deren leichtlebiger Gleichmuth ihn zur rechten Zeit daran erinnert habe , welche Quellen der Zufriedenheit jedweder Mensch besitze , der weise genug sei , sich den Sinn frei zu erhalten , sich nicht von Zufällen beunruhigen und sich nicht vor der Zeit altern zu lassen . Mit den Erinnerungen und Gewissensbissen der Vergangenheit hatte er vollkommen abgeschlossen , ja , er begriff es , Dank dem Zuspruche der Herzogin , kaum noch , wie sie ihn jemals in so sinnverwirrender Weise hatten peinigen können . War es denn seine Schuld , daß der gewaltsame Starrsinn Paulinen ' s sie verhindert hatte , sich nach hergebrachter Weise in das Vernünftige und Nothwendige zu fügen , daß sie ihrer Leidenschaftlichkeit mehr als der Vernunft Gehör gegeben ? Oder was konnte er dafür , daß ein unglücklicher Zufall seiner Gattin ein Geheimniß enthüllt hatte , welches ihr besser verborgen geblieben wäre ? Er hatte Stunden , in denen er mit seiner Gattin um ihres Ernstes willen recht unzufrieden war , und wenn er auch von dieser Unzufriedenheit , welche sich nicht nur auf Angelika , sondern auch auf den Caplan erstreckte , der sich mehr und mehr von der im Schlosse herrschenden Geselligkeit zurückzog , nicht viel merken ließ , so kamen doch die Augenblicke immer häufiger , in denen die Herzogin ihm das Geständniß derselben abzulocken wußte . Das gute Einvernehmen zwischen den beiden alten Freunden knüpfte sich dadurch fest und fester , und , wie Herbert es bezeichnet hatte , die Herzogin bestimmte und leitete das Leben im Schlosse fast ausschließlich . Es war ein herrlicher Sommertag , an welchem der Baumeister nach jenem Mittage im Flies ' schen Hause wieder in Richten eintraf . Die Fenster des unteren Geschosses , welche bis zum Boden herniedergingen , waren geöffnet , die Luft regte sich nicht , die Wolken schwebten wie flüssiges , durchsichtiges Silber an dem blauen Himmel . Ueberall hörte man Vogelsang , überall spielten aufsteigend und sich in sich selber drehend zahllose Mückenschwärme im warmen Sonnenscheine . Oben auf der First des alten Thurmes sah die junge Storchfamilie nach den heranfliegenden Alten aus , und aus dem fetten Grün des Rasens wuchsen , von der Wärme gelockt , die Butterblumen , die Campanula , die Scabiosen und eine Fülle farbiger Gräser hervor . Aus den Volièren auf der Terrasse tönte das Gezwitscher und das Singen ihrer gefiederten Bewohner , und die großen Windspiele des Barons sprangen in langen Sätzen neben einander her , ohne auf den kleinen Mops der Herzogin zu achten , der ruhig in der warmen Sonne da lag , leise und träge mit den großen , schwarzen Augen blinzelnd , wenn eines der Windspiele in raschem Sprunge über ihn fortsetzte . Wie immer hatte Herbert an der herrschaftlichen Tafel gespeist und seine kurze geschäftliche Unterhaltung mit dem Freiherrn gehabt , ehe dieser sich zurückzog . Nun war die Zeit der Mittagsruhe vorüber , die Wärme fing an nachzulassen , und der Kaffee sollte deßhalb im Freien eingenommen werden . Eine chinesische Strohmatte war auf dem Boden ausgebreitet , um gegen die Feuchtigkeit zu schützen , welche von dem Gewitterregen des frühen Morgens etwa noch im Erdreiche zurückgeblieben sein konnte . Die Herzogin , welche nur selten einmal geneigt war , sich Bewegung zu machen , saß ruhig im Sessel und drehte die kleine emaillirte Tabacksdose mit dem Bilde der Königin Marie Antoinette in der Hand , während die Diener mit