und behauptet dabei noch , daß sie ihn geliebt . Als ob solch eine Mondscheinsprinzessin wüßte , was lieben heißt ! « Pastor Blümel widersprach der Aufgeregten warmen Herzens mit allen Gründen der Gewissenspflicht ; er nannte Lydias Forderung einen Akt kindlicher Pietät , eine Selbstopferung aus stark empfundener Familientreue ; worauf denn Sidonie eifernd erwiderte : » Nun , wie Sie wollen , Pastor . Aber was beweisen Sie mit Ihrer Entschuldigung , als daß auch die Familie ihre Jesuiten hat ? Abstrakte Idealisten , denen jedes Mittel das rechte ist für einen Zweck , von welchem ihr Herz nichts weiß . Ihren Vater mag Lydia geliebt haben ; ich traue es ihr zu , denn sie ist seinesgleichen . Aber liebt sie ihre Geschwister , die ihr so unähnlich sind , liebt sie nur ihre Mutter ? « » Lieben Sie Ihren Bruder etwa nicht , Sidonie , da Sie doch wohl kaum sich für seinesgleichen halten ? « wendete Frau Hanna ein . » Freilich liebe ich ihn , « antwortete Sidonie , » und eben darum , weil ich nicht seinesgleichen bin . - Ach , wie von Herzen möchte ich ihm doch ähnlich sein ! - Aber ich liebe ihn keineswegs , weil er mein Bruder , weil er ein Pflichtbegriff für mich ist ; sonst müßte ich auch meinen Großvater lieben . Ich liebe ihn , weil er liebenswürdig ist , mein Bertrand de Born , weil ich keinen anderen zum Lieben habe , weil ich gar nicht anders als ihn lieben kann . Wäre ein Fremder so wie er , Sie zum Exempel , Dezimus , ich liebte Sie wie ihn . « » Für welche schmeichelhafte Versicherung ich mich im Namen meines Dezem schönstens bedanke , « sagte Mutter Hanna lachend , und Sidonie lachte auch . Dezimus aber vermochte eine ritterliche Wallung nicht länger zu bemeistern . Denn bei aller Bewunderung für das glänzendste Meteor an seinem Jugendhimmel hatte er in dem Kampfe , der an demselben ausgebrochen war , mit Entschiedenheit Partei genommen für den treuen Abendstern , der sich aus seiner gesetzmäßigen Bahn nicht verdrängen ließ . So einfach , als ob es sich um einen mathematischen Folgesatz handelte , sagte er daher : » Warum will denn aber , gnädiges Fräulein , Ihr Herr Bruder nicht warten , bis seine Braut ihre edle Aufgabe vollbracht oder er selbst sich eine unabhängige Stellung errungen hat ? Einem , der begabt ist wie er , sind Tor und Tür ja nach allen Seiten hin aufgetan , und wie viel reiner muß die Freude des Zusammentreffens am Ziel mit dem Bewußtsein erprobter Kräfte sein ! « » Max und warten ! « hatte zu Anfang der Rede Sidonie belustigt der Pastorin zugeraunt . Jetzt beim Schluß des Vortrags sagte sie aber schon wieder in hellem Ärger : » Gut Heil Ihnen , Kandidat in spe , auf solchem Philisterwege . Zuvor aber beantworten Sie mir gefälligst die Frage : da die Demut doch noch weit mehr als die Lammsgeduld eine christliche Tugend ist , warum nahm denn Ihre fromme Lydia die Mittel zur Erfüllung ihrer edlen Aufgabe aus meiner Hand nicht an ? Durfte sie mir zutrauen , daß ich die Familie , in welche mein Bruder getreten war , in Dürftigkeit gelassen haben würde ? Wenn sie sich gegen ihre Gewöhnung einigermaßen beschränken mußte , nun so büßte sie eben ihres Vaters Schuld . So wäre es recht gewesen , so billig . Aber nein ! Zum Danksagen ist man zu erhaben . Ein Weltkind aufzugeben , ein anderes zu berauben , ist ganz in der Ordnung ; beiden das Gnadenbrot anzubieten , wohl gar noch Großmut , der bloße Gedanke treibt mir die Galle in das Blut ! Komme es , wie es mag , ich danke Gott , daß Max sich aus dieser tugendhaften Umstrickung losgerissen hat . Nun und nimmer würde er an der Seite dieser eisigen Jungfrau