Weges trotten , schmauchte sein Pfeifchen und sah behaglich auf die langsam vorbeistreichenden Hütten und Bäume und Hügel . Als er in Zwischenbühel über die Brücke lenkte , rappelte sich unter einem Busche etwas empor , und obwohl er gar nicht abergläubisch war , so erschrak er doch , als er im Dämmer die Gestalt eines alten Weibes , die hagern Arme mit ausdeutenden Gebärden gegen ihn reckend , auf sein Gefährt zueilen sah ; laut auf lachte er aber , als er in der Herzukommenden die alte Kathel erkannte . » Halt auf ! « rief sie halblaut . » Halt auf , Bauer ! « » Öh , Braun ! No , was is denn los ? Gebärdst dich ja völlig wie a Luftzauberin ! « » Sagn muß ich dir was . Heilige Maria und Josef ! « » No , ruf nit erst alle Heiligen an . Was gibt ' s ? « » O Bauer , dächt ich nit , daß ich a Unglück verhüt , wann d ' so unvorbereit dahinterkämst - « » Hinter was , alte Hex ? Schneid nit hrum lang . « » ' n Geduldengel ruf an , ' n Geduldengel , daß dich der Zornteufl nit unterkriegt . « » Bei dir braucht mer schon a Legion Geduldengel . Na , ich sieh , dich hat was ganz ausm Häusel gbracht , also nimm dich zsamm , fang amal an z ' reden . « » ' s wird dir was abgehn , wann d ' heimkommst . « » So ? « » Aber gstohln is ' s dir nit . « » Was denn , in drei Teufelsnam ? ! « » Jesses , fluch nit , nit jetzt schon , eh d ' noch was weißt . « » Red du , so erspar ich ' s Schelten . « » Dein eiserne Geldtruhn - sie is dir nit gstohln - « » Mein ' s , dö steckt keiner in Sack . « » Aber weggführt is s ' wordn . « » Bist überhirnt ? Wer sollt mer an die grührt habn ? « » Die Bäuerin - . « » Himmelherrgottssakkerment « , brüllte der Alte , » die Einschleicherin , die Diebin , an ' n Meinm vergreift sie sich , die - « Kathel faltete die Hände . » Um Gottes willen , Bauer , schrei nit so hrum , sonst rennen d ' Leut ausm Ort herzu , oder mer hört ' s obn afm Hof , und ' s kommen welche nachschauen ; zutragn is mein Sach nit , und wann mer mich da findt , werd ich af meine alten Täg noch davongjagt . Laß dir lieber sagn , wie ' s zugangen is . « » Red « , keuchte er . » Du warst kaum fort , so ruft die Bäuerin ' n Michl , ' n Wastl , ' n Heiner und ' n Seff und tragt ihnen auf , die eisern Geldtruhn aus dein Ausgedinghäusel z ' schaffen . « » Wohin ? Wohin ? « » In d ' schöne Stubn , wo ' s ehnder gwest is und wo s ' hinghört , wie d ' Bäuerin sich hat verlauten lassen . « » Hat sie sich ? « lachte der alte Sternsteinhofer grimmig . » Und hitzt steht s ' dort ? « Kathel nickte . » Soll a kurze Freud gwest sein . Wie ich hnaufkomm , werd ich der saubern Bäuerin mein Meinung sagn , und heut noch , hitzt , gleich an der Stell , muß mer alls wieder in alten Stand ! Und dö vier Deppen , was blindlings an fremds Eigen d ' Hand anlegn , dö will ich orndlich schuhriegeln , daß s ' an mich denken solln , wie können sie sich unterstehn - ? ! - « » Mein , was wollten s ' machen ? Denselben war ' s gschafft . Hat eh a Gschlepp und Rackern dabei abgsetzt , daß ihnen der helle Schwiz übern Körper gloffen is . « » Hehehe ! Glaub ' s schon . Gschieht ihnen recht , und dasselb nämliche können s ' gleich wieder zun verkosten anhebn , denn ehnder ruh ich nit - und sollten s ' d ' halbe Nacht dazu brauchn - , bis d ' Kassa an ihrm alten Ort steht . « » Schau , hab a Einsehn , ' m Wastl , dem armen Hascher , is s ' mit der ganz Eisenschwern afm Fuß gfalln , brüllt hat er wie a Ochs , und einbeinlet habn s ' ' n