Luise nach Amerika . Es finden so viele Tausende , Hunderttausende ihr Glück drüben , weshalb sollten wir es nicht auch dort finden ? Sie brauchen rüstige Arme und guten Mut drüben , und guten Mut und rüstige Arme habe ich . O Marie , Marie ! Nach Amerika , nach Texas ! « Der Polizeischreiber in seiner Stube vernahm ein großes Gepolter draußen auf der Treppe und richtete den Kopf von seinem Buche in die Höhe : » Na , da ist er wieder . Jetzt werden wir auch wohl erfahren , was in dem Skriptum steht . Kann ' s mir freilich schon denken . Na , Gott segne die Wirkung . « Schon stürmte Robert in die Tür und reichte dem alten Freunde das Schreiben Evas . » Lesen Sie ! O lesen Sie ! Was soll ich tun , um solcher Worte würdig zu werden ? « » Werde ein echter Mann , wie sie ein echtes Weib ist ! « sagte Fiebiger ruhig , nahm den Brief Evas und legte dafür den Friedrichs in die Hand des Jünglings . Am Abend wurden beide Schreiben dem Sternseher auf den Turm gebracht , und Heinrich Ulex neigte sein weißes Haupt darüber : » Seht nach den Sternen ! « Vierundzwanzigstes Kapitel Reden der Weisen und Guten ; Herr Leon von Poppen hält sich aber auch für gar nicht dumm . Perspektivische Aussicht auf einen Parfümerie- und Modewarenladen Ein Jahr und ein halbes sind vergangen , seit die Leute dieses Buches uns zum ersten Male vor die Augen traten . Wir haben unser Bestes getan , den Leser mit ihnen bekannt zu machen . Ist uns das gelungen ? - Große Tragödienfiguren konnten wir nicht aus ihnen machen und wollten es auch nicht . Keiner aus der bunten Reihe lehnt sich im tragischen Zorn gegen die Welt und die gegebenen Verhältnisse auf , um das eigene Ich , sei es im edelsten , sei es im verderblichsten Sinne , an ihre Stelle zu setzen und unterzugehen an dem großen Unterfangen . Wir haben eine Handvoll Leben herausgegriffen aus dem Gewimmel des Daseins , wie der Schiffer aus dem leuchtenden Meer eine Handvoll lebendiger Glut schöpft . Es ist ein großes ewiges Glänzen , aber der einzelne Funken erlischt bald ! Das Farbenspiel , welches im Ganzen kein Ende hat , das kommt in der noch so vollen Hand bald zum Schluß . Wir müssen uns drein ergeben ; wir betrachten zappelnde Mollusken und zappeln selbst molluskenhaft zum Vergnügen anderer , bis die kurze Stunde unserer Zeit vorbei ist . Die Frühlingssonne schien über Gerechte und Ungerechte , Kranke und Gesunde und erweckte nicht nur Flöhe , Mücken , Wanzen , das Gesindel Mephistos , sondern auch Blumen , Schmetterlinge und liebliche Hoffnungen aller Art. Es war doch , alles in allem genommen , ein recht erfreuliches und gar nicht langweiliges Ding um sie . Wenn auch der Frühling schon mehr als einmal dem Winter gefolgt war , er war doch ein lieber , gern gesehener Gast und fand überall offene Türen und sehr viele offene Herzen . Wehe den Türen und Herzen , welche ihm verschlossen blieben ! Neben dem Vater in dem verdunkelten Gemache saß Helene Wienand und nähte im Lichte des einzigen Sonnenstrahles , welcher , an dem niedergelassenen Vorhange vorbei , in das Zimmer dringen konnte . Mit angstvoller Aufmerksamkeit blickte der gebrochene Mann auf die geschäftigen Finger seiner Tochter ; sie durfte unter diesem Blicke kaum innehalten mit ihrer Arbeit ; denn es gehörte zu den bösen Einbildungen des Bankiers , daß sein Kind ihn , den verlorenen Bettler , mit dem Werk ihrer