Herbert mit ihm verhandelte , schlüpfte Margarete hinaus . - » Ja , recht hast du , Jette , ' s ist ein wahres Elend ! « sagte Bärbe seufzend zu dem Hausmädchen in dem Augenblick , als Margarete drunten in der offenen Küchenthüre vorüber nach der Hofstube ging . Die alte Köchin rollte Teig auf dem Nudelbrett aus . » Ja , Sünd ' und Schande ist ' s , daß der Mensch hier im Hause nicht einen Finger rühren darf , um den armen Leuten drüben beizuspringen ! « ereiferte sie sich . » Was wär ' s denn nun weiter , wenn ich einen Topf voll Nudelsuppe ' nübertrüge für den alten Mann und das Kind ? Aber - daß Gott erbarm ' ! - das wollt ' ich nicht probieren ! Der in der Schreibstube thät einem ja den Kopf abreißen ! « Sie streute zornig eine Handvoll Mehl über die breite Teigfläche . » Ja , und es muß schlecht stehen um die alte Frau ; die Aufwärterin hat eben wieder Eis vom Brunnen geholt , und den Doktor hab ' ich heute schon zweimal kommen sehen - paß auf , Jette , die Frau stirbt ! Sie stirbt ! Meine Kochtöpfe haben nicht für die liebe Langeweile den ganzen Vormittag im Ofen gesungen , das bedeutet allemal Tod im Hause , allemal ! « 24 Am andern Tage herrschte viel Rumor in der Bel-Etage . Tapeziere , Tüncher und Ofenputzer kamen und gingen , und Margarete war von früh an viel in Anspruch genommen . Und das war gut ; es blieb ihr nicht viel Zeit zum Nachgrübeln , das ihr ohnehin die Nachtruhe geraubt - sie hatte fast die ganze Nacht mit offenen Augen gelegen und heftige Stürme waren ihr durch Kopf und Herz gegangen . In dem roten Salon sollten die Bilder an ihren alten Platz gehangen werden ... Zum erstenmal wieder , seitdem die Totenkerzen im Flursal gebrannt hatten , schloß Tante Sophie den Gang hinter Frau Dorotheens Sterbezimmer auf , und Margarete folgte ihr mit Wischtuch und Federstäuber ; sie wollte das Reinigen der Bilder selbst besorgen . Ein Grauen überlief sie beim Betreten des düsteren Ganges - es war ihr umheimlich , ja fürchterlich geworden . Das geheimnisvolle Gebaren ihres Vaters an jenem Nachmittage , da er sich in das Zimmer der schönen Dore eingeschlossen , seine rätselhaften Andeutungen in der Sturmnacht - von welcher er gesagt , daß auch sie , nicht die Sonne allein , Verborgenes an den Tag bringe - und der grauenhafte Weg , der sie selbst über diese alten , ächzenden Dielen und den Bodenraum des Packhauses hinweg an die Leiche des so jäh Hingerafften geführt hatte , dies alles beklemmte und erschütterte sie von neuem . Sie trat so scheu und zaghaft auf , als müsse das Geräusch ihrer Schritte die an den Wänden hingereihten Gestalten erwecken und beleben , und alle Geheimnisse des alten Hauses , die sie ins Grab mitgenommen , würden plötzlich mit ihnen laut werden . Noch lehnte das Bild der schönen Dore abgewendet in der Schrankecke , wie der Verstorbene es damals hingeschleudert , der Sturm hatte nicht daran gerührt ... Doppelt erschütternd und herzbezwingend trat ihr beim Umwenden das schöne Weib aus dem Rahmen entgegen , nachdem sie von so manchem ausdruckslosen , alltäglichen Frauengesicht den Staub weggewischt hatte . Sie kniete vor dem Bilde noch einige Augenblicke und sann , was wohl diese mächtigen Augen , der lieblich lächelnde rote Mund verschuldet haben mochten , um noch nach hundert Jahren eine solche Erbitterung hervorzurufen , wie sie der Verstorbene in jenem unheimlichen