enthielten die Zeitungen nun Nachrichten über den Fortgang der Untersuchungen , deren Ergebnisse sich nicht so glichen , wie einst die Brüder Weidelich . Dadurch gewann jeder dem andern gegenüber eine gewisse Originalität , was man nie für möglich gehalten hätte . Isidors Wirkungskreis umfaßte eine Anzahl bäuerlicher Gemeinden , die um diese Zeit just in der Verbesserung ihrer Kreditverhältnisse begriffen waren . Sie bildeten Genossenschaften für gegenseitiges Gewährleisten der hypothekarischen Sicherheit und dergleichen , kündeten dann insgesamt die beschwerlichsten wie die schlechteren Pfandbriefe und boten den Gläubigern neue Titel zu billigerem Zinsfuße an . Da gleichzeitig viele Kapitalisten ihr in Aktienunternehmungen angelegtes Geld nicht mehr sicher sahen , griffen sie gern wieder nach dem Grundbesitz . Der Notar aber war der Mittelsmann und Führer der ganzen Bewegung . Er schrieb ein Anleihen nach dem anderen aus , nahm die Einzahlungen in Empfang , löste die gekündeten Briefe ab , indem er die alten Gläubiger auszahlte und den neuen die neuen Pfandbriefe ausstellte und protokollierte , was das Zeug hielt : weil das alles sich in die Millionen belief , so verfuhr er vielleicht bescheiden , wenn er von den vielen Geldern , die ihm zwischen die Hände gerieten , nur einige Hunderttausend veraberwandelte , um damit sein Glück im Börsenspiel zu versuchen . Da er , wie recht und billig , als hohler Kopf , der ohne alles Urteil dareinfuhr , nur verlor , so sah er sich bald genötigt , einen veruntreuten Posten durch einen anderen zu ersetzen und darin immer eifriger fortzufahren , indem er rüstig die Schuldbriefe ausstellte und zuerst mit einiger Auswahl , dann ohne Wahl das dafür erhaltene Kapital zurückbehielt . Es handelte sich ohnehin um eine weitläufige und langwierige Besorgung , und so vermochte er längere Zeit die Leute mit allerlei trockenen Redensarten hinzuhalten , auch im dringenden Fall durch einen neuen Eingriff vorzubeugen immer in der Hoffnung , das Glück werde endlich großartig einschlagen und alles in Ordnung bringen . Er war sogar so kühn , viele gelöschte alte Titel , statt sie den Schuldnern zu übergeben , ohne Vermerk bei auswärtigen Bankgeschäften zu versetzen , während sie doch in den Protokollen abgeschrieben waren . Auf diese Art gewann er mehr als einmal den doppelten Betrag am nämlichen Briefe . Hiebei führte er lang eine ziemlich sorgfältige geheime Buchhaltung , bis ihm dieselbe gleich dem ganzen Schwindel selbst über den Kopf wuchs und er die Übersicht verlor . Julians Verfahren war nicht so mühselig und kühn . Er begnügte sich , von jedem Kaufschuldbrief , den er zu fertigen hatte , ein Duplikat und ein Triplikat herzustellen , letztere Stücke eigenhändig in stiller Nacht , und diese Kunstwerke in einer besonderen Schatztruhe aufzubewahren . Sobald er nun ungerechtes Geld bedurfte , suchte er ein oder mehrere Stücke hervor und schaute zunächst nur darauf , ob die Originale , nach dem Inhaber zu urteilen , in festen Händen ruhten . Ergab sich aber ein Mangel an Vorrat solcher Stücke , so verfertigte und malte er in aller Form gänzlich erfundene Pfandbriefe , die in keinem Protokolle standen , und er sorgte nur dafür , daß es Personen betraf , die in guter Sicherheit dahinlebten und sich nicht auf dem Geldmarkte umtrieben . Er belastete die Höfe wohlhabender Bauern mit Schulden zugunsten weit davon entfernter Rentner , die sich von der unsichtbaren Bereicherung