unser Freund Stechlin daraus schöpfen ? Er wird denken : heute dir , morgen mir . « » Du sollst in allem recht haben , Armgard , nur nicht in diesem letzten . Schließlich weiß doch jeder , was er gilt , ob er geliebt wird oder nicht , vorausgesetzt , daß er ein Gentleman und nicht ein Gigerl ist . Aber Gentleman . Da hab ich wieder die Einhake-Öse für England . Das Schönheitskapitel ist erledigt , war ohnehin nur Caprice . Von all dem andern aber , das schließlich doch wichtiger ist , wissen wir noch immer so gut wie gar nichts . Wie war es im Tower ? Und hab ich recht behalten mit Traitors Gate ? « » Nur in einem Punkt , Gräfin , in Ihrem Mißtrauen gegen meine Phantasie . Die versagte da total , wenn es nicht doch vielleicht an der Sache selbst , also an Traitors Gate , gelegen hat . Denn an einer anderen Stelle konnt ich mich meiner Phantasie beinah berühmen und am meisten da , wo ( wie mir übrigens nur zu begreiflich ) auch Sie persönlich mit soviel Vorliebe verweilt haben . « » Und welche Stelle war das ? « » Waltham Abbey . « » Waltham Abbey ? Aber davon weiß ich ja gar nichts . Waltham Abbey kenn ich nicht , kaum dem Namen nach . « » Und doch weiß ich bestimmt , daß mir Ihr Herr Papa gerade am Abend vor meiner Abreise sagte : Das muß Melusine wissen ; die weiß ja dort überall Bescheid und kennt , glaub ich , Waltham Abbey besser als Treptow oder Stralau . « » So bilden sich Renommees « , lachte Melusine . » Der Papa hat das auf gut Glück hin gesagt , hat bloß ein beliebiges Beispiel herausgegriffen . Und nun diese Tragweite ! Lassen wir das aber und sagen Sie mir lieber : was ist Waltham Abbey ? Und wo liegt es ? « » Es liegt ganz in der Nähe von London und ist eine Nachmittagsfahrt , etwa wie wenn man das Mausoleum in Charlottenburg besucht oder das in der Potsdamer Friedenskirche . « » Hat es denn etwas von einem Mausoleum ? « » Ja und nein . Der Denkstein fehlt , aber die ganze Kirche kann als ein Denkmal gelten . « » Als ein Denkmal für wen ? « » Für König Harald . « » Für den , den Editha Schwanenhals auf dem Schlachtfelde von Hastings suchte ? « » Für denselben . « » Ich habe während meiner Londoner Tage das Bild von Horace Vernet gesehn , das den Moment darstellt , wo die schöne Col de Cygne zwischen den Toten umherirrt . Und ich erinnre mich auch , daß zwei Mönche neben ihr herschritten . Aber weiter weiß ich nichts . Und am wenigsten weiß ich , was daraus wurde . « » Was daraus wurde - das ist eben der Schlußakt des Dramas . Und dieser Schlußakt heißt Waltham Abbey . Die Mönche , deren Sie sich erinnern und die da neben Editha herschritten , das waren Waltham-Abbey-Mönche , und als sie schließlich gefunden hatten , was sie suchten , legten sie den König auf dichtes Baumgezweig und trugen ihn den weiten Weg bis nach Waltham Abbey zurück . Und da begruben sie ihn . « » Und die Stätte , wo sie ihn begruben , die haben Sie besucht ? « » Nein , nicht sein Grab ; das existiert nicht . Man weiß nur , daß man ihn dort überhaupt begrub . Und als ich da , die Sonne ging eben unter , in einem uralten Lindengange stand , zwischen Grabsteinen links und rechts , und das Abendläuten von der Kirche her begann , da war es mir , als käme wieder der Zug mit den Mönchen den Lindengang herauf , und ich sah Editha und sah auch den König , trotzdem ihn die Zweige