sollte noch am selben Abend alles erfahren , was sie darüber wußte . Nach einer kurzen Weile gesellte sich Jütte und die Tochter des Fuhrmanns zu der Gruppe . Das Gespräch kam natürlich auf das Leben in Chorostkow und Jütte meinte stolz , obwohl Barnow einige Einwohner mehr zähle , fühle sie sich doch wie in ein Dorf versetzt . Unter den Genüssen aber , die das Chorostkower Leben schmückten , nannte sie auch die Konzerte der Husarenkapelle im Schloßgarten und das Theater . Die Frauen wußten nicht , was das Wort bedeute , der Marschallik aber erzählte , daß vor dreißig oder mehr Jahren auch in Barnow eine Truppe gewesen . » Aber die hat uns dann auch einen Ruf im Land gemacht , daß sich keine mehr hertraut ; die armen Leut ' sind fast verhungert . Unser Rabbi Manasse nämlich , der damals noch ganz jung war , aber womöglich noch strenger wie heut ' , hat verboten , hineinzugehen . « » Ich begreif ' nicht , wie man so was verbieten kann « , meinte Jütte . » Geht es denn gegen Gott , daß man sich unterhält und lacht und weint ? Und was für schöne Spiele haben sie gemacht ! « » Erzähl ' doch was davon « , munterte sie ihre Mutter auf , die nicht wenig stolz darauf war , daß die Tochter so gut zu reden wußte . » Zum Beispiel das Spiel von den Räubern « , sagte Jütte . » Also - zwei Brüder , der eine ist schlecht und ein Gutsbesitzer , der andere ist gut und ein Räuber - « » Umgekehrt , Kind « , verbesserte die Mutter . » Nein , so ist es . Nämlich der Gute ist nur Räuber geworden , damit er den Menschen hilft ! Das Spiel hat ein gewisser Schiller aufgeschrieben , sagt meine Malke . « » Ein feines Mittel , den Menschen zu helfen « . lachte Simche . » War denn dieser Schiller auch bei der Gesellschaft ? « » Nein , der Arme soll schon tot sein , sagt meine Malke . Und sie weiß ja alles . Aber noch besser hat mir das Spiel vom verliebten Schneider gefallen . Fips tut er sich mit deutschem Namen schreiben . Nämlich durch ein Loch in der Mauer wird ihm seine Braut entführt . Wenn ich dran denk ' , wie der Herr Stickler da gemeckert hat , lach ' ich noch heut ' . So heißt nämlich der Spaßmacher . Übrigens ein Lump , nicht zu sagen . Den ganzen Tag war er betrunken und ist schließlich Reb Hirsch mit der Zeche durchgegangen . Und erst die Weiber ! Es war gut , daß sie selber fort sind , sonst hätt ' sie Reb Hirsch hinausgeworfen . « Sie wurde rot und verstummte . » Man kann sich denken , was das für ein Gesindel ist « , sagte Simche . » Die Leut ' , die mit den Löwen und Schlangen herumziehen , sind doch , scheint ' s , ordentlicher . Die haben doch was ! « Sein Weib aber meinte : » Einmal möcht ' ich so ein Spiel doch sehn . Vielleicht kommen sie her . « » Ich glaub ' nicht « , sagte Jütte . » Von Chorostkow sind sie nach Kolomea gezogen und von da wollten sie nach Siebenbürgen . « Das Gespräch nahm eine andere Wendung ; bald darauf ging die Gesellschaft auseinander . In bitterem Herzeleid schritt Sender seiner Wohnung zu . Auch diese Hoffnung war also zerronnen , er konnte doch den Leuten nicht aufs Geratewohl nach Siebenbürgen folgen . In dieser Nacht kam kein Schlaf über seine Augen . Das Tageslicht gab ihm seinen Mut wieder ; mit frommer Inbrunst verrichtete er das Morgengebet . » Ich hab ' nur noch zwei , auf die ich bauen kann « , dachte er , » Ihn und mich . Aber wenn ich mich nicht verlasse , so tut auch Er es nicht . Die Hauptsache ist : ich muß weiterarbeiten und mir die Bücher schaffen . Es mag vielleicht kein gutes Brot sein , sonst hätte nicht ein Spieler wie Nadler wegen fünfzig Gulden