mit seinem großen Hunger nach dem Wissen , der Welt und dem Leben zu schaffen ? Was hatte sie zu schaffen mit seinen Enttäuschungen ? In alles - in die geheimsten Winkel seines Herzens drängte sie sich . Es war unmöglich , an die Base Schlotterbeck , ja an den Oheim Grünebaum zu denken ohne Franziska , des Leutnants Rudolf Götz Nichte . Sie saß in der niedern , dunkeln Stube zu Neustadt unter der magisch leuchtenden Glaskugel , sie saß zu Neustadt auf dem Kirchhofe im Sonnenschein neben dem Grabe der Mutter und des Vaters . Fremd , fremd , fremd ! Das Weltmeer hätte zwischen dem Kandidaten Unwirrsch und der Nichte des Leutnants Götz rollen mögen , sie würden dadurch nicht weiter getrennt worden sein . Sie grüßten sich stumm , wenn sie einander in den Gängen des Hauses begegneten , sie nahmen stumm ihre Plätze nebeneinander ein ; der giftige Schatten des Sohnes des Trödlers Samuel Freudenstein aus der Kröppelstraße lag zwischen ihnen . Hans suchte den Doktor Theophile wieder in dessen Wohnung auf , und zum zweitenmal begegnete ihm die französische Waise , die dem Doktor so vielen Dank schuldig war . Sie kam die Treppe herab dem Kandidaten entgegen und schritt diesmal mit gebeugtem Haupte an ihm vorbei . Sie hüpfte und lachte nicht mehr , sie stützte sich schwer auf das Geländer der Treppe und trug das Haupt sehr gesenkt . Sie sah sehr bleich aus , und ihr Äußeres hatte viel von der früheren Eleganz verloren . Hans Unwirrsch nahm sich vor , den Doktor um den Grund dieser Veränderung zu fragen , vergaß es jedoch , da er so viele andere Fragen zu stellen hatte . Theophile beantwortete alle Fragen , die Hans an ihn richtete , und tat ihm den Gefallen und ließ sich ins Gebet nehmen ; aber die Art und Weise , wie er sich verantwortete , ließ für ein frommes , redliches Gemüt doch viel zu wünschen übrig . Hans hielt es für seine Pflicht , ihn mit ernsten Worten über sein Auftreten im Hause des Geheimen Rates zur Rede zu stellen , worauf der Doktor Stein antwortete , daß er - Theophile in keiner Weise die Grenzlinien des Anstandes und der Bildung zu überschreiten gedenke , sich jedoch nur eines gewissen elektrischen Lichtes in seinem eigensten Innern zur Beleuchtung des Weges bedienen könne . Hans rügte in halber Verzweiflung die Indelikatesse des Freundes , sich in das Haus zu drängen , in welchem Franziska Götz Schutz gesucht habe . Theophile fühlte sich bewogen , darauf zu versichern , daß das Fräulein , welches vordem seine Theophiles - Gegenwart , Hülfe und Dienstfertigkeit in der Pariser Mansarde nicht von sich gewiesen - ja sie ohne Scheu angenommen habe , im Kreise so liebender Verwandten nichts » Unrechtes « von ihm zu » befahren « habe . Als der Kandidat Unwirrsch lauter als gewöhnlich rief , daß er berechtigt sei , an der Liebe und Neigung der Verwandtschaft gegen das junge , arme Mädchen zu zweifeln , zuckte der Doktor nur die Achseln und hielt sich für berechtigt , aus christlicher Liebe zu schweigen ; aber er rieb dabei einmal wieder die Knie aneinander nach der Art Moses Freudensteins . Der Doktor Theophile Stein schwieg auch in den ersten Augenblicken , nachdem Hans von dem schillernden Stern Kleophea zu reden angefangen hatte ; - ein eigentümliches Gesicht machte der Herr Doktor aber dazu . Ei seht das Pfäfflein , dachte er . Für so schlau hätte ich es gar nicht gehalten . Laut sagte er : » Liebster Freund , was willst du ? Das Mädchen ist schön , ist geistreich , wird von der ganzen