gegen Abend mit dem Einspänner herüberkommen , Sie abzuholen . - Mit der Vermessung von Sassitz wären wir fertig , Herr Baron . Wenn es Ihren recht ist , will ich jetzt sogleich die Karten zeichnen , wenn die Frau Baronin die Güte haben will , mir ein Zimmer des Schlosses einzuräumen . So sprach Herr Timm und griff in die Tasche nach seinem Taschentuche , um sich die von Schweißtropfen perlende Stirn abzutrocknen . Da er sich aber noch zur rechten Zeit darauf besann , daß das betreffende , so überaus nützliche Stück der Toilette sich für den Augenblick bei ihm in einem keineswegs salonfähigen Zustand befand , so ließ er es , wo es war , fuhr mit der Hand über Stirn und Haar und schaute so vergnügt um sich , als ob ihm die Grenwitzer Besitzungen , die er im Schweiße seines Angesichts vermessen mußte , erb- und eigenthümlich gehörten . Gewiß ; sagte die Baronin , bei der Herr Timm wegen seiner auffallenden Anspruchslosigkeit in großer Gunst stand und die unwillkürlich einen Mann schätzen mußte , der sich durch nichts imponiren ließ , und den nichts aus der Fassung zu bringen vermochte ; gewiß , Herr Timm . Sie wissen , daß Sie uns zu jeder Zeit willkommen sind . Sie werden hier , wo Sie nichts stört , besser arbeiten können , als in der Stadt , und es ist ja zu unserm beiderseitigen Vortheil , daß die Arbeit möglichst schnell beendet wird . Sie haben doch Ihre Sachen gleich mitgebracht , Herr Timm ? Steht Alles schon auf dem Hausflur , wo es der ländliche Jüngling , welcher die Oeländer lenkte , die mich im Hundetrab von Sassitz hierher kutschirten , deponirt hat ; sagte Herr Timm , dessen » Sachen « aus einem kleinen melancholisch aussehenden Koffer bestanden , in welchem etwas reine und nicht viel schmutzige Wäsche und die sonstigen Stücke seiner nicht eben luxuriösen Garderobe in chaotischer Verwirrung durcheinander lagen , und aus einer großen Mappe , die seine Zeichenmaterialien und Flurkarten enthielt . Ich bedarf nur noch der Anweisung auf einen Ihrer dienstbaren Geister , der mich auf das mir von Ihnen gütigst angewiesene oder anzuweisende Zimmer führt , um mich sofort häuslich einrichten zu können . Wollen Sie die Güte haben , jenen Klingelzug zweimal zu ziehen , sagte Anna-Maria mit huldvollem Lächeln . Mit Vergnügen , sagte Herr Timm , diese instrumentale Methode des Beschwörens dienstbarer Geister ist viel bequemer , als meine vocale , und auch viel wirksamer , wie ich sehe . Der eintretende Bediente erhielt den Auftrag , Herrn Timm auf sein Zimmer zu führen . Es steht schon seit Wochen für Sie bereit , Herr Geometer ; sagte die Baronin . Sie sind umsichtig und gütig , wie die Vorsehung selbst , gnädige Frau ; sagte Herr Timm aufstehend und der Baronin ohne Umstände die Hand küssend ; auf Wiedersehen , meine Herrschaften , bis zum Abendessen , bei dem Sie hoffentlich wie ich erscheinen werden , das heißt mit guter Laune und noch besserem Appetit ; und er folgte leichten Schrittes dem Bedienten aus dem Gemache . Wirklich ein charmanter Mensch , der Herr Timm , sagte die Baronin , so harmlos , unbefangen , anspruchslos , so ganz sich seiner Stellung in der Gesellschaft bewußt , und nicht stets oben hinauswollend , wie gewisse andere Leute . Ei , ja wohl , bestätigte der Pastor , ein äußerst charmanter , bescheidener junger Mann , und der sowohl was seine Talente betrifft , die wirklich überraschend sind , als auch wegen der angesehenen Familie , aus welcher er stammt , Beachtung verdient . Gustava kennt seine Familienverhältnisse genau : auch ich erinnere mich aus meiner Grünwalder Zeit her sehr wohl seines Herrn Vaters , eines ausgezeichneten Advocaten , der sein bedeutendes Vermögen kurz vor seinem Tode in einer unglücklichen Speculation verlor . Seine Verwandten befinden sich zum Theil in ganz respektablen Stellungen . Ein Onkel von ihm ist Major . Auch Herr Timm war anfangs einer militärischen Carrière bestimmt , und war , so viel ich weiß , schon Fähndrich , als er in Folge der großen Verluste seines Vaters diese Laufbahn aufgab , um sich dem Baufach zu widmen . Er wünscht sehnlichst , die Akademie in der Residenz beziehen zu können , nur fehlt es ihm leider - der Pastor machte mit dem Daumen und Zeigefinger seiner rechten Hand eine bezeichnende Bewegung . Das ist ja jammerschade , sagte die Baronin ; wer doch dem armen Menschen helfen könnte : kann ihm denn sein Onkel , der Major , nicht ein paar hundert Thaler vorschießen ? aber freilich , die Herren vom Militär haben meistens genug mit sich selbst zu thun . - Ah , mademoiselle , vous arrivez bien à propos ! Veuillez avoir la bontè - Die Baronin war aufgestanden , um der eben entretenden Mademoiselle Marguerite eine Instruction zu ertheilen . Wollen Sie meine Bienenstöcke einmal ansehen , Pastor Jäger ? sagte der Baron . Mit dem größten Vergnügen ; erwiederte dieser , Hut und Stock ergreifend . Bleiben die Herren nicht zu lange , sagte die Baronin ; wir wollen heute etwas früher soupiren . - Que voulais-je dire ? Ah , oui ! du chocolat , mais pas si énormement sucrè que la dernière fois , et particulièrement prenez garde - - - Der Abend war gekommen , mit ihm Frau Pastor Jäger auf dem Einspänner . Primula trug dasselbe Kleid von ungefärbter Seide , in welchem sie Oswald an jenem Sonntag Morgen erschien , und sah , von der übergroßen Hitze des Tages angegriffen , mehr denn je wie ein kranker Kanarienvogel aus . Ihr Gatte hatte , sobald der langathmige Selam zwischen ihr und der Baronin vorüber war , die erste schickliche Gelegenheit ergriffen , ihr zuzuraunen , von dem » Gastfreunde « weniger entzückt zu erscheinen , als sie und er sich vorgenommen hatten , da » der junge Mensch « keineswegs in besonderer Gunst bei der Baronin zu stehen scheine - eine Nachricht , welche Primula in ein solches Erstaunen versetzte , daß , als Oswald kurz vor dem Abendessen erschien , sie seine höfliche Begrüßung nur mit einer sehr förmlichen Verbeugung zu erwiedern vermochte . Dies wunderliche Benehmen der vorher für den » Gastfreund « so begeisterten Dichterin würde wahrscheinlich nicht wenig zur Erhöhung von Oswald guter Laune beigetragen haben , wenn er es überhaupt bemerkt hätte . Aber er befand sich heute Abend in einer Stimmung , in welcher man , wie Oldenburg es ausdrückte , Ohren und Augen offen hat und doch weder sieht noch hört . Die Schatten der Ereignisse des letzten Tages und der letzten Nacht lagen noch auf seiner Seele und auf seiner Stirn . Seine gewöhnliche Lebhaftigkeit war einer melancholischen Ruhe gewichen ; er sah bleich und nachdenklich aus , aber so schön und vornehm , daß Primula ' s zart besaitete Seele alsbald den Zauber , welchen die Erscheinung des jungen Fremden bei der ersten