt , die Konferenzbesucher als Träumer zu verspotten . « » Ach , « bemerkte Rudolf halblaut zu seinem Galerienachbar : » Die Rücksicht auf das Lachen der Toren würde alles Vorschreiten der Weisheit hindern . « Dem Opponenten wird aber entgegen getreten . Houseau de Lehaie spricht für die Vorlage und sagt , daß angesichts so großer Gesinnungen wie die soeben hier entwickelten , angesichts der Begründung einer Sache durch Männer wie Stanhope und Gladstone das Wort » lächerlich « überhaupt nicht mehr ausgesprochen werden darf . - Lauter Beifall . - Noch ein zweiter erhebt sich für den Vorschlag : der ehrwürdige Frederic Passy . » Gegen ein anderes vorhin angewendetes Wort will ich protestieren , « sagte er - » das Wort nie . Es ist noch gar kein großer Fortschritt , gar nichts neues überhaupt zur Geltung gekommen , von dem nicht anfänglich behauptet worden wäre , es könne nie geschehen . Daß z.B. Parlamentarier aus allen Ländern zusammentreten , um über Weltfrieden zu verhandeln , daß sie dies im Sitzungssaale der ersten Kammer eines monarchischen Staates tun werden ... wie viele hätten auf die Frage , wann solches sich zutragen könne , nicht geantwortet : Nie ! « Den Verlauf dieser Verhandlung hatte Rudolf stenographiert und seiner Mutter geschickt . Er schrieb dazu : » Hier hast Du etwas für Dein Protokoll . Hätte Tilling das erlebt ! Der Plan wird ausgearbeitet und an alle Regierungen verschickt werden . Nach und nach inkarniert sich doch das Wort . Diesmal stammt es ja von einem Regierungsleiter . Ein Beweis , daß auch schon in den Regionen , wo man kann , der Wille erwacht , der bisher nur in den Regionen , wo man wünscht , ein dunkles , verlachtes Dasein führte . - Freilich gerade jetzt tobt im fernen Osten wieder ein grausamer Krieg ( hast Du die haarsträubenden Chroniken aus Port Arthur gelesen ? ) - würde Europa da doch Einhalt gebieten ! ... Aber war es nicht Europa , das den Chinesen und den Japanern das Kriegshandwerk gelehrt und sie mit den modernsten Waffen ausgerüstet hat ! Das alte System treibt eben überall noch seine Früchte . Doch das neue bereitet sich unablässig vor - für die Massen unsichtbar , für uns Kundige sichtbar vor . « Die geplante Vortragsreise , die durch das Unglück seiner Schwester , die ihn nach Wien zurückberufen hatte , unterblieben war , hatte Rudolf später dennoch ausgeführt . Ob er dadurch viele Adepten gemacht , war ihm zweifelhaft , daß er sich aber in seinen Ansichten gefestigt und seinen Gedankenhorizont erweitert hatte , dessen war er sich deutlich bewußt . Neben der lebendigen Anregung , die er in der persönlichen Berührung mit den führenden Geistern unter den Zeitgenossen fand , vertiefte er sich auch in deren Schriften und verfolgte überhaupt alles , was von neuen wissenschaftlichen und dichterischen Erscheinungen die Welt bewegte . Dennoch : bei all diesem leidenschaftlichen Interesse an dem Gang der Welt , bei dem Eifer , mit dem er selber suchte , zur allgemeinen Kulturarbeit sein Scherflein beizutragen , erfaßte ihn manchmal ein Gefühl von Einsamkeit und Lebensleere . Das waren Anfälle , die zuerst nur selten sich einstellten und schnell verflogen , dann aber in immer kürzeren Zwischenräumen wiederkehrten und immer länger anhielten . Es war , wenn es kam , eine dumpfe , beengte , schwermütige Stimmung - etwas aussichts- und hoffnungsloses - ganz und gar heimatloses . - Der Anspruch an persönliches Glück , der sich in jedem Geschöpfe regt ( auch beim entsagungsvollsten Asketen , der ja die ewige Seligkeit erstrebt ) , der machte sich fühlbar durch unbestimmtes Sehnen , durch quälende Selbstvorwürfe . Als ob ein zweites Ich in ihm wäre , das dem andern bitter zurief : Wag gibst Du alles für die undankbare Mitwelt hin - wie sorgst Du für die ungeborenen Geschlechter , und wie vergissest Du dabei mich und meine Rechte ... bin ich denn der Garniemand ? Am besten wurde Rudolf den inneren Nörgler los , wenn er sich unter Mitstrebende mengte . Und so folgte er gern der Einladung , der interparlamentarischen Konferenz beizuwohnen , welche im August 1895 in Brüssel tagte , und wo das Projekt , das in der vorherigen Konferenz angeregt worden , fertig vorgelegt werden sollte . Zum ersten Male war in dieser Körperschaft das Königreich Ungarn vertreten und zwar , in glänzendster Weise , durch seinen berühmtesten Schriftsteller : Maurus Jokai und seinen größten politischen Redner : Graf Albert Apponyi . Der Entwurf zur Einsetzung und Organisation eines ständigen internationalen Schiedsgerichtshofes - - aufgesetzt vom belgischen Senator Chevalier Descamps - fand die Genehmigung der Konferenz und dessen Versendung an alle Regierungen ward beschlossen . Eben wollte Rudolf dieses Ergebnis , das ihm sehr verheißungsvoll schien , seiner Mutter schreiben , als er ein Telegramm aus Grumitz erhielt , des Inhalts : » Komme sofort . Mutter sehr krank . Sylvia . « Mit dem nächsten Zuge fuhr er heimwärts . Die Depesche hatte ihm einen schmerzlichen Schlag versetzt ; er argwöhnte , daß das Wort » sehr krank « nur eine schonende Vorbereitung auf das schon eingetroffene Schlimmste war . Wie sehr er an seiner Mutter hing , das empfand er jetzt , da er sie verloren wähnte , mit doppelter Klarheit . Einsam hatte er sich oft gefühlt , in letzter Zeit ? ... Nun begriff er erst , daß die wahre Vereinsamung erst dann sein Los sein würde , wenn diese Vertraute , mehr noch , diese Eingeberin seines Strebens ihm entrissen wäre . Wenn er sie nur noch am Leben fände ? ... Wenn er ihr doch noch einmal sagen könnte , wie teuer sie ihm war , und ihr zuschwören , daß er weiter arbeiten wolle an Tillings Mission ... Es war eine traurige , bange Reise . Manchmal klammerte er sich an den Gedanken , daß sie ja wieder gesund werden und noch lange leben könne ; dann aber sah er sie wieder im Sarge liegen , in die Gruft versenkt - - Als er in die Endstation einfuhr , von wo noch eine halbstündige Wagenfahrt nach Grumitz lag , war seine Bangigkeit aufs höchste gesteigert , denn hier mußte er schon erfahren , ob die Schloßherrin noch lebte oder nicht . Er sprang aus dem Waggon - da stand schon ein Grumitzer Diener . » Wie geht es ? « fragte er atemlos . » Besser , gräfliche Gnaden , besser ... Vorgestern war ' s der Frau Baronin recht schlecht - aber jetzt , sagt der Doktor , ist ' s wieder viel besser - bitt ' , der Wagen ist da . « Erleichterten Herzens und voll erneuter Hoffnung , daß dieser Besserung volle Genesung folgen werde , schwang sich Rudolf auf das bereitstehende Kutschierwägelchen und nahm selber die Zügel zur Hand . Es war ein prächtiger Sommermittag , warm , sonnig und duftig . Der Weg führte an weiten Feldern vorbei , durch einen hochstämmigen Wald , und hinter diesem kam das Schloß in Sicht , zu dem eine lange Kastanienallee führte . In der Allee kamen zwei Frauengestalten dem Wagen entgegen . Rudolf hielt an , warf die Zügel dem Diener zu und sprang vom Bock - schon von weitem hatte er die beiden erkannt : Sylvia und Cajetane . Daß letztere in Grumitz sei , hatte er nicht gewußt , und er empfand es als eine