Hände ernähren müsse . Stundenlang konnte der reiche Mann sitzen und zusehen , wie die feinen Finger der armen Helene sich abmühten . Der Vater achtete nur auf die Finger seines Kindes , nicht darauf , daß die Augen desselben immer mehr ihren Glanz verloren , nicht darauf , daß die Wangen desselben immer mehr abzehrten . Tag für Tag , immerzu , immerzu mußte Helene jetzt unter diesem finstern , unheimlichen Blicke nähen ; erst wenn die Erschöpfung den beklagenswerten Mann übermannte und ihn in einen unruhigen Schlaf versenkte , konnte sie sich Ruhe gönnen , durfte sie die Nadel sinken lassen und still weinen . Seit dem Begräbnis des alten Tellering hatte sie die Straße nicht wieder betreten ; sie wich dem Vater nicht mehr von der Seite , und selbst das Freifräulein konnte nichts dagegen tun . Das Freifräulein war übrigens noch die einzige , welche einen Schimmer von Einfluß auf den Bankier hatte . Ohne sie wäre Helene bald ganz verloren gewesen . Täglich , stündlich kam sie , behandelte den armen Freund mit der gewohnten gutmütigen Schroffheit und jenem spottenden Humor , über den sie gut zu gebieten wußte , und umgab das junge Mädchen mit ihrer ganzen Liebe , suchte es auf jede Weise zu erheitern , trug ihm die Neuigkeiten der Stadt zu , lobte den trefflichen Neffen Leon von Poppen und erzählte von Zeit zu Zeit auch von - dem Schützling des Polizeischreibers Fiebiger . So kam sie auch heute , um am Tage vor dem Grünen Donnerstag eine fröhliche Osterkerze in eine recht dunkle Stunde zu tragen . Herzermunternd erklang ihr Krückstock tap - tap - tap - auf der Treppe ; - mit ihr drang in die Tür ein frischer Hauch des Lebens , und der einzige Sonnenstrahl in dem dämmerigen Zimmer glänzte doppelt stark darüber ; - wer könnte aber die ermunternde Wirkung ihrer Stimme schildern ? » Da hocken sie wieder im Dunkeln , hab ich es mir nicht so vorgestellt ? « rief sie polternd , durch das Gemach humpelnd , zog mit energischer Hand die Fenstervorhänge zurück und ließ die Frühlingssonne gleich einem Blitz in das Zimmer schlagen . » So , Sie alte Nachteule ! « sagte sie . » Kneifen Sie nur nicht die Augen zu , Wienand ; es hilft Ihnen nichts , Sie müssen es ertragen . ' s kostet auch kein Geld . Hören Sie , wer weiß , ob man nicht einst aus dem Sonnenschein Gold macht . Was sagen Sie dazu , Wienand ? Das wäre so etwas für Sie ! Nicht wahr , es wäre gar keine üble Kunst , wenn man den Sonnenschein von den Wänden kratzen und zu Louisdors umschmelzen könnte ? Das ist eine Idee , denken Sie einmal darüber nach , Kommerzienrat . « Der arme reiche Mann starrte die Rednerin mit weit offenen Augen an und rieb eifriger als je die Hände aneinander . Das Wort Gold rief immer in seiner Seele eine Reihenfolge von Gedanken hervor , der er gierig folgte , und so auch jetzt . Erst schloß er die Augen wie im tiefen Nachsinnen , dann starrte er in die Flut des Lichtes , wie sie in das Fenster drang ; dann griff er mit den hagern zitternden Händen in den Strahl , als wolle er die funkelnden Stäubchen fangen und zusammendrücken und kneten zu kostbaren Barren und gerundeten Stücken . » Wie es flimmert , flimmert ! « rief er mit kreischender Stimme . » Gold , Gold , o soviel Gold in der Luft . Seht , seht , wie es flimmert ; wer es doch fassen und halten könnte ! Hier - da hab ich ' s - nein - nein , da ist die leere Hand ; o