habe ich heute ein Pflänzlein gefunden , gepflückt und hier auf meine Mappe gelegt . Mich reut der Mord . Es ist so frisch und hold gestanden am Rain und hat seine kleinen Arme ausgestreckt , den lieben Sonnenschein zu umarmen . O , zürne mir nicht , du liebholdes Wesen , du bist in deiner Jugend gestorben , es hat dir ein Menschenauge gelächelt , es hat dich ein Menschenherz geliebt ... Und so geht es mir . Zu schluchzen hab ' ich angefangen , ich altes Kind . Und das heißt Pflanzenkunde treiben ? - Andreas , für die Wissenschaft bist du ganz und gar nicht zu brauchen , du bist ein Träumer . Letztlich habe ich wieder einmal das Zeichnen versucht , habe eine Karte von den Winkelwäldern gemacht . Hätte ich nur auch die Meßkunst gelernt ; das gäbe jetzt ein anregendes und nützliches Geschäft . Denn diese Gegend muß nun doch auch der Welt zurechtgelegt werden . Waldlilie im See Maria Himmelfahrt 1835 . Jählings ist was Unvorhergesehenes gekommen . Vor mehreren Tagen erhalte ich ein Schreiben von meinem einstigen Schüler , unserm jetzigen Herrn . Hermann schreibt mir , daß er jene Kräuter , die ich ihm von einem Holzer gesandt , richtig verwendet habe und seither eine Linderung in seinem kränklichen Zustande empfinde . Dieser Umstand habe ihn auf den Gedanken gebracht , das Gebirge , welches er bisher ohnehin noch nicht kenne , zu besuchen und in der milden Frühherbstzeit einige Tage daselbst zuzubringen . Er beabsichtige ganz allein zu reisen , denn die Menschen , namentlich die Städter , seien ihm unsäglich zuwider ; das sei wohl eine Eigenheit seines abgespannten Zustandes , aber er könne sich derselben nicht entschlagen . An der Welt habe er sich krank genossen ; in der Ursprünglichkeit der Alpen , in ihren Wildnissen wolle er Heilung suchen . - Er erinnere sich noch an mich , seinen ehemaligen Lehrer ; er erinnere sich auch meiner Verdienste um die Winkelwäldler , und er bitte mich nun , ihm im Gebirge ein Führer zu sein und mich an dem bestimmten Tage in der Ortschaft Grabenegg einzufinden . Grabenegg , eine gute Tagereise von hier entfernt , ist keine Ortschaft ; es sind nur einige Steinschlagerhütten , die an der Zillerstraße stehen und von einem dort auslaufenden Berggraben den Namen haben . Ich habe mich denn an dem bestimmten Tag in Grabenegg eingefunden , habe dort den Waldherrn erwartet , der in einem gemieteten Wagen auch richtig angekommen . Dann bin ich mit ihm weiter gegen das Hochgebirge gefahren . Der Herr hat mich völlig erschreckt ; ich habe ihn schier nicht mehr erkannt , aber er hat mich auf den ersten Blick als den Andreas begrüßt . Sein Gruß ist höflich gewesen , und der arme Mann ist lebenssatt . Bis zum ersten Felsentore führt der Fahrweg . Hier hat der Herr das Fuhrwerk zurückgeschickt und wir sind auf rauhen Steigen , wie sie das Hochwild getreten , in die Wildnis hineingegangen , auf deren Höhen die Eisfelder liegen . Der Herr ist vorangeschritten , fast finster und trotzig , zuweilen mit der Begier des Jägers , der dem Hirsch auf der Fährte ist . Ich habe nicht gewußt , wohin und was der Mann will ; er auch nicht . Ich habe gewaltige Angst gehabt , daß wir für die Nacht kein Obdach finden könnten , habe dem Herrn dieses Bedenken mitgeteilt , er hat darüber eine Lache geschlagen und ist weiter gestürmt . Da ist mir jählings der Gedanke beigefallen : Andreas , du wanderst mit