sie sich mit » Sie « an , und an einem Tische mit seinem Gesinde wollte von diesen großen Herren auch keiner mehr zum Essen niedersitzen . Da es keine Berge hierzulande gab , die Bäume in der Landschaft selten und die Kirchtürme klein und unansehnlich waren , so hätte es eigentlich nichts in die Augen Fallendes gegeben , wären nicht die Essen gewesen , die sich allerorten neugierig und gleichsam waghalsig emporreckten . Hier eine von einer Zuckerfabrik , dort von einer Ziegelei oder Brennerei . Auch auf dem Vorwerke Habeldamm gab es solch eine Esse , die zur Brennerei gehörte . Der Wirtschaftshof wurde von lauter neuen einstöckigen Gebäuden gebildet . Wie auf dem Präsentierbrett lag das ganze da , mit seinen blitzblanken , gekalkten Wänden , hellroten Ziegeldächern , mitten in den grünen Rübenfeldern , die sich bis dicht an die Gebäude zogen . Eine Feldbahn verband das Vorwerk mit dem Hauptgute Welzleben . Eine größere Bahn ging in weiter Kurve über andere Rübengüter nach der Zuckerfabrik . Diese Fabrik war , ein Aktienunternehmen der umliegenden Grundbesitzer . Etwas abseits vom eigentlichen Wirtschaftshofe lag die Wohnung der Wanderarbeiter , die » Kaserne « wie sie kurzweg bezeichnet wurde . Es war ein mäßig großes , einstöckiges Haus , » genau nach der polizeilichen Vorschrift erbaut « , wie der Inspektor nicht zu bemerken verfehlte , als er Gustav mit seinen Leuten einwies . Zu ebener Erde befanden sich zwei saalartige Räume , der größere für die Mädchen zum Wohnen und Speisen , der andere für die Männer bestimmt , ferner eine Küche mit neumodischem Herd und eine Wasch- und Spüleinrichtung . Im ersten Stock waren die Schlafräume untergebracht , die Mädchenkammer getrennt von der der Männer durch die Wohnung des » Aufsehers « wie Gustav jetzt tituliert wurde . Der Inspektor , ein jüngerer Herr , dessen Schnurrbart und schneidiger Ton keinen Zweifel darüber aufkommen ließ , daß er Reserveoffizier sei , führte Gustav in sämtlichen Räumen umher , übergab ihm den Hauptschlüssel und machte den Aufseher darauf aufmerksam , daß man sich von seiten der Gutsverwaltung für jede » Schweinerei « , die hier etwa vorkommen würde , an ihn halten werde . Gustav fand die Einrichtung , in der sie fortan hausen sollten , weit besser , als er ' s erwartet hatte . Die kasernenartige Einteilung des Hauses heimelte ihn wie eine Erinnerung an die Soldatenzeit an . Pauline hätte sich freilich mehr Traulichkeit gewünscht in ihrer Stube , die außer Bett , Schrank , Tisch und Stühlen nichts enthielt . Aber man mußte schließlich froh sein ! Hatte man doch ein Dach über sich und eine Diele unter den Füßen . - Mit dem Küchenherde konnte sie auch zufrieden sein . Gut , daß ihr die neumodischen Kochvorrichtungen vom Rittergute daheim einigermaßen bekannt waren . Der Inspektor hatte sie darauf hingewiesen , daß hier das zukünftige Feld ihrer Tätigkeit sein werde . Die Kartoffeln werde sie wöchentlich zugemessen erhalten für die » ganze Gesellschaft « . Was sie damit anfange , sei ihre Sache . » Darum können wir uns nicht auch noch scheren ; da hätten wir viel zu tun ! « hieß es in kurzer , schneidiger Ansprache . Von den Arbeitern fanden sich nicht alle sofort in die neuen Verhältnisse . Der Pole Rogalla räsonierte laut , allerdings auf polnisch , was niemandem etwas tat , weil niemand es verstand . Bedenklicher war , daß er sich weigerte , in dem gemeinsamen Männerschlafsaale zu übernachten . Häschke sprach die Vermutung aus , daß