nichts träumen ließen . Da namentlich diese ganz in der Luft hängenden Hypotheken sehr solid aussahen und von Bankbeamten beim Anblick der darauf figurierenden Namen als gut geschätzt und belehnt wurden , so beschränkte Julian sich zuletzt ausschließlich auf den bequemeren Zweig und behing ihn mit zahlreichen Früchten ; je nach Bedürfnis pflückte er dieselben , um am letzten Tage des Monats die ansehnlichen Börsenverluste zu decken . Auch er führte Buch über das Nebengeschäft , schon um das Verzinsen auf den Banken nicht zu versäumen , was nicht ratsam war , dann aber auch behufs einer wohlgeordneten Reihenfolge in der Rückzahlung der geborgten Gelder . Es war eben der beiden Brüdern gebliebene Anteil am menschlichen Idealismus , das Unrecht nur mit dem Vorbehalte zu üben , es mit Fortunas Hilfe rechtzeitig gutzumachen und nicht etwa zugrunde zu gehen . Das hielt ihren leichten Mut auch nach dem Falle aufrecht und gab ihnen das Bewußtsein , nicht zum Trosse verächtlicher Sünder zu gehören . Ungefähr eine Woche nach der Flucht erhielt Frau Netti einen Brief von Julian , welchen er auf dem Wege nach einem portugiesischen Seehafen irgendwo aufgegeben , die Adresse mit verstellter Hand geschrieben . » Meine heißgeliebte , verehrteste Gattin ! « lautete der Brief . » Ein bitteres Schicksal hat mich von Deiner Seite gerissen ( Du wirst das Nähere bereits vernommen haben ! ) und mich gezwungen , jenes kleine Lumpenländchen zu verlassen , wo ich geboren und in jugendlicher Unerfahrenheit der allgemeinen Verderbnis anheimgefallen bin . Ein Flüchtiger und Geächteter , eile ich jetzt besseren Zonen entgegen , wo der freie Mannesgeist Raum zur vollen Entfaltung findet und wo ich hoffe , in kurzer Frist den von einer philisterhaften und gelddurstigen Krämerwelt mir aufoktroyierten Fehltritt gutzumachen . Ich kann Dir eidlich beteuern , meine teuerste Gemahlin , daß dieser Fehltritt aus einem langen Martyrium bestand , ein Kampf ums Dasein war , dem ich einstweilen unterlegen bin , ich sage feierlich : einstweilen ! Und jetzt , liebstes Weib ! wie ich dereinst ewige Treue gelobt habe auch für den Fall , daß Deine Eltern Dich enterben sollten , jetzt baue ich auch auf Deine Treue und hoffe , Du werdest sie mir bewahren , nachdem ich ein Enterbter unseres Vaterlandes geworden bin ! Über die Länder , durch welche ich bisher mit Sturmeseile gereist bin , kann ich Dir nichts Interessantes mitteilen , da ich begreiflicherweise keine großen Beobachtungen anstellen konnte . Aber von drüben , überm Meere , hoffe ich Dir die Neue Welt einläßlich zu schildern , die sich mir auftun wird , sobald ich festen und sichern Fuß gefaßt habe . Bis dahin kann ich Dir auch keine Adresse angeben . Grüße Deine verehrten Herren Eltern recht herzlichst von mir und sei so gut , es auch bei den meinigen zu tun und sie um Verzeihung für mich zu bitten ! Es ist mir jetzt unmöglich , ihnen zu schreiben . Auch meine teure Schwägerin Setti grüße ich tausendmal ! Ich bedaure nur meinen armen Bruder , den sie erwischt haben ! Ich glaube , ich habe das schlimme Beispiel geahnt , das er mir unbewußt gegeben hat . Item , die Sonne wird auch für uns wieder aufgehen ! Und nun lebe wohl , Geliebte ! Und auf ein glückliches Wiedersehen , wenn ich Dir eine Stätte bereitet habe ! Dein getreuer Gatte J. W. « Netti gab beim Abendtee , als alle beisammen waren , den Ihrigen den Brief zu lesen . Er wirkte fast erheiternd , besonders da sie die