ließen die bösen Zungen weit aus den Mäulern hängen . » Der Raßler , dieser dicke Schweinehund , na , man kann sich ' s denken ... « - » Und sie erst ! Natürlich sie ! ! Diese durchgewichste Person ; wenn nur die Hälfte von dem wahr ist , was man über sie hört , ist ' s stark genug ... « - » Nun kann sie ihre schönen Arme bis an die Schultern in die Geldsäcke stecken . « » Geld war ihr die Hauptsache ; man weiß ja , wie diese Frauenzimmer sind . « » Und er , dieser alte Troddel , statt ein gut bürgerliches Mädchen zu nehmen und glücklich zu machen , wirft seinen Reichtum dieser Abenteurerin nach ... « » Und Du hättest sie nicht - anders haben können ? « fragte der cynische Neffe den Onkel Raßler . Statt dem Frager mit einer Ohrfeige zu antworten , obwohl ' s ihm in der Hand zuckte , erwiderte Raßler fast beschämt : » Nein , um keinen Preis der Welt . « » Unglaublich . « Wäre dieser Neffe nicht selbst in jeder Faser ein moralischer Lump gewesen , hätte er sein » Unglaublich « nicht über die Zunge zu bringen vermocht . Er erinnerte sich sehr gut , daß er und einige seiner glänzend ausgestatteten Kameraden von der männlichen Demimonde vergebens das Rasendste an verführerischen Angeboten geleistet hatten , um sich die stolze Leopoldine Klebnikow willig zu machen oder wenigstens ihre Zusage zu einer heimlichen Partie zu erreichen , die unter der Leitung eines virtuosen Impresario zu der ersehnten Orgie auswachsen konnte . Der biedere Neffe hatte mit seinen Spießgesellen von der Jeunesse dorée - vergoldete Jugend zu Deutsch , was wiederum mit übertünchten Gräbern oder mit Brokat drapierten Spucknäpfen zu übersetzen wäre - eine Wette eingegangen , bis zum nächsten Vollmond die Widerspenstige so gezähmt zu haben , daß sie ihm aus der Hand frißt . Das waren seine eigenen Worte . Nachdem er seinen Schädel , der schon anfing , vielversprechende Spuren von Kahlköpfigkeit in seinem sechsundzwanzigsten Lebensjahre zu zeigen , mit allerlei Plänen zu diesem Handstreich gemartert hatte , flüsterte ihm ein Kamerad den Gedanken ein , sich als Photographenlehrling ins Albrechtsche Atelier aufnehmen zu lassen , was ja um so unauffälliger geschehen könne , als die Ausübung der Photographie mehr und mehr als Sport auch von vornehmen Weltbummlern betrieben werde . Diese stundenlange unmittelbare Nähe , besonders in der Nacht , wo mit elektrischem Lichte gearbeitet wurde , müßte doch die günstigsten Gelegenheiten schaffen ! Es half nichts . Bis zum nächsten Vollmond hatte der improvisierte Photographie-Dilettant zwar ein sehr stilvolles Samtkostüm , welches alle seine männlichen Reize eines leicht angefetteten , rosigen Blondins von mittlerer Gestalt farbig und plastisch hinreißend zur Geltung bringen sollte , abgenützt , allein sein Kriegsplan hatte sich vollkommen wirkungslos erwiesen . Zum Teil aus Ärger über den Mißerfolg und die verlorene Wette , zum Teil aus Geldverlegenheit , da der Onkel plötzlich das Portemonnaie verlegt hatte , ließ sich der rosig-blonde Neffe von einer reiselustigen Dame als » Mädchen für alles « nach Paris anwerben , wo er sich mit besseren Erfolgen in allerlei Photographie-Sport ausleben konnte . Als er nach zweijährigem Pariser Aufenthalt wieder in den Kreis der vornehmen männlichen Demimonde Isarathens zurückkehrte , war er zwar ein vollendeter Kahlkopf , aber auch ein vollendeter Photograph geworden . Nachdem ihm das Hans seines kommerzienrätlichen Onkels auf Betrieb Leopoldinens bald nicht weniger fest verschlossen wurde als es die kommerzienrätliche Geldbörse bereits war , sah der angenehme Neffe aufs neue Holland in Not - und rasch entschlossen nahm er die Hand und das Vermögen eines dummen und verliebten Bürstenbinderstöchterchens - Schwiegerpapa war k. Hoflieferant - und gründete sich , um endlich doch auch geschäftlich etwas Rechtes vorzustellen , ein eigenes photographisches Atelier , das von seinen ehemaligen Freunden viel besucht und mit der hübschen Bezeichnung » Amor und Psyche oder zum photographischen Damensport « bald in Schwung gebracht wurde . Der Lebemann a.D. , wie er sich im Kreise seiner ehemaligen Spießgesellen und Klubfreunde mit fader Selbstgefälligkeit nannte , spielte sich jetzt auf den Künstler-Erwerbsmann hinaus , um seinem knickerigen Onkel zu imponieren . An allen Hauptstraßenecken Münchens prangten seine photographischen Musterbilder in reichgeschnitztem Rokokorahmen . Als Spezialität pflegte er das Kostümbild , weil er mit richtigem Instinkt die Kunststadtkomödie der vornehmeren und reicheren Lebenskreise als ergiebiges Feld erkannte , wo die Pfiffigkeit erntet , was die Eitelkeit säet . Die Frauen und Töchter der Großbräuer und Großhändler und Bankiers wollten um die Wette mit den Frauen und Töchtern der berühmten Maler , mit den Aristokratinnen und Theaterprinzessinnen im Glanze künstlerischer Darstellung ihre Leibesschöne zur Schau tragen . Um sich den Anschein regsten Kunstinteresses und lebendigen Schönheitsgefühls zu geben , genügte es ja bei der zunehmenden Versumpfung echten Kunstgeistes und der Neigung zu leerem Maskenprunk , die großen malerischen Vorbilder der Renaissance zu modischen Toilettestücken karnevalhafter Schaustellungen zusammenzuflicken . Diese herabwürdigende Veräußerlichung der Kunst zum wesenlosen Scheine gelang den Damen der Geldsack-Aristokratie im Bunde mit den Belustigungs-Malermeistern ganz vortrefflich . Zwar protestierte die Natur durch den Schnitt der Alltagsgesichter und den Umfang der oft schwer zu bändigenden Fülle und Plumpheit des Leibes gegen diese renaissanceliche Kunstaffenkomödie , allein der Zug der Mode war stärker , als die Einsprache der Natur . Und dieser Zug der Mode war es , dessen sich Raßlers Neffe als Kunstmodephotograph so gut zu bedienen wußte , daß sein Geschäft bald ein blühendes wurde , jeder Konkurrenz zum Trotz . Bei aller Befriedigung wurmte ihn nur eins : daß Frau Kommerzienrat Raßler sich immer noch wehrte , seiner Schönheitsgallerie sich einverleiben zu lassen . Mit einer ihm unerklärlichen Beharrlichkeit nahm sie von seinem photographischen Aufschwung nicht nur keine Notiz , auch als er ein neues Atelier in der Quaistraße neben dem kommerzienrätlichen Hause eingerichtet hatte , sondern ignorierte ihn auch vollständig , als er mit unzweideutiger Aufdringlichkeit sich in ihren Mittwochs-Gesellschaftsabenden einstellte . » Ein rätselhaftes Weib , « murmelte er , » aber der Teufel soll mich holen , wenn ich sie nicht dennoch auf meine Platte zwinge . « Der Höllenzwang versagte seine Wirkung . Auch den Onkel bekam er nicht vor sein Objektiv , so sehr er ihn umschmeichelte . » Aber bester Onkel , bei Albrecht hast Du Dich neunundneunzigmal in allen erdenklichen Posen abkonterfeien lassen und Du bist inzwischen wirklich nicht häßlicher geworden ... « » Ja damals ! « grunzte der Kommerzienrat und rieb sich die Glatze . » Bockbeinige Bande ! Der Teufel soll ... « Vorläufig begnügte sich der durchlauchtigste Höllenfürst , seinen Schwanz in die Raßlerschen Mittwochsabende zu stecken und die schöne Gesellschaft zu sprengen . Ton und Formen des Umgangs waren nach und nach bedenklich ungezwungen geworden . Es riß eine Gemütlichkeit ein , die nichts Arges darin finden wollte , wenn ein Herr Künstler hinter dem Fenstervorhang sich handgreiflich von der Modellfähigkeit einer Dame für sein neuestes Venusbild überzeugen wollte , oder wenn sich eine üppige » höhere Tochter « in höheren Semestern in den kleineren Salon zurückzog und sich auf das Ruhebett warf , während