er sein Gehirn in niederträchtigen Plänen und Anschlägen , wie er den Widerstand der Forstschreiberstochter besiegen könne ... Das Ereignis auf Gnadeck lenkte plötzlich seine Gedanken in eine ganz andere Bahn . Das junge Mädchen war jetzt eine begehrenswerte Partie , von altem Adel und reich . Kein Wunder , daß er innerlich aufjubelte bei der Nachricht und sofort den großmütigen Entschluß faßte , die liebreizende Blume auf Gnadeck mit einem Heiratsantrage zu beglücken ... Daß sie ohne Zögern die Ehre annehmen würde , lag natürlich außer allem Zweifel ; denn wenn sie auch aus Koketterie seinen Liebesanträgen auf eine Zeit zu widerstehen vermocht hatte , so war das doch nicht denkbar der Aussicht gegenüber , vielbeneidete Frau von Hollfeld zu werden . Ueber diesen Punkt war er so vollkommen klar und sicher , daß auch nicht ein Wölkchen der Befürchtung ihm die lockende Aussicht verdunkelte ... Es war indes nicht der glühende Wunsch allein , Elisabeth zu besitzen , der ihn antrieb , so rasch wie möglich zu handeln ; er mußte sich sagen , daß , wenn der Fund in den Ruinen bekannt wurde , auch noch andere Freier bei der ihrer Schönheit wegen bereits vielgenannten Goldelse anklopfen würden - schon der Gedanke machte ihm das Blut sieden . Der Ausführung seines Entschlusses stand indes noch ein Hindernis entgegen , und das war Helene . Nicht etwa , weil ihm eine mitleidige Regung gekommen wäre darüber , daß das heißliebende Mädchen namenlos leiden müsse infolge dieses Schrittes - was das betraf , so kannte er kein Erbarmen - wohl aber hatte er zu bedenken , daß er möglicherweise durch die plötzliche Heirat um die Erbschaft kommen könne , die er von Helene erwartete . Es galt also , vorsichtig und schlau zu sein . Wir haben gesehen , wie er kalten Blutes die tiefe , blinde Liebe der Unglücklichen ausbeutete und sie dadurch , daß er sich in seiner höchsten Lebensfrage ihr scheinbar unterwarf , unauflöslich an sich kettete . Sobald er das Zimmer verlassen hatte , schwankte Helene nach der Thür und schob den Riegel vor . Jetzt erst überließ sie sich völlig ihrer Verzweiflung . Wer sie nicht kennt , jene qualvollen Stunden , die auf eine ungeahnte , plötzlich wie aus der Luft herniederstürzende , zermalmende Nachricht folgen , jene Stunden , in denen der Mensch seinen Schmerz in die Welt hinausschreien möchte , und wo er , der Stütze und des Trostes anderer so bedürftig , doch scheu und wie gehetzt Dunkel und Einsamkeit aufsucht , als seien Licht und Klang tödliches Gift für seine brennende Wunde ; wem sie erspart wurden , jene Qualen , die plötzlich ein harmonisch geordnetes Gemüts- und Gedankenleben aus den Fugen zu reißen vermögen : der wird freilich nicht begreifen , daß Helene auf dem Fußteppich zusammensank und verzweiflungsvoll in ihren Locken wühlte , während ihre kleine , gebrechliche Gestalt wie im Fieber hin und her geschüttelt wurde ... Sie lebte und atmete ja nur in dieser glühenden Neigung ! Hatten doch schon einige finstere Blicke , eine mehrtägige düstere Zurückhaltung des geliebten Mannes hingereicht , sie in den tiefsten Kummer zu versenken und sie sogar teilnahmslos zu machen für ein Ereignis , das in früherer Zeit ihr schwesterliches Herz tief erschüttert haben würde , um wie viel mehr mußte sie jetzt leiden in der Ueberzeugung , daß sie ihn verlieren werde . Obwohl ein wildes Chaos von Gedanken in ihrem Kopfe kreiste , so war sie doch unfähig , einen einzigen klaren , sichtenden zu erfassen . Das demütigende Bewußtsein ihrer körperlichen