Stadt als ein Wunder angesehen : weshalb soll ich Vorzüge , die von jedermann anerkannt werden , nicht auch nach Gebühr schätzen ? Ist denn Lieben ein Verbrechen , darf kein Schwarzer glücklich sein ? « » Aber es ist ein gefährliches Spiel , das du mit dem Fräulein treibst . Trotz ihres scharfen Geistes ist sie dir nicht gewachsen . Mo - Theophile , nimm es mir nicht übel , es kommt mir immer von neuem der Gedanke , du habest in diesem Hause nichts zu suchen . Ich kann das Gefühl nicht loswerden , du müssest irgendein großes Unglück über diese Menschen bringen . « » Du ahnungsvoller Engel du ! « lachte der Doktor . » Deine Sorgen zeugen von einem höchst vortrefflichen Herzen , und übel will ich dir ' s nicht nehmen , wenn du ihnen Ausdruck verleihst . Ich will dich sogar dafür belohnen , Gleiches mit Gleichem vergelten und ungeheuer offen gegen dich sein . Du hast von deinem Standpunkt aus ganz recht , wenn dir manches an mir mißfällt . Mit Recht bist du im unklaren über den innersten Grund meines Übertritts zum Katholizismus . Ist es nicht so ? « Hans nickte mit einem Nachdruck , wie er ihn selten kundgab . » So öffne deine Ohren , mein Sohn , um zu hören und deinen Mund , um deine Billigung auszusprechen : die heilige Macht des - Hungers hat mich dazu getrieben . « Hans Unwirrsch griff nach seinem Hut . » Der Hunger nach dem Ideal « , seufzte Theophile , und Hans Unwirrsch setzte seinen Hut wieder nieder . » Ich wünsche Vortragender Rat im Kabinett Seiner Majestät des Königs zu werden ! « schloß Moses Freudenstein aus der Kröppelstraße zu Neustadt , und Hans Unwirrsch erhob sich und griff nach der Stirn , als ob er von einem plötzlichen Schwindel ergriffen werde . » Ich bin ganz offen , Hans . Es ist meine Absicht , mich um die Neigung und späterhin um die kleine Hand des Fräuleins Kleophea Götz zu bewerben - die Wasserflasche steht hinter dir . « » Moses ! Moses ! « rief Hans Unwirrsch . » Ja , nenne mich nur Moses . Bei allen schönen Erinnerungen welche sich an diesen Namen knüpfen , beschwöre ich dich , deinen - Einfluß in diesem Hause nicht gegen den Freund deiner Jugend zu wenden . Bedenke , wie wenig du vom verworrenen Lauf der Welt erfahren hast und wie schwierig es ist , recht zu richten . Das Schicksal hat uns erfreulicherweise wieder zusammengeführt ; nur sind die Gegensätze , welche in unserer Jugend bereits in uns vorhanden waren , etwas schroffer herausgebildet . Lege immer , wenn ich dir in einem falschen Lichte erscheinen mag , die Hand aufs Herz und frage dich ja recht , ob du tief genug in den Gang meines Lebens eingeweiht seiest , um gegen mich auftreten und zeugen zu können . « Das war bewunderungswürdig gesprochen . Ohne den Gedanken an das bleiche Fränzchen würde der Kandidat der Theologie Johannes Unwirrsch an demselben Abend noch ein Eisenbahnbillett in der Richtung nach Neustadt und der Kröppelstraße gelöst haben . Einundzwanzigstes Kapitel Die Raupen im Park verschwanden , nachdem sie ihr Teil an der Tafel des Lebens verzehrt hatten ; aber der Doktor Stein verschwand nicht aus dem Hause des Geheimen Rates Götz . Er kam täglich und wurde täglich mit verbindlicherem Lächeln von der gnädigen Frau empfangen . Er las mit den Damen , er fuhr mit ihnen aus , und es gab viele Leute in der Stadt , welche die Geheime Rätin um diese interessante Bekanntschaft beneideten , denn der Doktor war ein Mann , dessen Ruf sehr wuchs . Man hörte ihn wachsen , ohne daß man im geringsten