Und augenblicklich war es ihm gewiß auch nur günstig , wenn diese Dame , die ihm einen Dienst leisten sollte , stärkere Sympathien für ihn hegte . Adam wurde ganz ruhig und sicher . Mit klarer Stimme begann er : » Ich bin gekommen , gnädige Frau , Sie um eine Gefälligkeit zu bitten - « » Und die wäre - ? « fragte Lydia , neugierig und erstaunt zugleich . So redet doch kein Mann , der um eine Frau ... um eine Frau , die er ... die er - liebt - - - Nun wollten die Worte dem Herrn Doctor doch nicht so glatt über die Lippen schlüpfen . Er zauderte , er hustete verlegen , er athmete kurz , gepreßt , eine Reihe von Wendungen und Fassungen schwirrte ihm durch den Kopf , er prüfte sie mechanisch , indem er sie sich leise objectivirte , er konnte sich nicht entscheiden , er war nicht im Stande , die prägnanteste Fassung herauszufinden . Schließlich stotterte er halblaut , nur einige Silben durch eine unnatürliche Betonung scharf heraushebend : » Es ist mir doch peinlich , gnädige Frau - ich weiß nicht , wie Sie meine Bitte auffassen werden - - « » Schießen Sie doch nur los , Herr Doctor - wir werden ja sehen - wenn ich irgend im Stande bin - - « Adam erinnerte sich plötzlich , daß er im Namen der Armuth um die Hülfe des Reichthums werben sollte , daß er dazu eine heilige Berechtigung besäße - er wußte , daß nur das tiefeingewurzelte Bewußtsein von dem Egoismus , der Engherzigkeit und Kleinlichkeit der Menschen , mit denen er allenthalben , sein ganzes Leben hindurch , hatte rechnen müssen , ihn auch hier muthlos und verlegen gemacht - aber es kam ja schließlich nur auf den Versuch an , es handelte sich ja schließlich nur um ein » social-ethisches Experiment « , um eine » psychologische Studie « , um Nichts , um gar Nichts weiter - und er gewann bei nahe den kühlen Ernst , die souveräne Sicherheit des Forschers wieder . » Sie ermuthigen mich , gnädige Frau - also denn ohne Umschweife herausgesagt - : ich brauche tausend Mark - können Sie - können Sie mir die Kleinigkeit leihen - ? « Auf diese sehr materielle Wendung des Gesprächs war Lydia allerdings nicht gefaßt gewesen . Feinere Naturen fühlen sich durch eine brutale , noch dazu unvorbereitete Berührung von Geldfragen immer compromittirt . Daß aus einer etwaigen Verbindung zwischen ihr und Adam , der , wie sie wußte , so etwas wie ein » armer Teufel « war , letzterem allerlei sehr reale , sehr realistische Vortheile erwachsen würden : daran hatte sie natürlich schon gedacht - und der Gedanke hatte sie auch nicht weiter genirt , er hatte ihr im Gegentheil eine gewisse Befriedigung und einen gewissen Stolz eingeflößt . Im Uebrigen war sie zu eitel , um nicht zu glauben , daß sie selbst ihres Besitzes und ihrer Stellung in der Gesellschaft entkleidet , Werth und starke Anziehungskraft genug für Adam besäße . Das waren Prämissen , über welche man getrost schweigen , die man getrost unerörtert lassen konnte , denn sie waren eben allzu selbstverständlich . Und nun rückte Adam plötzlich unvermuthet mit einem Motive heraus , das an greller Betonung des Materiellen nichts zu wünschen übrig ließ . Lydia war sehr betroffen . Was sollte sie erwidern ? Mechanisch schloß sie , daß Adam sich jedenfalls in einer sehr prekären Situation befand . Er hatte gewiß Schulden contrahirt , die