so etwas gelingen , so lerne zuvor leiden . Wer Seelen retten will , vereinige sich mit Christus in seinem Martertum für die Seelen und teile mit ihm - wenn nicht die blutige Passion auf dem Kalvarienberge , so doch die stille Passion des Herzens am Oelberg . Du mußt mystischerweise in Dein Herzblut Deine Gebete für Seelen eintauchen , wenn Gott sie erhören soll . Wie unaussprechlich haben die Heiligen , die große und zahlreiche Bekehrungen bewirkten , unausgesetzt gelitten ! Ihre Liebe und ihre Vollkommenheit haben wir nicht ; umso mehr wollen wir uns bemühen , ihnen im Leiden ähnlich zu werden . Du hast Herzweh um Deine arme Großmutter ? O Kind , das glaub ' ich Dir ! aber das Leiden darf kein Zustand - es muß eine Tugend sein , indem Liebe zum Leiden es zum Opfer macht und die Seele in ein tägliches Holocaust verwandelt . « Mit einem Ausbruch der tiefsten Sehnsucht rief Regina : » Ist es nicht auch vermessen , lieber Onkel , wenn ich beteure : das - gerade das , nur das begehre ich ! « » Nun , wenn Du das wirklich begehrst - das kannst Du haben , unter allen Verhältnissen und zu jeder Stunde , « entgegnete Levin . » Aber so recht doch erst unter dem strikten Gehorsam des Ordenslebens , das zu jeder Stunde den eigenen Willen , die eigenen Absichten , die eigenen Wünsche abtötet . « » Ich sage nicht Nein ; aber ich sage : zur vollkommenen Hingebung an den Willen Gottes brauchst Du das Ordensleben nicht . Dieses übt die Hingebung auf einer höheren Stufe des inneren Lebens , weil es nach den evangelischen Räten geordnet ist . Übe Du Dich einstweilen in der Hingebung Deines Willens , die auf den Geboten Gottes ruht ; dann machst Du Dich vielleicht der Gnade würdig , jene höhere Stufe betreten zu dürfen . « - Auch ihn hatte Julianens Tod sehr ergriffen . Sie war seine Zeitgenossin , wenig älter als er ; viele Jahre - und vielleicht die schmerzlichsten seines Lebens , hatte er neben ihr auf Windeck verlebt und tief die Lähmung empfunden , die von ihr ausging und auf der höheren Entwicklung ihres Mannes und ihrer Söhne lastete . Aber immer hatte er es als seine Schuld , als ein Zeichen seiner Unvollkommenheit betrachtet , daß das wundervolle Licht des katholischen Glaubens , mit dem Juliane in so häufige Berührung kam , ihr dennoch verschleiert blieb . Er wendete auf sich selbst an , was der heilige Karl Borromäus einst zu seinen Provinzialbischöfen auf einer Synode sagte : » Möchte das göttliche Licht , das in dem Herzen der Bischöfe leuchtet , nie verdunkelt werden von der Finsternis ihrer sündigen Natur . « Das gilt für uns alle , dachte er bei sich selbst ; das göttliche Licht und die göttliche Liebe sind ja immer bereit , unser Herz zu entzünden ; doch jenes stirbt in der Finsternis - und diese in der Kälte unserer sündigen Natur - und da Juliane sie nicht in mir , dem Priester , aufstrahlen sieht , so müssen sie ihr freilich verborgen bleiben . Alles wurde ihm ein willkommener Anlaß , um sich zu verdemütigen . Nun war sie tot , die arme Juliane ! nun war sie eingetreten in die Welt , die von der ewigen Wahrheit schleierlos durchleuchtet wird ! War diese ihr aufgegangen als ein sengender Blitzstrahl oder als eine überirdische Sonne ? - - Niemand war im ersten Augenblick so betroffen und im zweiten so gefaßt über Julianens Testament , als der , den es am meisten anging : Orest . Er hatte sich von Kindheit auf daran gewöhnt , sich als den künftigen