einen anderen Maßstab brachte , sondern einen herzguten Menschen , dem die Welt wohl wie ein aus erbärmlichen Kleinigkeiten zusammengesetztes Wehhaus vorkommen mochte , der ihr auch wirklich zuweilen mit dem halben Gesichte zu lachen und mit dem halben zu weinen schien . Recht lieb ward ihr Hansjörg , als sie einmal zu merken meinte , was er niederspotten und was darüber aufrichten wollte . Er schien ihr etwas , ja ziemlich viel vom Jos zu haben , drum ging denn auch ihr das Herz auf , und sie sprach einen Gedanken aus , den die bitteren Klagen der Schwester in ihr geweckt hatten . » Dem Jos « , begann sie , » hast du vorgerechnet , es sollte jeder sein eigener Brotherr sein . Dem Jos wolltest du auch dazu helfen , warum nicht ebenso dir und den Deinigen ? Mit dem Geld , welches du in den Handel steckst , könntest du doch auch ein kleines Gütchen , eigene Arbeit kaufen . « » Ja , ein sehr kleines Gütchen , welches wohl Arbeit machte , mich aber nicht nähren hülfe . « » Warum nicht ? Andere Leute - « » Gut - andere Leute stehen auch nie auf dem Fleck Welt , wo ich just bin . Ein Bauerngut ist ein Werkzeug , wie eine Nadel , aber eins , das nur ein Kapitalist sich anschaffen kann . « » Es muß aber doch auch seinen Zins tragen . « » Nur den , der noch darauf liegt , und das ist in der Regel der wirkliche Wert des Anwesens . Man bringt aber auch ein Opfer , wenn man so ein Werkzeug will , man zahlt mehr als den wirklichen Wert . Auf einem großen Anwesen bringt man sich noch durch , auch wenn ' s gerade um das zu teuer ist , was man als eigenes Vermögen besaß ; drum trachten die Bauern , die sich doch mit dem Hofe nur abgeben , so sehr auf Vergrößerung ihres Grundbesitzes , daß im kleinen gar nicht mehr anzufangen ist . « Hansjörg mußte lange reden , bis es Dorotheen klar war , daß nur durch dieses Opferbringen für das Werkzeug der Preis der Bauerngüter bestimmt und mit dem durch den Holzhandel und dergleichen wachsenden Geldreichtum so regelmäßig hinaufgetrieben werde , daß es schon zum voraus zu berechnen sei . Es war ihr heute eine Erholung , sich mit solchen die ganze Aufmerksamkeit fordernden Gedanken zu beschäftigen . Um so schmerzlicher traf es sie , als Hansjörg schließlich sagte : » Nun siehst du , wie schwer es geht . Ich bin schon zu alt , um noch reich zu werden , du aber machst am klügsten , daß du auf den Stighof kommst . Dann , wenn einmal der dicke Hans weg ist , kann auch ich mein Glück bei der Zusel wieder versuchen . « » Ja , wenn ! « rief das Mathisle , wischte den Löffel hastig ab , ließ sein Messer zuschnappen und begann dann das übliche lange Tischgebet so schnell , daß die anderen ihm kaum zu folgen vermochten . Dorothee , der Hansjörgs letzte Worte einen doppelten Stich ins Herz gaben , hatte noch selten so zerstreut gebetet . Wohl hätte sie für die Eigenen sich zur Herrin auf dem Stighof heiraten lassen mögen , solange sie sich nicht besser kannte ; nun aber war das gegen ihr Gewissen . Sich schon so auf den Webstuhl gespannt und in hundert verschiedene Berechnungen eingezettelt zu sehen , kam ihr jetzt doppelt unheimlich vor . Dieser Hansjörg konnte so gut rechnen und sagen , was andere können und sollen , er aber tat nichts als reden . Wie anders war der Jos ! Die besprochene Berechnung - sie war richtig , und eine Menge Beispiele dafür konnten leicht in der nächsten Umgebung gefunden werden - kam gewiß von dem guten Burschen . Aber der rechnete dann auch für sich einen Weg heraus , auf dem er mit seiner armen Mutter in Ehren durch die Welt kommen konnte . Sie nahm sich vor , das dem Bruder ernstlich ans Herz zu legen . Dieser aber verließ gleich nach dem Tischgebet die Stube , indem