dem Polacken die gewohnte » Bucht mit den Reichskäfern « fehle . Gustav redete ein Wörtlein deutsch mit dem Polen . Rogalla suchte daraufhin zwar die gemeinsame Bettstatt auf , in der Nacht aber stahl er sich hinweg . Er mußte irgendwo eine seinem Geschmacke mehr zusagende Schlafstätte ausfindig gemacht haben . Auch einige von den Mädchen stellten sich äußerst gefährlich an . Vor allem ein Schwesternpaar Helfner . Sie stammten aus dem Armenhause . Helfners waren eine berüchtigte Familie in Halbenau . Gustav hatte sich daher längere Zeit bedacht , ob er das Schwesternpaar mitnehmen solle . Aber sie hatten die heiligsten Versprechungen gegeben , sich gut aufführen zu wollen . Jetzt fanden sie alles schlecht : die Wohnung , das Essen . Die Arbeit war ihnen zuviel . Als Gustav sie etwas scharf ' rannahm , verschwanden sie in eine Kammer und schlössen die Tür hinter sich zu . Da blieben sie und kamen nicht zur Arbeit . Gustav war ratlos . Männer zu kommandieren , das hatte er als Unteroffizier gelernt , aber mit widerspenstigen Frauenzimmern fertig werden , das war noch ein ander Ding . Pauline konnte ihm dabei nicht helfen , sie war zu weich , um ihresgleichen zu beherrschen . Da fand der Aufseher unerwartete Hilfe und Unterstützung in seiner kleinen Schwester . Schon auf der Reise hatte es sich gezeigt , daß Ernestine unter den Mädchen die Führerrolle an sich gerissen habe , obgleich sie eine der jüngsten war . Die anderen , unter denen manches bärenstarke Frauenzimmer sich befand , beugten sich doch der Energie und Klugheit dieser kleinen Person . Jetzt war Ernestine die einzige , die sich Eingang zu dem aufsässigen Schwesternpaare zu verschaffen wußte , ja , die Helfners schließlich dazu bewog , die Arbeit aufzunehmen . Eine äußerst brauchbare Zugabe für den Aufseher bildete auch Häschke . Das war ein hartgesottener Sünder , der schon durch manches enge Loch in seinem Leben hindurchgekrochen sein mochte , der mit allen Hunden gehetzt war . So einen konnte man hier gegebrauchen . Dabei war Häschkekarl ein grundgutmütiger Geselle und seinesgleichen gegenüber stets zur Hilfe bereit . Aber Häschkes freundschaftliche Gesinnung verwandelte sich sofort ins Gegenteil , wenn er es mit einem Höhergestellten zu tun hatte . Da wurde aus diesem lustigen Bruder ein mißtrauisch hämischer Geselle . Auf den Inspektor hatte Häschkekarl sofort seinen ganzen Haß geworfen . Er lag Gustav in den Ohren , daß er sich von dem » Affen « ja nichts gefallen lasse . » Der großschnäuzige Kerl « werde sie noch lange nicht » dumm machen « . Sehr schnell hatte es Häschke hingegen verstanden , sich drüben im Vorwerk beim Gesinde gute Freunde zu machen . Von dort brachte er allerhand interessante Nachrichten mit : Herr Hallstädt , der Besitzer von Welzleben , sei mehrfacher Millionär . Sein Vermögen habe er durch Rübenwirtschaft und Zuckerfabrikation gemacht . Er selbst sei ein Geizhalz , aber seine Söhne , die Offiziere waren , sorgten dafür , daß das Geld ihres Alten unter die Leute komme . - Auch über den Herrn Inspektor wußte Häschkekarl allerhand zu berichten . Den Knechten gegenüber sei der ein Wüterich , gegen die Mägde hingegen oftmals nur allzu freundlich . Im vorigen Jahre sei der Mann aber mal an den Richtigen gekommen . Ein Knecht , der nicht mit sich hatte spaßen lassen , habe hinter dem Pferdestalle eine Unterredung unter vier Augen mit dem Inspektor gehabt . Danach hätte der junge Herr acht Tage lang das Zimmer gehütet , während