Herrn auf Stamberg zu betrachten ; plötzlich war das vorbei ! eine sehr unangenehme Überraschung allerdings ; doch nicht heftig genug , um ihn aus seinem Gleichgewicht zu bringen . Mit der größten Gemütsruhe beschloß er auf der Stelle , seinen Etat , den er im Hinblick auf die glänzende Erbschaft gemacht hatte , nicht im geringsten zu beschränken und Uriel dafür sorgen zu lassen , daß er denselben durchführen könne . Orest war ganz der Alte : der Ausdruck des genußsüchtigen Egoismus . Da aber kein Mensch unverrückbar auf einer und derselben Stelle in seiner Richtung stehen bleibt , sondern entweder mit starker Willensfreiheit aufwärts geht , oder sich von den Windstößen der Neigungen , der Leidenschaften , der Triebe beherrschen läßt und unter ihrem Einfluß mehr und mehr abwärts sinkt : so hatten sich denn auch in Orest die Grundzüge seines Charakters und seiner Richtung beträchtlich entfaltet und ihn nicht aufwärts geführt . Sein Losungswort hieß : Lebensgenuß , der ununterbrochen angeregt und ebenfalls ununterbrochen befriedigt werden mußte . Wie er sich das Herz verwüstete und den Kopf verödete , wie alle höheren Fähigkeiten seiner Seele nach und nach aus Mangel an Nahrung absterben , aus Mangel an Übung verkommen mußten , das wurde er nicht gewahr , weil sein Leben sich eben auf der sinnlichen Oberfläche , nicht in der sittlichen Tiefe bewegte . In den lombardischen und ungarischen Feldzügen war er der bravste , unermüdlichste Soldat gewesen , immer munter , immer herzhaft , pünktlich im Dienst , tapfer in der Schlacht , kühn in der Gefahr . Er wurde auch sehr bald Rittmeister ; seine Chefs hatten ihn gern , seine Mannschaft liebte ihn . Dies war Orests glänzende Seite . Das kriegerische Leben mit seiner Gefahr , seiner Mühseligkeit , seiner Anstrengung , seiner Beweglichkeit - war das Element , in welchem sich Orest mit Wonne bewegte ; da fühlte er sich immer angeregt und immer beschäftigt ; da konnte er entbehren und sogar großmütig sein , für andere sorgen , denken , wachen , denn dies war eben die Richtung und die Gabe seiner Natur . Aber über seine natürlichen Anlagen reichte seine gute Seite nicht hinaus . Da , wo jene aufhörten , hörten seine Vorzüge auf . Unter blutigen Wunden gegen den Feind kämpfen - mit Freuden ! Kanonendonner , Waffengeklirr , Pulverdampf , wehende Fahnen , Hörnersignale , Trommelgerassel , das unnennbare betäubende Getöse der Schlacht versetzte ihn in eine Art von Jubelrausch . Aber die geringste Selbstüberwindung auf sittlichem Gebiete , der leiseste Kampf gegen die Laune und die Stimmung des Augenblickes - nein ! das war zu viel ! das durfte man ihm nicht zumuten ! Nach beendigten Feldzügen kam sein Regiment nach Mailand . Er war außerordentlich mit dieser Garnison zufrieden : herrliche Oper , zahlreiches corps de ballet , die ganze lombardische Ebene , um ein paar Dutzend Pferde darauf tot zu jagen , und die Tiroler Alpen nahe genug , um im Sommer den Urlaub für die Gemsjagd zu benutzen . Was brauchte er mehr ? - Geld vollauf - das verstand sich von selbst ! daran hatte es Graf Damian bis jetzt nicht fehlen lassen - nur reichte es immer noch nicht für Orests allernotwendigste Bedürfnisse , wie er behauptete , aus . Machte Uriel jetzt die Zuschüsse , woran er keinen Augenblick zweifelte , so lag ihm nichts an dem Besitz des einsamen Schlosses im Odenwald ; denn ein solcher Besitz zieht gewisse Verpflichtungen