ein Herr Piano- oder Geigen-Zauberer vor ihr auf dem Teppich kauerte und geeignete Teile ihres flott hingegossenen Leibes als Tastbrett für virtuose Fingerübungen benützte . Frau Raßler erlaubte sich zwar , ihren Gatten mit unmutsvollen Bemerkungen auf diese Exzesse künstlerischer Phantasie aufmerksam zu machen , fand aber wenig geneigtes Gehör . Das mache der Liebe kein Kind , meinte er lachend , und ein vornehmes Haus in der Kunststadt München sei kein Kloster ; es sei ihm erzählt worden , daß es in den berühmten Soireen der Baronin Paurexins , wo auch hauptsächlich Künstler verkehren , und an den Donnerstag-Abenden des Akademieprofessors Franz v. Kraxelheim noch viel bunter zugehe . Das sei nun einmal der herrschende Ton . Es wäre doch lächerlich , sich über Scherze zu skandalisieren , welche bei den feinsten und gebildetsten Herrschaften ganz anstandslos passieren . Gegen ernste Unzukömmlichkeiten würde er der Erste sein sich aufzulehnen . Man dürfe sich nicht in den Ruf der Spießbürgerlichkeit bringen , zumal bei den Gelehrten und Künstlern immer noch die Neigung bestehe , die kaufmännischen und industriellen Inhaber der modernen Million unrühmlich zu behandeln , fast wie Menschen zweiter Klasse ... » Sei unbesorgt , mein Leo , auch ein Geldmann wie ich versteht sich so gut aus aristokratischen Schliff und Schick wie die Herren Barone und Grafen von Habenichts und wie die großthuerischen Künstler , die ihren Bettelsack erst an unserer Kasse füllen und uns dafür ihre Ölschwarten aufhängen . Also mach ' s wie ich und drücke anderthalb Augen zu . Ich weiß , Du amüsierst Dich doch , verstell ' Dich nicht , mein Leo ! Wie gesagt , so lange keine Unzukömmlichkeiten ... « Der Herr Kommerzienrat wurde erst stutzig , als in der nächsten Woche , am Gedächtnistage seiner Hochzeitsfeier , wo ein Souper und ein Tänzchen die Lustbarkeit des Abends erhöhen sollte und der Kreis der Geladenen erweitert wurde , zahlreiche Absagen einliefen . Der freundnachbarliche Konsul Schmerold schrieb , daß er bedauere ablehnen zu müssen , geschäftliche Verpflichtungen u.s.w. ließen ihn nicht frei über seine Abende verfügen . Das war glaubwürdig . Ebenso , daß sich der Fabrikbesitzer und Handelsrichter Hans Deixlhofer damit entschuldigte , daß er der Entbindung seiner Frau entgegensehe . Die blonde Frau Deixlhofer kam ja überhaupt nicht mehr aus den interessanten Umständen heraus . Kaum eins angekommen , war schon ein anderes unterwegs . Wie die Orgelpfeifen . Und alles frisch und gesund ... Hauptsache ... Der Professor Hirneis und die Dichterin Thusnelda Wechsler dankten , weil sie zur Zeit die Zahl ihrer geselligen Verpflichtungen nicht vermehren dürften . Das waren faule Ausflüchte , offenbar . Der Bankier Guggemoos , den die jüngste Gemeindewahl zur Würde eines Stadtvaters erhoben hatte , dankte , auch im Namen seiner Frau und Schwägerin , ohne sich die Mühe zu geben , seine Ablehnung zu begründen . Das war unhöflich . Der Kunsthändler Feldmann , der Goldwarenfabrikant Zwicker , der Magistratsrat Rohleder , der Oberst a.D. Gotteswinter und die Baronin Kleebach-Kilpo schickten einfach ihre Karten mit dem Ausdrucke des Bedauerns . Das war beleidigend . Was sollte das alles bedeuten ? Rasch wurden die Vorbereitungen eingeschränkt und der Tanz vom Programm gestrichen . Man wollte Unwohlsein eines Kindes vorschützen . Außer dem leichten Volk der gewöhnlichen Jourfix-Gäste waren nur fünfzehn besonders geladene Personen erschienen . Einer der Getreuen des Hauses hatte einen ungeladenen Gast angemeldet und mitgebracht : den Hauptmann a.D. Baron Max v. Drillinger . » Die ungeladenen Gäste sind die willkommensten , « sagte der Kommerzienrat geschäftsmäßig begrüßend und führte den Baron seiner Frau zu . » Sie sind