einem Irren ! - Wäre der graue Zahn vor mir niedergestürzt , so sehr hätte mein Herz nicht erschrecken können , als vor diesem Gedanken . Ich habe gefleht und gewarnt , ich habe ihn nicht zu halten vermocht ; nur an Hängen ist er stehen geblieben , hat einen Blick in den Abgrund getan , um sofort wieder weiter zu eilen . Alle Glieder haben ihm gezittert , große Tropfen sind ihm auf der Stirne gestanden , als er in der Abenddämmerung an einer Felsenquelle zusammengebrochen ist . Ich habe in derselbigen Stunde meinem lieben Gott alles , alles versprochen , wenn er uns ein Obdach finden ließe . Er hat mich erhört . Unweit der Quelle habe ich in der Kluft zweier Wände eine Klause entdeckt , wie solche gerne von Gemsjägern aufgerichtet und zum Schutze benützt werden . Und unter diesem Dache , mitten in den Schauern der Wildnis ist ein Feuer angemacht und dem Freiherrn aus Moos und Strauchwerk eine Ruhestätte bereitet worden . Wir verzehren , was wir bei uns haben , und trinken Wasser . Als das Mahl vorüber ist , lehnt sich der Herr aufatmend an die Mooswand und haucht : » Das ist gut , das ist gut ! « Und nach einer Weile richtet er sein Auge auf mich und sagt : » Freund , ich danke Ihnen , daß Sie bei mir sind . Ich bin krank . Aber hier werde ich genesen . Das ist ja das Wasser , von dem der angeschossene Hirsch trinkt ? - Ich hab ' es toll getrieben - toll ! Ist kein Spielzeug , der Mensch . Schließlich bin ich zum Glücke den Ärzten entkommen . Ich mag in keinem Metallsarg liegen , er riecht nach Prunk , nach erkünstelten Tränen - pfui ! « Zu meinem Troste ist er bald eingeschlummert . Ich habe die ganze Nacht gewacht und auf Mittel gesonnen , den armen , kranken Mann unter Menschen zu bringen . Wir sind weit ab ; wollen wir nach Winkelsteg , so müssen wir über das Gebirge . Am andern Morgen , als ich bereits ein neues Feuer angemacht habe und als schon Sonnenstrahlen durch die Fugen blicken , erwacht der Mann , übersieht anfangs wie staunend seine Lage und sagt : » Guten Morgen , Andreas ! « Hierauf hebt er sogleich an , sich reisefertig zu machen . » Ich will auf den hohen Berg steigen , den sie den grauen Zahn heißen , « sagt er , » ich will diese Welt einmal von oben ansehen . Begleiten Sie mich und machen Sie , daß wir noch einen oder zwei Männer mitbekommen . Haben Sie keine Sorge meinetwegen . Gestern ist ein böser Tag gewesen . Wie gehetzt bin ich durch die wüsten Gegenden gezogen , ohne Ziel . Mir selber hätte ich entrinnen mögen , wie ich denen da draußen entronnen bin . Der ganze Jammer meines Elends war über mich gekommen . Aber diese Luft heilt mich - oh , diese reine heilige Luft ! « Als wir aus der Klause treten , müssen wir die flachen Hände über die Augen halten . Es ist ein mächtiges Leuchten . Die Äste des Tanns allein verschleiern noch das Licht , in den Schatten des Geflechtbodens zittern Tautropfen . Viele davon trinken schon von den glühenden Quellen der durch das Geäste rieselnden Sonne . Auf den Wipfeln jauchzen die Vogelscharen . Eichhörnchen hüpfen herum und lugen nach Morgenbrot und Gespielen . Da lächelt Hermann . Wir schreiten weiter . Wie lichtes Nebelgrau schimmert es uns zwischen den Stämmen entgegen . Ein fast lauer Lufthauch zieht . Da lichtet sich jählings der Wald und jeder Baum am Rande streckt seine Arme aus - weist lautlos vor Ehrfurcht , ein wunderbares Bild . Ein stiller See liegt da , weit hingedehnt , blau , grün , schwarz - wer kennt die Farbe ? An den Ufern der Morgenseite erhebt sich über graues Gestein der dunkle Bergwald , mild umschleiert von den Lichtfäden der Sonne . An dem gegenüberliegenden Strande baut sich eine ungeheuere Felswand , hinter der sich Höhen und Höhen , Hänge und Hänge schichten , bis hinan zu den höchsten Riffen und Zinnen und Zacken am Saume des blauen Himmels . Mannigfaltig und herrlich über alle Beschreibung zieht sich das Hochgebirge hin in einem Halbrund . Hier unten noch Lehnen , Rasen und samtgrüne Filze der Wacholdersträucher . Dann die milchweißen Fäden der niederstürzenden Wasserfälle , deren Tosen von keinem Ohr vernommen in den Räumen der Lüfte verhallt . Dann die Geröllfelder , die Schuttrisen , jedes Steinchen klar gezeichnet in der reinen Luft ; dann Klüfte mit Schatten , mit Schründen , mit Schnee ; dann verwitterte Felsgestalten , wild und hochragend , dämonenhaft in ihrer Ungeheuerlichkeit und ewigen Ruhe . Ein Steinadler schwingt sich im Blau , jetzt wie ein schwarzer Punkt , jetzt wie ein silbernes Blättchen umkreist er eine Felsenspitze . Und in den hintersten Höhen aufgerichtet , sanft lehnend , lichte Gletscher und rötlich leuchtende Tafeln der Wände , in welchen der Griffel der Zeit stetig meißelt , um einzugraben in den Bau der Alpen die ewige Geschichte und die ehernen Gesetze der Natur ... Ich sehe es noch , sehe alles noch vor meinen Augen - es ist der See im Gesenke mit dem Bergstocke des grauen Zahn . Ich habe Ähnliches schon geschaut , und dennoch hat mich die Herrlichkeit fast erschreckt . Der Freiherr aber steht da wie ein Stein . Seine Augen haben sich verloren in dem unendlichen Bilde ; seine Lippen saugen bebend die Seeluft ein . Danach sind wir hinabgestiegen zu den Ufern des Sees . Hier plätschert das Wasser an den stumpfkantigen Steinen . » Der See kann auch wild sein , « hat hier der Herr bemerkt , » sehen Sie , wie weit den Hang hinan die Steine glatt geschwemmt sind ? « Aus diesen Worten habe ich ersehen , daß Hermann ein verständiges Auge für die Natur besitzt . - Freilich , freilich kann dieser See ein wüster Geselle werden , so mild und lieblich er heute ruht . - - - Und jetzt kommt jählings das Wundersame . Dort unten , wo das Gebüsche der Wilderlen in den See taucht - dort guckt ein Menschenhaupt aus dem Wasser hervor ! Es hebt sich das Haupt und von den braunen , langen Locken und von dem blühenden Antlitz rieseln die Tropfen der Flut . Hals und Nacken sind ein wenig sonnengebräunt , aber die sanftgebauten , wiegenden Achseln schimmern durch das Wasser wie schneeweißer Marmor . Ein junges , schönes Weib , eine Wasserjungfrau ! Weiß Gott , ein Dichter könnt ' einer werden ! So was Schönes ! - Und es hat sich noch mehr zugetragen . Der Waldherr ist kurzsichtiger als ich und hat sich dem Bilde genähert ; in demselben Augenblick ist die Gestalt untergesunken und nur die Erlen haben gefächelt über dem Wasser und sonst haben wir nichts mehr gesehen . Hermann starrt mich an . Ich starre in den See . Der wirft im Lufthauche leicht wuppende Reifen , ist hier spiegelglatt , dort zitternd . Und das Haupt taucht nicht mehr hervor . Minuten vergehen . Ich spähe mit Herzklopfen nach dem badenden Wesen , wer weiß , ob es schwimmen kann ? Mir fährt es durch den Kopf : Wie , wenn sich das Mädchen