den silbernen Theebrettern herbeikamen , um den Kaffee in kleinen Tassen von Sèvres-Porzellan herumzugeben . Sie war heller gekleidet als gewöhnlich , und als der Freiherr ihr die Bemerkung machte , daß ihr dies vortheilhafter stehe , meinte sie , man müsse es dem Wetter nachthun , das jetzt so freundlich sei , und es sei ihr hier ja auch so heiter , so völlig heimisch zu Sinne , daß sie es aus Dankbarkeit darauf angelegt habe , ihm zu gefallen . Der Baron machte ihr das Compliment , welches diese Aeußerung verlangte , man begann zu scherzen , und obschon Herbert dieses Mal nur wenige Wochen von Richten entfernt gewesen war , fiel es ihm doch wieder auf , wie das Leben und das Behaben seiner Bewohner sich immer mehr verändert hatten , seit er zum ersten Male dorthin gekommen war . Damals hatte der Freiherr doch mit seiner Gattin und mit dem Caplan seine Muttersprache geredet , jetzt sprach er , wo dies irgend thunlich war , das Deutsche nicht , während der Marquis , der sichtlich bemüht war , es zu erlernen , Herbert ' s Anwesenheit , mit welchem er fast gleichen Alters war , zur Uebung in der ihm neuen und fremden Sprache zu benutzen liebte . Sie waren auf diese Weise in eine Art von näherer Bekanntschaft gerathen und auch an dem Nachmittage auf der Terrasse plaudernd umhergeschlendert , bis ein Zufall sie in das geöffnete Billardzimmer führte , in welchem man die Rapiere , die Fleurets und überhaupt die Geräthschaften bewahrte , deren man zu körperlichen Uebungen bedurfte . Der Marquis , welcher ein Meister in denselben war , forderte den Architekten auf , ein paar Gänge zu machen , und nachdem man sich damit genug gethan hatte , nahm der bewegliche Franzose schnell ein Racket in die Hand , Herbert zum Federballspiele einladend . Jeder Müßige nimmt , ohne es zu wollen , an der Beschäftigung Theil , welche er vor seinem Auge ausüben sieht , und bald hatte die Sicherheit der Spielenden die Zuschauer so lebhaft gefesselt , daß deren Unterhaltung sich nur noch auf sie bezog . Herbert schlägt den Ball so sicher , wie er den Zirkel und das Richtmaß führt , bemerkte der Freiherr , indem er dem Diener seine geleerte Tasse reichte . Ja , meinte die Herzogin , welche kurzsichtig war und das Glas vor die Augen genommen hatte , er ist Meister in dem Spiele , er übertrifft selbst den Marquis , den man sonst dafür bewunderte und der es , ich kenne diese kleine Eitelkeit an ihm , auch sicher nur in Vorschlag gebracht hat , um die gewohnte Bewunderung zu ernten . Kaum irgend eine andere Uebung ist so geeignet , die Schönheit und Anmuth der Gestalt zu zeigen , als eben dieses Spiel , hob der Freiherr nach einer Weile , in welcher man ihnen schweigend zugesehen hatte , wieder an , und Herbert ist in der That ein ungewöhnlich wohlgestalteter Mann . Sehen Sie , wie schlank der Oberkörper an den Hüften einsetzt und wie frei der kräftige Nacken sich auf den breiten Schultern bewegt . Er gleicht seinem Vater ungemein , der selbst in Italien , in dem Lande der schönen Mannesgestalten , noch durch seine Wohlgestalt Aufsehen erregte . Dazu hat er viel Verstand und ein schickliches Betragen . Gewiß , bekräftigte die Herzogin , die sich seit langer Zeit darin gefiel , Herbert ' s Beschützerin zu machen und seine Vorzüge an das Licht zu bringen . Finden Sie nicht , liebe Angelika , daß er wirklich die Tournüre eines Mannes aus unserer Gesellschaft besitzt ? Und er hat mehr Geist , mehr Herz , mehr Schwung , als Mancher der Unserigen . Die Baronin hatte bis dahin schweigend da gesessen und offenbar der ganzen Unterhaltung nicht zugehört ; denn erst , als man ihr die Frage wiederholte , fuhr sie wie aus tiefem Sinnen auf und bejahte sie flüchtig . Die Herzogin wollte wissen , was sie beschäftigt hätte ; sie vermochte es aber nicht zu sagen . Sie meinte , das Werden des Frühjahres und die Herrlichkeiten des Sommers hätten sie stets gerührt , und ergriffen sie dieses Mal so gewaltig , daß sie sich versucht fühle , eine Ahnung darin zu erkennen . Man redete ihr das aus , der Baron pries ihr gutes Aussehen , ihre blühende Farbe , und die Herzogin rief : Es ist zu viel Gesundheit , zu viel Lebensfülle , lieber Freund , die unsere Angelika so schwermüthig machen . Gewiß , meine Theure , Sie dürfen um meinetwillen Ihre Jahre nicht vergessen , Sie haben starke Spaziergänge , Sie haben Bewegung nöthig . Ich promenire täglich ! versicherte die Baronin . Ja , Sie promeniren , so viel als meine Bequemlichkeit es zuläßt und begehrt , meinte die Herzogin . Aber fragen Sie Ihren Mann , wie leichtfüßig ich war , wie schnell zu Pferde , wie schnell zu jedem Spiel , als ich Ihr Alter hatte ! Allons , meine schöne Cousine , dort ist ein Mittel , Ihre Schwermuth los zu werden . Schnell ein Racket , meine Herren , die Frau Baronin wünscht von der Partie zu sein . Die Spielenden wendeten sich bei dem Anrufe zu ihnen , der Marquis , welcher sich alle die Jahre hindurch vergebens bemüht hatte , der kalten Deutschen , wie er die Baronin nannte , eine wirkliche Theilnahme abzugewinnen , eilte in den Saal , das Racket zu holen , und obschon widerstrebend , ließ Angelika sich endlich von den Bitten der beiden jungen Männer und von dem Zureden des Freiherrn bestimmen , sich als Dritte zu den Spielenden zu gesellen . Es war lange her , daß sie sich einem solchen Vergnügen überlassen hatte . Die lebhafte Bewegung , der fröhliche Zuruf des Marquis erheiterten sie , die große Geschicklichkeit und die vollendete Anmuth Herbert ' s reizten sie , es ihm gleich zu thun , und der Beifall der Herzogin , das zustimmende Lachen ihres Mannes regten ihren Ehrgeiz auf . Sie wollte der Herzogin beweisen , daß auch eine Deutsche der Sicherheit und Grazie nicht entbehre , und wie sie sich in dem leichten , wallenden Gewande hinbewegte , wie die blaßblauen Bänder von ihrem schlanken Leibe niederflossen und vom Lufthauche bewegt in ihren blonden Locken spielten , sah sie so schön aus , daß ihr aus dem entzückten Auge Herbert ' s , der sich mit der Freude eines Künstlers und mit der heißen Seele eines jungen Mannes an ihrer Schönheit ergötzte , ein gewisses fröhliches Siegesgefühl durch das Herz zog . Sie vergaß es , wie schwermüthig sie sich eben erst gefühlt hatte , sie vergaß , daß es ein Sterben gäbe , so voll Leben klopfte es in ihren Adern . Immer rascher flogen die Bälle von Einem zum Andern , immer lebhafter wurden die Wendungen , mit denen man ihnen begegnen mußte ; da , als die Lust der Spielenden ihnen Allen Flügel geliehen zu haben schien , rief plötzlich die Herzogin , daß nun die Reihe der Vergnügungen auch an sie käme und daß man sie über das Ballspiel nicht vergessen möge . Sie war gewohnt , seit sie in Richten lebte , Nachmittags ihr Whist zu spielen . Der Baron und der Marquis machten dann ihre Partner , und wie dieser sich auch dagegen sträubte , wie jener auch für