verlassene Frau so ruhig sahen . Dies war sie , weil sie jetzt die Rechnung endgültig abgeschlossen hatte , ohne Hoffnung auf eine mögliche Änderung des Mannes . Frau Marie fühlte sich fast zufrieden , Setti hingegen war immer niedergedrückt , weil ihr Umstand in nächster Nähe geborgen saß , wenn auch unfreiwillig . Da kam spät noch Herr Möni Wighart auf eine Tasse Tee mit dem guten Rum , welchen Salander zu beziehen wußte . Dieser ging in letzter Zeit nicht unter die Leute und sah es gern , daß der teilnehmende und doch stets anspruchslose Kumpan zuweilen ein Stündchen vorsprach . Frau Marie hatte ihm die Untat längst verziehen , die er einst an ihr begangen , als er bei der ersten Rückkehr aus Brasilien ihren sehnlich erwarteten Martin sozusagen vor der Haustür in ein Wirtshaus verlockte . Sie holte ihm sogleich einen Aschenbecher herbei . Herr Wighart rief heuchlerisch : » Hoho ! Man sollte mich für einen Schnapsbruder halten ; nun , ' s mag für einmal hingehen ! « als ihm Martin Salander ans dem Rumfläschchen die Tasse bis zum Rande vollgoß . » Warum ich so spät noch komme , ist etwas Lustiges , das ich erzählen muß ! Es wird Euch ein klein wenig Spaß machen ! Der verflossene Meister Notar Julian ( Verzeihung , Frau Netti ! ) kommt noch täglich als ein trefflicher Humorist zum Vorschein ! « » Ein Humorist ? « seufzte Netti . » Ach , du lieber Gott ! « » Hört nur ! Ich komme aus den Vier Winden , wo einige Herren sitzen , die den ganzen Tag mit den Angelegenheiten des Bewußten zu tun hatten . Noch kurz vor der Abreise hinterlegte er bei der allgemeinen Not- und Hilfsbank einen schönen , neuen , vorstandsfreien Pfandbrief von zehntausend Franken und erhielt darauf sechstausend . Als Schuldner erscheint in dem Instrument ein reicher , filziger alter Bauer hinter Lindenberg , genannt Ägidi , als Pfand dessen Hof und Land , und als Gläubiger der Bruder des Schuldners , ein anderer alter Filz , der sogenannte Schleifer in Nasenbach und bekannter Wucherer . Diese beiden Brüder führen seit Jahrzehnten eine Erbstreitigkeit um die andere , und wenn sie fertig sind , fangen sie von vorn an . Sie leben wie Hund und Katz gegeneinander und betrachten sich gegenseitig als den Fluch ihres Daseins , ohne alle Not , da jeder für sich genug hätte . Gut , die alten Männer waren heute nebst manchen anderen einberufen . Man zeigte ihnen , als die Reihe an sie kam , die schöne Hypothek und fragte , ob sie in Ordnung sei ? Zuerst nahm sie der angebliche Schuldner in die Hand , weil er eher mit dem Aufsetzen der Brille fertig war ; im übrigen sind beide übelhörig und verstanden zunächst kein gesprochenes Wort . Kaum hatte der Hofbesitzer herausstudiert , daß er dem feindlichen Bruder zehntausend Franken schuldig sein sollte , geriet er in eine fürchterliche Aufregung und zerriß den Brief von oben bis unten so von Zorn zitternd , daß die zwei Stücke zwei Sägen ähnlich wurden . Der Schleifer aber , der nichts anders glaubte , als daß der Bruder eine ihm nützliche und zustehende Urkunde vernichte , fiel über ihn her , und augenblicklich verkrallten sich ihre Hände in den beidseitigen Halsbinden , und die Greise hämmerten sich mit den kurzen , kraftlosen Faustschlägen auf die Köpfe . Mit Mühe brachte man sie auseinander und schrie ihnen , als sie atemlos dastanden , den Sachverhalt in die Ohren . Allein , sobald sie vernahmen , daß irgend jemand auf das Schriftstück , das notdürftig zusammengefügt auf dem Tische lag , sechstausend Franken ausbezahlt erhalten habe , gerieten sie , ohne sich um etwas anderes zu kümmern , wieder aneinander , zerklaubten sich aber diesmal in kürzester Frist Kinn und Backen und zerrissen sich die Naslöcher . Abermals wurden sie unter großem Gelächter , das endlich den amtlichen Ernst überwand , gebändigt . Den eingebildeten Gläubiger packten zwei Männer an den Schultern , drückten ihm das Gesicht gegen den Brief und fragten ihn bei Ja und Nein , ob er diese zehntausend Franken dem Notar von Lindenberg für den Ägidibauer , der hier neben ihm stehe , selbst oder durch einen anderen übergeben und diesen nämlichen Brief dagegen empfangen und jemals besessen habe ? Nach ängstlichem Besinnen , währenddessen ihm das Blut auf die unglückliche Hypothek tropfte , krächzte er schließlich : Nein , davon weiß ich nichts ! Man soll mich gehen lassen ! Aber ich will wissen , wer die Sechstausend auf meinem Hof gekriegt hat ! schrie der andere , dem der Zusammenhang noch immer nicht klar schien . Sie wurden jedoch ohne weiteren Bescheid vor die Tür geführt , wo die übrigen Zeugen harrten . Man gab ihnen ihre Hüte und Stecken und schickte sie fort . Kaum auf die Gasse gelangt , benutzte ihre verfluchte Leidenschaft die langentbehrte Gelegenheit und hetzte die betörten Filze aufs neue aneinander . Ohne zu wissen wohin , und ohne sich lassen zu können , so fesselte sie der Haß , liefen sie auf beiden Seiten der Straße fort unter greulichem Schimpfen und Drohen ; es war bei Gott ein widerwärtiges Beispiel , wohin der elende Geiz und Neid sogar ein paar betagter Brüder treiben kann . Ich kam gerade dazu und lief mit dem Publikum den Rasenden nach , bis sie unversehens aneinander gerieten und mit den langen Weißdornstöcken dareinhieben , ohne sich zu treffen . Es kam dann ein Stadtpolizist und führte die armen Teufel auf die Wache . Nachher ging ich auf Vier Winden , wo ich das andere vernahm , wie ich es erzählt . Ist das nicht ein verzwickter Streich von dem Notarius , ein köstlicher Einfall sogar , den geldstollen Brüdergreisen aus einem Pfandbriefe die Haare zu verstricken als Gläubiger und Schuldner ? Viel Haare waren es freilich nicht mehr , und die spärlichen Streifen , die noch herumhingen , haben sie sich vollends ausgerauft ! « » Das ist kein lustiger Einfall gewesen , « sagte Netti ; » ich erinnere mich jetzt , daß er schon früher einmal klagte , wie er bei den reichen Geizhälsen Geld für Klienten gesucht habe und von beiden grob abgewiesen worden sei . Nun hat er sie eben doch noch benutzt , ohne sie zu fragen ! « » Er hat sie vermutlich schon damals anschmieren wollen . Jetzt muß natürlich die Not- und Hilfsbank den Schaden tragen ! « versetzte Salander . » Indessen ist es in der Tat ein traurig lächerliches Phänomen ! « » Jawohl ! « entgegnete Frau Marie , » wie man in der Nacht beim Anblick einer Feuersbrunst sagt , es sei furchtbar schön ! Behüt uns der Himmel ! « Wie sie noch so sprachen , halb zehn Uhr war schon vorbei , schellte jemand stark an der Hausglocke . Nach einem Weilchen kam Magdalene mit einem Briefe , den ein Gefängnisbote gebracht . Der Aufseher habe ihm denselben schon am Nachmittag übergeben ; allein er sei wegen vieler Arbeit erst jetzt nach Hause entlassen worden und bringe den Brief doch noch auf Bitten des inhaftierten Weidelich . Das Schreiben war wirklich von Isidors Hand und an seine Frau Setti gerichtet , die zusammenfuhr . » Ist der Mann fort ? « fragte