berechtigt war , von außergewöhnlicher Reklame und dergleichen zu reden . Vor einem ausgewählten Publikum beiderlei Geschlechts hielt Theophile Vorlesungen über die » Rechte und Pflichten in der menschlichen Gesellschaft « , welche dem exklusiven , eleganten Bruchteil der Menschheit , für welches sie berechnet waren , sehr gefielen . Doktor Stein schüttelte den Sack nicht roh und gewissenlos aus , nachdem er den Inhalt kräftig durcheinandergerüttelt hatte ; nein , reinlich , zart und zierlich sortierte er die Rechte wie die Pflichten , legte die ersten mit Grazie neben das Wachslicht zur Rechten und die zweiten mit der bekannten , das Gewissen so sehr beruhigenden , lächelnden Wehmut neben das Licht zur Linken . Sodann lud er das gegenwärtige Publikum ein , gefälligst zu wählen , und es wählte mit Behagen . Die Vorlesungen aber wurden gedruckt , und es sollte , wie man sagte , bis in die höchsten Kreise hinein viel die Rede von ihnen sein . Die Geheime Rätin Götz war jedenfalls sehr entzückt von ihnen ; - die Einwände aber , die Kleophea machte , gaben dem Doktor erwünschte Gelegenheit , hundert glänzende Schlingen um ihr rebellisches Selbst zu werfen . Mit Kleophea Götz sprach Theophile in einer andern Weise als mit ihrer Mutter . Nicht bloß die weiche , sanfte Desdemona wird gewonnen , wenn der » abenteuernde Afrikaner « erzählt von ... weiten Höhlen , wüsten Steppen , Steinbrüchen , Felsen , himmelhohen Bergen ; Von Kannibalen , die einander schlachten , Anthropophagen , Völkern , deren Kopf Wächst unter ihrer Schulter . Der Zauber ist fast noch größer , wenn dem unbiegsamen , kräftigen , feurigen Weibe , das sich in Trotz und Unmut vergeblich gegen kleinliche Verhältnisse abängstigt und in zorniger Schönheit an verachteten Ketten zerrt - in solcher Weise vorgelogen wird . Es gehört nicht viel dazu , unter solchen Umständen die Seele eines Weibes zu fangen . Von Schlachten und Belagerungen konnte nun freilich Theophile nicht erzählen , und als Sklav war er auch nicht verkauft worden ; aber er sprach von andern Dingen , die ihm Anspruch auf eine » Welt von Seufzern « geben konnten . Er machte Kapital aus seiner Abstammung und dunkeln Jugendexistenz und war elegisch und rührend trotz Hans Unwirrsch . Wie leicht und eben ihm der Weg in die Welt durch seinen armen Vater gemacht worden war , verschwieg er weislich ; durch eigene Manneskraft und eigenen Mannesmut hatte er natürlich alle Hindernisse besiegt , die sich ihm entgegengestellt hatten . Er klappte seinen Hemdkragen à la Byron um und deutete an , daß er - lord of himself : that heritage of woe ! - nicht immer den graden Pfad gegangen sei , daß es Tiefen , dunkle , schwarze Tiefen in seinem Busen gebe , Abgründe , in die er nicht hinabsehen dürfe , ohne schwindlig zu werden . Offen , aber mit dumpfer Bitterkeit sprach er von einzelnen Epochen seiner Vergangenheit , von frühen Irrtümern und Fehlern ; er verlangte nicht das Mitleid der Menschen , aber er duldete auch nicht ihre Vorwürfe ; er schloß seine Rechnungen selber ab ; finstere Wolken hingen ringsumher , Nacht war es in seinem Innern ; aber er hatte den Hunger nach dem Licht noch nicht verloren , und deshalb allein - konnte er noch unter den Lebenden wandeln , ohne von der Last des Daseins zum Krüppel gedrückt zu werden . Kleophea war in ihrem ganzen Leben nicht so schweigsam gewesen wie um diese Zeit . Die Geheime Rätin fing an , von dem günstigen Einfluß zu reden , welchen der Doktor