Gebrechen , um deren willen sie aus ihrem geträumten Paradiese gestoßen wurde , Hollfelds heutiges Bekenntnis seiner Liebe , das ihr zugleich Himmel und Hölle erschlossen hatte , eine wahnsinnige Eifersucht auf diejenige , die sie noch gar nicht einmal kannte , welche aber dereinst an seiner Seite mit allen Rechten der Gattin stehen sollte , das alles wogte und stürmte in ihr und drohte , den schwachen Faden zu zerstören , der ihre Seele an den hinfälligen Körper fesselte . Erst spät , nachdem die Nacht bereits hereingebrochen war , öffnete sie der besorgten Kammerfrau die Thür und ließ sich auf vieles Bitten derselben zu Bette bringen . Sie verbat sich streng den Besuch des Arztes , den die Zofe vorschlug , ließ der Baronin , die ihr persönlich gute Nacht wünschen wollte , hinaussagen , daß sie der größten Ruhe bedürfe und nicht gestört sein wolle , und verbrachte dann einsam die schrecklichste Nacht ihres Lebens . Sie wurde erst ein wenig ruhiger , das heißt die furchtbare Spannung ihrer Nerven ließ nach , als das Morgenlicht durch eine Spalte des Vorhanges in das Zimmer huschte . Es war , als glitte der dünne , goldene Strahl auch in ihre umnachtete Seele und werfe ein Streiflicht auf das , was ihre Gedanken im tollen Kreislaufe unberührt gelassen hatten . Sie fing an zu überlegen , daß Hollfeld ja völlig selbstlos handle . Wenn auch die Notwendigkeit , daß er sich vermählen müsse , stets wie ein Schreckbild vor ihr aufgestiegen war , so hatte sie dieselbe doch nie wegzuleugnen vermocht ; und mußte sie es nicht anerkennen , daß ihr Gedanke , er werde warten , bis sie aus dieser Welt geschieden sei , in ihm keinen Raum gefunden hatte ? Brachte er nicht auch ein schweres Opfer ? Denn er liebte ja sie , nur sie allein , und mußte sich entschließen , einer anderen anzugehören ; durfte sie ihm die Erfüllung einer heiligen Pflicht noch schwerer machen durch ihren Jammer ? ... Er forderte sie auf , einen mühevollen Weg mit ihm zu gehen ; sollte sie sich da feig und mutlos zeigen , wo er eine große Willensstärke bei ihr vorausgesetzt hatte ? ... Und fand er ein Weib , das sich mit der Freundschaft begnügte , da , wo es mit vollstem Rechte Liebe heischen konnte , wie hätte sie sich an Selbstverleugnung übertreffen lassen mögen ? In fieberhafter Hast griff sie nach der silbernen Glocke auf dem Nachttische und berief die Kammerfrau , um sich ankleiden zu lassen . Ja , sie wollte entsagen , wollte stark sein , aber sie meinte auch , nur der ganzen , vollen Gewißheit gegenüber werde sie Mut und Stärke finden , und deshalb mußte sie vor allem den Namen derjenigen wissen , welche Hollfeld für geeignet hielt , die schwere Mission zu übernehmen . Sie hatte freilich bereits alle unverheirateten weiblichen Wesen ihrer Bekanntschaft prüfend an sich vorübergehen lassen , doch da war auch nicht eine einzige , die sie nicht sofort ungeduldig und heftig verworfen hätte . Es war zwar noch nicht die Stunde , in welcher sie jeden Morgen mit der Baronin und Hollfeld zu frühstücken pflegte - ihr Bruder blieb diesen frühen Zusammenkünften stets fern - aber sie hielt es nicht länger aus in ihrem einsamen Zimmer und ließ sich , da sie sich sehr schwach fühlte , im Rollstuhle nach dem Eßsalon fahren . Zu ihrer Verwunderung hörte sie von dem Bedienten , der alles zum Frühstücke vorbereitete , daß die Baronin schon vor einer halben Stunde spazieren gegangen sei ; das war ein seltener Fall , aber er kam der jungen Dame sehr erwünscht , denn in dem Augenblicke , als