uns kein Fremder , wir haben schon von Ihnen gehört ... Hier meine liebe Gattin Frau Leopoldine . « Sie verneigte sich kühl und düster . Vierzig Personen saßen zu Tische . Den Hauptgenuß des Abends bot der Mehrzahl der Gäste das Essen und Trinken . Alles war in Hülle und Fülle vorhanden . Der Hausherr , um sich aus einer gewissen Befangenheit zu befreien , sprach selbst den sorgfältig ausgewählten und zubereiteten Speisen und Weinen tüchtig zu und versäumte nicht , auf die Güte des Gebotenen mit Eifer aufmerksam zu machen . Auch der Kunstwert der Aufsätze und Gefäße wurde von ihm mit Nachdruck hervorgehoben . Niemand ließ sich durch diese ästhetische Beflissenheit des Kunstmäzens den Appetit verderben . Baron Drillinger kam der auffallend stillen und nach Innen gekehrten Hausfrau gegenüber zu sitzen ; an seiner Seite saß der Schauspieler Geiling und die pikante Forstmeisterswittwe Bertha Hohenauer , geborne v. Starkloff ( sie versäumte nie , bei Vorstellungen diesen genealogischen Vermerk passend anzubringen ) . Drillinger sah an diesem Abend sehr interessant aus ; seine dunklen Augen leuchteten in schwärmerischem Glanz aus dem auffallend blassen Gesicht . Es war etwas Weiches , Elegisches in seinen Zügen , etwas Wälsches fast , mit der fröhlichen Derbheit der urbajuwarischen Bierköpfe verglichen , deren es heute einige ältere Musterexemplare an der Raßlerschen Tafel gab . Eigentlich fand er auch gar keinen Gefallen an dieser Schmaus-Gesellschaft . Er war da hereingekommen wie der Heide Pontius Pilatus ins christliche Glaubensbekenntnis . Am Nachmittag hatte er ein zärtliches Stelldichein absolviert mit dem jungen , tollen Weibchen des pensionierten Generals Roller , genannt Rollmops , der freundlich gesinnten Hälfte seines ehemaligen Busenfeindes . Brigitta hatte Wind davon bekommen - und wie gewöhnlich die Schalen ihres gerechten Zornes über das Haupt des argen Sünders ausgegossen . Wie gewöhnlich machte der böse Max die Miene der gekränkten Unschuld zu dieser altjungferlichen Strafpredigt und suchte dann durch allerlei scherzhafte Abschwenkungen den Sinn der Alten auf gemütlichere Wege zu lenken . Zum Beispiel mit dem parodistischen Bibelspruch : » Hasse deinen Nächsten und liebe sein Weib wie dich selbst . « Oder : » Sei unterthan , deinen Vorgesetzten , und sage nicht nein , wenn die Generalin ja sagt . « Oder : » Du sollst dem Ochsen , der kommandiert , nicht das Maul verbinden , aber seine Hörner zu vermehren , ist erlaubt . « Und dergleichen Sündhaftigkeiten mehr . Diesmal jedoch mit einem nicht gewöhnlichen Mißerfolg . Und so war er froh , als Erwin Hammer zufällig Sukkurs brachte . Nur der Vorschlag behagte ihm nicht , sich als blinder Passagier mit zu Raßlers kutschieren zu lassen . Diese Leute interessierten ihn ja gar nicht ! Und jetzt saß er doch da ! Er sprach wenig und bemühte sich mit der gefälligen Grazie eines erprobten Weltmannes und Beobachters zuzuhören . Seine Ohren waren zwar heute nicht von besonderer Schärfe , doch entging ihm kein Wort , als Bertha Hohenauer dem Schauspieler zuflüsterte : » Wenn Du das Glück siehst , halt ' s fest ; dies ist die Summe aller Weisheit zum Glücklichsein . « Dieser Spruch bildete den ganzen Abend das Leitmotiv seiner gemischten Empfindungen . Als nach aufgehobener Tafel ein wenig musiziert wurde und nach einigen künstlerischen Momentsphantasieen auch eine Dilettantin ein bischen à la Liszt rhapsodiert hatte - die Mehrzahl der Herren that sich mittlerweile im Rauch- und Spielzimmer gütlich - setzte sich auch Baron v. Drillinger leise an das Klavier und wagnerisierte in gedämpften Akkorden Götterdämmerungsmotive . Da traf ihn zum erstenmal einer jener rätselhaft hellen Blicke Leopoldinens wie ein Blitz aus einer schwarzen