Verwundung der Kleesberg vernahm , nickte er . » Die Adler meines Vaters greifen scharf ! « Fritz berichtete , daß Fräulein von Kleesberg schon am Abend fieberfrei und ohne Schmerzen gewesen wäre , nur noch » ein wenig schreckhaft und verstört « . Aber » unsere liebe Konteß « , die glücklicherweise durch das » kuraschierte Zugreifen des Malers « allem Unheil entronnen wäre , hätte sich die Sache » schwer zu Herzen genommen « und wäre den ganzen Tag mit blassem Gesicht und verweinten Augen umhergegangen . Tassilo schritt zur Treppe und sagte flüsternd : » Machen Sie keinen Lärm , damit die Damen in ihrer Ruhe nicht gestört werden . « In seinem Zimmer setzte er sich an den Schreibtisch . Es waren nur wenige Zeilen , die er an Robert richtete , um dem Bruder seine bevorstehende Vermählung mit Anna Herwegh anzuzeigen . Der Brief an Willy wuchs zu acht eng beschriebenen Seiten an . An Forbeck schrieb er : » Lieber Freund ! Es ist mir leid , daß ich Hubertus verlassen soll , ohne Ihnen die Hand zu drücken , ohne mich am Fortschritt Ihres Bildes zu erfreuen . Mit Ihrem Werke hoffe ich im Glaspalast ein erfreuliches Wiedersehen zu feiern . Was uns beide betrifft , so können Sie selbst unsere Trennung zu einer kurzen machen , wenn Sie mir die Bitte erfüllen wollen , meiner am 2. September stattfindenden Trauung als mein Zeuge beizuwohnen . Sie waren der erste , dem ich mich anvertraute . Seien Sie nun auch der erste , der mir an der Schwelle meines neuen Lebens die Hand zum Glückwunsch reicht . Eine fröhliche Hochzeit kann ich Ihnen nicht versprechen . Mein Vater und meine Geschwister werden fehlen . Es ist mir nicht gelungen , diesen Schatten von meinem Glückstag abzuwehren . Was ich gefürchtet habe , ist eingetroffen , schlimmer , als ich es mir vorstellte . Ihre schützende Hand hat heute meine Schwester vor dem Griff des Adlers bewahrt . Ich habe da droben seine Klaue gespürt . Die Wunde ist tief gegangen . Und der Adler , der heute ausflog , wird nicht der letzte sein . Der Käfig unter den Ulmen steht noch lange nicht leer . « Tassilo legte die Feder fort . So saß er lange . Dann schloß er den Brief und löschte die Lampe . Draußen rauschte der Regen , es gluckste und gurgelte um die Mauern , und mit klatschenden Schlägen peitschte der Wind die schweren Tropfen an die Fensterscheiben . Als Fritz gegen acht Uhr morgens das Frühstück brachte , fand er Tassilo schon angekleidet und zur Reise fertig . » Schläft meine Schwester noch ? « » Nein , Herr Graf , die Konteß und Fräulein von Kleesberg haben soeben um den Tee geklingelt . « Fritz hatte noch nicht ausgesprochen , als Kitty auf der Schwelle erschien , mit lose geknotetem Haar , das verhärmte Gesichtchen so weiß wie ihr Morgenkleid . » Tas ? « stammelte sie , während der Diener das Zimmer verließ . Tassilo brauchte nicht zu sprechen . Kitty sah die gepackten Koffer , die kuvertierten Briefe auf dem Schreibtisch und las in den Augen des Bruders , was seine unerwartete Heimkehr von der Jagdhütte und die plötzliche Abreise bedeutete . Mit ersticktem Schrei umklammerte sie seinen Hals . Er führte sie zum Sofa und suchte sie zu beruhigen . Während er erzählte , was er erzählen durfte , und sie mit kommenden Zeiten zu trösten suchte , brach immer wieder der fassungslose Schmerz aus ihr hervor , bald in