er sagte , daß Dorothee nicht seinetwegen gekommen zu sein scheine und er daher auch nicht länger stören möge . Als es zum Nachmittagsgottesdienste läutete , wollte auch Dorothee mit ihrer Schwester , welche die fertige , wirklich zierliche Stickerei in ihr bestes Taschentuch eingeknüpft hatte , die düstere Behausung verlassen . Doch das Mathisle befahl ihr zu bleiben , da man noch allerlei zu besprechen habe . Er ging der Schwester nach , um die Haustüre zu schließen , und kam dann schnell wieder in die Stube zurück . Dorotheen ward himmelangst , obwohl der Vater jetzt bedeutend ruhiger schien , als da sie ihn zuerst gesehen hatte . In seinem unsicher und scheu herumirrenden Blicke suchte sie zu lesen , was nun kommen solle , bis er endlich fragte : » Warum hat dich der Kaplan heut ' nicht losgesprochen ? « » Weil ich nicht versprechen wollte , meinen Dienst sogleich zu verlassen . « » Aber was um Gottes willen hast du denn auch gebeichtet , du große Einfalt ? « » Eigentlich gar nicht viel . Er wollte nur wissen , ob Hans mir manchmal etwas geschenkt habe . « » Das geht doch die Herren gar nichts an ! « fuhr das Mathisle auf . » Soll man denn bloß für ihre Missionen und in ihre Klöster hinein schenken dürfen , die Eigenen seiner Dienstboten aber verhungern lassen ? Oh , geh mir doch mit dieser - « » Vater , ich bitte , redet doch nicht noch etwas Sündhaftes , erzürnet nicht auch den lieben Gott ! Was habt Ihr in dem Elend als seine Gnad ' und seine Liebe ? « » Er soll nur einmal kommen , dieser gerechte Gott , und soll gehörig dreinschlagen , daß man wieder ein wenig Respekt vor ihm bekommt . Jetzt geht es zu in dieser seiner Welt , daß man gar nicht mehr weiß , wo er ist . « » Ach , Vater , wenn Ihr so redet - « » Er soll nur auch die beim Kopf nehmen , die mich zur Verzweiflung bringen . Wenn er alles gar so genau nähme , so könnten gewiß nicht mehr alle Kapläne davon erzählen , und ich hätte schon eine viel bessere Welt angetroffen . Aber sag ' , was hast du noch mehr gebeichtet ? « » Das muß ich nicht und will ich nicht « , sprach Dorothee , sich stolz aufrichtend , mit fester Stimme . Einen Augenblick sah sie das Mathisle fast erschrocken an , dann fragte es spöttisch : » Was willst du denn , Mädchen ? « » In die Kirche , denn es ist die höchste Zeit . « Mit einem Lehnstuhl bewaffnet , stellte sich der kleine Mann vor die Stubentür und schrie : » Du bleibst mir da und erzählst mir alles , oder es gibt ein fürchterliches , ein doppeltes Unglück . Ich merke , daß ich mich nicht mehr bezwingen kann . - Sage nur gleich , was hast du gebeichtet ? « » Nichts - als was ich schon gesagt habe . « » Nichts - überall nichts « , jammerte der Vater . » Mit nichts kommt man zu nichts . Du Närrin , warum läufst du zur Kirche , wenn du nichts zu sagen hast ? Der Kaplan hielt das wohl nicht für möglich , glaubte nur eine Heuchlerin vor sich zu haben , und darum wurdest du nicht losgesprochen . « » Aber ich hab ' mir , so wahr mir Gott helfen möge , gar nichts vorzuwerfen ! « » Bald genug wirst du auch nichts mehr zum Einstecken haben . Ich wollte lieber , daß du uns recht viel vorzuwerfen hättest . « » Der Kaplan verstand mich nicht . Ich bleib ' darum aber doch im Dienst und will auch immer nach Kräften helfen . « » Solang das geht ; aber wie lang wähnst du , Tröpflein , daß du noch bleiben könnest , nachdem du so herabgesetzt bist ? Kurz und gut , jetzt ist ' s aus . Die Stigerin wird dich nicht mehr im Hause lassen . « » Ich hab ' aber doch nichts Unrechtes getan . « » Das ist mir nur ein schlechter Trost . « » Vater ! « » Ich weiß , was ich will , du aber willst mich umbringen mit deiner dummen Ehrlichkeit . Für