durchgehen müssen , aber ich will lieber dabei zu Grunde gehen , als anderswie reich werden ! « Heute waren keine Eingaben zu schreiben . Es war der Dienstag , der Tag des Wochenmarkts , zugleich der Schlußtag der wöchentlichen Kollekte , wo die meisten Einsätze gemacht wurden , da hatte er keine Zeit dazu . Kaum daß er den Laden geöffnet , kamen die Bauern angerückt und wollten ihre sauer erworbenen Groschen los sein . Aber das ging nicht so rasch . Die meisten wollten vorher Rat und Hilfe in der richtigen Auswahl der Nummern . Gleich der erste , der sich vor Senders Tisch schob , war ein ihm wohlbekannter Kunde , der ihn in der Regel eine halbe Stunde kostete . Ein stattlicher Bauer , der Dorfrichter von Miaskowka , der in seiner Umgebung den Ruf großer Klugheit genoß . » Nun , Senderko « , begann er wie immer mit vertraulichem Flüstern , » machen wir heute das Geschäft ? « » Nein « , erwiderte Sender kurz , » es geht nicht . « » Aber warum denn nicht ? Ich werde dich doch nicht verraten ! Und wir reden ja auch nichts miteinander ab . Ich lege meine dreißig Kreuzer hin - so ! - und du schreibst drei Nummern auf , die dir « - er zwinkerte schlau - » eben einfallen , und vom Gewinn bekommst du die Hälfte . « Der Richter war nämlich der Meinung , es hänge nur von Sender ab , welche Nummern er am Mittwoch Vormittag als gezogen an die Ladentür stecke . Der Schreiber hatte ihn bisher ruhig bei diesem Glauben gelassen , und nur immer versichert , das Geschäft gehe gegen sein Gewissen . Es hatte ihm Spaß gemacht , durch welche Mittel dann der Richter seine Zweifel zu zerstreuen suchte . Heute aber sagte er kurz : » Seid nicht dumm , Richter ! Wüßte ich , welche Nummern herauskommen , ich wäre längst ein reicher Mann und säße nicht mehr hier . « Der Bauer sah ihn verdutzt an . » Das heißt « , sagte er zögernd , » daß du es mir nie sagen wirst ? « Sein Gesicht färbte sich hochrot vor Zorn , er hieb auf die Barriere los . » Dann treibt ihr ja Betrug hier , ihr elenden Juden ! Betrug ! Für gute dreißig Kreuzer so ein elendes Zettelchen ! « Auf den Lärm kam Morgenstern herbeigestürzt . » Du Narr ! « fuhr er Sender heftig an , nachdem er den Sachverhalt erfahren , » so sorgst du fürs Geschäft ? « Dann wandte er sich an den Bauer . » Herr Richter « , flüsterte er ihm flehend zu , » ich sag ' Euch die Nummern , die wir morgen ausstecken . Höchstens wenn mir der Herr Bezirksvorsteher andere befiehlt - aber sonst gewinnt Ihr gewiß ! Und ich bin schon mit einem Viertel des Gewinns zufrieden ! « » Das ist was anderes « , sagte der Bauer begütigt und machte seinen Einsatz . » Aber betrügen lasse ich mich nicht , am wenigsten von so einem jungen Tölpel ! « » Der Anfang war gut ! « dachte Sender seufzend und beschloß , nun umso vorsichtiger zu sein . Zum Glück war unter den anderen Kunden keiner , der dem Richter von Miaskowka an Schlauheit gleichkam . Diese Bauern und Kleinbürger wollten nur wissen , ob jetzt » der Wind mehr nach Grad oder mehr nach Ungrad wehe « , ob sie also vorteilhafter 15 und 43 oder 16 und 44 setzen sollten , oder noch häufiger , ob » der Wind unten , in der Mitte oder oben wehe « , das heißt , ob sie die Ziffern zwischen 1 und 30 , oder 31 und 60 , oder 61 und 90 wählen sollten . » Der Wind « - was sie darunter verstanden , mochte der Himmel wissen , es war ihnen wahrscheinlich ebenso klar wie Sender , der diesen Wind abwechselnd durch alle drei Regionen streichen ließ . Wieder andere erzählten ihre Träume und verlangten die Nummern angegeben , die diesen entsprachen ; zu dem Zwecke lag