vom Fleck gführt . « » Hehehe ! Hat einer dabei was abkriegt ? Das is mer lieb , und leid , daß ' s nur der eine war ! Hehehe , der wird sich ' s dermerken ! Mein schon auch , wann einer mitm Läufel unter paar Zentner grat , daß er alle Engeln singen hört und nachplärrt , wann ' s auch nit so schön ausfallt . Hehehe ! Schadt nix , so a Denkzettel ! Geh krump , Lump . Hehehe ! « Mitten in dem lauten Jubel über den Unfall des Knechtes besann sich aber der Alte , wie ganz kindisch und aus seiner eigenen Weis das sei , er legte das Gesicht in ernste Falten . » Teufl « , murmelte er , » so weit wird ' s doch nit schon sein mit dir - du , Sternsteinhofer - , daß d ' deppisch wurdst ? ! Kam ' n andern recht , dir Herr z ' werdn . Ah , nein , fein gscheit ! « Er rückte ein wenig auf dem Kutschbocke zur Seite und sagte zur alten Schaffnerin : » Steig auf ! Wolln mer gleich der Bäuerin unter d ' Augen ! « » Wo denkst hin ? « fragte erschreckt Kathel . » Der hab ich ja gsagt , ich wollt af a paar Stündeln zur alten Matznerin , ' s selb hab ich mir ausgebeten und schon a schöne Weil mitm Warten af dich verpaßt ! Zeugschaft leist ich dir keine und brauchst doch auch keine . Hitzt muß ich mich nur schleunen , daß ich zu der ins Ort triff , damit ich sagn kann , ich wär dort gwest , wann d ' Red drauf käm . Gut Nacht , Bauer , sieh dich für und tu nit unüberlegt . « Sie eilte an dem Wagen vorbei , über die Brücke , dem Dorfe zu . Der alte Sternsteinhofer schwang die Peitsche und hieb auf das Pferd ein , dieses jagte in Sprüngen den Hang hinan und riß das Wägelchen hinter sich her . Im Gehöft angelangt , fuhr er geradzu auf das Haus los und fast in die Gruppe dreier Bursche hinein , die vor der Türe plaudernd standen . Zwei nahmen lachend Reißaus , der dritte , der , die Hände in den Hosensäcken , einen Sprung hinter sich getan , um den Rädern auszuweichen , blieb lässig und gleichmütig stehen . » Was laufen denn dö ? « höhnte der Alte , mit der Peitsche nach den Wegeilenden deutend . » Weil s ' Letfeign sein « , sagte der Bursche . » Und du , Lump , bhaltst vielleicht a gut Gwissen , wann d ' an einer Dieberei teilnimmst , und traust dich noch , mir ins Gsicht z ' trutzen ! ? « Der Knecht zuckte die Achseln . » Kein Red bin ich dir wert ? Na , wart , dafür lehr ich dich Sprüng machen ! « Schon hatte der Alte mit der Peitsche zum Schlage ausgeholt und der Knecht die Arme abwehrend vorgestreckt , da trat die Bäuerin aus dem Flur . » Wie er dich schlagt , Heiner « , rief sie , » schlag du nur zruck ! Das brauchst dir nit gfallen z ' lassen . Du hast nur getan , was dir is aufgtragn gwest . « Da ließ der alte Bauer die Geißel hinter sich ins Grät fallen und kletterte mit vor Wut bebenden Gliedern mühsam vom Wagensitze herab . » Du - du - « , stöhnte er mit versagender Stimme , » hetztest ' s Gsind auf , sich an deins Manns leiblichem Vadern zu vergreifen ? ! - Wo is der Toni ? ! « » Obn af seiner Stubn , durchs offene Fenster hört er jeds Wort , was wir da reden , und wann er mir was wehren oder verweisen will , braucht er nur ' n Kopf hrauszstecken . Den Respekt , der dir als meins Manns leiblichem Vater zukäm , gäbet ich dir gern , wollst nur du da afm Ghöft nit mehr wie ein solcher bedeuten , aber ein Nebnherrn kenn ich nit , und daß du von unserm Gsind züchtigen willst , wer ghorsamt , das leid ich nit ! « » Kenn ich nit - leid ich nit - « , spottete der Alte nach . » O du - ! Hast aber