wirren Worten , bald mit strömendem Schluchzen . Dann sprang sie auf . » Komm , Tas ! Wir wollen zu Anna . Ich muß sie sehen . Ich muß zu ihr . « Er sagte ihr , daß auch Anna Herwegh mit Mutter und Schwester noch an diesem Morgen die Reise nach München anträte . » Und ich soll euch nie wiedersehen ? Dich nicht ? Und Anna nicht ? Nein , Tas ! Das kann und darf Papa von mir nicht verlangen . Ich halte zu dir , Tas ! Da kann geschehen , was will ! Wie schön das sein wird - euer Glück sehen - immer nur euer Glück - « In Tränen erloschen ihre Worte und wieder warf sie sich an den Hals des Bruders . Er streichelte ihr schimmerndes Haar . » Aber sag ' mir , Tas ! Wie hat Anna die Nachricht aufgenommen ? Wie muß ihr bange sein in dieser Stunde ! « » Ja , Schwester , bedrückend bange ! Doch sie ist nicht ohne Trost . Sie liebt . Und Liebe ist eine feste Brücke . Vertraue ihr , und sie trägt dich über alle Tiefe , laß dich führen von ihrer Hand , und immer ist es der rechte Weg , auf den sie dich leitet . « Kitty , die blassen Wangen von Tränen überronnen , sah mit großen Augen zu ihrem Bruder auf . Es klopfte an der Tür . Und Kitty , wie aus tiefem Traum erwachend , trat zum Fenster , um ihr verweintes Gesicht zu verbergen . Fritz und der Stallbursch kamen , um die Koffer zu holen . Tassilo ging zum Schreibtisch . » Diesen Brief an Robert soll Moser mit hinaufnehmen , zur Jagdhütte . Den anderen , an Herrn Forbeck , bitt ' ich im Laufe des Vormittags zu besorgen . « Kitty machte eine jähe Bewegung . Und kaum hatten die beiden Diener das Zimmer verlassen , flog sie auf Tassilo zu . » Du hast an Herrn Forbeck geschrieben ? Warum ? « » Um mich von ihm zu verabschieden . Auch hab ' ich ihn gebeten , meiner Trauung als Zeuge beizuwohnen . « » Er ? Bei deiner Trauung ? Und ich soll fehlen ? Deine Schwester ? « In Schluchzen erstickten ihre Worte . Tassilo zog sie an seine Brust . Und da brach es aus ihr heraus : » Ach , Tas , ich bin namenlos unglücklich ! « Zitternd schmiegte sie sich in seine Arme , und in einem Sturz von Tränen löste sich ihre stürmische Erregung . Endlich richtete sie sich auf und streifte die Hände über das nasse Gesicht . » Eine Bitte noch , Tas ! Annas Bild mußt du mir lassen . Schließ nur den Koffer wieder auf ! « » Es ist nicht eingepackt . Hier liegt es schon für dich . « Er öffnete am Schreibtisch eine Lade und reichte ihr das Bild , das sie mit Küssen bedeckte . » Und diesen Brief sollst du mir besorgen . « » Für Willy ? Ich verstehe . Papa soll nicht wissen , daß du ihm geschrieben hast . Gib her ! Und Willy ist für dich , nicht wahr ? Wenn er noch schwanken sollte , bring ' ich ihn schon noch herum . Er ist ein leichtsinniges Huhn , aber ein guter Kerl . « Sie verwahrte den Brief . » Und nun komm , Tas ! Du mußt dich von Tante Gundi verabschieden . Wir wollen uns zusammennehmen , damit die Arme nicht merkt , was vorgeht . Die Erregung könnte ihr schaden . Oder weißt du noch nicht , was gestern - « » Fritz hat mir alles erzählt . « » Was sagst du , wie Tante Gundi sich benommen hat ! Geradezu großartig ! Wenn ich das getan hätte , das wäre begreiflich . Schließlich ist man nicht umsonst in Hubertus geboren . Und Herr Forbeck war in ernster Gefahr . Aber denke dir : sie ! Seit gestern seh ' ich sie mit ganz anderen Augen an . Aber komm , Tas ! « Energisch trocknete sie die Wangen , nahm das Bild unter den Arm und zog den Bruder zur Tür . Dabei merkte sie nicht , daß Tassilo sie forschend betrachtete und wie in Sorge jeden Zug ihres heiß erregten Gesichtes prüfte . Gundi Kleesberg machte , als Tassilo und Kitty in ihr Zimmer kamen , einen Versuch , sich im Bette aufzurichten . Es gelang ihr nicht . Der dick verbundene Arm , der mit einer Doppelschlinge gefesselt war , lag schwer auf der blauen Seidendecke . Die Frisur war tadellos , die Wangen hatten ihren zarten Puderflaum , die Lippen ihr gleichmäßiges Rot , die Brauen ihre tiefe Schwärze . Aber dieses Verschönerungswerk , das die Kammerfrau in aller Eile an der Patientin geübt hatte , war nicht so glücklich geraten wie sonst . Zwischen den zarten Farben lugte die welke Haut mit gelblichen Flecken hervor ; das gab dem Gesicht einen müden Ausdruck , den der bittere Zug um die Mundwinkel und der ängstliche Blick noch verschärften . Wer dieses Gesicht betrachtete , hätte glauben mögen , daß die Kleesberg nicht nur ein übel verlaufenes Abenteuer , sondern eine erschütternde Seelenkatastrophe erlebt hätte . Während Tassilo sich neben dem Bett auf einen Sessel niederließ , huschte Kitty in ihr Zimmer und stellte Annas Bild auf den Ehrenplatz , den die Photographie der Soeur supérieure mit einem dunklen Winkelchen vertauschen mußte , obwohl die unter das würdevolle Konterfei geschriebene Widmung mit den Worten endigte : » Gardez-moi la place que mon amour maternel a méritée dans votre coeur ! « Jäh erwachsende Empfindungen sind rücksichtslose Gewalttäter , die das Neue umklammern und das Alte verdrängen . Wie lange wird es dauern , und auch das Bild der schönen Schwägerin wird den Ehrenplatz wieder räumen müssen ? An die Möglichkeit eines solchen Wechsels schien Kitty in dieser Stunde nicht zu denken . Mit abgöttischer Andacht hing ihr Blick an dem Bild , und traumverloren flüsterte sie vor sich hin : » Wie glücklich er sein wird ! Wie glücklich ! « Als sie hörte , daß Tassilo sich erhob und von Tante Gundi Abschied nahm , geriet sie in Verwirrung und griff nach allerlei Dingen , bevor ihr klar wurde , daß sie einen Mantel umnehmen und die leichten Pantöffelchen mit festen Schuhen vertauschen wollte . Tassilo trat ein und zog hinter sich die Tür zu . Lange hielten sie sich umschlungen , wortlos . Endlich löste Tassilo die Arme der Schwester von seinem Hals . » Komm , gutes Kerlchen , laß uns vernünftig sein ! Und bleibe hier ! Es würde uns beiden schwer sein , vor den Leuten drunten ruhig zu erscheinen . « » Nein , Tas ! Nur in den Flur hinunter ! Ich werde die Zähne übereinanderbeißen . « » So komm ! « Wirklich , Kitty benahm sich wie eine Heldin . So ruhig , als gälte es nur eine Trennung von wenigen Tagen , schüttelte sie unter der Flurtür die Hand des Bruders . » Glückliche Reise , Tas ! Und auf Wiedersehen ! « Doch als sich der Wagen schon in Gang setzte und Tassilo unter dem Lederdach herauswinkte , streckte sie die Arme nach ihm , rannte in den Regen hinaus und sprang in den Wagen . » Aber Kind ! « » Ich bitte dich , Tas ! Nur bis zum Tor ! « Sie taumelte in dem holpernden Gefährt , kam auf Tassilos Knie zu sitzen , und als der Kutscher halten wollte , puffte sie ihn mit der Faust in den Rücken . » Vorwärts ! « Der Wagen