sie sich in eine der Fenstervertiefungen rollen ließ , erblickte sie Hollfeld , der draußen auf dem großen Kiesplatze vor dem Schlosse auf und ab promenierte . Er schien keine Ahnung zu haben , daß er beobachtet werde . Den breiten , schöngebauten Oberkörper elastisch auf den Hüften hin und her wiegend , schritt er rasch und leicht dahin . Dann und wann führte er mit sichtlichem Wohlbehagen die Zigarre an den Mund , deren feiner Duft durch das geöffnete Fenster bis zu Helene drang . Die junge Dame war zuerst schmerzlich betroffen und wollte es sich durchaus nicht eingestehen , daß das Aussehen des Geliebten ein auffallend frisches war und von heiterster Laune zeugte , aber es war ihr unmöglich , in seiner Haltung , in jeder Bewegung , ja selbst in dem halb unbewußten Lächeln , das seine Lippen öffnete und die wunderschönen Zähne sehen ließ , einen anderen Ausdruck zu finden , als den eines kecken , jugendlichen Uebermutes , der Lebenslust und eines unendlichen Behagens ... Da war auch nicht eine Spur jener Kämpfe zu entdecken , in denen sie die ganze Nacht verbracht hatte ; wie ein Opfer grausam gebieterischer Verhältnisse sah er ganz gewiß nicht aus ... oder wirkte hier eine große , geistige Kraft , der starke , männliche Wille ? Dann mußten beide einen Höhepunkt erreicht haben , der an das Uebermenschliche streifte . Die junge Dame zog finster die Augenbrauen zusammen . » Emil ! « rief sie heftig , mit fast rauher Stimme hinab . Hollfeld erschrak sichtlich , aber mit einem Satze stand er unter dem Fenster und schwenkte grüßend seinen Hut . » Wie ? « rief er , » du bist schon hier ? ... Darf ich hinaufkommen ? « » Ja ! « klang es in bereits milderem Tone herab . Nach wenigen Augenblicken trat er in den Salon . Helene hatte jetzt eher Grund , mit seinem Aussehen zufrieden zu sein ; denn es lag ein tiefer Ernst auf seiner Stirn . Er warf seinen Hut auf den Tisch und rückte einen Stuhl neben die junge Dame . Ihre beiden Hände zärtlich an sich ziehend , sah er ihr ins Gesicht ; er schien selbst betroffen zu sein über ihre aschbleichen Wangen und den erloschenen Blick , der dem seinigen begegnete . » Du siehst sehr übel aus , Helene , « bemerkte er teilnehmend . » Und nimmt dich das wunder ? « fragte sie , unfähig , ihre Bitterkeit zu unterdrücken . » Mir ist leider jene glückliche Gabe des Gleichmuts versagt , mittels der man schon wenige Stunden nach einer herben Prüfung wieder heiter und lebensfroh in die Welt blicken kann ... Ich beneide dich . « Ihr Auge streifte vorwurfsvoll sein blühendes Gesicht . Er verwünschte innerlich seine Morgenpromenade , oder vielmehr die Unvorsichtigkeit , mit der er seine Gedanken an Elisabeth und den Sieg , welchen er über das spröde Mädchen feiern werde , zur Schau getragen hatte . » Du bist ungerecht , Helene , « entgegnete er lebhaft , » wenn du mich nach meiner äußeren Haltung beurteilst ... Soll denn der Mann , wenn er sich in das Unvermeidliche fügen muß , weinen und wehklagen ? « » Nun , davon schienst du vorhin auch sehr weit entfernt zu sein . « Ein unaussprechlicher Aerger bemächtigte sich seiner . Das armselige Wesen da vor ihm , das bei seinem mißgestalten Körper Gott danken mußte , wenn ein Mann ihm gegenüber sich überwand , nicht gerade unfreundlich und abstoßend zu sein , und das auch wirklich früher jede kleine Aufmerksamkeit mit unsäglicher Dankbarkeit aufgenommen hatte - es wurde plötzlich so anmaßend , ihm Vorwürfe zu machen . Obgleich er alles daran gesetzt hatte , sie an seine feurige Liebe