bezahlt sein wollten , er hatte Verpflichtungen übernommen , die er einlösen mußte . Und er wandte sich an sie , weil er anderweitig - - ja ! - mein Gott ! - standen ihm denn keine anderen Wege offen , besaß er keine anderen Mittel - oder waren alle Quellen schon erschöpft - ? War sie seine letzte Hoffnung - ? Mitleid , starkes , verstehendes Mitleid quoll in ihr auf . Und doch hatte sie zugleich das Gefühl , als wäre sie von etwas unangenehm Klebrigem , Schmutzigem berührt worden . Die Lage des Herrn Doctor war sicher überaus prosaisch . Und Lydia verspürte einen kleinen Hang zur Romantik in sich . Das paßte so gar nicht zusammen , ihr Hang und nackte Bedürfnißhaftigkeit Adams . » Sie setzen mich in Erstaunen , Herr Doctor - « sagte sie endlich , unsicher und stockend - » ich hatte nicht erwartet , daß - - « » Das war allerdings vorauszusetzen , gnädige Frau - verzeihen Sie , bitte noch einmal , meine Kühnheit , doch die Noth - - « » Geht es Ihnen so schlecht - ? « unterbrach Lydia , jetzt von ehrlichster , schnell ausbrechender , aufs Helfen gestimmter Theilnahme ergriffen . » Mir - ? Mir - ? Ah so ! . Hm ! Verstehe schon « bemerkte Adam mit feinem , ironischem Lächeln - » Sie haben mich nicht ausreden lassen , gnädige Frau - Ihr gutes Herz ging mit Ihnen durch - also ich wollte ... wollte nicht von meiner Noth , sondern von der Nothwendigkeit sprechen , die mich zwingt - - « » Ist das nicht dasselbe ? « fragte Lydia , ein Wenig pikirt ... » Pardon ! Ich glaube kaum ... die Sache ist nämlich außerdem noch die , daß ich das Geld nicht für mich brauche , sondern - - « » Ah ! ... Aber für wen dann , wenn ich fragen darf - ? « » Lassen Sie das , bitte , mein Geheimniß bleiben , gnädige Frau - « » Wie Sie wollen , Herr Doctor ... doch muß ich Ihnen nun bemerken , daß damit die Sache auch aufgehört hat , mich zu interessiren . Ihnen - Ihnen persönlich hätte ich vielleicht - ja ! sicher geholfen , denn Sie sind - sind mir - - doch das - das gehört nicht hierher - - für Menschen dagegen , die mir vollkommen fremd und unbekannt sind , habe ich kein so starkes Interesse , daß ich für sie Opfer bringen könnte ... Meine ehrliche Meinung , Herr Doctor - ! « Lydia hatte sich von dem Stuhle , auf dem sie seit dem Beginn des Gesprächs gesessen , erhoben und war an ihren Schreibtisch getreten . Sie stand da , den Kopf ein Wenig geneigt , die volle , elegante Büste prachtvoll zum Ausdruck gebracht . Sie hatte ein kleines , gläsernes Lineal ergriffen , mit welchem sie auf einem Briefbeschwerer herumtrommelte . » So - ! « sagte Adam kalt und herb und erhob sich ebenfalls . » Gnädige Frau scheinen allerdings sehr merkwürdige moralische Prinzipien zu haben - « » Wieso - ? « Lydia schnellte herum und hielt Adam mit großen , funkelnden Augen fest . » Wieso - ? Na ! mein Gott , das ist doch einleuchtend ! Wenn Sie so subjektiv , so willkürlich sind in der Ausübung Ihrer Menschenpflicht , so möchte ich beinahe glauben - verzeihen Sie gütigst meine Keckheit ! - daß Sie überhaupt gar nicht wissen , was eigentlich - - « » Herr Doctor - ! « » Gnädige Frau - ? « » Sie scheinen gewisse ... unartige Gewohnheiten nicht loswerden zu können ... Schon damals - Sie werden sich erinnern - - « In Adam schoß es in die Höhe . Es kreißte und gährte und