sollt euch ja freuen über das auf der Erde für die Erde Errungene , denn der Kampf mit dem Leben und der Erfolg geistigen Forschens stählen auch die seelische Kraft . Doch bietet der Weg nach dem Jenseits euch noch höhere Freuden , die sich dann am Ziele vergrößern zur seligen , ewigen Wonne . Zwei Pflichten also sind es , zu deren Erfüllung euch der Herr berufen hat : Ihr sollt mit allen euch gegebenen Kräften für das Diesseits und für das Jenseits wirken . Doch sind diese Pflichten eigentlich nicht zwei , sondern nur eine : Ihr sollt im Diesseits für das Jenseits wirken . Und wie wenig ist das doch bisher geschehen ! Das Diesseits nahm die Thätigkeit des Menschen so für sich gefangen , daß er jetzt , nach einer Reihe von Jahrtausenden , noch am Beginne des Himmelspfades steht und nicht einmal Es Setschme , den Ort der Sichtung , kennt , der zwischen dem Augenblicke des Sterbens und dem Thore der Himmel sich befindet . Ich schaue in eure Herzen und sehe in ihnen das Verlangen nach dem Lichte jener Welt . Zwar darf ich euch nicht jene Sphären zeigen , in denen Gott mit seinen Seligen wohnt , denn vor dem Glanz der Herrlichkeit dort oben würde euer Auge gleich bei dem ersten Blick erblinden ; aber nach diesem Ort der Sichtung , nach diesem Vorhof kann ich eure Seelen führen . Ihr sollt euch meiner Führung anvertrauen und eine kleine Erdenstunde lang am offenen Jenseits stehen . Was ihr dort seht , merkt ' s euch fürs ganze Leben ! Ich thue es , um euch eine Ahnung dessen zu geben , was der Glaube , den ich meine und für den ihr nicht das rechte Wort besitzt , zu sehen und zu erreichen vermag , während selbst eurer höchsten Gelehrsamkeit dort der Zutritt streng und für ewig verboten ist . Denn , sage ich euch , am Tage des Gerichtes , welcher für die Verstorbenen eher beginnt und länger währt , als ihr hier unten denkt , wird niemand über den Reichtum seines Geistes , sondern ein jeder nur über die Schätze seines Herzens Rechenschaft abzulegen haben . Es wird nicht zwischen gebildet oder ungebildet , sondern nur zwischen gut oder bös , zwischen Liebe und Lieblosigkeit unterschieden . Ich werde jetzt meinem Freund , durch den ich zu euch spreche , zeigen , was ihr wissen sollt ; er sagt es euch , und wenn ihr etwas nicht versteht , so dürft ihr fragen ; doch Erkundigungen irdischer Neugierde werden unbeantwortet bleiben . « Es ist unmöglich , die Stimmung zu beschreiben , in welcher ich mich jetzt befand . Ueber uns der mit einem nicht eigentlich sicht- aber doch wahrnehmbaren Schleier bedeckte Himmel , an welchem nur die Sterne bis mit vierter Größe zu sehen waren , um uns die im unzureichenden Scheine dieser Sterne liegende Wüste mit ihrer geheimnisvollen Verschwiegenheit , vor uns der rätselhafte Mann , der für das Diesseits blind war , aber für das Jenseits sehend zu sein behauptete , und in uns die Ahnung der Enthüllung und Beleuchtung einer bisher unerforschten Dunkelheit ! Aber wo lag dieser » Ort de Sichtung « , von welchem wir gehört hatten ? Wirklich und wahrhaftig im Jenseits , oder in der Einbildung eines phantastischen , vielleicht gar geisteskranken Menschen ? Worauf würden wir die versprochene Aufklärung zu beziehen haben ? Auf einen der höchsten und wichtigsten unserer Glaubenssätze oder auf die Träumereien und Truggebilde eines hirn- und nervenleidenden Muhammedaners ? Ich war im höchsten Grade gespannt , und Halef und der Perser waren dies nicht weniger als ich , denn ihnen als