er Hülfe und Steuern verlange , ihm Ungarn zu retten und ihn an Frankreich zu rächen - und daß er , ohnehin schon übelgelaunt angekommen , hier es noch mehr geworden , als die Stände sich schwierig zeigten seine Forderungen zu bewilligen - da wage man nicht ihn um eine Gnade zu bitten , die hohe Häupter wie er nur in frohen Ruhestunden gewährten , wo die Krone sie nicht drücke und ihnen nicht die Fähigkeit raube , an anders denn an die Sorgen darum zu denken . » Uebrigens aber , « schloß sie , » werden die Majestäten heut ' Abend mit beim Tanz erscheinen , vielleicht fügt es sich da , wie damals auf der Veste , daß ein gutes Wort eine gute Statt findet . « Durch die mit Menschen erfüllten Straßen machten sich jetzt Vermummte in Narrenkleidern mit Kolben und Peitschen in der Hand Platz . Die Menge wich zur Seite um noch eine Stufe oder Erhöhung zu erobern , von welcher aus der Zug gesehen werden könnte , der nun folgte . Voran kam ein Reiter mit bunten Bändern und Schellen behangen und sein Schimmel nicht minder . Er hatte vor sich einen großen Sack , aus welchem er Nüsse auf die Straße warf , welche die Jugend begierig aufzulesen war und unter Geschrei und Balgen darum rang . Dann folgten vier andere Reiter , ebenfalls phantastisch bunt gekleidet mit Körben vor sich auf dem Sattel , worin sich Eier befanden . Sie warfen damit nach den Frauen an den Fenstern wie auf den Straßen ; aber die Eier waren mit Rosenwasser gefüllt und richteten da , wo sie trafen , keinen Schaden an , als daß die duftende Flüssigkeit verspritzte . Dann kamen die Schönbartleute selbst mit ihren Schutzhaltern , Hauptleuten und Spielleuten in mannigfaltigen Vermummungen , unter denen es nicht an derben Anspielungen auf die Hauptangelegenheiten des Tages und die Gebrechen der Zeit fehlte . Dann folgte auf einer von vielen Pferden gezogenen großen Schleife eine Maschine , Hölle genannt , die ein künstliches Feuerwerk in sich faßte und zuletzt am Rathhaus angezündet ward . In dieser Hölle gewahrte man außer ergötzlichen Bildern aus der Natur und dem Menschenleben auch satyrische Darstellungen , wie der Nürnberger Witz sie liebte : einen Venusberg mit schönen Frauen ; einen Backofen , worin Narren gebacken wurden ; eine große Büchse , welche böse Weiber schoß ; einen Vogelherd , worauf man Narren und Närrinnen fing ; ein Glücksrad , welches Narren und Närrinnen herumdrehte , die sich einander jagten ; eine Galeere , auf welcher Mönche und Nonnen aneinander gekettet ruderten , und noch mehr dergleichen . Darauf folgten vielspännige Schlitten mit maskirten Personen in prächtigen Pelzen , dahinter saßen Spielleute auch in bunte Trachten gekleidet , die lustig aufspielten . Daran schlossen sich etwas entfernter kleine Rennschlitten mit Geharnischten besetzt , die sich mit Turnierstangen einander auszustechen und herunterzuwerfen versuchten - ein Spiel , welches das Gallenstechen hieß und das auch zu andern Zeiten in Nürnberg angestellt ward . Unter diesen Geharnischten befand sich Stephan Tucher . Ursula ' s Augen hatten ihn erkannt , auch wenn er nicht zu den Frauen hinaufgeschielt hätte ; aber er wollte ihnen auch eine Probe seiner Geschicklichkeit geben , und mit seiner Turnierstange gewandt ausholend , gelang es ihm , einen andern Geharnischten von seinem Schlitten zu werfen , daß er unter dem Gelächter des Volkes im Schnee sich wälzte . Diesem wollte sich der Herabgeworfene am schnellsten entziehen indem er aufstehend sich in Scheurl ' s Hausthür drängen wollte . » Dort gehört Ihr nicht hin ! Lauft nur Eurem Schlitten nach ! « rief Stephan eifersüchtig und drohte ihm mit seiner Lanze . Jener aber warf seinen Helm ab , und Stephan erkannte mit Mißbehagen Georg Behaim in ihm . Den Bruder Elisabeth ' s hatte er nicht dem allgemeinen Spotte preisgeben wollen ; indeß blieb ihm nichts anderes übrig als weiter zu fahren und sein