Eva an der Tür der Wohnstube . Sie hatte jetzt ein weißes Laken über den toten Vater gelegt , und ich erhob das Tuch nicht mehr . Ich wollte mir die Erinnerung an das schöne , ruhige Greisengesicht von gestern abend unversehrt erhalten , und ich wußte es , wie der alte Maulwurf , das Leben , in dem an der Arbeit bleibt , was der Mensch einen Leichnam nennt . Als ich mich nach den anderen erkundigte , erfuhr ich , daß Ewald zum Meister Dröge , dem Dorftischler , gegangen sei und daß Irene ihn begleitet habe . » Und Vetter Just ? « » Just wirst du wohl im Garten finden . Ich habe den Kaffeetisch dort hergerichtet . O Gott , es ist ein so schöner Morgen o Fritz , ich kann es mir noch immer nicht denken ! ... Er war so vergnügt und gut , als er gestern in diese nämliche Morgensonne hinein wegging ! Er holte sich noch bei mir in der Küche Feuer für seine liebe alte Pfeife , und ich sah ihm nicht einmal nach und gab ihm das Geleit wie sonst bis ans Hoftor , und nun muß ich ihn in alle Ewigkeit mit seinem weißen Haar und seinem guten freundlichen Gesicht bei mir am Herde stehen sehen ! ... Ein paar Stunden später , in denen ich nicht einmal an ihn dachte , brachten sie ihn zurück ! « ... Ich fand den Vetter Just nicht an dem Kaffeetische im Garten , und ich hielt es auch nicht lange allein daran aus in dem schönen Licht und Schatten , unter den Sommerblumen ringsum , dem Bienensummen , Käfer- und Schmetterlingsflug . » Der Herr Vetter Just spaziert auf der Chaussee « , sagte ein Dorfkind , das in die kleine Pforte in der grünen Hecke guckte ; und auch ich trat aus diesem Gartentürchen auf die Landstraße . » Er ist nach dem Schlosse zu « , meinte die kleine barfüßige , flachshaarige Ostfalin , und ich kannte den Weg , der auch von hier aus quer über die Landstraße nach Schloß Werden führte , und so ging ich dem Vetter Just Everstein nach - wohl tief in Gedanken wie er und in ähnlichen , wenn auch nicht ganz in den gleichen . In dem letzten Hause des Dorfes nach dieser Seite hin wohnte der Meister Dröge , der Tischler . Die helle , staubige Landstraße führte an seinem Eigentum und dem Wiesenfleck , auf dem er seinen Vorrat von glatten Brettern und Balken aufgeschichtet hatte , vorüber und ließ es zur Linken . Rechts aber führte ohne Steg durch den mit Gras , Sternblumen und Kletten , Brennesseln und Thymian ausgefüllten Chausseegraben der Schlupfweg durch jetzt noch im Tau funkelndes , wirres Gestrüpp und Gebüsch , untermischt mit einzelnen höheren Bäumen , nach dem verwünschten Schloß , dem alten , teuren Nest , in dem auch ich flügge geworden war . In seiner Werkstatt war der Meister Tischler an der Arbeit ; ich hörte seinen Hammer laut und deutlich genug . Eines seiner Kinder war ' s gewesen , das mir den Weg angedeutet hatte , auf dem ich den Vetter Just finden konnte . Aber ich zögerte , ehe ich ihm folgte . Auf dem sonnigen Wiesenflecke , auf einer Lage jener glatten , weißen Tannenbretter , von denen der Meister Schreiner eines oder zwei zu seiner Arbeit die halbe Nacht hindurch verwendet hatte und an denen jetzt sein Hammer zur Vollendung des Werkes klang , saßen Ewald und Irene , dem Dorfe Werden und mir den Rücken zuwendend . Sie saßen Hand in Hand , doch nicht dicht beisammen . Tief niedergebeugt , das Haupt in der Hand , saß der Freund ; und ob sie auch miteinander gesprochen hatten , jetzt redeten sie nicht miteinander . Sie saßen still und horchten auf den Hammer , der die Nägel scharf und hell und doch auch wieder melodisch in das weiche Holz trieb . Kein Glockengeläut konnte feierlicher in einen Brautmorgen hineinklingen , und ich wagte es wahrlich nicht , diese zwei Verlobten anzureden . - - - Der Pfad durch das taufunkelnde Gebüsch nahm mich auf , und hinter mir verhallte dieser ernste , bedeutungsvolle Hammerschlag . Durch hohes , gelbes Kornfeld zog sich der enge Weg , die Lerchen hingen unsichtbar - fröhlich darüber ; und - seltsam , gerade in diesem Augenblick drängten sich die Bilder und Gewohnheiten meines so lange gewohnten Daseins - die bekannte Umgebung meines ruhigen Einsiedlerlebens durch mein Gedächtnis : meine vier Wände in Berlin , die Bücher an den Wänden und der Blick durchs Fenster in die bunte lärmende Gasse . - Du träumst , Friedrich Langreuter ? Was aber ist nun ein Traum ? ... Besinne dich ! - - » Wo bist du eigentlich , Fritz ? « fragte der Vetter Just . » Du stiegest über den Hof weg wie ein Nachtwandler . Wie siehst du denn aus . Doktor ? Wie stolperst du her ? ... Freilich , Steine des Anstoßes liegen hier genug im Wege ! « Da stand ich wieder in dem verwahrlosten Schloßhofe von Werden , und der Vetter nickte mir von der mehrfach beschriebenen Steintreppe und Rampe zu . » Es ist mir übrigens lieb , daß du kommst « , brummte er . » Komm nur dreist herauf , ich werde dich nicht mehr auslachen , wenn du behauptest , daß es hier umgehe . Jedenfalls gehe ich nun seit einer Viertelstunde um dies alte Gemäuer herum , und immer ist ' s mir , als schleiche etwas hinter mir drein oder sehe gar aus dem Fenster auf mich herunter . Die Sache ist mir nun doch außer allem Spaß ! ... Der Vetter Just Everstein vom Steinhofe Herr von Schloß Werden ! ... Den Irländer kenne ich . Der Strick hält mich am Wort , wenn ich es selber nicht zurücknehme . Und er hat auch recht ! Was will er mit seinem Weibe hier ? ... In die Försterei setzt die Regierang einen neuen Mann in Grün ; alles für uns ausgeflogene Nester ! ... Mein Weib nehme ich mit nach dem Steinhofe ; das wäre mir wirklich eine Burgfrau hier , die Bäuerin vom Steinhofe mit Jule Grote als stewardess ! ... Sahst du auch die beiden - ich meine Ewald und Irene - auf der Wiese des Meisters Dröge ? Das ist mir nun ganz klar und deutlich , als flösse schon das Weltmeer zwischen ihnen und Schloß Werden . Es weiß keiner etwas anzufangen mit Schloß Werden und - ich auch nicht ! Doktor , was meinst du , wenn du es von mir in Pacht nähmest ? « Ich glaube fest , daß ich damals den Vetter ziemlich starr und mit etwas weit geöffnetem Munde angesehen habe ; es war aber nur eine Schulmeister-Reminiszenz aus Neu-Minden von ihm , wie sich gleich auswies . » Ländereien nicht vorhanden « , sagte er , » aber genügend Gartenland zu Spielplätzen und Turnanstalten und was sonst dazu gehört . Ausgezeichnetes Trinkwasser - gesunde Lage , frische Luft . Wald ringsum . Fritz , so ' ne Erziehungsanstalt für unverbesserliche Jungen aus den besten Familien ! ... Mit der Miete würde ich dich nicht drängen , zum Inventar würde ich zuschießen ; wir behielten dich hier in der Nähe , gut zahlende junge Engländer schickte Ewald , deine Berliner brächtest du dir selber mit . Gekommen ist mir diese Idee freilich eben erst , seit du hier bei mir stehst ; aber - überlege dir mal die Sache ! « Von diesem Vorschlage hatte ich mir wahrlich nichts träumen lassen , als ich mich eben auf dem Wege nach der alten Jugendheimat aus den bewegten , wunderlichen , traurigen und doch so von der Sonne überglänzten und vom Grün umrauschten gegenwärtigen Tagen plötzlich , und ohne daß ich es wußte , wie es zuging , in mein einsames großstädtisches Gelehrtendasein zurückverloren hatte . Es war seltsam , aber wegleugnen ließ es sich nicht ; ein gewisses leises , unbestimmtes Heimwehgefühl hatte sich bemerkbar gemacht : Wohin gehst du , Friedrich Langreuter , wenn sich nun in der allernächsten Zeit dieser Kreis , der sich hier so schicksalsvoll geschlossen hat , wieder auflöst ? Sie sind nun am Ende doch alle geborgen . Aber du , Fritz Langreuter , wenn du nun morgen mitgegangen bist zu der letzten friedlichen Ruhestätte des guten , alten , treuen Freundes ? Wohin gehst du , wenn ihr morgen vom Kirchhofe zurückgekommen seid und für die übrigen das Lebensrad mit erneutem Schwunge sich wieder aufwärtsdrehen wird ? Was bleibt dir in den Händen als Gewinn von dieser melancholisch-süßen Reise nach Schloß und Dorf Werden - der Fahrt in die Jugend zurück ? Fast drollig klang nun in alle diese Fragen an das eigene Geschick der treffliche Rat des Freundes , aus Schloß Werden ein Erziehungsinstitut zu machen , hinein . Ich mußte auch lachen , aber heiter kam das gerade nicht heraus ; und dabei stand der Vetter Just mit seinem heitersten Lächeln auf dem ehrlichen , breiten Gesicht weitbeinig , die Hände auf dem Rücken , vor mir : » Na ? ! Was sagst du zu meinem Vorschlag ? « » Daß dies ganz der richtige Just Everstein ist . Neu-Minden , wie es leibt und lebt . Ja , wenn nur ein jeder am Wege gesessen hätte wie dieser Mensch hier und Weisheit aus dem Wind und den Wolken wie aus dem alten Bröder gezogen hätte ! Ich danke dir herzlich , Vetter Just ; aber - für mich wäre das wirklich das letzte . « » Dann ist mir Schloß Werden nur auf den Abbruch hin auf den Hals geladen worden « , seufzte Just Everstein vom Steinhofe und legte die Hand auf eines der Bretter , mit denen die hohen Fenster des Unterstocks des Gebäudes teilweise vernagelt waren . » Es wird wieder mal allerlei von einer festen Brücke bei Bodenwerder geschwatzt und geschrieben . Da könnte ich vielleicht einen Teil der Steine loswerden . Schade , daß unser Landsmann , der Freiherr von Münchhausen , sein Wort bei den maßgebenden Behörden nicht mehr dazugeben kann ! Über das Gartenland wollte ich mich schon mit den Bauern von Werden verständigen , Gewissensbisse mache ich mir nicht darüber , wenn du auch nicht gerade jetzt mit Irene Everstein darüber zu sprechen brauchst . Everstein ? Everstein ? Was würde der Herr Graf dazu sagen ? Und was mein seliger Vater - von einem Großvater gar nicht zu reden ? ! « » Es geht alles in der Welt mit rechten Dingen zu , Vetter Just « , erwiderte ich . » Freilich die große , trostvolle Wahrheit , daß hinter jedem Ding als solches eben die Welt als solche steht , wird einem meistens nur bei einer solchen Gelegenheit wie diese klar . Das ist ein Gedanke : aus Schloß Werden eine Brücke zu bauen ! Ein trefflicher Gedanke , der einen selbst in der Vorstellung schon mit Kindern und Kindeskindern sicher und fest in die Zukunft hineinführt ! « » Ein kurioses Ende vom Liede , würden die Werdenschen Bauern sagen « , brummte der Vetter kopfschüttelnd . » Aber die Quadern würden sie dir doch , herzlich gern abfahren zu dem Werk . « » Das würden sie ! Und das Fell würden sie mir dabei über die Ohren ziehen , wie es kein Everstein auf seinem alten Raubnest dort weiter ins Land hinein seinerzeit besser verstand . Ja , auch das Lied hat kein Ende ! Na ja , und wenn ein Stern zerspringt , so werden die Planetoiden draus - verwerten kann ich das Material schon . Der Herr Graf , der Herr Graf ! Was würde der Herr Graf dazu sagen , wenn er den Bauer vom Steinhofe sagen hörte : das hat ja aber Zeit , ich aber habe heute keine mehr , mich um das alte leere Nest zu kümmern ! - ? - Über Jahr und Tag kannst du mir immer noch deinen guten Rat schriftlich geben , Fritz ; oder du bringst mir ihn mündlich , oder ich hole mir ihn und zeige meiner Eva dabei zu gleicher Zeit die Stadt Berlin . Dann werden Ewald und Irene jenseits des Kanals sitzen , und wir können doch noch ein wenig unbefangener über Schloß Werden und sein letztes Schicksal zu Rate sitzen . Jetzt habe ich schon allzu lange um das öde Gemäuer mein armes , betrübtes Mädchen bei dem toten Vater allein gelassen . Komm nach Hause , Doktor . « Wir gingen , und - nun sind wir im letzten Akt , und da ich noch ganz und gar zur alten Komödie gehöre , so hätte ich nunmehr das vollkommenste Recht , meinen Oberrock aufzuknöpfen , meinen Stern und - mich als Serenissimus zu zeigen . Als der Serenste , der Heiterste ? ... Wenn ich sagen wollte , als derjenige , welchem doch von allen das bequemlichste Los zuteil geworden sei , so würde ich damit wohl das Richtigere treffen . Ich