halb verdeckten . Und dabei ( wenn auch eigentlich der Papa schuld ist und nicht Sie , Gräfin ) gedacht ich Ihrer in alter und neuer Dankbarkeit . « » Und daß Sie mich besiegt haben . Aber das sage nur ich . Sie sagen es natürlich nicht , denn Sie sind nicht der Mann , sich eines Sieges zu rühmen , noch dazu über eine Frau . Waltham Abbey kenn ich nun , und an Ihre Phantasie glaub ich von heut an , trotzdem Sie mich mit Traitors Gate im Stiche gelassen . Daß Sie nebenher noch , und zwar Armgard zu Ehren , in Martins le Grand waren , dessen bin ich sicher und ebenso , daß Sie Papas einzige Forderung erfüllt und der Kapelle Heinrichs des Siebenten Ihren Besuch gemacht haben , diesem Wunderwerk der Tudors . Welchen Eindruck hatten Sie von der Kapelle ? « » Den denkbar großartigsten . Ich weiß , daß man die herabhängenden Trichter , die sie Tromben nennen , unschön gefunden hat , aber ästhetische Vorschriften existieren für mich nicht . Was auf mich wirkt , wirkt . Ich konnte mich nicht satt sehen daran . Trotzdem , das Eigentlichste war doch noch wieder ein andres und kam erst , als ich da zwischen den Sarkophagen der beiden feindlichen Königinnen stand . Ich wüßte nicht , daß etwas je so beweglich und eindringlich zu mir gepredigt hätte wie gerade diese Stelle . « » Und was war es , was Sie da so bewegte ? « » Das Gefühl : Zwischen diesen beiden Gegensätzen pendelt die Weltgeschichte . Zunächst freilich scheinen wir da nur den Gegensatz zwischen Katholizismus und Protestantismus zu haben , aber weit darüber hinaus ( weil nicht an Ort und Zeit gebunden ) haben wir bei tiefer gehender Betrachtung den Gegensatz von Leidenschaft und Berechnung , von Schönheit und Klugheit . Und das ist der Grund , warum das Interesse daran nicht ausstirbt . Es sind große Typen , diese feindlichen Königinnen . « Beide Schwestern schwiegen . Dann sagte Melusine , der daran lag , wieder ins Heitere hinüberzulenken : » Und nun , Armgard , sage , für welche von den beiden Koniginnen bist du ? « » Nicht für die eine und nicht für die andre . Nicht einmal für beide . Gewiß sind es Typen . Aber es gibt andre , die mir mehr bedeuten , und , um es kurz zu sagen , Elisabeth von Thüringen ist mir lieber als Elisabeth von England . Andern leben und der Armut das Brot geben - darin allein ruht das Glück . Ich möchte , daß ich mir das erringen könnte . Aber man erringt sich nichts . Alles ist Gnade . « » Du bist ein Kind « , sagte Melusine , während sie sich mühte , ihrer Bewegung Herr zu werden . » Du wirst noch Unter den Linden für Geld gezeigt werden . Auf der einen Seite die Mädchen von Dahomey , auf der andern du . « Stechlin ging . Armgard gab ihm das Geleit bis auf den Korridor . Es war eine Verlegenheit zwischen beiden , und Woldemar fühlte , daß er etwas sagen müsse . » Welche liebenswürdige Schwester Sie haben . « Armgard errötete . » Sie werden mich eifersüchtig machen . « » Wirklich , Comtesse ? « » Vielleicht ... Gute Nacht . « Eine halbe Stunde später saß Melusine neben dem Bett der Schwester , und beide plauderten noch . Aber Armgard war einsilbig , und Melusine bemerkte wohl , daß die Schwester etwas auf dem Herzen habe . » Was hast du , Armgard ? Du bist so zerstreut , so wie abwesend . « » Ich weiß es nicht . Aber ich glaube fast ... « » Nun was ? « » Ich glaube fast , ich bin verlobt . « Sechsundzwanzigstes Kapitel Und was die jüngere Schwester der älteren zugeflüstert hatte , das wurde wahr , und schon wenige Tage nach diesem ersten Wiedersehn waren Armgard und Woldemar Verlobte . Der alte Graf sah einen Wunsch erfüllt , den er seit lange gehegt , und Melusine küßte die Schwester mit einer Herzlichkeit , als ob sie selber die Glückliche wäre . » Du gönnst ihn mir doch ? « » Ach , meine liebe Armgard « , sagte Melusine , » wenn du wüßtest ! Ich habe nur die Freude , du hast auch die Last . « An demselben Abende noch , wo die Verlobung stattgefunden hatte , schrieb Woldemar nach Stechlin und nach Wutz ; der eine Brief war so wichtig wie der andre , denn die Tante-Domina , deren Mißstimmung so gut wie gewiß war , mußte nach Möglichkeit versöhnlich gestimmt werden . Freilich blieb es fraglich , ob es glücken würde . Zwei Tage später waren die Antwortbriefe da , von denen diesmal der Wutzer Brief über den Stechliner siegte , was einfach daran lag , daß Woldemar von Wutz her nur Ausstellungen , von Stechlin her nur Entzücken erwartet hatte . Das traf aber nun beides nicht zu . Was die Tante schrieb , war durchaus nicht so schlimm ( sie beschränkte sich auf Wiederholung der schon mündlich von ihr ausgesprochenen Bedenken ) , und was der Alte schrieb , war nicht so gut oder doch wenigstens nicht so der Situation angepaßt , wie ' s Woldemar gewärtigte . Natürlich war es eine Beglückwünschung , aber doch mehr noch ein politischer Exkurs . Dubslav litt als Briefschreiber daran , gern bei Nebensächlichkeiten zu verweilen und gelegentlich über die Hauptsache wegzusehn . Er schrieb : » Mein lieber Woldemar . Die Würfel sind nun also gefallen ( früher hieß es alea jacta est , aber so altmodisch bin ich denn doch nicht mehr ) , und da zwei Sechsen obenauf liegen , kann ich nur sagen : ich gratuliere . Nach dem Gespräch übrigens , das ich am 3. Oktober morgens mit Dir führte , während wir um unsern Stechliner Springbrunnen herumgingen ( seit drei Tagen springt er nicht mehr ; wahrscheinlich werden die Mäuse das Röhrenwerk angeknabbert haben ) - seit jenem Oktobermorgen hab ich so was erwartet , nicht mehr , aber auch nicht weniger . Du wirst nun also Karriere machen , glücklicherweise zunächst durch Dich selbst und dann allerdings auch durch Deine Braut und deren Familie . Graf Barby - mit Rübenboden im Magdeburgischen und mit Mineralquellen im Graubündischen - , höher hinauf geht es kaum , Du müßtest Dich denn bis ins Katzlersche verirren . Armgard ist auch schon viel , aber Ermyntrud doch mehr und für den armen Katzler jedenfalls zuviel . Ja , mein lieber Woldemar , Du kommst nun also zu Vermögen und Einfluß und kannst die Stechlins wieder raufbringen ( gestern war Baruch Hirschfeld hier und in allem willfährig ; die Juden sind nicht so schlimm , wie manche meinen ) , und wenn Du dann hier einziehst und statt der alten Kate so was in Chateaustil bauen läßt und vielleicht sogar eine Fasanenzucht anlegst , so daß erst der Post-Stephan und dann der Kaiser selbst bei Dir zu Besuch kommen kann , ja , da kannst Du möglicherweise selbst das erreichen , was Dein alter Vater , weil Feilenhauer Torgelow mächtiger war als er , nicht erreichen konnte : den Einzug ins Reichshaus mit dem freien Blick auf Kroll . Mehr kann ich in diesem Augenblick