rollte unter den triefenden Ulmen durch die Allee und machte die Adler in ihrem Käfig scheu durcheinanderflattern . Unter dem schützenden Lederdächlein hielt Kitty den Bruder umschlungen . » Ich sage dir , Tas , wenn jetzt die arme Gundi nicht krank da droben läge , ich ging mit dir . Mich brächten zehn Pferde nicht mehr aus dem Wagen ! « Da hörte sie auf der Straße das Rollen einer Kutsche . In Schreck und Erregung fuhr sie auf . » Tas ? Hörst du den Wagen nicht ? Wenn es Anna wäre ! « Tassilo sah in der Toröffnung die Köpfe zweier Schimmel auftauchen . » Ja ! Das ist ihr Wagen . « » Anna ! Anna ! Anna ! « schrie Kitty wie von Sinnen , sprang aus dem Wagen und rannte durch alle Pfützen . Draußen hielt die Kutsche . Als der Schlag sich öffnete und Anna Herwegh den Fuß auf das Trittbrett setzte , hing ihr Kitty schon am Hals und schluchzte unter Küssen : » Hab ' ihn lieb , Anna ! Hab ' ihn lieb ! Mach ihn glücklich ! Ich will dich vergöttern dafür ! « Schmerz und Erregung machten sie halb betäubt , sie hörte stammelnde Worte , ohne sie zu verstehen , fühlte Händedrücke , Umarmungen , Küsse - und als sie ihrer Sinne wieder mächtig wurde , sah sie die beiden Wagen im Regen davonrollen und gewahrte Fritz , der neben ihr stand und einen Regenschirm über ihr Köpfchen hielt , in dessen zerzausten Haaren die Wasserperlen glitzerten . » Ich bitte , Konteß , kommen Sie ! « mahnte Fritz . » Konteß werden sich einen Schnupfen zuziehen . « » Schnupfen ? « wiederholte sie gedankenlos und starrte ihn an wie ein vorsintflutliches Wundertier . Mit zitternden Händen tastete sie nach den triefenden Eisenstäben des Torgitters . Fritz wagte keine weitere Mahnung auszusprechen ; geduldig stand er und hielt den Regenschirm . Endlich richtete Kitty sich auf , nahm den Schirm und trat den Rückweg an . Fritz wollte das Tor schließen . Von der Straße rief eine Stimme : » Auflassen ! « Zwei Bauern brachten einen großen Handkarren gezogen , auf dem die beiden von Robert gestreckten Gemsböcke lagen - und der Sechzehnender , dessen mächtiges Geweih zu beiden Seiten des Karrens weit herausragte über die mit Kot behangenen Räder . Zweites Buch 1 Über der langen Kette der Berge hingen die Regenwolken , grau in blau getönt . Doch je weiter es hinausging gegen das Vorland und die Ebene , desto freundlicher wurde der Himmel . Mit sommerlichem Stillvergnügen lächelte die Morgensonne über den Lauf der Isar und über die gute Stadt München herab , machte die Knäufe der Frauentürme funkeln und vergoldete die Dächer . Unter den wenigen Passanten , die an diesem Morgen der letzten Augustwoche die breite Ludwigstraße spärlich bedeckten , fiel die hohe Gestalt eines fünfzigjährigen Mannes auf , in grauem Sommerpaletot , mit schwarzem Filzhut . Das Haar , das unter dem Hutrand hervorquoll , hatte noch tiefes Braun , während der schmale Vollbart schon eine graue Melierung zeigte . Ein gedankenvolles Lächeln , wie es starken , im Kampf mit dem Leben gefesteten Naturen eigen ist , milderte den Ernst der durchgeistigten Züge . Man würden den Künstler in ihm erraten haben , auch wenn er nicht den Weg zur Akademie genommen hätte . Weder in den jungen Parkanlagen der Akademie noch in dem prunkvollen Treppenhaus begegnete ihm eine Seele . Im obersten Stockwerk hielt er vor einer Tür , die ein kleines