Wanderzuge , ein südländischer Trupp in unsere Kolonie , um einen Tag oder eine Woche unter uns zu rasten . Es waren hundert oder mehr . Wir hießen sie willkommen , und Matthäus Stach , der damals an der Spitze unserer Kolonie stand und dem noch Friedrich Böhnisch und mein guter Schorlemmer als Gehilfen beigegeben waren , ließ bei ihnen anfragen , ob sie an einer unserer Missionsstunden teilnehmen wollten . Dies wird dich vielleicht wundern ; aber du mußt wissen , daß sie es über die Maßen lieben , einen Wortstreit zu führen und sich mit Hilfe des Witzes , den sie haben , ihrer Überlegenheit bewußt zu werden . Es kamen denn auch viele . Wir hatten eben unsere Plätze eingenommen , und Matthäus Stach las ihnen ein Kapitel aus dem Evangelium Johannis vor , das er kurz vorher ins Grönländische übersetzt hatte . Sie hörten aufmerksam zu ; die meisten lächelten ; aber einige zeigten doch eine Teilnahme . An diese wandte sich jetzt unser Bruder und fragte sie , ob sie an eine unsterbliche Seele glaubten . « » Aber du wolltest ja von Kajarnak erzählen . « » Ich bin schon mitten in seiner Geschichte . Also Matthäus Stach fragte sie , ob sie an eine unsterbliche Seele glaubten ? Sie antworteten : Ja ! Und nun begann er zu ihnen vom Sündenfall und von der Erlösung zu sprechen . Ich höre noch seine Stimme , denn er war ein Mann von besonderen Gaben . Da tat der Herr einem unter ihnen das Herz auf , und von so vielen Erweckungen ich auch gehört und gelesen habe , keine hat mich je tiefer bewegt . Das macht , weil sich alles so schlicht und einfach gab . Matthäus Stach , der wohl sah , daß sein Wort auf guten Boden fiel , sprach immer eindringlicher , und als er eben Christi Leiden am Ölberg geschildert hatte , da trat ein Grönländer an den Tisch und sagte mit lauter und bewegter Stimme , in der schon das Heil zitterte : Wie war das ? Ich will das noch einmal hören . Diese Worte gingen uns , die wir sie mithörten , durch Mark und Bein , und sie sind in Neu-Herrnhut unvergessen geblieben . Von der Stunde an war der Segen Gottes über unserem Tun . « » Es konnte nicht wohl anders sein . Solche Worte verklingen nicht . Empfind ich doch in diesem Augenblick noch ihre Wirkung . « Tante Schorlemmer küßte Renatens Stirn und fuhr dann fort : » Eine Woche verging , und der Grönländertrupp war immer noch in unserer Kolonie . Dann aber brachen sie auf , um weiter nördlich ihren Jagden nachzugehen , und nur Kajarnak blieb zurück ; mit ihm seine beiden Schwäger samt ihren Frauen und Kindern , alles in allem vierzehn Personen . Wir lobten ihr Bleiben und hatten Betstunde mit ihnen . Die Kinder empfingen Unterricht , was sehr schwer war , da die Grönländer das , was wir Erziehung nennen , gar nicht kennen . Sie lieben nämlich ihre Kinder mit äffischer Zärtlichkeit und lassen sie aufwachsen , ohne Gehorsam zu fordern oder Ungehorsam zu strafen . Als ein halbes Jahr um war , stellte Matthäus Stach die Frage , ob es Zeit sei , die nun Vorbereiteten zu taufen ; aber mein guter Schorlemmer , der den Unterricht geleitet hatte , meinte doch , daß es ihm geboten scheine , noch zu warten . Und so geschah es . Erst am zweiten Ostertage wurden vier Angehörige dieser grönländischen Erstlingsfamilie von der Macht der Finsternis losgerissen ; Kajarnak erhielt den Namen Samuel , seine Frau wurde Anna , sein Sohn Matthäus , seine Tochter Anna genannt . Darüber war große Freude in der Kolonie . Aber die Freude sollte nicht lange währen . Vier Wochen später kam