Turnierheil auch an Andern zu versuchen , damit Behaim nicht in dem , was er ihm gethan , eine besondere Absichtlichkeit suche . Es gelang ihm auch noch Manchem herabzuwerfen , indeß er selbst vor jedem Angriff fest saß - so aber errang er sich den Preis des Gallenstechens . Als es vollständig dunkel geworden , ward auf dem Markt das Feuerwerk abgebrannt , und das war zugleich das Zeichen zur Versammlung der Masken im Tanzsaal des Rathhauses . Da wimmelte es von allerlei schönen und wunderlichen Masken . Männer und Frauen wetteiferten miteinander an Pracht und Absonderlichkeit der Kleidung , und manche Freiheit herrschte dabei , die zu anderen Zeiten die bedenklichen und sittenstrengen Nürnberger nicht dulden mochten . Verschiedenartige Aufzüge fanden dabei statt und possenhafte Darstellungen ergaben sich aus ihnen von selbst . Sie wurden von der Tribune aufgeführt , die für den Kaiser und den König wie die anderen zum Reichstag gekommenen Fürsten erbaut war und auf welcher diese Platz genommen . Denn sie waren nur als Zuschauer und ohne Masken erschienen , und auch König Max beobachtete diesmal eine strengere Zurückhaltung und Etiquette als bei seinem ersten Aufenthalt in Nürnberg . Vielleicht war er überhaupt nicht wohl gelaunt durch die geringe Willfährigkeit , welche der Reichstag zeigte , auf seine Forderungen einzugehen ; vielleicht wollte er auch sich den stolzen Nürnbergern , damit sie nicht etwa übermüthig würden , mehr in der Würde seiner Majestät zeigen , als sie ihn früher gesehen , damit sie nicht vergessen , daß sie doch seine Unterthanen wären , wenn sie auch sonst sich ihrer reichsbürgerlichen Freiheit rühmen mochten . Er sah ernst , fast finster in das Maskenspiel , und nur der unverwüstliche Kunz von der Rosen vermochte durch irgend eine ihm in ' s Ohr gezischelte Bemerkung zuweilen ein Lächeln um seinen Mund zu zaubern . Mit den bängsten Empfindungen warf Ursula Muffel zuweilen einen scheuen Blick auf den König Max . Seit dem Wiedersehen mit Stephan Tucher plötzlich in ihren Hoffnungen so kühn gemacht , als sie noch vorher verzagt und verzweifelnd gewesen war , hatte sie , von Stephan und Elisabeth auf diesen Abend vertröstet , an die Möglichkeit gedacht , daß es ihm oder ihr selbst gelingen werde sich heute dem König zu nähern und um seine Fürsprache bei den erbitterten Vätern nachzusuchen . Und wie in dieser schien sie sich in jeder Hoffnung getäuscht zu haben , denn auch Stephan hatte sich noch nicht zu ihr gefunden , und so oft sie auch eine Sarazenenmaske sah oder zu sehen glaubte - wenn sie selbst sich ihr näherte , erkannte sie immer , daß es nicht Stephen war . Da trug sie nun selbst den prachtvollen Anzug einer Sultanin , den er ihr gesendet , und je mehr der Glanz desselben die Blicke Anderer auf sich zog , und je länger Stephan säumte sich ihr bemerkbar zu machen , die er doch auf den ersten Blick hätte kennen müssen , je bänger ward ihr in dem sie umdrängenden Gewühl . Aber noch größer ward ihre Bestürzung , als sie einen riesengroßen Bären , der bald auf allen Vieren lief , bald auf den Hinterpfoten ging und allerlei Purzelbäume machte , immer hinter sich herkommen sah . Sie mochte sich wenden , wie sie wollte , sie konnte dem Ungethüm nicht entgehen - es drängte sie immer näher an die Schranken der fürstlichen Zuschauer . Wußte Ursula auch recht gut , daß im Bären auch nur ein Mensch steckte , so ward ihr diese Zudringlichkeit dadurch beinah ' um so lästiger - in diesem Augenblick hätte sie nichts dagegen gehabt , wenn ein wirkliches Ungeheuer sie zerrissen hätte , so entmuthigt und trostlos fühlte sie sich ; daß sie aber ein Mensch so absichtlich , wie es schien , zur Zielscheibe seiner widerwärtigen Grimassen und damit des allgemeinen Gelächters machen konnte - das empörte sie noch vielmehr . Und nun kam auch von der andern Seite ein Löwe und bedrängte