anders als elend geworden sein . « » In letzterem Punkte pflichte ich Ihnen bei , « versetzte Mutter Hanna ruhig . » Auf der anderen Seite jedoch muß ich meines Sohnes philisterhaften Vorschlag dahin ergänzen , daß ein Mann , mag er zehnmal ein Genie sein , das Heiraten bleiben lassen soll , wenn er nicht die Lammsgeduld besitzt , sich ein sicheres Brot verdienen zu lernen . Sie aber , Kind , sollten es sich zweimal überlegen und wenigstens eine Nacht hindurch beschlafen , ehe Sie so eklatant mit Ihrer Familie brechen . Bedenken Sie , daß vernünftige Menschen für ihre persönliche Würde weit weniger heikel als für die ihrer Anvertrauten zu sein brauchen ; sich selber würde Lydia getrost zugemutet haben , was sie ihrer Mutter nicht zumuten durfte ; wie Sie , Sidonie , Ihrem Bruder nicht , was Sie selber getrost sich zumuten dürfen . Lassen Sie ihn denn ziehen , wohin sein Genius ihn treibt . Mit ihm leben können Sie vor der Hand nicht ; bleiben Sie also hier , zunächst bei uns . Eine Vermittlung mit Ihrer Familie wird unschwer anzubahnen sein ; vielleicht nach mehr als einer Seite hin . Jedenfalls sind Sie die Großmütige , nicht Ihre Cousine , wenn Sie in eine Teilung der Revenüen willigen . « » Ja , liebe Sidonie , « nahm nun auch Vater Blümel wiederum das Wort , » ja , bleiben Sie bei uns und sammeln Sie feurige Kohlen auf Lydias Haupt . Das unglückliche Mädchen handelte gemäß seinem Grundgesetz , also recht . Es gibt aber kein weheres Geschick , als wenn wir unserem Gewissen nicht etwa bloß unser eigenes Glück , sondern das Glück derer , die wir lieben , zum Opferbringen müssen . Sie retten den Frieden einer Seele , Sidonie . « Sidonie blieb nicht unbewegt bei diesen Worten . Die erste Wallung war verdampft , und zu trotzigem Stolz war sie zu klug . Sie reichte den beiden alten Freunden über den Tisch hinüber die Hand und sprach : » Handelte es sich um mich allein , würde ich Ihrem Rate vielleicht folgen und Lydia eine Genugtuung gönnen , wie ich an ihrer Statt sie mir selbst gegönnt haben würde . Mir gegenüber ist sie ja faktisch auch durchaus in ihrem Recht . Aber auch ich habe ein Grundgesetz , Freunde , und das heißt Treue gegen meinen Bruder . Ich darf nicht durch die Hand eines Mädchens , das seine Liebe so gering achtete , um sie einem nüchternen Pflichtgebot unterzuordnen , mir meinen Lebensweg - und das hieße indirekt den seinen - bequem machen lassen . Ich muß sein Schicksal teilen . « » Und was denken Sie zu tun ? Wohin wollen Sie sich wenden ? « » Zunächst gehe ich zu meiner Mutter . Ich habe aus der römischen Fülle eine hübsche Sparsumme gerettet , die für den Anfang genügt . Das Weitere wird sich finden . Tor , der man ist , Programme zu entwerfen , die der leiseste Atemhauch des Schicksals oder der Leidenschaft wie Kartenhäuser umbläst . Ich sage wie mein Max : nur auf die Gunst des Augenblicks ist Verlaß . « Der Wagen fuhr bei diesen Worten vor . Ihrem Bruder den peinlichen Eintritt zu ersparen , eilte Sidonie ihm entgegen . Die Familie folgte ihr herzlich bewegt . Max sah bleich aus und sprach kein Wort . » Ich schreibe bald ! « rief Sidonie vom Wagen herab . Die Freunde lauschten unter der Tür bis zum verhallenden Räderrollen . Dann sagte Röschen , halb betrübt und halb ärgerlich : » Euch alle dauert Lydia , und ihr bewundert sie . Mich dauert Max , und ich bewundere seine Schwester . Ach , und wie einödig wird es nun in Werben werden ! Wenn du auch noch fort bist , alter Dezem , halte ich es nicht mehr aus . « Der gemütliche und tätige Anteil an dem Schicksalswechsel der Menschen , zu welchen er