Nachricht , daß der ältere Schwager , der sich auf kurze Zeit von uns entfernt und einem Jagdzuge nach dem Norden angeschlossen hatte , auf eine hinterlistige und grausame Weise ermordet worden sei , weil er den Sohn eines heidnisch gebliebenen Grönländers mit Christensprüchen totgehext habe . Zugleich wurde hinzugesetzt , daß die Angekoks in einer großen Verschwörung seien , um auch dem jüngeren Schwager Kajarnaks dasselbe Los zu bereiten . Da bemächtigte sich unserer kleinen grönländischen Gemeinde , sowohl der Getauften wie derer , die noch in Vorbereitung waren , ein Zittern und Zagen , und sie beschlossen , in den Süden zurückzukehren , wo sie unter ihren Verwandten sicherer zu sein hofften . Ach , wir mußten sie ziehen lassen , so schwer es uns auch wurde , und ich sehe noch Kajarnak , wie er bitterlich weinte und immer wieder uns Festigkeit gelobte und sich dann losriß ; und wie dann die Schlitten in langer Linie an uns vorüberfuhren , über Fiskenäs und Frederikshaab auf den Süden zu . « » Und hielt er Wort ? « » Wir hatten wenig Hoffnung , denn es war ein neuer Abfall über die Gemüter gekommen , und selbst solche , die sich in unserer Nähe hielten , gehorchten wieder den Angekoks . Wir waren betrübten Gemütes , auch ich , die ich nach meiner schwachen Kraft all die Zeit über meinem guten Schorlemmer getreulich zur Seite gestanden hatte . Ein Jahr verging , ohne daß Kunde von Kajarnak gekommen wäre , am wenigsten er selbst . Da feierten wir , es war am Johannistag , die Hochzeit von Anna Stach und Friedrich Böhnisch , und als wir bei unserem Mahl waren und erbauliche Lieder sangen , die , was dich vielleicht verwundern wird , von drei Violinen und einer Flöte begleitet wurden , da trat Kajarnak in den Brüdersaal und begrüßte uns . Die Freude war so groß , daß , wie von selber , aus dem Hochzeitsfest ein Fest des Wiedersehens wurde . Wir hatten ja unsern verlornen Sohn wieder oder doch den , den wir schon als einen solchen betrachtet hatten . Und nun mußte Kajarnak erzählen , alles Große und Kleine , und wie die Seinen ihn aufgenommen hätten . Er verschwieg uns nichts . Sie hätten ihn anfangs oft und mit sichtlichem Vergnügen angehört ; als sie dann aber seines Wortes überdrüssig geworden wären , habe er sich in die Stille begeben und seine Erbauung allein gehabt . Zuletzt habe es ihn sehr verlangt , wieder bei uns , seinen Brüdern , zu sein , immer mehr und mehr , bis ihm die Sehnsucht nicht Ruhe und Rast gelassen habe ; und da sei er nun . Mein guter Schorlemmer , der ihn so recht eigentlich in das Heil eingeführt hatte , weinte vor Freuden , und Friedrich Böhnisch sagte , das sei ihm eine unvergeßliche Stunde und sein Ehrentag habe nun eine doppelte Weihe . « » Das durft er sagen . Es war ein Hochzeitstag , wie ihn sich jeder wünschen mag ! Mir würde dieses Wiedersehen ein Zeichen froher Vorbedeutung gewesen sein . « » Und das war es auch . Das junge Paar wurde glücklich . Auch Kajarnak . Aber seine Tage waren gezählt . Ich glaube fast , daß er sich in seiner Treue nicht genugtun konnte und daß er sich ( er war nur von schwachem Körper ) in seinem Eifer übernahm . So wurd er denn von einem heftigen Lungen und Seitenstechen befallen , das seinem Leben rasch ein Ende machte . In den größten Schmerzen bewies er ein gesetztes Wesen , und wenn die Seinigen anfingen , um ihn zu weinen , sagte er : Betrübet euch nicht . Ihr wisset , daß ich von euch der erste gewesen bin , der sich zu dem Sohne Gottes bekehrt hat , und