Orientalen war für solche Situationen wohl mehr Empfänglichkeit gegeben als mir , dem weniger glühend fühlenden und kälter denkenden Europäer . » So komm ! Ich führe dich ! « hörten wir jetzt den Münedschi mit der bisherigen , fremdartigen Stimme sagen und mit seiner eigenen , ganz anders klingenden , antwortete er hierauf : » Ich folge dir , Ben Nur , der du ein Engel Allahs und der Lehrer meiner Seele bist ! « Es sei mir , um das nun Folgende leichter verständlich zu machen , erlaubt , diesen von mir nur in der Einbildung existierend gehaltenen Ben Nur von dem Münedschi zu unterscheiden . Zwar war es natürlich nur der Blinde , welcher sprach , aber das , was wir hörten , war ein Gespräch zwischen zwei Personen , deren Stimmen so verschieden klangen , daß wir bei geschlossenen Augen auf die Anwesenheit zweier Menschen außer uns geschworen hätten , wenn die Gewißheit nicht dagewesen wäre , daß es nur allein der Münedschi sei . Es verging eine Zeit , während welcher wir , um das sich vor uns Entwickelnde ja durch keinen Hauch zu stören , nur leise zu atmen wagten . Einmal hörten wir den Blinden mit seiner eigenen , ängstlich klingenden Stimme » Halte mich , oh halte mich ! « sagen ; dann war es wieder still . Er stand , wie von Anfang an , hoch aufgerichtet da , die eine Hand nach der Seite erhoben , als ob er an ihr geleitet werde . Da ließ er sie sinken , als ob niemand mehr sie halte , strich sich mit der andern über das Gesicht und bewegte den Kopf , wie jemand , der staunend um sich blickt . » Wir sind angekommen . Nun bleib an meiner Seite stehen , und sag , was du erblickst ! Fürchte dich vor nichts , denn ich bin bei dir , und niemand darf sich uns nahen ! « Das sagte der Blinde mit Ben Nurs Stimme , worauf er mit seiner eigenen erwiderte : » Ich fürchte mich nicht , denn du hast mir schon oft Furchtbares gezeigt , ohne daß es mir schadete . Ich weiß also , daß ich bei dir sicher bin . « Er schaute wieder mit zwar geschlossenen Augen aber sehr lebhaften Kopfbewegungen um sich und sagte dann : » Welch ein Wunder ! Wohin hast du mich geführt ! Ich sehe Gegenstände und Menschen , die doch keine Gegenstände und Menschen sind . Es ist alles so gestaltet , und es bewegt sich alles so , wie auf der Erde , und doch bin ich der vollen Ueberzeugung , daß nichts hier irdisch ist ! « » Sag nur , was du siehst , dann werde ich es dir erklären ! « gebot die andere Stimme , also der sogenannte Ben Nur . Hierauf erhob der Münedschi die Arme , um alles was wir nun hörten , mit verdeutlichenden Bewegungen derselben zu begleiten , und fuhr fort : » Ich stehe auf einem hohen , breiten Steine , ganz allein mit dir , « sagte er . » Hinter uns dehnt sich eine Mauer , deren Höhe und deren Enden ich nicht erkennen kann . Sie hat viele , viele enge , niedrige Oeffnungen , durch welche immerfort Menschen erscheinen und auf uns zukommen , um sich vor uns zu einem breiten Heereszuge zu vereinen . « » Das ist El Widah113 , die Mauer , an deren andern Seite das Erdenleben endet , indem es zu einer dieser Thüren führt , vor denen kein Sterblicher stehen bleiben oder gar umkehren kann , außer Gott erlaubt es ihm . Sprich weiter ! « » Es liegt ein weites , ebenes , ödes Land vor mir , « folgte der Blinde dieser Aufforderung , » von einem tief und schwarz gähnenden Abgrund begrenzt , über den eine Brücke hinüberführt , deren Breite kaum die Schärfe eines Rasiermessers beträgt . « » Das ist Es Ssiret , die Brücke des