nicht sagen , auch meine Freude nicht höher spannen , und in diesem relativen Ruhigbleiben empfind ich zum erstenmal eine gewisse Familienähnlichkeit mit meiner Schwester Adelheid , deren Glaubensbekenntnis im letzten darauf hinausläuft : Kleinadel über Hochadel , Junker über Graf . Ja , ich fühle , Deinen Gräflichkeiten gegenüber , wie sich der Junker ein bißchen in mir regt . Die reichen und vornehmen Herren sind doch immer ganz eigene Leute , die wohl Fühlung mit uns haben , unter Umständen auch suchen , aber das Fühlunghalten nach oben ist ihnen schließlich doch viel , viel wichtiger . Es heißt wohl immer , wir Kleinen , wir machten alles und könnten alles , aber bei Lichte besehn , ist es bloß das alte : Du glaubst zu schieben und du wirst geschoben . Glaube mir , Woldemar , wir werden geschoben und sind bloß Sturmbock . Immer dieselbe Geschichte , wie mit Protz und Proletarier . Die Proletarier - wie sie noch echt waren , jetzt mag es wohl anders damit sein - waren auch bloß immer dazu da , die Kastanien aus dem Feuer zu holen ; aber ging es dann schief , dann wanderte Bruder Habenichts nach Spandau und Bruder Protz legte sich zu Bett . Und mit Hochadel und Kleinadel ist es beinah ebenso . Natürlich heiratet eine Ermyntrud mal einen Katzler , aber eigentlich äugt sie doch mehr nach einem Stuart oder Wasa , wenn es deren noch gibt . Wird aber wohl nich . Entschuldige diesen Herzenserguß , dem Du nicht mehr Gewicht beilegen mußt , als ihm zukommt . Es kam mir das alles so von ungefähr in die Feder , weil ich grade heute wieder gelesen habe , wie man einen von uns , der durch Eintreten eines Ippe-Büchsenstein hätte gerettet werden können , schändlich im Stich gelassen hat . Ippe-Büchsenstein ist natürlich nur Begriff . Alles in allem : ich habe zu Dir das Vertrauen , daß Du richtig gewählt hast und daß man Dich nicht im Stiche lassen wird . Außerdem , ein richtiger Märker hat Augen im Kopf und is beinah so helle wie ' n Sachse . Wie immer Dein alter Vater Dubslav von Stechlin . « Es war Ende November , als Woldemar diesen Brief erhielt . Er überwand ihn rasch , und am dritten Tag las er alles schon mit einer gewissen Freudigkeit . Ganz der Alte ; jede Zeile voll Liebe , voll Güte , voll Schnurrigkeiten . Und eben diese Schnurren , trafen sie nicht eigentlich auch den Nagel auf den Kopf ? Sicherlich . Was aber das beste war , sosehr das alles im allgemeinen passen mochte , auf die Barbys paßte so gut wie nichts davon ; die waren doch anders , die suchten nicht Fühlung nach oben und nicht nach unten , die marchandierten nicht mit links und nicht mit rechts , die waren nur Menschen , und daß sie nur das sein wollten , das war ihr Glück und zugleich ihr Hochgefühl . Woldemar sagte sich denn auch , daß der Alte , wenn er sie nur erst kennengelernt haben würde , mit fliegenden Fahnen ins Barbysche Lager übergehen würde . Der alte Graf , Armgard und vor allem Melusine . Die war genau das , was der Alte brauchte , wobei ihm das Herz aufging . Den Weihnachtsabend verbrachte Woldemar am Kronprinzenufer . Auch Wrschowitz und Cujacius - von denen jener natürlich unverheiratet , dieser wegen beständiger Streiterei von seiner Frau geschieden war - waren zugegen . Cujacius hatte gebeten , ein Krippentransparent malen zu dürfen , was denn auch , als es erschien , auf einen Nebentisch gestellt und allseitig bewundert wurde . Die drei Könige waren Porträts : der alte Graf , Cujacius selbst und Wrschowitz ( als Mohrenkönig ) ; letzterer , trotz Wollhaar und aufgeworfener Lippe , von frappanter Ähnlichkeit . Auch in der Maria suchte man nach Anlehnungen und fand sie zuletzt ; es war Lizzi , die , wie so viele Berliner Kammerjungfern , einen sittig verschämten Ausdruck hatte . Nach dem Tee wurde musiziert , und Wrschowitz spielte - weil er dem alten Grafen eine Aufmerksamkeit zu erweisen wünschte - die Polonäse von Oginski , bei deren erster , nunmehr um siebzig Jahre zurückliegenden Aufführung , einem alten on dit zufolge , der polnisch gräfliche Komponist im Schlußmomente sich erschossen haben sollte . Natürlich aus Liebe . » Brav , brav « , sagte der alte Graf und war , während er sich beinah überschwenglich bedankte , so sehr aus dem Häuschen , daß Wrschowitz schließlich schelmisch bemerkte : » Den Piffpaffschluß muß ich mir versagen , Herr Graff , trotzdem meine Vererrung « ( Blick auf Armgard ) » serr groß ist , fast so groß wie die Vererrung des Herrn Graffen vor Graff Oginski . « So verlief der Heiligabend . Schon vorher war man übereingekommen , am zweiten Feiertage zu dritt einen Ausflug nach Stechlin zu machen , um dort die künftige Schwiegertochter dem Schwiegervater vorzustellen . Noch am Christabend selbst , trotzdem Mitternacht schon vorüber , schrieb denn auch Woldemar einige Zeilen nach Stechlin hin , in denen er sich samt Braut und Schwägerin für den zweiten Feiertagabend anmeldete . Rechtzeitig trafen Woldemars Zeilen in Stechlin ein . » Lieber Papa . Wir haben vor , am zweiten Feiertage mit dem Spätnachmittagszuge von hier aufzubrechen . Wir sind dann um sieben auf dem Granseer Bahnhof und um neun oder nicht viel später bei Dir . Armgard ist glücklich , Dich endlich kennenzulernen , den kennenzulernen , den sie seit lange verehrt . Dafür , mein lieber Papa , hab ich Sorge getragen . Graf Barby , der nicht gut bei Wege ist , was ihn hindert mitzukommen , will Dir angelegentlich empfohlen sein . Desgleichen Gräfin Ghiberti , die uns als Dame d ' honneur begleiten wird . Armgard ist in Furcht und Aufregung wie vor einem Examen . Sehr ohne Not . Kenn ich doch meinen Papa , der die Güte und Liebe selbst ist . Wie immer Dein Woldemar . « Engelke stand neben seines Herrn Stuhl , als dieser die Zeilen halblaut , aber doch in aller Deutlichkeit vorlas . » Nun , Engelke , was sagst du dazu ? « » Ja , gnäd ' ger Herr , was soll ich dazu sagen . Es is ja doch , was man so ' ne gute Nachricht nennt . « » Natürlich is es ' ne gute Nachricht . Aber hast du noch nicht erlebt , daß einen gute Nachrichten auch genieren können ? « » Jott , gnäd ' ger Herr , ich kriege keine . « » Na , denn sei froh ; dann weißt du nicht , was gemischte Gefühle sind . Sieh , ich habe jetzt gemischte Gefühle . Da kommt nun mein Woldemar . Das is gut . Und da bringt er seine Braut mit , das is wieder gut . Und da bringt er seine Schwägerin mit , und das is wahrscheinlich auch gut . Aber die Schwägerin ist eine Gräfin mit einem italienischen Namen , und die Braut heißt Armgard , was doch auch schon sonderbar ist . Und beide sind in England geboren , und ihre Mutter war aus der Schweiz , von einer Stelle her , von der man nicht recht