ich sah sie von einem Schauder befallen , als wir auf einer unserer seltenen gemeinsamen Wanderungen durch die Stadt einer Schar tobender Waisenknaben begegneten . Als ich ihr nach 1806 - nicht zu meiner , nur zu ihrer eigenen Ausfüllung - den Vorschlag machte , eine Soldatenwaise zu adoptieren , da war ein Krampfanfall ihre Antwort , und nachdem die Sprache wieder zurückgekehrt war , sagte sie nichts als mit der flehendsten Gebärde : Bitte , bitte - nein ! Man gewöhnt sich an solchen Zustand , Fräulein Hardine . Mein Berufsleben wurde immer absorbierender . Ich war häufig auf Reisen , und wenn in Berlin , oft nur minutenweise in meinem Hause anwesend . Da bemerkte ich es denn kaum , daß sie von Jahr zu Jahr stiller und in sich gekehrter ward , ja daß wohl Tage vergingen , ohne daß ich einen Laut von ihren Lippen vernahm . Das Alter macht naturgemäß schweigsam , und was hätten wir im Grunde uns auch mitzuteilen gehabt ? Sie erlebte zuwenig und ich zuviel , aber doch nicht das , was zu häuslichem Austausch sich eignete . Die beängstigenden Zufälle hörten allmählich auf , ich fühlte mich beruhigt - bis , ja , es mögen jetzt drei Monate sein - Da konnte ich mir denn nicht länger verbergen , daß die stumme Apathie in eine seltsame Aufregung umgeschlagen war . Sie ging den ganzen Tag im Zimmer auf und ab und saß die Nächte mit offenen Augen in ihrem Bette , oder ich traf sie wohl auch nachts leise auf und nieder wandelnd . Mahnte ich sie zur Ruhe , so gehorchte sie ohne Widerspruch , legte sich und stellte sich schlafend . Sobald ich aber in meine Kammer zurückgekehrt war und sie sich unbeobachtet glaubte , richtete sie sich auf und begann ihre Wandelgänge von neuem . Sie schlummerte nicht , sie fragte nach nichts und antwortete nur mit stummen , aber deutlichen Gebärden ; sie nahm nur gezwungen die notdürftigste Nahrung . O daß das arme Hirn in dieser Zersetzung sich leise erschöpft hätte , aber seit gestern - - « » Seit gestern ? « drängte ich gespannt . » Seit gestern - - « Ein schriller Schrei aus dem Nebenzimmer unterbrach ihn . Er sprang auf und lauschte hinter dem Vorhang an der sacht geöffneten Tür . » Wer faßt es , Fräulein Hardine , « sagte er darauf , als es drinnen wieder still geworden war , » wer erträgt es , die friedfertigste Kreatur enden zu sehen unter den Qualen einer Mörderin , sie mit Gewalt vom Äußersten abhalten zu müssen , - - o Gott , Gott ! gestern in der Dämmerstunde ein unbewachter Moment , und - sie würde - - « Der Mann konnte nicht weiter ; auch ich stand erschüttert bis ins Mark . Seit Monden , wo der Sohn , eine Mutter suchend , das Land durchwanderte , und gestern , gestern , da er im Wahn seine Hand nach einer anderen ausstreckte , - - darf man an solche Sympathien glauben , an eine elektrische Strömung des verwandten Blutes ? » Dürfte ich sie sehen ? « fragte ich nach einer langen Stille den unglücklichen Mann . » Sie würde Sie nicht erkennen , schwerlich bemerken . Aber Sie , wie sollten Sie diesen Eindruck ertragen ? Fräulein Hardine - sie rast ! « » Führen Sie mich zu ihr , « sagte ich voranschreitend . Unter der Tür hielt ich an . » Eine Frage noch : ist es eine formlose Beklemmung , oder - - « » Es ist ein fixiertes Wahnbild , « versetzte Faber flüsternd , » das sinnloseste , - - oder sollte dennoch eine unterdrückte mütterliche Sehnsucht - - sollte ich zum zweitenmal genarrt - - ? Doch genug der fruchtlosen Grübeleien . Sie quält sich mit der verzweifelten Idee , eine Kindesmörderin zu sein . Nicht aber