hoch emporgeblickt , hatte Dezimus völlig in Anspruch genommen . Es heißt etwas für einen Jüngling , zum ersten Male einen idealen Stern sich verdunkeln , ein Idol verkümmern sehen . Nun jedoch , da der Tageslauf wieder in sein Gleichmaß trat , fiel ihm ein , daß die Freiheitspforte , die sich seinem stolzen , gestürzten Helden geschlossen , für ihn , den bescheidenen , aufgetan hatte . Es war ihm bis heute nicht ein einziges Mal in den Sinn gekommen , daß sein Leben sich in einem anderen als dem von seinen Wohltätern gezogenen Gleise abspinnen könne . Als Stipendiat von Werben seiner Heimat durch treuen Fleiß Ehre zu machen , dereinst seines Vaters Gehülfe und in ferner , Gott wolle , allerfernster Zeit sein Nachfolger zu werden , das war sein Ziel , und er blickte auf dasselbe mit dankbarem Stolze . Völlig unerwartet war nun auf ein diesem Ziele schnurstracks entgegengesetztes als das seiner Natur gemäßere nicht bloß gedeutet worden , sondern auch mit großmütiger Hand die Bahn zu demselben geebnet , und er spürte ein heißes Verlangen , diese Bahn zu betreten . Die Analyse des sichtbar Unendlichen dünkte ihm auf einmal weit interessanter als die Auslegung der Apokalypse ; Sternenbahnen erforschen auf stiller Warte weit zusagender als Predigten halten auf der Kanzel von Werben . Hieß denn nun aber seinem Gelüste folgen , nicht alle Erwartungen seiner Wohltäter vereiteln ? Hieß es nicht schnöder Undank , abzuweichen auf einen Pfad , auf welchen sein Vater und Bildner ihm nicht zu folgen vermochte ? Und zumal auf einen , der selbst in weiter Ferne und Fremde ein gedeihliches Ziel noch zweifelhaft ließ , während das gedeihlichste in nächster Nähe gesichert war ? Mochte ein leibliches Kind solches Opfer von seinen Eltern zu fordern berechtigt sein , aber auch das Kind der Barmherzigkeit , die hülflose Waise vom ersten Lebenshauche an ? Und sein Röschen ! Dezimus stand erst im Aufschritt zu der Jünglingsstufe ; sein Puls schlug ruhig , und seine Phantasie schweifte mehr zwischen Sternen- als Menschenbildern ; sein Verhältnis zu dem schönen Mädchen hatte im Grunde daher noch nicht Hand und Fuß . Wenn Röschen ein Knabe gewesen wäre , würde es sich kaum anders gestaltet haben . Daß er aber dem Kinde , neben dem er in der Wiege gelegen hatte , angehören müsse bis in das Grab , daß eine Liebe , für die er keinen Anfang wußte , auch kein Ende haben könne ; daß , unter welchem Namen auch immer , er zu dieses Kindes Schirmer berufen sei , zu seinem Versorger , seinem nächsten , ewigen Freund , das stand für ihn fest wie ein Naturgesetz , nicht erst seit heute oder gestern , sondern seitdem er sich seines Daseins bewußt geworden . Die kleine Rose war ein Teil von ihm , sein bestes Teil . Und was konnte er auf dem neuen Lebenswege für sie werden ? Noch ein drittes kam dazu . Von dem Augenblicke an , wo sein stolzester Knabentag damit abschloß , daß er das weiße Fräulein aus dem Hutmannshause treten sah und er sich zum ersten Male deutlich als das Kind dieser armen Hütte gefühlt hatte , von dem Augenblicke an waren seine Gedanken häufig zu den unbekannten Brüdern in die Ferne geschweift . Nicht aus Blutszwang , wie Max von Hartenstein geringschätzig solchen Trieb genannt , nicht einmal aus neugierigem Verlangen ; einfach aus einem Gefühl der Beschämung , wie es jeden gutgearteten Menschen überkommt , wenn er sich selbst in unverdienter Fülle und Gleichberechtigte in ebenso unverdienter Entbehrung sieht . Er hatte damals auch alsobald den Vater nach dem Schicksale seiner Geschwister befragt und erfahren , daß der treue Gemeindepfleger sie