erkannte , daß es eigentlich gar kein Spaß sei , einem Mädchen seine Neigung so bestimmt kundzugeben . Desto besser stand ich mich mit dem Schulmeister , mit welchem ich vielfach disputierte . Sein Bildungskreis umfaßte hauptsächlich das christlich moralische Gebiet in einem halb aufgeklärten und halb mystisch andächtigen Sinne , wo der Grundsatz der Duldung und Liebe , gegründet auf Selbsterkenntnis und auf das Studium des Wesens Gottes und der Welt , zuoberst stand . Daher war er bewandert in den Denkwürdigkeiten und Aufzeichnungen geistreich andächtiger Leute aus verschiedenen Nationen , und er besaß und kannte seltene und berühmte Bücher dieser Art , die ihm die Überlieferung gleicher Bedürfnisse in die Hände gegeben hatte . Es war viel Schönes und Erbauliches zu lesen in diesen Büchern , und ich hörte mit Bescheidenheit und Wohlgefallen seinen Vorträgen zu , da ja das Grübeln nach dem Wahren und Guten mich unerläßlich dünkte . Meine Einsprachen bestanden darin , daß ich gegen das spezifisch Christliche protestierte , welches das alleinige Merkzeichen alles Guten sein sollte . Ich befand mich in dieser Hinsicht in einem peinlichen Zerwürfnisse . Während ich die Person Christi liebte , wenn sie auch , wie ich glaubte , in der Vollendung , wie sie dasteht , eine Sage sein sollte , war ich doch gegen alles , was sich Christlich nannte , feindlich gesinnt geworden , ohne recht zu wissen warum , und ich war sogar froh , diese Abneigung zu empfinden ; denn wo sich Christentum geltend machte , war für mich reizlose und graue Nüchternheit . Ich ging deswegen schon seit ein paar Jahren fast nie in die Kirche , und die religiöse Unterweisung besuchte ich sehr selten , obgleich ich dazu verpflichtet war ; im Sommer kam ich durch , weil ich größtenteils auf dem Lande lebte ; im Winter ging ich zwei- oder dreimal , und man schien dies nicht zu bemerken , wie man mir überhaupt keine Schwierigkeiten machte , aus dem einfachen Grunde , weil ich der grüne Heinrich hieß , d.h. weil ich eine abgesonderte und abgeschiedene Erscheinung war ; auch machte ich ein so finsteres Gesicht dazu , daß die Geistlichen mich gern gehen ließen . So genoß ich einer vollständigen Freiheit und , wie ich glaube , nur dadurch , daß ich mir dieselbe , trotz meiner Jugend , entschlossen angemaßt ; denn ich verstand durchaus keinen Spaß hierin . Jedoch ein- oder zweimal im Jahre mußte ich genugsam bezahlen , wenn nämlich an mich die Reihe kam , in der Kirche aufzutreten , d.h. in der öffentlichen Kirchenlehre nach vorhergegangener Einübung einige auswendig gelernte Fragen zu beantworten . Dies war vor Jahren schon eine Pein für mich gewesen , nun aber geradezu unerträglich ; und doch unterzog ich mich dem Gebrauche oder mußte es vielmehr , da , abgesehen von dem Kummer , den ich meiner Mutter gemacht hätte , das endliche gesetzliche Loskommen daran geknüpft war . Auf die nächste Weihnacht sollte ich nun konfirmiert werden , was mir ungeachtet der gänzlichen Freiheit , welche mir nachher winkte , große Sorgen verursachte . Daher äußerte ich mein Antichristentum jetzt gegen den Schulmeister mehr , als ich sonst getan haben würde , obgleich es in ganz anderer Weise geschah , als wenn ich mit dem Philosophen zusammen war ; ich mußte nicht nur den Vater Annas , sondern überhaupt den bejahrten Mann ehren ; und besonders seine duldsame und liebevolle Weise schrieb mir von selber vor , mich in meinen Ausdrücken mit Maß und Bescheidenheit zu benehmen und sogar zuzugestehen , daß ich als ein junger Bursche noch was zu lernen möglich fände . Auch war der Schulmeister eher froh über meine abweichenden Meinungen , indem sie ihm Veranlassung zu geistiger Bewegung gaben und er um so mehr Ursache bekam , mich liebzugewinnen , der Mühe wegen , die ich ihm machte . Er sagte , es sei ganz in der Ordnung , ich sei wieder einmal ein Mensch , bei welchem das Christentum das Ergebnis des Lebens und nicht der Kirche sein würde , und werde noch ein rechter Christ werden , wenn ich erst etwas erfahren habe . Der Schulmeister stand sich nicht gut mit der Kirche und behauptete , ihre gegenwärtigen Diener wären unwissende und rohe Menschen . Ich habe ihn aber ein wenig im Verdacht , daß dies nur darin seinen Grund hatte , daß sie Hebräisch und Griechisch verstanden , was ihm verschlossen blieb . Indessen war die Ernte längst vorüber , und ich mußte an die Rückkehr denken . Mein Oheim wollte mich diesmal nach der Stadt bringen und zugleich seine Töchter mitnehmen , von denen die zwei jüngeren noch gar nie dort gewesen . Er ließ eine alte Kutsche bespannen , und so fuhren wir davon , die Töchter in ihrem besten Staate , zum Erstaunen aller Dorfschaften , durch welche wir kamen . Der Oheim fuhr am gleichen Tage mit Margot zurück , Lisette und Caton blieben eine Woche bei uns , wo die Reihe an ihnen war , die Blöden und Schüchternen zu spielen , denn ich zeigte ihnen mit wichtiger Miene alle Herrlichkeiten der Stadt und tat , als ob ich dies alles erfunden hätte . Nicht lange nachdem sie fort waren , kam eines Morgens ein leichtes Fuhrwerk vor unser Haus gerollt , und heraus stiegen der Schulmeister und sein Töchterchen , letzteres durch einen fliegenden grünen Schleier gegen die kühle Herbstluft geschützt . Eine lieblichere Überraschung hätte mir gar nicht widerfahren können , und meine Mutter hatte die größte Freude an dem guten Kinde . Der Schulmeister wollte sich umsehen , ob für den Winter eine geeignete Wohnung zu finden wäre , indem er doch allmählich sein Kind mit der Welt mehr in Berührung bringen mußte , um ihre Anlagen nach allen Seiten sich entwickeln zu lassen . Es sagte ihm jedoch keine Gelegenheit zu , und er behielt sich vor , lieber im nächsten Jahre ein kleines Haus in der Nähe der Stadt zu kaufen und ganz überzusiedeln . Diese Aussicht erfüllte mich zwar mit plötzlicher Freude ; aber ich hätte mir Anna doch lieber für immer als das Kleinod jener grünen entlegenen Täler gedacht , die mir einmal so lieb geworden . Indessen hatte ich das heimliche Vergnügen , zu sehen , wie meine Mutter Freundschaft schloß mit Anna und wie diese ebenso tiefen Respekt als herzliche Zuneigung zu jener bezeigte und zu meiner allergrößten Genugtuung gern zu zeigen schien . Wir wetteiferten nun förmlich , ich , dem Schulmeister meine Achtung darzutun , und sie meiner Mutter , und über diesem angenehmen Streite fanden wir keine Zeit , miteinander selbst zu verkehren , oder wir verkehrten vielmehr nur dadurch miteinander . So schieden sie von uns , ohne daß ich mit ihr einen einzigen besondern Blick gewechselt hätte . Nun rückte der Winter heran und mit ihm das Weihnachtsfest . Wöchentlich dreimal früh um fünf Uhr mußte ich in das Haus des Pfarrhelfers gehen , wo in einer langen schmalen riemenförmigen Stube an vierzig junge Leute zur Konfirmation vorbereitet wurden . Wir waren Jünglinge , wie man uns nun nannte , aus allen Ständen ; am oberen Ende , wo einige trübe Kerzen brannten , die Vornehmen und Studierenden , dann kam der mittlere Bürgerstand , unbefangen und mutwillig , und zuletzt , ganz in der Dunkelheit , arme Schuhmacherlehrlinge , Dienstboten und Fabrikarbeiter , etwas roh und schüchtern , unter denen wohl dann und wann eine plumpe Störung vorfiel , während weiter oben man sich mit Anstand