schrecklichen Träumen , daß Schlaflosigkeit im Vergleich noch eine Wohlthat schien . Zu der Sorge , die ihm seine Krankheit machte , kamen andere , die er sonst sehr leicht genommen hatte , die aber jetzt sein ohnedies angegriffenes Gehirn noch mehr verwirrten und seine hypochondrische Stimmung verdüsterten . In seine Krankenstube drängten sich einzelne Leute , die sich durchaus durch die Bedienten nicht hatten abweisen lassen - Leute mit höchst bedenklichen Physiognomien und auffallend schmutziger Wäsche , die , wenn sie denn endlich vorgelassen waren , eine große Brieftasche öffneten und dem Herrn Baron ein » kleines Wechselchen « präsentirten , zweitausend , dreitausend Thaler - » eine wahre Kleinigkeit für den Herrn Baron . « Vielleicht wäre es Felix leicht gewesen , diese ominösen Papiere einzulösen , wenn er jetzt war , was er zu sein hoffte , als er sie aus der Hand gab , nämlich : der erklärte Bräutigam Helenens , der Schwiegersohn eines der reichsten Grundbesitzer der Provinz . Aber leider war er das doch nun nicht , hatte auch keine Aussicht es zu werden und konnte sich in Folge dessen auch nicht weiter wundern , wenn die Baronin in den Privataudienzen , die er jedesmal , so oft eine jener verdächtigen Gestalten die Schwelle seines Zimmers überschritten hatte , nachsuchte , sich bedeutend weniger geschmeidig zeigte , als vor einigen Wochen , wo die Sonne seiner unüberwindlichen Liebenswürdigkeit noch im Zenith stand . Felix wußte recht gut , daß seine Tante sich zu einer Freigebigkeit , die ihrer Natur so gründlich widersprach , nur darum verstand , weil sie in ihm den Mitwisser des großen Familiengeheimnisses erblickte . Aber auch dieses einzige , unersetzliche Band hielt nur noch an dem letzten Faden . Es unterlag nämlich keinen Zweifel , daß nur die Furcht vor der » bornirten Ehrlichkeit des Barons , « wie die Baronin sagte , sie abhielt , es in dem mit Albert Timm entbrannten Kampfe auf ' s Aeußerste ankommen zu lassen , und Felix war keineswegs ganz sicher , ob selbst diese Furcht sie bewegen könnte , den zwischen ihm und Albert geschlossenen Contract zu sanctioniren . Er hatte deshalb bis zu diesem Augenblick noch nicht gewagt , ihr die Höhe der Summe anzugeben , für welche er Alberts Verschwiegenheit erkauft hatte . Felix Zaghaftigkeit in dieser ganzen Angelegenheit hatte einen triftigen Grund in seiner eigenen mißlichen Lage . Er mußte die Tante in möglichst guter Stimmung erhalten , um ihr die Summen abzulocken , die er für seine persönlichen Bedürfnisse brauchte . Es war ja später noch immer Zeit , ihr in Betreff Timms reinen Wein einzuschenken . Wie grimmig auch Felix Oswald haßte und wie entsetzlich es ihm auch gewesen wäre , wenn es dem Verhaßten mit Alberts Hülfe gelang , sich in den Besitz des Vermögens zu setzen und am Ende doch Helene zu gewinnen - so mußte das Alles dem Augenblick und seinen gebieterischen Forderungen untergeordnet werden . So standen die Sachen , als am Morgen nach der Soirée , an der Felix natürlich nicht Theil nehmen konnte , die Baronin , nachdem sie sich vorher hatte anmelden lassen , dem Patienten einen Besuch abstattete , Felix saß in einen weiten Schlafrock gehüllt , fröstelnd dicht an dem heißen Ofen . Die großen , einst so übermüthigen , jetzt so gläsern starren Augen , und die krankhafte , scharf abgeschnittene Röthe auf seinen magern Wagen