nicht aus den Augen verloren hatte . Je mehr sie freilich selbständig im Leben Fuß fassen lernten , um so seltener war eine Auskunft über sie zu ermitteln gewesen . Die Dezimus im Alter zunächst Stehenden waren früh gestorben ; die Erwachsenen wie Heimatslose in der Welt verstreut . Ob , wo und wie viele ihrer vielleicht heute noch leben ? Gott Vater wird es wissen , ihr Bruder Dezimus weiß es nicht . Ein erwünschter Zufall war es daher , daß vor Jahr und Tag der älteste von den beiden , die beim Tode der Eltern bereits Soldaten waren , sich mit dem Gesuch eines Taufzeugnisses , zum Zweck seiner Verheiratung , an den Pfarrer von Werben wendete und daß durch ihn ein schwacher Faden sich wieder anknüpfen ließ . Bruder Klaus war nach Ablauf seiner Dienstzeit Ruderknecht , später Matrose und endlich Steuermann auf einem Kauffahrteischiff geworden ; er kam nur selten an das Land , wo er dann im eignen bescheidenen Heimwesen auf einer der friesischen Inseln einkehrte . Wer von seinen Brüdern noch lebte , wußte auch er nicht . Nur durch Zufall war er einmal mit seinem soldatischen Kumpan , dem einzigen , der ihm von Angesicht erinnerlich geblieben , zusammengetroffen , als dieser im Begriffe stand , nach Amerika auszuwandern . Dort , so schrieb der Prediger der Insel , der diese Nachrichten seinem binnenländischen Amtsbruder vermittelte , war auch er verschollen und das Enaksgeschlecht aus dem Hirtenhause demnach wahrscheinlich zusammengeschmolzen bis auf zwei . Diese Rückwärtsgedanken waren in Dezimus nun aber besonders lebhaft angeregt worden , als er bei Gelegenheit des Werbenschen Erbes die Fragen des Blutszusammenhanges und der Verpflichtungen , welche er auferlege , von den verschiedensten Standpunkten erörtern hörte . Sein ganzes Herz gehörte ja den Wahlverwandten ; ein heimlicher Gewissensdrang trieb ihn aber den Naturverwandten entgegen , und als durch Stipendium und Legat ihm die Mittel zu einer Nothülfe geboten wurden , schrieb er an den Bruder Steuermann im Inselhause , schilderte sein eigenes glückliches Los , sprach den Wunsch des Bekanntwerdens aus , bat dringend um gelegentliche Forschung nach dem in Amerika verschollenen Friedrich und erklärte sich zu brüderlicher Handreichung froh bereit . Sein Herz schlug befreit , nachdem er diesen Schritt in seinen ältesten Zusammenhang zurückgetan hatte . Vermochte er denn aber die verheißene Handreichung wahr zu machen , wenn er die abirrende Bahn zu einem zweifelhaften Ziele betrat ? Denn mit dem gutgemeinten Verspruch hatte er leider die Dämonen der langen Zahlen und großen Rohre keineswegs ausgetrieben . Er mochte sich winden und wenden , wie er wollte , er kam aus dem Zwiespalt von Lockung und Pflicht nicht heraus . Sogar sein bis dahin unangefochtenes robustes Hirtenblut zeigte Spuren des heimlichen Kampfes , die roten Backen erblaßten , der Leib magerte ab , der Schlaf wurde unruhig , schlechthin hohläugig sah der arme Junge aus , und so mußte es zweifelhaft erscheinen , ob die großmütige Legatarin , indem sie seine Schülerwiege verrückte , ihm nicht eher eine Wehetat als eine Wohltat erwiesen hatte . Hätte er nur einen weisen Mann gewußt , den er zum Schiedsrichter der strittigen Parteien in seiner achtzehnjährigen Brust hätte aufrufen dürfen . Aber er wußte nur einen , den weisesten der Weisen , und just vor ihm hätte er den Tummelplatz in undurchdringliche Nebel hüllen mögen . Oder hätte er nur einen mitfühlenden jungen Gesellen gewußt , in dessen Herz er seine Ängste ergießen konnte ! Aber er hatte gute Kameraden die Hülle und Fülle ; ein Spezial jedoch war