einer ruhigen Unaufmerksamkeit hingab . Diese Ausscheidung war gerade nicht absichtlich angeordnet , sondern sie hatte sich von selbst gemacht . Wir waren nämlich nach unserm Verhalten und nach unserer Ausdauer geordnet ; da nun die Vornehmsten von Haus aus zum äußern Frieden mit der Kirche streng erzogen wurden und die meiste Sicherheit im Sprechen besaßen und dies Verhältnis durch alle Grade herunterging , so war dem Scheine nach die Rangordnung ganz natürlich , besonders da die Ausnahmen sich dann von selbst zu ihresgleichen hielten und durchaus nicht sich unter die anderen Stände mischen wollten . Schon das pünktliche Aufstehen und Hingehen am kalten dunklen Wintermorgen , an regelmäßigen Tagen , und das Hinsitzen an einen bestimmten Platz war mir unerträglich , da ich seit der Schulzeit dergleichen nicht mehr geübt . Nicht daß ich gänzlich unfügsam war für irgendeine Disziplin , wenn ich einen notwendigen und vernünftigen Zweck einsah ; denn als ich zwei Jahre später meiner Militärpflicht genügen und als Rekrut mich an bestimmten Tagen auf die Minute am Sammelplatze einfinden mußte , um mich nach dem Willen eines verwitterten Exerziermeisters sechs Stunden lang auf dem Absatze herumzudrehen , da tat ich dies mit dem größten Eifer und war ängstlich bestrebt , mir das Lob des alten Kommißbruders zu erwerben . Allein hier galt es , sich zur Verteidigung des Vaterlandes und seiner Freiheit fähig zu machen ; das Land war sichtbar , ich stand darauf und nährte mich von seiner Frucht . Dort aber mußte ich mich gewaltsam aus Schlaf und Traum reißen , um in der düsteren Stabe zwischen langen Reihen einer Schar anderer schlaftrunkener Jünglinge das allerfabelhafteste Traumleben zu führen unter dem eintönigen Befehl eines geistlichen Ministers , mit dem ich sonst auf der Welt nichts zu schaffen hatte . Was unter fernen östlichen Palmen vor Jahrtausenden teils sich begeben , teils von heiligen Träumern geträumt und niedergeschrieben worden war , ein Buch der Sage , das wurde hier als das höchste und ernsthafteste Lebenserfordernis , als die erste Bedingung , Bürger zu sein , Wort für Wort durchgesprochen und der Glaube daran auf das genaueste reguliert . Die wunderbarsten Ausgeburten menschlicher Phantasie , bald heiter und reizend , bald finster , brennend und blutig , aber immer durch den Duft einer entlegenen Ferne gleichmäßig umschleiert , mußten als das gegenwärtigste und festeste Fundament unseres ganzen Daseins angesehen werden und wurden uns nun zum letzten Male und ohne allen Spaß bestimmt erklärt und erläutert , zu dem Zwecke , im Sinne jener Phantasien ein wenig Wein und ein wenig Brot am richtigsten genießen zu können ; und wenn dies nicht geschah , wenn wir uns dieser fremden wunderbaren Disziplin nicht mit oder ohne Überzeugung unterwarfen , so waren wir ungültig im Staate , und es durfte keiner nur eine Frau nehmen . Von Jahrhundert zu Jahrhundert war dies so geübt , und die verschiedene Auslegung der symbolischen Vorstellung hatte schon ein Meer von Blut gekostet ; der jetzige Umfang und Bestand unseres Staates war größtenteils eine Folge jener Kämpfe , so daß für uns die Welt des Traumes auf das engste mit der gegenwärtigen und greifbarsten Wirklichkeit verbunden war . Wenn ich den widerspruchlosen Ernst sah , mit welchem ohne Mienenverzug das Fabelhafte behandelt wurde , so schien es mir , als ob von alten Leuten ein Kinderspiel mit Blumen getrieben würde , bei welchem jeder Fehler und jedes Lächeln Todesstrafe nach sich zieht . Das erste , was uns der Lehrer als christliches Erfordernis bezeichnete und worauf er eine weitläufige Wissenschaft gründete , war