zeugten von den reißenden Fortschritten , welche die Krankheit in den letzten Tagen gemacht hatte . Er erhob sich , über diesen Besuch außer der gewöhnlichen Zeit einigermaßen verwundert , halb aus seinem Stuhl und streckte der Tante seine abgemagerte , fieberheiße Hand entgegen : Bon jour , ma tante ! soll ich sagen , so früh oder so spät noch auf ? denn Ihr habt ja beinahe bis an den hellen Morgen getanzt . Ich habe den Baß bis hier in mein stilles Zimmer hinein hören können : brum ! brum ! brum ! bis ich fast verrückt über dem Gebrumm wurde ; und wenn Sie mir das Fluchen nicht abgewöhnt hätten , ma tante , ich hätte , hol ' mich der Teufel , den verdammten Kerl , der das Gebrumm fabricirte , bis in den tiefsten Pfuhl der Hölle verwünschen können . Ich hoffe , daß es mit Ihrer Gesundheit heute nicht schlechter geht , als mit Ihrem Fluchen , sagte Anna-Maria lächelnd , indem sie vor dem Kranken in einem Lehnsessel Platz nahm und eine Handarbeit in Ordnung brachte , ein Beweis , daß sie es auf einen längeren Besuch abgesehen hatte ; aber im Ernst , lieber Felix , ich habe Sie aufrichtig bedauert , und komme , Sie wegen der nächtlichen Störung um Entschuldigung zu bitten . Sie sind ja heute außerordentlich gnädig , liebe Tante . Ich dächte , das wäre ich immer , erwiderte Anna-Maria , nur daß es Leute giebt , die sich durchaus nicht davon überzeugen können . Ich gehöre nicht zu diesen , liebe Tante . Ich weiß es , Felix , und Sie werden mir das Zeugniß geben , daß ich stets für Sie gethan habe , was in meinen Kräften stand . Ja wohl , ja wohl , murmelte Felix , und überlegte , ob der Augenblick wohl geeignet sei , gegen seine Tante ein kleines Geschäft zu erwähnen , in das er sich vor nun beinahe drei Monaten eingelassen hatte und das in wenigen Tagen regulirt werden mußte . Die Gesellschaft - die übrigens pünktlich zwei Uhr fünfzehn Minuten aufgebrochen ist , lieber Felix - war gestern Abend recht animirt , fuhr die Baronin fort , und es hat mir von Herzen leid gethan , daß Sie nicht daran Theil nehmen konnten . Es wäre wirklich Zeit , daß Sie sich endlich einmal wieder gesund meldeten . Das weiß Gott , seufzte der Patient , sich ungeduldig in seinem Lehnstuhl herumwerfend ; man wird hier in dieser verdammten Spelunke noch ganz zum Hypochonder . Aber erzählen Sie ein wenig von gestern . Wer war denn Alles da ? O , nicht eben viele ; ich liebe , wie Sie wissen , die großen Fêten nicht : Griebens , Nadlitzens , Barnewitzens , Clotens - Die Zusammensetzung ist nicht schlecht , meinte Felix , haben sich denn Hortense und Emilie nicht die Augen ausgekratzt ? Nicht doch ! sie sind die besten Freundinnen von der Welt , und überdies hatten sie gestern um so weniger Ursache , sich gegenseitig den Vorrang streitig zu machen , als darüber , nach dem allgemeinen Urtheil der Gesellschaft wenigstens , schon anderweitig entschieden war . O , in der That ! und wer war denn der Vogel Phönix ? Ihre Cousine , lieber Felix , sagte die Baronin , die Stiche auf ihrer Arbeit zählend ; sie sah in der That ausnehmend schön aus , so daß selbst ich davon überrascht war , eben so wie von der Bewunderung , die ihr von allen Seiten gezollt wurde . Felix horchte hoch auf . Das Lob Helenens aus der Mutter Munde war eine so neue Melodie , daß er seinen Ohren nicht traute . Es scheint , als ob die letzten Wochen doch einen recht