die Jugend sprach , da die Fröhlichkeit seiner Gattin ihm Freude gewährte , die Herzogin bestand mit scherzendem Eigensinne auf ihrem Willen . Der Spieltisch wurde in einem der Zimmer aufgestellt , der Baron führte sie hinein , und als der Marquis mit komischem Seufzer sein Racket aus der Hand legte , wollten auch die Baronin und Herbert ihr Spiel beenden , aber die Herzogin gab das nicht zu . Sie behauptete , auf ihre Kartenpartie verzichten zu müssen , wenn Angelika sich dadurch in ihrer Unterhaltung und im Genusse des schönen Tages stören lasse , und da auch der Baron seine Frau aufforderte noch im Freien zu bleiben , so gab sie nach . Indeß sie war durch die Unterbrechung , wie sie meinte , aus dem rechten Zuge gekommen , und das mußte auch bei Herbert der Fall sein , denn nun sie ohne den Marquis und ohne ihre Zuschauer auf einander angewiesen waren , wollte es mit dem Spiele nicht mehr gehen . Die Baronin schlug nicht weit genug , der Ball verfehlte sein Ziel , sie fing ihn auch nicht immer so sicher , obschon Herbert sein Bestes that , und nach verschiedenen Versuchen , sich wieder in den früheren Gang zu bringen , reichte sie das Netz und ihren Ball dem Architekten hin , weil sie zu müde sei , das Spiel noch fortzuführen . Sie wollte sich niedersetzen , Herbert warnte sie davor , da sie sich erhitzt hatte , und nachdem sie eine Weile in mannigfach wechselndem Gespräche auf und nieder gegangen waren , kam Herbert , als sie die Höhe im Lichte der sinkenden Sonne vor sich liegen sahen , natürlich auf den Capellenbau zu sprechen . Da dem Baumeister die Ausführung seines Planes vor allen Dingen am Herzen lag , so erbat er sich von der Baronin die Gunst , sie durch den Park noch einmal auf die Höhe und an den für die Capelle bestimmten Platz hinaufgeleiten zu dürfen , weil er es seiner Beredtsamkeit zutraute , sie für das Vorhaben an Ort und Stelle gewinnen zu können . Sie zeigte sich jedoch Anfangs nicht geneigt dazu ; da er aber seine Bitte wiederholte und der Freiherr selbst schon bei der Mahlzeit diese Besichtigung vorgeschlagen hatte , so willigte sie ein , und sie machten sich auf den Weg . Wie sie nun so durch den Garten hinschritten , ging Herbert gleich daran , der Baronin die Sache noch einmal vorzutragen , und sein Plan war so wohl erwogen , er setzte ihn so beredt und mit so viel Schönheitsgefühl auseinander , daß es fast unmöglich war , sich nicht dafür einnehmen zu lassen . Auch begriff Angelika ihn gar wohl , das verriethen die Zwischenfragen , welche sie that . Da aber jedes Verstehen und jedes Verstandenwerden eine Befriedigung in sich tragen , so wurde , je weiter man kam , sein Erklären wärmer , ihr Eingehen auf dasselbe lebhafter , und mit der geistigen Erregung der Beiden steigerte sich die Schnelligkeit ihres Ganges , bis Angelika , als man sich etwa auf der halben Höhe des Hügels befand , plötzlich stehen blieb und tief aufathmend eine kurze Rast verlangte . Sie lehnte sich an den Stamm einer jungen Birke , und wie die lang herniederhangenden Zweige derselben , an denen die warmen , duftigen Blätter mit ihrem hellfunkelnden Grün sich wie geflügelt an ihren Stengeln wiegten , das rosige , vom raschen Gange leicht gefärbte Antlitz der Baronin umspielten , gestand sich Herbert , daß er niemals eine schönere Frau gesehen habe . Er hätte es ihr gern sagen mögen , der Ausruf der Freude drängte sich ihm auf die Lippen ; indeß er hielt