gegenüber und benutzen diese Dinge zur verhundertfachten Entfaltung unserer Wildheit ... Daß mich lauter solche Gedanken quälen mußten , während ich an den Stationen auf das Weiterfahren unseres Zuges wartete - das vertiefte und verbitterte noch mein Leid . Ich beneidete fast Jene , die da nur in naivem Schmerze die Hände rangen und weinten , die sich nicht im Zorn aufbäumten gegen die ganze Schauerkomödie - die Niemanden anklagten , nicht einmal jenen » Herrn der Heerschaaren « , von dem sie doch glaubten , daß er es sei , der das hereingebrochene Unglück über sie verhängt ... Es war spät abends , als ich in Königinhof anlangte . Meine Reisegefährten hatten an einer früheren Station bleiben müssen . Ich war allein - in Furcht und Bangen . Wie , wenn Doktor Bresser verhindert worden wäre , zu kommen ? Was sollte ich dann hier beginnen ? Zudem war ich von der Fahrt wie gerädert , von den durchgemachten Trauer- und Schauerempfindungen ganz entnervt . Wäre nicht die Sehnsucht nach Friedrich gewesen , so hätte ich mir nur noch den Tod gewünscht . Sich hinlegen können und einschlafen und nie wieder erwachen in einer Welt , in der es so grausam und wahnsinnig zugeht ! ... Nur eins nicht : am Leben bleiben und Friedrich unter den Vermißten wissen ! Der Zug hielt . Mühsam und zitternd stieg ich aus und nahm mir mein Handgepäck herab . Ich führte ein Handkofferchen bei mir , mit etwas Wäsche für mich und Charpie und Verbandzeug für den Verwundeten ; außerdem eine Reise-Toilettentasche . Die hatte ich so gewohnheitsmäßig mitgenommen , in dem anerzogenen Glauben , daß man gar nicht sein könne , ohne die silbernen Büchsen und Kapseln , die Seifen und Wasser , die Bürsten und Kämme . Reinlichkeit - diese Tugend des Körpers , dasselbe , was Ehrlichkeit für die Seele - diese zweite Natur des Kulturmenschen : wie mußte ich jetzt erst erfahren , daß darauf in solchen Zeiten ganz verzichtet werden muß . Nun ja - es ist ja nur folgerichtig : der Krieg ist die Verneinung der Kultur , also müssen durch ihn alle Errungenschaften der Kultur wegfallen ; ein Rückschlag in die Wildheit ist er , also muß er alles Wilde im Gefolge haben - darunter auch jenes , dem Edelmenschen so furchtbar verhaßte Ding : den Schmutz . Die Kiste mit Material für die Spitäler , die ich in Wien für Doktor Bresser besorgt hatte , war mit den anderen Kisten des Hilfskomitees aufgegeben worden - wer weiß wann und wo dieselbe abgeliefert würde ? Ich hatte nichts bei mir , als meine zwei Stück Handgepäck und ein umgehängtes Geldtäschchen , welches mit einigen Hundertgulden-Noten gefüllt war . Schwankenden Schrittes ging ich über die Schienen nach dem Perron . Dort herrschte , trotz der späten Stunde , dasselbe Gewühle , wie auf den anderen Stationen , und immer dasselbe Bild : Verwundete - Verwundete . Nein , nicht dasselbe Bild : ärger noch . Königinhof war ein Ort , der mit diesen Unglücklichen überfüllt war ; es gab im ganzen Ort keinen unbelegten Raum , und nun hatte man die Kranken scharenweise zur Eisenbahn gebracht , wo sie , ganz notdürftig verbunden , überall umherlagen , auf der Erde , auf den Steinen ... Es war eine finstere , mondlose Nacht ; der Schauplatz war nur durch drei oder vier an Pfählen befindliche Laternen beleuchtet . Erschöpft und schlaf- , beinahe todesschlafbedürftig , sank ich auf die freie Ecke einer Bank und legte mein Gepäck vor mir auf den Boden . Ich hatte vorerst nicht den Mut , mich umzusehen , ob unter den vielen Menschen , die hier