guten Einfluß auf sie ausgeübt haben , fuhr die Baronin fort ; sie hat ein gut Theil von ihrer hochmüthigen Arroganz verloren ; die Gräfin Grieben machte mir gestern ein Compliment über ihre sittsame , echt weibliche Haltung . Sie verzeihen , liebe Tante , sagte Felix mit großer Bitterkeit , daß ich mich über diese günstige Metamorphose nicht eben so freue . Ich wollte , sie wäre einige Wochen früher eingetreten . Vielleicht läge ich dann nicht hier , hilflos wie ein Pferd , dem die Flechsen durchgeschnitten sind ; und er schlug heftig mit der gesunden Hand auf die Lehne des Stuhls . Ich gestehe , daß Sie einigen Grund haben , sich über Helene zu beklagen , sagte die Baronin , indessen , Haß und Rache sind sehr unchristliche Empfindungen , zumal unter Verwandten , die von Natur darauf angewiesen sind , sich gegenseitig zu lieben - O , gewiß , unterbrach sie Felix ; Sie haben ganz recht , liebe Tante ! auf diese Voraussetzung war ja auch unser ganzer Plan gebaut ; nur schade , daß Fräulein Helene nicht viel von der natürlich angewiesenen christlichen Verwandtenliebe wissen wollte . Sie sind bitter , Felix , und wie gesagt , ich räume ein , Sie haben sich zu beklagen . Aber lassen Sie uns jetzt von der Sache sprechen , die mich eigentlich veranlaßt hat , Sie heute Morgen so früh zu besuchen . - Ihr Gesundheitszustand , lieber Felix , macht mir so große Sorge , daß ich heute Nacht noch einmal ernstlich darüber nachgedacht habe und jetzt zu einem Entschlusse gekommen bin . Sie müssen - und zwar so bald als möglich - die besprochene Reise nach Palermo antreten . Felix sollte heute Morgen aus einer Verwunderung in die andere fallen . Die von den Aerzten schon seit zwei Wochen dringend angerathene Reise war von Anna-Maria einfach aus dem Grunde beanstandet worden , weil weder Felix , » wie sie glaube , « noch sie selbst die dazu nöthigen Mittel für den Augenblick disponibel hatten . Auf einmal waren diese Mittel vorhanden ! Wer die Consequenz der Baronin kannte , mußte sich sagen , daß nur etwas ganz Absonderliches sie zu dieser plötzlichen Willensänderung bewogen haben konnte . Was dieses Etwas aber war , erfuhr Felix in dem weiteren Verlauf dieser wichtigen Unterredung nicht . Es war ihm im Grunde auch gleichgiltig . Die letzten qualvollen Tage und Nächte hatten seine Kraft gebrochen ; der leichtsinnige Uebermuth , den er bis dahin prahlerisch zur Schau getragen , war einer finstern Verstimmung gewichen , in welcher nur der eine Gedanken lebendig war , um jeden Preis wieder gesund zu werden . Zu diesem höchsten Zweck waren ihm alle Mittel recht . Wollte seine Tante ihm zu der Reise , die auch er jetzt für eine Nothwendigkeit erkannt hatte , das nöthige Geld geben - gut ! und um so besser , je mehr sie gab ! warum sie gab ? jetzt gab , nachdem sie vor wenigen Tagen die Aufbringung der Reisekosten für eine positive Unmöglichkeit erklärt hatte , - was fragte er danach ? kaum mehr als Jemand , der in Gefahr ist zu ertrinken , danach fragt , woher der rettende Balken geschwommen kommt , an den er sich im letzten Moment noch anzuklammern vermag . Als die Baronin sich nach einer Stunde erhob und ihre Arbeit zusammenpackte , war die italienische reise eine beschlossene Sache . Schon in den nächsten Tagen , wenn Felix ' Zustand sich nicht verschlimmerte , sollte sie angetreten werden . Sie wissen , lieber