Stille um uns her . Wir konnten nichts thun , als warten . Es verging wohl über eine halbe Stunde ; da sahen wir , daß die bisherige Starre im Gesicht des Hadschi weichen wollte . Die Mumienähnlichkeit begann , sich zu verlieren , obgleich von einer eigentlichen Wiederbelebung der Züge noch nicht gesprochen werden konnte . Jetzt bewegte er die Lippen , doch wir hörten nichts . Es war zu bemerken , daß seine Augapfel sich unter den geschlossenen Lidern regten . Es gab in ihm eine Anstrengung , welche vergeblich nach dem Erfolge rang . Hierauf zuckten seine Arme und Beine unter der Decke ; es ging ein Leben durch seinen ganzen Körper , und fast schreiend erklangen die Worte : » Sihdi - - Sihdi - - bist du bei mir ? « Ich sage , » fast schreiend « , aber es war doch kein eigentliches Schreien , nicht einmal ein Rufen , auch nicht das , was man » laut « zu nennen pflegt . Und doch klang es so deutlich , so heftig , so todesängstlich ! Man hörte dieser Stimme die außerordentliche Schwäche an , und trotzdem war sie im fernsten Winkel der Halle zu vernehmen . » Ich bin hier , « antwortete ich . » Sag , wie heiße ich ? « » Du bist mein Freund Halef Omar . « » Der Scheik der Haddedihn ? « » Ja . « » Ich liege bei den Dschamikun ? « » Ja . « » Bin ich noch krank ? « » Jetzt noch ; bald aber wirst du gesunden . « » Du bist Kara Ben Nemsi ? « » Ja . « » So staune ! Ich weiß , was sterben heißt ! « » Sag es mir ! « » Nicht jetzt . Das Sprechen fällt mir schwer . Sihdi , hast du nicht Glocken hier gehört ? « » Ja , die Glocken des Gebetes . « » Laßt sie läuten ; laßt beten , daß ich leben bleibe . - Ich will zurück zu Hanneh , meiner Seele . Sie ist - - - « Er hielt inne . Sein Gesicht bekam zum erstenmal wieder einen Ausdruck , nämlich den der Spannung . Er suchte in sich nach . Dann fuhr er fort , so langsam , als ob er die Worte mühsam aus der Ferne herbeiholen müsse : » Wie ist mir denn ? - - - habe ich nicht - - - meine Hanneh - - - hier gesehen ? - - - Saß nicht auch - - - - Kara , mein Sohn - - - bei mir - - - an diesem Lager ? - - - Ich hatte nicht - - - meine Augen - - - sondern andere . - - - Mit diesen Augen - - - sah ich meine - - - - meine eigene Leiche . - - - Bei ihr saß Hanneh - - - wie ein Mann gekleidet - - - hier , hier - - - zu meiner rechten Hand - - - - Ich kann den Kopf nicht wenden - - - - die Augen nicht öffnen - - - sie nicht sehen - - - und doch , und doch - - - Hanneh , Hanneh - - - mein Glück und meine Retterin - - - ich weiß - - - du bist bei mir ! « Da war es für einen Augenblick um ihre ganze Selbstbeherrschung geschehen . Sie stieß einen fast überlauten Schrei aus , sprang empor und rief : » Allah , ich danke dir ! Fast wäre ich erstickt vor lauter Qual und Herzeleid ! Nun aber kann ich wieder atmen , denn ich weiß , daß mein Geliebter nicht sterben , sondern leben wird . Du , Allbarmherziger , hast ihn mir zurückgegeben ! « Wir hatten während dieser ihrer Worte nur auf sie geschaut und nicht auf Halef gesehen . Nun aber staunten wir über die Wirkung , welche der Klang ihrer Stimme auf ihn hervorgebracht hatte . Er bewegte den Kopf ; seine Züge hatten Leben bekommen ; seine Augen waren geöffnet und mit dem Ausdrucke des Entzückens auf Hanneh gerichtet . Kara war auch aufgestanden ; er trat an die Seite seiner Mutter . Halef sah ihn neben ihr . Da konnte er plötzlich auch die Hände bewegen . Er faltete sie und sprach : » Auch du bist hier , mein Liebling ? Ich bin nicht gestorben und habe doch die Seligkeit , den ganzen , ganzen Himmel hier bei mir ! « Hierauf schloß er die Augen . Mutter und Sohn knieten bei ihm nieder . Sie nahmen seine Hände und sprachen ihre überquellende Liebe in zärtlichen Worten aus . Er antwortete nicht . Da erklangen über uns die Glocken , denn einer der an der Thür stehenden Dschamikun war , sobald Halef diesen Wunsch ausgesprochen hatte , fortgegangen , um ihn zu erfüllen . Der Kranke hörte es und lächelte . Jetzt beteten Tausende für ihn . Wir hier in der Halle auch . Er schlief indessen ein . Mit ihm auch noch ein anderer , nämlich ich . Das war nach den Anforderungen , welche dieser Abend an mich gestellt hatte , gar nicht verwunderlich . Ich wurde so plötzlich von einer ganz unwiderstehlichen Müdigkeit befallen , daß mein aufrecht sitzender Oberkörper den Halt verlor . Ich fiel um . Man trug mich nach meiner duftenden Veilchenecke , in welcher ich einen so langen und tiefen Schlaf that , daß , als ich am nächsten Tag von ihm erwachte , die Sonne sich fast schon wieder zum Untergange neigte . Ich fühlte sogleich , daß diese lange Ruhe mich außerordentlich gekräftigt hatte . Wer saß bei mir , als ich die Augen öffnete ? Hanneh ! Sie hatte einen mitgebrachten Frauenanzug angelegt . Als sie sah , daß meine Augen offen und auf sie gerichtet waren , reichte sie mir die Hand und sagte : » Ich grüße dich aus vollem Herzen und mit meiner ganzen Seele , mein Effendi . Ich wartete auf dein Erwachen . Inzwischen sitzt mein Kara dort bei Halef , um mir sofort zu melden , wenn ich nötig bin . Jetzt mußt du sogleich essen . Ich werde es Schakara sagen , daß sie dir die Speise bringe . « » Weißt du , wo sie ist ? « » Ja . Sie ist schnell meine Freundin geworden , denn sie besitzt ein siegreiches Herz , dem niemand widerstehen kann . « Hanneh stand auf und eilte hinaus , um bald darauf mit der Kurdin zurückzukehren . Während die letztere mir beim Essen behilflich war , ging die erstere zu Kara und Halef , welcher , wie Schakana mir sagte , seit gestern abend in einem immerwährenden , tiefen und wahrscheinlich wohlthätigen Schlafe gelegen hatte . Hanneh beugte sich über ihn und berührte seine Stirn mit ihren Lippen . Sie schien ihn dadurch aufgeweckt zu haben , denn er begann , sich zu regen . Schakara verließ sofort die Halle , um den Pedehr zu holen , welcher das Verlangen geäußert hatte , bei dem Erwachen des Scheikes gegenwärtig zu sein . Ich hörte , daß Halef leise vor sich hin sprach . Zu verstehen war aber nichts . Auch hatte er die Augen nicht geöffnet . Da kam der Pedehr . Er beobachtete den Kranken kurze Zeit und winkte dann Hanneh , mit ihm zu reden . Sie that es , indem sie laut einige Worte sprach , die seine Kosenamen waren . Da ging ein Lächeln über sein Angesicht . Er lauschte . Sie wiederholte die Worte und knüpfte an sie die Frage , wie er sich befinde . Da hörte ich seine außerordentlich matte und doch so deutliche Stimme erklingen : » Hamdulillah - - - es war - - - kein Traum - - - ! Mein Leben - - - ist zu mir - - - gekommen ! Hanneh - - - Hanneh - - - und - und - - und - - - « Er schwieg , um nachzusinnen . Da fuhr Kara an seiner Stelle in dem angefangenen Satze fort : » Und ich ebenso , mein Vater ! Kara Ben Halef , dein Sohn ; ich bin auch bei dir . « » Kara - - - mein - - - mein Sohn - - der junge Held - - - der Haddedihn - - - ? « Er bewegte den Kopf ; er kehrte das Gesicht dem Sohne zu , doch ohne die Augen aufzuschlagen . Dann sprach er weiter : » Auch hier - - - ? Zu mir - - - gekommen ? - - - Ich sah ihn schon - - - ! Geritten - - - ? « » Ja , mein Vater . « » Auf - - - auf welchem Pferde ? « » Auf Ghalib , den du mir schenktest , damit er mich lieben und meinen Willen verstehen lerne . « Da ging ein schneller , energischer Ruck durch Halefs Körper . » Steig auf ! « sagte er . » Auf Ghalib ? « fragte Kara . » Ja . « » Jetzt ? Hier ? « » Ja - - - ! Der Stamm der Haddedihn - - - bist du - - - ! Ich will - - - die Tapfern sehen ! « Dieser Befehl erklang in mattestem Tone und trotzdem so willenskräftig . Kara sah den Pedehr fragend an . Dieser nahm ihn bei der Hand , um ihn von dem Lager weg und hinaus auf den Vorplatz zu führen . Dabei hörte ich , daß er ihm die Unterweisung gab : » Der Braune muß so schnell wie möglich gesattelt werden . Du legst alle deine Waffen an und kommst so , wie man sich in den Kampf begiebt , herein und bis zu deinem Vater hingeritten . Das muß so sein ! Dein Anblick giebt ihm neue Lebenskraft . Beeile dich , mein Sohn ! « Halef war jetzt still ; aber er wartete . Seine zwar nur leisen , aber ungeduldigen Bewegungen verrieten das . Nach einigen Minuten - es waren wohl kaum mehr als fünf - erklang seine Stimme wieder : » Kara - - - schnell - - - schnell - - - ! Ich habe - - - habe - - - keine Zeit - - - ! « Der Ton war so ängstlich , daß Hanneh rasch aufstand und an die nächste Säule trat , um nachzuschauen . Da kam der Pedehr auch schon herein . » Es eilt ! « sagte sie zu ihm . » Er kommt sofort , « antwortete er . » Sei mutig , und sei still ! Dieser Augenblick wird viel entscheiden . Knie hin zu ihm ; du wirst ihm nötig sein ! « Sie folgte dieser Aufforderung soeben , als Halef die nur noch mit Mühe hervorgebrachten Worte hören ließ : » Er - - - er kommt nicht - - - ! Ich muß - - - muß gehen ! « Da aber gab es draußen lauten Schlag der Hufe . Treppenstufen zu ersteigen , das war dem edlen Ghalib ungewohnt ; er schien sich zu weigern . » Jallah , kawahm , kawahm - vorwärts , schnell , schnell ! « erscholl Kara ' s aufmunternde Stimme . Da nahm der Braune mehrere Stufen auf einmal und kam von der letzten aus in einem weiten , ärgerlichen Sprung hereingeflogen , um hart an Halefs Lager angehalten zu werden und dort , wie aus Erz gegossen , still zu stehen . Der junge Haddedihn hatte das Messer und die Pistolen in den Gürtel gesteckt , die kunstvoll ausgelegte Beduinenflinte quer über dem Rücken und die lange , doppelschneidige Lanze in der Hand . Das kraftvoll schöne Bild eines Beduinenkriegers , so sah er blitzenden Auges auf den kranken Vater nieder . Dieser öffnete die Augen und richtete den Blick zu seinem Sohne empor . Er schien es gar nicht zu bemerken , daß Hanneh ihm die Arme unter Kopf und Schultern schob , um ihn ein wenig aufzurichten . » Ghalib - - - der Unbesiegliche - - - ! « sagte er . » Er trägt - - - die Zukunft - - - meiner Haddedihn - - - ! Doch die - - - Vergangenheit - - - stirbt nicht - - - stirbt nicht - - - ! Die bin - - - bin ich - - - mit ihm die - - - Gegenwart - - - ! Ich bleib bei euch - - - bei euch - - - ! Ich will - - - ich will - - - ich will - - - ! Kara - - - Hanneh - - - mein Leben - - - kehrt zurück ! « Er hielt den frohen Blick noch einige Zeit auf Kara gerichtet ; dann schloß er die Augen . Hanneh bettete ihn wieder bequem in die Kissen . Mir kam es vor , als ob sein Gesicht jetzt einen ganz , ganz andern Ausdruck habe , nicht mehr den leichenhaften wie vorher . Kara stieg vom Pferde und führte es so leise wie möglich hinaus . Hanneh sah den Pedehr ängstlich fragend an . Er nahm sie bei der Hand , zog sie empor und sagte : » Die Hoffnung ist erwacht ! Komm mit ! Wir wollen ihm einen stärkenden Trank bereiten . Wenn er ihn zu sich nimmt , so wird er gerettet sein ! « Als sie miteinander fortgegangen waren , kam Kara wieder herein , erst für einige Augenblicke zu mir ; dann setzte