Moment an den Tag gelegt hatte ... Drunten aber sagte Friedrich , der Hausknecht , der aus dem roten Salon gekommen war und einen scheuen Blick in den offenen Gang geworfen hatte : » Unser Fräulein kniet jetzt gar vor der mit den Karfunkelsteinen ! Wenn sie nur wüßte , was ich weiß ! Die Frau muß bei Lebzeiten ein wahrer Satan gewesen sein , daß sie nicht einmal in ihrem Rahmen Ruhe hat . Das gottheillose Bild gehört von Rechts wegen auf den Boden , hinter den Schlot , sag ' ich - da kann sie meinetwegen ohne Rahmen ' rumspazieren ! « Aber das Bild kam nicht auf den Hausboden . Margarete hing es selbst mit Hilfe des Tapeziers an seinen alten Platz . Dann ging sie hinunter in ihre stille Hofstube , um sich ein wenig zu erwärmen . Sie setzte sich an das Fenster und sah in den beschneiten Hof hinaus . Die Temperatur war etwas milder geworden , hier und da sank ein gelöstes Schneebällchen von den Lindenästen ; Finken , Meisen und Spatzen tummelten sich auf den für sie hergerichteten Futterplätzen , und auch die Haustauben kamen herab und halfen die reichlich gestreuten Körner aufpicken . Aber plötzlich flog die ganze Vogelgesellschaft lärmend auf - es mußte jemand in dem Hof vom Packhause herkommen . Margarete bog sich über die Brüstung , und da sah sie den kleinen Max , wie er , die ängstlich suchenden Augen auf die Küchenfenster geheftet , direkt auf das Vorderhaus zu , durch den Schnee stampfte . Die junge Dame erschrak . Wenn Reinhold den Knaben bemerkte , dann gab es einen Sturm ... Sie öffnete das Fenster und rief das Kind mit halb unterdrückter Stimme zu sich . Es kam sofort herüber und zog sein Mützchen , und da sah sie Thränen in den trotzigen Augen . » Die Großmama will umgebettet sein , und der Großpapa kann sie nicht allein heben , « sagte er hastig . » Die Aufwärterin ist fortgegangen ; ich habe sie überall gesucht und bin in der Stadt herumgelaufen , aber ich kann sie nicht finden . Nun haben wir niemand ! Ach , das ist zu schlimm ! Und da wollte ich zu der guten Bärbe - « » Gehe nur und sage dem Großpapa , es würde sofort Hilfe kommen ! « raunte Margarete hinab und schloß eilig das Fenster . Der Kleine lief spornstreichs heim , und Margarete griff nach ihrem weißen Burnus und ging nach der Wohnstube . Tante Sophie war eben im Begriff , auszugehen . Das junge Mädchen teilte ihr im Fluge mit , daß augenblickliche Hilfe im Packhause nötig sei , und schließlich sagte sie : » Ich weiß jetzt , wie ich unbemerkt hinüber kommen kann - durch den Gang und über den Bodenraum des Packhauses ! Hast du den Schlüssel zu der Dachkammer in Verwahrung ? « Die Tante reichte ihr einen neuen Schlüssel vom Haken . » Da , Gretel , gehe du in Gottes Namen ! « Margarete flog die Treppe hinauf , nicht ohne einen ängstlichen Seitenblick nach dem Kontorfenster zu werfen ; aber der Vorhang hing unbeweglich hinter den Scheiben ; es war still und menschenleer in der Hausflur , wie sich vorhin auch kein Gesicht an den Fenstern nach dem Hofe gezeigt hatte , und droben im roten Salon waren nur noch die Tapeziere beschäftigt , den Teppich zu legen . Sie huschte durch den Flursaal und die noch zurückgeschlagene Thüre des Ganges ; das neue Schloß der Dachkammerthüre war schnell geöffnet , und auf dem ganzen Bodenraum trat ihr kein Hindernis in den Weg , alle Thüren standen offen , auch die nach der Treppe führende war