das Erkennen und Bekennen der Sündhaftigkeit . Nun war die Aufrichtigkeit gegen sich selbst , die Kenntnis der eigenen Fehler und Untugenden mir keineswegs fremd , das Andenken an die kindlichen Übeltaten und moralischen Schulabenteuer noch so frisch , daß ich auf dem Grunde meines Bewußtseins sogar deutlich ein angehendes Sünderlein herumgehen sah , welches mir demütige Reue verursachte . Dennoch wollte mir das Wort nicht gefallen ; es hatte einen zu handwerksmäßigen Anstrich , einen widerlich technischen Geruch wie von einer Leimsiederei oder von dem säuerlich verdorbenen Schlichtebrei eines Leinewebers . Daß die göttliche Manipulation mit dem Sündenfall in dem muffigen Wesen fortmüffelte , kam mir damals nicht recht zum Verständnis , weil uns die letzten Feinheiten der theologischen Gemütlichkeit noch nicht zugänglich waren . So ließ ich die Sache ohne Hochmut und in dem Gefühle auf sich beruhen , daß es jedenfalls sich um einen schwierigen Punkt handle und es bedenklich wäre , gelegentlich etwa aus dem Kreise der Rechtschaffenen und Braven wegzufallen . Auch dämmerte mir wohl die Ahnung auf , daß selbst der Gerechte manchen Unordentlichkeiten ausgesetzt sei und jede derselben ihr eigenes Maß der Verantwortung in sich habe . Nach der Lehre von der Sünde kam gleich die Lehre vom Glauben , als der Erlösung von jener , und auf sie wurde eigentlich das Hauptgewicht des ganzen Unterrichtes gelegt ; trotz aller Beifügungen , wie daß auch gute Werke vonnöten seien , blieb der Schlußgesang doch immer und allein der Glaube macht selig ! und dies uns einleuchtend zu machen als herangewachsenen jungen Leuten , wandte der geistliche Mann die möglichst annehmliche und vernünftig scheinende Beredsamkeit auf . Wenn ich auf den höchsten Berg laufe und den Himmel abzähle , Stern für Stern , als ob sie ein Wochenlohn wären , so kann ich darunter kein Verdienst des Glaubens entdecken , und wenn ich mich auf den Kopf stelle und den Maiblümchen unter den Kelch hinaufgucke , so kann ich nichts Verdienstliches am Glauben ausfindig machen . Wer an eine Sache glaubt , kann ein guter Mann sein , wer nicht , ein ebenso guter . Wenn ich zweifle , ob zwei mal zwei vier seien , so sind es darum nicht minder vier , und wenn ich glaube , daß zwei mal zwei vier seien , so habe ich mir darauf gar nichts einzubilden , und kein Mensch wird mich darum loben . Wenn Gott eine Welt geschaffen und mit denkenden Wesen bevölkert hätte , alsdann sich in einen undurchdringlichen Schleier gehüllt , das geschaffene Geschlecht aber in Elend und Sünde verkommen lassen , hierauf einzelnen Menschen auf außerordentliche und wunderbare Weise sich offenbart , auch einen Erlöser gesendet unter Umständen , welche nachher mit dem Verstande nicht mehr begriffen werden konnten , von dem Glauben daran aber die Rettung und Glückseligkeit aller Kreatur abhängig gemacht hätte , alles dieses nur , um das Vergnügen zu genießen , daß an Ihn geglaubt würde , Er , der seiner doch ziemlich sicher sein dürfte so würde diese ganze Prozedur eine gemachte Komödie sein , welche für mich dem Dasein Gottes , der Welt und meiner selbst alles Tröstliche und Erfreuliche benähme . Glaube ! O wie unsäglich blöde klingt mich dies Wort an ! Es ist die allerverzwickteste Erfindung , welche der Menschengeist machen konnte in einer zugespitzten Lammslaune ! Wenn ich des Daseins Gottes und seiner Vorsehung bedürftig und gewiß bin , wie entfernt ist dies Gefühl von dem , was man Glauben nennt ! Wie sicher weiß ich , daß die Vorsehung über mir geht gleich einem Stern am Himmel , der seinen Gang tut , ob ich nach ihm sehe oder nicht nach ihm sehe . Gott weiß , denn er ist allwissend , jeden Gedanken , der in meinem Inneren aufsteigt , er kennt den vorigen , aus welchem er hervorging , und sieht den folgenden , in welchen er übergeht ; er hat allen meinen Gedanken ihre Bahn gegeben , die ebenso unausweichlich ist wie die Bahn der Sterne und der Weg des Blutes ; ich kann also wohl sagen ich will dies tun oder jenes lassen , ich will gut sein oder mich darüber hinwegsetzen , und ich kann durch Treue und Übung es vollführen ; ich kann aber nie sagen ich will glauben oder nicht glauben ; ich will mich einer Wahrheit verschließen , oder ich will mich ihr öffnen ! Ich kann nicht einmal bitten um Glauben , weil , was ich nicht einsehe , mir niemals wünschbar sein kann , weil ein klares Unglück , das ich begreife , noch immer eine lebendige Luft zum Atmen für mich ist , während eine Seligkeit , die ich nicht begriffe , Stickluft für meine Seele wäre . Dennoch liegt in dem Worte Der Glaube macht selig ! etwas Tiefes und Wahres , insofern es das Gefühl unschuldiger und naiver Zufriedenheit bezeichnet , welches alle Menschen umfängt , wenn sie gern und leicht an das Gute , Schöne und Merkwürdige glauben , gegenüber denjenigen , welche aus Dünkel und Verbissenheit oder aus Selbstsucht alles in Frage stellen und bemäkeln , was ihnen als gut , schön oder merkwürdig erzählt wird . Wo das religiöse Glauben bei mangelnder Überlegungskraft seinen Grund in jener liebenswürdigen und gutmütigen Leichtgläubigkeit hat , da sagt man mit Recht , es mache selig , und denjenigen Unglauben , welcher aus der anderen Quelle herrührt , kann man billig unselig nennen . Allein mit der eigentlichen dogmatischen Lehre vom Glauben haben beide rein nichts zu tun ; denn während es christlich Gläubige gibt , welche in allen anderen Dingen die unangenehmsten Bezweifler und Bemäkler sind , gibt es ebenso viele Ungläubige , sogar Atheisten , welche sonst an alles Hoffnungsvolle und Erfreuliche mit allbereiter Leichtigkeit glauben , und es ist ein beliebtes Argument der kirchlichen Polemiker , daß sie solchen höhnisch vorhalten , wie sie jeden auffallenden Quark als bare Münze annehmen und sich von Illusionen nähren , während sie nur das Große und Eine nicht glauben wollen . So haben wir das komische Schauspiel , wie Menschen sich der abstraktesten Ideologie hingeben , um nachher jeden , der an etwas erreichbar Gutes und Schönes glaubt , einen Ideologen zu nennen . Will man die Bedeutung des Glaubens kennen , so muß man nicht sowohl die orthodoxen Kirchenleute betrachten , bei denen alles über einen Kamm geschoren ist und das Eigentümliche daher zurücktritt , als vielmehr die undisziplinierten Wildlinge des Glaubens , welche außerhalb der Kirchenmauern frei umherschwirren , sei es in entstehenden Sekten , sei es in einzelnen Personen . Hier treten die rechten Beweggründe und das Ursprüngliche in Schicksal und Charakter hervor und werfen Licht in das verwachsene und fest gewordene Gebilde der großen geschichtlichen Masse . Es lebte in unserer Stadt ein fremder Mann namens Wurmlinger , welcher sich ein Vergnügen daraus machte , den Leuten , welche sich mit ihm abgaben , allerlei Erfindungen und Aufschneidereien vorzutragen , um sie nachher ihrer Leichtgläubigkeit wegen zu verhöhnen , indem er erklärte , die Geschichte sei gar nicht wahr . Jemand anders aber mochte erzählen , was er wollte , so stellte der Mann es in Abrede , und er hatte eine ganz eigene tückische Manier , die Treuherzigkeit , mit welcher ihm etwas gesagt wurde , ins Lächerliche zu ziehen , auf die gleiche Weise , wie er die Treuherzigkeit derer , welche ihm glaubten , spöttisch zu machen