Salander , und als die Magd es bejahte , meinte er , da man Julians Brief einmal habe , so möge man den Isidorischen auch annehmen und Setti ihn für sich lesen , ehe sie ihn zum besten gebe ! Man müsse die Dinge jetzt anfangen , von der Seite der Merkwürdigkeit aus zu betrachten , sonst komme man schwer darüber hinweg . » Ich habe genug an dem Briefmuster , das Nettli erhalten hat , « sagte Setti , » und zweifle nicht , daß meine Epistel von gleichem Werte ist . Ich begehre sie nicht zu lesen und schenke sie euch ! Lest , ich geh ins Bett ! « Damit erhob sie sich und wollte gehen . Der Vater hielt sie jedoch zurück . » Halt ! « sagte er , » du mußt ihn auch hören , und Herr Wighart soll ihn auch hören , so wird es etwas , das gewissermaßen alle angeht , rein sachlich oder gegenständlich neutral ! Die Mutter mag vorlesen ; so kann sie sofort aufhören , sowie nach ihrem Gefühl etwas Peinliches zum Vorschein kommen sollte ! « » O du Erzdüftler ! « sprach Marie Salander lächelnd ; » gib her den Brief . « Während ihr Mann schon seit einigen Jahren einer Brille bedurfte , wenn er lesen wollte , las sie das Geschreibsel mit bloßen Augen , ohne nur die Lampe näher zu verlangen : » Herzlich geliebtes Wesen ! Teuerste Gattin ! Endlich finde ich einen Augenblick der Fassung , um Dir aus dem Kerker ein Lebenszeichen übersenden zu können . Ich will mich über das bis dato Erduldete und wie es gekommen ist , jetzt nicht weiter verbreiten . So Gott will , wird der Tag unserer Wiedervereinigung nicht ausbleiben , wo wir das Unglück mit frohem Rückblicke in traulichem Geplauder genugsam betrachten können ! Möge es so sein ! Für jetzt möchte ich Dich nur mit einigen kleinen Wünschen behelligen , deren Erfüllung in diesem provisorischen Zustande mir zustatten käme . Da die Wut der Verhöre etwas nachzulassen scheint , bleibt mir so viel freie Zeit , daß die Untätigkeit mir peinlich wird . Da bin ich auf den Gedanken gekommen , sowohl um mir selbst Rechenschaft zu geben , als vielleicht auch der Gesamtheit nützlich zu sein , eine sozialpädagogische Studie zu schreiben über Pflichtverletzungen und ihre Quellen im Staats- und Volksleben und die Verstopfung der letzteren , vom Standpunkt eines Selbstprüfers . Leider fehlt es mir an gutem Schreibmaterial , an das ich gewöhnt bin ; das , was ich hier bekomme , ist miserabel . Schicke mir daher ein Buch weißes , starkes , aber gut satiniertes Papier , Imperial , ferner eine Schachtel von meinen Stahlfedern , die Du ja kennst , ein Fläschchen blaue Tinte , ein dito rote und zwei Federhalter . Alles dies bekommst Du in der Handlung von I.G. Schwarz & amp ; Co. am besten . Bezüglich der Kost befinde ich mich einstweilen nicht so übel , da meine Eltern die Verpflegung garantiert haben ; denn Du weißt , daß ich ohne einen Rappen Geld fortgeschleppt worden bin . Doch wäre eine kleine Aufbesserung sehr erwünscht , woher untenstehende Notierung . Endlich fehlt es mir an geeigneter Lektüre . Es sind wohl Bücher zu haben , die aber mehr für Kinder oder Versorgte in Korrektionsanstalten passen . Eine gute geographische und historische Beschreibung der nord- und südamerikanischen Staaten wäre mir willkommen , nebst einigen Bänden Gerstäcker oder so was . Auch fehlt mir der Schlafrock , den ich vergessen habe . Du könntest ihn vielleicht durch den Gemeindammann aus unserem Tuskulum herauspraktizieren lassen . Er hängt gewiß noch hinter der Tür wie immer . Tue mir also die Liebe und berücksichtige folgendes Verzeichnis meiner dermaligen Wünsche : 1. Obiges Schreibmaterial . 