Felix , sagte Anna-Maria , ich bin dafür , daß etwas , was einmal geschehen soll und muß , bald geschieht . Und hier ist noch dazu offenbar Gefahr im Verzuge . Ich würde mir ewig einen Vorwurf daraus machen , hätte ich nicht , was in meinen schwachen Kräften steht , gethan , diese drohende Gefahr von Ihnen abzuwenden . Felix führte die ihm gnädig dargereichte knöcherne Hand der Tante an seine Lippen , und Anna-Maria verließ das Zimmer . Der alte Drache ! murmelte Felix , indem er erschöpft in seinen Lehnstuhl zurücksank ; was mag ihr nur in die Krone gefahren sein , daß sie mit einem Male so spendabel wird ? Ein wahres Glück , daß ich ihr nicht gesagt habe , wie viel der Schuft , der Timm fordert . Einmal freilich wird sie ' s wohl erfahren müssen ; aber nicht , bevor ich in Sicilien bin . Uff ! mein Arm ! Ich muß eine gründliche Cur gebrauchen , und am Ende ist sich doch jeder selbst der Nächste . Der leichtsinnige Patron ! dachte Anna-Maria , während sie die langen Corridore entlang nach ihrem Zimmer zurückschritt ; es ist hart , daß ich , nachdem ich schon so viel für ihn bezahlt habe , auch noch diese horrible Ausgabe für ihn machen soll . Aber es geht nicht anders . Aus dem Hause muß er , und dies ist die anständigste und am wenigsten auffallende Weise , auf die ich ihn los werde . Vierundzwanzigstes Capitel Es war spät am Abend desselben Tages . In der Pensionsanstalt des Fräulein Bär waren die Fenster schon seit zwei Stunden dunkel , bis auf eins , das ich nach dem Garten hinter dem Hause sah . Das Licht kam aus einer Lampe , welche ganz in der Nähe auf einem Bureau stand , und an diesem Bureau saß Helene von Grenwitz und schrieb : Du Kluge , Stille , mit Deinen klugen , stillen blauen Augen ! Ach , wer wie Du , so stets sich selber gleich , durch das Leben gehen könnte ! Wer doch , wie Du , in sich selbst den Frieden hätte , in dem sich , wie in einem tiefen stillen See , Alles in klaren Farben und scharfen Umrissen spiegelt ! Was Dir heute gut erscheint , erscheint Dir auch morgen so ; was Du heute für recht hältst , erklärst Du auch morgen nicht für unrecht . Das Maß , mit dem Du die Menschen missest , ist das unwandelbar gleiche , strenge ; wer es nicht erreicht , den erkennst Du nicht für Deines Gleichen und behandelst ihn danach heute wie morgen und alle Tage mit der milden Freundlichkeit , die im Grunde eine kühle Gleichgiltigkeit ist , und um die ich Dich so oft beneidet habe . - Wie ist das Alles bei mir so anders , so ganz anders ! Mein Herz ist ein wildbewegtes Meer und die Bilder des Lebens verzittern darin , schwankend und wechselnd und mich ängstigend wie ebensoviele Gespenster . Zwar auf der Oberfläche ! - nun ja ! da ist ' s scheinbar ruhig genug - wenigstens sagen es die Leute und ich fühle es selbst ; aber in der Tiefe ? da kocht es und wühlt es - da keimen Wünsche , die ich mir kaum selbst zu gestehen wage ; da sprießen Gedanken , vor denen ich selbst erschrecke ; da blüht die Sehnsucht nach einem unsäglich hohen , unsäglich köstlichen Glück , die Sehnsucht , die ich Dir oft - und ach ! niemals so , wie ich sie wirklich fühle - geklagt habe und die Du lächelnd in das Reich der Träume verwiesest . Solltest Du Recht haben ? Sollte die Stimme , die oft in stiller Nacht - wie jetzt - aus meiner Seele ruft , klagend , sehnsuchtsvoll , verzweifelnd - nie ein Echo finden ? Mir