eines eigenen , neugeborenen Kindes , wie es ein häufiger Wahn irrsinniger Frauen ist ; nein , über einen Knaben tobt sie , einen Waisenknaben , den sie , sie selber totgeschossen haben will . Auf Viertelstunden tritt wohl eine Pause ein ; dann formt sie aus Kissen und Tüchern einen Knäuel , preßt ihn an ihr Herz und liebkost ihn wie eine Mutter ihr Kind ; bald aber zerreißt sie mit der Kraft der Raserei den Balg in Stücken , schleudert ihn von sich , schreit auf , sieht sich - oder wen ? - in einer teuflischen Umgebung , die sie die Schwarzen nennt , und kann nur mit Zwangsmitteln zurückgehalten werden , eine gewaltsame Befreiung aus dieser Seelenqual zu suchen . Und dennoch , dennoch , sollten Sie es glauben , Fräulein Hardine ? das engelhafte Gemüt hat sich auch in diesem Äußersten nicht bemeistern lassen . Vor dem trostlosen Gatten möchte sie ihre Folter auch jetzt noch verheimlichen . Still , still ! flüstert sie , sooft ich mich nahe . Da aber die Angst stärker ist als der Wille , wird sie immer unruhiger , windet sich , bäumt sich , stöhnt , bis ich mich entferne und sie wie erlöst aufatmet , um bald von neuem von dem gemordeten Knaben und den Schwarzen verfolgt zu werden . « Wir traten in das Krankenzimmer . Es war tageshell erleuchtet , denn die bedrohenden Gespenster wuchsen in der Dunkelheit . Zwei baumstarke Wärterinnen versahen den Dienst . Dorothee saß im Bett in unbezähmbarer Unruhe . Mit der einen Hand stieß sie eine kalmierende Arznei zurück , mit der anderen riß sie die Eisblase ab , die man auf dem Kopfe festzuhalten suchte . Das einst goldige Haar hing wie eine Silberwelle , von geschmolzenen Eistropfen überperlt , an den Schläfen herab , das Antlitz glich einer schneeigen Blüte , und die erweiterten Augen flogen in ruhelosem Flimmer auf und nieder . Das unglückselige Weib , im fünfzigsten Jahre , in den Banden des Wahnsinns , an der Pforte des Grabes , war noch immer schön ; ja mich dünkte , ich hätte es niemals schöner gesehen als in diesem Aufruhr der heimlichsten Natur . Ich bedeutete die Wärterinnen , ihr fruchtloses Bemühen aufzugeben ; sie zogen sich zurück und ich setzte mich auf einen Stuhl am Bette . Der Mann lauschte verborgen im Hintergrunde , kein Atemzug ging durch den Raum . Eine lange Weile bemerkte sie mich nicht ; sie hatte eine ihrer ruhigen Minuten ; geschäftig bündelte sie die Eisblase , die sie sich vom Kopf gerissen , in ein Tuch und preßte sie an ihr Herz . » Hu , hu , wie kalt ! « murmelte sie schaudernd , » wie kalt ! « Ich trat dicht an sie heran , ergriff ihre beiden Hände und senkte meine Augen fest in die ihren . » Kennst du mich noch , Dorothee ? « fragte ich . Und wunderbar ! Kaum daß sie meine Stimme vernommen und nur einen Moment forschend zu mir aufgeblickt hatte , rief sie : » Hardine , Fräulein Hardine ! « Der lauschende Mann konnte einen Laut der Überraschung nicht zurückhalten . Dorothee horchte gespannt . » Still , still ! « flüsterte sie , indem sie das Bündel unter ihrer Decke verbarg . Als aber alles wieder ruhig geworden war , zog sie es von neuem hervor , drückte meine Hand darauf und sagte : » Fühlen Sie , Fräulein Hardine , wie kalt ! Es ist tot , hu , so kalt , so kalt , das arme Kind , tot ! « » Es ist kein Kind , Dorothee , « sagte ich , » es ist ein kalter Stein , der lange auf deinem Herzen gelegen hat . Ich will ihn von dir nehmen . Siehst du , nun ist er fort , nun wird dir leichter werden , Dorothee . « Sie ließ es willig geschehen , daß ich das Bündel von ihr