aus Schamgefühl im Wasser vergräbt ? Nach einer Weile der Angst und Not habe ich das atemlose Kind aus den Wellen hervorgezogen . - Mit der wenigen Erfahrung , die uns zu Gebote steht , haben wir sein Leben wieder erweckt , sein siebzehnjähriges Leben . Und siehe das wildscheue Wesen ! Kaum erwacht und von unseren Händen bekleidet , hat ihm die Angst Kraft geliehen , ist es aufgesprungen und hingeflohen am Waldhange . Der Herr hält sich den Kopf mit beiden Händen . » Andreas ! « ruft er , » mein Übel kehrt wieder ; ich habe Erscheinungen , eine Fee habe ich gesehen ! « » Das ist keine Fee , « gebe ich ihm zur Antwort , » das ist die Tochter jenes Holzers , der dem gnädigen Herrn die Kräuter geschickt hat . « Die Waldlilie ist es gewesen . Einige Tage später . Heute ist der Herr mit dem Schimmel des Grassteiger davongefahren . Aus der Besteigung des Zahns ist nichts geworden . Als uns am See die Waldlilie entschwunden gewesen , hat Hermann gesagt : » Mein Schicksal ist gekommen ; ich steige nicht auf den Berg . Führen Sie mich in Ihr Winkelsteg , Andreas . « Und in Winkelsteg ist er drei Tage verblieben , hat unsere Einrichtungen betrachtet und zum Teile belobt , hat viel von unserem Wasser getrunken . Die Leute haben es nicht glauben wollen , daß das der Waldherr sei ; ein Weiblein hat gemeint , der Waldherr müsse einen goldenen Rock tragen , und dieser Mann hat einen aus braunem Tuche . Sein Gesicht ist wie mit Asche bestreut , aber unter der Asche merke ich Funken . Vor wenigen Tagen habe ich gesagt , er sei lebenssatt ; heute meine ich schier , er sei lebenshungrig . Es ist recht seltsam . Gestern hat er den Berthold zu sich gerufen , daß er ihm das Heilkraut bezahle . Der alte Rotbart ist längst im Ruhestand , so ist der Berthold Förster in den Winkelwäldern geworden und wohnt nun mit den Seinen im Winkelhüterhause . In wenigen Tagen wird die kirchliche Trauung des Försters mit dem Weibe Aga still vollzogen werden . So hat es der Herr angeordnet . Zu tausendmal freut es mich : Hermann hat eine kerngesunde Seele ; ein Kranker kann so rasch und sicher nicht handeln . Aber ein absonderlicher Mensch ist er doch . Ehe er davonfährt , kommt er zu mir in das Schulhaus , zieht mich zu sich auf eine Bank nieder und sagt : » Schulmeister ! sie hat ihr Magdtum höher gehalten , als ihr Leben ; hätte ich denn geglaubt , daß es ein solches Weib gibt auf Erden ? Sie , Erdmann , haben voreinst die Welt von unten herauf kennen gelernt . Ich habe die Welt von oben hinab durchschaut . Wir sind ihrer beide satt . Mir ist nichts Außerordentliches widerfahren , Erdmann , ich habe nur gelebt - bis an die Grenzen des Wahnsinns . Ich gehöre auch herein in diesen Wald - Andreas - ich gehöre auch herein ! Aber ich muß wieder zu meinem alten Vater . Gott bewahre , daß ich sie mit mir nehme ! Glückselig , daß sie die Welt nicht kennt ! Ihnen vertrau ' ich sie , Schulmeister . Hat sie das Bedürfnis , einiges zu lernen , so lehren Sie sie ; hat sie das Bedürfnis nicht , so ehren und bewachen Sie sie wie eine wilde Lilie im Wald . - Und bewahren Sie das Geheimnis , Schulmeister . Wenn ich genesen kann , so werde ich wiederum kommen . « Und nachdem er mit seinen mächtigen Worten die großen Änderungen vollzogen hat , ist er mit dem Knecht und dem Schimmel des Grassteigers gegen Holdenschlag gefahren . Andere hat das Leben , wie es