weiß , wozu sie gehört , weil da alles schon durcheinandergeht . Und überall haben sie Besitzungen , und Stechlin ist doch bloß ' ne Kate . Sieh , Engelke , das is genierlich und gibt das , was ich gemischte Gefühle nenne . « » Nu ja , nu ja . « » Und dann müssen wir doch auch repräsentieren . Ich muß ihnen doch irgendeinen Menschen vorsetzen . Ja , wen soll ich ihnen vorsetzen ? Viel is hier nich . Da hab ich Adelheiden . Natürlich , die muß ich einladen , und sie wird auch kommen , trotzdem Schnee gefallen ist ; aber sie kann ja ' nen Schlitten nehmen . Vielleicht ist ihr Schlitten besser als ihr Wagen . Gott , wenn ich an das Verdeck denke mit der großen Lederflicke , da wird mir auch nicht besser . Und dabei denkt sie , sie is was , was am Ende auch wieder gut is , denn wenn der Mensch erst denkt , es is gar nichts mit ihm , dann is es auch nichts . « » Und dann , gnäd ' ger Herr , sie is ja doch ' ne Domina und hat ' nen Rang . Und ich hab auch mal gelesen , sie sei eigentlich mehr als ein Major . « » Na , jedenfalls ist sie mehr als ihr Bruder ; so ' n vergessener Major is ein Jammer . Aber Adelheid selbst , so auf ' n ersten Anhieb , is auch bloß soso . Wir müssen jedenfalls noch wen dazu haben . Schlage was vor . Baron Beetz und der alte Zühlen , die die besten sind , die wohnen zu weit ab , und ich weiß nicht , seit wir die Eisenbahnen haben , laufen die Pferde schlechter . Oder es kommt einem auch bloß so vor . Also die guten Nummern fallen aus . Und da sind wir denn wieder bei Gundermann . « » Ach , gnäd ' ger Herr , den nich . Un er soll ja auch so zweideutig sein . Uncke hat es mir gesagt ; Uncke hat freilich immer das Wort zweideutig . Aber es wird wohl stimmen . Un dann die Frau Gundermann . Das is ' ne richtige Berlinsche . Verlaß is auf ihm nich und auf ihr nich . « » Ja , Engelke , du sollst mir helfen und machst es bloß noch schlimmer . Wir könnten es mit Katzler versuchen , aber da ist das Kind krank , und vielleicht stirbt es . Und dann haben wir natürlich noch unsern Pastor ; nu der ginge , bloß daß er immer so still dasitzt , wie wenn er auf den Heiligen Geist wartet . Und mitunter kommt er ; aber noch öfter kommt er nicht . Und solche Herrschaften , die dran gewöhnt sind , daß einer in einem fort was Feines sagt , ja , was sollen die mit unserm Lorenzen ? Er ist ein Schweiger . « » Aber er schweigt doch immer noch besser , als die Gundermannsche redt . « » Das is richtig . Also Lorenzen , und vielleicht , wenn das Kind sich wieder erholt , auch Katzler . Ein Schelm gibt mehr , als er hat . Und dann , Engelke , solche Damen , die überall rum in der Welt waren , da weiß man nie , wie der Hase läuft . Es ist möglich , daß sie sich für Krippenstapel interessieren . Oder höre , da fällt mir noch was ein . Was meinst du zu Koseleger ? « » Den hatten wir ja noch nie . « » Nein , aber Not lehrt beten . Ich mache mir eigentlich nicht viel aus ihm , indessen is und bleibt er doch immer ein Superintendent , und das klingt nach was . Und dann war er ja mit ' ner russischen Großfürstin auf Reisen , und solche Großfürstin is eigentlich noch mehr als ' ne Prinzessin . Also sprich mal mit Kluckhuhn , der soll ' nen Boten schicken . Ich schreibe gleich ' ne Karte . « Katzler sagte ab oder ließ es doch unbestimmt , ob er kommen könne , Koseleger