ihn vor der hochgebornen Frau zurück , aber er hätte in dem Augenblicke viel darum gegeben , ihr aussprechen zu dürfen , wie ihr Anblick ihm das Herz entzücke . Es mußte davon etwas in seinen Mienen zu lesen sein , denn Angelika lächelte ohne zu wissen weßhalb . Wie ihm ihre Schönheit wieder einmal so beseligend aufgefallen war , so fiel es ihr in demselben Momente plötzlich ein , daß sie ohne Begleitung mit ihm fortgegangen sei , und sie sagte , diesem Gedanken folgend : Kommen Sie , wir sind weit vom Schlosse und haben noch eine Strecke zu steigen . Es könnte dunkel werden , wenn wir uns nicht beeilen ! Er ahnte ihre Befangenheit , wie sie seine Bewunderung errathen hatte , und das brachte sie ihm näher . Er fragte , ob sie ihm erlauben wolle , ihr seinen Arm anzubieten ? Sie wagte nicht , seinen Beistand auszuschlagen , eben weil sie besorgte , er könne darin entweder eine Geringschätzung sehen . die sie dem jungen , von ihrem Manne hochgeschätzten und liebenswürdigen Künstler nicht anthun mochte , oder er könne etwa gar auf den Einfall gerathen , daß sie das Alleinsein mit ihm unsicher mache , und diese Möglichkeit widerstrebte ihr noch mehr . Sie gab ihm also den Arm , und wie er nun das schöne Weib an seiner Seite fühlte , wie ihr Schritt mit dem seinen rhythmisch zusammenfiel , ihr flatterndes Haar , da er sich zu ihr wendete , seine Wange , ihre Schulter die seine berührte , da vergaß er Alles , außer dem Vollgefühle seiner Jugend und seiner Kraft . Die Luft , das Licht , der Duft , welcher aus der frisch aufquellenden Erde und aus den tausend Blätterknospen strömte , der Vogelsang , der von allen Enden sich hören ließ , und die eigene Lebensfülle und der Wiederschein des Himmels aus Angelika ' s strahlenden Augen machten ihn von Herzen froh . Er ging schneller und schneller , aber Angelika beschwerte sich nicht darüber , denn auch ihr war der Fuß beflügelt und die Brust erweitert . Es schien ihr , als hebe er sie mit sich empor , es freute sie , sich von seiner Kraft getragen zu fühlen und gleichen Schritt mit seiner Rüstigkeit halten zu können . Sie hatten schon lange nicht mehr mit einander gesprochen , als sie die Höhe erreichten , und doch war ihnen beiden ganz anders zu Muthe , als da sie ihren Weg begonnen und als in dem Augenblicke , in welchem sie gerastet hatten . Sie befanden sich nun auf dem Punkte , auf den Herbert sie zu führen verlangt hatte . Die Sonne war schon im Sinken , oben auf der Höhe wehte die Luft frischer . Die Baronin blieb eine Weile in Betrachtung versunken stehen . Sie dachte nicht daran , daß ihr Arm noch auf dem Arme des jungen Mannes ruhe , und er hütete sich , sie daran zu erinnern . Mit dem Weben der Natur , mit dem Hinblick in die Ferne war eine Reihe von Gedanken in ihm rege geworden , und der schwungvollen Freude folgte ihre Schwester , die Wehmuth . Es war ohnehin das erste Mal , daß er Angelika in allen den Jahren wahrhaft heiter und jugendlich froh gesehen hatte , und daß dieser Frohsinn so schnell entschwand , daß sich über ihr Antlitz schon wieder der Schleier der Melancholie herniedersenkte , das vermehrte seine elegische Bewegtheit . Wir sind an der Stelle , hier müßte die Capelle stehen ! sagte er endlich , aber er konnte sich nicht überwinden , ihr hier die früheren Erklärungen zu wiederholen . Es kam ihm Alles so gering vor neben dem , was er empfand , was auch Angelika - er zweifelte nicht daran - empfinden mußte , denn auch sie stand in sich versunken da . Als sie emporblickte , schaute sie ihn an , es däuchte ihr , als sähe er traurig aus . Sie machte sich von ihm los , aber sie wagte die Frage nicht , weßhalb er nicht mehr heiter sei , und er ließ ihr dazu auch nicht die Zeit . Daß wir so vergänglich sind ! rief er aus , wir und der Frühling und die Jugend und die Schönheit ! So vergänglich , während das Unbeseelte dauert ! Sie mochte diesen Ausruf nicht erwartet haben , und er bewegte sie ; aber sie nahm sich zusammen und entgegnete : Und doch wollen wir hier einen Bau errichten , der Dauer haben soll ! Ja , rief er , indem er in die Ferne hinabwies , wo die Mauern der Kirche mächtig emporstiegen , ja , Dauer , Dauer so lange als möglich ! Seit Jahren weilt mein Sinn an diesen Orten , noch Jahre lang wird er sich hierher wenden ! All mein Können und Wissen ist diesen Stätten geweiht ! Und wenn dann der Tag kommen wird , an welchem das goldene Kreuz drüben von dem Thurme und hier von der Höhe in die Ferne leuchtet , wenn diese Bauten vollendet sein werden , dann - werde ich gehen , um nicht wiederzukehren , dann ist meines Weilens hier nicht mehr ! - Es war der Gedanke an das Untergehen des Meisters in seiner Arbeit , es war die alte Klage , daß der Mensch vergänglicher ist als das von ihm Geschaffene , welche ihm durch den Sinn zog , und in der Jugend überrascht uns die grausame Nothwendigkeit des Untergehens , des Sterbenmüssens immer wieder auf das Neue . Er hielt inne , nachdem er gesprochen hatte , faßte Angelika ' s Hand und fuhr fort : Aber früh und spät , Sommer und Winter wird Ihr klares Auge sich hierher richten , wenn Sie an Ihr Fenster treten ; hier werden Sie knieen im Gebet ! O , möge nie die Stunde kommen , in welcher Sie hier Trost suchen müßten in dem Kummer Ihres Herzens - denn der Schönheit soll der Schmerz nicht nahen ! Angelika war wie verzaubert . Das hatte sie nicht erwartet . Einen Ton des Herzens , wie er aus den Worten dieses Mannes erklang , hatte sie nie vernommen , und er erweckte in ihrer Seele ein Etwas , das noch nie in ihr so klar gesprochen hatte . Glück und Erschrecken , Freude und Pein , ein stolzes Aufjauchzen , eine herzbeklemmende Angst bestürmten sie auf einmal . Es kam ihr vor , als fühle sie eben jetzt zum ersten Male , daß sie lebe und welcher Seligkeit sie fähig sei . Es zog sie mit süßer , mächtiger Gewalt zu Herbert , und doch scheute sie diese Gewalt . Sie sehnte sich , seinen Blick zu genießen , und wendete sich von ihm ab ; und wie sie sich von ihm wendete , da sah sie hinunter in das Thal , und weithin zogen sie sich , die langen Windungen des schnellen , tiefen Flusses , der so hell und so heiter dahinschoß durch das Land , und sie waren eben so hingeflossen über Paulinen ' s Leichnam und hatten ihn an das Ufer gespült , an das Ufer hier unten im Park , vor ihren eigenen Augen ! Schrecklicher , furchtbarer als jemals stand das Bild jener Stunde vor ihrem Geiste , und heute zum ersten Male mischte sich in ihr Entsetzen und in ihre Verzweiflung über jenes Ereigniß eine zornige Empörung gegen ihren Gatten , eine Auflehnung gegen ihr Geschick , gegen die Vorsehung . Warum war er in ihr Leben getreten , der ältere Mann mit der schuldbefleckten Vergangenheit , dem die Herzogin im Grunde mehr galt und näher stand als sie ? Warum hatte der Himmel es ihr auferlegt , ein Verbrechen büßen zu helfen , das