auch hier , wie in jeder Lottokollektur des Ostens , ein Traumbuch auf dem Schreibtisch . Sender glaubte den Leuten keinen Schaden zuzufügen , wenn er es nicht erst aufschlug . » Also « , sagte er der Pfarrersköchin von Barnow , » Ihr habt von einem Bottich voll Geld geträumt - 7 , von einem Korporal - 23 , und ein Hund hat Euch in die Wade gebissen - 50. Und Ihr ? « wandte er sich an eine alte Bäuerin . » Von einem schwarzen Huhn habe ich geträumt « , erwiderte sie , » und daß mir ein junger Mann schön getan hat - « » 3 und 32. Was noch ? « » Und daß ich in der Kirche eingeschlafen bin . « » 50 ... Und Sie , gnädige Frau ? « Die Frage galt der Gattin des städtischen Försters , Frau Theodora Putkowska , ihrer boshaften Zunge wegen auch die Viper von Barnow genannt . » Ein Rosaseidenkleid « , flüsterte sie ihm zu . » Das ist das einzige , was mir geträumt hat , aber wiederholt ... « » 50 ! « erwiderte Sender . » Was ? « rief sie und warf den Zettel , den er ihr reichte , zurück . » Empörend ! Ist ein Rosaseidenkleid dasselbe , als wenn ein Hund in die Wade beißt oder wenn man in der Kirche einschläft ? Immer 50 ! Das ist ja ein Betrug ... « Entsetzt erkannte Sender , daß er die Zahl , die ihn seit gestern begreiflicherweise , da er unablässig an Nadlers Los denken mußte , am meisten beschäftigt , etwas zu oft benützt . » Lassen Sie mich nachsehen « , bat er erschreckt und griff nach dem Traumbuch . Es war zu spät ; schon war Morgenstern wieder erschienen , nach dem Rechten zu sehen . Ein Strom von Klagen und Schimpfreden ergoß sich über das Haupt des Schuldigen . » Du willst mich zum Bettler machen « , schrie er , » aber eher jage ich dich davon ! « » Wie begütige ich ihn nur wieder ? « dachte Sender , nachdem sich der Laden geleert . » Er soll mir ja die Adresse des Buchhändlers sagen . « Er trat vor den Meister . » Wenn Ihr eine Arbeit für mich habt - ich hab ' gerade Zeit . « Dovidl blickte ihn mißtrauisch an . » Was bist du plötzlich so eifrig ? « fragte er . » Es ist auch die Langeweile « , sagte Sender . » Ich hab ' ja nichts zu lesen . Und da wollt ' ich Euch bitten - « » Daß ich dir etwas von den Gesetzen da gebe ? « fragte der Winkelschreiber lauernd und wies auf die Bücher , die vor ihm lagen . » Nein « , erwiderte der Schreiber . » Eine Sprachlehre will ich mir aus Lemberg kommen lassen , vielleicht auch ein Lesebuch , sagt mir , wie mach ' ich das ? « Zornrot sprang Morgenstern vom Sessel empor . » Schäm ' dich ! « rief er . » So jung und schon so falsch ! Glaubst du , ich weiß nicht , wer dahinter steckt ? Mein lieber Luiser ! Er redet dir immer zu : Lern ' die Gesetze - dann kannst du Dovidl das Brot wegnehmen . Und nun soll ich dir raten , wie du dir die Bücher schaffst ! « » Nein ! « rief Sender . » Ich schwöre Euch ... « » Kein Wort mehr ... So ein Undank ... « » Aber so nehmt doch Vernunft an « , rief Sender heftig . » Wenn Luiser dahinter stecken würde , so könnt ' er ' s mir doch gleich selbst sagen - « » Er weiß es ja nicht ! War er denn je in Lemberg ? Nein , nein , mich betrügt man nicht so leicht ! « Mißmutig setzte sich Sender wieder an den Schreibtisch . » Dann frag ' ich Luiser wirklich « , dachte er . » Er kommt ja gewiß auch heute . « In der Tat trat der Gemeindeschreiber kurz vor Mittag ein , wie jeden Freitag und Dienstag . So sehr ihn Dovidl sonst haßte , die Besuche ließ er sich gern gefallen . Luisers Einsatz war sehr ansehnlich , da er das Haupt einer Spielgesellschaft war . Ihre Mitglieder wollten die Regierung nicht betrügen , aber auch von ihr nicht