Begegnung auf sie ausgeübt hatte , wiederum zu fühlen begann , und sie die Warnung ihres vorsichtigen Gatten um so lieber vergaß , als sie sah , mit welcher ausgesuchten Höflichkeit und Zuvorkommenheit die Baronin und der Baron denselben Mann behandelten , der ihr so eben als eine gefallene Größe denuncirt war . Sie bereitete sich schon im Stillen auf eine Strafpredigt vor , die sie auf der Heimfahrt ihrem Jäger halten wollte , der » wieder einmal nach seiner Gewohnheit den Wald vor Bäumen nicht gesehen hatte . « Der würdige Geistliche selbst war für den Augenblick durch den vollkommenen Widerspruch zwischen den Worten und der Handlungsweise der Baronin aus der Fassung gebracht . Er wußte indessen besser als irgend Einer , daß die Menschen nicht immer scheinen , was sie sind , und nicht immer sind , was sie scheinen , und hielt es auf alle Fälle für das Gerathenste , das Benehmen seiner Gönnerin möglichst treu zu copiren , was ihm gerade nicht schwer fiel . Indessen würde trotz des scheinbaren guten Einvernehmens der Gesellschaft die Unterhaltung bei der Abendmahlzeit , die auf der Terrasse im Freien eingenommen wurde , sehr einsilbig gewesen sein , hätte Herrn Timm ' s Gemüth die Eigenschaft gehabt , die Farbe seiner Umgebung anzunehmen . Dies war indessen durchaus nicht der Fall . Herr Timm hatte sein Versprechen , bei Tische mit guter Laune und noch besserem Appetit zu erscheinen , wahr gemacht . Er fand die Chocolade , die diesmal keineswegs énormement sucré war , vortrefflich , das Brot vortrefflich , die Butter vortrefflich , Alles vortrefflich . Und wie köstlich war der Einfall , sich an diesem lieblichen Abend nicht in die Stube einzuschließen ! wie glücklich der Gedanke , die Tafel gerade auf diesem Punkte der Terrasse zu decken , von dem man einen so herrlichen Blick auf den Garten hatte ! wie wundervoll waren die Schatten und Lichter in den hohen Bäumen drüben jenseits des Rasenplatzes ! wirklich ein Gemälde von Claude Lorraine ! Wahrhaftig , Herr Baron , wenn ich nicht Diogenes wäre , so möchte ich wohl Alexander sein ! Aber freilich , wir können nicht Alle in Schlössern hausen , es muß auch Tonnenbewohner geben , und wohl dem Manne , dem sein Schloß nicht wie eine Tonne , oder dem seine Tonne wie ein Schloß erscheint ! Sie sollten diesen Gedanken zu einem Epigramm verwerthen , Frau Pastorin ! Sie haben ein ganz entschiedenes Talent für diese Gattung , selbst in Ihren hoch-lyrischen Gedichten findet sich oft eine epigrammatische Wendung . So in dem reizenden Sonett auf den Maikäfer . Wie heißt doch noch der Schluß ? » Des Maies Käfer , falscher Liebe Bild - « das ist an und für sich schon ein tiefsinniges Epigramm . Wissen Sie , daß man in Grünwald Ihre Uebersiedelung nach Faschwitz noch immer nicht verschmerzen kann ? Erst neulich sagte Professor Lichtscheu , den ich in einer Gesellschaft beim Kanonikus Schwarz traf : es sei unverantwortlich , daß ein gewisser Gelehrter , den ich nicht nennen will , den reichen Schatz seines Wissens in der Einsamkeit eines Dorfes , dessen Namen mir entfallen ist , vergraben solle ; worauf ich ihm erwiderte : es sei nicht minder unverantwortlich , daß die Dichterin der » Kornblumen « noch immer unter Kornblumen wandle . So ging es mit unendlicher Zungenfertigkeit fort , dabei war Alles , was Timm sprach , so augenscheinlich ohne jegliche