dagegen , was ein Glück war , nahm an , und auch Schwester Adelheid antwortete durch den Boten , den Dubslav geschickt hatte : » daß sie den zweiten Feiertag in Stechlin eintreffen und soweit wie dienlich und schicklich nach dem Rechten sehn würde « . Adelheid war in ihrer Art eine gute Wirtin und stammte noch aus den alten Zeiten , wo die Damen bis zum » Schlachten « und » Aalabziehen « herunter alles lernten und alles konnten . Also nach dieser Seite hin entschlug sich Dubslav jeder Befürchtung . Aber wenn er sich dann mit einem Male vergegenwärtigte , daß es seiner Schwester vielleicht in den Sinn kommen könne , sich auf ihren Uradel oder auf die Vorzüge sechshundertjähriger märkischer » Eingesessenheit « zu besinnen , so fiel alles , was er sich in dem mit Engelke geführten Gespräch an Trost zugesprochen hatte , doch wieder von ihm ab . Ihm bangte vor der Möglichkeit einer seitens seiner Schwester » aufgesetzten hohen Miene « wie vor einem Gespenst und desgleichen vor der Kostümfrage . Wohl war er sich , ob er nun seine rote Landstandsuniform oder seinen hochkragigen schwarzen Frack anlegte , seiner eignen altmodischen Erscheinung voll bewußt , aber nebenher , was seine Person anging , doch auch wieder einer gewissen Patriarchalität . Einen gleichen Trost konnt er dem äußern Menschen seiner Schwester Adelheid nicht entnehmen . Er wußte genau , wie sie kommen würde : schwarzes Seidenkleid , Rüsche mit kleinen Knöpfelchen oben und die Sieben-Kurfürsten-Brosche . Was ihn aber am meisten ängstigte , war der Moment nach Tisch , wo sie , wenn sie sich einigermaßen behaglich zu fühlen anfing , ihre Wutzer Gesamtchaussure auf das Kamingitter zu stellen und die Wärme von unten her einzusaugen pflegte . Gleich nach sieben trafen Woldemar und die Barbyschen Damen auf dem Granseer Bahnhof ein und fanden Martin und den Stechlinschen Schlitten vor , letzterer insoweit ein Prachtstück , als er ein richtiges Bärenfell hatte , während andrerseits Geläut und Schneedecken und fast auch die Pferde mehr oder weniger zu wünschen übrigließen . Aber Melusine sah nichts davon und Armgard noch weniger . Es war eine reizende Fahrt ; die Luft stand , und am stahlblauen Himmel oben blinkten die Sterne . So ging es zwischen den eingeschneiten Feldern hin , und wenn ihre Kappen und Hüte hier und dort die herniederhängenden Zweige streiften , fielen die Flocken in ihren Schlitten . In den Dörfern war überall noch Leben , und das Anschlagen der Hunde , das vom nächsten Dorf her beantwortet wurde , klang übers Feld . Alle drei Schlitteninsassen waren glücklich , und ohne daß sie viel gesprochen hätten , bogen sie zuletzt , eine weite Kurve machend , in die Kastanienallee ein , die sie nun rasch , über Dorfplatz und Brücke fort , bis auf die Rampe von Schloß Stechlin führte . Dubslav und Engelke standen hier schon im Portal und waren den Damen beim Aussteigen behilflich . Beim Eintritt in den großen Flur war für diese das erste , was sie sahen , ein mächtiger , von der Decke herabhängender Mistelbusch ; zugleich schlug die Treppenuhr , deren Hippenmann wie verwundert und beinah verdrießlich auf die fremden Gäste herniedersah . Viele Lichter brannten , aber es wirkte trotzdem alles wie dunkel . Woldemar war ein wenig befangen , Dubslav auch . Und nun wollte Armgard dem Alten die Hand