der Knecht auf Nimmerwiedersehen vom Hofe verschwunden sei . Die Großmagd aber , die den Inspektor gepflegt , habe ganz eigenartige Dinge über den Körperzustand des Kranken zu berichten gehabt . Die Wanderarbeiter kamen übrigens nur wenig mit dem Beamten in Berührung , mit Ausnahme von Gustav , der sich täglich bei ihm den Dienst zu holen hatte . Die Arbeiten wurden meist in Akkord gegeben . Der Stücklohn spornte selbst die Trägeren an , soviel wie möglich zu leisten . Besonders die Mädchen waren groß in ihrer Emsigkeit . Selbst das Schwesternpaar Helfner wußten die Mitarbeiterinnen , welche aus der Trägheit einzelner Mitglieder keine Einbuße erleiden wollten , zur Tätigkeit anzuhalten . Von den Männern drückte sich nur der Pole Rogalla soviel wie möglich um die Arbeit herum . Eines Tages kam ein offener Wagen von Welzleben her auf das Vorwerk zu gefahren . Das sei Herr Hallstädt , hieß es . Gustav gab gerade mit seinen Leuten auf einem großen Rübenschlage den jungen Pflanzen die erste Hacke . Herr Hallstädt ließ auf dem Wege halten und betrachtete sich das Arbeiten eine Weile . Soviel man auf die Entfernung erkennen konnte , war er ein älterer Herr mit grauem Backenbart , der eine Brille trug . Das war also der reiche Herr Hallstädt-Welzleben , ihr Brotherr ! Gustav erwartete bestimmt , der Herr werde ihn rufen lassen oder werde selbst zu ihm und den Leuten herankommen . Sie standen doch bei ihm in Brot und Arbeit , sie bestellten doch seinen Grund und Boden . Auf sein Geheiß waren sie so viele Meilen weit hierher gekommen . - Aber Herr Hallstädt-Welzleben ließ nach einer Weile weiterfahren , ohne Gruß , ohne ein Wort mit seinen Arbeitern gewechselt zu haben . Häschkekarl spuckte aus . Das war Wasser auf seine Mühle . Die Großen taugten alle nichts ; überall war es dieselbe Geschichte ! Und Gustav mußte an die Worte des Agenten Zittwitz denken : » Der eine gibt die Goldstücke , der andere seine Kräfte . Das ist ein Geschäft , klar und einfach . Alles wird auf Geld zurückgeführt . Das nennt man das moderne Wirtschaftssystem . « So ungefähr hatte der sich geäußert , und er schien recht behalten zu sollen . Jeden Sonnabend erhielt Gustav den Lohn für die Arbeit der Woche ausgezahlt . Ein Bruchteil des Geldes wurde zurückgehalten als Deckung für den Fall , daß ein Arbeiter den Dienst vorzeitig verließ . Auch Strafgelder waren vorgesehen , und im Kontrakte fehlte die Klausel nicht , daß jeder Arbeiter ohne weiteres entlassen werden könne , ohne Anspruch auf Lohn , falls er sich den Anordnungen des Arbeitgebers und seiner Beamten nicht füge . Kurz , man war , wie Häschke sich ausdrückte , » in seinem Felle lebendig verkauft « . Mit der Ernährung der Leute gab es im Anfange Schwierigkeiten . Die Feuerung war frei , Kartoffeln lieferte das Gut . Um alles übrige sollten sich die Wanderarbeiter selbst kümmern . Auf dem Vorwerke war ein Wächter angestellt , der gleichzeitig Kramhandel betrieb . Von diesem Manne hätten die fremden Arbeiter von jeher genommen , hieß es . Die Waren dieses Kleinhändlers waren schlecht , seine Preise aber um so höher . Der Mann wußte nur zu gut , daß er weit und breit keinen Konkurrenten hatte . Auf diese Weise gingen die Sparpfennige der Sachsengänger für Nahrungsmittel drauf . Gustav sah das voll Verdruß , aber was wollte man denn machen ! Da war es Häschkekarl , der Vielerfahrene , welcher Rat zu schaffen wußte . Eines Nachmittags bat er sich ein paar Stunden Urlaub aus , borgte