wußte . Er aß keine Krume Brotes , die er sich nicht durch eine Lüge verschafft ; denn er wäre lieber Hungers gestorben , eh er in ein auf gradem Wege erworbenes Stück Brot gebissen hätte . Aß er aber sein Brot , so sagte er , es sei gut , wenn es schlecht war , und schlecht , wenn es gut war . Überhaupt ging sein ganzes Streben dahin , sich immer für etwas anderes zu geben , als er war , was ihm ein fortgesetztes Studium verursachte , so daß er , der eigentlich nichts tat und nie etwas genützt hatte , doch zu jeder Minute in der verwickeltsten Tätigkeit begriffen war . Hiezu bedurfte er eines fortgesetzten Schleichens und Lauerns , teils um die günstigen Momente zu erhaschen , seine Narrheiten vorzubringen , teils um andere auf schwachen Seiten zu ertappen , da eine Hauptleidenschaft von ihm darin bestand , die ganze Welt der Unwahrheit und Lüge zu überführen ; und es war nichts Lustigeres zu sehen , als wenn er , soeben hinter einer Tür , wo er gelauert hatte , auf den Zehen hervorhüpfend , plötzlich strack und steif dastand , mit rollenden Augen um sich stierte und mit bombastischen Worten seine Gradheit , Ehrlichkeit und arglose Derbheit anrühmte . Da er bei alledem wohl fühlte , daß jedermann besser daran war als er , so erfüllte ein unnennbar neidisches Wesen seine Seele , welches ihn verzehrte wie ein glühendes Feuer und sich dadurch zu erkennen gab , daß sein drittes Wort immer das Wort » Neid « war . Er versicherte , sich in einer ewig glückseligen moralischen Überlegenheit zu befinden , und sah daher in jedem Blatte , das nicht nach seiner Weise säuselte , einen neidischen Widersacher , und die ganze Welt war nur ein vor Neid zitternder Wald für ihn . Widersprach ihm jemand , so schrieb er jeden Widerspruch dem Neide zu ; schwieg man während seiner Vorträge , so wurde er wütend und konnte kaum das Weggehen des Schweigenden abwarten , um denselben des Neides zu beschuldigen , so daß seine ganze Rede durch das unaufhörlich wiederkehrende Wort Neid recht eigentlich zum tönenden Gesange des Neides selbst wurde . So war er in allem der persönliche Feind der Wahrheit und atmete nur in Abwesenheit derselben , wie die Mäuse auf dem Tische tanzen , wenn die Katze nicht zu Hause ist , und die Wahrheit rächte sich auf die einfachste Weise an ihm . Sein Grundübel war , daß er schon im Mutterleibe hatte gescheiter sein wollen als seine Mutter , und infolgedessen konnte er nur leben , wenn er nichts zu glauben brauchte , was irgend ein Mensch sagte , alle Menschen aber glaubten , was er sagte Nun konnte er sich freilich stellen , als ob dem so wäre , und er tat es auch , was schon eine energische Zusammenfassung der einzelnen Verlogenheiten und seine Hauptlüge war ; allein der Beweis vom wahren Sachverhalte machte sich doch zu offenbar im Gelächter seiner Nebenmenschen . Daher fand er kurz und gut seinen besten Stützpunkt in derjenigen Lehre , welche den unbedingten Glauben zum Panier erhebt . Schon daß die allgemeine Richtung der Zeit sich vom Glauben abwandte und die Mehrzahl der denkenden Menschen , wenn sie sich auch nicht dagegen aussprachen , doch denselben gut sein ließen und nur auf das Begreifliche und Erkennbare bauten , war ihm Grund genug , sich dieser Richtung schnurstracks entgegenzustellen und dabei zu behaupten , der Hang und Drang der Zeit ginge unverkennbar auf den erneuten Glauben los ; denn er konnte das Lügen nirgends lassen . Diejenigen , welche wirklich glaubten , waren ihm höchst langweilig , und er bekümmerte sich nicht um sie , daher er auch nie in einer Kirche oder religiösen Gemeinschaft gesehen wurde . Dagegen hatte er es um so mehr mit