auf das Mädchen ausübe . Was um diese Zeit der Herr des Hauses von dem Verkehr Theophiles mit seiner Gemahlin und Tochter dachte , ist deshalb nicht kundgeworden , weil er nicht um seine Meinung gefragt wurde . Aber eine Tatsache ist , daß er öfter als je in tiefe Gedanken versunken schien und seltsamerweise dann am ersten daraus erwachte , wenn Franziska ihn anredete oder auch nur den andern antwortete . Da der Geheime Rat nicht ein Gegenstand der allgemeinen Aufmerksamkeit genannt werden konnte , so gingen auch für jeden andern als den Hauslehrer die traurigen , ängstlichen Blicke verloren , mit welchen der Mann das Fränzchen auf ihren scheuen Wegen durch die Zimmer seiner Frau begleitete . Es war , als erwarte er von der selbst so Hülflosen irgendeinen Trost , eine Hülfe . In Fränzchens Verhältnis zu Hans war keine Veränderung eingetreten ; sie gingen umeinander herum und fühlten sich sehr unbehaglich . Der Leutnant Rudolf ließ sich nicht blicken ; im Grünen Baum , wo sich Hans erkundigte , wußte niemand Bescheid von ihm zu geben : im Hause des Geheimen Rates wurde sein Name niemals erwähnt ; ob Franziska Nachricht oder Briefe von ihm erhielt , blieb für Hans unklar . Wenn es der Fall war , so mußten sie ihr jedenfalls wenig Trost geben . Hans Unwirrsch fühlte sich täglich jenem Star ähnlicher , der in » Yoricks sentimentaler Reise « an den Stäben seines Käfigs rüttelt und jammert : » Ich kann nicht heraus ! Ich kann nicht heraus ! « Um die alten Leute in der Heimat nicht zu beunruhigen , hatte er immer an sie gemeldet , daß es ihm gut , sehr gut gehe , daß er nach seinem Wunsche in einer großen Stadt unter vielen Menschen und in einem vornehmen Hause lebe , und dergleichen mehr . Aber es ging ihm nicht gut ! Er konnte nicht heraus aus dem verzauberten Kreis , den das Schicksal um ihn her gezogen hatte . Er fühlte , daß die Zeit nicht fern sei , wo er Moses Freudenstein hassen , wo er Franziska Götz - lieben werde , und er befand sich auf einer ewigen Flucht vor seinen eigenen Gedanken . Es ging dem armen Hans Unwirrsch gar nicht gut . Der Sommer war frostig und regnicht ; eine mit dem Doktor Stein verabredete Badereise wurde von der Familie aufgegeben ; man blieb zu Hause , um grämlich und langweilig auf den triefenden , tröpfelnden Park und die kotigen Spazierwege hinauszusehen oder um mit Theophile , dem Professor Blüthemüller und einer langen Reihe ähnlicher Bekannten und Freunde beiderlei Geschlechts die Tage in gewohnter , winterlicher Weise hinzubringen . Kleophea wäre ohne den Doktor Theophile in einem solchen Sommer verloren gewesen ; sie würde erst ihre Mama , dann den holden Aimé und zuletzt sich selbst umgebracht haben . Theophile aber erzählte ihr jetzt , wenn die Mama nicht anwesend war , Pariser Geschichten und erhielt sie sowie die beiden lieben Angehörigen dadurch am Leben . Unter den strengen Augen der Geheimen Rätin unterrichtete der Hauslehrer nach wie vor den Sohn des Hauses und duldete schrecklich . Er fing allmählich an , auch körperlich sich unwohl zu fühlen , litt an Schwindel und Kopfweh und wurde von Tag zu Tag mehr zum Hypochonder . Er litt am Herzen und wußte es , aber mehr und mehr bildete er sich auch ein , an der Lunge zu leiden , fragte jedoch wenig danach . Er hatte keinen Hunger mehr nach irgendeinem Dinge ; nur dem Fränzchen hätte er sein ganzes Herz klar darlegen mögen , und dann - dann ? Einerlei ! Der Tod war ja Ruhe , und Ruhe , Ruhe wünschte sich