quoll in ihm , er wußte , daß sie heranzog , daß sie kam , vor der er sich nicht retten , der er nicht entrinnen konnte , wenn sie die Arme nach ihm ausstreckte , sie zerrte immer heftiger an ihm , die heiße , erstickende Wuth , sie zog das Blut aus seinem Gesicht , er wurde bleich , seine Glieder flogen , er zitterte am ganzen Leibe , er mußte sich an den Tisch klammern , um sich aufrecht zu erhalten , er klammerte sich immer fester , er wußte : - wenn er losließ - wenn er losließ , würde ihn der Katarakt seiner Wuth auf dieses Weib peitschen , würde er sich auf dieses Weib , das ihn beleidigt , das ihn mit seiner vagen , erbärmlichen Andeutung , seinem kleinlichen Vorwurf zu Tode gekränkt hatte - er würde sich auf diese Creatur - was war sie denn ihm gegenüber ? was denn ? - stürzen müssen , um sie zu - ja ! zu erwürgen - und davor - o Gott ! davor bebte er instinktiv doch zurück - nein ! nein ! nicht nachgeben ! nicht nachgeben - nicht das letzte Restchen halbklarer Besinnung fahren lassen - - Lydia hatte die Veränderung , die mit Adam vorgegangen war , unter heftigem Erschrecken wahrgenommen . Sie war zusammengezuckt , war vom Schreibtisch näher ans Fenster getreten , sie fürchtete sich , sie überlegte , ob sie nicht schellen , ob sie nicht Hülfe herbeirufen sollte - hatte sie denn noch einen Zurechnungsfähigen vor sich - ? Einen Menschen , der bei Besinnung war - ? War das nicht das Delirium der Wuth , des Jähzorns , der sein Opfer packt und zerfleischt - ? Und sie war eine wehrlose Frau - - aber der Scandal - - » - Sind Sie unwohl geworden , Herr Doctor - ? « sickerte es jetzt mühsam über ihre Lippen - Adam faßte sich . Er ließ sich langsam vom Tisch los , dämpfte seinen keuchenden Athem , trat näher an Lydia heran , die unwillkürlich immer weiter nach dem Fenster zu zurückwich , legte die wie festgeschraubte Schienen aneinandergekrampften Arme über die Brust - - » - Unwohl wäre ich , glaubst Du , Weib ? « stieß er heiser heraus - » ei ! Und wie unwohl ! Aber ich sage Dir : - das ist eine ganz verdammte Lüge , die nur ein Schurke zusammenkneten kann ! Mir ist so wohl , so dämonisch sauwohl , sage ich Dir , Weib , wie mir in meinem ganzen Leben noch nicht gewesen ist ! Aber Du - Du - Du sollst zittern ! Warte nur ! Ha ! Es ist zum Andiedeckespringen ! Zum Todtlachen ! Zum - zum - - Du wagst es , mich zu beleidigen - Du spielst Deine kleine , egoistische Seele gegen mich aus - Du wagst es , mir mit Deinen abgestandenen Phrasen von Anstand und Gutem Ton zu kommen , wo ich Dich um Erfüllung Deiner allerordinärsten Menschenpflicht angehe - wo ich als Anwalt der Armuth vor Dir stehe , der Du mit Deinem verfluchten Mammon helfen sollst - ha ! da kehrst Du die feine Dame ' raus - und verbittest Dir ein Benehmen - ein Benehmen - - zum Teufel ! Warte nur ! Es werden schon eines Tages Andere kommen , die anders mit Dir reden , die eine andere Sprache im Munde führen - warte nur , Weib ! Und sie werden Dich nicht so sanft anfassen , mein Täubchen - Du wirst Deine zarten Ohren schon an die dröhnende Musik gewöhnen müssen , die ihre ungeschlachten Stimmen und ihre zerschmetternden , groben Fäuste machen ! Warte nur ! Sie werden sich schon mit Deinem Prunk ihre Blößen decken , sie werden Deinen Plunder schon zerschlagen , ihre Frostgeschwüre und ihren Hungertyphus damit auszucuriren - warten Sie nur , meine Gnädige ! Das wird ein netter Hexensabbath werden , sage ich Ihnen - ein Hexensabbath , daß es eine Art hat ! - und alle Ihre egoistische Willkür - Ihre ästhetischen Geschmacksfexereien werden zum Teufel gehen - - und ich werde bei dem Rummel mit beisein , ich , gnädige Frau , ich - verlassen Sie sich drauf ! - ich werde die Lumpen und Vagabunden - die ganze losgelassene Volksfurie in Ihren Lügentempel hetzen - warten Sie nur - ! es wird sich Alles schon machen - das soll ein Gaudium werden - na ! wir werden Euch Eure brutale Selbstsucht schon aus den Gedärmen ' rausklopfen - Ihr sollt Anderes zu denken bekommen , Ihr verwahrlostes Champagnergesindel ! Eure ruchlosen Lebensspielereien werden wir Euch gründlich abgewöhnen - aber ganz gründlich ! - Und ich danke Ihnen , gnädige Frau , für diese Stunde - ich danke Ihnen - ich weiß jetzt ganz genau , sage ich Ihnen - jetzt endlich ganz genau , wo meine Pflicht liegt und wo mein Platz ist ! Leben Sie wohl ! Wir haben uns noch nicht das letzte Mal gesehen - - « Immer näher war Adam an Lydia herangerückt , bis sich die beiden dicht gegenüberstanden . Nun kehrte er sich mit einem harten Rucke ab und ging nach der Tiefe des Zimmers zu , der Thüre entgegen . Lydia fuhr auf , fuhr auf wie aus einem schweren , schwülen Traum gestoßen . Sie strich sich mit der linken Hand über Augen und Stirn - ja ! hatte sie denn wirklich geträumt ? War das ein Spuk gewesen , oder doch nackte , klare Wirklichkeit ? War denn das ihr Zimmer ? Doch wohl . Aber - nein ! das konnte ja nicht sein . Das Alles war nur eine wüste Phantasie - dieser Mensch sollte es gewagt haben - - ? Widerstandslos hatte sie die Fluth der Drohungen und Anklagen , die aus dem Munde des zürnenden Mannes da vor ihr herausschoß , über sich hingehen lassen . Wie gelähmt , gebändigt war sie gewesen , fest in sich verhakt und zusammengezwungen . Er hatte sie überwältigt . Jetzt fühlte sie eine schneidende Zwiespältigkeit in sich , es zerrte krampfhaft an ihr herum . Aber wer war denn dieser Mensch ? Derselbe , der sich vor ihr immer nur als interessanter , blasirter Schwächling aufgespielt ? Und nun diese jäh ausgebrochene Leidenschaft ! Oder war das um Verzweiflung - blutende Verzweiflung an sich , an der Welt gewesen ? Sie wußte nicht ein noch aus Sie empörte sich gegen die Vergewaltigung , die ihr widerfahren war , - und doch schauerte sie wie in brennender Wollust zusammen , denn sie hatte den , den sie liebte , zum ersten Male hoch über sich gefühlt , sie sah nun zu ihm auf - nein - ! sie konnte ihn nicht gehen lassen - und doch ! Ach ! Es war eine zu große Zwiespältigkeit in ihr . Und jetzt - - jetzt - Adam hatte die Thür ausgerissen - » Herr Doctor - ! « schrie ihm Lydia nach , einige Schritte vortretend - Der Angerufene blieb doch unwillkürlich stehen und drehte sich langsam in halber Wendung um . » Gestatten Sie , bitte , noch einen Augenblick - nur ein Wort noch - « begann Lydia tief aufathmend . Sie reckte sich in die Höhe , die ganze Figur straffte sich , wohl war sie ein Wenig bleich , sie wollte jetzt erst recht bewußte Weltdame sein . » Was soll ' s ? « polterte Adam erbost . » Ich dächte , ich wäre fertig mit Ihnen - « » Aber ich noch nicht mit Ihnen , Herr Doctor ! Ich habe Ihre - nun ! Ihre - Declamation hingenommen , ohne ein Wort der Erwiderung - « » Declamation - ? ohne Erwiderung ? - ich sage Ihnen , gnädige Frau : das war auch das Gescheiteste , was Sie thun konnten - « unterbrach Adam mit grobem , ungeschlachtem Sarkasmus - » Nun - darüber ließe sich am Ende noch streiten- « » Wäre verdammt überflüssig ! Aber ich mag nicht mehr - « » Bitte ! Nur noch einen Augenblick ! Und werden Sie nicht von Neuem beleidigend , mein Herr ! Sie werden zugeben , daß ich im Rechte gewesen wäre , wenn ich Ihnen schon nach Ihren ersten Worten vorhin die Thüre gewiesen hätte - « » Warum haben Sie ' s nicht gethan - ? Dann hätte ich mir meine Lungenstrapaze eben erspart - « » Es ist gut , daß Sie die Geschichte jetzt auch etwas weniger pathetisch - schon etwas nüchterner auffassen - Lungengymnastik - - « » Gnädige Frau - ! « » Na ja ! Thatsache ist jedenfalls , daß ich mit riesiger Geduld - - « » Wenn Sie mir nichts Wichtigeres zu sagen haben - um das Zeug anzuhören - - « » Herr Doctor - ! Nun dann gleich meine Frage ! Sie wollen mich doch nicht glauben machen , daß - - Sie werden doch selbst so viel Psychologe sein , um sich sagen zu können : ich müßte ja ein Geschöpf von einer Beschränktheit ohne Gleichen sein , wenn - « » Aber nun kommen Sie doch endlich mit der Pointe - ich weiß absolut nicht , worauf das Alles hinauslaufen soll - ich habe keine Zeit , um - - « » Sie sind « - Lydia war sehr ruhig und kühl geworden - » hier als Armenanwalt vor mir aufgetreten - bitte , sagen Sie mir : welche direkten Gründe haben Sie dazu veranlaßt - - ? « » Welche direkten Gründe ? Nun , ich denke , ich hätte Ihnen das sattsam vorgerechnet - : meine moralischen Anschauungen - meine ethischen Principien - - « » Hm ! . Und Sie täuschen sich wirklich nicht selbst , Herr Doctor - ? Was hat Sie auf einmal so in den Harnisch gebracht , wo Sie doch , so viel ich mich wenigstens erinnern kann , früher - - « » Jawohl ! Früher ! - Kommen Sie nur so ! Das sieht Ihnen ähnlich ! ' N Weib ! Nun ja ! Aber ich bin eben Gott sei Dank ! ein And ' rer geworden - ich - ich bin - - « Adam war doch etwas unsicher , kleinlaut , betreten geworden . Lydia merkte diese zarte Nuance sehr fein heraus . Sie wurde kühner . Und jetzt zuckte eine Vermuthung in ihr auf , kurz , jäh , schießend und so unmittelbar , daß sie fast unverknüpft , selbständig erschien , aber darum nur um so nachdrücklicher zwang , um so mehr und um so schneller überzeugte . » Ich werde Ihnen sagen , Herr Doctor , wem Sie mit dem Gelde helfen wollen - und damit sind dann auch die bewußten direkten Gründe bloßgelegt - - « » Nun - ? « fragte Adam , halb ehrlich-neugierig , halb verlegen , jedenfalls sehr peinlich berührt , so etwas wie geheimes Schuldbewußtsein in der Brust . » Sie wollen das Geld für - für - Irmers haben - ? « » Nun - ? Und wenn das der Fall wäre - - « antwortete Adam überlaut , mit affektirtem Trotz - » Sie - Sie lieben Hedwig Irmer - ? « Lydia hatte doch sehr leise gesprochen . » Aha ! Jetzt spielen Sie das Gespräch auf ein Gebiet hinüber , gnädige Frau , das Ihnen allerdings angenehmer sein möchte , als die Distel- und Nesselfelder , die ich Ihnen - na ! - - ich sage ja - nee ! zu köstlich ! zu köstlich - ! Uebrigens ' n bekannter Weiberkniff - - « » Bitte ! Beantworten Sie meine Frage - « » Liegt Ihnen wirklich so viel daran , gnädige Frau - ? Nun denn : Wenn das auch der Fall wäre - wenn ich Hedwig Irmer - liebte - was wäre dann ? Was hat das damit zu thun , daß - - « » Was dann wäre , Herr Doctor - ? Hm - ! Dann wären Sie nicht nur mit mir fertig , wie Sie sich vorhin auszudrücken beliebten - dann wäre ich allerdings auch mit Ihnen fertig - - « Lydia stand hinter der Lehne eines Fauteuils , an welcher sie sich jetzt mit ihren kleinen , vollen Händen fest anhielt . Die ganze Gestalt war in sich zusammengesunken , wie von einem tiefen , seelischen Schmerze überwältigt . » Sie auch mit mir - « sprach Adam leise nach und fuhr sich mit der linken Hand über die Stirn . Und eine jähe , gewaltige Wandlung erfaßte ihn . Wie ein Riß klaffte es durch die Dünste und Nebel , in die er sich hineinphantasirt hatte . Dieses Weib da liebte ihn - und er - er liebte in diesem Augenblicke auch das Weib , er liebte es heiß , leidenschaftlich , bis zum Wahnsinn , bis zur Verzweiflung . Das Andere , was er da vorhin zu ihr gesprochen hatte - das war ja Alles nur Einbildung , Humbug , elender Mumpitz gewesen , tristes Phrasengequatsche , fadenscheiniges Blendwerk . Er ein socialer Vergeltungsfanatiker ? Es war zum Lachen , zum Todtlachen . Er liebte die Schönheit und den Glanz , die heitere Vornehmheit und die geschmackvolle Pracht , den verständnißvoll arrangirten Luxus , die bestechende Form und den zwanglos , elegant gesammelten Inhalt . Und jetzt bot sich ihm zum letzten Male dieses Glück an , dieses Glück , das seinem Wesen und seiner Gestalt nach ihm einzig congenial war . Er sollte die Hand , die sich ihm lockend entgegenstreckte , zurückweisen , weil es eine Armuth gab , die darbte , ein Elend , das litt , eine Noth , die nach Rache schrie ? Was ging ihn diese Armuth an ? Was dieses Elend ? Was diese Noth , die nach Rache schrie ? Was diese problematische Rache ? Nichts , Nichts , Nichts . Hier ein Weib , das ihn liebte , hier Schönheit und Fülle , Unabhängigkeit und Sorglosigkeit , hier alle Instrumente zur Erzeugung feiner Stimmungen , alle Waffen für Erwerbung großer Genüsse und Erlebnisse - dort ein Haufen Lumpen , Schmutz , Unrath in brutaler , nackter Nüchternheit , stinkende Fäulniß , Dunst , Moder , Schweiß , Staub , Dreck - - und er zweifelte noch , was er wählen sollte ? Er zauderte noch ? Und alle Wunden , die ihm das kleine , enge , allenthalben hemmende Leben , dem er sich je und je hatte unterwerfen müssen , geschlagen und die nur ein galgenhumoristischer Leichtsinn nothdürftig hatte vernarben lassen ... sie brachen wieder auf und bluteten in erneuter Frische . Aller Demüthigungen , Zugeständnisse und Kapitulationen , die er hatte auf sich nehmen müssen , und die er weiter und weiter würde auf sich nehmen müssen , wenn er die äußere Niedrigkeit seines Lebens nicht abschüttelte und von sich warf , gedachte er , und es ergriff ihn ein ungestümes Grauen vor ihnen und ein zehrendes , bohrendes Mitleid mit sich selber . Die » Bataillone der Zukunft « - mochten sie ruhig weitermarschiren , näher und näher heran - noch war ihre Stunde nicht gekommen , noch standen sie nicht auf dem Kampfplatze , bereit