denen zu tun , welche nicht glaubten . Nicht daß er sich um das Seelenheil derselben viel gekümmert hätte , obgleich er die Sache mit ängstlicher Hast verfolgte ; seine Angst war die hatte er einmal gesagt , daß er glaube , so mußten für ihn alle , welche nicht glaubten , Esel sein , und wenn dies auf sein Wort hin nicht angenommen wurde , so glaubte er selbst als etwas derartiges dazustehen . In der Tat könnte man den unseligen Streit die Eselfrage nennen , da gewiß von tausend Fanatikern , welche für ihre religiöse Meinung im Blute wateten , neunhundertneunundneunzig nur aus dem Grunde den Frieden verrieten und Scheiterhaufen anzündeten , weil ihnen aus dem Trotze der Verfolgten das Wort Esel entgegenzutönen schien . Nichts haßte der Mann mehr als die gewissenhafte und redliche Forschung und die Entdeckungen der Wissenschaft ; wenn irgendein Ergebnis derselben bekannt wurde , so zappelte er mit Händen und Füßen dagegen und suchte es lächerlich zu machen , und wenn es sich als richtig erwies und seine bedeutenden Folgen auf allen Gassen zu sehen und zu greifen waren , so tobte er erst recht und nannte es ins Angesicht eine Lüge . Das Einmaleins und eine chemische Schale waren ihm unerträglicher als dem Teufel Vaterunser und Weihkessel ; aber auch die Natur rächte sich lächelnd an ihm . Denn während er die fünf Sinne nicht gelten ließ , war er stets bemüht , dieselben durch einige erfundene Sinne zu vermehren , durch deren possierliche Ausmalung er die christliche Wunderwelt erklären wollte . Wenn er hiedurch vielfach gegen den christlichen Geist verstieß und man ihm dies durch das Neue Testament bewies , so sagte er , er pfeife auf das Neue Testament , er habe seinen eigenen Kopf , im gleichen Augenblicke , wo er es das Buch des Lebens genannt hatte . Trotz alledem glaubte er aufrichtig , denn nach irgendeiner Seite hin muß jeder Mensch sich ergeben , und er glaubte um so aufrichtiger , als einesteils der Gegenstand des Glaubens unerwiesen , unbegreiflich und überirdisch war , andernteils ihn das innere Gefühl seines verunglückten Witzes hilflos und weinerlich machte . Eines Tages ging er mit einer lustigen Gesellschaft über eine Felsenhöhe am Seeufer . Er war ursprünglich gut gewachsen ; doch die andauernde Verdrehtheit seiner Seele hatte seinen Körper ganz windschief gemacht , daß er aussah wie ein verbogener Wetterhahn . Sein schöner Wuchs war aber ein Lieblingsthema seiner Rede , und jeden Augenblick war er bereit , sich auszukleiden und ihn zu zeigen , während er an allen Sterblichen etwas auszusetzen hatte , ungefragt diesem einen Höcker andichtete , jenem krumme Beine . Als er nun etwas verstimmt vor den übrigen Gesellen herging , die ihn schon verschiedentlich aufgezogen hatten , rief plötzlich einer , welcher ihn zum ersten Mal genauer ins Auge faßte : » Sie ! Herr Wurmlinger ! Sie sind eigentlich verteufelt krumm ! « Erstaunt kehrte er sich um und sagte : » Sie träumen wohl , oder soll das ein Witz sein ? « Der andere wandte sich aber zur Gesellschaft und forderte sie auf , ihn ebenfalls näher zu betrachten ; man hieß ihn einige Schritte vorwärts gehen ; er tat es , und jedermann bestätigte nun : ja , er sei schief ! Aufgebracht stellte er sich sogleich neben den Angreifer und wollte ihm beweisen , daß dieser selbst der Mißgewachsene sei . Der war aber schlank wie eine Tanne , und die Gesellschaft fing an zu lachen . Sprachlos und hastig kleidete er sich aus und ging splitternackt vor den übrigen her ; die rechte Schulter war vom unaufhörlichen spöttischen Achselzucken höher als die linke , die Ellbogen von seiner eitlen Gespreiztheit nach auswärts gedreht