nun ist es sein Wille , daß ich der erste sein soll , der zu ihm kommt . Wenn ihr ihm treu seid , so werden wir uns wiedersehen und uns über die Gnade , die er an uns getan hat , ewiglich freuen . Danach schlief er ein , während unsere Gebete seine scheidende Seele dem Erbarmer empfahlen . Seine Frau bestand darauf , daß er nicht nach Landessitte , sondern nach christlicher Weise begraben würde . Und so geschah es . Nicht nur die Brüder und ihre Angehörigen , auch die Kaufleute von der Kolonie fanden sich zu seinem Begräbnis ein , mit dem unser neuer Gottesacker eingeweiht wurde . Die Grönländer wunderten sich über alles , was sie sahen ; unseren Brüdern aber ging dieser Tod sehr nahe . Denn sie verloren viel in ihm : einen erweckten , begabten und gesegneten Zeugen des Evangeliums . Und da hast du nun meine Geschichte von Kajarnak , dem ersten Getauften . « Renate ergriff die Hand ihrer alten Freundin und sagte : » Ach wie ich dir danke , liebe Schorlemmer . Es ist nun alle Furcht wie verflogen , und ich fühle mich , als hätt ich nie von Spuk und Gespenstern gehört . Und nun will ich schlafen . Aber sage mir noch erst den Spruch von den vierzehn Engeln . Wir wollen ihn zusammen sprechen : Abends bei Zubettegehn Vierzehn Engel bei mir stehn ; Zwei zu Häupten , Zwei zu Füßen , Zwei zu meiner rechten Seit , Zwei zu meiner linken Seit , Zwei , die mich decken , Zwei , die mich strecken , Zwei , die führen mich sogleich In das liebe Himmelreich . « Sie schwiegen eine Weile . Dann sagte Renate : » Und nun geh . Ich habe ja nun Schutz . Laß nur die Seitentür auf , daß mich Maline hört . « » Gute Nacht , Renatchen ! « » Gute Nacht , liebe Schorlemmer ! « Siebzehntes Kapitel Ein Rabennest Der nächste Tag war Silvester . In aller Frühe schon brach Hoppenmarieken auf , um womöglich bis Mittag wieder zurück zu sein und alles putzen und scheuern , auch ihre Vorbereitungen zu einem Silvesterpunsch treffen zu können . Sie machte heute die kurze Tour und schritt auf Küstrin zu . Es war erst sieben Uhr , als sie an dem Herrenhause vorbeikam und über den Hof hin sich mit Jeetze begrüßte , der eben die nach beiden Seiten hin einklappenden Laden des großen Eckfensters öffnete . Aus der Unbefangenheit ihres Grußes ließ sich erkennen , daß ihr die Gefangennehmung der beiden Strolche , von der sie aller Wahrscheinlichkeit nach nur zu sehr mitbetroffen wurde , nicht bekannt geworden war . Erst nach Mitternacht von einer Wanderung quer durch das Bruch in ihre Wohnung zurückgekommen , hatte sie , selbst bei den Forstackersleuten , die doch sonst wohl die Nacht zum Tage zu machen liebten , niemand mehr wach getroffen und war , als sie aufstand , wahrscheinlich die einzige Person in ganz Hohen-Vietz , die von dem Ereignis des vorigen Tages nichts wußte . Erst zwei Stunden später versammelten sich Wirt und Gäste des Herrenhauses am Frühstückstisch . Auch Berndt , wenn ihn nicht Geschäfte riefen , war kein Frühauf , und die nicht vor vier Uhr nachmittags angesetzte Fahrt nach Guse konnte keinen Grund bieten , die bequeme , längst zu einer Art Hausordnung gewordene Gewohnheit zu unterbrechen . Tante Schorlemmer , bei Renate festgehalten , erschien noch etwas später und beantwortete die Fragen , die über das Befinden der Kranken an sie gerichtet wurden . Das Gespräch , nachdem auch noch Doktor Leists beruhigende Worte mitgeteilt worden waren , wandte sich dann dem am Abend vorher in Hohen-Ziesar gemachten Besuche zu , dessen einzelne Momente in