unser junger Herr geführt , zugrunde gerichtet ; ihn hat es zum Sonderling gemacht . Sein tief angelegtes Wesen ist zwar erschüttert , aber nicht gestürzt worden . An demselben Tage , als des Morgens Hermann von hier abgereist ist , sind drei Steckbriefe angekommen . - - Der junge , gnädige Herr von Schrankenheim , seit längerer Zeit schon an Schwermut leidend , sei in Verlust geraten . Aller Wahrscheinlichkeit nach sei er in das Gebirge gezogen , denn er habe sich mit Kleidern versehen , wie sie Bergreisende tragen . - Und nun sind die Kleider , ist mein ganzer lieber Zögling Hermann beschrieben gewesen , so genau wie ein entsprungener Sträfling . Gut , er wird ja zurückkehren . Er hat seine Waldbesitzungen bereist , was weiter ? Sollt ' er denn just in der Weise der Reichen reisen ? Sollte ein Schrankenheim denn niemals aus seinen Schranken treten dürfen . Das ist einmal ein Herr für Winkelsteg , Gott sei Dank ! Und mir ist Heil widerfahren , ist ja doch der Berthold und seine Familie gerettet . Ich habe die Leute so schwer auf meinem Gewissen getragen . Die unklaren Worte unseres Waldherrn , die er mir bei seinem Abschiede gesagt , sind zum Teile klar geworden . Die Waldlilie besucht das Schulhaus , und wir üben uns im Lesen und Schreiben und allem , was daranhängt , so weit ich selber Bescheid weiß . Sie ist gar fleißig und gelehrig , kann selbständig denken und wird von Tag zu Tag noch schöner . Fürs erste in sie in ihren Namen hineingewachsen und hat etwas von einer Lilie an sich ; so schlank und weiß und mild , und doch verspürt man auf ihren runden Wangen den Kuß der Sonne . Fürs zweite ist ihr von den Rehen jener Winternacht was geblieben , die anmutige Behendigkeit und das Auge ... Du , Andreas ! Siehst du jeden deiner Schüler so genau an ? Ja , sie gefällt aber allen . Sie gefällt den Armen , den sie beizustehen weiß . Manchen Traurigen hat sie schon getröstet durch ihre warmherzigen Worte ; manchen Verzagten hat sie erheitert durch ihren liebholden Gesang . Und es ist zu herzig , alle Kinder von Winkelsteg kennen die Waldlilie und hängen ihr an . Tät ' nur der Pfarrer noch leben , der hat an so Leuten seine Freude gehabt . Und ritterlich ist das Mädchen ; trutz wilder Tiere und böser Leute steigt sie im Gebirge umher , um Früchte und Pflanzen zu sammeln . Es steht ja geschrieben auf ihrer Stirne : » Machtlos ist vor dir alles Böse ! « Letztlich bringt sie mir eine blaue Enziane mit hochroten Streifen , wie solche nur drüben im Gesenke wachsen . » Bist du wieder am See gewesen , Lilie ? « frage ich . Da wird sie rot wie die Enzianstreifen und läuft davon . Etwan hat sie es gar nicht gewußt , daß ich einer jener Männer bin , von denen sie in ihrem Wildbade überrascht worden , vor denen sie sich in ihrer Not in die Tiefe des Sees geflüchtet , und von denen sie der eine ans trockene Land gezogen hat ? Der Vorfall muß ihr wie ein Traumbild sein , er möge nie mehr erwähnt werden . Aber von dem Waldherrn , der ihre Familie aus Not und Armut gezogen , spricht sie mit Freude und Begeisterung . Zur Auswärtszeit 1837 . Es hat sich erfüllt . Die Anzeichen sind in der Luft . gelegen seit jenem Tage im Vorsommer , an welchem Hermann , wie neu erwacht zum gesunden Manne , in Winkelsteg wieder angekommen ist und als sein erstes mich nach der Waldlilie gefragt hat . Er findet keinen Gefallen mehr an den