2. Der Schlafrock . 3. Eidamerkäs , 1 Laib mittlerer Größe . 4. Salamiwurst , große 1 / 2 , kleine 1 / 1. 5. Ein Topf eingemachte Zwetschgen . 6. Eine Flasche Kognak . 7. Bücher in obigem Sinn . 8. Ein paar Dutzend Zigarren zur Probe , mittelstarke . 9. Meine Haarbürsten , die ich vergessen . Vielleicht mit dem Schlafrock zu bekommen . 10. Ein oder zwei Schlipse . Unwandelbar Dein getreuer Isidor . PS . Meine Demission beim großen Rate habe ich schicklicherweise schon jetzt geglaubt erklären zu müssen . Dennoch fühle ich das Bedürfnis , auf dem laufenden zu bleiben , so gut möglich . Vielleicht wäre der Herr Vater so gütig , mir zeitweilig die wichtigsten Traktanda und Sitzungsberichte zukommen zu lassen ? « » Danke fürs Zutrauen ! « murrte Martin Salander . » Bist du zu Ende , Marie ? « » Ja , gottlob ! « antwortete sie und legte den Brief hin . » Wie gefällt dir die Epistel , Setti ? Gedenkst du dich auf den Weg zu machen und die verlangten Dinge einzukaufen ? « Die Gattin des Briefschreibers sagte mit sichtlich bleicher Nasenspitze : » Ich friere vor Kälte , die mich überfallen hat , ich will zu Bett gehen ! Gute Nacht , allerseits ! « » Nun , Freund Möni ? « sagte Martin , nachdem die eine Tochter sich entfernt , » ist der nicht auch ein Humorist ? « Wighart hatte schon seine Zigarrenspitze eingepackt . » Nein , da hört der Scherz auf ! « sagte er verdutzt ; » der Topf mit den eingemachten Zwetschgen hat mich darniedergeworfen ! « » Der Eidamerkäse und das Papier für die Studie sind aber auch nicht übel , sowie die Ratstraktanden ! « seufzte Salander . » Keine Spur von Scham oder Reu , lauter Aufgeblasenheit ! Es kommt mir vor , wie wenn wir auf einer hohlen Stelle der Erdrinde säßen ! « » Nur nicht gleich so verzweifelt ! « mahnte die Mutter ; » wenn die Köpfe hohl sind , so kann die Erde doch noch ein Weilchen vorhalten ! Morgen will ich doch einmal bei den Eltern im Zeisig nachsehen , wie es ihnen geht ! Vielleicht ist es eher angebracht , dort ein gutes Wort oder einen kleinen Trost einzulegen ! « » Das ist wohlgesprochen , Verehrteste ! « sagte Möni Wighart . » Ich bin gestern wieder einmal beim Friedensrichter im Roten Mann gewesen , er hat einen herrlichen Neuen ; der Mann ist freilich auch weiß am Kopfe , aber noch immer munter ! Dort vernahm ich , daß die Frau Weidelich , als die Flucht des anderen Sohnes bekannt war , bettlägerig geworden sei und der alte Weidelich herumgehe wie ein Schatten an der Wand . Aber stets sei er bei der Arbeit , stehe noch eine Stunde früher auf und gehe später zu Bett , immer schweigend , mit allem möglichen beschäftigt , als ob er das Unglück damit bannen oder ungeschehen machen wollte . Und dabei sorge er noch für die Frau und ihre Pflege ! Jetzt will ich euch aber nicht länger zur Last sein , ihr Herrschaften , und haltet euch nur frisch oben . Recht geruhsame Nacht ! Wie heißt es doch in dem Brief , fällt mir noch ein . Laßt sehen ! « Er nahm den noch offen liegenden Brief und las . » Richtig , da steht ' s. Salamiwurst , große ein Zweitel , kleine ein Eintel ! Es klingt doch drollig ! Recht gute Nacht nochmals ! « XVIII Marie Salander stieg am nächsten Nachmittage wirklich in den Zeisig hinauf , die alten Wege , die sie einst gegangen , als der kleine Arnold ihrer harrte . Sie traf den alten Weidelich in seinen Gemüsegärten , wo er die