er sich zu seinem Vater , welcher zwar nicht ganz wach zu sein aber auch nicht zu schlafen schien . Er bewegte bald dieses und bald jenes Glied in einer Weise , welche darauf schließen ließ , daß es nicht unwillkürlich sondern absichtlich geschehe . Dann kehrte der Pedehr mit Hanneh zurück . Ich vermutete , daß in dem Gefäße , welches sie trug , von demselben ausgepreßten Fleischsaft sei , der auch mich so gestärkt hatte . Er wurde Halef mit Hilfe des Löffels gegeben ; er weigerte sich nicht , ihn anzunehmen , und fiel dann sogleich in einen ruhigen Schlaf , von dem der Pedehr sagte , daß er wenigstens bis zum nächsten Morgen dauern werde . Hanneh und Kara waren unbeschreiblich glücklich hierüber und stellten , als ich mich jetzt wieder wie gestern hinaus in das Freie schaffen lassen wollte , die Bitte an mich , ihnen da draußen zu erzählen , was ich seit unserer Trennung von den Haddedihn mit Halef erlebt hatte . Dagegen erhob aber der Pedehr ganz entschieden Einspruch . Er wies sie auf die Anstrengungen ihres eigenen Rittes hin und machte sie allen Ernstes darauf aufmerksam , daß sie sich jetzt unbedingt ganz gründlich auszuruhen hätten . Halef bedürfe ihrer heut nicht mehr , da sowohl er als auch Schakara in bester Weise für ihn sorgen würden . Sie mußten gehorchen , und so kam es , daß ich dann später ganz allein draußen vor der Halle saß , um dasselbe Schauspiel des Sonnenunterganges zu genießen , welches mich gestern schon so erhoben hatte . Wie viele Menschen habe ich schon sagen hören , daß man die Schönheiten der Natur niemals allein sondern stets in Gesellschaft genießen müsse . Ich bin da ganz anderer Meinung . Schon das Wort » genießen « scheint mir da falsch gebraucht zu sein . Ich könnte mit ganz demselben Rechte sagen , daß ich eine Predigt , ein Oratorium , ein Kirchenlied » genießen « wolle . Auf mich wirkt die Natur erhebend , und zugleich veranlaßt sie mich zur Einkehr in mich selbst . Ich bin ein Teil von ihr und kann sie nicht schauen , ohne mit ihr auch mich selbst zu betrachten . Gesellschaft anderer Leute würde mir da nur hinderlich sein . Durch den Wald will ich allein spazieren , außer ich bin gesellschaftlich gezwungen , noch jemand mitzunehmen . Plauderei entheiligt mir die That . Denn ein solcher Gang zum predigenden Walde ist für mich eine That , und zwar nicht bloß eine körperliche , sondern mehr noch eine seelische . Werde ich begleitet , so bringe ich fast nichts mit heim als nur die Erinnerung an das , was gesprochen worden ist . Ganz ebenso ist es mit dem Sonnenauf- und mit dem Sonnenuntergang . Jede Bemerkung , jede Interjektion , sei sie auch noch so begeistert , muß , falls ich sie anzuhören habe , die Erhabenheit und Heiligkeit des Augenblickes mindern . Ich habe menschliche Gesellschaft gern , wie ich überhaupt die ganze Menschheit herzlich liebe ; aber die Natur will ich in ungestörter Einsamkeit auf mich wirken lassen , und meine schönsten und gewiß auch besten Lebensstunden sind die , in denen ich in stiller Nacht und ohne einen Plauderer neben mir dem ewig frommen und ewig treuen Sternenhimmel in seine leuchtend hellen Augen sehe . So auch heut , wo ich allein und von höflicher Rücksicht frei vor der Halle des » hohen Hauses « saß . Ich kenne ein Bild , » Die Genesende « unterzeichnet . Eine weibliche Gestalt sitzt bleichen Angesichtes in hochgelegener , offener Laube , von welcher aus einer der herrlichsten Punkte des Rheinthales zu überschauen ist . Soeben dem Tode entronnen , hat sie das Krankenzimmer mit dieser freien , vom Blumendufte umwehten Stelle vertauscht , um neues , sonniges Leben