dem Hin und Her einer immer muntrer werdenden Plauderei noch einmal durchlebt wurden . Aus allem ging hervor , daß Drosselstein sich als der liebenswürdigste der Wirte , voll Entgegenkommen gegen Berndt , voller Aufmerksamkeiten gegen Kathinka gezeigt hatte . Als diese , die sich zum ersten Mal in Hohen-Ziesar befand , ihre Verwunderung über die sonst nirgends in der Mark vorkommende Großartigkeit der Schloßanlage geäußert hatte , hatte der Graf ohne Rücksicht auf die späte Stunde noch Veranlassung genommen , sie samt den anderen Gästen durch die lange Zimmerflucht des ersten Stockes : den Ahnensaal , die Rüstkammer und die Bildergalerie , zu führen , während zwei Diener mit Armleuchtern voranschritten . Unter dieser halb düsteren Beleuchtung war alles , an dem man bei hellem Tageslicht gleichgiltig vorüberzugehen pflegte , zu einer Art Bedeutung gekommen , und die seitabstehenden Ritter mit halb geschlossenem Visier , die über Kreuz gelegten Lanzen , dazu die Ahnenbilder selbst , die zu fragen schienen : » Was stört ihr unser stilles Beisammensein ? « , hatten eines tiefen Eindrucks auf Kathinka nicht verfehlt . Vor allem ein jugendliches Frauenporträt , das ihr seitens des Grafen als das Bildnis Wangeline von Burgsdorffs , einer nahen Anverwandten seines Hauses , bezeichnet worden war , war ihr in der Erinnerung geblieben . An dies von einem Niederländer aus der Van-Dyck-Schule herrührende Bildnis , dessen unheimlich hellblaue Augen schon manchen früheren Besucher von Hohen-Ziesar bis in seine Träume hinein verfolgt hatten , knüpften die am Abend vorher nur flüchtig beantworteten Fragen Kathinkas wieder an , und Berndt , ein wahres Nachschlagebuch für alle Schloß- und Familiengeschichten der ganzen Umgegend , war eben im Begriff , die Neugier der schönen Fragstellerin durch eingehende Mitteilungen über » Wangeline « , die von vielen märkischen Forschern als der historisch beglaubigte Ursprung der » Weißen Frau « angesehen werde , zu befriedigen , als ein Klopfen an der Tür das kaum begonnene Gespräch unterbrach . Ein ältlicher Mann mit spärlichem , nach hinten gekämmtem Haar , den sein spanisches Rohr und mehr noch der lange blaue Rock mit einem Wappenblech auf der Brust als Gerichtsdiener kennzeichneten , trat ein , übergab einen Brief an den alten Vitzewitz und machte dann wieder einige Schritte zurück , bis in die Nähe der Tür . Alles verriet den alten Soldaten . Berndt erbrach das Schreiben und las : » Hochgeehrter Herr und Freund ! Ich säume nicht , Ihnen von dem Resultat eines ersten Verhörs , das ich gestern nachmittag noch mit der durch Ihre Umsicht entdeckten und eingelieferten Diebessippschaft angestellt habe , Kenntnis zu geben . Aus den beiden Strolchen , hinsichtlich deren sich Hohen-Klessin und Podelzig in den Ruhm der Geburtsstätte teilen , war , aller Kreuz- und Querfragen unerachtet , nichts zu extrahieren ; die Frau aber , die jenen beiden erst seit kurzem zugehört und mehr noch durch anderer als durch eigene Schuld unter die Rohrwerder Sippschaft geraten ist , hat umfassende Geständnisse abgelegt , die sich einmal auf die zumeist in den Küstriner Vorstädten ausgeführten Diebstähle , sodann aber auch auf die Hehlereien beziehen , die dieses Treiben unterstützt haben . Am schwersten belastet ist unsere Freundin Hoppenmarieken . Ich bitte Sie , eine Haussuchung bei ihr veranlassen oder selbst leiten zu wollen , wobei ich , mit Rücksicht auf die besondere Schlauheit der vorläufig unter Verdacht