lauten , schwelgenden Kreisen , von so vielen die » Welt « genannt , aber nichts weniger , als die Welt bedeutend . Den Wendepunkt hat er überstanden . Er ist eingetreten in das gereifte Leben , in welchem man nach der Schönheit der Schöpfung und nach dem inneren Werte des Menschen frägt . - Die Waldlilie ist eine wundersam schöne Jungfrau geworden , und meine Mühe um die Ausbildung ihrer Seelenanlagen ist herrlich belohnt . So hat es sich erfüllt . Der Schrankenheimer hat seine Schranken durchbrochen . Vor zwei Tagen , am Feste der Himmelfahrt des Herrn , ist in unserer Kirche der Waldherr mit der Waldlilie getraut worden . Hermann hat drüben am See im Gesenke ein Sommerhaus bauen lassen wollen , um mit seiner Gattin alljährlich einige Frühherbstwochen daselbst zu wohnen . Aber die Waldlilie hat ihn gebeten , das zu unterlassen . Sie liebe jene Gegend , aber sie könne den See nicht besuchen . Sie haben uns verlassen und sind davongezogen in die schöne Stadt Salzburg . Im Winter 1842 . In Einöde und Einförmigkeit vergehen die Jahre ; warum nennt mich niemand den Einspanig ? Die junge Frau hat sich seither doch besonnen , am See im Gesenke steht das Sommerhaus . Da geht es in den Wochen des Frühherbstes gar lebendig zu , und die Bergwände bewachen das Familienglück unseres Herrn . Der Förster , Vater Berthold mit seinem Weibe wohnt jahraus , jahrein in dem Hause am See , und die Geschwister der Frau von Schrankenheim dürfen auf ein besseres Los hoffen , als jenes , von dem ihnen an der Wiege ist gesungen worden . Der alte Herr von Schrankenheim hat noch zwei Enkel gesehen , ehe er zu Salzburg im Winter des Jahres 1840 verstorben ist . Winkelsteg hat durch das Haus im Gesenke nichts gewonnen . Dorthin ist eine gute Straße gebaut worden , von dort aus werden die Wälder bewacht und die Arbeiten geleitet . Dorthin kommen die Besuche fremder Herrschaften , dort werden die großen Jagden angestellt . Das Haus in dem voreh so öden und verrufenen Gesenke ist das Herrenhaus ; und Winkelsteg bleibt die arme Bauern- und Holzschlägergemeinde , und die Zustände zu Winkelsteg werden nicht besser , und der Schulmeister zu Winkelsteg ... Laß das gut sein , Schulmeister . Vor einiger Zeit habe ich mir aus vielen Papierbogen ein Schreibebuch zusammengeheftet und es zum Schutz mit Deckeln aus weißem Lindenholze versehen . In demselben führe ich nun ein heimliches Leben , von dem niemand was weiß1 . 1. August 1843 . Heute nacht ist dem Reiterbauer in den Karwässern ein Knäblein geboren worden . Sie haben es zur Taufe gebracht . Da der Pfarrer auf einige Tage verreist und das Kind schwächlich ist , so habe ich ihm die Nottaufe gegeben . Auf den Wunsch des Vaters bin ich gleich auch der Pate gewesen . Die drei lieben Herrgottsgroschen , meine Erbschaft von der Muhme , vormaleinst auch mein Patengeschenk , jetzund soll sie der kleine Peter haben . Im Sommer 1847 . Als ich in den Wald gekommen bin , habe ich die Menschen zerstreut , verkommen , ungezählt gefunden . Heute sehe ich ein neues Geschlecht . Um die Kirche steht ein Dorf . Um das Dorf stehen Apfel- und Birnbäume und tragen Früchte ; in allen Winkeln ist versucht worden , aus Wildlingen Edelbäume zu ziehen ; großenteils ist es gelungen . Zum Sonntag kommen schmucke Menschen aus allen Gräben . Die Männer tragen in ihrer Eigenart schwarze Knielederhosen und grüne Strümpfe ; die Weiber bauschige Samtspenser und wunderspaßhafte Drahthauben mit Vergoldung und Bänderwerk . Das ist keine Kleidung mehr , wie sie im Walde wächst . Sonst haben sie die Leinwand von ihren Flachsäckern , den Loden von ihren Schafen , das Schuhleder von ihren Rindern , die Felle und Pelze von ihrem Wildstande getragen ; heute streichen Hausierer in den Winkelwäldern um , schleppen wertvolle Rohstoffe fort und lassen Prunk und Flitter dafür da . Zum Probieren , » aus Spaß « haben die Leute anfangs die neuen unzweckmäßigen Dinge genommen , heute haben sie sich hineingelebt und der Spaß ist Ernst geworden . Die Jungen sind wohl weit vielseitiger , als die Alten , aber auch weit anspruchsvoller ; auch haben sie mir zu wenig Sinn und Ehrfurcht für das Alte , aus dem sie hervorgegangen sind . Nur den Tabak rauchen sie und den Branntwein trinken sie noch , wie es die Alten haben getan . Was kann der alte Schulmeister allein machen ? Ach , lebte mein Pfarrer noch ! Der kleine Reiter Peter , mein Patenkind , ist ein ganz netter Junge ; aber es ist ein Unglück mit ihm geschehen , er hat durch einen Fall aus dem Bette die Stimme verloren . Gerne wollte ich ihm die meine überlassen , für mich hat sie keinen Anwert mehr . Des alten Schulmeisters Stimme ist heiser geworden , da wird nicht mehr auf sie geachtet . Im Frühjahr 1848 . Ich weiß nicht , wie das für mich nun werden wird . Ob es nicht am besten wäre , ich nähme auf einige Wochen Urlaub und ginge davon . Draußen zieht das Kriegsvolk , in den Städten verrammeln sie die Gassen und die Straßen und reißen die Paläste ein . Eben deswegen kommt sie ja . Die Frau des Feldherrn kommt , Hermanns schöne Schwester , die mich so hat närrisch gemacht . Im Hause am See ist kein Platz mehr , so flüchtet sie sich mit ihren Kindern zu uns . Das Winkelhüterhaus wird für sie eingerichtet . Wie danke ich Gott , daß unser Winkelsteg ihr eine Zuflucht bieten kann in dieser Zeit ! Ich will denn doch nicht weggehen . Will bleiben und sehr stark sein und mich nicht verraten . Ich will ihr einmal recht ins Auge schauen , ehe ich sterbe . Ich sehe es wohl , Gott meint es gut mit mir . Ihr Auge wird die dunkelnden Waldberge lichten , ihr Atemhauch wird die Alpenluft mildern und weihen . Und zieht sie auch wieder davon , Winkelsteg , wo sie geweilt , wird meine Heimat sein . Vor den Eingang des Hauses bauen wir einen schönen , hohen Bogen aus Tanngezweige , und wir bekränzen den Altar in der Kirche . Alles wird fein bereitet , aber kein Mensch denkt daran , daß die Steine aus dem Wege geschafft werden müssen . Solche Frauen haben zartere Füße als unsereiner im Gebirge . Jetzund klaube ich schon einen Tag und zwei Nächte an den Steinen des Weges . Die Leute laß ich lachen und es ist nur gut , daß der Mond scheint . Einige Tage später . Jetzt sind sie da . Sie und die zwei Kinder und die Dienerschaft . Da hätte ich freilich die Seine nicht wegzuräumen gebraucht ; sie sind mit Roß und Wagen gekommen . Bei der Ankunft sind schier alle Winkelsteger auf dem Platze versammelt gewesen . Der Pfarrer hat eine Begrüßung gehalten ; ich habe mich in das Schulhaus verkrochen . Aber ich bin im Herzen erschrocken ; just vor meinem Fenster sind sie ausgestiegen , und da hab ' ich gemeint , sie wollten zu mir herein . Ich habe sie sehr gut gesehen ; sie ist ja noch jünger geworden . Kaum aus dem