sie nicht minder . Da stand sie jetzt gerade mitten zwischen den beiden Bestien , ganz nahe vor der kaiserlichen Tribune . Außer der Maske verhüllte noch ein mit Silber durchwebter Schleier , der an einen Turban von weißer Seide und silbernen Verzierungen befestigt war , ihr Gesicht und Hals . Sie trug ein weißes mit Silber gesticktes Seidenkleid , das weite weiße Atlasbeinkleider und gelbe Stiefelchen sehen ließ , darüber eine Tunika von rosa Sammet mit silbernen Fransen und Tressen , ringsum mit Perlen gestickt , die auch in dichten Schnüren um Arme , Hals und Taille sich wandten . So stand sie zwischen den Ungeheuern , die den Raum um sie fast freigemacht und so auch längst von Elisabeth verdrängt hatten , an deren Seite sie vorher immer versucht hatte zu bleiben . Aber obwohl nicht inmitten des Saales wie Ursula und minder beobachtet , war doch Elisabeth in keiner besseren Situation . Durch Konrad Celtes und ihre eigenen Studien mit der Liebhaberei für das Klassische und Antike erfüllt , dem eben damals die Humanisten die Bahn brachen und das sich auch bereits in die deutsche Kunst einzuschleichen begann , hatte sie ein griechisches Kostüm gewählt . Ein in der Taille durch einen goldenen Gürtel und an den Achseln auch von Juwelen und Gold blitzende Agraffen zusammengehaltenes weißes Atlasgewand umfloß sie bis auf die in purpurne Sandalen gekleideten Füße in malerisch nach ihren schönen Körperformen sich schmiegenden Falten . Darüber ein zweites Purpurgewand mit Gold besetzt , das über die rechte Schulter getragen die linke frei ließ und dafür unter dem Arm um die Hüfte sich breitete . Ein goldenes Diadem wand sich durch ihre Locken und im Arm hielt sie eine mit Blumen umwundene Lyra . Eine als Sterndeuter in einen schwarzen Talar mit in Silber darauf gestickten Sternen und Himmelszeichen gekleidete männliche Maske hatte sie zum Tanz aufgefordert und eine Zeitlang stumm im Reigen geführt , dann aber sie einmal so heftig an sich gedrückt , daß sie nur mit Mühe einen Aufschrei zurückhielt . Anfangs sprach der Unbekannte nicht ; jetzt flüsterte er ihr leise zu : » Elisabeth , erkennt Ihr mich wirklich nicht ? Ich muß es schließen , weil Ihr nicht gleich wieder um Hülfe riefet und mich überfallen und wegweisen ließet , weil es Euch jetzt besser gefällt , statt die Huldigungen eines tapfern Ritters anzunehmen , Euer Herz zwischen einen König , einen fahrenden Poeten und einen rohen Steinmetzgesellen zu theilen und das eheliche Treue gegen Euren ehrsamen Herrn Gemahl zu nennen . « Elisabeth erkannte Eberhard von Streitberg - sie strebte sich von ihm loszumachen , und sah sich nach allen Seiten um , wie ihr das gelingen könne , ohne Aufsehen zu erregen , und ob sie nicht eine bekannte Maske sehe . Wohl gewahrte sie nicht gar weit von sich Konrad Celtes , der auch ein griechisches Kostüm trug und mit dem sie vorhin schon getanzt , aber nur wenig Worte gewechselt hatte , da sie seit seiner Rückkehr eine ernste Zurückhaltung gegen ihn beobachtet ! aber ihn wollte sie am wenigsten zu ihrem Schutz herbeirufen - er sollte am wenigsten die Beschimpfung erfahren , die Streitberg einst der vertrauenden stolzen Jungfrau angethan , noch wollte sie diesem dadurch eine Bestätigung seiner eben ausgesprochenen Anklage geben , die ihr Blut fast erstarren machte . Sie wußte bereits , daß Streitberg wieder in Nürnberg war - Willibald Pirkheimer hatte Ulrich ' s Auftrag erfüllt und mit welch ' feiner Gewandtheit er es auch that , die schon den künftigen Staatsmann zeigte - er hatte dabei doch auch erzählt , daß er die Baubrüder auf dem Weg zum Kloster gesprochen , und die sinnige Elisabeth hatte den Zusammenhang geahnt . Sie war auf ihrer Hut , und darum auch heute zum ersten Mal zu einer öffentlichen Lustbarkeit gegangen , und zwar mit dem festen Entschluß , sich durch nichts dem Maskengewühl entlocken zu lassen , um jede ihr Gefahr bringende Annäherung Streitberg ' s zu verhindern . Auch wechselte sie ihren Anzug mehrmals , um nicht von ihm erkannt zu werden - und nun war es doch geschehen . Als sie um sich sah , fielen ihre Augen auf die giftigen Blicke der Hallerin , die sie in ihrer Nähe in einer aufgeputzten , aber geschmacklosen Maske einer jüdischen Königin erkannte - und Elisabeth ahnete richtig , daß diese es war , welche Streitberg dazu verholfen sie zu erkennen . Elisabeth fühlte sich unfähig ein Wort zu erwiedern - doppelt , da sie von ihrer Feindin sich beobachtet und belauscht sah ; wenn sie nicht antwortete , konnte Streitberg doch vielleicht nachdenken , er habe sich getäuscht - sie ergriff den Arm eines Spielmannes , der eine Harfe im Arm eben an ihr vorüberkam , und sagte ihre Stimme verändernd : » Die Spielleute gehören zusammen ! « und zog ihn mit sich in den Kreis der Tanzenden . Streitberg aber gab seinen Arm einem zierlichen Blumenmädchen und rief Elisabeth nach : » Seid ohne Furcht - mich gelüstet nicht mehr nach Eurer Schönheit , die vor zehn Jahren sich mir bot ; aus den Sternen kann ich ' s Euch weissagen , daß Ihr von der Liebe nichts mehr zu fürchten habt , sondern nur noch von dem Haß . « In diesem Augenblick erklang lärmende Janitscharenmusik und ein großer Aufzug kam in den Saal . An seiner Spitze ein prächtig gekleideter Pascha , ihm nach eine ganze Schaar von Sarazenen . Einige , die den Zug als türkische Leibwache geleiteten , machten ihm durch das Maskengewühl Platz , so daß er gerade der Tribüne zuschritt , vor welcher eben Ursula zwischen dem Bären und Löwen stand . Der Pascha schlug den beiden Ungeheuern die Köpfe ab - und da es geschehen , sprangen ein paar Narren aus den Thierhüllen und suchten die Zuschauer durch allerlei Purzelbäume zu belustigen . Die Türken mit den musicirenden Janitscharen schlossen einen Halbkreis um ihren Pascha , der vor Ursula knieete und in sprechenden Pantomimen zur Belohnung für seine Heldenthat um ihre Hand flehte . Ursula erkannte Stephan in dem vor ihr Knieenden , und war dadurch nur um so mehr bestürzt über diese ganze Scene , in der sie so öffentlich und ahnungslos zur Heldin einer halb ernsten , halb komischen Aufführung gemacht worden war , wie sie dem Geschmack der damaligen Zeit entsprach . Diese öffentliche Schaustellung verletzte nicht nur die schüchterne Jungfrau , sondern erschreckte und quälte sie auch : denn was würden die Väter - was würde ganz Nürnberg dazu sagen ? Nun war gewiß für sie und Stephan Alles verloren ! - In diesem Augenblick schlug es Mitternacht , und der Ceremonienmeister verkündete nach einem Tusch der Spielleute , daß alle Masken , Vermummungen und Bärte verschwinden müßten . Alle leisteten Folge - auch Ursula - aber ohne den Schleier zu heben ; Stephan hielt die Zitternde an seiner Hand , und indem auch er die Maske abnahm , führte er sie vor den König Max , der sich von seinem thronartigen Sitz erhoben hatte und das Paar zu sich winkte . » Der Maskenscherz ist vorbei ! « begann der König ; » weil mir aber die letzte Vorstellung gar absonderliches Vergnügen gewährt , so möchte ich , daß ihr Verfasser und Hauptdarsteller , unser getreuer Kriegshauptmann Ritter Stephan von Tucher sich eine Gunst erbäte , die wir ihm gewähren könnten , und richten dasselbe Verlangen an die Heldin des Stückes , Jungfrau Ursula Muffel . « Das Paar knieete vor den König nieder und Stephan sprach : » So flehe ich die königliche Majestät mein Brautwerber zu sein bei dieser edlen Jungfrau und bei ihrem Vater ! « » Und was meint Ihr dazu ? « fragte der König die erglühende Braut . Sie wagte kein Auge aufzuschlagen und lispelte : » So möge Euer Majestät die Väter uns und einander versöhnen . « Von gleichem Ingrimm ergriffen waren Hans Tucher und Gabriel Muffel herbeigeeilt , da sie die Namen ihrer Kinder nennen hörten , und