recht , was brauch ich dem Kerl da erst übern Grind z ' fahren ? Ledig an dich hab ich mich z halten . Und nit als Nebnherr , als mein eigner und als Herr auf und von meinm Eignem frag ich , was hast du dadrauf zu suchen , was hast du mir davon z ' verschleppen ? ! « » Schau , schau , du weißt das schon , bevor d ' noch d ' Augen in deiner Stubn hast hrumgehen lassen ? No , das Ratsel is nit schwer z ' raten ; den Weg , den d ' kommst , is keins gangen wie d ' alt Kathel , dö Zutragerin . « » Dös is a Ehrnweib und da afm Hof alt wordn ! « » Und wann ich will , wird s ' auch kein Tag älter drauf ! « » Du jagest s ' fort ? ! « knirschte der Alte . » Wann s ' dir gsagt hätt , was du nit erfahren durftst , bsinnet ich mich kein Augenblick , weil s ' dir aber nur gsagt hat , was ganz unverborgen bleibt , is mer d ' Sach nit soviel Aufhebens wert . Ghörig rüffeln werd ich mir s ' wegn ihrer Hinterhaltigkeit , weiter nix . « » Ja , hab d ' Gnad , und dann sei auch so gut und laß mer nur gleich morgn wieder mein eisern Schrein dorthin schaffen , von wo d ' , ' n heut hast wegschleppen lassen . « » Dös weniger . Der bleibt , wo er is . « » Vorenthalten tätst mir ' s , Diebin ? ! « brüllte der alte Bauer , die Faust gegen das Weib erhebend , das einen Schritt zurückwich , nicht vor der Bedrohung , sondern vor dem Schimpf . Er ließ den Arm sinken und knurrte höhnisch : » Meinst , hast was davon , dumme Mirl ? Fehlt dir nit der Schlüssel ? Den folg ich dir nit aus ! « » Den bhalt nur « , sagte trotzig Helene . » Ich will a Ordnung , nit das Deine ! Der Schrein is bei uns gut aufghobn und der Schlüssel bei dir . Du bist a alter Mann , wie leicht versperrest amal nit , verstreuest selbn was , oder a fremde Hand greifet zu , dann müßt ' s Oberste z ' unterst kehrt werdn , mer hätt d ' Standari afm Hof und ' s ganz Gsind im unbschaffenen Verdacht . Besser bewahrt wie beklagt ! Wir langen dir nit hnein , aber ' s is nit mehr als billig , daß wir wissen , wozu du hneinlangst ; du könntst auch aus Vergessen ohne Gschrift Käuf und Gschäften abschließen , dich betrügen lassen , und am End wüßt mer nit , wo ' s Geld hinkämma is , ob d ' Gläubiger , die sich melden , auch rechte sein und wo mer d ' Schuldner z ' suchen hat , drum ghört der Schrein hin , dort wo er hitzt steht , und er is nit ' s letzte , was mer in Obhut nehmen muß , wann d ' es so weiter fort treibst . Schau ' s an , ' s arme Roß , da steht ' s noch und kommt kaum zu ihm von dem Hetzen , wie d ' d ' Steiln hraufteufelt bist ; wenn d ' Roß und Rind verabsäumst , so kann mer das unschuldig Vieh nit drunter leiden lassen und müßt ' s halt auch in unsere Ställ einstellen . « » Du nahmst mer auch noch mein Vieh ? ! « Die Bäuerin kehrte den Rücken und schritt in den Flur , einen Blick tat sie noch über die Achsel nach dem Alten , und obwohl dieser in der Dunkelheit den Ausdruck , der in demselben lag , nicht zu unterscheiden vermochte , so empfand er ihn doch als eine ebenso entschiedene wie verhöhnende Bejahung seiner Frage . » Oh , du ! ! « Er schrie auf , und dann , beide aneinandergepreßte Fäuste in einem gegen die Wegschreitende schüttelnd , keuchte er : » Alls - alls - nahmst mer ? ! - Dafür nimm ich ' n Segn - von Haus und Hof und Grund ! - Von Haus - und Hof - und Grund ! « Taumelnd schritt er seinem Ausgeding zu . Nachdem die braune Stute einen Augenblick nachdenklich gestanden , hierauf , wie von Fliegen beunruhigt , nachdrücklich