habe Zeit , wie ich es hier tue , den Geschichtsschreiber von Dorf und Schloß Werden , den Biographen des Steinhofes zu spielen . Habe ich meine Sache erträglich gemacht , so ist ' s gut ; ist das Ding unter aller Kritik ausgefallen , so habe ich im Grunde ja doch nur für den alten Vetter Just Everstein vom Steinhofe geschrieben , und der wird gottlob nur lächelnd sagen : » Ja , unser Berliner Doktor ! Lesen mußt du ' s , Evchen ; mir ist mehr als einmal die Pfeife drüber ausgegangen , und auf dein Gesicht dazu bin ich auch nicht wenig gespannt . Mittelalterliche Geschichtsquellen hat der alte Junge auch in unserem Falle gut studiert - na , laß ihn ; während der Universitätsferien rückt er wieder ein auf dem Hofe , und dann hoffe ich mündlich von ihm zu erfahren , ob er mir in seiner Chronik mehr Schmeicheleien oder mehr Grobheiten gesagt haben will . Nach England muß jedenfalls eine Kopie hinüber ; denn das sehe ich doch gar nicht ein , weshalb Ewald und Irene nicht geradesogut wie wir über diesen wunderbaren Historien den Kopf zwischen beide Hände nehmen sollen ! Es ist wirklich die Möglichkeit , was ein Mensch in der Einbildung des anderen an Glück und Geschick und dem Gegenteil davon befahren kann ! Jaja , mein Herz , von Rechts wegen müßten wir nun , ich und du und Freund Ewald und Frau Irene , uns hinsetzen und zu Papiere bringen , wie wir dies alles angesehen haben , als wir es erlebten . Sollen wir , Herz ? « » Mir bleib damit vom Leibe « , wird dann Frau Eva Everstein sagen . » Irene wird auch keine Zeit dazu haben . Die ist froh , wenn sie meines Bruders Korrespondenz besorgt hat . Also fällt es einzig und allein auf dich , Just , wenn wirklich in dem dicken Bündel Schriften ( und was für eine Hand schreibt das Menschenkind dazu ! ) was drin steht , was von einem von uns beantwortet werden muß . « » Ja , wenn man nur nicht zu behaglich in dem alten Neste säße und wenn einem nur der Tag Ruhe ließe ! « wird der Vetter Just die Unterredung mit seinem Weibe über das Manuskriptum des » Doktors in Berlin « fürs erste zu einem behaglichen Ende bringen . - - - Nun wird es natürlich wieder Leute geben , die nie zufrieden sind , wo es sich um den Schluß einer Geschichte , die man ihnen erzählt , handelt ; die alles immer noch genauer und ausführlicher zu wissen wünschen , als der Erzähler es vortragen kann oder will . Wo es sich um eine Hochzeit handelt , wollen sie die Zahl der Musikanten kennen , wo eine Taufe das Ende ist , soll ihnen nicht ein einziger Gevatter unterschlagen werden , und im vorliegenden Falle ( oh , ich kenne sie ! ) möchten sie mit » zur Leiche « gehen , das heißt den guten alten Vater Sixtus mit begraben , und dann ganz genau in Erfahrung bringen , ob Schloß Werden wirklich ebenso vom Erdhoden verschwunden sei wie die Nester , die wir aus dem Schlosse einst in die Luft und das grüne Gezweig hingen , oder was eigentlich zuallerletzt der Vetter Just Everstein damit angefangen habe . Ich für mein Teil hätte nun wohl noch mancherlei von Ewald und Irene zu berichten ; aber sonderbarerweise würde ich dafür die wenigsten aufmerksamen Ohren finden , denn » das kann sich ja ein jeder leicht denken « . - Und so sage ich nur , daß Irene mir die Instandhaltung eines Kindergrabes auf einem Berliner Kirchhofe anvertraut hat und daß es mir , unberufen , sonst nach Wunsch geht . Was das übrige anbelangt , zum Beispiel auch Jule Grote und Mademoiselle Martin ( Schloß Werden nie zu vergessen ! ) , so weiß nur der Vetter Just Everstein das Allergenaueste . Wer also noch eine Frage auf dem Herzen hat , der wende sich an ihn , von Bodenwerder , wo der Freiherr von Münchhausen geboren wurde , führt der Feldweg nach dem Steinhofe an jenem Steine vorbei , auf welchem er - der Vetter Just - den Kopf in den Händen und die Arme auf die Knie stützend und so in das Blaue hineinstarrend - einst saß und wartete auf menschliche Schicksale .