Wetterwolke . Dann plätscherte der Regen der Unterhaltung in hastigem Getröpfel ringsum hernieder und Frau Raßler war wieder verschwunden . » Wenn Du das Glück siehst - - ah bah ! « machte Drillinger , harpeggierte einen verminderten Septimenakkord über die Klaviatur hin , daß die Töne harfenartig verklangen , matt und matter , wie ersterbende Herzschläge . Er erhob sich langsam vom Stuhle . Niemand achtete darauf . Man war pianinomüde . Die Maultrommel , ah ja , besonders auf der Damenseite ; wie wurde da Wahrheit und Dichtung aus dem Leben der lieben Mitmenschen von gestern und heute flink in Noten gesetzt und durch alle Tonarten gepeitscht ! Im Ganzen schien die gesellige Stimmung flau . Drillinger lehnte noch am Pianino und ließ seinen Blick über die schwatzenden Gruppen in dem gelben Salon gleiten . Er kam sich immer noch eigentümlich fremd , fast verschüchtert in dieser Umgebung vor . Was mußte ihn aber auch Erwin Hammer da herein schleppen , um ihn hier stehen zu lassen wie einen Marterstock ! Ja , wie einen Marterstock ! Drillinger mußte lächeln über sich selbst : wie war ihm nur dieser komische Vergleich in den Sinn gekommen ? Ein Marterstock oder kurzweg ein » Marterl « , die frommnaive Bildsäule , welche das Landvolk im einsamen Feld oder Hochgebirg an der Stelle errichtet , wo ein armer Mensch verunglückte durch Absturz , Blitzschlag ... Spaßig , was die Phantasie für Sprünge macht . Er hier ein Marterl ... Blitzschlag ... Es ist zu dumm . Alle Wetter , jetzt eben ging die seltsame Frau wieder an ihm vorüber , diesmal gesenkten Blickes , wie eine trauernde Walküre , wie eine Brunnhilde , der ein unsichtbarer Schicksalsmund die Gottheit von der Stirn geküßt ... Und hinter ihr drein watschelte der Kommerzienrat . Nein , der hatte nichts Wotanhaftes . » Leo , so hör ' doch , Leo ! « Frau Leopoldine hörte nicht ; sie war in einer Gruppe von Damen verschwunden . Der Kommerzienrat war pustend mitten im Salon stehen geblieben , hilflos , ratlos , mit einem dumm-verlegenen Ausdruck im feisten Vollmondsgesicht . » Leo , Le ... « Da erblickte er den Baron einsam am Klavier . » Sie haben famos gespielt , Herr Baron ; scheinen in allen Sätteln gerecht , hehehe ? « » Die Kunst ist oft ein gar zahmer Klepper , Herr Kommerzienrat , da gehört nicht viel Mut dazu , das heißt , zuweilen nichts als ein gewisser Mut . « » Schade , daß unser berühmter Tastenschläger heute nicht gekommen ist , der geniale Friedberg , ein ganz junger Mensch , aber von einer unglaublichen Verwegenheit auf seinem Instrument . Der haut Ihnen das Zeug herunter ... Sie kennen ihn nicht ? « Drillinger verneinte lächelnd . » Er hat meinen Flügel neulich so verarbeitet , daß ich ihn zur Reparatur fortgeben mußte ; das Pianino ist nur als Lückenbüßer da . Jüngst hat er meiner Frau vorgespielt was die Isar rauscht . Alles durcheinander , Trauermärsche und Hopswalzer . Besonders in der Tanzmusik ist er unwiderstehlich . Ja , wenn der da wäre und loslegte , da sollten Sie einmal die Damen sehen , keine ist mehr zu halten . Das Frauenzimmervolk , Sie kennen es ja , ganz unberechenbar , hehehe ! Ein Rattenfänger auf der Bildfläche - und weg ist ' s. Na , das macht der Liebe kein Kind ... Apropos , Bildfläche : Sie müssen uns einmal am Tag die Ehre schenken und meine Bildergallerie betrachten . « » Mit Vergnügen , Herr Kommerzienrat . « » Wollen Sie nicht ins Rauchzimmer kommen ? Wir schwatzen uns hier die Kehle heiser . Ich habe da drin ein exquisites Kraut , auch einen feinen Tropfen dazu . Die Herren qualmen und politisieren , was Zeug hält . Die soziale Frage wurde schon wieder zum ixtenmal gelöst . Kommen Sie doch . « Drillinger war zwar heute weniger denn je aufgelegt , sich von Hinz und Kunz politische Kannegießereien