den Kopf geschüttelt hatte , folgte sie bedächtig mit dem Wägelchen nach . Es war in der darauf folgenden dritten Nacht , der Mond schien in die Schlafstube , der junge Sternsteinhofer gähnte im Bette , und die Bäuerin fragte aus dem ihren nach dem seinen hinüber : » Du , Tonl ? « » Was ? « murmelte er . » Hast du die letzten Nächt her gschlafen ? « » Wie a Ratz . « » Hast nix ghört ? « » Kein Laut . Was sollt ich denn ? « » War vielleicht nur a Einbildung von mir . « » Wird schon sein . « » Oder alleinig mir z ' hören bstimmt . « » Dös is nur wieder a andere . Schlaf , los nit auf , hörst nix . Gute Nacht ! « » Gute Nacht , Tonl . « Beide kehrten sich der Wand zu , es dauerte aber nicht lange , so drehte sich die Bäuerin wieder herüber , sie hob den Kopf und stützte ihn mit dem Arme und sah sich in der Stube um ; milchweiß glänzte es von der Ecke her , wo das Gitterbettchen stand , in welchem der sechsjährige Muckerl und die anderthalb Jahre alte Juliane schliefen , die volle Mondscheibe beschien den Kindern das Gesicht . Helene erhob sich rasch , sie eilte hin und verhing das Gitter mit Tüchern , damit die Kleinen nicht schwere Träume bekämen oder gar mondsüchtig würden . Die Kinder hatten die Decke hinuntergestrampelt und lagen nackt . Helene betrachtete den kräftig entwickelten , gesunden Knaben , tippte ihm sachte auf die Wange . » Bist mein sauberes Bürschel , du « , sagte sie , und als zufällig in dem Augenblicke das kleine Mädchen eine greinende Miene zog und das Pätschchen gegen das Auge führte , fuhr sie begütigend fort : » Nein , nein , du auch , bist mein schöns Dirndl . « Sie breitete die Decke über beide und schritt nach ihrem Lager zurück . Nahe demselben schwang sie sich plötzlich mit einem Sprunge hinauf und saß aufrecht und lauschte . Da war es wieder , was sie schon zwei Nächte beunruhigt hatte , was sicher nur ihr zu hören bestimmt war , weil doch sonst niemand etwas darüber verlauten ließ . - Wie aus weiter Ferne , leise , doch deutlich , als liefe es innerhalb der Mauern hinan , für kurz aussetzend , dann hastiger wiederkehrend , scharrte und pochte es ; heute aber war das Poltern ärger wie in den beiden Nächten zuvor . Ein leiser Frost schüttelte die Bäuerin . Welcher Spuk wollte sich da einnisten und ihr das Heim verleiden ? Rumorte die alte Kleebinderin , der sie den Tod gewünscht , oder der Muckerl , der ihr die Untreu nachtrug , oder die Sali , an deren Stelle sie sich gesetzt ? Wohl war sie nach ihrem Ziele über diese drei hinweggeschritten , aber sie hatte dabei keines mit dem Fuße gesucht und , daß die im Wege gestanden , wie ein ihr von ihnen zugefügtes Leid empfunden ; sie achtete diese Rechnung , Posten durch Posten , aufgehoben , wer oder was wollte nun mit einem Male , gleichsam eines unbeglichenen Restes halber , an sie heran ? Nein , nein , weder die Kleebinderin noch der Muckerl vermochten da auf dem Sternsteinhofe » umzugehen « , wo sie nie heimgesessen waren , die mußten , wenn es sie nicht in der Erde litt , auf dem Kirchhofe » geistern « oder in dem Häuschen , wo sie hausten und starben , hier oben nicht . Es konnte nur die selige Bäuerin sein ! Warum aber , wenn die ihr , Helenen , etwas wollte , kam sie nicht in diese Stube , wo sie die längste Zeit vor ihrem Ende zugebracht , an dieses Bett , in dem sie die Augen schloß ? Ein jähes Grauen rüttelte Helenen zusammen , sie setzte die Füße auf die Diele und trat von der Liegerstatt