ihm seit der Kinderstube immer nur sein Röschen gewesen , und was dieser Spezial ihm raten würde , brauchte er nicht erst zu erfragen . » Dummer Dezem , natürlich mußt du Pastor werden und in unserer hübschen Pfarre bleiben . Für das gnädige Legat machen wir uns alle Jahre eine Lust ! « So fragte er denn Röschen nicht , aber er fragte Peter Kurzen , als dieser das nächste Mal in die Pfarre eingesprungen kam ; und Peter Kurze zog die Augenbrauen in die Höhe und antwortete mit salbungsvoller Stimme . » Verehrungswürdiger Gutfreund , dessen Namen ich nicht auszusprechen wage , das Heu beider Bündel duftet süß . So dächte ich , natur- und vernunftgemäß , wir genössen von beiden . « Von beiden ! Mit Peter Kurzen war freilich ernsthaft keine Sache abzusprechen , im Spaße aber traf er manchmal den Nagel auf den Kopf . Von beiden ! Oftmals dachte Dezimus an sein weißes Fräulein , wennschon er ahnete , daß Lydias Ratschluß nicht anders lauten würde als : » Entsage ! « Was verlangte er denn aber Besseres als eine unumstößliche Richtschnur für seinen Willen ? Ja , gewiß , er würde dieser Meisterin in der schwersten aller Lebenskünste blindlings nachgeeifert haben , hätte er nur ohne Zudringlichkeit sich irgendwo und wie bei ihr Gehör zu verschaffen gewußt . Allein er hatte seit jenem verhängnisvollen Tage sie nur dann und wann aus der Ferne gesehen , wenn sie im Morgengrauen oder Abenddämmer vor ihres Vaters Grabe stand . Sie war eine Nonne geworden und ihr Bereich in Wahrheit zu einem Kloster . Ihre Mutter genas allmählich im Laufe des Sommers . Obgleich sie bewußtlos auf dem Fieberbette gelegen , hatte dennoch die Zeit ihr linderndes Wunder an der sanften Seele gewirkt , und nun stumpfte die Ermattung das Herzeleid ab . Ihre Umgebungen , ihre äußere Lage waren die gewohnten geblieben ; nichts fehlte als der , dessen Qualen sie seit Jahren in der Stille qualvoll mitempfunden hatte , und der war selig bei seinem Herrn . Für eine Ottilienseele ein erträglicher Schicksalsschlag ; unter einer schweren Mutterlast wäre sie zusammengebrochen . So fand sie sich denn auch leichter , als man gefürchtet hatte , in die Trennung von ihrem Liebling , welche gemäß des Vaters letztem Willen in dieser Zeit stattzufinden hatte ; leichter zumal auch dadurch , daß der ungestüme Knabe sich aus der Eintönigkeit des Trauerhauses bereitwillig in einen neuen Zustand versetzen ließ . Phöbe war schon zu Ostern von dem Vater eingesegnet worden ; der bisherige Informator schied daher aus der Familie , um in einer kleinen lutherischen Gemeinde der alten Heimat das Seelsorgeramt zu übernehmen . Martin war zu seinem Regiment zurückgekehrt ; nur seine beiden jüngsten Schwestern wurden dann und wann noch in der Pfarre gesehen , um für ein paar Stunden fröhlich darin aufzuleben . In den Augen der gesamten Familie und zumeist in denen der kindlichen Mutter war Lydia an die Stelle des Vaters gerückt . Wie sie des Hauses Versorgerin geworden war , wurde sie bedingungslos dessen Autorität . Ein sonniger Frühlingstraum war verweht , ein düsterer Todesschatten vorübergezogen ; das Leben glitt hin in gewohntem , nur noch lautloserem Gleis . Die Mitteilung , welche Sidonie versprochen hatte , blieb aus ; monatelang wußte man weder auf dem Schloß noch in der Pfarre , was aus den Geschwistern geworden sei . Erst zu einer Zeit , die eigentlich bereits in den nächstfolgenden Abschnitt gehört , kam durch Martin - unter dem Siegel der Verschwiegenheit ! - eine bewegliche Kunde an seinen Freund Dezimus . Max hatte sich schon vor seiner Reise nach Rom zum Landwehroffizierexamen