geschäftig hin und her schossen , auch Doktor Bresser sei . Fast war ich überzeugt , daß ich ihn nicht finden würde . Es gab ja zehn Chancen gegen eine , daß er verhindert worden zu kommen , oder daß er zu einer anderen als zur bezeichneten Stunde hier einträfe ; einen regelmäßigen Verkehr gab es ja überhaupt nicht mehr : mein Zug war gewiß viel später eingetroffen , als in der Fahrordnung verzeichnet stand . Ordnung : auch ein Kulturbegriff - mit dem war ja ringsum gleichfalls gebrochen ... Mein Unternehmen erschien mir jetzt als ein wahnwitziges . Dieses vermeintliche Rufen Friedrichs - glaubte ich denn sonst an derlei mystische Dinge ? - es entbehrte sicher aller Begründung . Wer weiß - vielleicht war Friedrich auf dem Weg nach Hause - vielleicht auch tot - warum suchte ich ihn hier ? Eine andere Stimme begann jetzt nach mir zu rufen , andere Arme breiteten sich mir entgegen : Rudolf , mein Sohn - wie würde der nach der » Mama « gefragt haben und nicht haben einschlafen können , ohne den mütterlichen Gutenachtkuß ... Wohin würde ich mich hier wenden , wenn ich Bresser nicht fände ? Und die Hoffnung , ihn zu finden , war mir plötzlich so gering geworden , wie unter hunderttausenden von Losen die Hoffnung auf einen Haupttreffer . Zum Glück hatte ich mein Täschchen mit dem Gelde - der Besitz von Banknoten bietet immer Auskunftsmittel . Unwillkürlich griff ich an die Stelle , wo das Täschchen hängen sollte ... Großer Gott ! Der Riemen , an welchem es befestigt gewesen , abgerissen - das Täschchen fort - verloren ! ... Welcher Schlag ! Und doch , ich brachte es zu keiner Anklage gegen das Schicksal ; ich vermochte nicht , zu jammern : » Zufall , wie hart triffst du mich , « denn in einer Zeit , wo rings das Unglück hagelte , über das eigene Unglückchen klagen , da hätte man vor sich selber sich seiner Selbstsucht schämen müssen . Und zudem : für mich gab es nur eine schreckliche Möglichkeit : Friedrichs Tod - alles Andere war nichts . Ich musterte alle Anwesenden : kein Doktor Bresser . Was nun beginnen ? An wen mich wenden ? Ich hielt einen Vorübergehenden an : » Wo kann ich den Stationschef finden ? « » Sie meinen den Dirigenten der hiesigen Krankenstation , Stabsarzt S. ? Dort steht er . « Den hatte ich zwar nicht gemeint , aber vielleicht konnte er mir Auskunft über Doktor Bresser geben . Ich näherte mich der bezeichneten Stelle . Der Stabsarzt sprach eben mit einem vor ihm stehenden Herrn : » Es ist ein Elend , « hörte ich ihn sagen . » Man hat hier und in Turnau Depots für alle Hospitäler des Kriegsschauplatzes errichtet ; die Gaben strömen massenhaft zu - Wäsche , Lebensmittel , Verbandzeug so viel man will - aber was damit beginnen ? Wie abladen - wie sortieren - wie weitersenden ? Es fehlt uns an Händen - wir würden hundert rührige Beamte brauchen - « Schon wollte ich den Stabsarzt ansprechen , als ich einen Mann auf ihn zueilen sah , in dem ich - o Freude - Doktor Bresser erkannte . In meiner Erregung fiel ich dem alten Hausfreund um den Hals . » Sie ? Sie , Baronin Tilling ? Was machen Sie denn hier ? « » Ich bin gekommen , zu helfen , zu helfen ... Ist Friedrich nicht in einem Ihrer Spitäler ? « » Ich habe ihn nicht gesehen . « War mir diese Nachricht Enttäuschung oder Erleichterung ? - Ich weiß es nicht . Er war nicht da ... also entweder tot oder unversehrt ... übrigens , Bresser konnte unmöglich alle Verwundeten der Umgebung erkannt haben - ich mußte selber alle Lazarethe absuchen . » Und Frau Simon ? « fragte ich weiter . » Die ist schon seit mehreren Stunden hier ... eine herrliche Frau ! Rasch entschlossen , umsichtig ... Jetzt ist sie eben beschäftigt , die hier liegenden Verwundeten in leerstehende Eisenbahnwaggons unterzubringen . Sie hat erfahren , daß in einem nahen Orte - in Horonewos - die Not am größten sei . Dort will sie hinfahren und ich begleite sie . « » Ich auch , Doktor Bresser ! Lassen Sie mich mitkommen . « ... » Wo denken Sie hin , Baronin Martha ? Sie , so zart und verwöhnt - derlei harte , bitterharte Arbeit - - « » Was soll ich sonst hier thun ? « unterbrach ich . » Wenn Sie mein Freund sind , Doktor , helfen Sie mir mein Vorhaben ausführen ... ich will ja Alles thun , jeden Dienst verrichten ... Stellen Sie mich der Frau Simon als freiwillige Krankenpflegerin vor und nehmen Sie mich mit - aus Barmherzigkeit , nehmen Sie mich mit ! « » Wohlan , Ihr Wille geschehe . Da ist die tapfere Frau - kommen Sie « ... Als mich Doktor Bresser zu Frau Simon geführt und mich derselben als Krankenpflegerin vorstellte , nickte sie mit dem Kopfe , wandte sich aber sogleich wieder ab , um einen Befehl zu erteilen . Ihre Züge konnte ich in dem zweifelhaften Lichte nicht erkennen . Fünf Minuten später waren wir auf der Fahrt nach Horonewos . Ein Leiterwagen , der eben von dort Verwundete gebracht , diente uns als Fahrgelegenheit . Wir saßen auf dem Stroh , das vielleicht noch blutig war von der vorigen Fracht . Der Soldat , welcher neben dem Kutscher saß , hielt eine Laterne , welche unstäten Schein auf unsere Straße warf . » Böser Traum - böser Traum « : immer mehr und mehr hatte ich den Eindruck , einen solchen durchzumachen . Das Einzige , was mich an die Wirklichkeit meiner Lage mahnte und was mir zugleich eine Beruhigung war , war Doktor Bressers Nähe . Ich hatte meine Hand in die seine gelegt und sein anderer Arm unterstützte mich : » Lehnen Sie sich an mich , Baronin Martha - armes Kind « , sagte er sanft . Ich lehnte mich an , so gut ich konnte , aber doch : welche Folterlage ! Wenn man sein ganzes Leben lang gewohnt war , auf schwellenden Sitzen , sprungfederigen Wagen und weichen Betten zu ruhen , wie schwer fällt es da - zumal nach einer ermüdenden Tagereise , in einem schüttelnden Leiterwagen zu sitzen , dessen harter Brettergrund nur mit einer Lage blutfeuchten Strohs gepolstert ist . Und ich war doch unverletzt - wie muß erst denen zu Mute sein , die mit zerschmetterten Gliedern , mit hervorstehenden Knochensplittern auf solchem Fuhrwerk über Stock und Stein gejagt werden ? Bleischwer fielen mir die Lider zu . Ein wehthuendes Schläfrigkeitsgefühl peinigte mich . Bei der Unbequemlichkeit meiner Lage - alle Glieder schmerzten mich - bei der Erregtheit meiner Nerven , war ja Schlaf unmöglich ; desto grausamer wirkte das nicht zu bannende Schlafbedürfnis . Gedanken und Bilder , so verworren wie Fieberträume , wirbelten in meinem Hirn . Alle die Schauerscenen , welche der Regimentsarzt erzählt hatte , wiederholten sich vor meinem Geist , teils mit den Worten des Erzählers selbst , teils als die Gesichts- und die Gehörsvorstellungen , welche diese Worte hervorgerufen hatten : ich sah die schaufelnden Totengräber , sah die Hyänen einherschleichen , hörte die verzweifelten Opfer des in Brand geschossenen Lazareths schreien ; und dazwischen fielen , als würden sie laut und in des Regimentsarztes Stimme gesprochen , Worte wie : Aaskrähen , Marketenderbude , Sanitätspatrouille . Das hinderte mich aber nicht , daneben auch noch das Gespräch zu vernehmen , welches meine Wagengefährten halblaut miteinander führten : ... » Ein Teil der geschlagenen Armee flüchtete nach Königgrätz « , erzählte Doktor Bresser . » Die Festung aber war verschlossen und von den Wällen wurde auf die Flüchtigen geschossen - namentlich auf die Sachsen , die man in der Dämmerung für Preußen hielt . Hunderte stürzten sich in die Wallgräben und ertranken ... An der Elbe stockte die Flucht und die Verwirrung erreichte den höchsten Grad . Die Brücken waren von Pferden und Kanonen so vollgestopft , daß das Fußvolk keinen Platz mehr fand ... Tausende stürzten sich in die Elbe - auch Verwundete « ... » Es soll entsetzlich sein in Horonewos « , sagte Frau Simon . » Alles von seinen Bewohnern verlassen - Dorf und Schloß . Sämtliche innere Räume zerstört und doch mit hilflosen Verwundeten angefüllt ... Wie wohl wird den Unglücklichen die Labung thun , die wir ihnen bringen ! Aber es wird zu wenig - zu wenig sein ! « » Und zu wenig auch unsere ärztliche Hilfe « , versetzte Doktor Bresser . » Wir müßten unserer Hundert sein , um das Erforderliche thun zu können . Es fehlt an Instrumenten und Medikamenten - und hälfen uns auch diese ? Die Überfüllung dieser Ortschaften ist derart , daß der Ausbruch gefährlicher Epidemien droht . Die erste Sorge ist stets die , so viel Verwundete als möglich wegzubefördern , aber ihr Zustand ist zumeist ein so jammervoller , daß kein Gewissen den Transport auf sich nehmen kann ... sie fortschaffen heißt , sie töten ; sie dortlassen , heißt den Hospitalbrand herbeiführen - eine schwere Alternative ! Was ich in diesen Tagen - seit der Schlacht von Königgrätz , Schauriges und Trauriges gesehen , das übersteigt alle Begriffe . Sie müssen sich auf das Schlimmste gefaßt machen , Frau Simon . « » Ich habe langjährige Erfahrung und Mut . Je größer das Elend , desto mehr steigt meine Willenskraft . « » Ich weiß . Dieser Ruf ist Ihnen vorausgegangen . Ich hingegen , wenn ich so viel Elend sehe , fühle allen Mut sinken und es stockt mir das Herz . Hunderte - ja tausende von Hilfsbedürftigen um Hilfe flehen hören und nicht helfen können - es ist gräßlich ! In all diesen um das Schlachtfeld eiligst errichteten Ambulancen fehlte es an Erquickungsmitteln ; vor allem : kein Wasser . Die meisten vorhandenen Brunnen sind von den Bewohnern unbrauchbar gemacht worden ... weit und breit kein Stück Brot aufzutreiben ... Alle Räume , die ein Dach tragen : Kirchen , Meierhöfe , Schlösser , Hütten , sind mit Kranken gefüllt - alles , was einem Wagen gleicht , wird mit einer Ladung Verwundeter weggeführt ... Die Straßen bedecken sich nach allen Richtungen mit solchen Höllenkarren - denn wahrlich , was da an Leiden auf Rädern rollt , das ist höllisch . Da liegen sie - Offiziere , Unteroffiziere und Soldaten - von Blut , Staub und Schmutz bis zur Unkenntlichkeit entstellt , mit Wunden , für die es keine menschenmögliche Hilfe gibt , Klagetöne , Schreie ausstoßend , die nichts Menschliches haben - und doch : die noch schreien können , sind die Beklagenswertesten nicht ... « » Da sterben wohl Viele unterwegs ? « » Gewiß . Oder wenn sie abgeladen worden - in irgend einem überfüllten Raum - enden sie still und unbemerkt auf dem ersten besten Bündel Stroh , auf welches sie sich fallen ließen . Manche still - manche aber auch in verzweifeltem Todeskampfe tobend und rasend , die haarsträubendsten Flüche ausstoßend ... Solche Flüche mußte wohl jener Herr Twinnig aus