beide ihren Ohren nicht trauten - sich zu verkleiden hatten die Rathsherren unter ihrer Würde gefunden , sie waren in ihrer besten Amtstracht und hatten nur vorher Larven getragen . Der König winkte sie zu sich und sagte : » Wie diese Beiden den deutschen König nicht vergebens gebeten haben , so werdet auch Ihr , gestrenge Rathsherren , uns und sie nicht vergebens bitten lassen , und nicht im Eigensinn gegen Euer eigen Fleisch und Blut wüthen , sondern das liebende Paar einander verloben , wie ich es selbst verlobe . « Wie widerstrebend auch und mit welchen mürrischen Blicken , die Nürnberger Rathsherren hatten doch so viel Respect vor König Max und noch mehr vor dem öffentlichen Auftritt , daß sie gute Miene zum bösen Spiele machten . Muffel sagte : » Ich habe nichts dagegen , wenn nicht Herr Tucher widerstrebt . « Und dieser erwiederte : » Wenn seine Majestät die Wahl meines Sohnes billigen kann , so hebt das mein Bedenken auf « - und er warf doch dabei einen vielsagenden und verächtlichen Blick auf Muffel . Stephan umarmte den künftigen Schwiegervater , und als der alte Tucher Ursula ' s weiße Stirn küßte und ihr so nahe in die thränennassen Augen sah , dachte er : Ich glaube wirklich , ich könnte keine sanftere Schwiegertochter bekommen - und das ist auch etwas werth , da er sie mir mit in das Haus bringt . Alle Anwesenden brachten dem neuen Paar ein donnerndes Hoch - der König erklärte , daß die Hochzeit noch stattfinden müsse , so lange er hier sei , und Kurfürst Friedrich von Sachsen erbot sich den Bräutigam in die Kirche zu führen , indeß Graf Ulrich von Würtemberg der Braut das gleiche Anerbieten machte . Elisabeth und ihr Gemahl waren auch herzugekommen . Ursula lehnte sich an die Freundin und flüsterte : » Das ist Dein Werk ! « Elisabeth lächelte und warf einen Blick auf König Max , der ihn mit einem Anflug von Wehmuth erwiederte . Es war , als sagten sich diese Beiden : Ein Glück , das uns selbst versagt ist , haben wir Andern bereitet . Max hatte es doch einst besessen an der Seite Maria ' s von Burgund - aber Elisabeth sah es sich seit aller Zeit und für alle Zeit versagt . Gleich darauf brachen die Fürsten auf , auch Elisabeth mochte nicht länger bleiben , indeß das Fest selbst bis zum Morgen währte . Achtes Capitel Eine Hochzeit Nur wenig Wochen währte der in Eile berufene Reichstag . Der Kaiser hatte schon vorher das bei Gelegenheit des Flandrischen Feldzugs so gut erprobte Aufgebot an die Reichsstände ergehen lassen , bei Verlust ihrer Lehen dem römischen Könige zu Hülfe zu ziehen . Aber die Berechnung , solche Aufgebote zur Gewohnheit zu machen , täuschte . Die Kurfürsten und Fürsten bewilligten zwar eine Halbjährige Hülfe von 8600 Mann , protestirten aber gegen die kaiserlichen mit Gebot und Zwang ausgerüsteten Mandate , erklärten diese Hülfe aus freiem Willen , nicht Kraft dieser Mandate zu leisten , und behielten sich das Recht vor , nach Gutdünken Geld zu zahlen oder Mannschaft zu stellen . Desgleichen erklärten sie sich gegen diese eilig berufenen Reichstage und bemerkten , daß sie unfruchtbar ausfallen müßten , wenn nicht alle Stände des Reichs dazu aufgefordert würden . Daher wurden außer dem obigen alle andere Gegenstände der Verhandlung bis auf einen nächsten größern Reichstag vertagt , der auch zu besserer Jahreszeit gehalten werden sollte . Stephan und Ursula mußten also mit der Hochzeit eilen , was auch Beiden ganz recht war , da der König selbst ihr beiwohnen wollte . In Muffel ' s Hause fehlte nun die mütterliche Frauenhand , die Vorbereitungen zu einem solchen Fest zu leiten , und es fehlte auch der Raum dazu , da der Würtemberger Fürst das Haus mit seinem Gefolge füllte . Darum bot Elisabeth Scheurl das ihrige dazu an und übernahm es die Hochzeit darin auszurichten . War es doch fast allein ihr Werk , daß Ursula das Ziel ihrer Wünsche erreichte . Wohl war