nach sich und Verpflichtungen setzen Schranken . Orest aber wollte keine anderen gelten lassen , als Barrieren - und diese nur , um beim Wettrennen oder auf der Steeple chase über sie hinwegzusetzen . Er kam nach Windeck , um sich mit der neuen Ordnung der Dinge bekannt zu machen und um seine Verhältnisse durch Uriel regulieren zu lassen ; nebenbei auch , um all ' die Seinen einmal wiederzusehen , denn Uriel war auch dort eingetroffen , bevor er seinen Wohnsitz auf Stamberg nahm . Hätte Uriel die Aussicht gehabt , Regina als Herrin dort einzuführen , so wäre er sehr glücklich gewesen . Ihm sagte das Landleben mit seinen ruhigen Beschäftigungen und mit dem abgeschlossenen Kreise seiner Wirksamkeit zu . Der Reiz der Neuheit , den die große Welt für die Jugend hat , war ihm schnell entflohen , weil er mehr begehrte , als sie geben kann - vielleicht auch deshalb , weil seine Liebe für Regina ihn zu ausschließlich einnahm , um ihn von anderer Seite dauernd befriedigende Eindrücke zukommen zu lassen . So lange es Krieg gab , war er gern Soldat gewesen ; aber nicht , wie Orest , um Soldat zu sein , sondern um unter Oesterreichs Fahnen für Recht und Ehre gegen die Revolution zu kämpfen . In die diplomatische Laufbahn trat er , wie überhaupt seine Standesgenossen , um durch sie in die Gesellschaft eingeführt zu werden und in dem jugendlichen Wahn , Einblick und Einfluß in die Geschicke der Völker und Staaten zu erhalten ; ein Wahn , der allerdings nur durch die Unerfahrenheit der Jugend erzeugt und entschuldigt werden kann , da in unseren Tagen , die freilich überall einen traurigen Mangel an Genie kund geben , kaum eines seltener ist , als das diplomatische Genie - und da die Depeschenschreiberei in ' s bureaukratische Fach gehört , von welchem die Gestaltung der großen Weltverhältnisse nun einmal nicht ausgeht . Uriel war hierüber auch bereits so vollkommen im Klaren , daß er ganz gern seine diplomatische Karriere aufgab , als das Testament seiner Großmutter ihm Erbe und Herrschaft zuwendete . Orest ' s Wünschen entsprach er bereitwillig und großmütig ; nur bat er ihn , bei dem Festgesetzten zu bleiben , und Orest , dem ein Versprechen gar nichts kostete , weil er sich immer fest vornahm , es zu halten - so lange es eben möglich sei , versprach es froh . Es herrschte die größte Eintracht unter den Brüdern , denn Hyazinth war mit seinem Pflichtteil vollkommen zufrieden . » Und er kann es auch sein ! « sagte der Graf , » seine persönlichen Bedürfnisse sind unglaublich gering , und hat er sich ein paar Bücher angeschafft , so wandert sein Geld zu den Armen . « » Das meine auch , nur im größeren Maßstab , « versicherte Orest . » Das hätte ich Dir nicht zugetraut , « sagte der Graf . » Wie ! « rief Orest , » sind Schuster , Schneider und Handschuhmacher , sind Traiteur , Cigarrenfabrikant und Pferdehändler , sind Theaterunternehmer und Kaffeewirt nicht auch arme Leute , die leben wollen ? und muß man denn durchaus mit der Unterstützung warten , bis sie sämtlich zu Bettlern werden und dem Almosen verfallen ? Treib ' ich ' s nicht viel grandioser , indem ich sie vor der tiefsten Stufe bewahre ? « » Es ist merkwürdig , « bemerkte Levin lächelnd , » welch blendende Scheingründe dem Weltsinn zu Gebote stehen . « » Onkelchen , Du tust mir himmelschreiendes Unrecht mit Deinen Scheingründen ! « behauptete Orest . » Es ist ja sonnenklar , daß ich drei Fliegen