gemeldet , halb und halb wohl mit dem Vorbehalt eines eventuellen Übertritts zur Linie . Nun war kürzlich seine Wahl in eklatantester Weise von dem Offizierkorps abgelehnt worden . Als Anlaß vermutete man eine Reihe von Gedichten , welche unter seinem vollen Namen in einem neugegründeten freisinnigen rheinischen Zeitblatt erschienen waren und in den höchsten Regionen schweres Ärgernis hervorgerufen haben sollten . Der brave Martin war » ganz aus dem Häuschen « , wie er selber es nannte , über die Schande , welche der ganzen Familie angehängt worden sei und welche er selbst in seiner Karriere gehörig werde ausbaden müssen . Auch dauerte ihn sein Vetter , der , bisher ein Glückskind wie wenige , nun auf einmal aus einer Patsche in die andere gerate . » Und , « so schloß der Brave , » und alles um ein paar elender Verse willen , um die kein Hahn gekräht hätte , wenn man nicht solches Wesen davon gemacht . Und wenn ich ihrer ein dickes Buch voll gelesen hätte , mir wäre , als hätte ich Wasser getrunken . « Da die betreffenden Zeitungsnummern konfisziert worden waren , lag wenigstens eines der Gedichte dem Briefe bei . Pastor Blümel - für welchen das Siegel nicht unerbrochen blieb - nannte es eine gereimte Umschreibung der zweiten Prometheusstrophe ; nur daß der nicht mehr Zeus hieße , » dessen Majestät sich kümmerlich von dem Gebetshauch hoffnungsvoller Toren nährte . « Indessen wollte auch dem guten Blümel das ehrenkränkende Verdikt gegen den » Zornesausbruch eines heilig glühenden Herzens , dem die ersten Blütenträume nicht gereift waren « wenig einleuchten . Er sah in der Offiziersuniform das sicherste Korrektiv aller Titanengelüste und fürchtete die Früchte , welche die Erbitterung zeitigt . Pastor Blümel seufzte viel an diesem Tage und rauchte stark . Als Lydia zum ersten Male die Einkünfte der Werbenschen Stiftung bezog , sendete sie die Hälfte des Betrags durch Pastor Blümels Vermittlung an Sidonien , unter der Adresse ihrer Mutter . Umgehend erhielt sie die Summe auf gleichem Umwege zurück . Die Professorin behandelte , ohne jegliche Spur von Enttäuschung oder Verletztsein , die Angelegenheit rein als Geschäft . Ihre Tochter , so meinte sie , habe für einen derartigen Ausgleich nicht einmal den Anspruch der Billigkeit , da es keinem Zweifel unterliegen könne , daß Fräulein von Werben bei Abfassung ihres letzten Willens an die aussichtslose Familie ihrer Nichte Ottilie gedacht habe und nicht an Sidonie , die weder zurzeit noch , soweit sich voraussehen ließe , in Zukunft einer solchen Zuwendung bedürftig sei oder sein werde . Im übrigen scheine ihre Tochter sich im mütterlichen Hause heimisch einzugewöhnen , und sie sende den Pfarrfreunden ihre besten Grüße . Des Sohnes wurde nicht erwähnt . Lydia vermochte mit dieser Abweisung sich nicht zufrieden zu geben . Es widerstand ihr , auf Kosten der Verwandten , die sich - und wie Lydia glaubte mit gutem Grund - für die Nächstberechtigte gehalten hatte , ein mehreres in Anspruch zu nehmen , als zur Versorgung ihrer Familie erforderlich war , und sie ersehnte den Zeitpunkt , wo sie auf das Ganze verzichten durfte . Wie tiefes Elend war um dieses leidigen Mammons willen über sie gekommen ! - Durch Pastor Blümels , des zeitweiligen Kurators der Stiftung , Hand legte sie daher die Teilsumme bei jedem Termine hypothekarisch nieder , sei es zur späteren Verfügung ihrer Verwandten , sei es zu einem von diesen zu bestimmenden wohltätigen Zwecke . Der Herbst war gekommen , ein milder , gedeihlicher Weinherbst ; aber keiner im Pfarrhause freute sich wie sonst auf die Lese , da der