glauben zu machen , meinte er doch innerlich , es sei eine grenzenlose Eitelkeit von der kleinen Buckeligen , sich einzubilden , sie könne in der That eine solche Neigung einflößen ; auch erkannte er voll Ingrimm , daß er es hier mit dem » hartnäckigsten Eigensinn und einer widerwärtigen Sentimentalität « zu thun habe . Es kostete ihn unsägliche Mühe , sich zu beherrschen , aber er that es , und es glückte ihm sogar ein Lächeln mit einem Anstriche von Melancholie , was ihn in diesem Augenblicke sehr interessant erscheinen ließ . » Wenn du hörst , weshalb ich vorhin heiter ausgesehen habe , so wirst du deinen Vorwurf gewiß bereuen , « sagte er . » Ich vergegenwärtigte mir nämlich den Moment , wo ich vor deinen Bruder hintreten und sagen darf : Helene hat sich entschlossen , künftig in meiner Familie zu leben , und ich leugne nicht , daß ich das mit einer Art von Genugthuung dachte ; denn er hat ja von jeher meine Liebe zu dir mit scheelen Augen angesehen . « Leser - man sagt , die Liebe sei blind ; allein in den meisten Fällen schließt sie freiwillig die Augen , denn sie weiß , daß sie an der Erkenntnis sterben müßte , und gegen die Vernichtung kämpft sie verzweifelter noch , als das Leben . Helene bemühte sich , das , was er vorgab , mit seinem Aussehen von vorhin in Einklang zu bringen , und es harmonierte denn auch vortrefflich . Sie reichte ihm aufatmend die Hand . » Ich glaube dir , « sagte sie innig , » der Verlust dieses Glaubens wäre ja auch mein Todesurteil ... Ach , Emil , du darfst mich nie , niemals hintergehen ; auch nicht , wenn du denkst , daß es zu meinem Heile sei - ich will lieber eine schlimme Wahrheit hören , als den qualvollen Verdacht mit mir schleppen , daß du nicht wahr gegen mich seiest ... Ich habe eine schreckliche Nacht gehabt , aber jetzt bin ich gefaßter und bitte dich , mir die Idee mitzuteilen , von der du gestern sprachst . Das fühle ich klar , ich werde nicht eher mein inneres Gleichgewicht wieder erlangen , bis ich das Gesicht kenne , das für die Zukunft zwischen uns stehen soll . Bis jetzt ist dieses Wesen nur noch ein Phantom für mich , und ich glaube , eben in dieser Unsicherheit liegt die quälende Unruhe , die mich verzehrt ... also den Namen , Emil , ich bitte dich inständig ! « Hollfelds Augen irrten wieder am Boden . Die Sache schien ihm mißlich in diesem Augenblicke . » Weißt du auch , Helene , « begann er endlich , » daß ich großes Bedenken trage , heute die Angelegenheit mit dir zu besprechen ? ... Du bist sehr angegriffen ; ich fürchte , ein eingehendes Gespräch macht dich krank . Und dann muß ich sagen , daß mir mein gestrigen Gedanke , je öfter ich ihn beleuchte , immer praktischer erscheint ; es sollte mir deshalb sehr leid thun , wenn du in der Aufregung seine vorteilhaften Seiten übersähest . « » Das werde ich ganz gewiß nicht ! « rief Helene , sich lebhaft emporrichtend , ihr Auge hatte einen fieberhaften Glanz . » Ich habe mich überwunden und bin bereit , mich in das Unvermeidliche zu fügen ... Ich verspreche dir , so völlig unparteiisch zu sein , als ob - ich nicht liebte . « Sie errötete , denn zum erstenmal sprach sie das Wort aus . » Nun denn , « sagte Hollfeld zögernd - er vermochte nicht ganz seine innere Erregung zu beherrschen - » was meinst du zu dem jungen Mädchen auf Gnadeck ? « » Elisabeth Ferber ? « rief Helene aufs höchste überrascht . » Elisabeth von Gnadewitz , « verbesserte Hollfeld rasch . » Gerade die plötzliche Veränderung ihrer Stellung hat mich auf die Kleine aufmerksam