mit einer Kappe schlage : ich unterstütze die Industrie , ich befördere die Civilisation , ich wehre dem Proletariat- und bewirke das alles , indem ich in der arbeitenden Klasse , welche zugleich die arme ist , Geld in Umlauf bringe . Bin ich da nicht ganz in der vernünftigen Idee des Jahrhunderts - von der natürlich der Kommunismus auszunehmen ist ? « » Ja freilich , Du ächter Sohn Deines Jahrhunderts , Du bist in dessen Idee ! « sagte Levin und klopfte ihn freundlich auf die Achsel ; » Viel der Bedürfnisse haben , soll - besonders wenn man sie prompt bezahlt , für Tugend gelten ! Aber so wenig wie das eine Tugend ist , ebensowenig wird das allgemeine Wohl durch sie gefördert . Dein Cigarrenfabrikant mag ein Millionär werden , aber seine Arbeiter verkümmern in Armut und Elend an Leib und Seele , während er und Du , Ihr beide , Euch etwas darauf zu gut tut , in Euren Genüssen . Eurem Überfluß , Eurem Luxus zu schwelgen - weil Ihr Geld unter die Leute bringt . Glaubst Du wirklich , daß hierin Ähnlichkeit mit der christlichen Barmherzigkeit ist , die Hyazinth übt , indem er seine Bedürfnisse auf das knappste Maß einschränkt - - nicht um Deinen Cigarrenfabrikanten reicher zu machen , sondern um dessen dürftige Arbeiter zu unterstützen , die bei ihrem kargen Tagelohn halb verhungern und , wenn sie krank werden , ganz hilflos sind ! « » Nein , lieber Onkel , das glaub ' ich keineswegs ; aber es war anfangs auch gar nicht die Rede von christlicher Barmherzigkeit , « antwortete Orest , der immer gleich nachgab , wenn ihm eine Sache zu ernst wurde . - Der Graf schlug ihm vor , die Reise nach England mitzumachen und um Verlängerung seines Urlaubs zu bitten . Orest besann sich etwas . Er wußte nicht genau , ob die Reise auch gehörig unterhaltend ausfallen werde . Endlich sagte er zum Grafen : » Ich will ' s nur gestehen , Papachen - ich fürchte , unser Reisegeschmack geht weit auseinander ! was willst Du denn eigentlich in England sehen ? « » Alle Merk- und Sehenswürdigkeiten der drei Königreiche : Natur und Kunst , Fabriken und Parks , Kathedralen und Kottages , Kriegsschiffe , Kristallpalast und alle anderen Kuriositäten - ausgenommen die Gesellschaft in London , weil wir noch in Trauer sind und auch keine Neugier spüren , einen Schwarm von langlockigen Ladies und weißkravattierten Gentlemen beisammen zu sehen . « » Nun , das alles ist mir recht ! aber ich muß einige Zusätze zu Deinem Register machen und mir meine freien Allküren für dieselben ausbedingen , und zwar zuerst Epsom , Askot , Tattersal . « » Nicht mehr wie billig ! dabei bin ich auch . « » Dann - die Oper , überhaupt Theater . « » Ganz richtig ! Etwas davon werd ' auch ich in Augenschein nehmen . Aber die Mädchen sind nicht dazu zu bewegen , d.h. Regina nicht . Corona allein hätte vielleicht Lust dazu ; aber ohne Regina tut sie es nicht und die geht nun einmal nicht in ' s Theater . « » Originell das ! Die ganze elegante und gebildete Welt strömt ja in ' s Theater , kann ohne Loge so wenig existieren wie ohne Dach und Fach , hat nichts zu sprechen und nichts zu denken , wenn sie kein Schauspiel zu sehen hat ! Ich spreche nicht von uns - denn das versteht sich von selbst ; sondern auch von den Damen . Was sagt sie denn eigentlich dagegen - diese sonderbare Regina ? « » Sie sagt , alle Geistesmänner und Lehrer des innern Lebens erklärten einstimmig den Theaterbesuch für gefährlich und