Stehenden , Ihre Aufmerksamkeit auf Dielen und Wände des Hauses hingelenkt haben möchte . Der Einlieferung des geraubten Gutes , an dessen Auffindung ich nicht zweifle , sehe ich ehemöglichst entgegen . Ob es geboten oder in Erwägung ihrer Geisteszustände auch nur zulässig sein wird , der Bezichtigten gegenüber die volle Strenge des Gesetzes walten zu lassen , darüber sehe ich seinerzeit Ihrer gefälligen Rückäußerung entgegen . Turgany « Berndt legte den Brief , den er mit halblauter Stimme gelesen hatte , vor sich nieder und sagte dann , zu dem alten Gerichtsdiener sich wendend : » Lieber Rysselmann , mein Kompliment an den Herrn Justizrat , und ich würde nach seinen Angaben verfahren . « Dann zog er die Klingel , » Jeetze , sorge für einen Imbiß . Frankfurt ist weit , und unser Alter da wird wohl die Mitte halten zwischen dir und mir . Nicht wahr , Rysselmann , sechzig ? « Der Alte nickte . » Und dann schicke Krist zu Kniehase ; er soll Nachtwächter Pachaly rufen lassen und mich auf dem Forstacker erwarten . « » Da klagt nun Renate « , fuhr der alte Vitzewitz fort , als Jeetze und Rysselmann das Zimmer verlassen hatten , » über öde Tage in Hohen-Vietz ! Sage selbst , Kathinka , leben wir nicht , seit du hier bist , wie im Lande der Abenteuer ? Erst ein Raubanfall auf offener Straße , dann ein Einbruch in unser eignes Haus , dann ein regelrechtes Diebstreiben unter Innehaltung taktisch-strategischer Formen und nun eine Haussuchung im Revier einer Zwergin - nenne mir einen friedlichen Ort in der Welt , wo in drei Tagen mehr zu gewärtigen wäre ! Im übrigen bin ich neugierig , ob sich die Aussagen , die die Rohrwerder-Frau gemacht hat , auch bewahrheiten werden . « » Ich zweifle nicht daran « , bemerkte Lewin . » Nach allem , was mir Hanne Bogun gestern sagte , und noch mehr nach dem , was er mir verschwieg , konnt ich kaum etwas anderes erwarten , als was Turgany jetzt schreibt . Wann willst du nach dem Forstacker hinaus ? « » Gleich , oder doch bald . Es darf nicht über den Vormittag hinaus dauern . « » Dürfen wir dich begleiten ? « » Gewiß . Je mehr Augen , desto besser ; wir werden sie der Schlauheit der alten Hexe gegenüber ohnehin nötig haben . « So trennte man sich . Berndt empfahl sich mit einigen Worten bei Kathinka , die sich nunmehr ihrerseits treppauf begab , um mit Renaten über die wunderlich widersprechendsten Themata , über Graf Drosselstein und den alten Rysselmann , über Wangeline von Burgsdorff und Hoppenmarieken , zu plaudern . Eine Viertelstunde später brach der alte Vitzewitz auf , in seiner Begleitung Tubal und Lewin . Sie gingen rasch . Noch ehe sie Miekleys Gehöft erreicht hatten , überholten sie Kniehase und Pachaly , die schon auf dem Wege waren , und bogen nun gemeinschaftlich mit ihnen in den Forstacker ein . Gleich darauf standen sie vor Hoppenmariekens Haus . Man war schon vorher übereingekommen , ganz regelrecht vorzugehen , das heißt , mit dem Küchenflur zu beginnen und mit der Kammer abzuschließen , jedenfalls aber nichts übereilen zu wollen . Die Tür war nur eingeklinkt . Sie wurde geöffnet und der Holzkloben vorgelegt , um mit Hilfe des nun einfallenden Tageslichts bis in alle Winkel hineinsehen zu können . In der steinharten Lehmdiele des Fußbodens konnte nichts vergraben sein ; so blieb nur noch der Herd und gegenüber dem Herde der Kamin , von dem aus der Stubenofen geheizt wurde . Aber die Nähe des Feuers ließ ein Versteck an dieser Stelle nicht als wahrscheinlich annehmen . Ebenso war