angenehme Überraschung , sie zu sehen . Sylvia fiel dem Bruder um den Hals : » Gott sei Dank , Rudi - es geht viel , viel besser ... sie ist wieder auf . Aber vorgestern , als ich telegraphierte , glaubten wir , es sei das Ende - nicht wahr , Cajetane ? « Das junge Mädchen nickte bejahend und reichte nun Rudolf die Hand . Es war eine kühle und bebende Hand . » Ja , « sagte sie , » es war eine fürchterliche Stunde . « Sie gingen nun eilend zum Schloß . Dabei ließ Rudolf sich erzählen , was vorgefallen . Es war ein Herzkrampf gewesen ; schon der dritte oder vierte seit ein paar Monaten , doch während die früheren ganz leichter Art gewesen , hatte dieser letzte die bedrohliche Form eines Erstickungsanfalles gezeigt . » Aber was sagt der Doktor ? « » Daß man mit einem Herzübel - bei richtiger Schonung und Behandlung - achtzig Jahre alt werden kann . Das sagte nämlich der Arzt , den wir aus Wien riefen ; der hiesige , der den Anfall gesehen , war sehr erschrocken , und auf seine Weisung hin habe ich Dir telegraphiert . « Sylvia , während sie sprach , hatte sich in Rudolf eingehängt . Jetzt erst bemerkte er , wie elend die junge Frau aussah , blaß und abgemagert , und welch rührender Schmerzenszug auf ihrem - dabei doch immer - schönen Gesichte lag . » Bist Du auch krank , Sylvia ? « fragte er teilnahmsvoll . » Nein , nur unglücklich . « » Kannst Du Dich nicht trösten ? « » Nie . « Rudolf schwieg . Er wollte den banalen Trost nicht vorbringen , daß die Zeit solche Wunden heilt . Wer einen teuern Gram nährt , empfindet solche Trostversuche beinah als Beleidigung , das wußte er , da gab es nichts anderes , als in der Tat die Zeit wirken zu lassen - die große Zerstörerin , die ja alles verlöscht - zum Glück auch das Unglücklichsein . » Weißt Du , « sagte Sylvia nach einer Weile , » wer es am besten versteht - ich will nicht sagen , mich zu trösten , aber mein Leid zu teilen , zu verklaren , oder gar auf Augenblicke vergessen zu machen ? Hier , unsere liebe Caji - « Sie waren vor dem Schloßtor angelangt . » Komm , jetzt führe ich Dich zu unserer Mutter - sie erwartet Dich . « XXXV Martha Tilling hatte ihr Ruhebett zur offenen Balkontür schieben lassen , und hier lag sie , mit Kissen unter dem Kopf und einer Decke über dem Schoß . Von ihrem letzten Anfalle war ihr eine große Mattigkeit geblieben , und trotz der Sonnenwärme fröstelte es sie . Rudolf trat herein und eilte auf das Lager zu : » Mutter ! Liebste ! « Er hatte sich neben sie gekniet und sie drückte seinen Kopf an ihre Brust . » Mein Rudolf ... wie freu ' ich mich , daß Du da bist ... und daß ich - nicht fort bin . « » Du wirst bald wieder ganz gesund sein . « » Möglich ... Wollen ' s hoffen ... obgleich - - nein , fürchterlich wäre es mir gewesen , wenn ich so plötzlich , ohne Dich noch einmal zu sehen ... das war mir das Schmerzlichste bei meinem Anfall - wie ich glaubte , daß es schon aus sei und Du so weit weg ... « » Jetzt bleibe ich bei Dir , bis zu Deiner vollen Genesung - « » Oder bis zu meinem - nein , denken wir nicht daran ... ich bin so froh , daß Du gekommen bist . Wir werden uns ja so viel zu erzählen haben . « Als Rudolf einige Stunden später sich in seinem Zimmer umgezogen hatte und in das Speisezimmer zum Diner hinabging , fand er da außer Sylvia und Cajetane den Grafen Kolnos , der seit einigen Wochen Marthas Gast in Grumitz war . Der junge Mann empfand eine aufrichtige Freude , den älteren Freund hier zu treffen ; auch wußte er , wie seine Mutter Kolnos schätzte und daß es ihr lieb sein werde , während ihrer Rekonvaleszenz dessen Gesellschaft zu genießen . Er war fest überzeugt , daß sie bald wieder hergestellt sein würde . Die Angst , sie nicht mehr zu finden , war so schmerzlich gewesen , daß die darauf folgende Freude eine umso intensivere war und nun keine neue Angst mehr aufkommen ließ ; - die Nähe des schönen Mädchens - der Schreiberin der anonymen Briefe , das wußte er längst - trug auch dazu bei , seine Stimmung zu heben ; und in wirklich froher Laune nahm er an der kleinen Tafelrunde Platz . Vergessen und verscheucht alle seine eigenen Kampfsorgen - nur ein eigentümliches Gefühl von Herzensbehaglichkeit . Dieses Grumitzer Speisezimmer , wie weckte das auch so freundliche Kindheitserinnerungen in ihm ! Es war noch alles so wie vor dreißig Jahren : dieselben Bilder Frucht und Wildstücke - an den Wänden ; dieselbe große silberzeuggeschmückte Kredenz aus geschnitztem Eichenholz - diese unheimlichen Vögel Greif mit den herabhängenden Flügeln und wie zum Schnappen offenen Schnäbeln , die hatten ihm stets einen ganz besonderen Eindruck gemacht - und wie einem manchmal eine schwache Erinnerung an einen Duft , an einen Geschmack durchzuckt , so durchzuckte ihn jetzt eine Mahnung an jene damals so starke Vogel-Greif-Sensation ; und andere Bilder daneben ; wenn der kleine Junge zum Dessert hereingeführt wurde , da nahm ihn Großpapa Althaus auf den Schoß und gab ihm eine Frucht oder ein Bonbon ; er sah noch den struppigen weißen Schnurrbart , den lose aufgeknöpften blauen Generalsrock ... Alle diese Vergangenheits-Erinnerungen erhöhten die Behaglichkeit seiner Stimmung und in heiterem Tone begann er mit den anderen zu plaudern . Aber er fand keinen Widerhall . Auf ihren Gesichtern lag ein düsterer Schatten . Sie antworteten ihm einsilbig und in gedämpftem Ton . Von Sylvia wunderte ihn dieses Gebaren nicht - sie trug ja schwer an ihrer Trauer , aber was bedrückte Kolnos und Cajetane ? Sollte die Gefahr doch nicht behoben sein - wußten sie etwa von einer hoffnungslosen Prognose des Arztes ? » Warum seid Ihr so traurig ? « fragte er . » Der Zustand unserer Kranken ist doch nicht mehr furchterregend ? « Kolnos seufzte : » Die unmittelbare Gefahr scheint gehoben , « antwortete er , » aber - « » Aber was ? « » Es war ein fürchterlicher Moment vorgestern - und das kann sich wiederholen - - « Jetzt war Rudolfs momentane frohe Laune wieder verflogen . Er war sich neuerdings bewußt , daß diesem Hause der Engel des Todes schon gar nahe gewesen ; hatte er doch vor wenigen Stunden selber gefürchtet , ihn hier zu finden ... Und mit diesem Stimmungswechsel tauchten jetzt auch andere Erinnerungsbilder aus seiner Grumitzer Kinderzeit in ihm auf ... nichts mehr von Spielen und Festen , sondern jene Sterbewoche des Kriegsjahres 1866 , aus der sich eine Kette von Angst- und Schreckensszenen in sein Gedächtnis gegraben hatte ... Der Rest des Mahles verlief ziemlich schweigsam . Gleich nach dem Essen entfernte sich Sylvia , um bei der Mutter nachzusehen . » Bring ' uns Nachricht , « sagte ihr Rudolf , » und frage sie , ob jemand von uns ihr heute noch Gesellschaft leisten soll . « Nach einer Weile kam eine Kammerjungfer und richtete aus : » Frau Gräfin Sylvia läßt sagen , daß es der Frau Baronin viel besser ist , daß sie aber schon zu Bett gegangen und schlafen will - heute also niemand mehr sehen will . Frau Gräfin Sylvia bleibt bei ihr . « Das Mädchen wandte sich zum Gehen . Cajetane rief ihr nach : » Sagen Sie der Gräfin Sylvia , daß ich sie in der Nachtwache ablösen werde . « » Sehr wohl , Komteß . Ich hab ' so schon , wie gestern und vorgestern , im Nebenzimmer für Komteß ein Bett aufgeschlagen . « » Wie gut Sie mit meiner Mutter sind , Cajetane - « » Weil ich sie liebe . « Nach diesen Worten wurde das junge Mädchen feuerrot ; es fiel ihm ein , daß man beim gesprochenen Wort nicht unterscheiden kann , ob das » sie « mit kleinem oder großem Anfangsbuchstaben gedacht sei , und rasch verbesserte es sich : » Weil ich die Baronin Tilling liebe . « Eine Welle von Zärtlichkeit erwärmte Rudolfs Herz . Er richtete einen dankbaren Blick auf sie und drückte ihr stumm die Hand . Sie entfernte sich bald und die beiden Männer blieben allein . » Ein liebes Geschöpf , « sagte Kolnos , nachdem sich die Tür hinter Cajetane geschlossen . » Ich weiß , welcher Trost ihre Anwesenheit hier im Hause ist ... Und sie beweist Charakterstärke , indem sie hier bleibt . Täglich erhält sie Briefe von zu Hause , wohin man sie zurückruft : die Ihren sind gar nicht damit einverstanden , daß sie so lange fortbleibt , und so manches andere ... Aber sie läßt sich nicht irre machen . Komm , ich schlage vor , daß wir unsere Zigarren draußen rauchen ; es ist ja ein gar so wundervoller Abend . « Die Fenstertüren des Speisesaals führten auf eine Terrasse , vor welcher das Blumenparterre des Parkes lag . Kolnos und Rudolf traten hinaus und ließen sich da in zwei Schaukelstühle nieder . Die Luft war warm ; am mondlosen Himmel wimmelte es von funkelnden Sternen . Ein Duft von Violen und Heliothrop strich von den Beeten herauf . Allerlei Nachtgeflüster war vernehmbar : raschelndes Laub , das Tropfen einer Fontäne , ein ferner Unkenchor und nahes Grillenzirpen ; manchmal das Anschlagen eines Hundes vom Dorfe her und aus dem Schlosse , dessen Fenster meist offen standen , hin und wieder die gedämpften Töne verrichteter Hausarbeit : das Schließen von Türen , Stimmen , Schritte . Aus den Fenstern des oberen Stockes , da , wo Marthas Zimmer lagen , drang ein Schein durch die Jalousien . Kolnos schaute hinauf : » Es ist noch Licht bei ihr , « sagte er . Dann nach einer Weile : » Hier auf der Terrasse saßen wir - sie und ich - vor einigen Tagen noch beisammen , und ich mußte ihr von meiner letzten Reise erzählen . Es war vielleicht meine letzte ... ich bin schon zu alt , um mich in fremden Zonen herumzutreiben . « » Wo bist Du diesmal gewesen ? « » Ach , lassen wir das ... Mich drängt es , Dir etwas anderes zu erzählen - etwas , was weiter zurückliegt und was mir in diesen letzten Tagen , am Lager Deiner Mutter , das ich für ein Sterbelager hielt , wieder vor die Seele getreten ist , so deutlich und lebendig - so - « » Was war es ? « fragte Rudolf , da Kolnos bewegt inne hielt . » Die Erinnerung an meine letzte tiefe Leidenschaft . Du sollst es wissen , Rudolf - ich habe Martha Tilling aus ganzer Seele geliebt . « » Du ? ... Meine Mutter ? « rief der junge Mann erschüttert . » Und sie ? « » Sie ? Ach , Du kennst sie ja : sie hat dem Toten die Treue gewahrt . Ich werde Dir einmal den Brief lesen lassen , worin sie das Angebot meiner Hand zurückgewiesen hat . « » Wann war denn das ? Daß ich niemals eine Ahnung hatte ... « » In der Mitte der siebziger Jahre - sie war damals fünfunddreißig Jahre alt - in der Vollentfaltung ihrer Schönheit . Wir hatten eine Zeitlang korrespondiert anläßlich einer Gedichtsammlung , die ich veröffentlicht hatte und worin sie einige Strophen gegen den Krieg gefunden . Dann besuchte ich sie ... die Innigkeit des Kultus , den sie dem verlorenen , auf so