zu vergelten , zu stürzen und neu zu gründen - und unterweilen ließ sich noch eine Spanne Zeit gewinnen , da man glücklich sein durfte im Schooße der Schönheit und Leidenschaft - und einen Traum träumen durfte in irdischer Trunkenheit , wohl einen flüchtigen und vergänglichen , aber auch hinreißend schönen und unvergeßlichen Traum . Nachher das Erwachen - was ging ihn das jetzt an ? Jetzt ? Nichts , nichts , nichts - - Adam schritt langsam auf Lydia zu ... und als er dicht hinter ihr stand , sprach er mit leiser , gepreßter , heiser vibrierender Stimme : » Verzeih ' mir , Lydia - ich - ich war von Sinnen vorhin - ich wußte nicht - - ach ! Du weißt nicht , wie unglücklich ich bin - - « Und Lydia sah zu ihm auf , feucht schimmerte es in ihren Augen - » Ja ! Du mußt sehr unglücklich sein , Adam - « sagte sie ebenso leise ... Dann wischte sie sich mit ihrem zarten , weißen Battisttaschentuch die Thränen aus den Augen , legte ihre kleinen , vollen Hände auf Adams Schultern und sah ihm fest , klar ins Gesicht und sprach : » Ich will Dich gesund und glücklich machen , Adam . Du sollst nicht mehr suchen , Du sollst gefunden haben . Ich weiß , Du liebst Hedwig Irmer nicht . Das hast Du vorhin nur so gesagt , um - - ich aber liebe Dich , Adam - bleibe bei mir . Willst Du - ja ? - willst Du - ? « » Lydia - ! « Sie küßte ihn auf den Mund , sehr scheu , verschämt und hastig . » Aber jetzt geh ' - « sprach sie nun - » ich reise morgen früh gegen Elf ab - komm nach dem Bahnhof , wenn Du kannst - ja ? Wir sehen uns bald wieder - « Adam wandte sich langsam ab . Seine Glieder waren ihm sehr schwer , er wollte gehen . » Ach ja ! Das Geld ! « rief ihn Lydia noch einmal zurück . Er hatte die delikate Angelegenheit allerdings ganz vergessen müssen . » Es steht Dir natürlich zur Verfügung - sofort , wenn Du willst . Geh bitte zu meinem Banquier , Behrendt & amp ; Comp . , Adalbertstr . 12 - warte ! ich schreibe ihm gleich ' n paar Worte - « Wie gebrochen schwankte Adam eine kleine Frist später zum Zimmer hinaus . - Hatte er das bessere Theil erwählet ? - - - Endlich bog er in die Straße ein , wo das Comptoir von Behrendt & amp ; Comp . lag . Langsam war er aus seinem Taumel , seiner einschnürenden Hingenommenheit und Befangenheit wieder zu sich zurückgekommen , war er wieder nüchterner und einfacher , klarer geworden . Die Kritik erwachte und die kritische Entscheidungsfähigkeit , aber nur erst in eckigen , unbeholfenen Sprüngen , in vagen , unsicheren Andeutungen . Adam stapfte mit verbogenen Schritten vorwärts , er nickte öfter vor sich hin , warf den Kopf mit nervösem Accent nach rechts , nach links , und malte mit den Händen allerlei geheimnißvoll-unverständliche Figuren in die Luft . Er wußte : es hatte sich ihm da etwas Unerwartetes ereignet , sein Leben war scharfen Ruckes um eine Ecke geschossen und in eine andere , ganz andere Richtung eingelaufen . Aber er trug Scheu , sich in das Neue , das ihm zugefallen war , zu vertiefen , er constatirte es nur , halb widerwillig , halb erfreut darüber und auf seine Fortsetzung gespannt . Zumeist trieb es ihn , den nächsten , zunächstliegenden Vortheil aus dem ihm widerfahrenen Glücke zu ziehen . Er hatte ja Irmers helfen wollen . Dieser Gedanke hatte die tiefste Furche in seinem Gehirn