der nach innen zu liegende Schwellstein , der durch diese seine verwunderliche Lage Verdacht erwecken konnte , viel zu groß und schwer ; Lewin und Kniehase müßten sich umsonst , ihn von der Stelle zu rücken . In der Küche war also nichts ; so trat man denn in die Stube . Die großen Vögel in den Bauern saßen schon an den Vorderstäben und blickten auf die fremden Besucher . Diese fingen jetzt an , ihre Aufgabe zu teilen . Pachaly , das rot und weiß karierte Deckbett zurückschlagend , fühlte mit der Hand in den Kissen , dann in den Strohsäcken umher , während Berndt ringsum die Wände , Tubal die Fliesen des verhältnismäßig hohen Ofenfundaments beklopfte . Überall nichts . In das offenstehende Tellerschapp , in Schrank-und Tischkästen hineinzusehen verlohnte sich kaum ; die frischgescheuerten Dielen waren aus einem Stück und liefen vom Fenster bis an die Wand gegenüber ; nirgends ein Einschnitt oder sonst Verdächtiges . Es mußte also in der Kammer sein . Die Kammer , ein dunkler Alkoven , hatte nur wenig über sieben Fuß im Quadrat . Es war darum für fünf Personen fast unmöglich , sich darin zu drehen und zu bewegen , weshalb Berndt und Kniehase , beide ohnehin belästigt durch die stickige Luft des überheizten Zimmers , vor die Tür traten , wohin ihnen Lewin , nachdem er vergebliche Versuche gemacht hatte , sich mit einem schwarzen , auf der Brust rotbetüpfelten Vogel anzufreunden , einige Minuten später folgte . Nur Tubal und Pachaly waren noch in der Kammer . Sie zündeten ein Licht an und begannen auch hier mit Klopfen an den Lehmwänden hin . An der einen Seite , wo die großen Kräuterbüschel an vier oder fünf dicken Pflöcken hingen , hatte dies seine Schwierigkeiten . Es gelang aber ; freilich ohne besseres Resultat als in Flur und Stube . » Wir werden den Scharwenkaschen Hütejungen holen müssen « , sagte Tubal , » der hat die besten Augen . « » Nicht doch « , sagte Pachaly , » dem ist sein Ruhm und die versprochene Pelzmütze schon zu Kopf gestiegen . Ich kenne den Jungen . Er sieht nicht besser als andere , er weiß nur besser Bescheid , denn er ist selber vom Forstacker und kennt alle Schliche und Wege , die das Gesindel geht . « » Mag sein . Aber wo sollen wir noch suchen ? An den Wänden keine hohle Stelle ; die Dielen aufgenagelt , und in dem ganzen Alkoven nichts drin als diese rotgestrichene Kommode mit zwei leeren Schubkästen . Es kann doch nichts hier über uns in der Decke stecken ? Hoppenmarieken ist ein Zwerg und reicht mit ihrer Hand keine fünf Fuß hoch . « » Nicht in der Decke , junger Herr ; aber hier um die Kommode herum muß es sein . Solche Kreaturen wie Hoppenmarieken sind eitel , putzen sich und zeigen allen Leuten gern , was sie haben . Warum hat sie die Kommode in die dunkle Kammer gestellt , wo sie niemand sieht ? Das bedeutet was ! « » So sehen wir nach « , sagte Tubal , schob den Gegenstand von Pachalys Verdacht rechts weg gegen den großen Gundermannsbüschel , der bei dieser Gelegenheit raschelnd vom Pflock fiel , und trat nun , dicht an der Wand , auf die breite Mitteldiele , deren linkes Ende gerade hier durch die darüberstehende Kommode verdeckt gewesen war . Im selben Augenblicke senkte sich das Brett , dem an dieser Stelle die Balkenunterlage fehlte , um mehrere Zoll und hob sich , nach Art eines in der Mitte aufliegenden Wippbrettes , an der entgegengesetzten Seite in die Höhe . » Dacht ich ' s doch « , sagte Pachaly , sprang herzu und stellte die Diele , die sich unschwer entfernen ließ , beiseite . Was sich jetzt zeigte , war immer noch überraschend genug . Der ganzen Länge des Brettes entsprechend , war das Erdreich herausgenommen und bildete eine ziemlich flache Rinne , die sich nur nach links hin , wo das Brett aufwippte , zu einer mehr als zwei Fuß tiefen Grube vertiefte . Zwischen beiden war alles derartig geschickt verteilt , daß sich die flache Rinne als das Schnitt- und Kurzwarengeschäft , die vertiefte Grube aber als das Kolonialwarenlager Hoppenmariekens ansehen ließ . Pachaly begann jetzt auszupacken und reichte , was sich an Gegenständen vorfand , Tubal zu , der es in Ermangelung eines besseren Platzes auf Hoppenmariekens Bett legte . Es waren Schürzenzeuge , ein Stück roter Fries , ein Rest von geblümtem Sammetmanchester , bunte Haubenbänder und schwarzseidene Tücher , wie sie die Oderbrücherinnen als Kopfputz tragen . In der Grube fanden sich Beutel mit Zucker , Kaffee , Reis , darüber in Stangen geschnittene Seife und Talglichte , die oben an den Dochten wie zu einer großen Puschel zusammengebunden waren . Aus allem ergab sich , daß Hoppenmarieken mit Hilfe dieses Warenlagers einen Handel trieb und Gegenstände , die sie von Küstrin oder Frankfurt aus mitbringen sollte , so weit wie möglich aus ihrem eignen Hehlervorrat zu nehmen pflegte . Das Brett wurde nun wieder aufgelegt , es paßte wie ein Deckel . Auch die Nägel , die einer rechtmäßigen Diele zukommen , fehlten nicht ; sie waren aber vor dem Einschlagen mit der Zange kurz abgekniffen und hatten keinen anderen Zweck , als nach oben hin die Köpfe zu zeigen . Die draußen Auf- und Abschreitenden hatten inzwischen ihre Promenade unterbrochen und waren wieder eingetreten . Berndt musterte alles und sagte dann : » Ich kenne Hoppenmarieken , hiermit zwingen wir ' s nicht . Sie wird all dies für ihr Eigentum ausgeben , und es wird schwerhalten , ihr das Gegenteil zu beweisen . Denn sie steckt mit allerhand schlechtem Handelsvolk zusammen , das jeden Augenblick bereit ist , ihr den rechtmäßigen Erwerb zu bestätigen . Ich bin aber sicher , daß es gestohlenes Gut ist ; es fehlt nur noch das Eigentliche , so etwas ausgesprochen Privates , das ihr alle Ausflucht abschneidet . Suchen wir weiter . Muschwitz und Rosentreter , von unserem eigenen Gesindel , das wir hier auf dem Forstacker haben , gar nicht zu reden , werden sich auf Schürzenzeug und Seifenstangen nicht beschränkt haben . « Indem war Pachaly , der , während Berndt sprach , in seinen Nachforschungen nicht nachgelassen hatte , auf die Schwelle der kleinen Tür getreten und winkte Lewin , der ihm zunächst stand , in die Kammer hinein . Er trat , als dieser ihm gefolgt war , ohne weiteres an den dicken Holzpflock , von dem der Gundermannsbüschel herabgefallen war , hob das Licht in die Höhe und sagte : » Passen S ' Achtung , junger Herr , der Pflock sitzt nicht fest ; der Lehm ist rundum abgesprungen ; dahinter steckt was . « » Das wäre ! « rief Lewin lebhaft , faßte den Pflock und riß ihn ohne die geringste Mühe heraus . Es zeigte sich ein tiefes Loch in der Lehmwand , viel tiefer , als das verhältnismäßig nur kurze Holzstück erheischte . Das mußte einen Grund haben . Lewin suchte deshalb in der Höhlung umher und fand ein Päckchen , nicht viel größer als eine halbe Faust , das erst in ein Stück blaues Zuckerpapier , dann , wie sich ergab , in einen Lappen grober Leinwand eingewickelt war . Als er beides entfernt hatte , lag der Inhalt vor ihm wie der Raub eines Rabennestes : ein silbernes