gemacht . Bis dahin habe ich sie wenig beachtet , und ist mir nur ihr bescheidenes Wesen und die große Ruhe in ihren Gesichtszügen aufgefallen . « » Wie , an der reizenden , wunderbar beseelten Erscheinung wäre dir nichts bemerkenswert vorgekommen , als die Ruhe und Bescheidenheit ? « » Nun ja , « entgegnete er gleichgültig . » Ich erinnere mich , daß du manchmal über deine eigenen Finger ärgerlich wurdest , während sie nie eine Miene verzog und geduldig immer wieder von vorn anfing , bis du ihr folgen konntest . Das gefiel mir schon damals . Ich halte sie für einen sehr ruhigen Charakter , und den muß vor allem meine künftige Frau haben . Auch ist es nicht zu verkennen , daß sie dich verehrt ; damit wäre die Hauptbedingung erfüllt . Ferner ist sie in engen , beschränkten Verhältnissen aufgewachsen ; sie wird keine Ansprüche machen und sich leicht in die Stellung dir und mir gegenüber finden . Ich glaube , sie hat Takt , ist sehr häuslich erzogen , ein großer Vorzug , und - « Helene war in das Kissen zurückgesunken und legte die Hand über die Augen . » Nein , nein ! « rief sie , sich rasch wieder aufrichtend und seinen eifrigen Redefluß unterbrechend . » Nicht das arme , liebliche Kind ! Elisabeth verdient , geliebt zu werden . « Ein plötzliches Hundegeheul unterbrach sie und ließ sie selbst einen Schrei des Schreckens ausstoßen . Hollfeld hatte seine Diana , die mit hereingekommen war und zu den Füßen ihres Herrn hingestreckt lag , auf die Pfote getreten . Dieser Zwischenfall kam ihm sehr gelegen , denn Helenes letzte Worte klangen , seinen eigenen glühenden Wünschen gegenüber , so komisch , daß er lachen mußte . Er öffnete die Thür und jagte das hinkende Tier hinaus . Als er zu dem jungen Mädchen zurückkehrte , waren seine Züge wieder völlig ruhig und beherrscht . » Lieben wollen wir ja die Kleine auch , Helene , « sagte er anscheinend gleichmütig , während er seinen Platz wieder einnahm - Helene war zu sehr erregt und wohl auch zu reinen Sinnes , um die leichte Beimischung von Frivolität in seinem Tone herauszuhören - » sie soll dir nur den Vorrang lassen in meinem Herzen , und das wird sie auch gewiß ... Sie besitzt sehr viel ruhige Ueberlegung und Kaltblütigkeit , das hat sie vorgestern vollständig bewiesen , als sie Rudolf rettete . « » Wieso ? « rief Helene , die Augen voll unsäglichen Erstaunens weit öffnend . Der Diener , welchem gestern wider Willen das Ereignis im Walde entschlüpft war , hatte , erschrocken über sein Versehen , alle näheren Umstände des Attentats unerörtert gelassen und war einfach dabei stehen geblieben , daß der beabsichtigte Schuß Herrn von Walde glücklicherweise nicht getroffen habe . Auch Hollfeld hatte den Sachverhalt erst vor einer Stunde vom Gärtner erfahren . Das unerschrockene Benehmen Elisabeths verlieh ihr , wie man denken kann , in seinen Augen einen neuen Reiz und stachelte seine Sehnsucht , sie so rasch wie möglich zu gewinnen , aufs höchste . Er teilte Helene jetzt alles mit , was er über die Begebenheit erfahren hatte , und schloß mit den Worten : » Du hast jetzt einen Grund mehr , das Mädchen zu lieben , und mich bestärkt ihre Handlungsweise in dem Glauben , daß sie die einzige ist , die in die Verhältnisse paßt . « Hiermit hatte er sein letztes Pulver verschossen . Er strich mit seiner weißen , schlanken Hand langsam das Haar von der Stirn zurück und beobachtete dabei hinter dem vorgehaltenen Arme gespannt die junge Dame , die den Kopf so in das Kissen gedrückt hatte , daß er nur ihr Profil