nahm ; aber sie wimmerte immerzu : » Tot , tot , das arme Kind tot ! « Einen Augenblick schwankte ich noch ; dann wagte ich es , dem Lauscher zum Trotz , auf alle Gefahr . Ich drückte die Hand der jammernden Mutter an mein Herz und sprach mit erhobener Stimme : » Das Kind ist nicht tot , Dorothee . Gott ist ein Vater der Waisen , der Knabe lebt ! « » Er lebt , er lebt ! « schrie sie auf . » Wer sagt , daß er lebt ? Wer hat es gesehen , daß er lebt ? « » Hardine sagt es , « versetzte ich , » Hardine hat ihn gesehen . Der Knabe lebt ! « » Er lebt , er lebt ! « rief sie . » Hardine sagt es , Hardine lügt nicht , niemals ! Hardine hat ihn gesehen . Er lebt ! Wo , wo ? Führe mich zu ihm , Hardine ! « » Ja , ich will dich zu ihm führen , Dorothee . Ich will dich mit mir nehmen nach Reckenburg . Weißt du noch ? nach Reckenburg , Dorothee . « - Eine Minute lang saß sie sinnend , rieb sich die Stirn und murmelte : » Reckenburg ! Reckenburg ! « Endlich hatte sie es gefunden . » In Reckenburg , ja , in Reckenburg , da wars . Nicht im Waisenhause , nicht bei den Schwarzen . In Reckenburg lebte er . Fräulein Hardine hat ihn gesehen . Fräulein Hardine nimmt mich mit nach Reckenburg ; Fräulein Hardine hält Wort ! « Sie klatschte in die Hände wie ein Kind . » Nach Reckenburg ! « jubelte sie , » kommen Sie , Fräulein Hardine . « » Ich bringe dich nach Reckenburg , « sagte ich ; » aber nicht heute ; erst mußt du gesund werden , liebe Dorothee . « » Ich bin gesund , ganz gesund , « versicherte sie , indem sie Anstalt machte , das Bett zu verlassen . Ich konnte sie nur mit Mühe darin zurückhalten . » Du bist krank , Dorothee , « sagte ich bestimmt ; » du wirst aber bald gesund werden , wenn du mir folgst . Nimm diese Tropfen ; lege dich ruhig hin , drücke die Augen zu und schlafe aus . Dann gehst du mit mir nach Reckenburg . « » Ich will Ihnen folgen , Fräulein Hardine , « sagte sie und nahm ohne Sträuben den Trank , dem sie sich bisher so gewaltsam widersetzt hatte . Plötzlich wurde sie aber wieder unruhig , spähte ängstlich im Zimmer umher und flüsterte mir ins Ohr : » Er , er ! Wenn er nun kommt ? Wenn er es nun merkt ? Er läßt mich nicht fort , Fräulein Hardine . « » Sei ruhig , ich wache bei dir , « entgegnete ich laut . » Und er wird dich mit mir gehen lassen , denn er liebt dich , Dorothee . « » Fräulein Hardine wacht bei mir , « lispelte sie schon mit schläfrigen Augen , ließ sich darauf , gehorsam wie ein Kind , das durchnäßte Haar von mir abtrocknen , warm einhüllen und betten . Ihre beiden Hände ruhten in den meinen ; sie blickte noch einigemal in die Höhe , als sie mich aber ruhig auf dem Bettrande sitzen und meine Augen wachsam auf sich gerichtet sah , schlummerte sie sanft atmend ein . Nach einer Weile erhob ich mich leise und trat zu dem , welcher diesem Auftritte unbemerkt gelauscht hatte . Tränen , vielleicht die ersten des bewußten Lebens , rannen über seine Wangen . Er drückte meine beiden Hände an sein Herz . » Die Wohltat einer ersten friedlichen Stunde ! « sagte er . » Welch ein Zauber liegt doch in den frühesten Erinnerungen , in den Menschen , welchen wir am frühesten vertrauten . O des Selbstsüchtigen , Verblendeten , der nur nach dem Pendelschlag der Stunde gerechnet hat ! Wenn ich sie vor Jahren Ihnen zugeführt hätte , vor Monaten noch - - « » Und wenn es noch jetzt nicht zu spät wäre , mein Freund ? « fragte ich . Er aber schüttelte den Kopf und antwortete : » Es ist zu spät . « Ich versprach ihm darauf , die Nacht bei Dorothee