küssen . Aber das gab diesem seinen Ton und seine gute Laune wieder . » Umgekehrt wird ein Schuh draus . « » Und zuletzt ein Pantoffel « , lachte Melusine . Siebenundzwanzigstes Kapitel » Das ist eine Dame und ein Frauenzimmer dazu « , sagte sich Dubslav still in seinem alten Herzen , als er jetzt Melusine den Arm bot , um sie vom Flur her in den Salon zu führen . » So müssen Weiber sein . « Auch Adelheid mühte sich , Entgegenkommen zu zeigen , aber sie war wie gelähmt . Das Leichte , das Heitre , das Sprunghafte , das die junge Gräfin in jedem Wort zeigte , das alles war ihr eine fremde Welt , und daß ihr eine innere Stimme dabei beständig zuraunte : » Ja , dies Leichte , das du nicht hast , das ist das Leben , und das Schwere , das du hast , das ist eben das Gegenteil davon « - das verdroß sie . Denn trotzdem sie beständig Demut predigte , hatte sie doch nicht gelernt , sich in Demut zu überwinden . So war denn alles , was über ihre Lippen kam , mehr oder weniger verzerrt , ein Versuch zu Freundlichkeiten , die schließlich in Herbigkeiten ausliefen . Lorenzen , der erschienen war , half nach Möglichkeit aus , aber er war kein Damenmann , noch weniger ein Causeur , und so kam es denn , daß Dubslav mit einer Art Sehnsucht nach dem Oberförster ausblickte , trotzdem er doch seit Mittag wußte , daß er nicht kommen würde . Das jüngste Töchterchen war nämlich gestorben und sollte den andern Tag schon auf einem kleinen , von Weihnachtsbäumen umstellten Privatfriedhofe , den sich Katzler zwischen Garten und Wald angelegt hatte , begraben werden . Es war das vierte Töchterchen in der Reihe ; jede lag in einer Art Gartenbeet und hatte , wie ein Samenkorn , dessen Aufgehen man erwartet , ein Holztäfelchen neben sich , drauf der Name stand . Als Dubslavs Einladung eingetroffen war , war Ermyntrud , wie gewöhnlich , in Katzler gedrungen , der Einladung zu folgen . » Ich wünsche nicht , daß du dich deinen gesellschaftlichen Pflichten entziehst , auch heute nicht , trotz des Ernstes der Stunde . Gesellschaftlichkeiten sind auch Pflichten . Und die Barbyschen Damen - ich erinnere mich der Familie - werden gerade wegen der Trauer , in der wir stehn , in deinem Erscheinen eine besondre Freundlichkeit sehn . Und das ist genau das , was ich wünsche . Denn die Comtesse wird über kurz oder lang unsre nächste Nachbarin sein . « Aber Katzler war festgeblieben und hatte betont , daß es Höheres gäbe als Gesellschaftlichkeiten und daß er durchaus wünsche , daß dies gezeigt werde . Der Prinzessin Auge hatte während dieser Worte hoheitsvoll auf Katzler geruht , mit einem Ausdruck , der sagen zu wollen schien : » Ich weiß , daß ich meine Hand keinem Unwürdigen gereicht habe . « Katzler also fehlte . Doch auch Koseleger , trotz seiner Zusage , war noch nicht da , so daß Dubslav in die sonderbare Lage kam , sich den Quaden-Hennersdorfer , aus dem er sich eigentlich nichts machte , herbeizuwünschen . Endlich aber fuhr Koseleger vor , sein etwas verspätetes Kommen mit Dienstlichkeiten entschuldigend . Unmittelbar danach ging man zu Tisch , und ein Gespräch leitete sich ein . Zunächst wurde von der Nordbahn gesprochen , die , seit der neuen Kopenhagener Linie , den ihr von früher her anhaftenden Schreckensnamen siegreich überwunden habe . Jetzt heiße sie die » Apfelsinenbahn « , was doch