Johannes Unwirrsch , den Moses Freudenstein den » Hungerpastor « genannt hatte . Es war ein Sonnabendnachmittag in den letzten Tagen des Augusts , und es hatte wieder einmal vom frühesten Morgen an unaufhörlich geregnet . Am Fenster seines Stübchens saß Hans , dessen Kopfweh heute heftiger als gewöhnlich war und der Gott dankte , daß er heute keine Lektionen mehr zu geben hatte . Der Zögling befand sich im Zimmer der Mutter und zerfetzte zu den Füßen des Doktor Stein ein schönes Bilderbuch , welches dieser Herr ihm mitgebracht hatte . Der Doktor Stein hatte für Aimé sehr häufig irgendein Spielzeug oder dergleichen in der Tasche ; er wußte , daß es in der Diplomatie nichts Großes und nichts Kleines gibt . An diesem Sonnabendnachmittag , an welchem Kleophea Götz trotz der geistreichen Unterhaltung Theophiles mürrisch war und blieb , an diesem Tage , an welchem der Kandidat Unwirrsch von seiner baldigen Auflösung fest überzeugt war , an welchem es nicht nur draußen , sondern bis tief in seine Seele hinein regnete , an diesem Sonnabendnachmittag erhielt der Kandidat Unwirrsch von der Post ein Paket aus Neustadt , künstlich geschnürt und nicht nur mit Siegellack , sondern auch zu größerer Vorsicht mit Pech verpicht , ein Paket , das Jean mit Ekel und Verachtung auf den nächsten Stuhl neben der Tür fallen ließ . In diesem Paket befanden sich ein Paar neuer Stiefel von Rindshaut , ein Schächtelchen mit halbwelken Blumen , ein Brief von der Base Schlotterbeck und ein Brief von dem Oheim Nikolaus Grünebaum . Des Oheims Schreiben aber ging folgendermaßen seinen Weg : » Hochzuverehrender Nevö , insbesonderegeliebter Herr Theologus Kantidatiä , Studio und Hauspräzeptor , Wohlgeboren ! Insbesondere von wegen dem nassen Sommer , das ewige Geregne , dem Dreck und die verwandtschaftliche Liebe und Affektion übersende ich ein Paar Stiebeln mit doppelte Sohlen und dem Wunsch , daß sie mit Gesundheit verrissen werden möchten . Lieber Hans ! Es freut mich sehr , zu vernehmen , daß Du noch bei Kräften bist , und ich danke für die gütigst zum Präsent geschickte Weste und Dabacksbeutel mits Porträt vom Mohrenkönig . Mir gehts hundeübel und elend , man wird älter mit jedem Tage , der Magen will nicht mehr fort , und die Augen sind auch nichts mehr wert , und auf der Brille habe ich mir vorgestern hingesetzt , weswegen ich von wegen diesem Brief um Verzeihung bitte , wenn er nicht zu lesen sein sollte . Dein Vater hats ganz recht gemacht , daß er früh abgefahren ist aus diesem Jammertal . Was will der Mensch drin , wenn er sich den letzten Zahn an einer trockenen Brotrinde ausgebissen hat und der Podagra in seine Zehen murxst ; welches mich darauf bringt , daß der Nachbar Murx auch erlöst ist , und ich habe sein Spanisches erstanden in der Auktion . Lieber Hans , sonsten gehts gut und wir sind ganz fidel ; aber der alte Bieräugel im Roten Bock hats Geschäft abgegeben an seinen Sohn , so das Haus verputzt hat innerlich und auswendig und Dapeten eingeklebt hat und Bilder in goldem Rahmen aufgehängt hat undn großen Spiegel ; weswegen das Bier schandhaft und die Gemütlichkeit zum Henker ist und der Alte aus natürlichem Kummer mitn Strick in die Tasche umgeht und sich nachm passenden und haltbaren Nagel für sich umsieht . So sind wir in die Traube gezogen , aber das ist aus die Gewohnheit und dem Weg , und wenn man alt geworden ist , so bleibt man am liebsten beis Gewohnte . Mit die Politik ists auch das alte nicht mehr . Da