Wagen gehoben , läuft sie einem Falter nach . - Das ist aber ihre jüngste Tochter gewesen . Sie selber ... Bei meiner Treu , ich hätt ' sie nicht mehr erkannt . Sie hat alte Spiegel mit goldenen Rahmen , aber so treu ist keiner , daß er , wie mein Herz , ihr herrliches Bild so bewahrt hätte bis auf den heutigen Tag . Das Bild ist jetzt verloschen und meine Jugend wie Nebel zergangen . Brachmonat 1848 . Gestern bin ich den ganzen Tag im Gebirge herumgestiegen , bin gar auf dem Zahn gewesen . Unterwegs hab ' ich mich zehnmal gefragt : warum steigst du hinauf , du altes Kind ? - Oben wird die Antwort sein , hab ' ich gedacht . Ich habe Alpenkrone gesehen , ich habe in die blauende Tiefe des Gesenkes geblickt , wo an der schwarzen Tafel des Sees das Herrenhaus liegt , ich habe gegen Mittag hin mein Aug ' angestrengt , mein schon recht schwaches Aug ' aber - es ist gar umsonst . So oft ich hinauf mag klettern , das Meer hab ' ich noch immer und immer nicht geschaut . Man soll es sehen können , heißt es , aber an einem klaren Wintertag . - Jetzund hab ' ich sonst nichts mehr zu wünschen , so will ich das eine noch . Bei meinem Herabsteigen habe ich einen Strauß von Alpenrosen , Edelweiß , Kohlröslein , Speik , Arnika und anderen Blumen und Pflanzen gesammelt , hab ' ihn vornehm auf meinen Hut gesteckt , wie ein tollverliebter Bursch . Für wen trägst du den Buschen heim ? - Ich ? für Weib und Kind . - Hei , du verrückter Alter , du ! Aber , wenn ich weg von ihr bin , wie da oben auf der Alm , so sehe ich doch wieder , daß sie hold ist . - Einen Alpenblumenstrauß wird sie von mir nehmen , ich will ja recht artig und nicht zudringlich sein . - Hätt ' ich nur eine einzige Ader von dem alten Rüpel , wie wollt ' ich ein Lied hersagen , das sich zum Strauß tät ' schicken ! - So meine Gedanken ; es ist schrecklich , wie ich noch übermütig bin . Wie ich herabkomme zur Lauterhöhe , wo der Schirmtanner ein Kreuz hat setzen lassen und wo heute auf dem Waldanger des Holzmeisters Rinder grasen und lustig dabei schellen , setz ' ich mich zur Rast unter einen Baum . Ich gucke auf einen arg verwüsteten Ameisenhaufen hin . Nur wenige der Tiere kriechen ratlos herum auf der Trümmerstätte ihres Fleißes . Ich merke es , ein Ameisengräber ist dagewesen , hat den herrlich eingerichteten Staat zerstört und beraubt . Mit den geraubten Eiern füttert er gefangene Vögel , die frei sein sollten im Himmelslichte , die aber in der Gefangenschaft schmachten ihr Lebtag lang , weil sie das Unglück haben , die Lieblinge der Menschen zu sein . Es ist die Sage , daß über den Grabhügel eines Ameisengräbers keine Ameise geht . Aus dergleichen Gedanken weckt mich ein Zupfen an meinem Hut ; ich wende mich , um zu sehen , wer mich neckt . - Eine braune Kuh steht da und zerkaut meinen Alpenstrauß . Bin aufgefahren , hab ' das vorwitzige Rind mit meinem Stab wollen züchtigen , da fällt es mir ein : gutes Tier , etwan machen meine Blumen dir mehr Vergnügen , als ihr ; so gesegne dir sie Gott ! Sie trinkt dafür deine gute Milch . Als ich zum späten Abend in das Dorf herabkomme , sind ihre Fenster hell beleuchtet . Einen Spaß muß man auch haben . Einer von den Bedienten der Frau , der Jakob , ist ein Kreuzköpfel . Können tut er alles ; er kann musizieren , kann schneidern und schustern und kann zeichnen ; gar Komödie spielen kann er . Die Frau muß aber