zu wachen , und bat ihn , für einige Stunden die Ruhe zu suchen , deren er so dringend bedürfe . » Auch ich werde Ihnen folgen , « sagte er und ging nach einem wehmütigen Blick auf die Schlummernde in sein Zimmer . Von Viertelstunde zu Viertelstunde erschien er indessen lauschend unter der Tür , bis er endlich mit dem Entschlusse , schlafen zu wollen , in ein paar Stunden ungestörter Ruhe die erschöpften Kräfte wiederfand . Ich saß allein bei der Kranken , ihre Hände in den meinen , und Gott weiß ! in welchem Aufruhr der Gedanken ! Was für eine Ironie in dem beglückenden Wahne des getäuschten Mannes ? Was für eine Strafe in dem gräßlichen Wahne der täuschenden Frau ! Aber sie lag so still , sie atmete so gleichmäßig leise ; sollte es wirklich zu spät sein , Wahrheit und Frieden an Stelle der Irrung walten zu lassen ? Nein , ich hoffte noch , hoffte noch , als ich mich beim grauenden Morgen erhob , um die Lampen zu löschen und die Fensterbehänge zurückzuziehen . Als ich aber nach wenigen Minuten auf meinen Platz zurückkehrte , da gewahrte ich jene plötzliche , unbeschreibliche Wandlung , welche jede Hoffnung vernichtet . Ich hätte Siegmund Faber herbeirufen mögen zum letzten Lebewohl . Aber Dorothee schlug jetzt die Augen zu mir auf , nicht mehr im Flimmer des Wahns , nein , die fragenden Kinderaugen aus ihrer schuldlosen Zeit . Sie tastete nach meiner Hand und flüsterte in mein Ohr : » Glaubst du , daß Gott barmherzig ist , Hardine ? « » Ich glaube es , Dorothee , « antwortete ich bestimmt . » Auch gegen eine , die nicht mehr Vater zu ihm sagen darf ? « » Gegen jedes schwache , irrende Geschöpf , das sich nach seiner Vaterliebe sehnt . « » Und er lebt , hast du gesagt , er lebt ? « » Er lebt , und ich werde meine Augen über ihn halten und ihm sagen , daß im Vaterreiche eine liebende Mutter seiner Heimkehr harrt . « Kaum hatte ich diese Worte gesprochen und Dorothee mit letzter Lebenskraft ihre Lippen auf meine Hand gedrückt , als Siegmund Faber in das Zimmer trat und mit einem herzdurchdringenden Schrei an dem Sterbebette niederstürzte . Sie schlug das brechende Auge noch einmal zu ihm auf , ein letztes Beben erschütterte den halberstarrten Leib . » Faber ! « röchelte sie . » Barmherzigkeit , Faber ! Herr , mein Heiland , Barmherzigkeit ! « Und alles war zu Ende . Ich entfernte mich unbemerkt . Als ich aber nach etlichen Stunden wiederkehrte , um Abschied von dem Freunde zu nehmen , da fand ich ihn noch auf der nämlichen Stelle , umklammernd die tote Gestalt , die er bis zum letzten sein Kind und nicht einmal sein Weib genannt hatte . Doch faßte er sich , sobald er mich bemerkte , und begleitete mich aus dem Sterbezimmer , nachdem ich mit einem langem Blicke von dem auch im Tode noch schönsten Weibe Abschied genommen hatte . » Solange ich lebe , Fräulein Hardine , « sagte er » werde ich Ihnen diese sanfte Erlösungsstunde danken . Sie war meine Lebensfreude , mein ganzes Glück ! « Ich trennte mich von Siegmund Faber mit dem heiligen Vorsatz , die Erinnerung an seinen Sonnenstrahl rein zu erhalten vor jedem trübenden Hauch . Meine Seele war erfüllt von dem Schauerbilde einer beleidigten und sich rächenden Natur , aber auch - ich sehe deine Tränen fließen , mein Kind ! - , aber auch von einem Versöhnungsglauben , wie ich ihn niemals stärker an einem Sterbebette empfunden habe . Sie hatte den Frevel gegen Gottes ewige Ordnung erkannt und mit allen Qualen eines armen Menschenherzens hienieden gebüßt ; der Wahn war dem Leben voraus geflüchtet , mit dem Flehen , in dem sie geschieden ist , wird sie jenseit begonnen haben und Vater sagen dürfen , den wiedergefundenen Sohn an ihrer Hand . In dieser Stimmung nahm ich es als eine trostreiche Erfüllung , daß ich bei meiner Heimkehr nach Reckenburg alsobald an ein zweites Sterbebett berufen ward , zu einem Scheiden , so klar und gefaßt , wie das tapfere Herz es sich dereinst , wenn auch in mächtigerer Umgebung , gewünscht hatte . » Fräulein Hardine , « rief mir August Müller entgegen , » Sie sind nicht meine Mutter , ich weiß es jetzt , denn der Tod macht hell . Vergeben Sie mir die Unehre , welche meine Torheit über Sie verbreitet hat . « » Du suchtest eine Mutter und irrtest in gutem Glauben . Du hast mich nicht beleidigt , August , « versetzte ich aufrichtig , indem ich ihm die Hand reichte . Er drückte sie kräftig , lag eine Weile in Nachdenken versunken und sagte dann : » Eins noch , Fräulein Hardine : jene weiße Frau mit dem gelben Haar , die ich bei der Leiche Ihres Vaters sah , ist sie - ? « » Sie war deine Mutter , August . Sie ist dir in Liebe vorangegangen . Ich aber werde an ihrer Statt für deine Tochter Sorge tragen . « Einschaltung des Herausgebers Ja , unser tapferer Invalid ist tot ! Drei Tage , nachdem er hoffnungstrunken das Waldhaus Muhme Justines wiedererkannte , ist er dahin , und wohl ihm ! rufen wir ihm nach . Wir hätten ihm den Todesstreich von einem Türkensäbel gegönnt ; aber zehn Friedensjahre hatten sein Lebensmark aufgezehrt . Nun starb er rasch , wie er gelebt , gut gepflegt auf heimischem Grund , und sein brechender Blick fiel auf das verwaiste Kind , welches Fräulein Hardine zum Schutz in ihre Reckenburg führte . August Müller endete glücklicher , als seine brave Lisette auf dem Sterbebett geahnt hatte . Wohl ihm ! Und wieder drei Tage später sehen wir Fräulein Hardine als einzige Leidtragende seinem Sarge folgen zu der Ruhestätte , die ihm an der Seite der » treuesten Dienerin « bereitet worden war . Es war dies eine letzte Ehre , welche die Herrin jedem ihrer Gemeindeglieder erwies , und wir , die wir ihre Bekenntnisse gelesen haben , wissen , welchen Erinnerungen sie durch dieselbe in diesem besonderen Falle gerecht ward , die Zeitgenossen aber , welche die Wahrheit erst aus diesen Blättern erfahren werden , die schrien im Chor : » Einem Fremden , einem bettelnden Tagedieb ! dem , der die schwerste Bezichtigung gegen sie verbreitet hat ? « So war es denn Fräulein Hardine selbst , die , schweigend und handelnd , dieser Bezichtigung Vorschub leistete , in einer Weise , daß ihr goldheller Namen dauernd dadurch geschwärzt werden sollte . Wir wollen uns nicht dabei aufhalten , wie dem starren Erstaunen die kleinlichsten Spürversuche folgten , wie der verbissene Neid triumphierte , Entrüstung , ja Empörung gegen die langjährige Heuchelei laut und öffentlich zur Schau getragen ward . Das Haus , zu welchem der Eintritt als hohe Gunstbezeigung erstrebt worden war , sah sich scheu gemieden , gleich einem , in welchem ein ansteckendes Fieber ausgebrochen ist ; der stolze Bau des Rechtes und der Ehre schien in seinem Fundament erschüttert ; keine Hand regte sich , ihn zu stützen , seitdem selber der Graf die Beziehungen zur Reckenburg und alle Zukunftsaussichten aufgab und , schweigend zwar , eben darum aber sprechend genug für die gespannten Lauscher , auf seinen neuen hohen Verwaltungsposten eilte . Wer hätte nicht in ähnlicher Weise eine wankende Autorität verlassen sehen ? Gleichwohl würde der geräuschvolle