betrogen sein . » Das lassen wir uns nicht einreden « , meinten sie , » daß die Nummern in Lemberg von einem Waisenknaben gezogen werden . Der Waisenknabe trägt Brillen und einen langen Bart und sieht vorher alle Listen durch . Jene Nummern , die am wenigsten besetzt sind , werden natürlich gezogen , damit auch möglichst wenig Gewinne ausbezahlt werden müssen . « Nun standen ihnen freilich nicht alle Listen des Landes zu Gebote , aber sie spannen ihre Netze so weit sie konnten ; jeden Freitag wurden die Listen eingesehen , die Ergebnisse brieflich ausgetauscht und dann am Dienstag verwertet . Keine Enttäuschung vermochte die Überzeugung dieser seltsamen Kartellbrüder zu erschüttern , daß sie allein auf richtiger Fährte seien . Auch Luiser Wonnenblum zählte das Häuflein Papiergulden so fröhlich vor Sender hin , als hätte ihm Gott selbst den Gewinn zugesichert . Aber womöglich noch heiterer wurde seine Miene , als Sender ihn nach dem Buchhändler fragte . » Recht so ! « flüsterte er . » Du brauchst nicht einmal dem Buchhändler schreiben . Ich schaff ' dir schon die Gesetze durch meinen Vetter in Lemberg . « Sender lehnte dankend ab . » Bemüht Euch nicht , sagt mir nur , wie der Buchhändler heißt . « » Das weiß ich nicht . Aber wie gesagt , mein Vetter ... « Als Sender es endgültig ablehnte , verließ Luiser sehr erstaunt den Laden . » Glaubt er vielleicht « , dachte er , » ich will am Preis verdienen ? Nicht einmal - ich hab ' schon so Vorteil genug davon , wenn sich Dovidl und Sender entzweien . « Sender aber schrieb ungesäumt » an den deutschen Buchhändler in Lemberg « und bestellte die Bücher gegen Nachnahme . Die genauen Titel wußte er ja nicht , aber das war wohl auch bei einem , der damit Handel trieb , nicht nötig . Als er den Brief in den Schalter des Postamts warf , streifte sein Blick die Briefe , die über dem Schalter ausgestellt waren . » An den Herrn Theaterdirektor Nadler « - Himmel , das war ja sein Brief , auf den er so schmerzlich Antwort ersehnt ; er war als unbestellbar zurückgelangt ! Der Postmeister musterte Sender lächelnd , als dieser den Brief zurückerbat : » Mensch , was hast du für Bekanntschaften ? ! Übrigens liegt der Brief schon einen Monat da . « Auf der Rückseite stand : » Retour . Adressat unbekannt wohin verzogen . « Senders Herz zog sich schmerzhaft zusammen . Nun brauchte er niemand mehr zu fragen . Dieser Herr Stickler und die anderen hatten nicht gelogen ... Er war nun wirklich ganz verlassen , sein Gönner geflohen , warum hätte er sonst seine Adresse nicht zurückgelasen ? ... » Der Ärmste « , murmelte er , » wegen fünfzig Gulden ! « Und neben dem Mitleid mit Nadler regte sich auch abermals das mit sich selber . Aber nun weinte er nicht wieder . Als ihn die Mutter beim Mittagessen besorgt fragte , warum er so bleich und traurig sei , zwang er sich sogar zu einer fröhlichen Miene . Zwanzigstes Kapitel Ebenso tapfer suchte er des Nachmittags seinen Dienst in der Kollektur zu verrichten . Es war der schwerste der Woche . Die Tür des Ladens stand nie still , zwischendurch mußte die ganze Liste kopiert werden , um mit Postschluß , sieben Uhr , nach Lemberg abzugehen . Denn am Mittwoch Morgens erfolgte schon die Ziehung in Lemberg , die Nummern wurden allen Kollekteuren sofort telegraphisch mitgeteilt ; in dem rechtzeitigen Abgang der Liste lag also die einzige Sicherheit des Staates gegen einen Mißbrauch . Nach sechs Uhr , Sender hatte schon das Kuvert geschrieben und wollte eben die Liste unterzeichnen - trat Herr v. Wolczynski in den Laden . » Ich bin gestern