sehen konnte . Aus ihren geschlossenen Lidern quollen Thränen ! Sie sprach kein Wort mehr , vielleicht rang sie zum letztenmal mit sich selbst . Warum sie aber nicht ein einziges Mal die Frage aufwarf , ob auch Elisabeth in der That Hollfeld ihre Neigung zuwenden werde ? Das wird sich vielleicht manche Leserin selbst beantworten können , sobald sie bedenkt , daß das liebende Herz gewöhnlich den Gegenstand seiner Leidenschaft für unwiderstehlich hält und es schwer begreift , wenn er nicht allen anderen Menschenkindern ebenso begehrenswert erscheint . Das Schweigen , das peinlich zu werden anfing , wurde durch das Eintreten der vom Spaziergange zurückkehrenden Baronin unterbrochen . Helene fuhr in die Höhe und trocknete rasch ihre Thränen . Mit sichtlicher Ungeduld ließ sie sich die Liebkosungen gefallen , mit denen sie von der augenscheinlich sehr echauffierten Dame förmlich überschüttet wurde , und antwortete sehr einsilbig auf die Fragen nach ihrem Befinden . » Puh ! « rief die Baronin sich schüttelnd und ließ die Mantille in den Händen ihres Sohnes , während sie schwerfällig in einen Fauteuil niedersank . » Mir ist warm geworden ... Ist das ein vertrackter Weg über den Berg ! ... Mich bringt keine Macht der Erde je wieder da hinauf ! « » Du warst auf dem Berge , Mama ? « frug Hollfeld ungläubig . » Nun ja - du weißt ja , der Arzt hat dergleichen Morgenspaziergänge immer für mich gewünscht . « » Ach , das war aber vor so und so viel Jahren , und seitdem behauptest du ja stets , dein Herzübel mache dir derartige Promenaden ganz unmöglich . « » Man muß alles in der Welt mehrmals probieren , « entgegnete die Mama ein wenig verlegen ; » und als ich heute nacht durchaus nicht schlafen konnte , beschloß ich , nochmals einen Versuch zu wagen - und dabei bleibt es nun auch ... Ich habe obendrein gleich wieder einen tüchtigen Aerger gehabt . Denke dir nur , Helene , da kommt mir draußen auf dem Kiesplatze Bella in Begleitung der neuen Gouvernante entgegen - kannst du wohl glauben , daß diese Person die Unverschämtheit hat , das Kind zu ihrer Linken gehen zu lassen ? ... Dazu sieht sie aus , daß man sie in die Schoten stellen möchte ... Ich war sehr außer mir und habe ihr sofort ihren Standpunkt klar gemacht ... Aber sage selbst , ob es nicht arg ist ; ich darf nur daran denken , mich einmal erholen zu wollen , da kann ich sicher sein , daß alles geschieht , um mich krank und elend zu machen ! « Sie wollte die Stirn schwermütig auf den Arm stützen , fühlte aber in diesem Augenblicke , daß die geschickt angebrachten falschen Zöpfe an den Schläfen unter dem Drucke des Hutes eine bedenkliche Richtung angenommen hatten . Sie erhob sich schnell und erbat sich noch auf ganz kurze Zeit Urlaub , um ihre derangierte Morgentoilette in Ordnung bringen zu lassen . » Apropos ! « sagte sie nachlässig und drehte sich im Weitergehen noch einmal um nach den Zurückbleibenden , während sie den Hut einstweilen fest auf die rebellischen Zöpfe drückte , » da hat uns der einfältige Reinhard gestern schön blau anlaufen lassen ... Ich begegnete zufälligerweise dem Forstschreiber Ferber droben bei den Ruinen ... ich gratulierte ihm - « » Ah , ich begreife jetzt deine Wanderung auf den Berg ! « unterbrach Hollfeld ironisch seine Mutter . » Und du hast den Mann angeredet , Mama ? « » Nun , jetzt kann man das ja ... Mich interessierten hauptsächlich die Juwelen . « » Wolltest du sie kaufen ? « fragte ihr Sohn spöttisch - er mochte an die stete Ebbe in ihrer Kasse denken . » Das