Todes , « erklärte Ben Nur . » Sie geht über El Halahk , den Abgrund des Unterganges , des Verderbens . Erkennst du , wo sie endet ? « » Ja , ich sehe es , doch nicht so deutlich , wie ich möchte . Es ist ein Thor , welches ich wohl bestimmter sehen würde , wenn nicht darüber die Flammeninschrift leuchtete Zur Seligkeit ! Auch die Fortsetzungen seiner Seiten , welche sich aus dem Abgrunde erheben , sind mir dunkel ; darüber aber leuchtet eine Klarheit , welche von keinem irdischen und von keinem Sonnenlichte stammen kann . Indem ich sie erblicke , steigt eine unbeschreibliche Wonne und Sehnsucht in mir auf , die mich emporheben und hinübertragen will ; aber mein Fuß klebt fest an diesem Steine ; ich kann nicht fort ; ich bin zu schwer ! « » Du bist so schwer , weil du noch zur Erde gehörst , auf der das Gesetz der Schwere gilt , welches ich für dich für diese kurze Stunde überwand . Ich sage Stunde , denn hier , wo wir uns befinden , giebt es noch Zeit . Die Ewigkeit beginnt dort an der Brücke . Du stehst hier am Jenseits , nicht in demselben ; das ist der äußerste Punkt , wohin ich deine unsterbliche Seele führen durfte , weil sie noch das irdische Gewand zu tragen hat . Du siehst dich hier also zwischen Zeit und Ewigkeit , nicht vor dem Tode und nicht nach dem Tode , sondern mitten in demselben , und alles , was du hier erblickst , geschieht mit der Seele während der Zeit des Sterbens . Was siehst du noch ? « » Ich sehe die Scharen der Seelen , welche durch die stille , unheimlich lautlose Oede des Todes nach der Brücke wallen . Allah , Allah , beschütze und bewahre mich ! « Diesen letzten Satz schrie er laut auf , als ob eine plötzliche , große Gefahr über ihn hereingebrochen sei . Dabei breitete er , wie nach einem Halte suchend , ängstlich beide Arme aus . Hierauf ließ er sie beruhigt wieder sinken und antwortete dann sich selbst mit der Stimme Ben Nurs : » Sei getrost ; ich halte dich ! Du nanntest die Zeit des Sterbens , in welcher du dich befindest , still und lautlos . Jetzt erfährst du , daß es auch ein anderes als still ergebenes Scheiden giebt . Sprich ! « » Es erhob sich ein Sturm , in welchem mein Felsen zitterte ; finstere Wolkenschwaden wurden über mich hingepeitscht ; Donner rollte ; Blitze zuckten . Ich hörte Schlachtengeschrei und das Krachen der Schüsse . Jetzt ist das vorüber ; aber ein Nebel breitet sich um mich her . Ich sehe nichts mehr ; aber ich höre die Stimmen der Sterbenden . Mütter jammern um ihre Kinder ; Frauen winseln nach ihren Männern ; Geizige schreien nach den Reichtümern , die sie verlassen müssen , Herrscher nach ihren Thronen , Ehrsüchtige nach ihrem Ruhme . Es ist ein Brüllen , Zetern , Klagen und Weinen um mich her , welches mich selbst zum Sterben bringen wird , wenn ich es noch länger hören muß ! ... Allah sei Dank ! Vater , in deine Hände befehle ich meinen Geist ! rief die Stimme eines gläubig sich Ergebenden , und sofort ward alles still . Die Nebel weichen , und ich sehe die Scharen wieder ohne Laut und ruhig wallen . Auf der Mitte des Weges sehe ich einen Steg , zu dessen Seiten lichte Engel stehen . Er ist beweglich und so schmal , daß man ihn nur einzeln betreten kann ; aber keiner darf ihm ausweichen ; alle müssen darüber ! « » Das ist El Mizan , die entscheidende Wage der Gerechtigkeit . Sie mißt jede That , jedes Wort und jeden einzelnen Gedanken . Lege das leiseste , kürzeste deiner Gefühle darauf , so wird sie dir sagen , wie schwer es