hinweg . Der Spuk will sie allein an einen einsamen Ort laden und wird nicht eher sich zur Ruhe geben und immer drängender und ungestümer werden , bis sie gehorcht und Folge leistet und dahin geht , wohin er sie verlangt ! Nichts blieb über , um wieder Fried ins Haus zu bekommen , als , gern oder ungern , ihm » nachzuschauen « , was es auch sein mag und kann ! Doch vor dem Ärgsten , daß sich das Gespenst an einem vergreife , konnte man sich ja schützen , und nicht alle Tage kriegt man Geister zu sehen und erfährt dabei sicher Dinge , wovon nicht jeder weiß . - Ist ' s die vorherige Bäuerin , so soll sie sagen , ob sie eine Sorge auf Erden zurückgelassen , darüber sie nicht zur Ruhe kommt , ob für ihr Seelenheil etwas zu tun oder ob sie aus Bosheit und Abgunst so » rumore « ; der Sorg soll sie entledigt und erlöst werden , was für eine arme Seele geschehen kann , soll geschehen , aber den Polter- und Plagegeist würde man auch auszutreiben und hinwegzubannen wissen ! Nicht das geringste will sich die derzeitige Bäuerin gegen die vormalige vergeben , und stiege die gleich unter Kettengerassel als leibhafter Höllenbrand aus dem Boden auf ! Oh , sie soll es nur kundgeben , was sie will , und auf Ansprache muß sie ja Rede stehen , und das lieber gleich , ehe einem der Graus über den Kopf wächst und man noch der Sinne und der Zunge Meister ist . » Alle guten Geister loben Gott , den Herrn , sag an , was is dein Begehrn ? « Noch einmal wiederholte Helene flüsternd den Spruch , dann begann sie , schwer aufseufzend , ihre Kleider überzuwerfen . Als sie die Strümpfe angelegt hatte , schlich sie zu dem Wäschschrein , zog behutsam eine Schublade auf , aus der sie eine geweihte Wachskerze nahm ; im Vorüberhuschen ergriff sie ihre Schuhe , und mit einem scheuen Blick nach den Schlafstellen des Mannes und der Kinder öffnete sie die Türe . Deutlicher schlug das unheimliche Geräusch an ihr Ohr . Zögernd stand sie einen Augenblick , dann strich sie mit einem Zündholz über die Mauer , entflammte die Kerze , nahm einen der geweihten Zweige , die über dem Weihwasserbehälter hingen , an sich , und nachdem sie die Finger in das Naß getaucht und sich dreimal bekreuzt und besprengt , verließ sie die Stube . Die Kerze und den Zweig zwischen den Fingern der Linken , unter demselben Arme die Beschuhung und mit der freien Rechten das Licht schützend , eilte sie über den Gang bis zur Treppe , dort schlüpfte sie in die Schuhe und stieg dann bedächtig Stufe um Stufe hinab . Im Flur hörte sie das Gepolter wie aus der Erde heraufschallen ; um ihm nachzugehen , mußte sie also hinunter in das Kellergeschoß . Hundegeheul tönte vom Hofe her . Sie preßte die Hand ganz oben gegen das Brustblatt , denn bis zum Halse hinauf schien ihr das Herz zu schlagen . Sie ging ein paar Schritte vor und lehnte sich an einen Haustürpfosten und starrte hinaus in die schweigende , mondhelle Nacht . Unweit stand ein großer Hund , in braunem , schwarz geflecktem Felle , der seine mächtige Schnauze gegen den Himmel gerichtet hielt und zeitweilig langgezogene Töne ausstieß , die sich kläglich genug anhörten . » Tiger ! « rief die Bäuerin halblaut . Das Tier wandte den Kopf und kam sofort in ungelenken Sprüngen , schweifwedelnd , heran . Helene faßte den Hund am Halsbande , um ihn in den Flur hereinzuziehen , er kam ihr zuvor und hüpfte ungeschlacht um sie her und augte dabei so dumm gutmütig wie immer , und kein Haar seines Felles war