unverschlossen . Tief aufatmend trat Margarete in die Wohnstube der alten Leute . Es war niemand drin ; aber aus der nur angelehnten Küchenthüre kam leises Geräusch . Die junge Dame öffnete die Thürspalte weiter und sah in den mit Kochdunst erfüllten Raum hinein . Der alte Maler stand am Herd und bemühte sich eben , Brühe aus dem dampfenden Fleischtopf in eine Tasse zu gießen . Er hatte die Brille auf die Stirn hinaufgeschoben und machte ein ängstliches Gesicht - die ungewohnte Beschäftigung des Kochens schien ihm viel Mühe und Kopfzerbrechen zu verursachen . » Ich will Ihnen helfen ! « sagte Margarete , indem sie die Küchenthüre hinter sich zuzog . Er sah auf . » Mein Gott , Sie kommen selbst , Fräulein ? « rief er freudig erschrocken . » Der Max hat mir den Streich gespielt , ohne mein Vorwissen in Ihrem Hause Hilfe zu suchen - er ist eben ein resoluter kleiner Bursche , der nie unverrichteter Sache heimkommen will . « » Er hat recht gethan , der brave Junge ! « sprach die junge Dame . Dabei nahm sie dem alten Mann den Fleischtopf aus der Hand und goß die Brühe durch den Seiher , den der ungeschickte Koch vergessen hatte , in die Tasse . » Das ist die erste kräftige Nahrung , die meine arme Patientin genießen darf , « sagte er mit glücklichem Lächeln . » Gott sei Dank , es geht ihr um vieles besser ! Sie hat die Sprache wieder und der Doktor hofft das beste . « » Wird es ihr aber nicht schaden , wenn ein ungewohntes Gesicht , wie das meine , ihr plötzlich nahe kommt ? « fragte Margarete besorgt . » Ich werde sie vorbereiten . « Er nahm die Tasse und trug sie durch die Wohnstube in die anstoßende Kammer . Margarete blieb zurück - sie brauchte nicht lange zu warten . » Wo ist sie , die Gute , die Hilfreiche ? « hörte sie die Kranke fragen . » Sie soll hereinkommen ! - Ach , wie mich das freut und tröstet ! « Die junge Dame trat auf die Schwelle und Frau Lenz streckte ihr den gesunden Arm entgegen . Ihr Gesicht war so weiß wie das Leinen , auf welchem sie lag , aber die Augen blickten bewußt . » Weiß und licht wie eine Friedenstaube kommt sie ! « sprach sie bewegt . » Ach ja , Weiß trug sie auch so gern , die von uns gegangen ist , um nie wieder zu kommen - « » Sprich jetzt nicht davon , Hannchen ! « mahnte ihr Mann ängstlich . » Du sehntest dich ja , in eine bequemere Lage gebracht zu werden , und deshalb ist Fräulein Lamprecht gekommen , wie ich dir schon sagte ; sie will mir helfen , dich umzubetten . « » O , ich danke ! Ich liege gut , und wenn ich bis jetzt auf Nesseln gelegen hätte , ich glaube , ich würde es nicht mehr fühlen ... Mir ist jetzt so wohl ! Der Anblick des lieben , jungen Gesichts erquickt mich ... Ja , ich hatte auch eine Tochter , jung und schön und ein Engel an Herzensgüte . Aber ich war wohl zu stolz auf dies Gottesgeschenk , und dafür - « » Aber Hannchen , « unterbrach sie der alte Mann in sichtlicher Angst . » Du darfst nicht so viel sprechen ! Und Fräulein Lamprecht wird sich nicht so lange bei uns aufhalten können - « » Ich bitte dich , lasse mich reden ! « rief sie heftig erregt . » Mir liegt ein Stein auf der Brust , und der muß heruntergesprochen werden ... « Sie schöpfte tief und schwer Atem . » Kannst du dir nicht selbst sagen , daß eine unglückliche Mutter auch einmal die traurige Wonne genießen will , vor anderen von ihrem toten Liebling zu sprechen ? ... Sei unbesorgt , Ernst , du Guter , Getreuer ! « setzte sie beherrschter hinzu . » Hat mich nicht schon der Besuch des Herrn Landrats gestern halb gesund gemacht ? ... Ich konnte ihn freilich nicht sehen und sprechen ; aber gehört habe ich alles , was er dir drüben sagte . Er glaubt an uns , der edle Mann , und da war jedes gute Wort Heilung für mich . « Sie zeigte auf ein Porzellanbildchen in Ovalform , das über ihrem Bette hing . » Kennen Sie diese ? « fragte sie , und ihr Blick richtete sich fast verzehrend auf das Gesicht der jungen Dame . Margarete trat näher . Ja , diesen Kopf mit den taufrischen Lippen , den cyanenblauen Augen und der goldenen Glorie einer mächtigen Haarfülle über der Stirn , diesen hinreißend schönen Kopf kannte sie ! - » Die schöne Blanka ! « sagte sie bewegt . » Ich habe sie nie vergessen ! - An jenem Abend , wo mich Herr Lenz auf seinem Arme hier heraufgetragen hat , da hing das Haar , das auf dem Bilde als Flechte über die Brust fällt , gelöst und glitzernd wie ein Feenschleier über ihren Rücken hinab . « » An jenem Abend , « wiederholte die Kranke aufseufzend , » ja , an jenem Abend , wo sie sich mit ihrem stürmisch bewegten Herzen ins Dunkel geflüchtet hatte ! O , über die ahnungslosen Eltern ! « brach es von ihren Lippen . » O , über die blinde Mutter , die ihr Lamm nicht zu hüten verstanden hat ! « » Hannchen ! « Die alte Frau beachtete den Einwurf und die flehentlich bittende Miene ihres Mannes nicht . » Geh , mein liebes Kind , « wandte sie sich an den kleinen Max , der am Fußende des Bettes saß . » Geh in die Küche zu Philine ! Hörst du sie winseln ? Sie will herein , und der Arzt hat ' s doch verboten . « Der Knabe stand gehorsam auf und ging hinaus . » Ist er nicht ein gutes , schönes Kind ? « fragte die Kranke aufgeregt , und in ihren Augen funkelten Thränen . » Müßte nicht jeder Vater stolz sein , ein solches Himmelsgeschenk zu besitzen ? ... O , und er - ! Ob er wohl der himmlischen Seligkeit teilhaftig wird , der seines Sohnes Ehre und Lebensglück ins Grab mitgenommen hat ? « » Ich bitte dich , liebe Frau , sprich nicht mehr ! Nur heute nicht ! « bat der alte Mann inständigst - er zitterte sichtlich an allen Gliedern . » Ich werde Fräulein Lamprecht bitten , uns morgen noch einmal zu besuchen , dann wirst du kräftiger und ruhiger sein . « Die Kranke schüttelte schweigend , aber energisch verneinend den Kopf und ergriff mit der Rechten Margaretens Hand . » Wissen Sie noch , was ich Ihnen sagte , als Sie mir versicherten , daß Sie unseren Max lieb hätten und seinen Lebensgang im Auge behalten würden ? « Margarete drückte die Hand sanft und beruhigend . » Sie sagten , die veränderten Verhältnisse wandelten oft eine Ansicht ganz plötzlich , und wer könne wissen , ob ich nach vier Wochen noch so dächte , wie in jenem Augenblicke ... Nun denn , die Beziehungen zwischen uns haben sich bereits geändert , wie man mir sagt - inwiefern dies geschehen ist , weiß ich freilich noch nicht ; indes , mag sie doch sein , welcher Art sie will , was hat denn diese Wandlung mit meiner Vorliebe für das Kind zu schaffen ? Wird es dadurch weniger liebenswert ? ... Aber nun möchte auch ich herzlich bitten , sprechen Sie heute nicht mehr ! - Ich will jeden Tag zu Ihnen kommen , und Sie sollen mir alles sagen , was Ihnen das Herz erleichtern kann . « Die alte Frau lächelte bitter . » Man wird Ihnen