sie nicht begangen und das denjenigen , der es verübt hatte , jetzt lange nicht mehr so schwer bedrückte , als sie , die Schuldlose ? Warum hatte Gott ihr das Glück versagt , die reine , die erste , heiße Liebe eines edeln Jünglings zu genießen und freien Herzens die Empfindung zu fühlen , die jetzt plötzlich wie ein belebendes Feuer ihr ganzes Wesen durchglühte ? Es war das Alles kein langsames Denken , keine Folge von Ueberlegungen ; es war jenes plötzliche , allumfassende Erkennen , das in einzelnen , entscheidenden Momenten dem Menschen gegeben ist und das ihm eine Art von Allwissenheit verleiht . Ueber sich hinausgehoben durch die Erregung des Augenblickes , überblickt er dann sein ganzes Dasein in dem weitesten Zusammenhange und begreift seine Zukunft mit einer seherischen Klarheit , die ihm das Ziel und das Ende derselben , die ihm sein künftiges Schicksal wie in einem untrüglichen Spiegelbilde darstellt . Angelika schauerte schweigend zusammen vor der Fluth der Gedanken und Empfindungen , welche sie überfiel . Mit einem unterdrückten Ausrufe des Schmerzes ließ sie sich , ihr Gesicht in ihre Hände verbergend , auf die Steinbank niedersinken , und unaufhaltsame Thränen entströmten ihren Augen . Wie außer sich warf der junge Mann sich ihr zu Füßen . Um Gottes willen , rief er , was ist geschehen ? Reden Sie , reden Sie ! Was habe ich gethan ? Was habe ich denn gesagt ? Er hatte ihre Hände ergriffen . Sie wollte ihn nicht sehen lassen , daß sie weinte , und wendete das Antlitz von ihm , indem sie sich erhob . Aber der Ausdruck des Schmerzes in ihren Zügen nahm ihm alle Herrschaft über sich . Er schlang seine Arme um sie , und fragte , das Schicksal anklagend : Muß sie , muß dieser Engel weinen ? - Das war mehr , als sie ertragen konnte , denn es sprach sympathetisch ihre eigenen Gedanken aus . Sie ließ ihr Haupt auf seine Schulter niedersinken und weinte an seinem Herzen heißer , schmerzlicher , als sie je zuvor geweint . Er hielt sie umfangen , er wußte selber nicht , wie ihm geschah . Er fühlte sich wie berauscht , aber er wagte es nicht , den Kuß auf ihr Haupt zu drücken , das seine Lippen berührten , ihr Unglück machte sie ihm heilig ! Als sie sich endlich emporrichtete , war sie erschöpft und bleich . Die Sonne war nun völlig untergesunken , die Dämmerung spannte leise webend ihre duftigen Schleier über die Gegend aus . Langsam begann die Mondessichel , die im Nebel des Abends schwamm , aus ihm heraufzusteigen , sich aus dem Purpur seiner Dünste zu erheben und zum reinen , hellen Lichte zu verklären . Kein Laut regte sich , kein Vogel sang , selbst das leise Zittern und Flüstern des Laubes hatte aufgehört . Die Einsamkeit , die Stille waren vollkommen , es ward dem jungen Manne märchenhaft zu Muthe . Unten im Schlosse zündete man die Lichter in den Sälen an . Dorthin gehörte sie , dorthin mußte sie wiederkehren , dorthin mußte er sie geleiten , dorthin mußte sie gehen . Sie hielt sich das vor , aber sie sagte sich innerlich : Hier auf dieser Stelle lasse ich meine Seele zurück ! Hier , wo sie zum ersten Male aufgelodert in dem Feuer einer Liebe , die eine Sünde für mich ist ! Sie hatten beide keine Worte mehr , sie standen fern von einander und hätten doch ewig hier weilen mögen , hätten vergessen mögen , daß es noch eine Welt und Menschen gäbe außer dieser Stelle und außer ihnen Beiden . Keiner fühlte den Muth , das Wort zu sprechen , das sie von