wie schrecklich ist ' s , verhungern zu müssen , wenn so viel , viel , viel Gold in der Luft blitzt . Helene , Helene , greif du zu ; vielleicht gelingt es dir besser - bankerott - bankerott - der arme Wienand hat kein Glück mehr , er wird das Gold nicht fangen ! « Weinend küßte die Tochter die gefurchte Stirn des Vaters und flüsterte : » O lieber Papa , wir wollen es schon fangen ; habe nur guten Mut , ich fange es schon , das Gold ; Stück für Stück fange ich es ; sieh hier , da ist schon ein Stücklein von den vielen , vielen , welche ich für dich erlangen werde . « Sie hielt dem Kranken ein neugeprägtes , funkelndes Goldstück hin , und mit einem heisern Schrei griff der große Bankier Wienand danach , betrachtete es in höchster Aufgeregtheit , als wolle er es mit den Augen verschlingen , hielt es krampfhaft , als fürchte er , daß man ihm das blanke Metall sogleich wieder entreißen werde . Dann hob er sich aus seinem Lehnsessel und schlich auf den Zehen aus dem Zimmer , um den kostbaren Schatz an einem unbekannten Ort zu verbergen . Helene sank in die Arme Julianes und schluchzte : » Ich trage es nicht mehr ! Es ist zu schrecklich ! Es ist zu viel Schmerz ! « Auch dem alten Fräulein traten die Tränen in die Augen ; aber es wischte sie resolut ab , machte sich sanft von der Umarmung des Mädchens frei und rief , die Locken des Pflegekindes streichelnd : » ' s ist recht , Kind , laß dem Weinen sein Recht ; aber übertreib ' s auch nicht . Schau auf , mein Herz , es ist viel Unglück in der Welt , und kein Mensch kann eine Ringmauer dagegen um sich ziehen . Setze dich her , wir wollen ein Stündchen zusammen verplaudern , du arme Kleine . Sieh , da hab ich dir auch einen Strauß Frühlingsblumen mitgebracht . Stell ihn auf deinen Nähtisch in ein Glas mit Wasser . Wenn du wieder mit dem törichten Papa allein bist , so mag das hübsche Ding dich an die weite Welt erinnern , die so bunt und glänzend , so frei und unermeßlich weit um jeden Schmerz her liegt . Du wirst auch noch dein Teilchen davon haben ; warte nur - auch die schwärzeste Wolke zieht vorüber ; wie Meister Ulex sagt : post Phoebila nubus , oder wie es sonst heißen mag . Weißt du , von wem ich diese Blumen habe ? « Helene schüttelte den Kopf und sah das Freifräulein betrübt lächelnd an . » Ein junger Ritter , der gestern einen gefährlichen Waffengang gut bestanden hat , gab sie mir . Du kennst den jungen Mann auch . Nun , wer mag es sein ? « » Etwa Herr Wolf , des Herrn Ulex Schüler ? « fragte Helene leise , ganz leise und errötete nicht wenig dabei . » Richtig geraten . Wie schlau wir sind ! Der Junge begegnete mir , als ich hierherkam ; er trug die Nase hoch zum Himmel emporgerichtet und wurde wacker gepufft und geknufft von den Leuten , welche vernünftiger waren als er und welche gradeaus auf ihren Weg sahen . Er war bestaubt und erhitzt von einem weiten Weg durch die Felder und Wiesen vor der Stadt . Er mußte nach seiner Beschreibung meilenweit gelaufen sein - Gott segne ihm seine gesunden Beine ! - , um die Aufregung aus dem Blute loszuwerden . Er hat nämlich gestern ein Examen - sein Maturitätsexamen bestanden , und zwar sehr gut ; der alte Ulex - « » Ah « , rief Helene kindlich treuherzig mit glänzendem Gesicht . » Da freue ich mich ! O wie ich mich darüber freue ! « » Das dachte ich mir wohl « , lächelte das alte Fräulein . » Ich freue