etwas Geld von Gustav und erklärte , er wolle sich mal ein bißchen in der Gegend umsehen . Spät Abend erschien er wieder in der Kaserne , einen vollgepackten Sack auf dem Rücken schleppend . Er hatte Einkäufe gemacht . Nun legte er eine Vorratskammer an und verkaufte den Arbeitsgenossen die Waren zum Einkaufspreise . Für seine Mühe nahm er keinen Verdienst ; er erklärte , der Ärger jenes gaunerischen Krämers sei ihm Lohnes genug . Das Kochen besorgte Pauline , die nicht mit aufs Feld ging . Sie hatte Arbeit genug . Den Jungen , der jetzt ins dritte Jahr ging und schon ganz hübsch laufen konnte , hatte sie stets um sich . Das Kind mußte ihr viel ersetzen . Die junge Frau sah trübe Tage . Ein wirkliches Heim fehlte ihr . Die Arbeit zwar war nicht schlimm , daran war sie gewohnt ; aber das Zusammenleben mit so vielen Fremden störte das Glück der jungen Ehe . Von Gustav hatte sie so gut wie nichts . Früh um vier Uhr stand er auf und trieb die Leute hinaus . Den Tag über war man getrennt , er auf dem Felde , sie in der Kaserne . Oftmals kamen sie nicht einmal zum Mittagessen herein , ließen sich ' s hinaustragen aufs Feld . Abends kam er dann nach Haus , abgehetzt , sorgenvoll , mürrisch . Frau und Kind sah er nicht an , riß sich die Kleider vom Leibe , warf sich ins Bett und schlief wie ein Toter . Es gab Tage , wo man kaum ein Wort miteinander wechselte . Ganz anders hatte sie sich das Leben an seiner Seite gedacht in der Ehe . Denn wenn sie auch vorher einander nicht fremd gewesen waren , so legte Pauline als echtes Landkind , am Althergebrachten , Frommen und Ehrwürdigen festhaltend , der kirchlichen Trauung doch noch ganz besondere Wirkungen bei . Das Ehegelübde vor dem Altare , meinte sie , mache den begangenen Fehltritt gut , beglaubige ihren Bund , trage die Gewähr eines ganz besonderen Segens in sich . Nun durften sie sich mit gutem Gewissen lieb haben ; während der Genuß bisher , so süß er auch gewesen , doch immer den Nachgeschmack eines Vorwurfs gehabt hatte . In diesen Erwartungen schien sich die gute Seele getäuscht zu haben . Gustav war ihr fremder geworden , als er ihr zuvor gewesen . Wann wäre es früher jemals vorgekommen , daß er für ihre liebevolle Annäherung nur eine kurze unfreundliche Abfertigung gehabt hätte ! Sie weinte oft heimlich , auch zur Nachtzeit , wenn er mit einer selbst noch im Schlafe düster verdrossenen Miene in seinem Bette lag . Zu wecken wagte sie ihn nicht . Durch ihren Kummer wäre sie ihm nur lästig gefallen . Er war ja selbst nicht glücklich . Daß er so häßlich gegen sie war , kam nur davon her , daß er so viel Sorgen hatte . Ihm zuliebe wollte sie ja alles ertragen , selbst die Entfremdung von ihm . Pauline verschloß ihren Kummer ganz in sich , versteckte ihre Tränen vor ihm und war darauf bedacht , ihm nur ein lächelndes Angesicht zu zeigen . Aber er , in jenem Egoismus , den die Vielgeschäftigkeit und Arbeitsüberbürdung großzieht , sah weder ihr Lächeln noch die Tränen , die darunter verborgen waren . Sie sorgte dafür , daß er alles so gut finden möchte , wie sie es herzurichten imstande war : das Bett , die Kleider , das Essen . All ihre große zurückgewiesene Frauenliebe wandte sie , in Ermangelung eines besseren , den Dingen zu , die ihn umgaben . So vergingen die ersten Wochen in der Fremde . Eines Tages gab es eine unangenehme Überraschung für den Aufseher : Rogalla , der Pole , war verschwunden . Seinen Arbeitsgenossen fehlten verschiedene Kleidungsstücke , und