müßte man ja den Postkurier mitn französischem Wörterbuch verstudieren ! bitt ich Dir ! Wars mir aber doch sehre angenehm , Deine Ansicht von denen Konstitutionen zu vernehmen , so sie uns versprochen haben für den vielen Kontributionen , so sie uns in die Befreiungskriege aus die Nase gezogen haben , und halten nun nicht Wort . Ich bleib aber derbei , der Deibel nimmt die Graden und die Ungraden , und , lieber Hans , was nun die Base Schlotterbeck anbetrifft , so hat sie immerdar noch ihre Tücken , Schrullen und Spitzfindigkeiten , aber missen möcht ich ihr doch um keinen Preis in die Welt . Eine Perschon ist sie , und im Sack hat sie mir , aber wenn sie mir stramm hält , so hält sie mir doch auch warm , und ich wüßte nicht , was ich ohne ihr anfangen sollte hier in Neustadt . Das istn gefährlich Ding , ihr vor die Haustür zu kommen , wenn sie sie schonsten verriegelt hat und im Bett ist . Gnade Gott - der Schnabel ist ihr dann nicht zugewachsen , und man möchte gewißlich wohl lieber als einer von ihre Geister denn in Fleisch und Blut anklopfen und ihr die Treppe herunterkommen hören . Lieber Hans , der Hauszins , so Du uns aus Güte lässest in unsere Gebrechlichkeit , geht noch immer druf , aber wir wollen Dir die Lujedors aus die ewige Seligkeit überschicken , wenn sie uns hereingelassen haben . Du kannst Dir darauf verlassen ! Wir haben es uns ganz feste vorgenommen . Die Stiebeln sind mit Schenie gearbeitet und haltbar ; wenn Deine Brinzipalität Dir darin trapsen hört , sag nur dreiste , Dein Oheim Niklas Grünebaum sei der Mann zu so was , und damit Gott befohlen . Lebe wohl und grüße bald von Dir Deinen alten betrübten Oheim Niklas Grünebaum . « Der Brief der Base Schlotterbeck lautete : » Lieber Sohn ! Wenn ich nur wüßte , was Dir wäre und wie Dir zu helfen wäre ! Du schreibest zwar , es ginge Dir recht gut , und schickst mir aus gutem Herzen eine warme Jacke für den Winter ; aber dem ist nicht also , es geht Dir nicht zum besten . Das mit dem Moses Freudenstein , daß er ein Christ worden ist und seinen Namen umverändert hat und soviel in Eurem Haus ein und aus gehet , solches will mir nicht in den Sinn . Es gefällt mir gar nicht , und die alte Esther , die auch in ihrem Elend noch lebt , ist gestern abend vor mein Fenster gehumpelt gekommen und hat angeklopft und sich schlimm gehabt und gesagt , der Moses sei ein böser Mensch und es gehe nicht gut mit ihm aus . Sein Vater sei um seinetwillen gestorben und er sei ein schlechter Mensch und sie habe es nie geglaubt , daß es also sei , bis zum Tode des alten Samuel . Sie hat gebeten , ich möge Dir warnen vorm Moses und seinen glatten Worten , er sei ein falscher Mensch bis in das Mark von seine Knochen . O lieber Sohn , Du weißt , es kommen auch noch andere Leute vor mein Fenster oder ich begegne ihnen in den Gassen oder sie stehen vor den Häusern und sehen aus , als warteten sie auf jemanden , wo denn einer im Haus von ihrer Familie sterbet und zu ihnen kommt . Deine Mutter und Dein Vater sind oft da gewesen in der letzten Zeit und haben sehr betrübt ausgesehen und mit den Köpfen geschüttelt . Da weiß ich nun , daß es schlecht um Dich steht , und gräme mich , weil ich nicht weiß , wo es Dir fehlt . Bitt Dich also von Herzen , lieber Johannes , Du wolltest Dich recht fest stellen gegen alle Anfechtungen und den Moses keine Macht über Dich gewinnen lassen , trotzdem Ihr so gute Freunde gewesen seid in Euerer Jugend . Der Herr Professor Fackler , der jetzt recht alt und kümmerlich wird , und seine Eugenie hat gefreit , aber die andere ist noch zu haben , hat dasselbe gesagt . Er hat noch darzugewelscht in lateinscher Sprache , aber ich habe nur das Deutsch verstanden , und er hat den Moses auch nicht recht leiden können , da er ihn noch unter der Rute hatte , und Du solltest ihm aus dem Wege gehen . Es regnet hier dieses Jahr sehre , und bitte Dich , Du mögest mir schreiben , ob das bei Euch auch so ist . Aber ich habe keine Langeweile , wenn ich am Fenster sitze und denke an die alte Zeit und wie das Leben hingeht und wie wir zusammen auf dem Christmarkt saßen . Mit Deines Oheims Arbeit hats nie viel auf sich gehabt und jetzt noch weniger ; aber ich komme schon aus mit dem Mann , und je älter er wird , desto stiller sitzt der Mensch , und selbsten der Niklas Grünebaum . Nun denk ich mir auch , wen Du wohl heiraten wirst , wenn Du erst ein Pastore bist , ich möchte sie wohl noch sehen , die junge Frau . Der Maurer zahlt die Miete schlecht , denn es geht ihm schlecht bei das nasse Wetter . Wir behelfen uns , wie es geht . Lieber Sohn Johannes , Geld kann ich Dir nicht schicken von Deinem Eigentum , aber ich schicke Dir einen Strauß von Deiner Eltern Grabstelle . Ich habe sie im Regen gepflückt , und das wird sie wohl frisch er halten auf dem langen Wege . Es ist wunderlich doch , die Blumen fahren so weit , und noch gar auf die Eisenhahn , und ich sitze und kann nur die Gedanken fahren lassen Dir entgegen . Meister Grünebaum möchte auch wohl die Eisenbahn sehen , aber wenn sie nicht zu uns kommt , so wirds ein übel Ding darum sein . Lieber Sohn Johannes , schreibe mir bald , und wenn der Moses Freudenstein mit dem fremden Namen darnach fragt , was sie in Neustadt von ihm denken , so sage ihm nur gradheraus , was ich Dir geschrieben habe , und Du , lieber Sohn , hüte Dich vor ihm und gedenke an Deine getreue Base Schlotterbeck . Nachschrift : Des Oheims Stiebeln trage nur ja bei dem feuchten Wetter , sie mögen wohl schon einen Schnupfen und sonstige Verkühlungen abhalten . Nicht zu vergessen , empfiehl mich Deiner Herrschaft und sag ihnen , ich machte ihr mein Kompliment und sie möchten aus gutem Herzen für Dich sorgen , da Du eine Waise bist und immer nicht selber auf Dich achtgibst . Sei nochmalen gegrüßt von Deiner Base . « Die beiden Briefe waren im Original nicht so leicht zu lesen , wie sie hier im Druck erscheinen . Nicht alle Buchstaben drin standen auf der rechten Stelle , und nicht jedem Worte sah man ' s an , was es bedeuten sollte . Die Korrespondenten hatten jeden Klecks , der ihnen » passiert « war , zierlich mit dem Zeigefinger ausgewischt , dadurch freilich den Text nicht deutlicher gemacht . Die Buchstaben lagen durcheinander wie ein Wald , in welchem der Orkan gehaust hatte ; es war keine Kleinigkeit , sich durch diese Wildnis zu arbeiten , noch dazu , wenn man körperlich unwohl war und durch manchen Passus der Briefe tief gerührt und bewegt wurde . Als Hans endlich den Kopf wiederaufrichtete , war es ihm dunkel vor den Augen , und die herankommende Dämmerung trug nicht allein die Schuld davon . Eigentümliche Lichter zuckten durch den grauen Schleier , der vor den Augen des Kandidaten lag : er mußte den Kopf mit beiden Händen fassen , es war ihm , als wolle er zerspringen , und dumpf dröhnte es vor seinen Ohren , als würde dicht neben ihm eine große Glocke angezogen . Er wollte sich aufraffen , um das Fenster zu