nicht dagewesen « , sagte er , » mit dem Huszkiewicz will ich nichts mehr zu tun haben . Seine Methode - haha ! - die pure Narrheit . Du bist ja klug , Senderko , hab ' ich nicht recht ? « Der Schreiber blickte etwas befremdet auf ; so leutselig war sonst Herr v. Wolczynski nicht . Dann zuckte er mit diplomatischem Lächeln die Achseln . » Wir verstehen uns « , rief der Edelmann und klopfte ihm vertraulich auf die Schulter . » Also - ich setze auf eigene Faust , Nummern , die ich mir selbst ausgerechnet habe . Hier - hundert Gulden ! « Er legte die Note hin . » Es ist doch noch Zeit ? « » Gewiß « , sagte Sender dienstfertig und legte die Note in die Kasse . Es war der höchste Einsatz , den er je eingetragen . » Bitte , welche Nummern ? « Wolcynski griff in die Westentasche . » Da hab ' ich das Zettelchen . « Aber es fand sich nicht vor . Er suchte im Rock , im Beinkleid , das Zettelchen fand sich nicht . » Verflucht ! « rief er , » was machen wir da ? Habe ich noch Zeit , nach Hause zu gehen und es zu holen ? « » Nein « , erwiderte Sender . » In zehn Minuten muß die Liste auf der Post sein . « » Aber ich kann doch nicht mein Glück versäumen « , rief der Edelmann bestürzt . Im nächsten Augenblick jedoch erhellte sich seine Miene . » Halt ! « rief er . » Das Einfachste fällt einem doch immer zuletzt ein . Du schreibst sowohl in die Liste wie in meinen Zettel nur den Einsatz und gibst mir beide ; ich gehe rasch heim , fülle sie aus und bringe die Liste noch rechtzeitig zur Post . Du weißt , der Postmeister ist mein guter Freund - ich bürge dafür . Ist das nicht das Bequemste für uns beide ? « Sender erbleichte . » O du Schurke ! « dachte er . Laut aber sagte er nur : » Bequem wär ' s freilich , aber gefährlich ! « Er langte die hundert Gulden hervor und schob sie dem Edelmann zu . » Gefährlich ? « lachte Wolczynski . » So sei doch vernünftig ! Hier sind zehn Gulden Trinkgeld , und wenn ich gewinne , bekommst du zwanzig Prozent von meinem Gewinn . « Auch dies Geld schob Sender zurück . » Zwanzig Prozent von Ihrem Gewinn ? « fragte er . » Das ist zu viel für mich , das sind zwei Jahre Zuchthaus ! « » Wie ? « » Ganz einfach . Sie finden Ihr Zettelchen erst morgen , nachdem das Telegramm eingetroffen ist . Die Liste geht morgen mittag ab . Wird in Lemberg die verspätete Absendung bemerkt , so beträgt Ihr Gewinn zehn Jahre Zuchthaus . « » Kerl ! « brauste der Bestechungsagent auf , » wie kannst du - « Da stockte er . Die Tür wurde hastig aufgerissen ; es war Jossele Alpenroth . » Ist ' s - noch - Zeit ? « keuchte er mühsam hervor und hielt Sender zwei Gulden entgegen . Wolczynski hatte sein Geld zu sich gesteckt . » Adieu , Senderko ! « sagte er , wieder ganz freundlich . » Wir sprechen uns noch ! Natürlich ein Mißverständnis ! « » Natürlich ! « rief ihm Sender nach und griff dann eilig zur Feder . » Rasch , Meister . Also zwei Gulden . Terno . Welche Nummern ? « » 5 , 63 , 88. Sie haben mir heut ' nacht geträumt . Den ganzen Tag hab ' ich mit meinem Weib beraten , ob ich setzen soll oder nicht . Endlich hat sie ' s erlaubt . « Sender hörte ihn nicht an . In großer Hast schrieb er die Nummern in Zettel und Liste ein , unterschrieb sie , schloß das Kuvert und rannte zur Post , wo er die Sendung mit Mühe noch anbrachte . Er fühlte sich sehr müde , die durchwachte Nacht lag ihm in den Gliedern , so ging er denn heute sofort heim und lag kurz darauf in tiefem Schlaf in seiner Kammer . Unsanft genug sollte er daraus geweckt werden . Es pochte an seiner Tür . » Steh ' auf ! « hörte er die Mutter ängstlich