Häschke machte die Entdeckung , daß seine Vorratskammer um eine Wurst und zwei Speckseiten ärmer war . Wo mochte der Vogel hin sein ? Das Gerücht behauptete , er habe auf einem anderen Rübengute , wo nur polnische Arbeiter in Sold waren , Arbeit angenommen . Man stellte keine Nachforschungen nach ihm an , denn er war ein liederlicher , lästiger und fauler Bursche gewesen . Mochte er bei seinesgleichen bleiben ! II. Zwei Monate waren vergangen , seit das Büttnersche Gut unter den Hammer gekommen war . Samuel Harrassowitz schaltete und waltete jetzt hier als unumschränkter Herr und Gebieter . Er hatte den alten Bauern vorläufig auf seinem ehemaligen Hofe gelassen . Er nahm auch keine Miete von den Leuten , aus dem einfachen Grunde , weil sie nichts mehr hatten , wovon sie ihm hätten Quartiergeld zahlen können . Außerdem waren die Büttners , wie er es selbst zugab , » alte brave Leute « , denen er das » Almosen gern gönnte « . - Er ließ die Felder von dem alten Manne bestellen ; auf diese Weise konnte der etwas von dem Gelde , was er noch auf Wechsel schuldete , abarbeiten . Mancherlei Veränderungen nahm der Händler in der Wirtschaft vor . Zunächst führte er die Ochsen weg ; die konnte er gerade an einer anderen Stelle gut gebrauchen . » Sie kommen schließlich auch mit Kühen aus ; was , mein guter Büttner ? « sagte er in seiner biedermännisch aufgeknöpften Weise zu dem Alten . Der Büttnerbauer erwiderte nichts hierauf . Er nahm überhaupt jeden Befehl des neuen Herrn schweigend und mit undurchdringlicher Miene hin . Nun war er also so weit gekommen , daß er mit Kühen aufs Feld fahren mußte wie die Kleingärtner und Stellenbesitzer . Als Knecht eines Fremden bestellte er jetzt den Acker , der einstmals sein gewesen . Wenn man Grimm und höllische Schmerzen aussäen könnte , was wäre da für eine Saat aufgegangen auf diesen Fluren ! - Im Obstgarten , der das Haus umgab , ließ Sam tüchtig aufräumen . Die alten Krüppel von Apfelbäumen machten zu viel Schatten und trügen ja doch nur saures Zeug , das man nicht los würde , hieß es . Die Bäume hatte der Großvater zu Anfang des Jahrhunderts gepflanzt , er war ein Obstheger gewesen , und die späteren Generationen hatten den Segen seiner Fürsorge geerntet . Jahrein , jahraus pflegten die » alten Krüppel « zu tragen , ihre harten kernigen Sorten , wie sie dem Klima angepaßt waren . Die Bäuerin hatte davon abzubacken gepflegt ; Weihnachtsäpfel hatte man gehabt , und mancher späte Apfel hielt sich bis tief ins Frühjahr hinein als angenehme Beigabe zur Alltagskost . Nun sollten die alt en treuen Stämme dran glauben . Der Bauer und Karl mußten selbst Hand anlegen , die Bäume umzusägen und die Stöcke zu roden . Der Büttnerbauer verrichtete auch dieses Werk schweigend , aber in seiner Hand schien die Säge zu knirschen , als sie sich in das spröde Holz einfraß . Toni hatte inzwischen das väterliche Haus verlassen müssen , denn Sam erklärte : So viel Mäuler dürften auf seine Kosten nicht gefüttert werden . Zudem paßte es jetzt mit der Ammenstelle . Frau Achenheim , seine Tochter in Berlin , hatte Sam zum Großvater gemacht . Toni sollte den Sprößling ernähren und wurde zu diesem Behufe eines Tages nach Berlin befördert . Und diesmal war kein Gustav zur Stelle , die Schwester zu schützen . Tonis eigenes Kind wurde Theresen übergeben , welche diesen Familienzuwachs mit geringer Freude begrüßte . Man mußte es Sam lassen , es hatte alles Art , was er unternahm . Er verstand es , im großen