vorreden zu lassen . Immerhin , dachte er ; mitgegangen , mitgefangen , mitgehangen . Und da ihn das Ewigweibliche ausnahmsweise einmal gar nicht lockte ... Der Kommerzienrat schielte noch einmal suchend nach Leopoldine in den Salon zurück . » Kommen Sie , Herr Baron ! « Er führte ihn durch einen kleineren Salon , wo zerstreute Gruppen jüngerer Leute drauflos schwadronierten , in das Rauchzimmer . War das dort nicht der Schauspieler Geiling , der sich mit der verliebten Wittwe durch die Portière drückte ? Drillinger erhaschte nur noch flüchtige Umrisse des verschwindenden Pärchens . Unbekannt mit der Einteilung der weitläufigen Wohnung und den Gewohnheiten ihrer Benützung , vermochte er nicht zu erraten , wohin sich die Witwe mit ihrem Galan gewandt , um in trauter Ungestörtheit die » Summe aller Weisheit zum Glücklichsein « zu ziehen . Ein anderer Gast , der sich gut auskannte , der Maler Schnürle , eine gallige Natur und ein unermüdlicher Spürhund , hatte mit dämonischer Freude die Davonschleichenden aus seinem Observatorium in der Fensternische beobachtet . Dem Komödianten war er schon lange aufsässig und der geborenen Starkloff war er aus allerlei Ursach auch nicht grün . Hollah , diesmal gilt ' s , dachte er , und diesmal werden die sauberen Schliche aufgedeckt ... Er schlängelte sich leise hinaus ... Schon drohte im Bereiche der Damen der Geist der Unterhaltung zu verflüchtigen ; die boshaften Gespräche erlahmten , die ungeduldigen Füßchen trommelten zum Aufbruch , es war heute offenbar nichts mehr los . Da hieß es plötzlich : » Friedberg wird noch kommen ! Friedberg ist da ! « Hui dada , hui dada , dideldumdei - » Liebste Frau Kommerzienrat , « röhrte die höhere Tochter in den höheren Semestern , » Friedbergchen muß uns was Lustiges aufspielen , damit wir doch noch ein wenig tanzen können . Sie müssen erlauben ... Wir können nicht mehr an uns halten ... Unsere Beine sind schon den ganzen Abend in Aufregung ... Sehen Sie dort den Herrn Leutnant , der ist schon ganz weg ... Bitte , bitte ... Tanzen ist ja Gottesdienst ; der König David hat vor der Bundeslade hergetanzt ... « Hui dada , hui dada , dideldumdei - Einige ältere Herren flüchteten vor dem Tanzrummel aus dem gelben Salon in das Rauchzimmer und da sie auch dies schon überfüllt fanden , in den Billardsalon . Hier hatte der sogenannte Wunderdoktor Wendelin Wamperl , seines Zeichens Rechtsanwalt , dessen Schnurrbartenden wie Pfropfzieher ausgedreht waren , eben den Queue auf das Billard geworfen und einer Gruppe Herren , welche , das Weinglas in der Hand , schlechte Witze über einen neuesten Ehebruchskandal rissen , voll sittlicher Empörung zugerufen : » Und ich bin dafür , daß jeder Mann und jedes Weib , auf Ehebruch ertappt , mit Kastrierung bestraft wird ! « » Gewiß , Untreue ist Infamie , sofern man nicht selbst den Genuß davon gehabt hat , « sagte einer aus der Gruppe mit Beziehung , ein sonderbar gestalteter Heiliger , dessen Nasenflügel aufgebläht schienen , als wären sie mit einer kitzelnden Prise Schmalzlertabak gefüllt , während der hochgezogene Nasenrücken und die gefältelte Nasenwurzel den Eindruck eines permanenten Niesreizes machten . Wer dieses gespannte Gesicht ansah , war versucht , immer gleich Helfgott zu sagen . » Da muß ich doch bemerken , daß die tonangebende Presse den Fall viel milder beurteilt hat , als der gestrenge Herr Doktor . « » Die Presse , « höhnte Wamperl , » diese babylonische Hure ; das muß ich als ehemaliger Herausgeber einer Zeitung doch besser wissen , wie so etwas gemacht wird . Milde Beurteilung ! Da hat die Bestechung eben nicht bis zum Schweigegeld gereicht . « » Doktor Wamperl hat Recht : gegen die zunehmende Zerrüttung des Ehelebens müßte mit den stärksten Strafen