Absicht , witzig und gestreich sein zu wollen , - trotzdem es manchmal geistreich und witzig genug war - gesagt , daß man ihm zuhören konnte wie einem lustigen und in seiner Lustigkeit freilich etwas überlauten Kanarienvogel , dem die Morgensonne in das Bauer scheint und der dabei auf den Einfall kommt , sich einmal ordentlich auszusingen . Nur kam es Oswald manchmal vor , als ob Herrn Timm ' s Humor durchaus nicht so natürlich sei , als es den Anschein hatte ; als ob Herr Timm nur eine wohleinstudirte und fein berechnete Rolle , allerdings mit vollendeter Naturwahrheit spiele , und als ob der gutmüthige Bonvivant und anspruchslose Naturbursche bei Licht besehen die ganze Gesellschaft , die er mit dem Feuerwerk seines Witzes unterhielt , gründlich verhöhne und nasführe . Er wurde in diesem Verdacht um so mehr bestärkt , als Herr Timm , sobald er zu ihm sprach , stets einen andern Ton anschlug , als wollte er sagen : Dir darf ich mit solchen Narrenspossen nicht kommen , aber für den andern Pöbel sind sie gut genug . Diesen Verdacht , auf den Oswald übrigens um so leichter verfallen mußte , als er selbst nur zu oft die Gesellschaft , gegen die er eine so gründliche Verachtung empfand , zum Besten hatte , schien von den Andern Niemand zu theilen , es hätte denn Bruno sein müssen , der heute noch düsterer und verschlossener wie gewöhnlich auf seinem Platze neben Oswald saß , und seinen stolzen Mund nicht ein einziges Mal zu einem Lächeln verzog , obwohl er Alle um sich her - selbst Oswald nicht ausgenommen - lachen sah , zumal als gegen das Ende der Mahlzeit Herr Albert Timm mit seiner Nachbarin , Mademoiselle Marguerite , eine Conversation begann , in welcher er französisch und deutsch auf die possirlichste Weise durcheinander mischte . Die hübsche scheue Genferin hatte sich die größte Mühe gegeben , Herrn Timm ' s Kreuz-und Quersprüngen in der Unterhaltung zu folgen , und sich alle Augenblicke mit einem rapiden : qu ' est ce qu ' il dit ? que veut dire cela ? an Malte , ihren Nachbar auf der andern Seite gewandt , der ihr die Antwort um so häufiger bleiben mußte , als er selbst von Allem , was der unerschöpfliche Albert vorbrachte , kaum die Hälfte begriff , bis dieser mit ihr zu kauderwälschen anfing , um mit vielem Tacte den Scherz sofort abzubrechen , als er merkte , daß die hübsche Kleine durch das Gelächter der Andern in Verlegenheit gerieth . Es war bereits dunkel geworden , als die Baronin die Tafel aufhob , und Herr und Frau Pastor Jäger , die sich jetzt unter vielen Danksagungen für den so angenehm verbrachten Abend empfehlen wollten , einlud , mit ihr und dem Baron noch ein gemüthliches kleines Boston - in der alten Weise , wissen Sie , Pastor Jäger , wie es sich für solide Leute schickt - in dem Salon zu spielen . Malte war zu Bett gegangen . Oswald und Bruno , Albert und Mademoiselle Marguerite promenirten paarweise um den Rasenplatz und in den zunächst gelegenen Gängen des Gartens . Du hast mir noch gar nicht gesagt , Oswald , sagte Bruno - er nannte jetzt seinen Freund , wenn sie allein waren , stets mit dem brüderlichen Du - ob Du Tante Berkow gestern gesehen hast ? Ja , Bruno . Sah sie schön aus ? Wie immer . Läßt sie mich grüßen ? Natürlich . Weißt Du , Oswald , daß ich glaube , Tante Berkow mag Dich sehr gern leiden ? Warum , Du Närrchen ? Sie sah Dich an dem