diesem Platze scheiden hieß . Endlich machte Angelika sich auf den Weg und Herbert folgte ihr . Ihre Glieder , ihre Bewegungen waren kraftlos ; er bot ihr schweigend seinen Arm , und schweigend nahm sie ihn wieder an . So ging sie neben ihm her in stiller , glücklich-unglückseliger Feier , voll Schmerz und ohne Hoffnung , und doch eine Flamme , eine Gluth in ihrem Herzen , die sie erwärmte , die sie vertröstete und sie in die Ferne , in die Zukunft hinauszuweisen schien , damit sie den Augenblick nur überstände . Als sie hinunterkamen in den Park , wo das Unterholz und die Gebüsche dicht belaubt waren , schlang Herbert seinen Arm wieder um den Leib Angelika ' s , und sie wehrte es ihm nicht . Ihr Auge hing an seinen Blicken , sie sah im Mondlichte wie verklärt aus . In den Hecken schlugen die Nachtigallen ; der süße , flötende Ton löste ihnen die Seelen auf ; er nahm ihre Hand und küßte sie wieder und wieder . Wie schön ist die Welt , wie schön die Nacht ! sagte er endlich . Ja , für die Glücklichen ! fügte sie seufzend hinzu - aber sie ist lang , lang und finster , wenn man sie durchweint ! So kamen sie vor das Schloß . Sie werden doch nicht in den Saal gehen ? fragte er , und es war ihm eine süße Empfindung , daß er für sie sorgte und ihr rieth , daß er ein Geheimniß mit ihr hatte . Nein , ich kann nicht ! antwortete sie ; sagen Sie , die Abendkühle habe mich unwohl gemacht ! Die Diener hatten sie kommen sehen und öffneten die Thüre . Angelika reichte Herbert die Hand . Er küßte sie ihr , wie Abschied nehmend , und da er sich vor ihr neigte , sprach sie , nur ihm hörbar : Da oben dürfen wir keine Capelle bauen ! Fünftes Capitel Margarethe , sagte der Marquis , als er an dem Abende , an welchem Herbert und die Baronin auf dem Hügel jenseit des Parkes gewesen waren , sich in den Zimmern seiner Schwester mit ihr allein zusammen fand , Margarethe , was hat denn dieser Baumeister heute gehabt , daß er so gesprächig und so witzig war ? Die Herzogin lag schon halb entkleidet in ihren Pudermantel gehüllt auf ihrer Bergère . Sie ließ sich von Mademoiselle Lise die Puffen und das Chignon ihres Haarbaues auflösen und für die Nachtruhe ordnen , während sie den Orangenblüthen-Thee trank , der die Nerven beruhigen und dem Teint seine Frische erhalten sollte . Sie gab dem Bruder keine Antwort ; er schien ihrer auch nicht zu bedürfen , denn er lächelte , nahm das emaillirte Pudermesser , welches auf dem Tische lag , trat damit an den Spiegel , dessen Lichter angezündet waren , und sagte , indem er sich behutsam die Schläfen säuberte : Und Madame , die sich zurückzieht ! Sie ist sehr belustigend , diese verrätherische Unschuld ! Weil ich sie kenne , diese Deutschen , meinte die Herzogin , rieth ich Dir , auf Deiner Hut zu sein . Ihre Poeten haben sie verdorben , sie sind schwerfällig und empfindsam , selbst in ihrer Freude , und sie verstehen das Genießen nicht ! Eine so schöne Schülerin verdiente aber , daß man sie des Besseren belehrte ! rief der Marquis , der sich der Schwester gegenüber in einen Sessel niedergeworfen hatte . Ein flüchtiger Blick , den die Herzogin nach ihrer Dienerin richtete , legte dem Bruder Schweigen auf , aber das Lächeln , welches um seine Lippen spielte , konnte er nicht unterdrücken , und während er mit der feinen Hand die Nadel in seinem Halstuche anders zu stecken versuchte , sagte er : Nur unter seines Gleichen kann man fröhlich leben ,