Porzellanschild trug - » Professor Georg Werner « - und darunter eine mit Reißnägeln befestigte Visitenkarte : » Hans Forbeck « . In dem großen Atelier , dessen Nordwand ein einziges Riesenfenster bildete , standen vier Staffeleien . Eine von ihnen trug Professor Werners jüngste Arbeit , die der Vollendung nahe war und bereits ihren Goldrahmen hatte ; ein blankes Täfelchen nannte den Namen des Künstlers und den Titel des Bildes : » Die lange Straße « . Zwischen herbstlich belaubten Feldhecken und kahlen Wiesen , hinter denen der geschlängelte Lauf eines Baches aufleuchtet , zieht eine gerade , staubige Pappelallee in endlos scheinende Ferne . Das Zwielicht eines nebligen Herbstabends liegt wie ein Schleier über der Landschaft . Nur am Horizonte glänzt ein helles Licht , als wäre in jener Ferne reiner Himmel und letzte Sonne . Auf der Straße steht ein bejahrter Mann ; er hat ein schweres Bündel zu Boden gestellt , die Last der weiten Wanderung hat ihn müde gemacht , und nun deckt er die magere Hand über die Augen und späht sehnsüchtig in jene lichte Ferne , in der ihm das Ziel und die Ruhe winkt . Werner trat vor die Staffelei . Als er nach der Palette greifen wollte , sah er auf dem Maltisch eine Depesche liegen . Er öffnete und las : » Ich bitte Dich , Werner , komm - Dein Hans ! « Betroffen sah er auf das Blatt und fuhr sich mit der Hand über die Stirn . Wie konnte der Junge bei gesunder Vernunft eine solche Depesche schicken , solch ein halbes Wort , das unruhig machen muß ? Ob er krank ist ? Und nun da draußen liegt , ohne Hilfe , ohne einen Menschen , der ihn kennt ? Im Sturmschritt zum Tor hinaus , in die nahe Wohnung , mit einer hetzenden Droschke zum Bahnhof ! Nach zweistündiger Bahnfahrt erreichte Werner die Station , von der die Sekundärbahn in die Berge abzweigte . Hier hatte er fünfzehn Minuten Aufenthalt , und das war für ihn eine schwere Geduldprobe . Zwei Züge kamen . Ein Schwarm von Reisenden , Gebirgstouristen und Landleuten suchte in dem nach München gehenden Zuge unterzukommen . Zerstreut sah Werner über das lärmende Getriebe hin , wurde aufmerksam auf einen Herrn und drängte sich durch das Leutegewühl : » Doktor Egge ! Doktor Egge ! « Tassilo streckte dem Professor die Hand entgegen . » Doktor ! Kommen Sie von Hubertus ? Sind Sie da draußen nicht mit Forbeck zusammengetroffen ? « » Gewiß ! Und ich habe - « Werner ließ ihn nicht aussprechen . » Was ist denn mit dem Jungen ? Was fehlt ihm ? Sehen Sie nur die Depesche , die er mir geschickt hat ! « Werner zerrte das Blatt heraus . Tassilo las . Eine Glocke läutete , und die Kondukteure schrien : » München ! Höchste Zeit ! « Lächelnd gab Tassilo dem Professor die Depesche zurück . » Ich glaube zu wissen , was hinter der Sache steckt . Allerdings sollte ich Ihnen die Überraschung nicht verderben . Aber ich sehe , Sie sind in Sorge . Forbeck hat ein Bild begonnen , das Aufsehen machen wird ; ich merke mich bei Ihnen gleich als Käufer vor . Es ist Feuer und Flamme für die Arbeit , und da vermute ich , daß er ungeduldig wurde und Ihr Urteil nicht mehr erwarten kann . Aber verzeihen Sie , mein Zug ! Grüßen Sie Forbeck ! Auf Wiedersehen ! « Der Zug dampfte zur Halle hinaus . Werner , von seiner Sorge erlöst , rückte den Hut und atmete auf . » Gott sei Dank ! « Gegen fünf Uhr abends