Eifer bei dieser Katastrophe nicht hinlänglich zu erklären sein , wenn der Zeitpunkt derselben außer acht gelassen würde . Der übermäßigen Anstrengung aller Lebenskräfte in Not und Kampf waren zehn Jahre einer apathischen Stille nachgeschlichen ; in beschränktem Kreise wiederherstellend und aufbauend , folgte jeder einem tiefen Ruhebedürfnis . Aller Abzug in weitere Gebiete war unterdrückt , die staatsbürgerlichen Interessen schwiegen , selbst unsere jüngsten großen Erinnerungen schienen wie mit dem Schwamme ausgelöscht . Mit dem patriarchalischen Behagen verbreitete sich patriarchalische Kleinsucht und Fraubaserei . Ein weniger bemerkenswertes Ereignis als der Sturz von Fräulein Hardines Ehrenkrone würde in einer solchen Epoche als eine Haupt- und Staatsaktion verhandelt worden sein , weit mehr als der Sturz von Königskronen in einer anderen . Ob Fräulein Hardine diesen Sturz bemerkte ? Ob sie ihn einer Beachtung würdigte ? Kein Zeichen deutete es an . Sie bewegte sich nach wie vor zuversichtlich in ihrem Tagewerk , und scheute sich nicht , das angezweifelte Wesen , das sie demselben eingefügt hatte , immer dichter in ihre Nähe zu ziehen . Unter allen Umständen tat sie keinen entgegenkommenden Schritt , der eine versöhnliche Stimmung eher als jener hochmütige Gleichsinn angebahnt haben würde . Wir aber , die sie die Ihren nannte , wir Reckenburger Leute , ei nun , wir kümmerten uns nicht um Klatsch und Matsch . Wir glaubtens nicht und wir bezweifeltens nicht . Wie Fräulein Hardine es uns gelehrt , sorgte ein jeder für das Seine . Indessen : das heftigste Unwetter verzieht , und auch die Windsbraut um Reckenburg legte sich ; nicht ganz so jählings , wie sie herangebraust war , aber hübsch sacht und gemütlich nach deutscher Stürme Art. Die Hand , die eine Reckenburg zu verschenken hat , behauptet ihre Anziehung ; die Standesgenossenschaft besann sich auf ihre alten Hoffnungen , auch die bürgerliche Klientel auf gelegentliche Berücksichtigung . Bald ersehnte jedermann nur einen Anlaß , um öffentlich zu verleugnen , was heimlich von keinem bezweifelt ward . Dieser Anlaß aber ließ nicht lange auf sich warten , und es war die Stelle , von welcher man im lieben Vaterlande alle Hilfe beanspruchte , zu der man sich selber nicht entschließen konnte , die allerhöchste , der man auch die Rettung von Fräulein Hardines Ehrenkrone zu verdanken hatte . Das Fräulein erhielt das Diplom einer Ehrenchanoinesse des vornehmsten Damenstiftes der Monarchie , und damit die Prärogative einer verheirateten Frau . Sie machte von dieser Sonderstellung keinen Gebrauch , nannte sich und ließ sich nennen Fräulein von Reckenburg . Man erzählte sich auch , daß sie eine gräfliche Erhebung ihres Wappenschildes dankbarlichst ausgeschlagen habe . Sie schien sich darauf zu steifen , als Freifräulein in die Grube zu fahren . Die königliche Gunstbezeigung wurde jedoch zum Signal , die Verunglimpfung zu bezweifeln oder großmütig zu decken . Ein tapferer Veteran der Befreiungskriege , von plötzlichem Fieberwahnsinn befallen , hatte auf Reckenburg eine Pflegestatt und ein ehrenvolles Grab , seine hilflose Waise hochherzige Versorgung gefunden . Wehe dem , der Jahr und Tag nach dem verhängnisvollen Königsfeste eine andere Version über die große Katastrophe hätte laut werden lassen ! Fräulein Hardine feierte weder heuer noch jemals später den 3. August mit einem patriotischen Mahl ; hätte sie ihn aber gefeiert , sie würde kein geladenes Haupt an ihrer Tafel vermißt haben . Indessen