weniger , « erwiderte sie mit einem Zornblicke . » Aber ich habe stets eine Leidenschaft für schöne Steine gehabt - und wäre dein Vater nicht so plötzlich gestorben , so hätte ich jetzt sehr schöne Brillanten , denn er hatte sie mir versprochen , du aber wärst um ein Kapital von circa sechstausend Thalern ärmer ... Aber um wieder auf die gefundenen Kostbarkeiten zu kommen : Ferber sagte mir , aus was sie bestanden , und erzählte mir auf mein Befragen ohne Umstände , daß sie ungefähr - achttausend Thaler wert seien - und das nennt der Mensch , der Reinhard , einen unermeßlichen Wert ... Einstweilen Gott befohlen - in wenigen Augenblicken bin ich wieder da ! « Aus Hollfelds Gesicht war das spöttische Lächeln verschwunden , mit dem er die Erzählung der Mutter angehört , und hatte einem unverkennbaren Ausdrucke der Enttäuschung Platz gemacht ; es war ihm plötzlich zu Mute , als ob ein kaltes Sturzbad sich über ihn ergossen habe . Kaum hatte sich die Thür hinter der Baronin geschlossen , als Helene aus ihrer bisherigen scheinbaren Apathie erwachte und Hollfeld beide Hände entgegenstreckte . » Emil , « sagte sie rasch , wenn auch mit etwas verschleierter Stimme und bebenden Lippen , » wenn es dir gelingt , Elisabeths Herz zu gewinnen , was ich nicht bezweifle , dann gehe ich auf deinen Plan ein ; aber es bleibt dabei , daß ich bei euch in Odenberg wohne . « » Das versteht sich , « entgegnete er , wenn auch etwas zögernd ; sein Ton hatte bei weitem nicht mehr die Festigkeit von vorhin , » aber ich mache dich vorher darauf aufmerksam , daß du eine etwas schmale Küche finden wirst ... Meine Einkünfte sind nicht besonders glänzend , und daß Elisabeth so gut wie gar nichts besitzt , hast du eben gehört . « » Sie soll nicht arm in dein Haus kommen , Emil , darauf verlasse dich , « antwortete das junge Mädchen mit weichem Tone und unnatürlich glänzenden Augen . » Von dem Augenblicke an , wo sie erklärt , die Deine sein zu wollen , ist sie meine Schwester ... Ich will redlich mit ihr teilen ... ich weise ihr vorläufig die Einkünfte von meinem Gute Neuborn in Sachsen zu und werde über diesen Punkt mit Rudolf sprechen , sobald er zurückkehrt ... Und wenn ich die Augen schließe , so gehört euch beiden dann alles , was ich besitze ... Bist du zufrieden mit mir ? « » Du bist ein Engel , Helene ! « rief er . » Niemals sollst du deine Großmut und aufopfernde Liebe bereuen ! « Diesmal war sein Feuer , seine Ekstase nicht erheuchelt , denn die Einkünfte von Neuborn machten Elisabeth zu einer sehr reichen Braut . 18 Zwei Tage waren vergangen seit dem Morgen , an welchem Helene , wie sie wähnte , den vollständigen Sieg über sich selbst errungen hatte , wo sie fest überzeugt war , der unumstößlichen Gewißheit gegenüber werde das Stürmen und Wogen ihrer aufgeregten Gefühle sich beruhigen ... Wie wenig war sie im stande gewesen , die Tiefe ihrer Leidenschaft zu bemessen ! Sie hatte nach einem Strohhalme in der empörten Flut gegriffen , und er war treulos mit ihr gesunken ... Nur zwei Tage ! ... aber sie wogen ihr ganzes bisheriges Leben an Seelenschmerzen auf . Sie sagte sich unaufhörlich , daß das Ziel ihrer Tage , die heißersehnte Ruhe , nicht fern sei , und doch schauderte sie vor dem kurzen Stücke irdischen Daseins , das noch vor ihr lag , wie die nichtgläubige Seele angesichts des Grabes . Sie fühlte immer deutlicher , daß ihr Versprechen , in Odenberg leben zu wollen , ihr Opfer erst recht zu einem übermenschlichen mache ; aber um keinen Preis hätte sie auch