vor dem allwissenden Erforscher deines Innern wiegt ! Siehst du , was die Engel an diesem Stege , an dieser Wage , thun ? « » Soeben tritt einer aus ihren Reihen hervor und nimmt die über die Wage gegangene Seele an der Hand , um sie nach der Brücke zu leiten . « » Nicht nur nach der Brücke , sondern über sie hinüber . Diese Seele ist gewogen und der Gnade Gottes wert befunden worden . Darum wird sie an der Hand ihres lichten Führers glücklich über Es Ssiret gelangen . Aber die zu leicht Gefundenen , welche hier auf Erden stolz auf ihre Vorzüge pochten oder , ihrer Trägheit fröhnend , sich nur auf ihre vermeintliche Sündlosigkeit verließen und darum versäumten , wirkliche Arbeit zu vollbringen , anstatt in bequemer Sorglosigkeit kommen zu lassen , was da kommen werde , diese finden hier keinen Beschützer , sondern bleiben auch hier ihrem gewohnten Selbstvertrauen überlassen . El Halahk , der Abgrund des Verderbens , steht für sie offen ; denn schon hier , in der Stunde des Todes , nicht erst im , sondern bereits am Jenseits , tritt das große Gesetz der ewigen Gerechtigkeit in Kraft , daß der Mensch genau mit dem bestraft wird , womit er auf Erden sündigte . Trau ja den friedlichen , still lächelnden Zügen einer Leiche nicht ! Sie ist ein abgelegtes Gewand , dem du nicht anzusehen vermagst , unter welchen Qualen die Besitzerin , die Seele , von ihm schied . Der Tod tritt nicht mit dem letzten Worte ein , welches der Sterbende spricht , auch nicht mit der letzten Bewegung , die man an ihm bemerkt , und kein Irdischer vermag zu ergründen , was zwischen diesem Worte oder dieser Bewegung und dem wirklichen Schritte hinüber für eine Folterpein zu überstehen ist ! Nun richte deine Augen auf die vorübergehenden Scharen selbst ! Du siehst , wie sie sich zusammenfinden und sich ordnen , um , zu einander passend , in Gruppen den Entscheidungsweg zurückzulegen . Sag mir , was du erblickst ! Was du nicht weißt , das werde ich dir erklären . « Der Münedschi berichtete : » Es versammelt sich soeben eine große , große Menge von Leuten , welche fromm die Hände falten und still ergeben ihre Köpfe senken . Ihre Lippen bewegen sich im Gebete . Ihnen vorangetragen wird eine Standarte , auf welcher das Wort Dijanet 114 zu lesen ist . Das sind gute Menschen , welche gewiß glücklich über die Brücke hinüberkommen ! « » Du irrst . Du lässest dich von ihrer zur Schau getragenen Frömmigkeit ebenso täuschen , wie die Genossen ihres Erdenlebens von ihnen betrogen worden sind . Das sind die Gewohnheitsbesucher der Kirchen und Moscheen . Sie versäumten keinen Gottesdienst und saßen da auf ihren mit Geld bezahlten , wohlnummerierten Plätzen , auf welche sich ja kein anderer setzen durfte , wenn er nicht zu seiner öffentlichen Beschämung von ihnen hinweggestoßen werden wollte . Sie gingen zur bestimmten Zeit und in dem dazu bestimmten Rocke nach dem Gotteshause , gesenkten Blickes , wie auch jetzt , und die Fatha oder das Gesangbuch von den Händen innig umschlungen . Dabei aber blickten sie verstohlen nach rechts und links , ob man sie denn auch gehen sehe . Sie sprachen ihre Gebete oder sangen die vorgeschriebenen Lieder ; sie hörten die Worte des Predigers , und wurde ihnen das zu langweilig , so ließen sie sich andachtsvoll in das süße Schläfchen des Bewußtseins fallen , daß sie das alles wohl schon tausendmal gehört hätten und es also ebenso gut wüßten wie der Mann dort auf der Kanzel . Dann gingen sie erhobenen Hauptes