Herbstgeschäfte besorgte , mit der Schaufel in der Hand das Ausgenutzte und Abgewelkte wegräumte und zwei oder drei Arbeitern Anweisungen erteilte . Er schien um zehn Jahre älter geworden zu sein seit der kurzen Zeit . Als Frau Salander sich zwischen den Beeten langsam näherte , stieß er die Schaufel in die Erde und ging , seinen alten Hut lüftend , ihr entgegen . » Lassen Sie sich nicht stören ! Ich wollte nur sehen , wie es Ihnen geht und was die Frau macht ! Wir haben gehört , sie sei krank . « » Es ist eine freundliche Nachfrage ! « sagte Jakob Weidelich . » Leider liegt die Frau im Bett und ist schlecht dran ! Sie hat einen Schlaganfall bekommen , als es hieß , der Julian habe sich geflüchtet , er sei auch so weit wie der andere . Wollen Sie nicht einen Augenblick hineingehen - ich darf fast nicht sagen , Frau Schwäher ! « » Kann sie aber doch sprechen ? « » Nur langsam ; sie ist halb gelähmt , ich weiß nicht , wie es noch werden soll ! « » Die arme Frau ! Ich will sie doch begrüßen , wenn es angeht ! « Der bekümmerte Mann führte sie in das Haus und in die Wohnstube , wo die Mutter der verunglückten Söhne im Bette lag . » Amalie , das ist Frau Salander , sie ist so gut und will dich besuchen ! « Die Kranke ruhte tief in den blau- und weißgewürftelten Bettstücken ; Jakob rückte die Kissen unter dem Kopfe zurecht , daß sie freier um sich blicken konnte , und Marie setzte sich auf den Stuhl , der neben dem Bette bereitstand . Sie ergriff die eine Hand , welche der Bewegung fähig war und den Druck schwach erwiderte , und fragte mit einigen tröstenden Worten nach dem Befinden der Schwergeprüften . Diese drehte die Augen nach ihr und sah sie groß an . Sie sagte nichts als : » Beide hin ! « Das war ihr geläufig . Dann schwieg sie schwer atmend , bis sie einige weitere Worte gesammelt : » Ich kann Gedanken nicht beieinanderhalten , weil die Buben weit auseinander . Hier einer , weiß nicht wo , und einer auf dem Meer , ach , ich sehe keinen mehr , nie ! « » Das wollen wir nicht sagen , es geht alles vorüber und wird wieder gut ! « versuchte Frau Salander gegen ihre Überzeugung zu trösten ; sie konnte nicht anders , weil sie das Leiden der hilflosen Mutter tief empfand und begriff ; vielmehr tat es ihr weh , daß ihrem guten Willen nicht bessere Worte zu Gebote standen . Die Kranke bewegte aber , so gut sie es vermochte , verneinend den Kopf . » Nein , ich hab gehört , glaub ich , daß sie Tausendskerle sind , und nicht wiederkommen wollen , vielleicht nicht ehrsam , so spitz- , so spitzbübelig , die Blondköpfe . Ach Herr Jesus , sie waren so lieb - nein , jetzt noch - « Der Kopf sank zur Seite , und sie schloß die Augen . » Sie ist jetzt nur erschöpft und sucht Schlaf ! « sagte Jakob Weidelich , als er sah , daß Frau Salander erschrak . Diese stand geräuschlos auf und ging mit ihm hinaus . In der größeren Stube bot ihr der selbst müde Mann von neuem einen Stuhl ; sie merkte , daß er noch einiges zu sprechen wünschte , und nahm bei ihm , der sich auf die alte Bank setzte , Platz . Auf ihre Frage , ob er von dem Unglück schon stark in Mitleidenschaft gezogen sei , abgesehen von den Leiden der Frau , erwiderte er , alles , was er erworben habe , sei zu größten Teile , nahezu ganz verloren . Als Amtsbürge habe er für beide Söhne die Kautionssummen schon sicherstellen müssen . Sobald der Prozeß oder die Prozesse auf einem gewissen Punkte seien , werden die Forderungen eingezogen . Er habe zwar noch Mitbürgen , die aber erst zahlen müßten , was er nicht mehr zu leisten imstande wäre . Zudem seien es Verwandte , deren Vorwürfe und Mißachtung er nicht ertragen würde . » Ich werde nicht vom Hof getrieben , aber er wird mit Schulden belastet , für deren Verzinsung ich die paar Jahre arbeiten muß , die mir noch bleiben , wenn ich überhaupt diese Zeit überstehe ! Die Frau werde ich wohl verlieren , und damit geht auch ein schöner Verdienst verloren ! Das schwerste indessen ist , daß ich nicht weiß , wie man den Buben einst wieder aufhelfen soll , wenn sie ihre Strafen verbüßt haben ! Ob ich noch lebe oder nicht mehr lebe , so wird nichts mehr dasein ; und es sind noch immer die leiblichen Kinder ! « » Das müssen Sie nicht so schwernehmen , « sagte Marie Salander , » sie werden immer noch jung genug zur ehrlichen Arbeit sein ; und wenn das Leben sie hart ankommt , so schadet es ihnen nichts ! Jeder von ihnen hat an seine Frau geschrieben ; die Briefe sind zufällig am gleichen Tage angekommen . Ich möchte sie Ihnen nicht zeigen , guter Herr Weidelich , denn aus beiden Briefen ist nichts zu ersehen , als daß ihnen jedes Gefühl und Verständnis ihrer wahren Lage abgeht ! Ich würde es dem Vater nicht sagen , wenn ich nicht dächte , es hülfe Ihnen ein wenig , die Dinge von der rechten Seite anzusehen . « Das Gesicht des armen Mannes ward womöglich noch schmäler , und er entgegnete , mit zuckenden Wimpern zur Seite blickend : » Es wird so sein , ich fange es an zu begreifen ! « Er verharrte kummervoll in sich versunken , wie ein Mensch , der von einem ihm notwendigen Worte oder Begriffe Abschied zu nehmen versucht . » Wir haben im Beginn dieser Geschichte , meine Frau und ich , « sagte er dann , » beratschlagt und gegrübelt , woher die Buben die Unzucht geerbt haben . Wir sind freilich aus dem Volk und können beide nicht über die Großeltern und ihre Zeit hinauf denken ; was weiter zurück ist , davon wissen wir so wenig wie von den Heiden , von denen wir alle abstammen . Aber wenn doch bei meines Urgroßvaters Zeiten zum Beispiel etwas vorgekommen oder einer bestraft worden wäre , so hätte mein Vater es gewußt und davon gesprochen , denn er sprach oft von seinen Großeltern . Und so ist es bei der Frau . Einzig von eines Großvaters Bruder hatte sie die dunkle Erinnerung , daß er ein Fäßlein Apfelmost gestohlen haben sollte , und zwar aus Barmherzigkeit , weil ein liederlicher Fuhrmann es an der heißen Sonne liegen ließ und im Wirthaus drinnen im Schatten saß . Dafür sei er in den Turm gesetzt worden , nämlich der Großonkel . « » Das ist ja für nichts zu rechnen , « sagte Frau Marie lächelnd , obgleich der Mann durchaus keinen Scherz hatte erzählen wollen . Sie erhob sich , um zu gehen . Vater Jakob zögerte ein wenig und brachte dann schüchtern vor , er hätte noch etwas auf dem Herzen , das ihn drücke . Auf ihre Bitte , es nur zu sagen , fuhr er fort : » Ich glaube nämlich , es werde nun mit dem ehelichen Verhältnis unserer Kinder zu Ende gehen . Meine Frau wollte nichts davon wissen , als sie noch reden konnte und mochte , vor der Flucht des zweiten . Allein ich kann und muß es nur billigen , wenn die jungen Frauen auf Scheidung klagen ! Ich wüßte nicht , wie es anders gehen sollte , besonders nach dem , was ich von den Briefen höre , welche die Söhne geschrieben . Es würde mich in meiner Not doppelt bedrücken , wenn ich ansehen müßte , wie mein Blut fernerhin einer braven Familie mit Unehren zur Last fallen