die Besuche bei der verhaßten Familie vielleicht heute schon nach Ihrer Rückkehr verbieten . « » Ich gehe einen Weg , der für die anderen nicht existiert . Ich bin auch heute über Ihren Hausboden gekommen . « Die Augen der Kranken öffneten sich weit in schmerzlicher Aufregung . » Den Unglücksweg , auf den mein armes Lamm gelockt worden ist ? « rief sie leidenschaftlich . » Ach ja , da ist sie mir zu Häupten hingegangen , und die Mutter , die ihr Herzblut hingegeben hätte , um die Seelenreinheit ihres Kindes zu bewahren , sie ist blind und taub gewesen , sie hat geschlafen wie die thörichten Jungfrauen in der Bibel ... Ich habe ihn nie betreten , den unheilvollen Gang , durch den die weiße Frau Ihres Hauses wandeln soll ; aber ich weiß , es ruht ein Fluch auf ihm , und sie , mein Abgott , ist daran zu Grunde gegangen . Gehen Sie ihn nicht wieder ! « » Das soll mich nicht abhalten - ich gehe ihn ja in Ausübung der Nächstenpflicht ! « sagte Margarete mit unsicherer Stimme und stockendem Atem . Ihr war , als sehe sie plötzlich in eine geheimnisvolle , dunkle Tiefe hinein , aus welcher bekannte Umrisse aufdämmerten . » Ja , Sie sind gut und barmherzig wie ein Engel ; aber Sie können bei allem guten Willen über menschliches Ermessen auch nicht hinaus ! « rief die Kranke , indem sie sich mit gewaltsamer Anstrengung in den Kissen aufrichtete . » Auch Sie werden uns schließlich verurteilen , wenn Sie hören , daß wir Ansprüche erhoben haben , ohne die Beweise dafür erbringen zu können ... O , guter Gott , nur einen einzigen Lichtstrahl in dieser qualvollen Finsternis ! ... Man wird uns hinausjagen , und Blankas Sohn wird nicht wissen , wohin er sein Haupt legen soll , das Kind , dem sie ihr junges Leben hat hinopfern müssen ! « Mit völlig entfärbten Lippen ergriff Margarete die Hand der alten Frau . » Nicht diese halben Andeutungen ! « bat sie , mühsam die eigene furchtbare Aufregung bemeisternd , die ihr Herz stürmisch klopfen machte und ihr fast den Atem raubte . » Sagen Sie mir unumwunden , was Ihnen das Herz belastet , Sie sollen mich ruhig finden , mögen diese Enthüllungen sein , welcher Art sie wollen ! « Der alte Maler bog sich hastig über die Kranke und flüsterte ihr einige Worte ins Ohr . » Sie soll es noch nicht erfahren ? « fragte sie und wandte unwillig den Kopf weg . » Und weshalb nicht ? Will man warten , bis du von London zurückgekehrt bist , und wenn mit leerer Hand , dann bleibt es für alle Zeit ein ungelichtetes Dunkel ? ... Nein , dann soll sie wenigstens wissen , daß es ein rechtmäßiger Erbe ist , der ausgestoßen wird aus dem Hause seines Vaters , weil er nichts Schriftliches aufweisen kann ... Max ist so gut Ihr Bruder , wie der böse Gestrenge in der Schreibstube ! « sagte sie mit unerbittlicher Entschlossenheit zu der jungen Dame . » Blanka war für ein kurzes Jahr Ihre Mutter , sie war die zweite Frau Ihres verstorbenen Vaters . « Erschöpft sank ihr Kopf in die Kissen zurück ; Margarete aber stand einen Augenblick wie versteinert . Es war weniger die plötzliche rückhaltslose Entschleierung der Thatsache , vor welcher sie erstarrte , als das grelle Licht der Erkenntnis , das in einem einzigen Moment eine ganze Kette dunkler Vorgänge beleuchtete . Ja , diese heimliche Ehe war es gewesen , welche die letzten Lebensjahre ihres Vaters so furchtbar verdüstert hatte ! Sie wußte jetzt , daß er den