öffnen , vermochte es aber nicht ; - er war ernstlich krank , so krank , daß sich alle übeln Gefühle in das tote Nichts der Bewußtlosigkeit auflösten , um dann in das geisterhafte , grausame Spiel des Phantasierens überzugehen . Hans Unwirrsch hatte eine Gehirnentzündung und war in der Tat während mehrerer Tage dem Tode nahe genug ; aber er hatte auch Visionen während dieser Krankheit , die nicht zu teuer durch alle Schmerzen , die er dulden mußte , erkauft wurden . Der Herrin des Hauses war dieser Zufall , welcher den Hauslehrer betraf , natürlich in höchstem Grade unangenehm und unbehaglich . Sie fühlte sich im Grunde ihrer Seele nicht verpflichtet , diesen fremden Menschen mit solcher gefährlichen Krankheit im Hause zu behalten . Aber unangenehm war ' s ihr anderseits der Welt wegen , von ihren innersten Gefühlen Gebrauch zu machen und ihn aus der Tür zu werfen und nach dem Krankenhause bringen zu lassen . Sie hatte einen Charakter zu bewahren , und sie war eine fromme Dame . Sie mußte also zulassen , was sie nicht ändern konnte , und fand wiederum eine große Hülfe an dem Doktor Theophilus Stein , der sich bereit erklärte , den Kranken unter seine besondere Obhut zu nehmen und in betreff seiner alles Nötige zu besorgen . Der Doktor Theophilus Stein gehörte zu den Visionen Hans Unwirrschs ! Es war am zweiten Tage nach dem Ausbruch des Fiebers , als sich Theophilus am Bett des kranken Jugendgenossen allein befand - allein und unbeachtet , wie er glaubte . Er war draußen auf dem Gange mit einer spöttischen Verbeugung an Franziska Götz vorübergeschlüpft und beugte sich nun über das Lager des Kandidaten . Auf Wunsch der Geheimen Rätin war er gekommen , um nachzusehen , » was der junge Mann mache « . Wirr sah es in dem Geiste Hans Unwirrschs aus . Von seltsamen lichten Augenblicken wurden seine Phantasien unterbrochen ; Dunkelheit , Dämmerung und Licht , Wirklichkeit und Traum wechselten fortwährend . Die beiden Briefe aus der Heimat , bei deren Lesung die Krankheit ihre giftige Hand auf sein Haupt gelegt hatte , hatten das Ihrige getan , seine Seele mit den Bildern der Vergangenheit zu füllen , obgleich das kaum noch nötig war . Der Brief der Base hatte die geistigen Qualen der letzten Zeit mit der körperlichen Not in wahrhaft schrecklicher Weise durcheinandergewühlt ; - Theophile aber glaubte sich allein und unbeachtet . Er hatte den Arzt zu dem Kranken hinaufbegleitet : der Arzt hatte bedenklich den Kopf geschüttelt , ein neues Rezept geschrieben und war gegangen . Theophile war geblieben , obgleich er eigentlich keinen Grund dazu hatte . Nachdem er einen Augenblick dem Kranken in die fieberglühenden Augen geblickt hatte , wandte er sich ab und sah sich mit einem mitleidigen Lächeln im Zimmer um . Er war sehr neugierig , wie wir wissen , und schnüffelte gern um und in anderer Leute Sachen und Angelegenheiten , wenn es ohne Schaden und Unannehmlichkeiten geschehen oder gar Nutzen bringen konnte . Die Sachen und Angelegenheiten des Kandidaten Unwirrsch hatten für ihn natürlich noch ein besonderes Interesse . So musterte er denn die kleine Bibliothek , zog das eine oder das andere Buch hervor , warf einen Blick hinein , lächelte und stellte es wieder an seine Stelle . Er hielt es nicht unter seiner Würde , in den Kleiderschrank zu gucken ; - zuletzt wandte er sich zu dem Schreibtisch . Wir haben erzählt , wie Hans von der Krankheit überrascht wurde ; - Theophile hielt es für keine Indiskretion , in