London gehört haben , welcher bei der Genfer Konferenz folgenden Vorschlag machte : » Wenn der Zustand eines Verwundeten nicht die geringste Hoffnung der Heilung übrig läßt , wäre es in diesem Fall nicht angemessen , daß man ihm erst den Trost der Religion spende , ihm , so weit es die Umstände gestatten , einen Augenblick der Sammlung lasse und dann seiner Agonie auf die wenigst schmerzliche Weise ein Ende mache ? Man verhinderte dadurch , daß er wenige Augenblicke später stirbt , das Fieber im Gehirn und vielleicht die Gotteslästerung auf der Zunge . « » Wie unchristlich ! « rief Frau Simon . » Was ? Das Gnadenstoßgeben ? « » Nein - die Ansicht , daß eine inmitten der unerträglichsten Martern ausgestoßene Lästerung der Seele des Gemarterten gefährlich werden könne ... So ungerecht ist der Gott der Christen nicht und sicher nimmt er jeden gefallenen Krieger in Gnaden auf « ... » Mohammeds Paradies wird auch jedem Türken zugesichert , der einen Christen erschlagen hat , « entgegnete Bresser . » Glauben Sie mir , geehrte Frau Simon , jene Gottheiten alle , welche als kriegslenkend dargestellt werden und deren Beistand und Segen die Priester und Befehlshaber den Kämpfern als Mordlohn versprechen , die sind alle für Lästerungen gleich taub wie für Bitten . Sehen Sie dort hinauf : jener Stern erster Größe , mit rötlichem Lichte - man sieht ihn nur alle zwei Jahre über unseren Häuptern flimmern - oder vielmehr leuchten , er flimmert nicht - das ist der Planet Mars - das dem Kriegsgott gewidmete Gestirn ; jenem Gott , der in der alten Zeit so gefürchtet und geehrt wurde , daß er weit mehr Tempel besaß , als die Göttin der Liebe . Schon in der Schlacht bei Marathon , schon in dem engen Paß der Thermopylen hat jener Stern dem Kampf der Menschen blutfarbig vorgeleuchtet und zu ihm stiegen die Flüche der Gefallenen auf ; ihn beschuldigten sie ihres Unglücks , während er ahnungslos und friedlich - damals wie heute - die Sonne umkreiste . Feindliche Gestirne ? ... die gibt es nicht . Der Mensch hat keinen anderen Feind als den Menschen - der aber ist grimmig genug . - Und auch keinen anderen Freund « , setzte Bresser nach einer kleinen Pause hinzu . » Davon geben Sie selber ein Beispiel , hochherzige Frau , Sie sind - « » O Doktor ! « unterbrach Frau Simon . » Schauen Sie - dort , der Flammenschein , am Horizont ... sicherlich ein brennendes Dorf ! « Ich öffnete die Augen und sah den roten Schein . » Nein « , sagte Doktor Bresser - » es ist der aufgehende Mond . Ich versuchte , eine bequemere Stellung anzunehmen und setzte mich ein wenig auf . Fortan wollte ich vermeiden die Augen zu schließen : dieser Zustand des Halbschlafes mit dem Bewußtsein des Nichtschlafens , worin die entsetzlichen Phantasiebilder ihren wilden Reigen aufführten - das war gar so qualvoll ... lieber an dem Gespräche der beiden teilnehmen und mich von den eigenen Gedanken losreißen . Aber der Mann und die Frau waren verstummt . Sie blickten nach der Stelle , wo nun wirklich das Nachtgestirn emporstieg . Und nach einer Weile fielen meine Augen doch wieder zu . Diesmal war es der Schlaf . In der einen Sekunde , in der ich fühlte , daß ich einschlief , daß die Welt um mich aufhörte zu bestehen , empfand ich solche Wonne des Nichtseins , daß mir selbst der Bruder meines Beglückers - der Tod - ganz willkommen gewesen wäre . Ich weiß nicht , wie lange Zeit ich in dieser negativ-seligen Existenzentrückung zubrachte - aber plötzlich und gewaltsam wurde ich herausgerissen . Kein Lärm , keine Erschütterung war es , was mich geweckt hatte , sondern ein Qualm unerträglich verpesteter Luft . » Was ist das ? ! « Gleichzeitig mit mir riefen auch die anderen diese Frage aus . Unser Wagen bog um eine Ecke und am Wegrand ward uns die Antwort . Vom Monde hell beleuchtet , ragte da eine weiße Mauer empor , vermutlich eine Kirchhofmauer . Jedenfalls hatte sie als Schutzwehr gedient - am Fuße derselben , aufgeschichtet , lagen zahlreiche Leichen ... Der Verwesungsgeruch , der von diesen toten Körpern aufstieg , war es , der mich aus dem Schlaf gerissen hatte . Als wir vorbeifuhren , hob sich ein dichter Schwarm von Raben und Krähen kreischend von dem Leichenhaufen empor , flatterte eine Zeit lang - wie schwarzes Gewölk gegen den hellen Himmelhintergrund und ließ sich dann wieder zum Schmause nieder ... » Friedrich , mein Friedrich ! ! « » Beruhigen Sie sich , Baronin Martha « , tröstete mich Bresser ; » Ihr Mann konnte nicht dabei gewesen sein . « Der kutschierende Soldat hatte sein Gespann angetrieben , um schneller aus dem Bereiche des mephitischen Dunstes hinwegzukommen ; das Fuhrwerk rasselte und stolperte dahin , als wären wir auf wilder Flucht . Ich glaubte , die Pferde gingen durch ... zitternde Angst erfaßte mich . Mit beiden Händen klammerte ich mich an Bressers Arm ; aber den Kopf mußte ich zurück wenden , um dorthin , nach jener Mauer zu schauen und - war es das täuschende Licht des Mondes , waren es die Bewegungen der auf ihre Beute zurückgekehrten Vögel ? - mir war es , als regte sich diese ganze Schar von Toten , als streckten uns diese Leichname die Arme nach , als rüsteten sie sich , uns zu verfolgen ... Ich wollte schreien , aber die furchtgepreßte Kehle versagte mir den Dienst . Wieder bog der Wagen um eine Straßenecke . » Hier sind wir , das ist Horonewos « , hörte ich den Doktor sagen , und er befahl dem Kutscher , zu halten . » Was beginnen wir mit der Frau ? « klagte Frau Simon - » die wird uns eher ein Hindernis sein - statt einer Hilfe . « Ich raffte mich auf : » Nein , nein « , sagte ich - » es ist mir jetzt besser ... Ich will Ihnen helfen , so gut ich kann . « Wir befanden uns inmitten des Ortes , vor dem Thore eines Schlosses . » Hier wollen wir zuerst sehen , was sich thun läßt « , sagte der Doktor . » Das Schloß , von seinen Besitzern verlassen , soll vom Keller bis zum Dache mit Verwundeten angefüllt sein . « Wir stiegen ab . Ich konnte mich kaum auf den Füßen halten , strengte aber meine äußerste Kraft an , um dies nicht merken zu lassen . » Vorwärts ! « sagte Frau Simon . » Haben wir alle unsere Gepäcksachen ? Was ich mitführe , wird den Leuten Labung bringen . « » Auch in meinem Kofferchen befinden sich Stärkungsmittel und Verbandzeug « , sagte ich . » Und meine Handtasche enthält Instrumente und Arzneien « , fügte Bresser hinzu , dann gab er den uns begleitenden Soldaten die nötigen Befehle : zwei sollten bei den Pferden bleiben , die übrigen mit uns kommen . Wir traten unter das Schloßthor . Dumpfe Klagelaute von verschiedenen Seiten ... Alles finster - - » Licht ! Da macht doch vor allem Licht ! « schrie Frau Simon . O weh , alles mögliche hatten wir mitgebracht : Chokolade und Fleischextrakt , Cigarren und Leinwandstreifen - aber an eine Kerze hatte niemand gedacht . Keine Möglichkeit , das Dunkel , das uns und die Unglücklichen umgab , aufzuhellen . Nur eine Schachtel Zündhölzel , welche der Doktor in der Tasche trug , half uns für einige Sekunden die