vorgegangen werden . Die Ehe ist die Basis von allem - « bemerkte ein Dritter . » Natürlich , « zischelte der gereizte Nasenflügler - » so sehr die Basis von allem , daß kein anständiger Mensch mehr sich damit einlassen mag und das Junggesellentum von Jahr zu Jahr zahlreicher wird . Fragen Sie doch unsern bewährten Statistiker Parklas ! « » Junggesellentum ? « fuhr Doktor Wamperl auf , » sagen Sie doch richtiger die männliche Halbwelt . All ' diese biederen Junggesellen sind zu haben , wenn eine holde Sirene lockt . Lauter Kuckuckseierfabrikanten , wenn ' s aufs Apropos ankommt . Biedermänner , die , wenn sie zum Verführen zu faul , nichts sehnlicher wünschen , als verführt zu werden . Und diese Mustermenschen schimpfen auf den Ehestand und auf die Weiber und die Dirnen - und sie selber schlupfen drin herum wie die Maden im Käslaib . « » Bravo , Herr Doktor ! « rief der Kommerzienrat beifällig und schob dem Baron v. Drillinger zuvorkommend einen Rohrsessel hin , während er gleichzeitig einem vorbeieilenden Diener bedeutete , einen frischen Trunk zu bringen . Der mehr und mehr gereizte Nasenflügler : » Sie gebrauchten den Ausdruck männliche Halbwelt , Herr Wamperl ; das wäre ein Thema für Ihre Feder . Schreiben Sie doch einen tief empfundenen Artikel darüber . « Bei diesen Worten erschien Erwin Hammer geräuschlos unter der Thür . » Wofür ? Für die Tagespresse ? « » Es stehen Ihnen doch die angesehensten Blätter offen . « » Angesehene Blätter gibt ' s nur im physischen , nicht im moralischen Sinn . Ich danke . Ich verachte die Presse für das , was sie nicht schreibt und noch mehr für das , was sie schreibt . Ich verachte sie grundsätzlich . « » Oho ! « von verschiedenen Seiten . Und Doktor Wamperl mit explosivem Cynismus : » Ja , ich verachte sie . Eher pflanze ich coram publico einen Kaktus auf dieses Billard , als daß ich wieder die Feder für einen Zeitungsartikel anrühre ... « » Probe machen ! « riefen einige Übermütige . » Bitte , meine Herren , « fiel der Kommerzienrat ein , » das Kaktuspflanzen ist unstreitig ein gesundes Vergnügen , aber mein Schleifersches Billard gebe ich nicht dazu her . Haben Sie eine Ahnung , was dieses Möbel gekostet hat ? Das wär ' ein teurer Blumentopf , mein Lieber . « Erwin Hammer war leise zu Wamperl getreten und flüsterte ihm ins Ohr : » Ich komme soeben aus dem Museum ; großartige Lobeshymne über Ihre jüngste Verteidigung gelesen . « » In welcher Zeitung ? « fragte dieser ebenso leise wie gespannt . » Das weiß ich nicht mehr . Ich glaube , im Nürnberger Anzeiger oder in der Frankfurter oder in der Allgemeinen . Man hat sich um das Blatt gerissen . « » Da muß ich doch nachsehen . « Und Doktor Wendelin Wamperl drückte sich eilig . Erwin Hammer sah ihm spöttisch nach . » Was ist los ? Ist er beleidigt , daß er sich französisch empfiehlt ? « fragte der Kommerzienrat besorgt . » Gott bewahre , « erwiderte Hammer . » Ich gehe jede Wette ein , daß unser großer Zeitungsfeind in dieser Nacht noch alle Kaffeehäuser einrennt und alle Zeitungsständer demoliert , um einen Lobesartikel auf seine vorgestrige Verteidigungsrede aufzustöbern . « » Und der Artikel findet sich nirgends ? « » Natürlich nicht . Ich hab ' ihm den Bären aufgebunden , um seiner Eitelkeit einen Possen zu spielen . Der Gute ist so wütend auf die Presse , weil er nicht genug gelobt wird . « » Das ist gelungen . Bravo , Herr Doktor Hammer ! « rief der Kommerzienrat und rieb sich vergnügt die Hände . Hammer setzte sich zu Max v. Drillinger und entschuldigte sein Durchbrennen . Inzwischen stellte der Diener eine Batterie schöner schlanker Rheinweinflaschen auf den Kredenztisch . Die Herren schänkten sich selbst ein nach Belieben . Der Kommerzienrat war in einen Polsterstuhl gesunken und hörte