gesträubt ; Orte aber , wo es nicht geheuer , machen Hunde fürchten und Pferde scheuen . Tiger schnüffelte gleichmütig an der Kellertreppe , doch als die Bäuerin sich anschickte hinabzusteigen , schoß er eilig voran . Helene warf den geweihten Palmkätzchenzweig hinter sich , Gespenster waren keine um die Wege , » lebige « Leute trieben da irgendeinen Unfug , und zwar welche , die zum Hause gehörten , das war deutlich dem Gehaben und Gebärden des Hundes zu entnehmen . Sie hatte die Hälfte der Treppe zurückgelegt , da ward es unten lebendig ; sie hörte in rascher Aufeinanderfolge einen Aufschrei , ein dumpfes Schelten , einen Prall gegen die Mauer , wie von einem Steinwurfe , und das Angstgeheul des Hundes , dann kam Tiger die Stufen heraufgejagt , fuhr an ihr vorüber , unaufhaltsam über den Flur und hinaus in den Hof . Helene stieg rasch vollends hinab und trat in das Kellergewölbe . Fast wäre ihr wieder aller Mut gesunken . Sie fand sich allein in dem weiten Raume . Die Wände , die Umrisse der Fässer und wenigen Gerätschaften , die da untergebracht waren , schwankten in dem unsicheren Scheine der Kerze , die sie in zitternder Hand hielt , und vom anderen Ende her , nahe der Mauer , blinkte ein Licht aus einer Laterne , die stand an der Erde , und aus dieser wuchsen zwei Hölzer , mit einem Querbalken verbunden , wie man den Galgen aufgemalt sieht . Nun stöhnte es von dorther , eine Haue erhob sich aus dem Boden und ein Kopf mit ergrauendem Haar , auf einem Stiernacken sitzend ... Da war es vorbei mit all und jedem Spuk , der Galgen war das Ende einer Leiter , die über eine Grube herausragte , an deren Rande stand die Laterne , und nahe auf einem Hügel ausgehobener Erde lag ein Grabscheit , und bis zu den Schultern stak der alte Sternsteinhofer da in der Tiefe und schlug mit dem Eisen gegen die bloßgelegten Steine des Grundmauerwerkes , Was für ein Absehen hatte er damit ? Knapp hinzutretend , fragte die Bäuerin : » Was machst denn da ? « » Jesus , Maria « , ächzte der Alte , zugleich sanken ihm die Arme und entglitt ihm das Werkzeug , er taumelte rücklings gegen die Wand und starrte , wie irr und verloren , nach Helenen . » Ich frag , was du da machst ? « wiederholte diese . Indessen hatte er den jähen Schreck verwunden . Er lächelte sie boshaft an . » Was ich da mach , möchtst wissen ? « » Ja . « » Hm ! Hehe ! Was ich da mach - was ich da tu ? Jo , hehe « - er sagte das unter einem verlegenen Lachen , gleich dem eines Knaben , der über einem Streiche ertappt wird , auf dessen Überlegenheit er sich etwas zugute tut - » no , ' s Glück grab ich euch da aus . « Helene sah ihn mit großen , verständnislosen Augen an . » In welcher Weis , meinst wohl ? « fuhr er fort und sah mit zwinkernden Lidern zu ihr auf , den offenen Mund verziehend , daß die blanken Zähne zum Vorschein kamen . » Mein Sternstein hol ich mir ausm Grundgmäuer . « » Du Dieb , du pflichtvergessener Dieb ! « schrie das Weib . » Das wirst du bleibenlassen ! Das Haus ist unser , wie ' s liegt und steht , und daran zu rühren , hast du kein Recht nimmer . Es is nit umn Sternstein , daß du ' s nur weißt , gar nit , aber ' s ganz Gebäu könnt einm überm Kopf zsammstürzen , wann du ' s untergrabst . Gleich steigst hrauf ! « » Wie ich mich schon eil , weil du ' s sagst ! « » Vor d ' Gricht kann dich das bringen , verstehst ? « » Vor d ' Gricht , meinst ? « höhnte er und hob die Haue und führte einen Schlag , der im Gewölbe