Stile zu verfügen . Das Kleinste , was er anordnete , schien von langer Hand vorbereitet und ordnete sich vortrefflich in das Gefüge seiner Operationen ein . Auch mit Karl Büttner hatte er seine besonderen Absichten . Zunächst ließ er es zu , daß der junge , kräftige Mann dem Vater bei der Frühjahrsbestellung half . Sobald diese besorgt war , erklärte der Händler dem Bauernsohne , daß er seine Dienste nunmehr entbehren könne , und daß er mitsamt seiner Familie auszuziehen habe . Karl war also vom väterlichen Hause und Hofe vertrieben ! Was nun beginnen ? Karl Büttner stand der Zukunft ratlos gegenüber . Er hatte nichts gelernt ; nur in der Soldatenzeit war er von der Heimat weggekommen . Einen anderen Beruf als den bäuerlichen zu betreiben , daran hatte er , als des Büttnerbauern Ältester , nie gedacht . Der Ärmste hatte es schwer . Er war um das väterliche Erbe gekommen , er wußte nicht wie ! Seine Frau machte ihm das Leben auch nicht leichter , seit er ein Bettler geworden war . Täglich bekam er jetzt von ihr zu hören , daß sie betrogen sei mit ihm . Daß er ein » dummer Karle « sei , das habe sie freilich immer gewußt , aber sie habe doch wenigstens geglaubt , einmal Bäuerin zu werden durch ihn . Nun mußte der Unglückliche ihr für diese Enttäuschung herhalten . Karl suchte eine Zeitlang nach einer Tätigkeit . Sein Suchen bestand darin , daß er ratlos umherlief und sich als Kutscher anbot . Aber man stieß sich meist an seiner starken Familie , und sein ungeschicktes Auftreten hatte auch wenig Bestechendes . Bald gab er das jedoch auf und saß nur noch , unter dem Vorgeben , in den Blättern zu suchen , in den Schenken umher . Therese , die ihm alsbald anmerkte , daß er Bier und Schnaps genieße , wurde durch diese Entdeckung auch nicht freundlicher gestimmt . In dieser Not trat wiederum Sam als Helfer auf . Er wolle ihm eine von seinen Wirtschaften in Wörmsbach verpachten , sagte er zu Karl . Karl Büttner ging nach Wörmsbach , um sich die Stelle anzusehen . Es war ein kleines Anwesen , ein elendes Überbleibsel von einem Bauerngute , welches Harrassowitz bis auf diesen Rest vereinzelt hatte . Die Gebäude waren gänzlich verfallen und drohten jeden Augenblick Einsturz . Nur noch die kahlen Lehmwände standen da , und durch diese blickte an manchen Stellen schon das Tageslicht hindurch . Was an Möbelstücken und Gerätschaften früher etwa da gewesen sein mochte , war längst herausgeschleppt . Fast ebenso schlimm wie auf dem Hofe sah es auf den Feldern aus . Das meiste war Schwarzbrache . Jahrelang hatte niemand hier bestellt . » Ein schönes Feld der Tätigkeit für einen jungen Mann , « sagte Sam . » Sie werden das schon in die Höhe bringen , Büttner , da sind Sie ganz der Mann dazu ! « - Den Pachtschilling für den ersten Termin wollte Sam gütigst stunden und zur Anschaffung von Vieh , Saatgut und Inventar Geld vorschießen . Karl Büttner war leicht zu bereden , besonders von einem wie Samuel Harrassowitz , der schon Klügere seinem Willen untertan gemacht hatte ; so wurden die beiden handelseinig . Karl siedelte also mit Weib und Kind und den wenigen Habseligkeiten , die er sein nannte , nach Wörmsbach über . Therese , die sonst nicht zu weichen Stimmungen neigte , weinte , als sie das neue Heim erblickte . Der windschiefe Giebel , die zerbrochenen , hie und da mit Papier verklebten Scheiben , das Strohdach , welches aussah wie ein struppiger Pelz , in dem die Motten sich niedergelassen ! Und erst drinnen in den