Sohn dieser zweiten Ehe zärtlich geliebt und doch den Mut nicht gefunden hatte , ihn öffentlich anzuerkennen . Aber sie wußte auch , daß mit jenem entsetzlichen Moment , wo er fürchten mußte , dieses geliebte Kind läge erschlagen unter den herabgestürzten Dachtrümmern , der feste Entschluß in ihm gereift war , es nunmehr in alle seine Rechte einzusetzen . » Morgen wird es einen Sturm da oben geben , einen Sturm , so wild wie der , unter welchem eben unser altes Haus in seinen Fugen bebt , « hatte er unter Hinweis auf die obere Etage in jener Sturmnacht gesagt . Ja , heftigen Auftritten hatte er in der That entgegensehen müssen . Nun , der Tod hatte ihm diesen Zusammenstoß mit den Vorurteilen der von ihm so sehr gefürchteten vornehmen Welt erspart , aber um welchen Preis ! - » Sie haben keine schriftlichen Beweise in den Händen , sagten Sie nicht so ? « fragte sie mit halb erstickter Stimme . » Keine , « erwiderte der alte Maler tonlos , und eine bittere Enttäuschung sprach aus dem Blicke , den er auf die plötzliche Frage hin der jungen Dame hinwarf . » Wenigstens keine solchen , die vor dem Gesetz gelten . Diese hat der Verstorbene beim Tode meiner Tochter an sich genommen ; aber sie sind in seinem Nachlaß nicht zu finden gewesen , sie sind spurlos verschwunden . « » Sie müssen und werden sich finden , « sagte sie fest . Damit ging sie nach der Küche und kam gleich darauf , den kleinen Max an der Hand , wieder herein . » Er soll mir zeitlebens ein lieber Bruder sein , « sagte sie bewegt , indem sie den rechten Arm um den Knaben schlang und ihre Linke wie zum Schutz auf seinen Lockenkopf legte . » Das Kind ist ein Vermächtnis meines Vaters für mich - ein heiliges ! ... Niemand hat einen Einblick in das Geheimnis seiner letzten Lebensjahre gehabt ; nur seiner Aeltesten hat er zuletzt Andeutungen gemacht . Sie waren freilich rätselhaft für mich ; aber jetzt weiß ich die Lösung . Hätte mein Vater nur noch zwei Tage gelebt , dann trüge diese arme Waise hier längst unseren Namen ... Aber ich werde nicht ruhen noch rasten , bis sein entschiedener letzter Wille , der ihm vor seinem Tode ausschließlich Kopf und Herz erfüllt hat , zur Geltung kommt ... Nein , sprechen Sie nicht mehr ! « rief sie , die Hand abwehrend gegen die kranke Frau ausstreckend , die mit dem Ausdruck des Glückes in den Zügen die Lippen öffnen wollte . » Sie müssen jetzt ruhen ! Gelt , Max , die Großmama muß schlafen , damit sie bald wieder gesund wird ? « Der Knabe nickte und streichelte die Hand der Großmama . Er nahm seinen Platz am Fußende des Bettes wieder ein , während die junge Dame , gefolgt von Herrn Lenz , in die Wohnstube ging . Hier in dem tiefen Fensterbogen teilte er ihr zur Orientierung noch Näheres leise , in flüchtigen Umrissen mit , und sie weinte still dabei in ihr Taschentuch hinein . Die Nervenerschütterung war zu heftig gewesen , und um der Kranken willen hatte Margarete standhaft die innere Bewegung beherrscht ; nun aber kam die Reaktion , und die erleichternden Thränen ließen sich nicht mehr zurückdrängen . Ehe sie ging , sah sie noch einmal in die Schlafstube . Der kleine Max deutete auf die Kranke und legte den Finger auf den Mund - sie schlief augenscheinlich süß und fest ; sie hatte die Last von der Seele gewälzt , und eine Jüngere , Starke hatte sie auf ihre Schultern genommen . - - - Wenige Minuten später