schrecklichen Bilder zu sehen , welche diese Stätte des Elends füllten . Der Fuß glitt auf dem von Blut schlüpfrigen Boden aus , wenn man sich weiter bewegen wollte . Was nun ? Zu den hundert Verzweifelten , welche hier stöhnten und seufzten , waren nur noch ein paar Verzweifelnde und Seufzende mehr hinzugekommen : » Was nun , was nun ? « » Ich will das Haus des Pfarrers aufsuchen , « sagte Frau Simon , » oder sonst im Dorfe Beistand holen . Kommen Sie , Doktor , geleiten Sie mich mit Ihren Streichhölzern zum Ausgang zurück ; und Sie , Frau Martha , bleiben indessen hier - « Hier , allein - im Finstern , inmitten dieser wimmernden Leute , in dem erstickenden Geruch ? Das war eine Lage ! Mir schauderte bis in das Knochenmark . Aber ich widersprach nicht . » Ja , « sagte ich - » ich bleibe an dieser Stelle und warte , bis Sie mit Licht zurückkommen . « » Nein , « rief Bresser , indem er meinen Arm in den seinen schob , » kommen Sie mit - Sie dürfen in diesem Fegefeuer nicht zurückbleiben - unter den vielleicht fiebertollen Menschen . « Ich war dem Freunde für dieses Vorgehen dankbar und klammerte mich fest an seinen Arm - das Zurückbleiben in diesen Räumen hätte mich vielleicht wahnsinnig gemacht vor Angst ... Ach , ich war doch ein feiges , hilfloses Geschöpf , dem Unglück und den Schrecken nicht gewachsen , in welche ich mich da begeben hatte ... Warum war ich nicht zu Hause geblieben ? Dennoch , wenn ich Friedrich wiederfände ? Wer weiß , ob er nicht in diesen dunklen Räumen lag , die wir eben verließen ? Ich rief - während des Hinausgehens - öfter seinen Namen , aber das gehoffte und gefürchtete » Hier bin ich , Martha ! « ward mir nicht zurückgerufen . Wir traten wieder ins Freie . Der Wagen stand noch auf derselben Stelle . Doktor Bresser entschied , daß ich wieder aufsteigen solle . » Frau Simon und ich gehen indessen im Dorfe Hilfe suchen , « sagte er , » und Sie bleiben hier . « Ich fügte mich gern , denn meine Füße konnten mich kaum tragen . Der Doktor half mir aufsteigen und richtete mir mit dem umliegenden Stroh einen Sitz zurecht . Zwei Soldaten blieben bei dem Wagen zurück . Die übrigen wurden von Frau Simon und dem Doktor mitgenommen . Nach einer halben Stunde ungefähr kam die ganze Expedition zurück . Erfolglos . Der Pfarrhof zerstört , wie alles Andere , und leer ; sämtliche Häuser Ruinen ; nirgends ein Licht aufzutreiben gewesen : - es blieb jetzt nichts Anderes übrig , als den Anbruch des Tages abzuwarten . Wie viele von den Unglücklichen , denen unser Kommen schon Hoffnung erweckt hatte und welche unsere Hilfe jetzt noch hätte retten können , würden in dieser Nacht wohl sterben ? War das eine lange , bange Nacht ! Obwohl thatsächlich nur noch drei bis vier Stunden bis zu Sonnenaufgang vergingen , wie endlos mußten uns diese Stunden scheinen , deren Verlauf - statt durch die Pendelschläge einer Uhr - durch die ohnmächtigen Hilferufe leidender Mitmenschen markiert war . Endlich dämmerte der Morgen . Jetzt konnte gehandelt werden . Frau Simon und Doktor Bresser machten sich neuerdings auf den Weg , um vielleicht doch noch einige der versteckten Dorfbewohner aufzustöbern . Es gelang . Aus den Trümmern krochen hier und da ein paar Bauern hervor - zuerst störrisch und mißtrauisch ; als jedoch Doktor Bresser sie in ihrer Muttersprache anredete und Frau Simon mit ihrer sanften Stimme ihnen zusetzte , ließen sie sich herbei , ihre Dienste zu leihen . Es hieß vor Allem , noch sämtliche anderen versteckten