glüht die Stirn - meine Augen brennen - mein Herz pocht in ungeduldigen Schlägen . Was willst Du , ungestümes , wildes Herz ? Liebe ? ja ! Macht und Ehre und Glanz und Herrlichkeit ? ja ! - Wie aber , wenn Du beides nicht auf einmal haben kannst ; wenn Du das Eine oder das Andere opfern müßtest ? wie dann ? was willst Du opfern ? die Liebe - nein ! die Herrlichkeit ? nein , o nein ! - Nun denn ! so poche rastlos unbefriedigt weiter und quäle mich ohn ' Erbarmen , bis diese Hand und dieses Haupt es müde werden , deine fiebernden Schläge zu zählen . Ich sehe Deine weichen blauen Augen erwartungsvoll auf mich gerichtet ; ich sehe auf Deinen Lippen die Frage zittern : was hast du , dearest ? O , Liebste , Theuerste , Du sollst es mir sagen . Seit einiger Zeit verstehe ich mich selbst nicht mehr . Ich schrieb Dir , daß ich Herrn St. zufällig vom Fenster aus wiedergesehen habe , und daß ich sehr wünschte , ihn einmal allein zu sprechen . Dieser Wunsch sollte noch an demselben Tage in Erfüllung gehen . Ich traf ihn bei Fräulein R. und er begleitete mich , da die Dienerin nicht kam , nach Hause . Wir hatten unterwegs ein Gespräch , das mich sehr erregte , da es von Bruno handelte , und ich hatte endlich Gelegenheit , Herrn St. den Dank abzustatten , den ich ihm von meiner Verlobungsaffaire her schuldete . Ich war tief bewegt , als er vor der Thür Abschied von mir nahm . Der Zauber , den dieser Mann stets auf mich ausgeübt hat und den ich nur von mir abzuschütteln vermag , wenn ich von ihm nichts sehe und höre , war in seiner Nähe wieder mächtig geworden . - Ich fühlte das und gerade deshalb - Du kennst mich - vermied ich es nicht , ihn wieder zu sehen , obgleich ich es leicht gekonnt hätte . Zwei Abende darauf traf ich ihn abermals , ebenfalls bei Fräulein R. Diesmal war , als wir nach Hause gingen , die Dienerin zugegen , aber da wir französisch sprachen , - das Herr St. entzückend schön spricht ; er sagte mir , er sei durch Abstammung ein halber Franzose - - war unsere Unterhaltung doch ungenirt . Was die zwei Tage gut gemacht hatten , verdarben diese zwei Stunden Zusammensein wieder , und ich erkannte zu meiner größten Beschämung - und mit Röthe der Scham auf den Wangen schreibe ich es nieder , - daß das Gefühl , welches mich in seiner Nähe überkommt , stärker ist , als mein Stolz . Nicht , als ob er mir durch Geisteshoheit , durch Manneskraft eben imponirte ! durchaus nicht . Er gleicht streng genommen , gar nicht dem Ideal , das ich von dem Helden , den ich lieben könnte , im Herzen trage : aber es ist in dem Ton seiner Stimme , in dem Blick seiner großen blauen Augen , in seinem ganzen Wesen ein Etwas , das mich unsäglich rührt . Und dann - ich will Dir ja Alles sagen , - ich weiß , daß er mich liebt , und wie es wohl unter diesen Verhältnissen nicht anders sein kann , hoffnungslos liebt , und das macht mir ihn werth , wie den Dolch mit der blanken Damascenerklinge und dem goldenen Griffe , den ich als Mädchen von zwölf Jahren einmal in der Rüstkammer in Grenwitz fand , wie einen herrlichen Schatz mit mir auf mein Zimmer nahm und von dem ich mich seitdem nicht wieder getrennt habe . Ich weiß es - Oswald und der Dolch - sie beide gehören mir , nur mir . Es ist so unendlich süß , etwas sein eigen zu nennen , von dem Niemand weiß , Niemand ahnt und das doch zu uns stehen wird , uns helfen wird in