Leute von unserer Art ist die liebe Tugend ein teurer Spaß . Wir müssen selbst schieben , oder wir werden geschoben . Ist es recht gewesen , den Hansjörg unter die Soldaten zu lassen ? Recht ? Lächerlich ! Aber klug war es , wenn man auf dich rechnen konnte . Mit der Zusel ist ' s aus gewesen , da hat ' s nun gegolten , den Hans anzubinden an sein Gewissen . Bloß den Krämer mit seiner Forderung hätt ' ich allenfalls schon noch abfertigen können . « Das Mathisle redete mit einer Kälte , die Dorotheen das Blut beinahe zum Stehen brachte . Nun aber fuhr es wild auf : » Der Bursche konnte tot , zum Krüppel geschossen werden , dennoch hab ' ich ihn gewagt , um den Töchtermann zu fangen . Durch dich aber , du närrische Tugend , hab ' ich beide verloren . Dein Ruf ist hin durch deine Schuld , und auch uns hast du die ganze Zukunft verdorben . « » Ich hab ' aber doch nichts getan . « » Das ist der Trost jedes Faulenzers , aber damit bringt man es nicht weit . Ich wollte bei Gott lieber , der Kaplan hätte Grund gehabt , dich nicht loszusprechen . Aber so wegen nichts und wieder nichts aus allem heraus und so ins Geschrei hineinzukommen , das - ja , Mädchen , das ist schon zum Wütendwerden ! « » Aber « , wagte Dorothee dem wirklich beinahe rasend gewordenen Vater zu erwidern , » ehrlich währt denn doch am längsten . Hansjörg mit aller List und Berechnung bringt es auch zu nichts , wie mutig , ja toll er es auch anfängt ; dagegen ... « » Hansjörg ist ein Lümmel . Er mag nicht , und du kannst nicht ; aber was hast du noch mehr sagen wollen ? « » Dagegen kommt Jos in Ehren , und wenn auch langsam , doch sicher , immer mehr empor . « » Hab ' ich mir doch gedacht , daß es da steckt ! « schrie das Mathisle und schwang den noch immer krampfhaft festgehaltenen Stuhl um sich herum , daß es surrte . » Herrgott im Himmel ! Also darum nur mußt du beichten ? Du dummes , leichtsinniges , elendes Ding bringst mich noch rein um ! « » Vater ! « » Nichts mehr , kein Wort mehr dein Lebtag , du verfluchter und vermaledeiter Balg , wenn du noch etwas mit diesem Schneider , diesem hergeschmuggelten Bettler zu tun hast . « » Aber - « » Schwöre mir ihn ab , gleich , bei allem , was du hoffest und wünschest , was dir heilig und trostreich ist ! « Draußen begann der Hund zu bellen . » Vater « , stammelte das Mädchen , » wenn jetzt jemand kommt - ? « » So wird man etwas Greuliches , unsere ermordeten Leichen , sehen , wenn du nicht schwörst . « » Ach du mächtiger , grundgütiger Gott ! « jammerte Dorothee . Der Vater mit seinem Stuhl kam näher . Er schwang ihn so gewaltig , daß er an der niedrigen Decke der Stube ein Bein abschlug . Das Hundsgebell wurde wilder . » Dorothee ! « stammelte der Wütende . » Ich schwöre ja ! « schrie das Mädchen und sank auf die breite Ofenbank zurück . Das Mathisle stand lange stumm und bewegungslos , als ob es sich auf das eben Vorgegangene besinne . Dann wollte es sehen , was dem Kinde fehle , welches wie leblos auf der Bank lag . Da bellte der Hund noch wilder . Wer um Gottes willen kam denn jetzt ? Es eilte , wieder mit dem Stuhl bewaffnet , ans Fenster und sah nun den Krämer mit einem überkindeten Bauern vorüber- , vermutlich seinem Walde zu schreiten . Die beiden warfen dem treuen Wächter Steine nach und machten ihn so wütend , daß ihn auch das noch immer zitternde Mathisle kaum zu beschwichtigen vermochte . Bis es ihm gelang , unbemerkt an den Vorübergehenden das aufgeregte Tier zu sich ins Haus zu locken und zum Schweigen zu bringen , hatte sich seine Stimmung bedeutend gemildert . Mit einer gewissen Scheu ging er langsam in die Stube zurück , wo er Dorotheen noch gerade so traf , wie er sie - nach seinem