Stuben : die verschimmelten Wände , die morschen Dielen , ein Herd , zwischen dessen Kacheln das Feuer durchleuchtete ! So sahen die Räume aus , in denen sie in Zukunft hausen sollten ! - * * * Eines Tages kam ein kleiner Herr nach Halbenau , begleitet von einem halbwüchsigen Bürschchen . Sie trugen sich mit Rollen , Holzkästchen , Mappen und einer langen Kette . Wo das » ehemalig Büttnersche Bauerngut « gelegen sei , fragten sie . Man wies ihnen den Weg . Sie begannen die Felder zu umschreiten , der Knabe mußte kleine Pflöckchen einschlagen und hatte die Maßkette zu ziehen . Drei Tage lang arbeiteten sie in dieser Weise , schrieben Zahlen an die Pflöckchen und machten Einzeichnungen in eine Karte . Der Mann verschwand wieder , aber seine Pfähle blieben stehen . Am Sonntag nachmittag gab es dann eine wahre Völkerwanderung nach dem Bauerngute . Die Halbenauer kamen , sich das abgesteckte Land zu besehen . Einzeln und in Gruppen schritten sie auf den Rainen und Feldwegen auf und ab . Der Büttnerbauer sah das vom Hofe aus . Die Zornader schwoll ihm . Was wollte das Volk denn hier ! Die zertrampelten das Gras und liefen womöglich über die Saaten . Er ging vor den Hof und rief den ersten besten , der ihm in den Wurf kam , an , was er hier zu suchen habe . » Ich will a Morgen a zweee kesen , morne ! « sagte der und ging seines Weges weiter . Hier sei kein öffentlicher Weg , schrie ihn der alte Mann an . » Nu , Traugott , stell d ' ch doch ne su an ! « meinte der andere , einer seiner Nachbarn . » Morne wollen se duch deine Felder eenzeln versteigern . ' s hat ja im Blattel gestanda ! « Also das war es : Vereinzelung des Gutes ! - Der alte Mann stand eine ganze Weile wie erstarrt . Dann setzte er sich langsam in Bewegung , mit schleppenden Schritten , als ziehe er eine schwere , unsichtbare Bürde hinter sich drein . Ein Trupp Dorfleute kam ihm entgegen vom Felde . Sie sprachen laut ; offenbar unterhielten sie sich über die bevorstehende Landauktion . Als sie des Alten ansichtig wurden , verstummte ihr Lärmen ; schweigend , mit verlegenen Mienen eilten sie an ihm vorüber . Dann kamen wieder zwei , ein alter und ein junger : Kaschelernst und Richard . Der Kretschamwirt blieb stehen , als er in gleicher Höhe mit seinem Schwager war . » Gu ' n Tag , Traugott ! « Kein Gegengruß erfolgte . » Du , Traugott ! « meinte Kaschelernst , scheinbar harmlos plaudernd , » dei , Korn stieht aber heuer gutt . Kreiterwetter ! das is a Staatskorn , da warn a hibsch paar Schock uf ' n Morgen kimma . Was meenst de ? nich ! « Der Büttnerbauer sagte nichts , warf aber dem Schwager einen so sprechenden Blick zu , daß der ihm unwillkürlich den Weg freimachte und ihn weitergehen ließ . Dann rief er dem Alten nach : » Du , Traugott ! zur Ernte kannst de mir helfen kimma . Ich will d ' ch och bezahl ' n. Ich mechte ' s Korn sinsten am Ende ne Herre warn , suviel stieht ' s ' n druffe . Willst de uf Erntearbeit kimma - hee ? « Der Bauer ging weiter , ohne sich umzusehen . » Nu ja , ich meene ock , Traugott ! Du weeßt am Ende noch gar niche , daß ' ch das Kornsticke dahie von Harrassowitzen gehest ha ' . ' s is a hibsches Sticke , a Schaffel a zehne gruß . Ju , ju , das ha ' ich mer genumm ' n ! Na , dacht ' ch , wenn se ' s Büttnersche Gut eemal versteigern tun , da wirscht de dir och e Sticke nahmen kennen - warum denn ne ! Da bleibt ' s duch wenigstens in der Familie . « Nun war der Alte doch stehen geblieben , mitten auf dem Wege , starr