Abend , als sie hier war , immer mit so glänzenden Augen an - so recht lieb und freundlich , wie sie mich manchmal anblickt , wenn sie mir das Haar streichelt , aber doch anders - so - Ach , Du weißt ja nicht , was Du sprichst , Bruno . Ich weiß es recht gut , aber ich kann mich nur nicht so ausdrücken , wie Ihr klugen , großen Leute . Ich bin an dem Abend ordentlich eifersüchtig auf Dich gewesen , denn früher war sie gegen mich am freundlichsten . Ich nicht wissen , wie Tante Berkow aussieht , wenn sie Jemanden gern hat ? ich weiß es sehr wohl ! sagte Bruno trotzig . Und ich weiß auch noch mehr , fuhr er nach einer Pause fort . Ich sollte es eigentlich nicht sagen , denn Tante hat es mir verboten , aber ich glaube jetzt , es ist ihr gar nicht Ernst mit dem Verbot gewesen . Was war es ? fragte Oswald mit angenommener Gleichgültigkeit . Das war es , sagte Bruno . Ich war am Sonnabend Nachmittag , als Du Briefe schriebst , allein in den Wald gegangen , nach Berkow zu , weil das mein liebster Weg ist . Da kommt mir auf einmal Tante entgegen , zu Pferde , ganz allein , nicht einmal der Boncoeur war bei ihr . Sie ritt den Brownlock , den sie immer reitet , wenn sie schnell reiten will , und schnell mußte sie geritten sein , denn Brownlocks Brust und Hals und selbst Tante ' s Kleid waren voller weißer Schaumflocken . Sieh da , Bruno ! sagte sie , mir vom Pferde herab die Hand reichend , wo willst Du hin ? - Nirgends hin , Tante , wie gewöhnlich , sagte ich , aber wo wollen Sie hin ? - Auch nirgends ! antwortete sie lachend , da können wir ja zusammen unsern Weg fortsetzen . - Wenn Sie Schritt reiten wollen , sagte ich , sonst nicht . - Und da sind wir wohl eine halbe Stunde zusammen durch den Wald gezogen , und haben die ganze Zeit von nichts als von Dir gesprochen , und Tante fragte mich , ob ich Dich lieb hätte , worauf ich natürlich mit Nein antwortete ; ob Du viel studirtest ? und noch hunderterlei , was ich wieder vergessen habe . Zuletzt trug sie mir auf , Dich zu grüßen und zu fragen , ob Du die Kupferstiche noch nicht hättest , von denen Du ihr neulich gesprochen , und ob Du sie ihr nicht schicken wolltest - und dann rief sie mich wieder zurück und sagte : ich solle Dich lieber doch nicht daran erinnern , Dir auch nicht sagen , daß ich sie gesprochen hätte - aber wie gesagt , ich glaube jetzt nicht mehr , daß es ihr Ernst gewesen ist . Warum jetzt nicht mehr , Bruno ? Weil , - der Knabe schwieg ; plötzlich sagte er in gedämpftem Ton , als fürchtete er , die dunklen Gebüsche neben ihnen könnten es hören : Sage mir , Oswald , wie ist das , wenn man Jemand liebt ? Wie meinst Du das , Bruno ? antwortete Oswald , den die Frage in nicht geringe Verlegenheit setzte . Ich meine : was ist das für eine Liebe , von der so oft in den Büchern die Rede ist ? Ich habe Dich lieb , sehr lieb ; aber es ist mir , als müßte es noch eine andere Liebe geben . So habe ich immer nicht verstanden , warum der Marquis Posa so bestürzt ist , als Don Carlos sagt : ich liebe meine Mutter . - Weshalb soll er seine Mutter nicht lieben ? Ich habe meine Mutter nie gekannt , und so weiß ich gar nicht , wie man seine Mutter liebt , aber ich denke sie mir immer so jung und schön , wie Tante Berkow . Für die könnte ich Alles , Alles thun ! Ich wünschte manchmal : sie fiele vor meinen Augen in ' s Wasser , und ich könnte