mich auch ; und der junge Mann schien ebenfalls höchst vergnügt darüber zu sein . Er behauptete , vor diesem Examen eine entsetzliche Angst gehabt zu haben ; aber nun sei alles in bester Ordnung , und er habe nicht die mindeste Angst mehr . Der Meister Ulex hat ihn nun aus seiner scharfen Zucht entlassen ; auch Fiebiger reibt sich die Hände , der junge Taugenichts aber benutzt seine wiedergewonnene Freiheit dazu , in den Feldern umherzustreifen und Blumen zu pflücken oder in den Gassen ältliche Damen zu erschrecken durch plötzliches Anspringen gegen dieselben . Was soll eine alte Person wie ich mit solchem Strauß solcher Blumen anfangen ? Da , nimm , mein Kind - für dich passen sie recht gut und - wer weiß , was der Schlingel gedacht hat , als er sie mir in die Hand drückte . Nimm und stelle sie in frisches Wasser ; - späte Ostern können recht bunt gefeiert werden . Da hast du Veilchen , Himmelsschlüssel , Anemonen - auch einen blühenden Weißdornzweig ; - stich dich nicht an den Dornen , junges Blut - Birkenschäfchen , eine kleine Efeuranke - die Vergißmeinnicht mußt du dir dazudenken ; sie kommen erst später . « So plauderte die alte Dame fort , und der Wunsch , ihr Pflegekind aufzuheitern , ließ sie mehr sagen , als sie eigentlich im Willen hatte . Helene Wienand aber hielt den Strauß Robert Wolfs im Schoß , und ihre Seele war wirklich für kurze selbstvergessene Minuten so rein und licht wie in frühern , glücklichern Tagen , als sie noch das verzogene Kind des klugen , stolzen , reichen Geldmanns und nicht des unglücklichen , von jedermann bemitleideten Irrsinnigen war . So erzählte das Fräulein von Poppen noch mancherlei und tat gar nicht , als ob sie merke , wie die Kleine immer von neuem auf allerlei feinen Umwegen das Gespräch auf den Giebel des Sternsehers , den Polizeischreiber Fiebiger und den Pflegesohn desselben zu bringen suchte . Willig ließ sie sich immer in die Musikantengasse und die Nachbarschaft derselben führen und erzählte , wie Robert die Arzneiwissenschaft studieren wolle und wie der Sterngucker und der Polizeischreiber sehr damit einverstanden seien , da diese gelehrte Kunst den Mann am selbständigsten in der Welt hinstelle . Dann erzählte das Freifräulein , daß Ludwig Tellering nunmehr fest entschlossen sei , mit seiner Mutter und Schwester nach Amerika auszuwandern , und daß der berühmte Schneider Herr Alphonse Stibbe seine Einwilligung zur Heirat der schönen Angelika und des nichtsnutzigen Julius Schminkert gegeben habe . Sie war noch daran , zu berichten , wie bereits ein Nonplusultraschild mit der Inschrift Schminkert und Komp . für den Nonplusultraparfümerieladen gemalt werde , als sie plötzlich im höchsten Grade erstaunt und nicht wenig ärgerlich emporsprang . Gemeldet wurde : » Herr Baron von Poppen ! « , und Leon trat in das Zimmer . Ja , da stand er , ehrbar und bescheiden , das Muster eines gebesserten Sünders ! Und da er einmal da war , so konnte man ihn nicht hinauswerfen , sondern man mußte hören , was er zu sagen hatte . Und er verbeugte sich - o so verlegen , so linkisch , so ganz überzeugt von seiner Unwürdigkeit , diesen Raum zu betreten . » Sie hier , Leon ? « rief die Tante . » Was soll das ? Was wollen Sie hier ? « Und der Freiherr ließ den Hut fallen , hob ihn auf und ließ ihn wieder fallen . » Hören Sie mich , liebste Tante ! Gnädiges Fräulein , ich bitte tausendmal um Verzeihung ; ich - werde - sogleich - wieder gehen . Gnädigste Tante , ich war in Ihrer Wohnung und hörte , Sie befänden sich hier ! Tausendmal Verzeihung - ich bin so verstört ; - liebe , liebe Tante , ich mußte Sie auf der Stelle sprechen - ich bin so erfreut - so voll Jubel - ich habe die Stelle im Ministerium des Innern erhalten , die Stelle , von welcher wir sprachen . Ma tante , wir wollen der Welt zeigen , daß die Poppen doch noch nicht ganz verlorengegangen sind . Gnädiges Fräulein , wieder und wieder bitte ich um Verzeihung wegen meines tollen Eindringens ; ich bin wie berauscht durch die Straßen gelaufen ; ma tante - « » Liebe Helene « , sprach die alte Dame in sehr würdiger Haltung , » dies ist mein Neffe , Baron Leon von Poppen , der jetzt ein brauchbarer , anständiger Mensch zu werden scheint . Du bist ihm vielleicht früher schon im Leben begegnet ; aber es lohnte sich damals nicht , seine Bekanntschaft zu machen . « Helene verbeugte sich in höchster Verlegenheit ; Leon von Poppen aber sprach sanft lächelnd : » Meine Tante hat ganz recht , gnädiges Fräulein ; ich bin ein großer Sünder gewesen - Mitglied von allerlei verbotenen Gesellschaften , ein impertinenter Gesell , forlorn on the hill of the storm , wie Ossian es nennen würde . Aber hier stehe ich , in meines Nichts durchbohrendem Gefühl und schäme mich ein wenig . Nur ein ganz klein wenig , mein Fräulein ; denn ganz bekehrt bin ich noch nicht , wie ma tante dort auch recht gut weiß . Es ist noch viel an mir zu bessern ; mein Eindringen hier zeugt auch davon . Ma tante , ich küsse Ihnen untertänigst die Hand ; gnädiges Fräulein - « » Der Vater ! « rief Helene , und die hagere , gebückte Gestalt des Bankiers Wienand schob sich wieder in das Zimmer . Er hatte seinen Schatz verborgen und schlich zu seinem Sessel zurück . Als er den fremden Herrn erblickte , erschrak er heftig ; denn er fürchtete jetzt alle fremden Gesichter sehr . » Es ist mein Neffe , der Baron von Poppen « , sagte das Freifräulein . » Der Baron von Poppen , der Baron von Poppen « , wiederholte der Kranke . Er verbeugte sich vor dem jungen Mann viele Male und sagte dazu immer von neuem : » Der Herr Baron ! Der Herr Baron ! Der Herr Baron ! « » Was soll das nun wieder ? « murmelte das Freifräulein . » O der Herr Baron ! Namen und Ehre ! Ehre und Geld , viel Geld - o der Herr Baron - viel Ehre , viel Ehre ! Der Herr Baron ist willkommen , sehr willkommen - armer Mann , sehr armer Mann - sehr willkommen ist der Herr Baron ! « murmelte der Kranke . Er wurde immer zutraulicher gegen den jungen Freiherrn , und dieser wußte mit sicherm Takt ihn in guter Stimmung zu erhalten . Das Erstaunen des Freifräuleins wuchs von Minute zu Minute . Auch Helene horchte atemlos ; so vernünftig hatte ihr Vater seit langer Zeit nicht gesprochen , so klar war sein Auge lange nicht gewesen . Den Einfluß , welchen der Sternseher Heinrich Ulex nicht gewinnen konnte , schien Herr Leon von Poppen binnen kürzester Frist zu erlangen . » Dies ist meine Tochter , Herr Baron , ein gutes Ding , aber arm , sehr arm - sehr armer Mann , Herr Baron ! « Das Freifräulein nahm Prise auf Prise . Helene drängte sich dicht an ihre Seite ; Herr Leon ließ sich traulich neben dem Sessel des Bankiers nieder , und der Bankier hielt ihn am Rockschoß ; - Herr Leon Freiherr von Poppen konnte