Einwohner auftreiben , damit sie bei der Arbeit behilflich seien : die umherliegenden Toten begraben , die Brunnen in Stand setzen , um für die Lebenden Wasser zu schöpfen ; die auf den Wegen zerstreuten Feldkessel zusammensuchen , um Geschirre zu schaffen ; die Tornister der Gestorbenen und Gefallenen ausleeren und die darin befindliche Wäsche für die Verwundeten verwenden . Jetzt kam auch ein preußischer Stabsarzt mit Leuten und Hilfsmitteln an - und so konnte endlich mit einigem Erfolg daran gegangen werden , den Unglücklichen Hilfe zu bringen . Nun war auch für mich der Augenblick gekommen , da ich vielleicht Denjenigen finden würde , auf dessen vermeintlichen Ruf ich die unselige Fahrt unternommen ; dieser Gedanke peitschte meine gebrochenen Kräfte wieder einigermaßen auf . Frau Simon begab sich in Begleitung des preußischen Stabsarztes vorerst in das Schloß , wo die meisten Verwundeten lagen . Doktor Bresser wollte die übrigen Räume des Dorfes durchsuchen . Ich zog es vor , mich dem Freunde anzuschließen und ging mit diesem . Daß Friedrich in dem Schlosse nicht lag , hatte der Doktor bereits auf einem früheren Rundgang konstatiert . Wir hatten kaum hundert Schritte gemacht , als laute Klagerufe an unser Ohr schlugen . Dieselben drangen aus dem offenen Thor der kleinen Dorfkirche . Wir traten ein . Über hundert Menschen lagen auf dem harten Steinboden - schwerverwundet , verstümmelt . Fiebernden und irrenden Blickes schrien und jammerten sie nach Wasser . Schon an der Schwelle war mir zum Umsinken - ich schritt aber dennoch die Reihen durch : ich suchte ja Friedrich ... Er war nicht da . Bresser mit seinen Leuten machten sich bei den Armen zu schaffen ; ich stützte mich an ein Seitenaltar und blickte mit unnennbarem Schaudern auf das Jammerbild . Und das war der Tempel des Gottes der ewigen Liebe - das waren die wunderthätigen Heiligen , welche da in den Nischen und an den Wänden fromm die Hände falteten und ihre Köpfe unter dem goldstrahlenden Glorienschein emporhoben ? ... » O Mutter Gottes , heilige Mutter Gottes ... einen Tropfen Wasser ... erbarme dich ! « hörte ich einen armen Soldaten flehen . Das hatte er zu dem buntbemalten , tauben Bilde wohl schon tagelang vergebens gebetet . - O , ihr armen Menschen , ehe ihr nicht dem Gebot der Liebe gehorcht , das ein Gott in eure Herzen gelegt hat , werdet ihr immer vergebens die Liebe Gottes anrufen - so lange unter euch die Grausamkeit nicht überwunden ist , habt ihr von himmlischem Mitleid nichts zu hoffen ... * * * Was ich an diesem selben Tage noch Alles sehen und erfahren mußte ! Nicht wieder erzählen , das wäre freilich das Einfachste und Verlockendste . Man schließt die Augen und wendet den Kopf ab , wenn gar zu Grauenhaftes sich ereignet - auch das Gedächtnis hat die Fähigkeit zu solchem Augenschließen . Wenn doch nichts mehr zu helfen ist - was läßt sich an der starren Vergangenheit ändern ? - wozu sich und die Anderen mit dem Wühlen in dem Entsetzlichen quälen ? Wozu ? Das werde ich später sagen . So viel nur jetzt : ich muß . Mehr noch . Nicht nur mein eigenes Gedächtnis will ich anstrengen - meine Auffassungskraft reichte an die Wucht der Geschehnisse gar nicht heran - ; ich werde noch hinzufügen , was andere Zeugen jener Scenen - was Frau Simon , Doktor Brauer und der sächsische Feldhospital-Kommandant , Doktor Naundorff , ( man vergleiche des letztgenannten erschütterndes Buch » Unter dem roten Kreuz « ) berichtet haben . Wie in Horonewos , so hatte die