ihr nachspringen ; oder wie neulich : Brownlock bäumte sich , und ich faßte ihm in den Zügel und kämpfte mit ihm , und ließe nicht los , und wenn er mich auch mit seinen Hufen zerträte . - Warum kommen mir solche Wünsche nie , wenn ich in Deiner Nähe bin , Oswald , oder wenn ich , von Dir getrennt , an Dich denke ? Weil ich ein Mann bin , Bruno , und Du weißt , daß ich mir selbst helfen könnte und helfen würde . In die Liebe aber , die wir für eine Frau empfinden , mischt sich noch das Gefühl , daß wir sie , die sich selbst nicht schützen kann , mit unserer größeren Kraft und unserm kühneren Muthe schützen müssen , und das macht unsere Liebe zärtlicher , inniger , mitleidiger ; und dann noch ein Gefühl , von dem ich Dir jetzt nur so viel sagen will , daß es ein Ausfluß der ewigen Kraft ist , welche das Weltall schafft und trägt , ein Gefühl , welches rein ist , wie alle Natur , aber auch eben so keusch , und das deshalb , vor der Zeit wachgerufen , dem Voreiligen so verderblich werden kann , wie seine Kühnheit dem Jüngling , den des Wissens Drang nach Sais und in den Tempel trieb , wo sie in dichtem Schleier verhüllt thronte , Isis , die heilige , keusche Göttin der Natur . Ich verstehe Dich nicht ganz , Oswald . Die Welt und das Leben sind voller Räthsel , Bruno . Das Leben ist die Sphinx und wir sind der Oedipus . Und es ist der Fluch des Oedipus , daß er das Räthsel lösen muß , und ihn doch des Räthsels Lösung unglücklich macht . Du bist mir nicht böse , Oswald ? Ich Dir böse , liebes Herz ? weshalb ? Daß ich Dir mit solchen wunderlichen Fragen komme . Du sollst mich fragen , Bruno ; nach Allem fragen , was Dich in Erstaunen und in Verwirrung setzt . Deine Seele muß offen vor mir liegen , wie ein Buch , in dem ich blättern und immer wieder blättern kann . Wollte Gott , ich möchte nur Weises und Gutes auf die reinen Blätter schreiben . Du bist stets so gut , so unendlich gut gegen mich , Oswald ; und ich vergelte Dir all ' Deine Güte nur mit Undankbarkeit und Trotz . Das thust Du nicht - und dann : sind wir nicht Brüder ? Brüder müssen sich untereinander lieben und tragen und stützen , und dürfen nicht rechten um Mein und Dein . Sieh ' Bruno , wenn der fromme Glaube , der die Geister der Verstorbenen die auf Erden zurückgelassenen Lieben umschweben läßt , der meine wäre , so würde ich sagen : dort oben , von dem leuchtenden Sternenhimmel , schauen unsere Mütter auf uns hernieder und freuen sich der Vereinigung und Liebe ihrer Kinder . Laß uns zusammenstehen in diesem wirren Kampfe des Lebens zu Schutz und Trutz . Wie lange wird es dauern und Du bist ein Mann , wie ich , und wollte Gott , ein besserer Mann . Dann wird auch der letzte Unterschied , der Unterschied der Jahre von uns nicht mehr empfunden werden , wie ich ihn denn jetzt kaum noch empfinde . Dann werde ich vielleicht zu Dir aufschauen , wie Du jetzt zu mir ; dann wirst Du mir doppelt und dreifach das Wenige bezahlen , das ich jetzt für Dich thun kann ; dann werde ich - und wie gern ! - Dein Schuldner sein . O , das wird nie geschehen , sagte Bruno ; Du wirst immer unerreichbar weit von mir vorauseilen : ich werde nie auch nur das werden , was Du jetzt schon bist . Du Närrchen ! sagte Oswald und streichelte liebevoll Bruno ' s Haar ; Du sitzt jetzt im Parterre vor der Bühne des Lebens , und der Felsen von Pappe