heim , denn sie hatten jetzt für diese Woche ihre Pflicht gethan und dadurch Gott gezwungen , ihnen nun auch eine Woche lang dafür dankbar zu sein . Sie forderten von diesem Gotte , daß die Nummer des Platzes , den sie für sich gelöst und nur höchst selten leer gelassen hatten , in das Buch des Lebens eingetragen werde , weil nur ihnen , und ja keinem andern , das wohlerworbene Recht zustehe , auf ganz derselben Nummer der Seligkeit auch im Himmel zu sitzen . Dieser Himmel aber ist unnummeriert und hat also nicht den auf der Erde bezahlten Platz für sie ; sie werden alle , alle von der Brücke in den Abgrund stürzen . Weiter ! « » Ich sehe freundliche Menschen sich um ein Banner scharen , welches das Wort Kerem115 trägt . Auf ihren Gesichtern glänzt das Lächeln der Sanftmut , der Milde , der Güte , der Weichherzigkeit . Sie sind in Liebe vereint ; sie drücken sich die Hände und scheinen so froh darüber zu sein , daß sie sich hier zusammengefunden haben . Die leitet ein Engel hinüber , ganz gewiß ! « » Nein ! Das sind die sogenannten guten Menschen , die Sanften , die Angenehmen , die stets Friedlichen , die Wohlthäter , die Barmherzigen , die wegen ihrer Menschenfreundlichkeit so oft und viel Gepriesenen . Du nennst ihr Lächeln sanft und mild ; aber die Wage dort wird es als Selbstgefälligkeit bezeichnen . Diese edlen Menschen waren nur freundlich , um gerühmt zu werden . Ihre Nächstenliebe , ihre Sanftmut besaß einen verborgenen Skorpionenstachel . Es war ihnen eine Lust , bei dem freundlichsten Gesichte und während der gütigsten Rede ein tief und schwer verletzendes Wort in die Seele ihres Nächsten zu bohren und dadurch sein Leben zu vergiften . Sie wußten , daß der Glanz ihrer Wohlthaten auf sie selbst zurückfallen werde ; sie erwiesen sie also nicht andern , sondern sich selbst . Ihre stete , rücksichtsvolle Höflichkeit war nur Schein , war berechnet , denn sie wußten , daß man einer solchen Liebenswürdigkeit nicht leicht einen Wunsch abschlagen könne . Diese stets nach außen strahlende Huld und Leutseligkeit war innerlich ein Vampyr , welcher die von dieser Huld Getäuschten möglichst auszusaugen wußte . Siehst du , wie ihre Schar sich mehr und mehr vergrößert ? Wundere dich ja nicht darüber , denn zu ihnen gehören alle jene guten Freunde und Freundinnen , deren gleißende Anhänglichkeit nichts als Selbstsucht war . Sie benutzten dich selbst und deinen Einfluß , deine Güter ; sie forschten mit Begierde nach allen deinen Schwächen und Fehlern , um sie sich dienstbar zu machen oder sie mit ihresgleichen zu belachen . Sie nisten sich bei dir ein wie Flöhe der Wüste116 , deren Stich erst ein wohlthuendes Jucken , dann aber schmerzende und gefährliche Geschwüre erzeugt . Sie freuten sich lauter als du , wenn du dich freutest , barsten dabei aber heimlich fast vor Neid ; sie nahmen scheinbar tief betrübt an deiner Trauer teil , fühlten sich aber im Herzen glücklich darüber . Sie gaben dir in inniger Teilnahme und scheinbar gut meinend , einen schlechten Rat , und kamst du durch die Befolgung desselben zu Schaden , so wußten sie die Schuld auf dich zu schieben und höhnten dich innerlich aus . Schau jetzt hinunter zu ihnen ! Ja , sie drücken sich innig die Hände , und ihre Gesichter glänzen in Freundschaftswonne ; aber dabei denkt ein jeder in seinem Innern , daß er hinüberkomme , die andern aber nicht . Denen , welche unter dem Zeichen Kerem stehen , ist der Himmel verschlossen ! Sprich weiter ! « » Es naht eine unabsehbare Menge , welcher ein Panier mit dem Worte Hakk117 vorangetragen wird . In ihr scheinen alle Stände vertreten zu sein , denn ich sehe unter ihnen Hoch und Niedrig , Reich und Arm , Gelehrt und Ungelehrt , Fürsten , Beamte , Krieger , Kaufleute , Bauern , Handwerker und sogar auch Bettler . Sie kommen getrost und wohlgemut heran , mit festen , sicheren Schritten und unbeirrten Blicken . Die Gewißheit , daß sie die Brücke in kräftigem Marsche überschreiten werden , ist ihnen allen anzusehen . « » Warte , bis sie an die Wage kommen , wie sie da so ganz anders blicken und angstvoll weiterschleichen werden , « sagte die Stimme Ben Nurs . » Sie folgen dem Banner ihrer vermeintlichen Rechte ; aber sie meinen damit nicht die Menschenrechte , die ihnen von Gott für die Erde verliehen waren , sondern die von ihnen selbst erfundenen . Sie sind nicht das , wofür sie sich ausgeben , sondern das genaue Gegenteil davon , nämlich Aufrührer und Empörer . Mit diesem Worte Aufruhr meine ich nicht die Verschwörung gegen irdische Herrscherthrone , sondern die Auflehnung gegen göttliche und von Gott geheiligte menschliche Gesetze . Es geht über die Erde eine ununterbrochene Revolution gegen diese Gebote , hier in still wühlender Verborgenheit , da in sichtbarer , immer weiter greifender Gärung und dort in offener , gewaltthätiger Angriffsweise . Die Menschen haben verlernt , zu gehorchen ; sie wollen alle befehlen . Der Reiche verlangt von Goldes Gnaden und der Bettler auf Befehl der Mildthätigkeit Gehorsam . Der Arbeitgeber stützt sich auf das Recht seines Unternehmungsgeistes , seines kaufmännischen Talentes und der Arbeiter auf den Wert seiner Geschicktheit und seiner Fäuste . Die Großen der Erde betonen die Vorrechte der Geburt , und die andern heben dagegen ihre persönlichen Errungenschaften hoch empor . Hier dieser fordert in seinem eigenen Interesse Gehorsam für im Laufe von Jahrhunderten bewährte Einrichtungen und dort jener verlangt aus demselben Grunde , daß man den Anforderungen der Neuzeit folgsam sei . Es werden neue Rechte und neue Pflichten angefertigt , denen man wohlklingende Namen giebt . Da wird von einem Rechte auf Gleichheit in den verschiedensten Beziehungen gesprochen , von einem Rechte des freien Denkens , der Arbeit , des Lohnes , der Verbindung und Verbrüderung . Jeder stellt sich kampfbereit , um grad das Recht , welches er für das seinige hält , zu verteidigen , und erkennt dabei nicht , daß in dieser Verteidigung schon der Angriff gegen andere Rechte liegt . So wirkt einer gegen den andern , und die eigentliche , wirkliche Wahrheit ist doch , daß sie alle unrecht haben . Denn nach Gottes Ratschluß besitzt der Mensch nur ein einziges Recht und nur eine einzige Pflicht , nämlich das Recht und die Pflicht der Liebe . Wie aber steht es bei euch damit im Erdenleben ? Giebt es einen einzigen Menschen , welcher auf dieses Recht der Liebe verzichtet ? Und wie viele aber sind es , welche , wie Gott es doch gebietet , ihr ganzes Leben der Pflicht der Liebe weihen ? Schau sie an , die da vorüberziehen . Sie alle haben nach Gerechtigkeit geschrieen , aber keine Gerechtigkeit gegeben , weil sie keine Liebe besaßen . Sie haben gesprochen und geschrieben , gestritten und gebrüllt für ihre einander widerstreitenden , einander aufhebenden Rechte ; sie haben gehadert gegen die Menschen und gegen Gott , von welchem sie mit erhöhter Stimme Gerechtigkeit verlangten , wobei sie ihm