der letzten Gefahr , wenn alle Andern uns verlassen haben . Wenn ich Oswalds Blick auf mich gerichtet sehe , so ist mir zu Sinnen , wie wenn ich den Dolch halb aus seiner sammetnen Scheide zücke und in der Sonne funkeln lasse . Aber es liegt Gefahr in diesem Funkeln . Wie oft hab ' ich die Waffe dann ganz herausgezogen , die haarscharfe Spitze mir auf ' s Herz gesetzt und zu mir gesagt : ein Druck - und du athmest nicht mehr . Und es liegt Gefahr in der Nähe dieses Mannes ; ein Wort von ihm , und er hat aufgehört für mich zu leben , und wenn ich schwach genug wäre , es zu erwidern - - ich darf nicht daran denken ; nicht daran denken , wie nah ich schon an dem Abgrund gestanden habe ! Ich hatte mir vorgenommen nicht wieder zu Fräulein R. zu gehen und diesen Entschluß auch durchgeführt . Vorgestern gegen Abend , als ich allein im Garten war - die Andern waren , Fräulein Bär an der Spitze , auf ihrem gewöhnlichen Spaziergange - hörte ich das Brausen des nahen Meeres so deutlich , daß mich eine unwiderstehliche Sehnsucht befiel , mein Lieblingselement einmal wieder von Angesicht zu Angesicht zu sehen . Unser Garten stößt an eine Parkanlage , die sich unmittelbar bis an ' s Ufer erstreckt . Sie gehört der Stadt und ist , wie ich höre , im Sommer eine gesuchte Promenade . Im Herbst aber , noch dazu in dieser kühlen , feuchten Abendstunde , hatte ich in den breiten Alleen unter den hohen Bäumen nie Jemand bemerkt . So öffnete ich denn die nicht einmal verschlossene Pforte und trat hinaus . Es war dunkler im Park , als es im Garten gewesen war ; lauter rauschte der Abendwind durch die kahlen Aeste der mächtigen Buchen ; deutlicher hörte ich das Brausen der See . Unter meinen Füßen raschelte das Laub ; über mir krächzten ein paar Krähen , die auf den schwankenden Zweigen keine Ruhe finden mochten . Ich hüllte mich fester in meinen Shawl und schritt weiter . Das mit jedem Augenblick tiefer hereinsinkende Dunkel und der kühle feuchte Athem des Waldes und des Meeres übten den alten Zauber auf mich aus , den ich so oft als kleines Mädchen empfunden hatte . Ich verspürte nicht die mindeste Furcht ; die Seligkeit , einmal mit mir und meinen Gedanken allein zu sein , allein in einer Umgebung , die so ganz zu meinen Gedanken stimmte , ließ ein solches Gefühl gar nicht aufkommen . Ich eilte weiter und immer weiter , wie in einem Traum , bis ich an das Ende der großen Allee kam . Dort öffnet sich ein kleiner von hohen Bäumen fast überwölbter Platz , dessen eine Seite vom Meere selbst begrenzt wird , das bis unmittelbar an das mäßig hohe , aber steile Ufer brandet . Ein eisernes Geländer faßt den Rand ein . Bänke stehen hier und da für Spaziergänger , welche sich , von der Wanderung ermüdet , an der Kühle des Platzes und der Aussicht auf das Meer erquicken wollen . Ich lehnte mich auf das Geländer und blickte hinein in die dunkelnde und im Dunkeln leuchtende Wasserwüste und sah Welle auf Welle rastlos heranrollen und auf den glatten Kieseln des schmalen Vorstandes zerschäumen . Ihr Donnern , das jedes andere Geräusch übertäubte , war Wiegengesang für mein wildes Herz und lullte mich in wunderliche Träume von einem Glück , das tief und grenzenlos war , wie das tiefe , grenzenlose Meer , an dessen in Dunkel verzitterndem Horizont mein Blick hing ; und - hätte das Glück sonst einen Reiz für mich ! - ebenso voll