und steif , mit offenem Munde . Kaschelernst hatte das Kornstück gekauft ! - Kaschelernst im Besitze seines besten Ackers ! - » Ju ju , Traugott , das Korn is meine ! « sagte der Kretschamwirt , näher zu seinem Schwager herankommend . » Ich bedank ' mich och schienstens bei dir , daß du den Acker so schiene bestellt hast . Schienes Korn , sehr schienes Korn ! « Richard , der sich bis dahin die Hand vor den Mund gehalten hatte , platzte jetzt auf einmal heraus . Der Bauer stand da , steif wie ein Stock . Kaschelernst im Besitze dieses Kornstückes ! - Das erschien von allem , was ihm bisher widerfahren , das Ungeheuerlichste . Sein Gesicht begann sich zu verändern . Die Augen leuchteten in dunklen Lichtern , die Nüstern blähten sich auf , die Lippen hoben sich wie bei einem wilden Tiere , das sich auf den Feind stürzen will . Aus seinem Munde kam ein knurrender Laut : » Hund - Huund .... ... « Das Lachen des Neffen verstummte vor der Miene des Alten , der mit geballten Fäusten auf sie zukam . » Huund - Hunde ! Ich zerschlag ' eich de Knuchen - Ich zerschlag ' ..... « Der Sohn suchte Deckung hinter dem Rücken des Vaters . Da aber Kaschelernst es vorzog , sich in schnellster Gangart vor seinem Schwager zurückzuziehen , so war bald ein Zwischenraum zwischen Traugott Büttner und den Kaschels entstanden . Nach einiger Zeit wagten es die Braven wieder , Halt zu machen . Büttner war gleichfalls stehen geblieben und drohte keuchend mit der Faust nach jenen hinüber . » Wenn ' ch , und ich find ' d ' ch Kaschell De Knuchen zerschlag ' ' ch d ' r. Hund du ! « Der Kretschamwirt rief eine höhnische Bemerkung dagegen . Der Bauer kam ihnen von neuem nach , worauf sich das tapfere Paar abermals zurückzuziehen begann . Da bückte sich der Alte und hob Steine auf , lief ein paar Schritte , ausholend , schleuderte nach jenen . Er traf nicht , denn er war viel zu erregt , um zu zielen . Kaschelernst und Richard machten sich aus dem Staube und waren bald hinter den ersten Dorfhäusern verschwunden . Inzwischen waren die Leute auf den Vorgang aufmerksam geworden , kamen von allen Seiten herbei , um sich an dem interessanten Streit zwischen den Verwandten zu weiden . Man umstand den alten Mann . Traugott Büttner stand da mit dunkelrotem Kopfe , wirrem Haar , ohne Mütze , die er beim Laufen eingebüßt hatte , am ganzen Leibe bebend vor Wut . Er schüttelte die Fäuste noch immer nach jener Richtung , wo die Kaschels verschwunden waren . Allmählich löste sich seine Zunge . Zwischen rauhen und schrillen Tönen wechselnd , dumpf knurrend und sich überschreiend , brachte er wilde Flüche und Verwünschungen vor . Einige jüngere wollten sich schlechte Scherze erlauben mit dem alten Manne , der ganz außer Rand und Band geraten schien . Aber ein paar von seinen Altersgenossen besaßen Anstandsgefühl genug , das nicht zuzulassen . Sie suchten den Tobenden zu beruhigen , der sich inzwischen schon ganz heiser geschrien hatte , und den nur noch die Wut vor dem Zusammenbrechen bewahrte . Er wiederholte dieselben Schimpfworte immer und immer wieder , schien kaum mehr zu wissen , was er schrie . Die älteren Leute nahmen sich seiner an , führten ihn nach seinem Hause . - Die Bäuerin , die noch immer das Bett hütete , merkte wohl , daß der Bauer unwirsch und einsilbig sei , noch mehr als sonst . Aber das Unglück der letzten Zeiten war so groß gewesen , ein Schicksalsschlag hatte den anderen übertroffen , daß sie schon gar nicht mehr nach Neuem fragte . Die