Dafürhalten schon vor langer Zeit - verlassen hatte . So leise wie nur möglich setzte sich der Mann auf die knarrende Bank und wagte kaum zu atmen , bis das Mädchen , endlich sich langsam aufrichtend , wie im Traume sagte : » Ach Gott , wie war das eine böse , eine schreckliche Stunde ! « » Ich bin weit getrieben worden « , stammelte der Vater . » Ich will und muß auch Gewalt brauchen , wie der Krämer . Der aber hat ' s angefangen und ist viel der größere Sünder als ich ; den müßte Gott zuerst , lange vor mir strafen . Einmal hab ' ich an die Gerechtigkeit geglaubt , jetzt aber weiß ich , daß man sich selber helfen muß , so gut oder so schlecht man kann . « » So will ich meinen Vater nun nicht mehr hören ! « rief Dorothee . Mit furchtbarer Kraftanstrengung sprang sie auf und verließ die Stube . Der Vater suchte sie nicht mehr daran zu hindern . » Wir haben uns verstanden « , sagte er scharf . » Gewalt für Gewalt , wenn die göttliche Gerechtigkeit schläft . Solang die Reichen mit den Menschen machen , wie sie wollen , solange Gott dem Krämer sein Handwerk nicht legt , gilt zwischen uns , was wir eben ausgemacht haben . « Unter der Stubentür kehrte Dorothee sich noch einmal um und schien etwas sagen zu wollen . Sie warf einen langen , wehmütigen Blick in die dunkle , unfreundliche Stube . Dann plötzlich drehte sie sich um und verließ das Häuschen so schnell , als ob der Boden unter ihren Füßen zu brennen begonnen hätte . Einundzwanzigstes Kapitel Wie Dorothee die Lossprechung bekommt Als Dorothee wieder im Freien war und sich von einem frischen , kräftigen Lufthauch angeweht fühlte , wollte das eben Erlebte ihr nur noch wie ein schrecklicher Traum vorkommen . Hatte sie so Ungeheures wirklich gesehen und gehört , oder war es nicht vielmehr eine Vorstellung aus jenem Zustande , in dem sie ziemlich lang auf der breiten Ofenbank gelegen sein mochte ? Sie besann sich , wie es denn vorher gewesen , bis sie wirklich den Vater wiedersah mit dem Stuhl in der Hand und seine Worte nochmals zu hören meinte . Es war aber alles das so - närrisch , daß sie selbst diesen Vorstellungen , wie sie sie auch erbeben machten , noch immer nicht glauben wollte . Das fromme Mädchen war , wie beinahe jede Bregenzerwälderin , von der Schule auf gewöhnt , in allen Ereignissen einzig bloß Belohnung und Strafe des gerechten Gottes zu sehen . Das heutige Erlebnis aber wußte sie mit nichts aus ihrer Vergangenheit in Zusammenhang zu bringen . Hatte sie , der traurigen Lage der hilflosen Ihrigen gedenkend , sich in der letzten Zeit auch als Herrin auf dem Stighofe gewünscht , so tat sie das gewiß niemals aus Selbstsucht , und es war zu hart , daß der Vater , für den sie sich opfern wollte , sogar an den guten Jos zu denken verbot . Unrecht , ja wohl sogar Sünde - das gestand sie sich nach langer , sorgfältiger Gewissenserforschung - war es freilich gewesen , daß sie schon ganz im Ernste an eine Verehelichung mit Hansen dachte . Sie schätzte den Burschen - und vermutlich nur der erhaltenen Wohltaten wegen - zu hoch und verzieh ihm zu viel . Hatte sie es doch noch gar für eine Gnade gehalten , daß er sie nicht aus dem Dienste jagte , nachdem sie ihm wegen seiner Treulosigkeit gegen Jos ein wenig die Meinung gesagt . Und schon vor Jahren fand sie es ganz in der Ordnung , daß der Bruder seine Freiheit , seine Zukunft um ein Sündengeld an den reichen Burschen verkaufen mußte . War ' s zum Verwundern , wenn man jetzt , wo das erhaltene Geld verbraucht sein mochte und sich an Hansjörgen die Folgen jenes Bluthandels zeigten , vom Stighof einen weiteren Ersatz zu fordern sich berechtigt wähnte ? Mußten Vater und Bruder nicht annehmen , sie betrachte