Sohn sie heuer nicht mitfeiern durfte . Das liebe Röschen war , wie es sagte , ganz desperat . Es stellte in seiner Desperation allen Ernstes den Antrag , mit seinem alten Dezem auf die hohe Schule zu ziehen , ihm den Haushalt zu führen , wie schon manche Pfarrtochter es ihren studierenden Brüdern getan , und nebenbei in einer Fabrik das Blumenmachen zu erlernen . Und während dieses Antrags streichelte das liebe Röschen seinem alten Dezem die Backen , kniff ihm zärtlich die Ohrläppchen und zupfte ihn an seinen langen , strohgelben Haaren . Der alte Dezem aber - ei nun , es war ein Vorschlag zur Güte - , und der alte Dezem hätte sich solch eine rosige Studentenwirtschaft mit tausend Freuden gefallen lassen . Zwei gewichtigere alte Leute ließen sie sich aber durchaus nicht gefallen , und diese gewichtigen alten Leute hießen Papa und Mama . Da schmollte das liebe Röschen ein Weilchen , lachte dann und flocht einen Asternkranz ; ihr alter Dezem dagegen schmollte nicht , sondern versank wiederum in sein Sternensehnen . An einem der letzten Nachmittage waren die beiden jungen Schloßfräulein gekommen , um mit Röschen im Pfarrberge Trauben zu naschen . Dezimus hatte den Vater auf seinem Vespergange durch das Dorf begleitet und saß nun mit ihm unter den rotbeerigen Ebereschenbäumen auf dem Hünengrabe , den Untergang der Sonne genießend . Solch ein himmelreines Schauspiel ist im späten Oktober eine seltene Gunst , und wenn es vielleicht das letzte ist , das binnen einer Sonnenwende in einer lieben Heimat genossen wird , da rührt es ein junges Herz wohl bis auf den Grund . Auch der Vater hatte in andächtiger Stille der versinkenden Flamme nachgeschaut , bis der abendliche Horizont in ein Purpurmeer verwandelt schien . Dann hob er an : » Zum ersten Male , mein Sohn , und leider Monde hindurch , bin ich irregeworden an dem sicheren Gefühl , dem ich als dem Leitstern deines Lebens vertraut habe . Ich sehe dich bei zufälligem Anlaß schwindelnd schwanken ; und wer bürgt dem Schwankenden , daß er nicht strauchele , dem Strauchelnden , daß er nicht falle ? « Dunkle Schamröte überzog des Jünglings Gesicht ; er sah sich durchschaut von dem einzigen , vor dem er seine Blöße hätte verhüllen mögen . Denn die Dankbarkeit , wie jede echte Liebe , ist keusch . » Durch eine förderliche Fügung « , fuhr der Vater fort , » ist dein Blick auf einen Beruf gelenkt worden , welcher dem von dir bisher in das Auge gefaßten zuwiderläuft und welchen du urplötzlich als den dir natürlich eingeborenen erkennst . Hättest du ihn ohne jene Fügung verfehlen können , wenn er wirklich deine Grundbestimmung gewesen wäre ? Und warum willst du eine Entscheidung vom Zaune brechen , da sie dir nach einer Probezeit als reife Frucht in den Schoß fallen muß ? Es sind nur wenige Gebiete , auf denen in unserem kurzen Hienieden ein gründlicher Forschersinn heimisch zu werden vermag ; aber je eines mehr ist eine Verdoppelung unserer Existenz . Warum willst du nicht ein paar Jugendjahre daransetzen , um jenes dir vorbestimmte Gebiet zu prüfen , das , wie dunkel und begrenzt es auch erscheint , doch des Menschen ewigstes Anliegen umfaßt ? Ist es dir denn verwehrt , daneben oder danach auf jenes andere abzuschweifen , das klar überschaubar , sich dennoch in das Grenzenlose verliert und in Ewigkeit ein Bruchstück bleiben wird ? Warum willst du den seltenen Vorzug nicht nützen , deine Kräfte nach zwei diametral entgegenlaufenden Richtungen hin zu prüfen ? « » Aber die Zeit , die mir auf diesem Kreuzwege verloren geht , Vater ? « wendete Dezimus schüchtern ein . » Ich könnte nahe dem