Nadelbüchschen , eine Taschenuhr in einem Schildpattgehäuse , eine Kinderklapper , eine mit kleinen Rauchtopasen eingefaßte Amethystbroche , von der die Nadel abgebrochen war , ein Petschaft mit nicht entzifferbarem Namenszug und ein kleiner ovaler Goldrahmen , in dem sich wahrscheinlich ein Miniaturbild befunden hatte . Alles ohne sonderlichen Wert , aber gerade das , dessen die Beweisführung bedurfte . » Nun haben wir sie « , sagte Berndt ruhig , wickelte die Gegenstände wieder ein und steckte sie zu sich . Auch noch die anderen Pflöcke wurden untersucht , saßen aber fest im Lehm . Es ließ sich annehmen , daß nichts unentdeckt geblieben war , und so beschloß man , von weiterer Nachsuchung abzustehen . In der Küche fand sich eine alte Kiepe vor , und Pachaly erhielt Ordre , alles , was aufgefunden war , in diese hineinzupacken und nach dem Herrenhause zu schaffen . Er gehorchte nicht gern , da es ihm gegen die Ehre war , an hellem lichten Tage mit einer Kiepe über die Dorfstraße zu gehen ; der Dienst aber ließ ihm keine Wahl , und seinem Ärger in kurzen Selbstgesprächen Luft machend , tat er schließlich , wie ihm geheißen . Berndt und Kniehase , von den beiden jungen Männern unmittelbar gefolgt , hatten inzwischen die Auffahrt zum Herrenhause erreicht und waren eben im Begriff , von der Dorfgasse her auf den Vorhof einzubiegen , als sie , keine dreihundert Schritt mehr entfernt , Hoppenmarieken auf der großen Küstriner Straße herankommen sahen . Die kleine Figur , der rasche Schritt und die lebhaften Bewegungen ließen sie leicht erkennen . » Da kommt sie « , sagte Berndt , und sich an Pachaly wendend , der schon vor dem Pfarrhause die Voranschreitenden eingeholt hatte , fügte er hinzu : » Nun eile dich ; schiebe zwei , drei Stühle vor meinen Schreibtisch oben und baue auf , was du hast . « Hoppenmarieken grüßte schon von weitem . Sie schien in sehr guter Stimmung und überreichte , als sie heran war , ihrem Gutsherrn einen Brief , den sie schon , als sie der Gruppe ansichtig geworden war , aus ihrem Mieder hervorgezogen hatte . » Is hüt dis een man « , sagte sie und setzte wie zur Erklärung hinzu : » De berlinsche Post is nich to rechte Tid inkamen . « Sie wollte weiter und hatte schon einige Schritte gemacht , als ihr Berndt nachrief : » Hoppenmarieken , ich habe noch was für dich . Aber oben in meiner Stube , komm . « Es mußte wider Willen des Sprechenden etwas Fremdklingendes in seiner Stimme gelegen haben ; jedenfalls war der Ausdruck der Sicherheit aus dem Gesichte der Zwergin fort , als sie über den Hof hin und dann treppauf ihrem Gutsherrn nachschritt . Kniehase und die beiden Freunde folgten . Pachaly hatte mittlerweile in der notdürftig wieder in Ordnung gebrachten Gerichtsstube seinen Aufhau beendet . Von den Bändern und Tüchern war nicht viel zu sehen . So recht ins Auge fiel nur das große , noch regelrecht auf ein Brett gewickelte rote Friesstück , ebenso die aus Seifenstangen und dem Lichterbündel aufgebaute Pyramide . » Nun , Hoppenmarieken « , sagte Berndt , » wie gefällt dir der rote Fries ? « » Jut , Jnädjeherr . Wat süll he mi nich jefallen ? Et is ja von den ingelschen ; de Ell seben Groschen . « » Hast du dies Stück Fries vielleicht schon gesehen ? « » Ick weet nich . « » Besinne dich . « » Ick seh so veel , Jnädjeherr ; ick mag et wol all sehn hebben . « » Wo ? « » Bi Jud Ephraim . « » Oder bei dir ! « » Bi mi ? Jo , Wettstang , bi mi ; hohoho . Nu seh ick ihrst . Se sinn bi mi west und hebben min