erscheint Deinem begeisterten Auge ein Urgebirge , und all ' die Trödlerwaare ächt . Wenn Du erst selbst auf die Bühne trittst , wird Dir der holde , rosige Schleier der Illusion von den Augen fallen und Du wirst Deinen Irrthum erkennen . Aber wenn auch ! Du wirst , wenn Du von Deinem ersten schmerzlichen Erstaunen Dich erholt hast , begreifen , daß es nicht anders sein kann , und Deinen Bruder nicht verachten , weil Du siehst , daß sein stolzer Rittermantel von verschossener Seide und arg geflickt ist , und seine Sporen eitel Messing - doch still ! da kommen uns Herr Timm und Mademoiselle entgegen . Es scheint , Herr Timm will die gute Gelegenheit , seine Aussprache des Französischen zu cultiviren , nicht unbenutzt lassen . Wir wollen ihn in diesem edeln Streben nicht stören . Laß uns in diesen Gang einbiegen . Herr Timm , der jetzt Arm in Arm mit Mademoiselle Marguerite , ohne Oswald und Bruno zu bemerken , eifrig sprechend und seine helle Stimme dabei sorgfältig dämpfend , vorüberstrich , hatte in der That » die gute Gelegenheit « , obgleich in etwas anderer , als in der von Oswald abgedeuteten Weise , zu nutzen verstanden . Auf seine Aussprache des Französischen legte der junge Mann sehr wenig Gewicht , desto mehr aber auf den soliden Vortheil , den ihm die Gunst der jungen Dame , welche dem innern Hauswesen des Schlosses vorzustehen schien , während eines , voraussichtlich mehrere Wochen lang dauernden Aufenthalts in Grenwitz gewähren mußte ; und sich diese Gunst , die auch vielleicht in anderer Weise die Monotonie des Landlebens in angemessener Weise mildern konnte , möglichst schnell zu erwerben , war Herr Albert Timm in dem allerliebsten verschwiegenen tête-à-tête mit der kleinen Französin eifrigst bedacht gewesen . Die Unterhaltung war von beiden Seiten , ohne einem gelegentlichen französischen Worte das Dasein zu verkümmern , deutsch geführt worden , da Mademoiselle das Deutsche ziemlich und Herr Timm das Französische sehr schlecht sprach , und dem jungen , aufrichtigen , wahrheitsliebenden Mann nichts verhaßter war , als der Gedanke , nicht verstanden oder gar mißverstanden zu werden . Und sind Sie schon lange hier ? fragte er . Drei Jahre . Der Tausend ! und Sie sind vor langer Weile noch nicht gestorben . Sie müssen eine famose Natur haben . Plait-il ? Ich meine , das muß doch zum Verzweifeln langweilig sein , Jahr aus Jahr ein in diesem öden Nest zu hocken , und noch dazu in so ausnehmend interessanter Gesellschaft . Aber Sie haben wohl viel zu thun ? Enormèment ! Ich muß arbeiten comme un forçat - Comme was ? Vous ne savez pas ce que c ' est qu ' un forçat ? Nein - schadet aber nichts . Wollen einmal sagen : wie ein Pferd ; das wird wohl auf dasselbe herauskommen . Also : Sie müssen arbeiten wie ein forçat ? Justement ! ich muß aufschließen und zuschließen alle Schlösser - Hat auch sein Angenehmes , bemerkte Herr Timm . Ich muß hören den ganzen Tag : Mademoiselle , thu Sie dies , Mademoiselle , thu Sie das ! Und des Abends , wenn ich bin müde , daß ich nicht kann offen halte die Augen , ich muß lesen aus die alte dumme Bücher , bis Madame hat die Güte zu sagen : c ' est assez ! - Non , madame , ce n ' est pas assez , c ' est trop - mille fois trop , sagte die lebhafte kleine Dame und stampfte mit dem Fuße . Sie scheinen in einer allerliebsten Stimmung , sagte Herr Timm ; doch das ist recht , sprechen Sie sich aus - das erleichtert das Herz - aber , wenn die Baronin Ihnen ein solches Vertrauen schenkt , so müssen Sie doch auch in großer Gunst bei ihr stehen . Au contraire ! Sie mich braucht , weil sie muß . Sie würde mir heute geben mon congé lieber als morgen . Sie mich hat gern , weil ich nicht nöthig habe viel Schlaf und weil ich esse wenig . Na , da werde ich nie ihr Liebling werden , sagte Herr Timm . Aber Sie armes Kind , da sind Sie ja in einer schauderhaften Situation . Viel Arbeiten und keinen Dank dafür ; früh aufstehen und dafür spät zu Bette gehen ; den ganzen Tag dreschen müssen , wie das gutmüthige Thier in der Bibel , ohne die demselben verstattete Freiheit - das halte ein Anderer aus . Sie sollten sich verheirathen , Mademoiselle . Marguerite zuckte die Achseln ; wer wird wollen mich ' eirathen ? Je suis si pauvre et si laide ! Was ist das ? Ich sage : ich bin arm und ich bin ' äßlich . Das Erstere will ich zugeben , sagte Herr Timm ; das Zweite ist aber eine arge Verleumdung . Sie häßlich ! Au contraire : Sie sind hübsch , Mademoiselle , très hübsch , belle , sehr belle . - Vous plaisantez , Monsieur ! Ohne Spaß ! sagte Herr Timm , Sie sind wirklich ein auffallend hübsches Mädchen . Erstens haben Sie eine reizende Gestalt - Trop petite , sagte Marguerite . Nicht die Spur , versicherte Herr Timm ; zweitens haben Sie wunderhübsche braune Augen ; eine reizende Hand , einen entzückend niedlichen Fuß - Mais monsieur ! Was denn ? es ist ja wahr ; was wahr ist , darf man sagen . Ich wette , daß Monsieur le docteur Stein vollkommen meiner Meinung ist . Lieben Sie den Doctor ? Ich ihn lieben ? sagte die kleine Französin mit großer Lebhaftigkeit ; ich ihn lieben ? - ich ihn ' asse ! Na , na ! sagte Herr Timm ; warum denn , er ist doch ein sehr schöner Mann . C ' est un bel homme , mais c ' est un fat . Un was ? Er ist ein Narr , oui ein Narr , qui est monstrueusement amoureux de lui-même ; mais avec toute sa fierté je me moque de lui , je me moque de sa fierté , oui , je m ' en moque , moi ! Bitte , ereifern Sie sich nicht , und sprechen Sie vor allen Dingen deutsch , wenn Sie wünschen , daß ich Sie verstehen soll . Was hat Ihnen denn der Unglückliche gethan ? Lui ? malheureux ? Il n ' est pas malheureux , ce monsieur-là . Tout le monde le flatte , le cajole - Aber so sprechen Sie doch um Himmelswillen deutsch ! Glauben Sie , daß er hat gesprochen zehn Worte mit mir , seitdem daß er hier ist ? Das ist freilich abscheulich ! Ah ! da habe ich mir schon wieder den Fuß an eine so verdammte Baumwurzel gestoßen . Ich bin im Dunkeln so blind , wie ein Maulwurf . Sie thäten wirklich ein Werk der Barmherzigkeit , wenn Sie meinen Arm annehmen und mich ein wenig führen wollten . Très volontiers , Monsieur ! Also so ein eitler Herr ist dieser Doctor Stein , sagte Herr Timm , den Arm der hübschen Marguerite in den seinen legend und dabei ziemlich fest an seine Brust drückend ; ei , wer hätte das gedacht ! Na , wissen Sie was , liebe Marguerite - welch ' ein reizender Name das ist : Marguerite ! - ich darf Sie doch Marguerite nennen ? - Ja , was ich sagen wollte : ärgern Sie sich nicht über den albernen Menschen , liebe Marguerite ! Wenn er nicht mit Ihnen sprechen will , so ist das sein eigener Schade , und wenn er Sie nicht hübsch findet , so finden