rufen . » Reb Dovidl ist da ; es soll etwas im Geschäft nicht stimmen . « » Wolczynski ! « dachte er entsetzt und machte Licht . Es war kaum zehn Uhr . Hastig fuhr er in die Kleider . Aber was konnte ihm der Edelmann anhaben ? Und nun hörte er auch unten eine wohlbekannte Stimme rufen : » Wenn er mir das Geld nicht zurückgibt , dann sollt ihr mich kennen lernen ! « Das war Jossele Alpenroth . » Was mag der wollen ? « fragte sich Sender erstaunt . Aber als er die Wohnstube betrat , erfuhr er es nur allzu bald . Reb Dovidl stürzte ihm entgegen und hielt ihm einen Lotteriezettel unter die Nase . » Lies ! « schrie er . Sender las : » 50 , 63 , 88. Terno . Zwei Gulden für die morgige Ziehung . - Was soll ' s damit ? Der Zettel ist in Ordnung ! « » In Ordnung ? « krähte Dovidl und drehte sich dreimal um seine Achse . » In Ordnung ? « rief Jossele und faßte Sender an der Brust . » 5 habe ich gesagt , nicht 50 , so wahr mit Gott helfe ! « » Das ist möglich « , murmelte Sender bestürzt . Die Nummer war ihm im Lauf desselben Tages zum zweiten Mal verhängnisvoll geworden . » Möglich ? « schrie Dovidl . » Gewiß ! Heut ' bist du ja verrückt mit den fünfzig ! O , könnt ' ich sie dir aufmessen lassen ! Also willst du die zwei Gulden in Güte ersetzen oder nicht ? Wenn nicht , so brauchst du nicht mehr in den Laden zu kommen , und ich reiche für Reb Jossele die Klage gegen dich ein . « » Ich ersetze sie « , sagte Sender und schüttelte das Männchen von sich ab . » Ihr braucht nicht zu drohen . Es ist meine Pflicht . Ich hole das Geld . « » Vom sauer erworbenen Lohn « , schluchzte die Mutter hinter ihm her . » Was sind für uns zwei Gulden ! O , er wird nie vernünftig werden . « Sender reichte seinem einstigen Lehrherrn das Geld hin und nahm den Zettel an sich . » So , der gehört nun mir ! « » Ja ! « sagte der Uhrmacher » Der Zettel gehört dir ! Aber wenn morgen 5 , 63 , 88 herauskommt , so verklag ' ich dich auf die dreihundert Gulden Gewinn . Reb Luiser sagt , er will den Prozeß umsonst für mich führen , weil er gar nicht zu verlieren ist . « » Was ? « rief Morgenstern . » Was ? « wiederholte er im Tone höchster Entrüstung . » Mich reißt Ihr aus dem Bett heraus , und ich muß bei Nacht und Nebel mit Euch herlaufen und diesem armen Teufel da die zwei Gulden herauspressen , obwohl Ihr doch gar nicht beweisen könnt , daß Ihr nicht 50 , sondern 5 gesagt habt - und Eure Prozesse laßt Ihr den Luiser führen ? Hahaha ! Da seid Ihr beim Rechten ! Klagt nur - wir haben keine Furcht . Denn ich vertrete meinen Sender , versteht Ihr , den vertrete ich ! « » Aber Reb Dovidl « , suchte ihn der Uhrmacher zu begütigen . » Wenn mir Reb Luiser sagt - « » Hinaus ! « rief der Winkelschreiber . » Erlaubet mir , Frau Rosel , und du , lieber Sender , erlaubet mir , daß ich diesen Menschen aus eurem Hause hinauswerfe . Wißt ihr , was er mir gesagt hat , als wir hergegangen sind ? Ich werd ' über den Irrtum sehr froh sein , sagt er , wenn ich dadurch mein Geld zurückbekom ' . Es war eine Übereilung von mir , sagt er , so viel zu setzen , und mein Weib schimpft gehörig . Und jetzt , wo er sein Geld hat , will er durch Luiser Prozesse führen lassen ! Geht und schämt Euch ! « Der Uhrmacher tat , wie ihm geheißen : gesenkten Hauptes schlich er hinaus , und hinter ihm schritt der zürnende Dovidl , stolz und finster wie ein Engel der Rache ... Als Mutter und Sohn am nächsten Morgen bei der Frühstückssuppe zusammensaßen , begann Frau Rosel : » Was doch dir alles begegnet , du Pojaz ! Jetzt spielst du gar in der Lotterie mit , ohne gesetzt