einzuatmen . Sie nimmt es mit einem stillen , milden , unendlich dankbaren Lächeln entgegen ; aber die großen , ernsten Augen sind nicht hinunter auf die glitzernden Fluten des Stromes oder die grünenden Rebenhänge sondern weit , weit hinaus in die grenzenlose Ferne gerichtet , die selbst den Horizont unter sich nur als trügerische Vorspiegelung des Menschenauges kennt . Es ist , als ob diese Augen , welche nur Unbegrenztes schauen , noch immer nach der unsichtbaren Pforte jener Geheimnisse suchten , deren Schlüssel in der verschwiegenen Erde des Friedhofes vergraben liegt . Die Seele , welche sich von dem Körper trennen wollte , hat die Verbindung mit ihm noch nicht vollständig wieder hergestellt . Sie zieht den Blick hinaus , dorthin , wohin sie heimwärts gehen wollte , dem Taucher gleich , der nach vollbrachtem Tagewerke sich von der schweren , unbehilflichen Rüstung trennt und sie am Strande liegen läßt , um , wonnig atmend , wieder frei zu sein . - An dieses Bild dachte ich am heutigen Abend , was leicht erklärlich war . Auch ich stand im Genesen und fühlte jenen weichen , tief empfänglichen Ernst in mir , dem es ein Bedürfnis ist , über den Horizont der Endlichkeit hinauszuschreiten . Dort , jenseits dieser Grenze , giebt es dann ebenen Weg ; die Zeit der Schlagbäume ist überstanden , und kein niederes Interesse kann den Blick von jenen Höhen lenken , in denen nicht einmal die Sterne mehr die Namen tragen , die ihnen von den Menschen gegeben worden sind . Sie wandeln groß und erhaben über uns , und wer ihnen mit dem Herzen , nicht mit dem Rohre folgt , dem offenbaren sie viel mehr , viel mehr , als man durch dieses Rohr über sie erfahren kann . Keine noch so kunstvoll gearbeitete teleskopische Linse wird jemals an Schärfe das Auge der Seele erreichen ! Während ich mich bis fast Mitternacht im Freien befand , saß Schakara bei Halef . Der Pedehr war bei dem Ustad , in dessen Wohnung heut eine wichtige Beratung stattfand , welche nicht in der Halle abgehalten werden konnte , weil diese ja uns überlassen worden war . Der Scheik der Dschamikun kam grad , als ich mich wieder hinein nach meinem Lager bringen ließ . Er teilte mir mit , worüber verhandelt worden war . » Wir haben über das beabsichtigte Fest der fünfzig Jahre gesprochen , « sagte er . Ein persisches Fest dieses Namens war mir nicht bekannt . Darum sah ich ihn fragend an . » Hat dir noch niemand etwas hiervon gesagt ? « erkundigte er sich . » Nein . « » Auch Schakara nicht ? « » Nein . « » Sie hätte gewiß sehr gern davon gesprochen , denn dieses Fest beschäftigt uns alle schon seit längerer Zeit ; wahrscheinlich aber ist ihre Meinung gewesen , auch in diesem Punkte gehorsam sein zu müssen . Der Ustad hat nämlich befohlen , euch nicht mit fremden , also auch nicht mit unsern Angelegenheiten zu behelligen . Ihr mußtet unberührt von jeder innern Störung bleiben . Deine Genesung aber , Effendi , ist so weit vorgeschritten , daß ich nun unbedenklich zu dir von diesem Feste sprechen kann . Es gab einen Kampf zwischen dem Ustad und uns , der ein Kampf der Liebe war . Unser Herr wünschte nicht , daß dieses Fest gefeiert werde . Heut abend aber haben wir ihm die Erlaubnis durch unsere vereinten Bitten abgerungen . In zwei Wochen nämlich werden es fünfzig Jahre , daß er zum erstenmal in ein Zelt unseres Stammes trat , und die Dankbarkeit gebietet uns , diesen Tag feierlich zu begehen . Er hat sich bisher ablehnend verhalten ; heut aber ließ er sich überzeugen , daß es ein Herzensbedürfnis für uns sei , und hat uns die Genehmigung erteilt - nicht seinet- sondern unsertwegen , sagte er . Ihr seid zu dieser Zeit noch hier bei uns , ein Umstand , über den wir uns alle freuen - - - « » Wird euch diese Freude nicht vielleicht von Hadschi Halef getrübt werden ? « fiel ich ein . » Diese Frage war natürlich von dir zu erwarten . Ich möchte dir gern sagen , was ich denke , befürchte aber , daß du über mich lächeln wirst . « » Dann bin ich beruhigt ! Wenn es nichts Schlimmeres als nur ein Lächeln ist , was du von mir erwartest , mußt du in Beziehung auf ihn wohl gute Hoffnung hegen ! « » Ja , die habe ich . Mein Ausdruck Lächeln aber war anders gemeint . Ich bezog ihn nicht auf Halefs Genesung , sondern auf deine Gedanken . Ich habe als sein Arzt Ansichten , welche vielleicht sehr fern von den deinen liegen , das ist es , was ich meinte . « » Du bist der Hekim91 ; ich aber bin der Laie . Wie könnte es mir beikommen , über dich zu lächeln ! « » Und doch ! Denn was ich dir sage , wird nicht die Ansicht allein des Hekim sein . Ich habe es mit einem schwerkranken Menschen zu thun . Wer und was ist das Wesen dieses Menschen ? In welcher Beziehung stehen seine Teile zu einander ? Das muß ich wissen , wenn ich ihn richtig behandeln soll . Ich vermute aber , daß du über diese Fragen ganz anderer Meinung bist als ich . « » Vielleicht , vielleicht auch nicht . Keinesfalls aber werde ich für deine Gedanken nichts anderes als ein Lächeln haben . Ich bitte dich , sie auszusprechen ! « » So höre ! « Er sprach zwar diese beiden Worte , doch ließ er mich zunächst nichts weiter als nur sie hören . Er hatte sich an meinem Lager niedergesetzt , das Gesicht mir voll zugewendet . Jetzt hob er den Kopf und schaute in das stille , bescheidene Licht der Kerzen , welche in der Nische brannten . Es war , als ob er durch dieses Emporblicken ein ganz anderes Gesicht bekommen habe . Wie rein , wie edel erschienen mir die Linien desselben , die bei unserm ersten Zusammentreffen von häßlichem Schmutz bedeckt gewesen waren ! Die Kerzen sandten ihm ihre Flämmchen als winzig kleine und doch fast strahlend helle Punkte in die schönen Augen . Das lange , graue Haar gab einen ganz eigenartigen , lebendig wallenden Rahmen zu diesem Bilde . Da kam eine Erinnerung über mich . Ich sah mich im Atelier eines Freundes . Er arbeitete an einer Darstellung aus der Offenbarung Johannis . Ich sah die Studienblätter durch . Eines von ihnen fesselte mich ganz besonders . Unter einem eingefallenen , nach oben offenen Mauerbogen saß der Seher und schaute himmelan , nach einer Oeffnung in den dunkeln Wolken , aus welcher eine Fülle jenseitigen Lichtes auf ihn niederstrahlte . Darunter war zu lesen : » Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde ; denn der erste Himmel und die erste Erde waren vergangen , und das Meer ist nicht mehr . « Das mit diesen Worten wunderbar harmonierende Gesicht des Inspirierten hatte einen tiefen Eindruck auf mich gemacht ; es war mir lange , lange geistig gegenwärtig geblieben , bis neue Regungen es in Vergessenheit hatten geraten lassen . Und nun sah ich es plötzlich wieder , in mir und auch außer mir . Denn die Züge des Pedehr glichen in diesem Augenblicke fast ganz genau denen jener Studie , und es war gewiß nicht zu verwundern , daß sie auch dieselbe Wirkung auf mich hatten . Es ging etwas durch mein Inneres , was mich begreifen ließ , daß man unter den Trümmern des Veralteten sitzen könne , um den Blick empor zum Neuen , wirklich Wahren zu erheben . Grad so , als ob dieser mein Gedanke für ihn laut und vernehmlich geworden sei , wendete sich jetzt der Pedehr mir wieder zu und sagte : » Es ist für dich wohl ein Neues , was ich dir mitteilen