verderblich , weil das Schauspiel gefährliche Leidenschaften mit allem Zauber der Kunst und allem Blendwerk der Phantasie ausstatte und darstelle . « » Da hat sie wahrhaftig ganz Recht ! aber eben darin besteht der ungeheure Reiz der Bühne : sie idealisiert dermaßen das Verbotene , daß es unwiderstehlich erscheint . « » Solche Behauptung würde Regina Sünde nennen , und umsomehr bei ihrer Weigerung beharren . Sie ist nun einmal aus ganz besonderem Stoff ! Weil ein alter Erzbischof , der Johannes Chrysostomus hieß und vor fünfzehnhundert Jahren in Konstantinopel lebte , gesagt hat : das Schauspiel sei ein Überrest des entsittlichten Heidentums und wütende Schaulust verrate heidnische Gesinnung ; so nimmt sie das auf , wie das Evangelium . Im Grunde hat sie Recht ! Das Theater ist nichts für junge Mädchen - nicht einmal die sogenannten klassischen Stücke , wie z.B. Emilia Galotti . Regina würde es empörend für Vernunft und Herz finden , daß sich die Heldin von ihrem Vater erdolchen läßt , um nicht in Liebesschlingen zu geraten ; und , beim Licht besehen , muß ich wieder sagen : sie hat Recht . « » Ja , « sagte Orest , » das ist mir nicht auffallend , denn Regina ist klug und so kann sie wohl das Richtige leicht erkennen ; daß sie aber nun auch felsenfest danach handelt , während sie rings umher sieht , daß die ganze Welt es anders macht - darüber muß ich staunen . In mir ist nun einmal die heidnische Gesinnung stark entwickelt , nach der Ansicht des alten Johannes - wie hieß er weiter ? und ich bin ein rasender Liebhaber der Bühnenwelt , verspreche mir auch Brillantes von ihr während einer Season in London . « » Sei versichert , « sagte der Graf , » daß ich Dich durchaus nicht in Deinem Vergnügen stören werde . « - Und so war die Sache abgemacht ; man ging im hohen heißen Sommer nach London , wo der Graf in demjenigen Teil des Westendes , der Belgravia genannt wird , und der fast ganz für Fremde eingerichtet ist , ein komfortables Haus nach englischer Sitte einnahm und allein bewohnte - eine Sitte , die allerdings etwas kostspielig , aber ungemein bequem ist . Man ist zu Hause , lebt ruhig und ungestört ohne Gasthofstumult , ohne lästige Zimmernachbarn , ohne das wilde Heer halbtotgehetzter Kellner , und richtet sich ein , wie man es gewohnt ist . Orest hatte sich nicht umsonst seine » freien Allüren « ausgebeten . Er fand in London einen ganzen Schwarm von Bekannten und guten Freunden , mit denen er sich vortrefflich unterhielt , ohne an » der Besichtigungskampagne aller Merkwürdigkeiten « - wie er sich ausdrückte , Anteil zu nehmen . » Solchen Strapazen für nichts und wieder nichts bin ich nicht gewachsen ! « versicherte er . » Ich kann viel aushalten - aber dies ewige Stehen und Stehen und zwei Schritte gehen und wieder Halt machen , nein ! das macht mich kaput . Und wenn ich nun im Tower die Kronjuwelen , wie wilde Tiere hinter Eisengitter - und in der Münze die Prägung eines Sovereigns , der nicht mir gehört , gesehen habe - was hab ' ich davon ? mein Herz bleibt leer . « Corona lachte und sagte in dem scherzenden Ton , den Orest mit seinen Cousinen beibehielt : » Da erfährt man ja plötzlich , daß Du ein Herz hast . « » Und was für eins ! « rief er . » Schau ' , Krönchen , könnte ich die englischen Kronjuwelen auf Deiner schönen Stirn sehen , so würden sie mir außerordentlich gefallen : solch ein Herz hab ' ich ! « » Dies ist nur ein Beweis