tragische Weise verlorenen Gatten weihte , hielt mich davor zurück , meiner erwachenden Leidenschaft Ausdruck zu geben . Aber wir verstanden uns in vielen Dingen so gut ... stundenlang konnten wir miteinander sprechen über Gott und die Welt . Ich fühlte , wie in ihr Herz eine warme Freundschaft für mich einzog und da - nach einem weiteren Jahre - wagte ich , sie zu bitten , die Meine zu werden ... Ich hätte es nicht tun sollen - ich hätte verstehen sollen , daß ich Unmögliches wollte - « » Ja - ich kann es mir auch nicht vorstellen , daß meine Mutter ihrem - heute noch - Betrauerten jemals einen Nachfolger hätte geben können . « » Für mich war ihre Antwort - ihr sanftes , wehmütiges aber unverbrüchliches Nein ein harter Schlag . Damals unternahm ich meine erste große überseeische Reise , die mich drei Jahre von Europa fernhielt . « » Und kamst geheilt zurück ? Ja , Zeit und Abwesenheit sind souveräne Mittel gegen Liebesschmerz . « » Nicht immer , « versetze Kolnos kopfschüttelnd . » Du siehst es an Deiner Mutter selber . Ich habe Linderung gefunden . Meine Leidenschaft hat sich in Freundschaft verwandelt und jetzt - Na , jetzt sind wir ja beide alt - und die Freundschaft ist auf beiden Seiten echt und treu . Ich kann Dir nicht sagen , wie ich erschrak , als ihr so schlecht war ... sie zu verlieren , das Unglück wäre - « » Reden wir nicht davon , « unterbrach Rudolf . » Ich hoffe fest , daß sie wieder gesund wird . « Die beiden Männer blieben noch länger als eine Stunde im Gespräch ; Rudolf erzählte von seinen jüngsten Unternehmungen und Erfahrungen und daran knüpfend , besprachen sie übereinstimmend des jungen Mannes weitere Aktionspläne . Es war zehn Uhr und Kolnos zog sich auf sein Zimmer zurück . Rudolf blieb noch eine Weile , in Gedanken versunken , auf der Terrasse sitzen . Dann stieg er die Treppe zum Garten hinab ; er wollte noch einen kurzen Rundgang in den duftenden Laubgängen machen . Unterdessen war Cajetane Ranegg gleichfalls - von einer anderen Seite - in den Garten gekommen ; die herrliche Nacht hatte sie herausgelockt . In ihrem Zimmer war sie von großer Unruhe gequält worden . Das Zusammentreffen mit dem so heftig geliebten Mann hatte sie aufs tiefste erschüttert . Wie sie ihn heute kennen gelernt - als liebevollen , um das Leben der Mutter so zärtlich besorgten Sohn - war er ihr noch teurer geworden . Morgen wollte sie abreisen ... Sie mußte ihn fliehen , wenn sie sich nicht verraten sollte . Vielleicht wußte er schon , wie es um sie stand . Die anonymen Briefe hatte er wohl durchschaut - und dennoch war er kalt geblieben ; sie hatte also nichts zu hoffen und ihr Stolz verbot ihr , sich dem Verdacht auszusetzen , daß sie ihn doch zu erobern trachtete . - Also fort von Grumitz . Dieser Entschluß verursachte ihr Schmerz - aber sie war das ihrer Würde schuldig ... Der Violenduft der schönen Sommernacht erschien ihr wie der Ausdruck ihres Schmerzes . Gerade wie Musik dasselbe zu sagen scheint - nur in verstärktem Maße - was in der Stimme des bewegten Hörers liegt , so sprechen mitunter auch Düfte nach , was die Seele des Atmenden erfüllt : Sehnsucht , Zärtlichkeit , Trauer . Um die Biegung eines dunklen Weges stießen die beiden Lustwandelnden aneinander . » O , Cajetane - - noch auf ? « Ihr Herz schlug heftig : » Ja - ich ... ich - es ist eine so schöne Nacht ... « » Wundervoll ... « Er schob ihren Arm unter den seinen , als ob es ganz selbstverständlich war , daß sie nun miteinander weiter promenieren sollten . Ein Glücksschauer durchrieselte das junge