und die Hüften verschoben ; dazu wurde er durch das Bestreben , grade zu scheinen , nur noch krummer ; er machte in seiner Nacktheit die wunderlichsten Beine , als er so dahinschritt und sich dann und wann ängstlich umsah , ob ihm noch nicht Beifall und Achtung der Gesellschaft nachfolge . Als diese aber in ein maßloses Gelächter ausbrach , geriet er in großen Zorn und begann , um sich Achtung zu erzwingen , ungeheuerliche Sprünge und Kunststücke zu machen , um die Stärke seines Körpers zu zeigen . Das Gelächter wurde immer größer , und die Lachenden mußten sich die Seite halten . Wie nun der nackt Umhertanzende sah , daß die lachenden Menschen sich zur Bequemlichkeit niedersetzten , sprang er plötzlich , in einem Anfall von unsäglicher Wut und irgend etwas Wunderbares erzwingen wollend , mit einem mächtigen Satz über den Rand hinaus , hoch hinunter in den See . Glücklicherweise fiel er in den Bereich eines weitläufigen Fischernetzes , das die in zwei Kähnen arbeitenden Fischer in eben diesem Augenblicke zusammenzogen und den Mann buchstäblich als einen zappelnden Fisch einheimsten und retteten . Schlotternd mußte er in seinem nackten Zustande dann eine Strecke am Ufer hintraben , bis er in ein Haus flüchten und dort seine Kleider erwarten konnte . Gleich darauf verschwand er aus der Gegend . Die dritte Hauptlehre , welche der Geistliche uns als christlich vortrug , handelte von der Liebe . Hierüber weiß ich nicht viel Worte zu machen ; ich habe noch keine Liebe betätigen können , und doch fühle ich , daß solche in mir ist , daß ich aber auf Befehl und theoretisch nicht lieben kann . Schon die unmittelbare Rücksicht auf den lieben Gott ist mir gewissermaßen hinderlich und unbequem , wenn sich die natürliche Liebe in mir geltend machen will . Es ist mir begegnet , daß ich einen armen Mann auf der Straße abwies , weil ich , während ich ihm eben etwas geben wollte , zugleich an das Wohlgefallen Gottes dachte und nicht aus Eigennutz handeln mochte . Dann dauerte mich aber der Arme , ich lief zurück ; allein während des Zurücklaufens dünkte mich gerade dieses Bedauern wieder zu geziert , ich kehrte nochmals um , bis ich endlich auf den vernünftigen Gedanken kam möge dem sein , wie ihm wolle , der arme Mensch müsse jedenfalls zu seiner Sache kommen , das sei die erste Frage ! Manchmal kommt dieser Gedanke aber zu spät , und die Gabe bleibt ungegeben . Daher freue ich mich immer , wenn es geschieht , daß ich unbedacht meine Pflicht erfüllt habe , und es mir erst nachträglich einfällt , daß das etwas Verdienstliches sein dürfte ; ich pflege dann höchst vergnügt ein Schnippchen gegen den Himmel zu schlagen und zu rufen : » Siehst du , alter Papa ! nun bin ich dir doch durchgewischt ! « Das höchste Vergnügen erreiche ich aber , wenn ich mir in solchen Augenblicken denke , wie ich ihm nun sehr komisch vorkommen müsse ; denn da der liebe Gott alles versteht , so muß er auch Spaß verstehen , obgleich man auch wieder mit Recht sagen kann , der liebe Gott verstehe keinen Spaß ! Das Heiterste und Schönste war mir die Lehre vom Geiste , als welcher ewig ist und alles durchdringt . Freilich fürchte ich , daß ich die Lehre ein wenig mißverstand und nicht von dem rechten , geistlichen Geiste ergriffen war . Denn Gott schien mir nicht geistlich , sondern ein weltlicher Geist , weil er die Welt ist und die Welt in ihm ; Gott strahlt von Weltlichkeit . Alles in allem genommen , glaube ich doch , daß ich unter Menschen , welche in einem geistigen Christentum lebten , zu bestehen vermöchte , und wenn ich dies Annas Vater , dem Schulmeister , einräumen mußte , forderte er , das Wunderbare und