widerhallte . » Halt ein weng noch ein « , rief die Bäuerin , » nur paar Wort hör an ! Du denkst , vor ' n Richter brächten wir ' s wohl nit , um uns selber kein Schand z ' machen , und darein kannst recht habn , aber ich weiß da viel kürzern Prozeß z ' machen . « » Holst leicht ' n Toni « , lachte der Alte , » schaun dann halt zwei zu . « » Ich bin keine , die sich nit selbn z ' helfen weiß . « Damit nahm sie rasch die Laterne vom Boden auf , löschte das Licht , nahm dann die Kerze heraus und warf sie weit im Bogen hinter sich nach einer Ecke . » So ! No , sei gscheit und steig hrauf und komm mit ; für heut in der Finstern wirst wohl ' s Suchen einstellen müssen , und daß d ' weder morgen noch sonst ' n Tag wieder damit anhebst , werd ich ' n Keller fortan versperrt halten und d ' Schlüssel zu mir nehmen . « Der alte Mann erwiderte nichts , er lehnte reglos und sprachlos an der Mauer , als ihm aber vor ohnmächtiger Wut Tränen in das Auge traten , da barg er plötzlich das Gesicht zwischen den Händen und begann bitterlich zu weinen . Erstaunt trat die Bäuerin einen Schritt näher . » Bist du ein Kind ? Sei doch nit einfältig wie ein solchs , das man sein Bosheit nit ausübn laßt . War dein Fürnehmen was anderscht ? Denk du dran , wie der Sternsteinhof noch nit so benamt war und du , noch jung , ihn von deinm Vadern überkommen hast , wenig größer und reicher als hundert andere , daß er derzeit eins von dö größten Anwesen im Land vorstellt , verdankt er deiner Arbeit und deinm Wirtschaften , und hitzt wölltst du mit selbeigenen Händen , was die aufgbaut , niederreißen ? Das vermöchtst du , während ich kein andre Sorg kenn , als daß der Toni sich eher z ' zehren wie z ' mehren anschickt , und kein andern Gedanken hab , als wenigst alls so zsammzhalten , daß amal der künftig Eigner kein Furchen Grund , kein Stück Vieh , kein Ziegel afm Dach minder vorfindt , wie du deinm Sohn , seinm Vadern , übergeben hast ! Du solltst dich wohl vor mir - einm Weib - schämen , wann d ' schon d ' Sünd nit fürchtst , vom Haus z ' nehmen , was ihm Glück gbracht hat und , wie d ' selber glaubst , noch bringt ! « Die Bäuerin schien denn doch , trotz ihrer leichtfertigen Red von vorhin , etwas von den guten Eigenschaften des » Sternsteins « zu halten . Der Alte stand noch immer , gesenkten Hauptes , in der Grube , jetzt stöhnte er auf und murmelte : » Weder , daß ich mich scham , noch a Sünd fürcht , aber « - er preßte es zwischen den Zähnen hervor - » geh voran ! « Die Sprossen der kurzen Leiter standen weit voneinander ab , und mit seinen wankenden Beinen half er sich mühselig genug daran empor . » Rühr mich nit an « , schrie er , als Helene den Arm nach ihm ausstreckte . » Sei nit töricht « , sagte sie , » laß dir helfen . Es gschieht dir nit z ' Lieb noch z ' Schimpf . Dir steckt noch von vorhin der Schreck in ' n Gliedern , und dö wolln nit vorwärts , ich aber hab da mehr kein Zeit zu verpassen , und auch du wirst froh sein , wann d ' vom Ort kommst . « Nachdem sie ihm aus der Grube geholfen , nahm sie Haue , Grabscheit und Laterne an sich und schritt voran ; auf der Kellerstiege hielt sie die Kerze etwas hinter sich und machte den Alten auf schadhafte Stufen aufmerksam . Im Flur blies sie das Wachslicht aus . » Soll ich dir das hnübertragn ? « fragte sie , den mit den Geräten beschwerten Arm hebend . Er schüttelte den Kopf , nahm ihr das Grabzeug und die Laterne ab und schritt langsam von ihr hinweg