gegraben . Es zog und zerrte an ihm , wie aus einer unergründlichen Tiefe seiner Seele zu ihm sprechend und ihn lenkend . Also erst ' mal bei dem Esel von Banquier auschwirren und das Geld erheben . Das ging sehr glatt , beinahe zu glatt für Adams Gefühl . Dem Herrn Doctor wäre eine kleine , reelle Abwechslung sehr willkommen gewesen . Adam rannte sporenstreichs nach dem nächsten Postamte , schrieb vier Anweisungen und zahlte die tausend Mark an die Adresse Hedwig Irmers ein . Er konnte das Geld gar nicht schnell genug loswerden . Nun athmete er auf . Das war der Kaufpreis . Da lag er . Der Postbeamte strich die dreißig Silberlinge gleichgültig ein . Er war frei . Tausend Mark - das war auch immerhin eine ganz anständige Summe als Abschlagszahlung auf - nun ! eben auf gewisse etwaige Alimente .... Adam stand wieder auf der Straße . Er wußte nicht , was er mit sich anfangen sollte . Nach Hause gehen mochte er nicht . Ein heftiger Ekel vor seiner Wohnung ergriff ihn . In dieser hin- und hervibrirenden , zerklüfteten Stimmung konnte er ja doch nicht arbeiten . Er war nicht fähig , sich zu sammeln . Er wußte , wenn er zu Hause säße , in der Einsamkeit seines Zimmers , würde seine Unrast noch wachsen und wachsen . Die Enge , die Stille würden ihn erdrücken . Immer nur würde an ihm zerren , würde in ihm wühlen , was er tagüber erlebt ... zerren , wühlen in schneidender Eintönigkeit , mit symmetrischem , unerträglichem , schauderhaft correctem Despotismus . Aber wie sollte er seine Unrast auslösen ? Eine leise Sehnsucht nach etwas Neuem , Unerlebtem , Abenteuerlichem durchzitterte seine Brust . Er hätte sich so gern vergessen machen lassen , er suchte Betäubung , und war ' s auch gemeine , geschmacklose Betäubung . Es war zwischen sieben und acht Uhr . In den Straßen lag dunstige Wärme , beklemmende Stickluft , heiße , brasige Stimmung . Der Himmel war unrein , unreinlich , abstoßend zerquirlt und verzettelt , hier ein Ballen schmutziggrauer Wolken mit matter oder dunkler gefärbten Rändern , die von tödtlicher Langweile zu triefen schienen , dort eine Spanne Wolkenlosigkeit von der blaugrünen Bleifarbe des Nelkenkrautes . Allenthalben breite , auf- und niederfluthende Menschenströme , behagliches Schlendern und gleichsam geöltes Hinschießen . Hunderte von entlassenen Arbeitssclaven , die aus ihren Sälen und Höhlen kamen und eine karge Stunde der Freiheit genießen wollten . Aus dem Innern steinerner Thorwege und Hansfluren , aus geöffneten Kellerfenstern quoll feuchte , kalte Luft . Adam ließ sich von der Masse mit forttreiben . Es war ihm gleichgültig wohin . Es war ihm schon recht so . Er hatte kein Ziel : das Schwimmen mit dem Strome kam ihm heute außerordentlich gelegen . Es dünkte ihn auch so passend zu der gesammten Verfassung seiner Verhältnisse , der schnurrigen Beschaffenheit seiner Lebenssituation , so , wie sie heute von einer schönen Frau eingerenkt und bestimmt war . Es galt , sich bei Zeiten daran zu gewöhnen , daß man einen festen Punkt gewonnen hatte , von dem aus man sich dem realen , lebendigen Leben einfügen und einordnen sollte . Jetzt verspürte Adam einen zaghaft zupfenden Hunger in sich . Und auch die Neigung zu einem guten , schweren Glase Bier streckte verstohlen ihre kleinen , warmen , mahnenden ,