Hansen schon als den Künftigen , da sie nicht ein tadelndes Wort für jenen bedauerlichen Handel hatte ? Sie hätte mit Zusprechen und Bitten das alles verhindern können . Auch der Bruder war , wie sie , zu einem furchtbaren Eide gezwungen worden , der alle seine Hoffnungen zerstörte und ihn , den trotzig gewordenen , zum Kriege trieb gegen die gesellschaftliche Ordnung . Nun hatte das Mädchen die Schuld gefunden , welche es büßen zu müssen meinte . Schaudernd blickte es zum tiefblauen Himmel empor und dankte dem Gerechten für diese Erkenntnis , die ihm in diesem Augenblicke wirklich ein großer Trost war und Kraft verlieh , auch dem Ärgsten mutig und voll Vertrauen auf den weisen Leiter der Menschenschicksale entgegenzugehen . Jetzt mußte sie die Folgen früherer Herzlosigkeit tragen ; einmal hätte sie es anders machen können . Freilich wäre dadurch all dieses Elend nicht unterblieben ; Hans hätte doch einen Ersatzmann gekauft und vermutlich das Lebensglück eines anderen zerstört . Sie und die Ihrigen trugen nur am Elend , an der Not der ganzen Klasse . Arme Leute mußten sich eben verkaufen lassen auf die oder auf jene Art ; drum war ' s , wenn auch nicht recht , so doch erklärlich , daß der Vater , der das wohl oft im Leben erfuhr , den höchsten Preis aus ihr lösen wollte . Lange stand Dorothee auf der Brücke , die über die Ach führt , und beschäftigte sich mit diesen neuen Gedanken , bis sie trotz Sonnenschein und warmer Herbstluft wie im strengsten Winter zu frieren begann . Nur schon weil sie arm war , mußte sie für eine listige Verführerin gelten , die den reichen Burschen um jeden Preis in ihr Netz zu bringen suche ; der Besuch daheim und was sie da zu erleben hatte , bewies deutlich genug , daß dieses Vorurteil gegen die Armen auch nicht ganz unbegründet war . » Macht denn das Geld auch tugendhaft ? « fragte sich das Mädchen , blickte aber dabei nicht mehr zum Himmel empor , sondern nieder in den Strom , der unter der Brücke dahinbrauste . Wenn jetzt die Brücke zusammengebrochen wäre - dann hätte doch alle Not ein Ende gehabt ... für sie wenigstens ; die Ihrigen freilich ... » Du wirst dir da nicht etwa gar noch ein Leid antun wollen ? « fragte die helle , klangvolle Stimme der Kronenwirtin das Mädchen , welches über dieses Erraten seiner Gedanken noch mehr als über die unvermutete Anrede der Frau erschrak , die , ohne bemerkt zu werden , bis hart neben Dorotheen herangetreten war . » Ich wollte nur - ich komm ' eben vom Vater herüber « , stammelte die Verlegene . » Ich glaub ' schon , daß es nicht so weit mit dir ist , aber eben drum solltest du dich auch nicht öffentlich in so einen Verdacht bringen . Die Kirche ist aus , und mehr als hundert Augen blicken von allen Seiten auf dich . Was man dabei denkt , kann ich , die sonst doch nicht eben zu den Bösdenkenden gehört , mir selber abnehmen . « Dorothee schloß unwillkürlich die Augen . » Ich hab ' dich von meinem Haus aus gesehen und bin geschwind herüber , um dich zu holen , denn mir fiel etwas Schlimmes ein . Jetzt aber seh ' ich , daß dir gar nicht wohl ist . Du zitterst , als ob es Winter wär ' , und dabei glühen deine Wangen wie im Fieber . Komm nur mit mir und trink vor allem ein kräftiges Glas Wein ; das wird dir wohltun an Leib und Seele . Unterdessen verlaufen sich dann die Leute wieder ein wenig . Es wird dir lieb sein , nicht gar so vielen Blicken zu begegnen . « » Ich bin ein armes Mädchen « , sagte Dorothee , » das ist das einzige , dessen ich mich zu schämen hätte . « » Vor mir nicht « , sagte die freundliche Wirtin . » Wenn das das Ärgste ist , so richte dein Köpflein nur wieder auf und denke , du seiest noch lange nicht am schlimmsten