mit dem Fortschritt , den er heute auf seinem Wege gemacht hatte , sehr zufrieden sein , und seine Gefühle waren auch gar nicht übler Art. Er fühlte sich ganz behaglich neben dem Stuhle des kranken Mannes und versprach - wiederzukommen . - Hinauf die alte knarrende Wendeltreppe im Hofe des Nikolausklosters ! Dunkel ist die Nacht , gefährlich der Weg ; aber nur Mut ! Hinter der schwarzen Tür leuchtet die Lampe des Sternsehers Heinrich Ulex , und die Freunde sind um sie her versammelt . Treue Freunde umgeben den gebändigten Wolf aus dem Winzelwalde ; aber mit der Morgendämmerung scheidet er aus ihrer Mitte , um in der Ferne seine Studien fortzusetzen und ein tüchtiger Arzt zu werden . Es sprach der Sternseher : » Die Stunde des Scheidens ist gekommen , mein Kind . Wir haben dich aufgenommen , da du krank , da du verlassen und freundlos warest ; nun senden wir dich von neuem in die Welt ; aber die Wunden sind geheilt , und nicht mehr gehst du einsam in wildes Gelärm und Getümmel . Freunde decken dir den Rücken bei jedem Schritt , welchen du vorwärts tust ; so schreite denn mutig vorwärts und blicke dem Leben grade ins Gesicht ; fürchte dich nicht und sieh nach deinen Sternen ; dann wirst du nicht irren auf deinem Pfade . An der Stelle des Zornes und Schmerzes , die du in unsere Mitte mitbrachtest , ist dir eine neue tiefe Sehnsucht aufgewachsen . Wir können nicht wissen , ob dieser Sehnsucht einst Erfüllung wird ; aber sie ist gut an und für sich , sie wird dich nach oben führen , wenn du ihr folgst . So folge ihr denn , folge ihr ; es gibt nichts Besseres , kaum etwas Edleres , als solcher Sehnsucht zu folgen ! « Der Alte schwieg ; er hatte noch manches andere sagen wollen , aber er beschattete seine Augen mit der Hand und schwieg . Juliane von Poppen ließ ihren Krückstock fallen und sah mit feuchten , liebevollsten Augen auf den Greis ; dann aber faßte sie plötzlich den Arm Roberts , welcher ihr den Stab aufgehoben hatte , und rief : » Gehe mit Gott , mein Sohn . Du hast gute und treue Lehrer gehabt , nun mache ihnen in der Ferne Ehre . Laß uns nur Gutes von dir hören . Du hast viel Glück gehabt im Leben ; erkenne das dankbar an und komme nicht gleich von Sinnen , wenn dir einmal etwas nicht nach Wunsch geht . Halt den Kopf oben , mein Kind , der Meister Heinrich dort wird dir sagen , wieviel Großes und Gutes aus unerfüllten Wünschen tüchtiger Menschen entstanden ist ! « Das alte Fräulein sah bei diesen Worten sehr ernst und fast drohend drein , und Robert Wolf sah sie beide ziemlich kläglich an . Nun sprach Polizeischreiber Fritz Fiebiger in großer Bewegung : » Mein Junge , reise glücklich und laß bald von dir hören . Ich schmeichle mir , dir manche nützliche Lehre gegeben zu haben , laß mich noch einige hinzufügen . Vor allen Dingen laß dich niemals verblüffen . Wir Leute von der Polizei wissen Bescheid davon , wie leicht die Menschheit sich ins Bockshorn jagen und sich aus der Fassung und zu einer submissen Rückgratskrümmung bringen läßt . Ich habe dich ein wenig hinter die Kulissen blicken lassen , ziehe Nutzen davon und beuge dich nicht tiefer , als es nötig ist . Wie mit der hohen Polizei , so ist es auch mit allen übrigen Erdengottheiten ; stehe also fest , wo du im Rechte bist . - Jeder macht Wind auf seine eigene Art ; je größer der Blasebalg , desto stärker der Wind , desto