gegen Deinen Anspruch , « entgegnete Corona ; » das Herz sagt keine Fadaisen . « » Was weißt denn Du von der Sprache des Herzens ! « rief Orest mit komischem Erstaunen . » Erst sechszehn Jahr und schon darin bewandert ! « » Ja gerade deshalb ! « nahm Regina das Wort . » Sie betrachtet das Herz als den Ausdruck des unverfälschten Gefühls . Je jünger man ist , desto leichter kann man wohl dies Zutrauen haben . « » Königin und Krone , beide gegen mich , « sagte Orest mit Anspielung auf ihre Namen ; » dann muß ich freilich die Segel streichen ! aber dem Krönchen vergeß ' ich nicht den Zweifel an meinem Herzen . « - Es fiel Orest nicht im Traume ein , sich anders mit seinen Cousinen zu beschäftigen , als in dieser munteren Weise . Die Orests bringen ihre Huldigungen entweder den verheirateten Frauen dar , oder sie begeben sich in eine Sphäre hinab , wohin man ihnen nicht folgen mag . Seiner erklärten Liebhaberei für die Bühnenwelt getreu , hatte er sich auch nicht damit begnügt , dem Syrenengesang der Prima Donna der italienischen Oper von der Loge aus sein Entzücken kund zu geben , sondern sich mit einem halben Dutzend seiner guten Freunde durch ein anderes halbes Dutzend ihr vorstellen lassen . Einst begleitete er , wider seine Gewohnheit , den Grafen und dessen Damen in den Kristallpalast , um in einer für London frühen Stunde dessen Schätze mit einiger Muße betrachten zu können . Als sie sich nach langer Wanderung dem Platz der Spitzen näherten , welche für alle Damen eine gewisse magnetische Anziehungskraft hatten , standen zwei sehr elegante Damen bewundernd vor diesen köstlichen Geweben , und obgleich sie den Ankommenden den Rücken zugewendet hatten , erkannte Orest sie dennoch und ging auf sie zu . Regina würde dies nicht weiter beachtet haben , wenn ihr nicht die Stimme bekannt in ' s Ohr gefallen wäre , womit die eine Dame Orest ' s Verwunderungsausruf beantwortete : » Wir sind hier noch zu große Neulinge , um Geschmack zu finden an dem Gedränge , welches die obligate Freudenerhöhung des Londoner Vergnügens ist . « Indem sie das sagte , wendete sie sich und ging weiter . Orest blieb ihr zur Seite und Regina flüsterte dem Grafen zu : » Das ist die schöne Judith Miranes mit ihrer Mutter . « » Wie kommt denn die aus Brasilien her ? und wie kommt Orest zu ihr ? « sagte der Graf , der sie nicht bemerkt hatte . » Sie war es und schöner denn je , « setzte die Baronin Isabelle hinzu . » Orest soll uns Auskunft geben , « sagte der Graf . Aber Orest kam nicht wieder . Man war daran gewöhnt und kehrte ohne ihn zurück . Als er sich gegen Abend zu einem verabredeten Spazierritt einstellte , rief ihm der Graf entgegen : » Woher stammt denn Deine Bekanntschaft mit der schönen Dame im Kristallpalast ? « » Wo denn anders her , als von der italienischen Oper , wo Du sie fast täglich sehen könntest , « sagte Orest . » Da bewundere ich ihre Nerven beinahe noch mehr als ihre Schönheit ! « rief der Graf . » Tag für Tag gegen Mitternacht italienische Oper - das prästiere ich nicht ! « » Du bist auch keine Primadonna mit einem horrenden Gehalt für die Dauer der Season . « » Ist sie die Primadonna der italienischen Oper ? « rief Regina . » Sie - Judith Miranes ! « » Ob sie Judith Miranes heißt , weiß ich nicht , « erwiderte Orest ; » aber hier ist sie schwarz auf weiß zu lesen . « Er suchte das Tagesblatt , in welchem die verschiedenen Schauspiele angezeigt waren , und las : » Also heute Othello , der Mohr von Venedig . Da ist sie ! Desdemona - gesperrt gedruckt : Signora Giuditta . Eine göttlichere Desdemona gab es wohl nie . Die und die Norma sind ihre Hauptrollen . Nun , Regina , warum siehst denn Du so betrübt aus ? war sie etwa Deine Pensionatsfreundin im Sacré Coeur ? « Regina schwieg mit beklommenem Herzen , und der Graf erzählte , was er von Judith und ihren Eltern wußte . » Menschenschicksal ! « versetzte Orest äußerst gleichgiltig . » Jetzt gehe ich aber gewiß in die italienische Oper ! « rief der Graf . » Wollt Ihr nicht alle mitgehen ? « » Ich gewiß nicht , « sagte Regina traurig . » Ach geht doch alle mit , « bat Orest , » Ihr werdet entzückt sein . « » Ist denn diese Oper so besonders schön ? « fragte Corona mit leiser Neugier . » Versteht sich ! das Libretto ist nach der Tragödie von Shakespeare bearbeitet . « » Ach erzähle doch etwas , lieber Orest , bitte ! « » Die Sache ist in Kürze so : Die Republik Venedig hat einen heroischen Feldherrn , der Othello heißt und ein Mohr ist . Die Dogentochter Desdemona faßt eine so heftige Leidenschaft für ihn , daß sie über den Fluch ihres Vaters , der keinen schwarzen Schwiegersohn haben will , sich hinwegsetzt und Othello heiratet . Der Mohr liebt nun seine schöne Desdemona auf gut afrikanisch , d.h. mit einer tüchtigen Dosis Eifersucht gemischt ; und als er den falschen Verdacht auf sie wirft , daß sie einen andern liebe , läßt er sich vom Satan blenden und ermordet die unschuldige Desdemona . Es ist furchtbar ergreifend , wie sie zuerst den Fluch des Vaters und dann den Dolch des Gemahls von sich abzuwehren sucht ! « » Nein ! « rief Corona , » solche Entsetzlichkeiten mag ich nicht sehen . Ich würde mich halbtot ängstigen und halbtot weinen und die schauderhaften Szenen gar nicht aus dem Gedächtnis bringen . Wie kann man an solchen Vorstellungen Vergnügen finden . « » Wohlan , Papa , so gehen wir allein und bewundern allein die Vereinigung der dreifachen Kunst Shakespeare ' s , Rossini ' s und Giuditta ' s - eine Vereinigung , welche meine sublimen Cousinen doch zu Ehren der heiligen Dreifaltigkeit gelten lassen sollten . « » Lieber Orest , « entgegnete Regina mit ihrem schönen Lächeln , » Du bist zu gut erzogen , um nicht zu wissen , daß sich solche Späße in unserem Kreise nicht schicken . Mäßige also den Ausdruck Deiner extatischen Bewunderung . « » Liebenswürdigste Königin , « rief Orest entzückt und glitt graziös auf ein Knie vor ihr ; » Du bist immer perfekt ! Wenn alle Damen einen dummen Spaß so beantworteten , wie Du , bei Gott ! wir würden keinen zweiten machen . Gewöhnen wir uns dergleichen an , so ist das wahrhaftig Eure Schuld , denn Ihr könnt es uns abgewöhnen . Wie beneidenswert ist Uriel , unter ein solches Pantöffelchen von Sammt und Perlen zu kommen . « » O , « sagte Regina unbefangen , » Uriel ist selbst so perfekt , daß er das gar nicht nötig hat . « » Aber nun hört auch meine Neuigkeit ! « sagte Orest . » Ihr habt im Kristallpalast eine Salonbekannte als Opernsängerin wiedergefunden ; aber wem bin ich begegnet ? ratet . « » Nein , « sagte die Baronin Isabelle , » da könnte man die halbe Welt der Bekannten durchraten ! Sag ' es uns . « » Ich begleitete also die Giuditta und ihre Mama auf ihrer Wanderung und machte dabei die schmeichelhafte Bemerkung , daß das Töchterlein etwas weniger wortkarg als gewöhnlich war . « » Ist sie