aber sein Recht , den Glauben an ihn und die Liebe zu ihm , verweigerten . Und nun kommen sie sogar hier mit derselben Forderung herangeschritten : Sie verlangen die Seligkeit als ihr Recht ; sie bringen das große Ausrufungszeichen nach Gottes Gerechtigkeit getragen und ahnen nicht , daß sie dort an der Wage nach der ihrigen gewogen werden . Sie haben sich gegen sein großes Gesetz der Liebe empört , ihm den Gehorsam verweigert , ihm den Glauben versagt , ihn verleugnet und aus ihrem Leben gestrichen , und nun übt er dasselbe Recht wie bisher sie , nämlich sie ebenso nicht zu kennen , wie sie ihn nicht gekannt haben . Sie sind vorüber . Wer kommt jetzt ? « » Ich sehe die schöne Inschrift Muhabba118 . Die , welche hinter ihr schreiten , sind sicher für die Seligkeit bestimmt ; denn du hast ja soeben Liebe gefordert . Ich unterscheide - - - « » Schweig ! Schweig von ihnen ! « unterbrach ihn Ben Nur streng . » Die , welche jetzt an dir vorüberziehen , sind entweder Abgötter oder Götzendiener gewesen , eins von beiden , weiter nichts ! Das sind die Väter , die Mütter , welche nur einen einzigen Gegenstand für ihre Liebe , ihren Sohn oder ihre Tochter kannten . Das sind die Männer , welche ihre Frauen vergötterten , und die Frauen , welche ihre Männer anbeteten . Die Liebe , welche nur auf eine einzige Person gerichtet ist , ist keine Liebe , sondern das häßliche , abstoßende Narrbild derselben . Schau die Mütter , welche als Sklavinnen vor den Füßen ihrer Töchter knieen , und die Gatten , welche sich von den heißgeliebten , angebeteten Füßen in den Staub treten lassen ! Der nichtigste Wunsch der vergötterten Lippen setzt sie in Galopp , während sie zur Erfüllung göttlicher Gebote oder für das Wohl ihres Nächsten kaum einen langsamen Schritt übrig haben . Wie sie auf jedes Wörtchen lauschen und sich bei der geringsten Trennung sehnen ! Wie sie arbeiten und sich sorgen , sich ganz hingeben , sich aufopfern , bis sie am Charakter vollständig zum Schatten geworden sind ! Für den aber , dem sie alles , alles verdanken , was ihnen gegeben worden ist , und dem sie dafür gehören für Zeit und Ewigkeit , für den haben sie keine Handreichung ! Und wenn er dann in seinem heiligen Zorne , um diesem Götzendienste ein Ende zu machen , den Gegenstand dieser Narretei aus dem Leben nimmt , welch ein Stöhnen und Jammern ist da zu hören und welche Verzweiflung , die sich selbst Vernichtung wünscht , zu sehen ! Wer in dieser Weise einen Menschen höher setzt als Gott , der wird sich dort an der Wage und dann an der Brücke auch nur auf diesen Menschen , nicht aber auf Gott zu verlassen haben ; das ist die unerschütterliche Gerechtigkeit , welche den Gegenstand der Sünde zum Mittel der Bestrafung macht ! Nun schau hinab auch zu den so heiß angebeteten Idolen . Sie wurden so lange verehrt und bedient , bis ihnen das als ganz selbstverständlich vorkam , und so ließen sie sich in dem Bewußtsein , ganz erstaunliche Vorzüge zu besitzen , weiter bedienen und weiter bewundern . So wurden sie zum Hochmute und zur Selbstüberhebung geführt . Da sie nichts zu thun hatten , als sich lieben und anbeten zu lassen , wurden sie körperlich und geistig träge , und waren je länger desto weniger imstande , ihre irdischen Pflichten zu erfüllen und sich gar noch mit Gedanken über das Jenseits zu befassen . Sie wurden geistig totgeliebt und geistig totgepflegt ; ihre Kräfte schwanden immer mehr und mehr , bis von ihnen nichts übrig blieb als nur auch ein Schatten ihrer selbst , der aber immer noch angebetet sein wollte und jetzt in der stolzen Ueberzeugung hier vorüberschreitet , daß ihm ein Sitz ersten Ranges im Himmel sicher sei . Sie haben aber ihr Gutes schon auf Erden genossen , und Götzenbilder kennt das Jenseits nicht ! Weiter ! « Der Blinde fuhr fort : » Es kommt ein stolzer Zug daher , dem die Inschrift Hanahhn ! 