ohrenbetäubender das Schnarren und Schnauben . Halte den Hut fest , es wird mehr als einer seine Kraft dransetzen , ihn dir vom Kopfe zu pusten . Wenn der Deckel aber einmal in der Luft fliegt , so mache dich nicht zum Gespött der Gassen und renne toll und blind hinter ihm her , sondern gehe ihm fein langsam nach und lache selbst ; oft wird ein anderer ihn auffangen und dir entgegentragen ; du kommst dann mit einem Dank davon . - Es bläst , greift und streicht jeder sein Lieblingsstück auf seinem Lieblingsinstrument ; du , ich , das Fräulein hier im Lehnstuhl , der alte Ulex dort im Winkel , alle andern groß und klein ebenfalls . Im Grunde ist ' s ein heilloses Konzert ; aber die Gewohnheit bewirkt , daß wir es recht gut ertragen , ja es öfters für die echte wirkliche Sphärenmusik halten . Blase dein Stückchen , mein Sohn ; aber wolle deinen Takt nicht der ganzen übrigen Menschheit aufdrängen . Ich habe mehr als einmal mit Heiterkeit gesehen , wie bei solcher Gelegenheit die Instrumente zu Waffen in den Händen der Virtuosen und Dilettanten wurden und wie eine blutige Schlacht entstand . Bedenke , Robert Wolf , daß du doch nur eine ganz kleine klägliche Pfeife bläsest und daß solch ein dicker Brummbaß zu einer gewaltigen Keule wird , wenn der erboste Spieler ihn umkehrt und ihn auf den Köpfen der Orchestergenossen tanzen läßt . - Hüte dich , mein Junge , einen Menschen mutwilligerweise auf die Krähenaugen zu treten ; leide es aber auch selber nicht , sintemalen es ein verflucht unangenehmes Gefühl ist . - Ereifre dich nicht über unschädliche Narrheiten der Leute , die du doch nicht ändern kannst . Stelle dir lieber dabei vor , du habest dein Eintrittsgeld zu einem schlechten Lustspiel gezahlt ; gähnen magst du , aber tu es mit Anstand . Erinnere dich immer , daß du nicht der einzige Mensch in der Welt bist , der - der sich klüger dünkt als alle andern . Wenn du mir versprichst , dich daran zu erinnern , so gebe ich dir die Erlaubnis , so gut von dir zu denken , wie du willst . Mein lieber Sohn , manchem Halunken geht es wie dem frommen Storch , er hat einen bessern Ruf , als er verdient . Auch der Storch ist berühmt als Ausrotter von allerhand Ungeziefer ; aber sein weiter Magen ist gefüllt mit gemordeten jungen Hasen , Rebhühnern und andern einfältigunschuldigen Delikatessen . Ein kluger Mann läßt sich nicht täuschen , es ist kein besonders behaglicher Aufenthalt im Magen eines solchen biedern Gesellen . - Ich habe manches Haus gesehen , über dessen Tür stand : salve hospes ; aber auf gut deutsch hieß das nur : der Eintritt ist verboten , wer hereinkommt , wird hinausgeworfen . Merke dir das , Robert Wolf , und bitte dir , ehe du dem salve traust , von dem Türhüter eine Übersetzung des hospes aus . - Zum Schluß knöpfe deine Ohren so weit als möglich auf und vernimm , daß der Mensch viel schneller und früher alt wird , als er gewöhnlich für möglich halten will . Eines schönen Morgens wirst du erwachen und das klägliche Faktum dir nicht mehr verleugnen können . Sorge , daß du dich dann mit gutem Gewissen in den Großvaterstuhl setzen kannst . Ich habe gesprochen . « Was Robert Wolf auf alle diese Reden sagte ? Er sagte wenig oder vielmehr gar nichts , und was er fühlte , das gab sich in verworrenen , von Tränen erstickten Interjektionen kund . Er fühlte viel ; aber es ist eigentlich nicht die Sache des