das noch immer ? « fragte teilnehmend Regina . » In einer Weise , die noch nicht da gewesen ist ! « versicherte Orest . » Deinem charmanten Cousin gelang es aber , ihr einige zusammenhängende Worte zu entlocken . « » Mein charmanter Cousin , « erwiderte Regina lachend , » ist wirklich recht bescheiden - für einen fat ! « - » Nun , wem bist Du begegnet ? « fragte ungeduldig der Graf . » So geleitete ich sie zum Wagen . Als eben der Schlag geschlossen wird und ich mit vieler Grazie meinen letzten Kratzfuß mache , schlüpft eine Gestalt an mir vorüber , die ich sogleich erkenne und die auch mich erkennt - denn sie wendet ihr Gesicht ab und drängt sich in einen Menschenknäuel hinein , der sich dem Eingang zuwälzt . Ich springe vom Wagen zurück und mitten unter die Menschen und schreie aus Leibeskräften : Halt ! halt ! Alles stäubt entsetzt auseinander , man denkt , ich setze einem Taschendiebe nach . Eine Miß mit ellenlangen blonden Locken machte Miene , sich in Ohnmacht vor Schreck legen zu wollen . Mir einerlei ! Wie ein Tiger auf seine Beute springe ich auf die Gestalt zu , die sich trotz des Tumults rund umher gar nicht umschaut und nur vorwärts eilt . Aber ich nach , und halte sie beim Kragen ! - und wen halte ich - Florentin ! « Alle waren überrascht und riefen durcheinander Fragen aller Art. Der Graf sagte : » Warum hast Du ihn nicht mitgebracht ? hat er seine Revolutionsgrillen noch immer nicht satt ? ich dächte , er könnte nun endlich zur Vernunft gekommen sein und in guter Ruhe mit uns heimkehren . Ich würde ihm alles verzeihen , Barrikaden , Freischaaren - alles ! denn im Jahr 1848 haben ganz andere Köpfe , als der seine , sich verdrehen lassen . Es waren revolutionäre Miasmen in der Welt , die das Gehirn in ein Delirium versetzten . Wie spricht er denn jetzt ? « » Gerade wie vor vier Jahren , als er zum letzten Mal in Windeck war . « » Wie ? er hat sich gar nicht gebessert ? « » Im Gegenteil ! grimmig ist er geworden und hat sich , wie man zu sagen pflegt , in seine Idee verbissen . Ich nahm ihn ohne Umstände unter den Arm , führte ihn aus dem Kristallpalast hinaus und in Hyde-Park umher . Da mußte er denn erzählen . Wär ' s nicht alles im Satansdienste der Revolution bis zur roten Republik gewesen , so könnte man ihn beneiden um sein bewegtes Leben . Er sagte , als Wien für die Revolution verloren gegangen und wieder kaiserlich geworden sei , da habe er geahnt , daß alles in Deutschland schief gehen werde . So lange man nicht Österreich , dies Bollwerk der Stabilität , diese Grundfeste der konservativen Ideen und des historischen Rechts « ... - » Also das erkennt er alles an ? « fragte der Graf . » Freilich ! und darum haßt er es und nennt es weiter : eine Bastille der Freiheit , die man entweder aus Deutschland herausbeißen , oder es so lange revolutionär bearbeiten und unterminieren müsse , bis es in sich selbst zusammen und in so viel Brocken auseinander falle , als es Völker verschiedener Zunge in seinen Ketten schmachten lasse . Kurz , die erhabenen Ideen der Demokratie sind . nach Florentin ' s Meinung , nicht durchzuführen im deutschen Vaterlande , so lange es mit Oesterreich behaftet ist , und da die Stunde der Vernichtung noch nicht für dasselbe geschlagen habe , so machte Florentin sich nach Italien auf . In Rom ging es ja herrlich her ! Der Papst war landflüchtig , Mazzini ' s Republik oben auf . Er war bei den Opfern zugegen