Ziele stehen , wo ich dort vor einem Anfang stehe . « » Doch als ein gefesteter Mann , der ohne Fehltritt weiterschreitet . Wohl dem Jüngling , der nicht mit seinen Lehrjahren zu geizen braucht . « » Und dann , Vater , und dann - beraube ich nicht einen Bedürftigen , wenn ich eine Wohltat zwecklos vergeude . « Der Greis blickte zuerst betroffen vor sich nieder , darauf aber mit einem vollen Liebesblick auf den Sohn , und endlich sprach er in freudigster Entschiedenheit : » Ich danke dir für dieses Wort , mein Sohn . Es soll mir als Schiedsspruch gelten , daß ich deine Wiege an den rechten Platz gerückt habe und daß ich als dein Vater verpflichtet bin , die völlige Reife der Entwicklung von dir zu fordern . Ach , mein Kind , das Leben hat nicht Sonnenschein für alle , und wir berauben jedesmal einen Bedürftigen , wenn wir uns einer Himmelsgunst erfreuen . Wo aber wäre ein Mensch ohne solche Selbstsucht fertiggeworden ? Und sich selber fertigbringen , soweit die eingeborene Gestaltungskraft reicht , ist des Menschen oberstes zeitliches Gesetz , denn nur nach dem Maße seiner Fertigkeit wirkt er . « Der Greis machte eine kleine Pause ; dann fuhr er fort : » Bei deiner ruhig wägenden Gemütsanlage , bei der engen Umfriedigung deines bisherigen Daseins würdest du es nur zu einer einseitigen Ausgestaltung bringen , wenn du mit dem ersten Schritt in die Freiheit dich einbürgertest in einem abstrakt ideellen Reich , in welchem es wohl gilt , stetig vorwärts zu dringen , aber nicht zu ringen , wohl zu wägen , aber nicht zu wagen . Leben aber , Mannesleben , heißt Kampf und Kampfes Zeuge sein . Ein solcher Ringkampf um der Menschheit höchste Güter ist nun aber , ohne daß du es ahnetest , während deiner Knabenjahre aufgelodert und wird in deinen Mannesjahren noch nicht ausgelodert sein . Auf weltlichem Gebiet wie auf dem geistlichen , in welchem du deine Schule durchzumachen hast , stehen die Parteien widereinander unter dem Feldgeschrei : Hie Freiheit , hie Autorität ! Aus kindlicher Ferne hast du in dem Propst von Hartenstein und Professor Zacharias zwei bedeutende Männer kennen lernen , die dir als Chorführer gelten dürfen . Zwischen ihnen aber streifen Plänklerscharen , diesseit wie jenseit sich berufend auf das nämliche Schiboleth , aber haarspaltend miteinander , hadernd um die Heischungen des Gemütes , des Verstandes , ja der kennzeichnenden Uniform . Auf einen dieser Tummelplätze sende ich dich nun , mein Sohn , um dir , soweit es dem Menschen gegeben ist , eine reine Lösung für den eigenen Geist zu erringen . Denn eine beherrschende Stellung wird kein Heutiger mehr erreichen ; noch niemals hat die Menschheit drei Jahrhunderte zurückgelebt . Die segenfördernde Macht des Gottesgedankens , die ewige Botschaft der Barmherzigkeit in der Seele deines Volkes in bescheidenem Umkreis rege zu erhalten , ihm ein Lehrer , ein Tröster , ein Freund und Vorbild zu sein , das und kein glänzenderes ist dein Ziel auf der von Kind ab vorgezeichneten Bahn . Solltest du während derselben erkennen , daß sie weder dich noch andere zu jenem Ziele führen würde , sollten berechenbare Messungen dich stärker locken als das Geheimnis des Wortes , das du zu ergründen und zu verkünden hast , dann , aber nur dann , ist es nicht bloß dein Recht , sondern deine Pflicht , auf jener sich kreuzenden Bahn vorwärts zu dringen nach dem Urgesetz der Wahrhaftigkeit . So ziehe denn aus , mein Sohn , und wie du nach treuer Arbeit dich entschieden haben magst , du kehrest heim , des bin ich getrost , als unser gesegnetes , unser glückliches Johanniskind . « Lächelnd