119 hoch und weithin sichtbar vorangetragen wird . Diese Leute gehen stolz , mit majestätischen Schritten und sieghaften Mienen . Ueber ihre Gesichter breitet sich das Bewußtsein der Würde und Erhabenheit . Auch sie scheinen verschiedenen Ständen anzugehören , und obwohl sie langsam schreiten , sehe ich doch , daß jeder von ihnen bemüht ist , den andern voranzukommen . Das müssen hohe Herren sein , die sicher nicht erwarten , zu leicht befunden zu werden . « » Ja , sie waren Herrscher auf Erden , Herrscher auf verschiedenen Gebieten , haben sich aber auf dem Wege zur Wage der Gerechtigkeit zusammenfinden müssen . Da sind Fürsten , welche über Länder und Völker regierten , aber nicht einmal sich selbst beherrschen konnten . Da sind allerlei Würdenträger , welche der ihnen von Gott anvertrauten Würde nicht würdig waren . Da sind hohe Gelehrte , Koryphäen der Wissenschaft , welche sich für Erb- und Gerichtsherren der Weisheit hielten und sich gegen die Einsicht sträubten , daß alles irdische Wissen und Erkennen Stückwerk ist und nur der Glaube zur Wahrheit und Vollkommenheit führt . Da sind die Paschas und Sultane des Mammons , welche von ihren protzenden Thronen aus die Unbemittelten knechteten und in Fesseln schlugen , ohne zu ahnen , daß sie selbst die Fesseln der niedrigsten Knechtschaft trugen , die es auf Erden giebt : die aus Goldbarren geschmiedeten Handschellen , die erwürgenden Zugstricke des Geldsackes . Da sind die Genies , welche ihre herrlichen Geistesgaben nur brauchten , um gegen den zu kämpfen , der sie ihnen lieh , auch die Künstler , denen die Mahnung , daß die wahre , echte Kunst himmelan zu streben hat , nur lächerlich war . Da sind die Herren der Feder , der Litteratur , die Zeitungsmonarchen , welche unter ihrer sechsten Weltmacht die Macht ihres eigenen Einflusses , die Wirkungskraft nur ihrer Zwecke verstanden . Da sind die Helden der Phrase , die Redner des Volkes , die Sprecher der Parlamente , die ihre Schlagworte wie platzende Bomben , das Göttliche verneinend , zerstörend in die Versammlungen warfen , unbekümmert darum , daß sie dafür dereinst das zermalmende Richterwort treffen werde , von welchem geschrieben steht : denn das Wort Gottes ist wie ein Hammer , der Felsen zerschmettert ! Sie alle , alle , die ich dir jetzt bezeichnete , haben ihre eigene , zufällige oder angemaßte Macht an die Stelle der Macht der Liebe gesetzt und werden nun dort an der Wage zu ihrem Schrecken erfahren , daß alle diese von ihnen mißbrauchte Gewalt nicht imstande ist , die ewige Gerechtigkeit auch nur um das Tausendstel eines Haares breit zu ihren Gunsten zu neigen . Fahre fort in deinem Berichte ! « » Die jetzt kommen , folgen einem Banner , auf welchem Schatahra120 zu lesen ist . « » Sprich nicht weiter von ihnen ; ich sehe sie ! Das sind die irdisch Klugen , welche sich hüteten , mit ihrem Glauben offen hervorzutreten ; ihr Vorteil verbot ihnen dies . Auch sind die Schamvollen dabei , welche befürchteten , sich lächerlich zu machen . Ich sage dir , es giebt sogar Menschen , welche wohl beten möchten ,