werde . Ich bitte dich , mir meine Frage zu beantworten : Weißt du , was Geist ist ? « » Nein . « » Weißt du , was Seele ist ? « » Nein . « » Meinst du , daß beides das Gleiche sei ? « » Nein . « » Weißt du , was Körper ist ? « » Auch nicht . « Da ging ein so liebes , kluges Lächeln des Einverständnisses über sein Gesicht , und er sprach : » Ich würde dir das Lob deiner Bescheidenheit nicht versagen , aber du hast es nicht verdient . Du erwartest , von mir zu hören , was du mir nicht sagen willst . Und weil dir die Wahrheit dessen , was du mir sagen könntest , als nicht ganz zweifellos erscheint , so ziehest du vor , diese Zweifel nicht an deine , sondern lieber an meine Worte legen zu können . Du sollst deinen Willen haben . Wer Schonung bietet , der darf wohl selbst auch auf sie rechnen . « Wie das so klang ! Saß da wirklich nur ein ungebildeter Dschamiki vor mir ? Zwar der Scheik des Stammes , aber doch ein Mann , der in Beziehung auf seinen äußern und auch innern Werdegang allen andern Dschamikun gleichzurechnen war ? Wenn seine geistige Persönlichkeit bedeutend höher stand , als man nach seiner Lebensstellung schließen durfte , so konnte das nur eine Folge seines langjährigen Verkehres mit dem Ustad sein . Hatte ich aber dieses angenommen , so trat sogleich die weitere Frage an mich heran , in welcher Weise und auf welchem Wege wohl dieser letztere zu einer so hohen Entwickelung seiner Individualität gelangt sein könne . Dieser mein Gedankengang wurde durch den Pedehr unterbrochen , welcher weiter sprach : » Hast du Geist , Sihdi ? « » Ich hoffe es , « antwortete ich . » Nein , hoffe es nicht ! Du hast zwar dieses Phantom , aber eigentlich hat es dich : du bist sein Sklave ! Hast du Seele ? « » Meinst du eine Seele oder Seele überhaupt ? « » Sei nicht der spitzfindige , gelehrte Europäer , sondern antworte mir . Hast du Seele ? « » Ja . « » Nein , sondern auch sie hat dich ; aber sie ist kein Phantom , sondern eine erhabene , göttliche Wahrheit , der wir unser Anrecht auf die Seligkeit verdanken . Das sagt ein halbwilder Asiat dem von der Weisheit dieser Welt erzogenen Abendländer . Ob letzterer es glauben wird , das ist wohl sehr die Frage . Der Osten hat den Westen schon so manches gelehrt , was entweder nicht geglaubt oder nicht verstanden worden ist . Und nun der Orient dieser vergeblichen Belehrung müd geworden ist , behauptet man , daß er alt und schwach geworden sei . Doch , ich wollte ja nicht vom Ilmi ahwali nefs92 , sondern nur als Hekim von der Krankheit unseres Hadschi Halef zu dir sprechen . Ueber die Seele magst du mit dem Ustad reden , der von ihr wohl noch mehr weiß , als was in seinen Büchern steht . « » Bücher ? « fragte ich . » Er hat Bücher ? « Da schaute mich der Pedehr mit einem Blicke an , der mir die Röte in die Wangen trieb , und antwortete : » Ob - er - Bücher - hat - ! Er besitzt sogar vier große , große Bibliotheken ! Die erste besteht im Kitab el mukkades93 ; die zweite ist sein Herz , in welchem tausend herrliche Suren stehen ; die dritte umfaßt alles , was die Schöpfung seinem Auge lehrt , und die vierte wirst du sehen , wenn du so weit genesen bist , daß du die Treppe emporsteigen kannst , um ihn in seiner Wohnung aufzusuchen . Da wirst du viele , viele Bände finden , die in Sprachen geschrieben sind , von denen ich ein Wort weder lesen noch verstehen kann . Wenn ich ihn nach dem Inhalte frage , so antwortet er , daß die ganze Summe alles dessen , was geschrieben ist , nichts anderes als der Ausruf sei , den die Pilger ausstoßen , wenn sie nach langer , mühsamer Wanderung endlich Mekka liegen sehen :