schauerlicher Geheimnisse und unberechenbarer Gefahren . Da schlug in unmittelbarster Nähe eine Menschenstimme an mein Ohr . Ich fuhr aus meiner gebückten Stellung in die Höhe , und vor mir stand Herr St. Ich bitte um Verzeihung , sagte er , wenn ich Sie in Ihren Phantasien störe ; aber der Zufall , Sie zu dieser Stunde an diesem Platze zu treffen , ist zu seltsam , als daß ich darin nicht etwas mehr als einen bloßen Zufall erblicken sollte . Ich war über diese plötzliche Begegnung so erschrocken , und das Unpassende meines Schritts wurde mir mit einem Male so klar , daß ich kalt und scharf erwiderte : Wie meinen Sie das , mein Herr ? Ich will hoffen , daß es in der That ein Zufall ist , was mir in diesem Augenblick das Vergnügen Ihrer Gegenwart verschafft . Er trat einen Schritt zurück . Verzeihen Sie , mein gnädiges Fräulein , sagte er ; ich wußte nicht , daß meine Gegenwart Ihnen so lästig war . Er verbeugte sich und ging . Der Ton , in dem er gesprochen hatte , schnitt mir in ' s Herz . Als er ein paar Schritte fort war , konnte ich ' s nicht länger ertragen . Ich nannte seinen Namen . Im nächsten Augenblick war er wieder an meiner Seite . Herr St. , sagte ich , verzeihen Sie mir . Ich war erschrocken ; ich wußte nicht , was ich sagte . Nein , nein , sagte er , Sie hatten ganz recht . Es ist kein Zufall , der uns hier zusammenführt ; von meiner Seite wenigstens nicht . Ich sah Sie in den Park treten ; ich bin Ihnen gefolgt ; ich hatte Sie keinen Augenblick aus den Augen verloren . Und kommen Sie häufiger hierher ? fragte ich , indem wir anfingen , die lange Allee wieder hinaufzugehen . Ja , erwiderte er ; für einen Unglücklichen sind das Dunkel und die Einsamkeit die passendsten Gefährten . Ich hatte nicht den Muth zu fragen , weshalb er unglücklich sei ; wir gingen schweigend nebeneinander weiter . Ich beschleunigte den Schritt , denn der alte Zauber kam wieder über mich und ich wollte ihm entfliehen . Nach wenigen Minuten näherten wir und der eisernen Gitterthür , die aus dem Park in den Garten führt . Zwischen den dichten Büschen , unter den hohen Bäumen war es sehr dunkel . Mein Herz schlug zum Zerspringen . Ich war fest entschlossen , kostete es mich auch das Leben , seine Liebe , sollte er jetzt von Liebe sprechen , zurückweisen und dennoch - dennoch wünschte ich , daß er spräche , zürnte ich ihm , daß er nicht sprach . Es waren vielleicht nur wenige Secunden , aber sie dünkten mich eine Ewigkeit - eine Ewigkeit von Furcht und Hoffnung . Da standen wir an der Thür . Oswald öffnete sie . Ich dankte ihm und wünschte ihm gute Nacht . Er antwortete nur mit einer schweigenden Verbeugung . Als die Thür hinter mir in das Schloß fiel , zuckte ich zusammen , wie ein Gefangener , der das Kerkerthor , das ihn für immer vom Leben trennt , hinter sich zuschlagen hört . Ich wollte im ersten Augenblick die Hand durch das Gitter strecken und ihm sagen - ich weiß nicht was - aber ich bezwang mich und ging , ohne mich umzusehen , raschen Schrittes nach dem Hause . Und als ich auf meinem Zimmer angekommen war , habe ich mich auf das Sopha geworfen und bitterlich , bitterlich geweint , wie ich nie in meinem Leben geweint habe , nie geglaubt hatte , daß Helene von Grenwitz weinen könne . Dann aber raffte ich mich empor und schwor mir zu , diese Schwäche , die mich so tief demüthigte , koste es was es wolle , zu