erreichte er das von Wolken überlagerte Dorf , stieg beim Seewirt ab und ließ sich hinüberführen zum Brucknerhof . Der Bauer kam aus der Tür ; mit Interesse betrachtete Werner die zähe Gestalt und das bleiche , vom schwarzen Bart wie von einem Schatten umrahmte Gesicht ; Bruckner schien den prüfenden Blick mit Unbehagen zu empfinden und fragte wenig freundlich : » Was schafft der Herr ? « » Wohnt bei Ihnen Herr Forbeck aus München ? « Der Bauer nickte und schlug einen anderen Ton an . » Er is net daheim . A halbs Stündl kann ' s her sein , da is er gegen ' s Schloß aussi marschiert . Bitt , Herr , kommen S ' eini ins Haus . Ich führ Ihnen nauf in sein Stüberl . Da können S ' warten . « Bruckner gab die Tür frei , und Werner trat in den Flur . - Wenige Minuten früher , ehe Werners Einspänner an Schloß Hubertus vorübergefahren war , hatte Forbeck den Park betreten , um sich nach Fräulein von Kleesbergs Befinden zu erkundigen . Er hörte von Fritz , daß » die Sache den günstigsten Verlauf nähme « , und daß die Patientin bereits einen Teil des Nachmittags außer Bett zugebracht hätte . Wortlos gab Forbeck zwei Karten ab und trat den Rückweg an . Müden Schrittes folgte er der Ulmenallee . Ein gellender Vogelschrei weckte ihn aus seinem Brüten . Er stand vor dem Käfig , in dem die Adler mit Gier die blutige Leber des Sechzehnenders verschlangen . Jeder von ihnen hatte seinen Anteil erhascht und hielt ihn unter den gespreizten Fängen ; ein Riß mit dem Schnabel , und ein dicker Knollen bewegte sich unter Würgen langsam durch den Hals hinunter , an dem sich die Federn sträubten . Einer von den Adlern hielt in seiner Mahlzeit inne , duckte den Kopf zwischen die Flügel und spähte mit funkelndem Blick nach Forbecks Augen . Eine Erinnerung befiel ihn - ihm war , als hätte er diesen gleichen Blick vor nicht langer Zeit im Gesicht eines Menschen gesehen - diesen scharfen , mißtrauischen Falkenblick ! Er wandte sich ab . Raschen Ganges gewann er die Straße . Als er das Brucknerhaus erreichte , sah er Mali , mit dem Netterl auf den Armen , hastig gegen die Scheune gehen . Das hatte den Anschein , als wollte das Mädchen eine Begegnung mit ihm vermeiden . Dieser ihm unverständlichen Wahrnehmung nachsinnend , trat er ins Haus ; auf der Treppe hielt er betroffen inne - es war ihm vorgekommen , als hätte er in seinem Zimmer Tritte gehört . Aber als er die Stube betrat , war sie leer . Doch fiel es ihm auf , daß sein Bild , das er vor einer Stunde mit dem Tuch bedeckt hatte , unverhüllt auf der Staffelei stand . Und am unteren Rand des Bildes war ein weißer Zettel befestigt . Befremdet ging Forbeck auf die Leinwand zu und sah auf dem Zettel in einer ihm wohlbekannten festen Schrift die beiden Worte : » Goldene Medaille ! « » Werner ! « stammelte er . Da klang hinter ihm ein frohes Lachen , und als er sich umwandte , stand Werner auf der Schwelle der Schlafkammer . » Hans ! Junge ! Du hast mir einen Willkomm bereitet , wie ich ihn mir bei allem Vertrauen zu deinem Talent nicht hätte träumen lassen ! « Werner zog den Wortlosen an seine Brust und küßte ihn auf beide Wangen . Forbeck hatte den Blick eines Trunkenen . Er fühlte , daß diese Zärtlichkeit seines Lehrers für ihn ein Lob bedeutete , wie es kein Wort ihm hätte spenden können . Draußen wollte schon der Abend sinken , und dennoch wurde es plötzlich heller in der Stube . Die Wolken hatten sich geklüftet , und eine leuchtende Flut von goldrotem Sonnenschein ergoß sich über das Tal und seine Häuser . Werner war vor das Bild getreten . » Sag ' mir , Hans , wie hast du das fertigbringen können in diesen lumpigen paar Tagen ? Das muß aus dir herausgefahren sein wie ein Löwensprung ! Und wie glücklich du das gefunden hast , diesen Überschlag vom letzten Augenblick der Ruhe in den tobenden Sturm ! Wie das kämpft miteinander : das weichende Licht in seiner letzten , gesteigerten Schönheit und die anstürmenden Schatten in ihrer Wucht und Tiefe ! Und diese Landschaft ! Wo hast du nur diesen gesegneten Fleck Erde entdeckt ? Und diese Menschen ! Das Pärchen da ! Junge ! Das ist mehr als ein gelungener Diebstahl an der Natur , das ist eine künstlerische Offenbarung . Was du da gibst , das hast du in dir aus einer Tiefe herausgeholt , in die ich noch keinen Blick getan . Du hast alle Schule von dir abgeschüttelt , hast dich auf eigene Füße gestellt . Hans ! Jetzt bist du wer ! « Werner schlug seine Hand auf Forbecks Schulter und sah ihm mit glücklichem Stolz in die Augen . » Um mir das zu sagen , hättest du in deinem Telegramm etwas weniger sparsam mit den Worten sein dürfen ! Ich , in der ersten Verblüffung , glaubte , daß du krank wäret . Und jetzt ! « Er lachte . Forbeck , in dessen Augen die Freude sich umschleierte , wollte sprechen . Werner ließ ihn nicht zu Wort kommen . » Aber jetzt diesen Zettel weg ! « Er zerknüllte das Blatt , das er an die Leinwand geheftet hatte . » Weißt du , Junge , das war nur der erste Jubelschuß . Jetzt kommt der Ernst . Bis das Bild in den Rahmen taugt , wird es noch ein tüchtiges Stück Arbeit brauchen . Da sollst du keine Zeit verlieren . Unsere italienische Reise schieben wir auf , Italien läuft dir nicht davon . Aber die Stimmung , in der du das begonnen hast , die mußt du festhalten wie mit Eisen . So was verträgt keinen Riß , das will sich ausströmen in einem Zug . Morgen kutschieren wir heim nach München . « Werner lachte wieder . » Ohne ein paar Hahnenkämpfe wird es da zwischen uns nicht abgehen , denn hier , und hier , « er deutete auf verschiedene Stellen des Bildes , » da hab ' ich meine Bedenken . Aber diese Mittelgruppe ! Das bleibt . Da sollst du mir keinen Strich mehr ändern . Dieser Jäger ! Wie er dasteht in gesunder Kraft , in seiner Glückseligkeit ! Und das Mädel erst ! Wie bist du denn zu diesem Modell gekommen ? Du Sonntagskind ! Und wie du das gestellt hast ! So mitten hinein ins höchste Licht ! Dieser letzte Sonnenstrahl , der sie umschmeichelt wie ein Verliebter , scheint zu ihr sagen zu wollen : Dich hab ' ich , und dich laß ich nimmer ! Hast du für das Bild schon einen Titel gefunden ? « » Ja , Werner ! Jetzt ! « » Wie soll es heißen ? « » Der letzte Sonnenstrahl . « » Richtig , Junge ! Damit ist alles gesagt ! « Werner verstummte und sah betroffen zu Forbeck auf , der die schwimmenden Augen auf die leuchtende Mädchengestalt gerichtet hielt . » Hans ? Was ist dir ? « Forbeck hörte nicht . Ein Lächeln . » Hans ? Wer ist dieses Mädchen ? « Forbecks Stimme war rauh . » Eine Gräfin Egge . « Werner erblaßte . » Hans ? Auch du ? « Dann faßte er Forbeck an den Schultern und rüttelte ihn . » Hans ! Rede doch ! Nimm diese