Mädchen , dennoch hielt ihre Wehmut an , denn sie wußte ja doch , daß sie hoffnungslos liebte . Rudolf begann von seiner Mutter zu sprechen . Das war doch die Frage , die ihn jetzt am meisten erfüllte : würde das Übel überwunden werden oder nicht ? Und das Bewußtsein , daß das Mädchen an seiner Seite von treuer Anhänglichkeit an die Kranke beseelt war , machte sie ihm lieb und wert - mehr noch als die Kenntnis ihrer Schwärmerei für ihn . Aber auch diese war ihm süß : geliebt von ihr - zum ersten Male , seit er Cajetane kannte , ergriff ihn dieser Gedanke mit einer dankbaren weichen Rührung . Er drückte ihren Arm an sich und blieb stehen . » Liebe Cajetane , « sagte er innig . Es war ihm ganz warm ums Herz . Aber nein : falsche Hoffnungen durfte er ihr nicht machen . Gewaltsam riß er sich aus der zärtlichen Stimmung heraus , und wieder weitergehend sagte er in veränderten Ton : » Wir müssen jetzt ins Haus zurück ... ich will noch einmal oben nachfragen . Und Sie ? ... Bleiben Sie noch draußen ? « Sie ließ seinen Arm los . » Ja , ich bleibe noch ... Gute Nacht . « » Also auf morgen . « Er schüttelte ihr die Hand und entfernte sich rasch . Cajetane wandte sich um und verlor sich in die dunklen Laubgänge . Der Violenduft war jetzt noch viel beredter als zuvor . Das kurze Erlebnis hatte die Stärke ihrer Gefühle verdoppelt : doppelt verliebt und - im Gegensatz zu der kurzen Seligkeit , die seine plötzliche Wärme erweckt und seine darauf folgende Kälte so schnell verscheuchte - doppelt unglücklich . Martha verbrachte eine gute , ruhige Nacht . Am folgenden Tag fühlte sie sich so gekräftigt , daß sie ausgehen wollte ; das gab aber der Arzt nicht zu ; sie durfte sich nicht anstrengen . Um zwei Uhr nahm sie am Mittagessen im Speisezimmer teil ; das Mahl wurde begangen wie eine Genesungsfeier . Cajetane aber fehlte dabei ; sie war am selben Mittag nach Raneggburg zu ihren Eltern zurückgekehrt . Als Rudolf von dieser Abreise erfuhr , war er unangenehm betroffen ; doch die Freude über die sichtliche Besserung seiner geliebten Kranken ließ die Mißstimmung nicht aufkommen . Die Idee , nächste Tage in Raneggsburg einen Besuch abzustatten , flog ihm durch den Sinn ... Er fragte : » Warum ist sie so plötzlich abgereist ? Ist etwas geschehen ? « » Oh , ihre Mutter begehrte schon lange nach ihr - sie sollte schon vor einigen Tagen fort und blieb nur wegen meiner Erkrankung ... und da ich jetzt wieder wohl bin - - « sagte Martha laut , leise fügte sie aber hinzu : » Sie flieht Dich . « Im Laufe des Nachmittags besuchte Rudolf seine Mutter auf ihrem Zimmer . Sie war allein . Wieder lag sie auf der Chaiselongue , denn es hatte sie plötzlich eine große Mattigkeit befallen und ein leiser Schmerz in der Herzgegend hatte sie daran gemahnt , daß der überstandene Anfall sich über kurz oder lang wiederholen könnte . » Nun , wie geht ' s ? « rief Rudolf eintretend , in munterem Ton . » Ach , leidlich ... Schön , daß Du kommst - ich habe Dir viel zu sagen . « » Strenge Dich nur nicht an mit Reden . « Er schob einen anderen Sessel herbei und setzte sich seitlich zu Füßen der Chaiselongue . » Ich möchte sprechen , « begann Martha , » von dem , was nach meinem Tode - « » Nein , nein , das verbitte ich mir , « unterbrach Rudolf ungestüm . » Du bist wieder gesund - ans Sterben brauchst Du nicht zu denken - und ich will nichts davon hören . « Martha faltete die Hände . » Sei doch vernünftig ! « bat sie . » Du kannst Dir nicht vorstellen , wie quälend mir jener Moment war , den ich für das Ende hielt