die Gäste stellten sich auch ungeladen wieder ein . Visiten , Ratsuchende , Huldigende , Hoffende meldeten sich , das Lächeln der Unschuld auf den Lippen , so als ob sie nimmer gewichen , und wurden empfangen , so als ob sie nimmer vermißt worden wären . Scheiden und Meiden schien auf beiden Seiten vergessen ; das alte Fahrgleis zur Reckenburg war wiederhergestellt , nur daß die Blicke sich je mehr und mehr zwischen der großen und der an ihrer Seite heranwachsenden kleinen Hardine teilten . Denn wie staunten die ersten Besucher , in der verwahrlosten Landstreicherin schon nach Jahresfrist ein Kind wiederzufinden , gesund und lieblich , wie man je eines gesehen . Fürwahr , Fräulein Hardine hatte eine glückliche Hand . Auch ihr trübseliger Schützling war gediehen in der Luft des neuen Turms und auf den Flurwegen , wo sie der Herrin tägliche Begleiterin geworden . Die Nachbarschaft erwartete in Bälde den Akt einer Adoption , dem die Adelsbestätigung nicht fehlen werde . Man zählte zum voraus die Reihe der ritterlichen Jünglinge , die ohne Scheu das Erbe der Reckenburg aus der Hand der Marketenderinnentochter empfangen würden . Und diese Reihe war lang . Aber nichts von dem Erwarteten geschah . Fräulein Hardine tat keinen Schritt , um die kleine Plebejerin zu ihrem eigenen Range zu erheben . Sie machte nicht einmal ihr Testament . Ihre Pflegebefohlene blieb nach wie vor Hardine Müller . Auch wurde sie keineswegs herangebildet , wie es einer Erbin von Reckenburg geziemt haben würde : keiner vornehmen Kostanstalt , keinem gelehrten Hofmeister , keinen fremdländischen Gouvernanten übergeben . Der erste Lehrer des Kindes , Pastor Nordheim , blieb auch der letzte , und von allen Kunstfertigkeiten der Mode war es späterhin nur die Musik , welche ein tüchtiger Meister der Nachbarstadt in dem talentvollen Mädchen pflegte . Im übrigen fügte sich dasselbe bald in das Getriebe des inneren Haushaltes , und schien sich in demselben mit gleicher Neigung zu bewegen , wie ihre Beschützerin in der äußeren Verwaltung Diese Erziehung deutete allerdings nicht auf hochfliegende Pläne für das geheimnisvolle Waisenkind . Wer hätte jedoch behaupten mögen , daß Fräulein Hardine , welche in so vielen Stücken gegen den Strom zu steuern wagte , einer eigenen Tochter oder Enkelin eine vielseitigere Bildung bewilligt haben würde ? Daß das Maß des eigenen Wissens und Könnens ihr nicht das Genügende schien , um einen großen Besitz und ein bedeutendes Amt zu verwalten ? Zu diesen wohl gerechtfertigten Zweifeln gesellte sich die Wahrnehmung eines allmählichen Umwandelns des Reckenburgschen Lebenszuschnittes nach der häuslichen Seite hin . - Der Verlauf war natürlich und folgerecht für eine , die nichts halb tat , wie unser Fräulein Hardine . Denn ein Mensch zieht den andern nach sich und keiner mehrere als ein Kind . Die kleine Waise bedurfte der Wartung , des Unterrichts und Umgangs ; sie bedurfte des Raumes zur Pflege , zum Spiel , zur Aufnahme nachbarlicher Genossinnen und deren erwachsener Sippschaft , die nicht spröde auf sich warten ließ . Ein freundliches Gelaß mußte mit den Tändeleien einer Kinder- , später einer Mädchenstube ausgefüllt , Gastzimmer und wohnliche Versammlungsräume mußten eingerichtet werden . Der neue Turm war zu eng und einfach für mehr als eine ; die anstoßenden Säle waren zu weit und prunkvoll für weniger als eine Galaversammlung . Da gab es denn Abteilungen und Zwischenwände ; wärmende Öfen traten an die Seite der unzulänglichen Marmorkamine ; weiche Teppiche bedeckten die kältende Mosaik des Bodens ; bequeme Polstermöbel nahmen die Stelle der harten , goldverzierten Sessel ein , duftende Blumengruppen die der modernden Potpourris und wackelnden Chinesen auf den Konsolen . Musik und Gesang ertönten in dem lange stillen Palast , und ein modern gefälliges Gerät bedeckte statt der barocken Silber-und Porzellangefäße die wohlbesetzte Tafel . Und wie das Haus so die Gartenpracht . Die gesamte tote Götterwelt , vor welcher die kleine Hardine sich gefürchtet hatte , fiel ohne Gnade ; die drei- und viereckigen lebendigen Gestalten , über welche sie gelacht , als man sie Bäume nannte , machten unbeschnittenen Strauch- und Baumgruppen Platz ; die steifen Hecken , die glasgesäumten Schnörkelbeete , welche den Tummelplatz der Kinderwelt beengten , verschwanden und weite Rasenplätze rundeten sich an ihrer Stelle zu beiden Seiten der stattlichen Avenue . Junge Mädchen lieben Blumen , und so entfaltete sich weiterhin bis zum Waldesrande ein üppiger Flor ; rings um den Gutshof aber dehnten sich Gemüse- und Obstpflanzungen , Glashäuser und Winterbeete , denn das gastliche Haus bedurfte der Leckerbissen , welche die einsame Herrin vordem nicht vermißt hatte . Anmutige Sitzplätze luden allerorten zur Ruhe ein , eine einzige große Fontäne inmitten der Terrasse spendete kühlend die Wassermenge , welche die Ungetüme des Lustgartens in zahllosen Fädchen ausgetröpfelt hatten , und die Singvögel des Waldes flatterten bis an den Rand des Bassins , wo freundliche Kinderhände ihnen Futter streuten . Alles in allem : unsere Reckenburg , ohne ihren herrschaftlichen Ursprung zu verleugnen , hat sich in ein Heimwesen mit zeitgemäßem , bürgerlichem Behagen umgewandelt , und wie hätte fortan ein Bedürftiger ohne Labe und Pflege von ihrer Schwelle gewiesen werden sollen , wenn die kleine Hardine für ihn » bitte , bitte « sprach ? Gutgeartete Kinder geben ja so gern , und die kleine Hardine war ein gutgeartetes Kind . Als in den ersten dreißiger Jahren die Cholera rings im Lande viele Opfer forderte und mit einem ihrer Katzensprünge nur unsere Reckenburg verschonte , da errichtete das Fräulein ein stattliches Waisenhaus , und an dem Einsegnungstage ihrer Pflegetochter wurden fünfzig vater- und mutterlose Mädchen darin eingeführt . So ist die kleine Hardine nun ein erwachsenes Dämchen geworden ; und ein wechselnder Verkehr mit Stadt und Land hat sich angebahnt und ausgedehnt auch über Kreise , die sonst nicht zu der Tafelrunde der Reckenburg gezählt worden waren ; innerhalb dieser Kreise werden bei dem seit den Julitagen angeregteren Zeitwesen denn auch wohl Stimmungen laut geworden sein , welchen die große Hardine in früheren Tagen schwerlich Gehör geschenkt haben dürfte . Kurzum wohin wir blicken , da ist seit dem Eintritt des kleinen Bettlerkindes in der vertrauten Umhegung allmählich das Alte neu , das Verlebte jung geworden . Und so sehen wir denn auch nicht mehr die goldene Kutsche mit dem altersschwachen Schimmelzug , sondern ein leichtes Gefährt mit raschem Zweigespann die Herrschaft und ihre Gäste zueinander führen , und nicht mehr die gepuderten Heiducken , sondern ein flinkes , jugendliches Völkchen versieht den Dienst in dem erneuten Haus . Die periodischen Galafeste haben aufgehört , aber im Schloß wie im Dorf singt und springt die Jugend unter dem Maienbaum und Erntekranz ; die Schenke streckt einladend ihren Arm in die Luft , die Kegel rollen , die Krüge klappen , wenn auch mit Maß ; wir sind noch