nur ein Jota von dem ändern mögen , was sie Hollfeld gelobt hatte ; sie wollte seiner Liebe würdig sein , wollte seine Achtung verdienen durch die ungeheuerste Selbstüberwindung . - Arme Verblendete . Ihr schwaches Nervenleben litt unbeschreiblich unter den fortgesetzten inneren Kämpfen . Sie fieberte beständig und wurde von einer quälenden Unruhe fast aufgerieben . Fort und fort drängte sich das , womit sich ihr ganzes Denken und Empfinden ausschließlich beschäftigte , auf ihre Lippen , aber sie schwieg pflichtschuldigst , weil Hollfeld es wünschte . Ebensowenig hatte er erlaubt , daß sie Elisabeth in den ersten Tagen zu sich berufen durfte , denn er fürchtete , vielleicht nicht mit Unrecht , sie möchte ihm in ihrer Aufregung das Spiel bei dem jungen Mädchen verderben . Er selbst hatte bereits die ersten Schritte gethan , um sich Elisabeth wieder zu nähern . Er war schon zweimal vor dem Mauerpförtchen erschienen , um » der Familie von Gnadewitz « seine Aufwartung zu machen , aber , ob er auch den Klingelgriff fast abgerissen hatte , es war ihm doch nicht aufgethan worden . Das erste Mal war in der That niemand zu Hause gewesen ; gestern jedoch hatte ihn Elisabeth kommen sehen . Die Eltern waren mit Ernst im Forsthause , und Miß Mertens erklärte sich mit der Absicht des jungen Mädchens , den Besuch nicht einzulassen , völlig einverstanden . Die beiden saßen oben lachend in der Wohnstube , während die kleine Mauerglocke sich fast heiser läutete . Von diesem Komplott hatte der Untenstehende freilich keine Ahnung . Es war sieben Uhr morgens . Helene lag bereits angekleidet auf ihrem Ruhebette ; sie hatte sich die ganze Nacht schlummerlos auf ihrem Lager umhergeworfen . Die Baronin schlief noch , Hollfeld war ebensowenig sichtbar , allein sein konnte und wollte die junge Dame um keinen Preis , deshalb hatte die Kammerfrau eine Handarbeit nehmen und sich zu ihr setzen müssen . Was das Mädchen plauderte , es flog unverstanden an ihren Ohren vorüber , aber nichtsdestoweniger hatte der Klang einer menschlichen Stimme nach der einsamen , fieberhaften Nacht etwas Beschwichtigendes für sie . Das Geräusch eines näherkommenden Wagens ließ plötzlich die Erzählerin verstummen . Helene öffnete das Fenster und bog sich hinaus . Eben verließ die zurückkehrende Equipage ihres Bruders die Chaussee , und ihre Räder sanken tief ein in den hochaufgeschichteten , knirschenden Kies des breiten Parkfahrweges . Der Wagen war leer . » Wo ist dein Herr ? « rief Helene dem Kutscher zu , als er ziemlich nahe vorüberfuhr . » Der gnädige Herr sind auf der Chaussee ausgestiegen , « antwortete der alte Mann , seinen Hut abnehmend , » und kommen zu Fuße über den Berg , bei dem Gnadecker Schlosse vorüber . « Die junge Dame schlug das Fenster zu und schauderte zusammen , als fröstele sie ; das einzige Wort » Gnadeck « hatte ihre Nerven berührt wie ein elektrischer Schlag . Sie konnte nichts mehr hören , was sie an Elisabeth erinnerte , ohne jenen jähen Schrecken zu empfinden , den z.B. eine plötzlich erscheinende Spukgestalt unserer Einbildungskraft verursacht . Sie erhob sich und ging , gestützt auf die Kammerfrau , hinunter in die Zimmer ihres Bruders . In dem Salon , dessen Glasthüren auf die Freitreppe mündeten , ließ sie ein Frühstück servieren und setzte sich , den Zurückkehrenden erwartend , in einen Lehnstuhl . Sie nahm eines der prachtvoll gebundenen Albums , die auf den Tischen umherlagen , auf den Schoß ; mechanisch wendete ihre Hand die Blätter um , ihre Augen ruhten