überwinden . Ist doch mein Stolz mein einzig Gut , die blanke Waffe , mit der in der Hand ich mich jedem Gegner gewachsen fühle ; selbst meiner Mutter ! - Ich dachte mit Schaudern an den Moment , wo ich mich in dem Bewußtsein , mich vor mir selbst erniedrigt zu haben , auch vor ihr erniedrigen müßte ; wo ich ihr nicht mehr muthig in die großen , kalten , strengen Augen schauen könnte ! Ich wußte , wußte es mit unumstößlicher Gewißheit , daß dieser Moment mein letzter sein würde . Und so begab ich mich hernach zu Bett ; aber es wollte kein Schlaf in meine Augen kommen . Ich lag da , die Hände über der Brust gekreuzt , und wiederholte mir unablässig , was ich mir zugeschworen und wenn das Herz vor einem unsäglich jammerreichen Gefühl , das mir die Thränen in die Augen trieb , so schwer , ach so schwer wurde - so setzte ich die Spitze des Dolches auf das ungehorsame , rebellische Herz und dann wurde es wieder ruhiger , demüthiger ; es mochte fühlen , daß es in dem Kampfe zwischen Stolz und Liebe doch keine Aussicht auf den Sieg habe . Zuletzt schlief ich ein und träumte , ich sei mit meiner Mutter versöhnt . Sie bedeckte mich mit Küssen und Juwelen ; aber die Küsse waren eisig und die Juwelen erkälteten mich bis in ' s innerste Mark . Doch ließ ich es geschehen und sie nahm mich bei der Hand und führte mich durch dunkle Gänge in das hellerleuchtete Schiff einer Kirche , das voll Menschen war . Die Augen aller dieser Menschen waren starr auf mich gerichtet . Dann war es plötzlich nicht mehr meine Mutter , die mich an der Hand hielt , sondern ein großer fremder Mann in einer Uniform , die von Gold und Diamanten blitzte . Das Gesicht konnte ich nicht sehen , er hielt es beständig nach der andern Seite gewandt . So traten wir an den Altar , auf dessen Stufen der Priester stand . Die Orgel brauste und Gesang fluthete durch die hohen Hallen . Ueber dem Priester hing ein großes hölzernes Cruzifix , so wie in der Capelle von Grenwitz eins hängt , das ich oft als Kind voll Grausen betrachtet habe . Auch jetzt kam dieses Grausen wieder über mich , denn das Bild schüttelte , während er sprach , immer mit dem Kopfe , und als ich genauer hinsah , trug es die Züge von Oswald , aber verzerrt und todtenbleich und in der Seite des Bildes stak mein Dolch bis an den goldenen Griff und schwarze Blutstropfen fielen lang und langsam herunter . Da öffnete es den Mund und schrie laut auf , laut und gellend und vor dem Schrei zerstob die Menge , die Gewölbe krachten zusammen und der Mann an meiner Seite wurde zum Gerippe . Vergebens , daß ich mich seinem Griff zu entziehen suchte . Es umschlang mich mit seinen Knochenarmen und fuhr mit mir hinab in finstere Tiefen - schneller , immer schneller , bis ich vor allem Entsetzen erwachte . Der trübe Herbstmorgen blickte in mein Zimmer , aber noch immer glaubte ich , die Posaunen zu hören und es dauerte geraume Zeit , bis ich mich überzeugen konnte , daß es die Hörnertöne eines Trauermarsches waren von einem militairischen Leichenzug , der an dem Hause vorüber nach dem nahen Friedhofe ging . Ich versuchte zu lächeln über den wunderlichen Traum und es gelang mir , - weil ich es wollte , weil ich den leeren Schreckenbildern einer aufgeregten Phantasie keinen Einfluß auf meine Entschlüsse zugestehen wollte . Ueberdies konnte ich mir bei ruhiger Ueberlegung wohl erklären , wie ich zu