Sorge von mir ! « » Ich mache dir Kummer , Werner ? Vergib mir ! Das ist über mich hergefallen wie ein Sturm , mit dem Schmerz schon in der ersten Freude . « Eine Weile war Stille . » Komm , Hans ! Wir müssen in frische Luft ! Wir beide ! « Sie verließen das Haus . Es dämmerte schon im Tal . Über das zerfließende Gewölk her traf noch ein glühender Sonnengruß die Zinnen der Berge und die Almen ; alle Höhen waren so scharf beleuchtet , daß man jede Sennhütte und jeden einzelnen Felsblock deutlich unterscheiden konnte ; mit klaren Linien hob sich jeder Baum aus dem schimmernden Hintergrund , und die kahlen Felswände ragten gleich erstarrten Flammen in das tiefe Blau des sich klärenden Himmels . » Sieh , Hans , « sagte Werner , » wie schön das ist ! « Forbeck nickte . » Und siehst du über dem langgestreckten Lärchenwald den blitzenden Streif ? Das muß ein Wasserfall sein . Sieht es nicht aus , als hätten die Felsen sich gespalten wie im Märchen , um für einen Augenblick die funkelnde Schatzkammer der Zwerge vor einem erstaunten Menschenkind zu öffnen ? Und weiter oben jener seltsam geformte Felsklotz ? Gleicht er nicht einem goldgekrönten Riesenhaupt , das sich aus den Tiefen der Erde hervorhebt ? Ich sag ' s immer : Wer verstehen will , wie die Märchen wachsen , muß in die Berge gehen . « So plauderte Werner mit seinem ruhigen Lächeln weiter , jeden Reiz erfassend , den der herrliche Abend zeigte . Nur manchmal verriet ein Blick , mit dem er Forbeck streifte , daß diese äußerliche Ruhe mit der Stimmung seines Innern nicht im Einklang stand . Als sie bei Einbruch der Dunkelheit in die Nähe des Seehofes kamen , dessen Terrasse mit vergnügten Menschen besetzt war , sagte Werner : » Komm , suchen wir uns ein Plätzchen ! In mir beginnt sich das Tier zu rühren . Ich habe heut in der Eile vergessen , Mittag zu machen . « Sie fanden einen freien Tisch , und mit dem Anschein ernster Wichtigkeit studierte Werner die Speisekarte . Ringsumher die heiteren Stimmen der Gäste . Aus der Schifferschwemme hörte man die Töne einer Ziehharmonika und den stampfenden Taktschritt tanzender Paare . » Was willst du nehmen , Hans ? « » Ich kann nicht essen . « » Doch , Hans ! Das muß man ! « Wieder vertiefte Werner sich in die Speisekarte . » Aaaah ! Renken am Rost und Rebhuhn mit Rotkraut . Was sagst du zu dieser kulinarischen Alliteration ? Das sind zwei Stabreime , die es verdient hätten , von Wagner in Musik gesetzt zu werden . « Er haschte die am Tisch vorüberschießende Kellnerin . » Holde Jungfrau ! « » Nur net beleidigen ! « lachte das Mädel . » Was schaffen S ' denn ? « Werner bestellte . Während der Mahlzeit trug er die Kosten der Unterhaltung . Die Mühe , die er sich gab , um eine ruhige Stimmung zu erzwingen , war von geringem Erfolg . Schließlich schwiegen sie alle beide . Dann erhob sich Werner . » Du hast recht , Hans ! Dieser vergnügte Spektakel muß dir wie Schmerz in die Ohren gehen . Komm ! « Sie folgten der spärlich erleuchteten Promenade , die an den Ufervillen vorüberführte . Hinter den letzten Häusern endete der Weg auf einem Hügel , vor einer halbkreisförmigen Bank . Hier ließen sie sich nieder . Es war Nacht geworden . In tiefer Schwärze lag der See und spiegelte die Fensterhelle der gegenüberliegenden Häuser . » Hans ? Glaubst du , daß sie dich liebhat