stieg Margarete die Bodentreppe im Packhause wieder hinauf . Sie ging wie im Traume , aber in einem sturmvollen . Es war nicht viel mehr als eine halbe Stunde vergangen , seit sie ahnungslos diese Stufen hinabgehuscht war , aber welchen Umschwung aller Verhältnisse schloß diese eine halbe Stunde in sich ! ... Nun war es ja klar geworden , weshalb der Papa an ihre Kraft und Treue appelliert hatte ! Einer unseligen Schwäche hatte er sich angeklagt - ja , diese Schwäche , die Furcht , daß ihn die vornehme Gesellschaft um seiner zweiten Heirat willen in Bann und Acht thun werde , sie war es gewesen , die ihm das Leben vergiftet hatte ! - Sie blieb unwillkürlich stehen und sah nach dem Vorderhause hinüber . Ein schneidender Wind pfiff durch die offene Dachluke , und glitzernde Eiszapfen umstarrten wie Drachenzähne den schmalen Rundbogen . Margarete schauerte in sich zusammen , aber nicht vor der Winterkälte , die kühlte ihr wohlthuend das glühende Gesicht - ihr traten die Kämpfe vor die Seele , die sich in dem alten Hause dort abspielen mußten , bis das Recht triumphieren und der Jüngstgeborene in das väterliche Haus einziehen durfte ... Und hatte die kranke Frau nicht recht ? War dieser schöne , kräftige Knabe nicht ein wahres Himmelsgeschenk für das Haus Lamprecht , das nur noch auf zwei Augen stand ? - Aber was kümmerte die kaltherzige , hochmütige alte Dame im oberen Stock der gesicherte Fortbestand der stolzen geliebten Firma ? Das Kind war der Enkel der mißachteten » Malersleute « , und das genügte , um ihr jeden Blutstropfen zu empören und sie anzuspornen , die Anerkennung der Waise so lange wie möglich zu hintertreiben . Und Reinhold , der sparsame Kaufmann , der beide Hände fest auf den ererbten Geldkasten gelegt hatte , er gab sicher keinen Groschen heraus , ohne die heftigste Gegenwehr ! - Sie schritt weiter auf den Bodendielen , die unter ihren Füßen ächzten ... Ach ja , es waren nicht bloß die groben Sohlen der Packer darüber hingegangen , auch feine , beflügelte Mädchenfüße hatten huschend die ungehobelten Bretter berührt - » eine weiße Taube « war einst hier aus und ein geflogen . Bei diesem plötzlichen Gedanken stieg in ihr eine heiße Röte nach dem Gesicht , das sie einen Augenblick in den Händen vergrub ; dann schritt sie rascher der Thüre zu , die nach dem unheilvollen Gange führte - sie ahnte nicht , daß in der That das Unheil hinter dieser Thüre lauere . 25 Im Vorderhause hatte sich inzwischen eine aufregende Szene abgespielt . Bärbe hatte den Tapezieren eine Erfrischung hinaufgetragen , und nach einem kurzen Gespräch mit den Leuten hatte sie die Thüre geöffnet , um den roten Salon zu verlassen ; aber schmetternd war der Thürflügel sofort wieder zugeflogen , und die alte Köchin war mit einem Aufschrei ins Zimmer zurückgewankt . Sie hatte im ersten Augenblick nicht zu sprechen vermocht ; mit der Hand nach der Thür deutend , war sie in den nächsten Stuhl gesunken und hatte sich die Schürze verhüllend über den Kopf geworfen . Aber draußen war nun absolut nichts Besonderes zu finden gewesen , wie der eine Arbeiter versicherte , der hinausgegangen war , um zu sehen , was der robusten Alten einen solchen Schrecken eingejagt habe . » Glaub ' s gern , nicht alle sehen ' s ! Ach , das ist mein Tod ! « hatte Bärbe unter ihrer Schürze hervorgestöhnt . Dann hatte sie versucht , wieder auf die Beine