erzählenden Schriftstellers , Interjektionen in seinen Text zu werfen . Wir können nur sagen , daß Robert durchdrungen war von dem Bewußtsein , daß man ihm viel , sehr viel Gutes erwiesen habe , und daß er allerlei versprach , worüber er sich in diesen Augenblicken kaum selbst hätte Rechenschaft geben können . Die Nacht war dunkel ; aber es war recht eine Nacht der Astronomen : die Sterne leuchteten hell , und wer irgend nach den Sternen sah , fand sie rein und klar an ihrer Stelle . In tiefer Finsternis begraben lag die Brandstätte , deren Schutt und Asche so schwer und dicht auf den Geist des klugen Bankiers Wienand gefallen war ; wenn wir wieder dahin blicken , so werden sich viel neue stattliche Mauern , viel hohe Gebäude daselbst erhoben haben , und wieder werden viele Sternbilder dem Auge des alten Sternguckers Heinrich Ulex verdeckt sein . Noch eine kurze Zeit saßen die Freunde im Giebelzimmer des Nikolausklosters zusammen ; dann trennten sie sich , und der Alte vom Turme küßte seinen Zögling auf die Stirn : » Lebe wohl , lebe wohl , mein Sohn ; du hast mir viel Freude gemacht . Lebe wohl , sei glücklich und vergiß nicht die Sterne ! « » Kriechen Sie in Ihre Höhle , Fiebiger « , sagte das Freifräulein in der Gasse . » Robert kann mich allein nach Hause begleiten ; geben Sie mir Ihren Arm , mein Sohn . « Der Schreiber verschwand in der Tür der Nummer zwölf der Musikantengasse , und das Fräulein und Robert setzten ihren Weg fort . Leise , eindringlich und viel sprach noch auf diesem Wege Juliane von Poppen zu dem Jüngling ; der Name Helene kam mehrmals in ihrem Geflüster vor , und Robert schritt gleich einem Nachtwandler an der Seite der Alten . Was sie ihm sagte , erfüllte seine Seele bald mit hohem Entzücken und stürzte ihn gleich wieder in halbe Verzweiflung . Eine Viertelstunde später lief der Jüngling allein durch die Gasse : » Ich soll mich ihr nicht zu nähern suchen ! Sie liebt mich , aber ich soll ihr nicht nahe kommen , soll ihr nicht schreiben ! O Helene , Helene , was soll ich denn tun ? « Plötzlich stand er vor dem Hause , welches der Bankier Wienand jetzt in der Kronenstraße bewohnte , und sah nach den dunkeln Fenstern desselben . » Was soll ich tun ? Was soll ich tun ? O wie ich sie liebe - und ich soll sie nicht mehr sehen ! Die Grausamen ! Die Grausamen ! « Der Baron Leon von Poppen befand sich selbstverständlich noch nicht im Bett . Lang ausgestreckt lag er auf seinem Sofa , das neueste Meisterwerk Paul de Kodes studierend . In den Pausen seiner Lektüre sah er mit unendlichem Behagen den Wolken seiner Zigarre nach ; ein Maler hätte zu einer Personifikation des guten Gewissens kein tauglicheres Vorbild finden können . Herr Leon hatte heute seine zweite Visite beim Bankier Wienand abgestattet , und diesmal in Abwesenheit der Tante Juliane . Der Kranke war in seiner Gesellschaft ganz munter und lebendig geworden , und die arme Helene mußte sich gestehen , es sei wünschenswert , daß der liebenswürdige Nachbar öfters zu dem Vater komme . » Riesenfortschritte ! Siebenmeilenstiefel ! « lächelte der sinnige Träumer auf seinem Sofa . » Bah , bald werden wir die Dornen abgestreift haben vom Stengel ! Bah , lächerlich , wer pflückt eine hübsche Rose mit einem Fausthandschuh ? Mein lieber Baptiste , ich habe dich heute abermals im tête-à-tête mit der leichtsinnigen Elise getroffen ;