zu haben ! « » Und am End ' gewinn ' ich noch die dreihundert Gulden ! Was würdest du dann sagen , Mutter ? « » Traurig wär ' ich gerade nicht « , erwiderte sie . » Aber mach ' dir nur keine Hoffnungen . Das wär ' ja ein Wunder . « » Ein Wunder nicht « , erwiderte er , » sondern nur derselbe Zufall , den ich jetzt so oft mit ansehe . Fünfhundert Menschen und mehr setzen jede Woche und drei oder fünf davon gewinnen . Und die kommen auch zu ihren Nummern auf keine vernünftigere Weise , als ich zu den meinen . Warum sollt ' der Zufall nicht mich treffen ? Aber sei ruhig , Mutter , ein Haus kauf ' ich mir auf die Hoffnung nicht . « In der Tat dachte er kaum mehr daran und arbeitete des Vormittags fleißig an einer neuen Eingabe , bis der Telegraphenbote eintrat . Gleichzeitig kam Morgenstern hereingestürzt . » Nun ? « fragte er , als Sender das Telegramm überflog . » Hast du gewonnen ? « » Ja « , murmelte Sender mit schwacher Stimme und sank halb ohnmächtig auf seinen Sitz zurück , » ja - ich hab ' gewonnen ! « » Mach ' keine Witze ! « rief Dovidl und riß ihm das Blatt aus der Hand . Aber da stand : » 8. 36. 50. 63. 88. « Die Kunde von dem Glück des Pojaz verbreitete sich pfeilschnell durch das Städtchen und erweckte geringeren Neid und Ärger als sonstige Fälle dieser Art , nicht allein , weil Sender beliebt und ein so armer Mensch war , sondern weil die Leute gleichzeitig Grund zu einer anderen , für sie angenehmen Empfindung hatten : zur Schadenfreude über Jossele Alpenroth . Der kleine Uhrmacher schäumte vor Wut und lief zu Luiser , damit dieser die Klage sofort einreiche . Der war auch ohne Zögern dazu bereit , aber nur , wenn Jossele die Kosten trage . » Denn 50 ist ja herausgekommen « , sagte er , » da ist der Erfolg unsicher . « Aber als Jossele erklärte , sein gutes Geld wende er nicht daran , war auch der Gemeindeschreiber ehrlich genug , zu sagen : » Ihr hättet auch nichts ausgerichtet . « Zur selben Zeit saßen im Mauthause Mutter und Sohn beisammen , Hand in Hand , aber schweigend . Sender empfand die Freude fast ähnlich wie zwei Tage zuvor den Schmerz ; seine Kehle war wie zugeschnürt , er konnte kaum atmen , nicht klar denken . » Das hat Gott getan « , sagte die Mutter . » O , es ist so , wie geschrieben steht : Er hört , was nächtens unser Herz erfleht ! Wie oft habe ich zu Ihm emporgerufen : Sender ist kränklich , sein Sinn nicht aufs Erwerben gerichtet - versorge Du ihn , wenn ich nicht mehr bin . Nun bist du versorgt . Aber wir wollen Ihn auch nicht vergessen . Er hat uns befohlen : Den Zehnten den Armen . Dreißig Gulden sind ja sehr viel Geld ; ich hab ' sie seit fünfundzwanzig Jahren nie auf einem Fleck beisammen gesehen , aber wir wollen sie doch opfern , nicht wahr ? « » Gewiß , Mutter « , stimmte er bei . Ob sie recht hatte , ob Gott wirklich auch die Gewinne im Lotto bestimmte - er wußte es nicht . Wie oft hatte er schon in diesen Wochen wohlhabende Leute gewinnen sehen , während Arme , die ihr Letztes geopfert , leer ausgegangen . Aber als ein Zeichen , daß der Himmel mit ihm und seinen Plänen sei , nahm er es doch auf . Wie sehr war ihm dadurch die Erreichung seines Zieles erleichtert ! Er brauchte nun nicht länger in Barnow zu bleiben , als ihm beliebte , im Herbst , wo die Theater in den großen Städten wieder eröffnet wurden , wollte er fortgehen , nicht mehr nach Czernowitz , sondern nach Lemberg , wo es eine noch größere Bühne gab . Nun brauchte er ja keinen Gönner mehr , der ihm sofort den Unterhalt schaffte , er konnte leben und sogar seine Lehrer bezahlen , bis er