zu kommen ; aber die waren so schwach und zitterig gewesen , daß sie eine geraume Weile auf ihrem Stuhle hatte sitzen bleiben müssen . Nur ganz allmählich hatte sie die Schürze fallen lassen und sich scheu umgesehen , und ihre gesunde braunrote Gesichtsfarbe hatte ins Aschgraue gespielt . Aber sie war still gewesen - das waren ja fremde Leute , die Gesellen da , denen durfte man doch den Mund nicht aufsperren , die trugen ' s weiter , und dann wußte in ein paar Stunden die ganze Stadt , was bei Lamprechts passiert war ! - Zum Glück waren die Arbeiter bald darauf mit ihrer heutigen Aufgabe fertig gewesen . Da hatte sie doch nicht allein den langen Flursaal passieren müssen . Sie war mit den beiden Gesellen gegangen , hatte nicht rechts noch links gesehen , und war endlich wieder in ihre Küche geschlichen - ja , » geschlichen « , hatte der Hausknecht ausgesagt , - wie ein Gespenst sei sie dahergekommen und auf die Aufwaschbank hingesunken . - Hier war aber ihr Mundwerk wieder flotter gegangen . Nun war sie ihr auch erschienen , die mit den Karfunkelsteinen , und nun sollte nur einer kommen und ihr ausreden wollen , was sie mit ihren eigenen Augen gesehen hatte ! Er sollte nur kommen ! Und der Hausknecht samt der alten Jette hatten » Mund und Nase « aufgesperrt ; der Kutscher war auch dazu gekommen , und just in dem Moment , wo der Friedrich gefragt hatte : » War sie auch im grasgrünen Schleppkleide , wie bei mir dazumal ? « - da war auch ein Lehrling aus der Schreibstube gekommen , um ein Glas Zuckerwasser für den jungen Herrn zu fordern . » I bewahre - grün nicht ! « hatte Bärbe kurzatmig , aber unter energischem Kopfschütteln verneint . » Weiß , schneeweiß ist ' s in dem Gange hin um die Ecke geflogen ! Akkurat so muß sie im Sarge gelegen haben . « Und daran hatte sie eine Schilderung geknüpft , die selbst dem Lehrling das Haar sträuben gemacht . Durch ihn aber war das Geschehnis bis in die Schreibstube gedrungen . Reinhold war über das lange Ausbleiben des jungen Menschen heftig erzürnt gewesen , und da hatte sich derselbe mit dem Aufstand in der Küche entschuldigt . Gleich darauf war der junge Herr herüber gekommen . Er hatte in einem dicken Pelzrock gesteckt und seine warme Ottermütze auf dem Kopfe gehabt . » Du gehst jetzt mit mir hinauf und zeigst mir die Stelle , wo du die weiße Frau gesehen haben willst ! « hatte er streng der an allen Gliedern zitternden alten Köchin befohlen . » Ich will doch sehen , ob man dem Gespenst nicht endlich einmal auf den Grund kommen kann ! ... Ihr Hasenfüße bringt mir das Haus immer mehr in Verruf - wie soll ich da Mieter bekommen , wenn ich später einmal alle überflüssigen Räume abgeben will ? ... Vorwärts , Bärbe ! Du weißt , ich verstehe absolut keinen Spaß ! « Und da hatte Jungfer Bärbe nicht einen Laut des Widerspruchs über ihre bebenden Lippen gebracht . Sie war ihm mit einknickenden Knieen gefolgt , die Treppe hinauf und den Flursaal entlang , ihr entsetzensvolles Sträuben an der Gangecke hatte ihr auch nichts geholfen ; er hatte sie am Arme gepackt und an den sie geisterhaft anstarrenden Bildern vorüber geschoben , bis zu dem Treppchen , das seitwärts nach dem Boden des Packhauses führte . Aber da war er plötzlich wie toll hinabgesprungen , hatte die nur angelehnte Thür der Dachkammer ein wenig weiter aufgeschoben und durch den Spalt hineingelugt , und