dran . « » Aber schlimm genug « , meinte Dorothee , welche der Wirtin langsam folgte . » Du hast recht - wenigstens zum Teil . Nennt man doch im gewöhnlichen Leben das Betragen eines liederlichen , streitsüchtigen und unredlichen Menschen ein ärmliches . Er tut ärmlich ! Damit ist einem sein Urteil gesprochen . « » Ja « , fiel Dorothee leidenschaftlich ein , » und wenn man es anders will und nicht sein Herz und die Ruhe des Gewissens ums Geld verkauft , so handelt man gegen die Ordnung und mag es büßen . Nirgends wird man verstanden , nirgends mehr geschätzt . « » Ach , Mädchen , was mußt du gelitten haben , daß du so urteilen lerntest ! Aber gar so arg ist es denn doch nicht . Zwar niemand hat die ganze Welt und kann allem das Rechte treffen ; aber liebe , gute Menschen , denen man ganz trauen kann und darf , solche findet jeder , der ihrer wert ist . Hast du denn keine mehr ? « Dorotheen traf der Wirtin vorwurfsvoller Blick . » Kann und darf ! « wiederholte sie . » Noch vor fünf Minuten hab ' ich niemand gehabt , jetzt aber ... « Tränen erstickten ihre Stimme . Unterdessen waren sie vor dem Wirtshaus angelangt . Die Frau führte Dorotheen am Arme die steinerne Stiege hinauf und durch die geräumige Küche ins Herrenstüble , um den Blicken der im Gastzimmer Anwesenden zu entgehen . Es war Dorotheen ganz wunderbar zumute , als sie einige Minuten später im sauber getäfelten Zimmer mit den wunderbar schönen Bildern und dem großen Spiegel vor einem guten Schoppen saß und durch die halboffene Türe die in dem vollen Gastzimmer geführten Gespräche hörte . Viele suchten für die nächsten Tage Arbeit und Brot , boten ihre Arbeitskraft öffentlich an und trieben sich dabei die Löhne herunter . Nun wurde die Waldung versteigert , welche der Krämer unter dem Gottesdienst mit dem bisherigen Besitzer besichtigt hatte . Der Krämer bot etwas über den verhältnismäßig sehr niedrigen Anschlag , und nun wartete der Ausrufer vergebens auf ein höheres Angebot . Endlich schrie man ihm von allen Seiten zu , er solle doch der langweiligen Geschichte ein Ende machen , da ja der Krämer schon mit allen eins sei , welche die Mittel hätten , den Wald zu kaufen . » Nicht wahr , da geht ' s wunderbar zu ? « fragte die Wirtin , als sie endlich wieder etwas freie Zeit für ihren Gast im Herrenstüble gewann . » Es tut einem weh und wohl zugleich , das Durcheinander zu hören « , antwortete Dorothee . » Weh , so viele leiden zu sehen , und fast wohl , da man das Eigene dabei wieder ein wenig vergessen kann . Es ist doch ein Trost , wenn auch ein schwacher , sich mit so vielen leidend zu denken . Man lernt den anderen vieles vergeben , und Gott wird hoffentlich noch barmherziger sein , als man selber ist . « » Wenn man sich nur nichts vorzuwerfen hat . « » Wer ist so gut ? « fragte Dorothee . » Oh , viele sind nicht schuld an ihrem Unglück . « » Das wollt ' ich sonst nie glauben . « » Und nun ? « » Hab ' ich es erfahren und empfunden . Jetzt aber möcht ' ich wissen , was denn Gott tut . « » Er hat die Menschen einander gegeben , daß sie sich lieben und sich helfen nach seinen Geboten , nicht so sich bekriegen , wie du es da draußen und überall hörst . Tun sie das nicht , so folgt die Strafe von selbst . Den Reichen kann sein Überfluß tiefer hinabdrücken als den Armen seine Not . Oder um wieviel ist der Krämer besser , seit er einer der Reichsten wurde ? Er hat nur noch mehr Gewalt für seinen bösen Willen . Ja , Mädchen , mir hat der Pfarrer genug erzählt . Wer im Beichtstuhl redet , daß man ihn nicht lobt , gilt mir mehr als die , welche sich dann , sei es aus Dummheit oder Lieblosigkeit , über ihn hermachen , als ob kein guter Faden mehr an ihm wär ' . Das sag ' ich unverhohlen . Wenn der Krämer mit seinem Anhang dich noch um den Dienst bringt und du dann als ehrliche , unverdorbene Magd zu mir kommen kannst und magst , so will ich dir mit Freuden die Tür auftun , es mag dann Tag oder Nacht sein . « » Das ist guter Bescheid und großen Dank wert « , antwortete Dorothee gerührt . » Glück , Gunst , Neigung , alles ist übernächtig auf der Welt . Man kann immer nur sagen , was gewesen ist , nie , wie es noch kommen wird . Aber nicht bloß darum , schon als Beweis des Vertrauens tut mir der Antrag recht im Herzen wohl , wenn ich auch nicht glaub ' , daß ich so schnell werde daraus Ernst machen müssen . Der Hans gibt um solche Redereien nicht viel . « » Aber heut ' haben sie ihm schon auch warm und kalt gemacht . « » Meint Ihr ? « » Ich weiß es . Heut ' , als er nach dem Gottesdienst seinen Enzianer trank , ging es gehörig über ihn her . « » Was haben sie gesagt ? « » Sei nur froh , wenn du es niemals hören mußt . Des Kaplans Predigt und deine Beicht ' nimmt man zusammen und glaubt , entweder mit Hansen oder dem Jos müsse nicht alles in Ordnung sein . Man beginnt schon , den reichen Bauern so halb und halb aus der Sache zu wickeln . « » So ! « rief Dorothee mit einer Lebhaftigkeit , welche die Wirtin zuerst fast erschreckte , » der Jos ist also jetzt auch noch mit hineingekommen ! Das laß ich mir gefallen . Er kann sich nun um so eher denken , daß an dem ganzen Gerede kein wahres Wort sei . « Die Wirtin blickte Dorotheen erstaunt an und sagte nicht ohne Strenge : » Was Hans denkt , ist jetzt für seine Magd am wichtigsten . « » Hans steht auf sich selbst und tut , was er will . « » Du kennst die Welt noch schlecht , wenn du glaubst , daß nur wir Weiber uns nach dem Winde drehen . Ja , dann ist ' s zum Teil gut , daß Gott dich schon jetzt etwas erfahren läßt . « Die Wirtin wurde wieder in die Stube gerufen . Auch Dorothee stand auf , dankte für den Wein und noch mehr für das , was dabei ihr Herz erleichtert hatte . Die freundliche Frau war anfangs bemüht , Dorotheen , die ihr noch sehr aufgeregt schien , zurückzuhalten , da ja das Glas noch nicht einmal zur Hälfte geleert sei . Dorothee sagte jedoch , sie wäre soviel derlei Getränk gar nicht gewöhnt , wenig aber mache ihr leicht und wohl . Zudem sei es ihr immer , als ob es nicht recht wäre , so in einem fremden Hause vom Brotherrn zu reden , während es daheim vielleicht dies und jenes zu tun gäbe . Sie sehnte sich wirklich zurück zu den stillen häuslichen Verrichtungen , die ihr die Stigerin seit längerer Zeit fast ganz allein überließ . Da vergaß sie alles andere , konnte den Zusammenhang leicht übersehen und war ganz in ihrer Welt . Das Reden und Tun der Menschen aber tat ihr weh und drückte ihr Herz wie eine Last , unter der sie sich nicht mehr frei regen konnte , wie gern sie auch eingegriffen und etwas getan hätte . Ja , sie kannte die Welt noch nicht , da hatte die Wirtin ganz recht ; aber sie wußte doch schon zuviel von ihr , als daß ihr das Plaudern der Leute in der Gaststube und das Klingen der Gläser noch ein Vergnügen machen konnte . Das schönste war für sie und das beste , treulich ihre Pflicht zu tun , daß kein Mensch einen Grund zum Tadeln hatte . Dann konnte sie das Gerede vorüberschwirren lassen wie einen Herbststurm , vor dem sich kein Mensch fürchtet , wenn er nur sein Schindeldach gehörig mit Steinen überlegt und festgedrückt hat und auch sich selbst nicht auf der weiten Gasse befindet . Wäre sie heute wie sonst ordentlich zu Hause geblieben , statt sich großtun zu wollen mit ihrem Gelde , dann hätte sie gewiß nicht so Schlimmes erlebt . Mit solchen Gedanken kam sie vor den Stighof , den sie