schläfrig den Auseinandersetzungen des Prokuristen der königlichen Notenbankfiliale zu . » Jawohl , diese Entscheidung des Reichsgerichts ist eminent wichtig . « » Welche Entscheidung ? « fragte Raßler und rieb sich die Augen , vom Zigarrenrauch gebeizt . » Das Reichsgericht entscheidet so viel , daß man sich extra einen Gelehrten dafür anstellen muß , wenn man im Geschäft alles beachten will . « » Zu dienen , Herr Kommerzienrat , « antwortete der junge Prokurist Gottlieb Nordhäuser , ein gewandter Streber , der sich mit Vorliebe den älteren , einflußreichen Kaufherren , besonders wenn sie hübsche Frauen oder heiratsfähige Töchter hatten , angenehm zu machen suchte . » Die Entscheidung lautet so , « dozierte er mit glatter , einschmeichelnder Stimme : » Hat ein Bankier seinem Kommittenten den Kauf von bestimmten Börseneffekten empfohlen mit der Angabe , daß sie steigen werden , obwohl ihm bekannt ist , daß ein verhältnismäßig geringer Umsatz in diesen Effekten stattfindet und dieser geringe Umsatz hauptsächlich von ihm selbst veranlaßt ist , um äußerlich den Kurs derselben eine zeitlang auf einer bestimmten Höhe zu erhalten und somit den Leuten Sand in die Augen zu streuen , so ist er für den seinem Kommittenten durch diese schwindelhafte Manipulation erwachsenen Schaden haftbar . « Gedämpft tönten die schmachtenden Walzermelodieen » Künstlerleben « von Strauß aus dem gelben Salon herüber und begleiteten die reichsgerichtliche Prosa , daß sie im Munde des gefälligen Prokuristen fast wie Poesie , wie eine rezitierte Romanze klang . » Ich bewundere Ihr stupendes Gedächtnis , Herr Nordhäuser , « nickte der Kommerzienrat . » Eine sehr gute Entscheidung . Hätte ich dieselbe damals gehabt , wäre ich dem Bankier Weiler anders zu Leibe gegangen . Nun , gedrosselt habe ich den Spitzbuben , daß sein Kragen noch lange blaue Flecken zeigte , aber der Spaß kam mich doch teuer . « » Dem Kravattenfabrikanten hätte man schon längst den Hals zuziehen sollen . Immerhin hat Ihre Lektion gefruchtet , Herr Kommerzienrat . Weiler ist seitdem viel vorsichtiger geworden . An einen Finanzmann wie Sie wird er sich so leicht nicht mehr heranwagen , « flötete der Prokurist mit seiner einschmeichelnden Stimme . Raßler fühlte sich sehr angenehm berührt , sich aus solchem Munde als Finanzmann preisen zu hören . Er drückte die Augen zu . Mit diesem freundlichen Eindruck hätte er jetzt schlafengehen mögen . Wenn nur auch Leopoldine diese sachverständige Anerkennung seiner Finanzkapazität gehört hätte ! Wo sie nur stecken mag , daß sie sich gar nicht nach ihm umsieht ? Er schielte nach der Thür . Diese verdammten Gastgeberpflichten ... In der Trinkergruppe in der andern Ecke wurde die Unterhaltung immer lebhafter , seit Erwin Hammer seine schneidigen Bemerkungen den Leuten an die Köpfe warf . » Alles ist Halbwelt , « rief er , anknüpfend an das Wort , das Doktor Wamperl zurückgelassen . » Die Kunst , die Wissenschaft , die Politik , die Finanz - ich bin so frei , auch im Hause des Gehenkten vom Stricke zu reden - überall die nämlichen Halbwelt-Allüren und die nämliche Halbwelt-Moral . Diese industrielle Brutaliät , in allem nur Ware zu sehen , alles nach dem Ausbeutungsgewinn zu taxieren , ist das nicht schmutziger Halbweltsgeist ? Ideale - ! Wird ihr Preis nicht auch durch Angebot und Nachfrage geregelt ? Haben wir nicht eure Menge ererbter Ideale , die , weil keine Nachfrage mehr besteht , jetzt als traurige Ladenhüter verschimmeln ? Seht Euch doch einmal in unserer guten Kunststadt München das Zeug an , was als modernes Ideal in die Schaufenster gestellt wird , um zu prunken und zu bestechen und den Blick der Kauflustigen auf sich zu ziehen ! « » Nennt doch das Kind beim Namen und sagt einfach : der Kapitalismus !