Stephen Tucher von leidenschaftlicher Liebe für Ursula entflammt gewesen , und in der Trennung von ihr , im neuen Element des selbstgewählten Kriegerlebens hatte sich diese Flamme eine Zeitlang an süßen Erinnerungen und verlockenden Zukunftsträumen wie durch die Briefe der Geliebten genährt . Allein Stephan war eine vorwaltend sinnliche Natur und sein feuriges Temperament , durch keine sittlichen Grundsätze oder wenigstens nicht durch eine vorwaltende Stärke derselben genugsam gezügelt , war nicht dazu geeignet , die Treue seiner Liebe in den Prüfungen der Trennung auf die Dauer zu bewähren . Ein Brief von ihm an Ursula , in dem er ihr geschrieben , daß sie ihren nächsten Brief nach Wien adressiren möge , war verloren gegangen ; von einem Nürnberger Freund seines Vaters erhielt er die Nachricht , daß Ursula , um ihrem Vater zu gehorchen , ihm entsagen und in ein Kloster gehen wolle : da sie ihm nicht antwortete , erschien ihm dieser Umstand glaubwürdig - ja er glaubte ihm gern , weil eben eine verlockende Wienerin , in allen Stücken das Gegentheil seiner frommen und keuschen Ursula , ihn reizte . Der verführerischen Leidenschaftlichkeit einer üppigen Frau gegenüber erschien ihm Ursula ' s sittsame Jungfräulichkeit als Kälte und unnatürliche Tugendschwärmerei . Um seine wankende Treue zu rechtfertigen , sagte er sich , daß Ursula keiner wahren Liebe fähig sei , sonst habe sie ihm nicht widerstanden , da er sie entführen wollte , ihn nicht selbst fortgetrieben - jetzt führte sie dieselbe Ueberspannung in ein Kloster ; er habe längst vorausgesehen , daß es mit ihr so kommen werde - wer hieß ihn auch eine solche Heilige zu lieben ? Da war seine Wienerin ein ganz anderes lustiges Weltkind ! In ihren Armen vergaß er die stille Ursula und konnte bald darauf jenen Brief an seinen Bruder Anton schreiben , durch den er seiner Familie so viel Freude und seiner Ursula so viel Kummer bereitete - das letztere ebenso wenig ohne Absicht , als das erste ; denn er dachte , wenn sie als künftige Nonne höre , wie leicht er sich über sie getröstet , werde dies eine verdiente Strafe für ihre übertriebene eiskalte Strenge sein . Denn mit dem ganzen Egoismus des gewöhnlichen Mannes fand er nun sein Betragen nicht nur ganz gerechtfertigt , sondern bemühte sich auch noch Ursula verdächtigen und verdammen und alle Schuld von sich auf sie wälzen zu können . Sie wandelte auf einem Irrpfad , und er ging allein den richtigen Weg durch ' s Leben . Da kam ihm plötzlich die Kunde von dem Reichstag , der nach Nürnberg ausgeschrieben , und daß er mit Andern den König begleiten könne ; er freute sich seiner Vaterstadt sich im Glanz der Ritterschaft zu zeigen und von seinen Heldenthaten erzählen zu können , denn er hatte sich in der That in mehr als einem Gefecht und Sturm durch persönliche Tapferkeit ausgezeichnet . Da er Abschied von seiner schönen Wienerin nehmen wollte , fand er sie in den Armen eines Andern - und jetzt erst erkannte er ganz den Werth einer leidenschaftlichen Frau , die , weil sie dem Einen nicht widersteht , sich Jedem leicht ergiebt - indeß Stephan nur seiner Persönlichkeit und einem wahren Liebesfeuer diese Macht über sie zugetraut . Er schied mit Bitterkeit und Zorn im Herzen , die beide um so größer waren , da er eigentlich auf Niemanden weiter hätte zürnen sollen als auf sich selbst , und doch seinem Gewissen nicht vergönnen wollte , ihm dies mit deutlicher Stimme zu sagen . So kam er nach Nürnberg . Ob er daselbst verbleiben oder dem König Max zu neuen kriegerischen Unternehmungen folgen wollte , war er noch unentschieden . Halb sehnte er sich nach der friedlichen Ruhe daselbst , nach dem weichlicheren Leben und dessen verfeinerten Genüssen , die er in der Vaterstadt zu finden gewohnt war ; aber halb verknüpfte sich ihm auch mit diesem Wohnen bei seiner Familie und in der arbeitsamen Reichsstadt ein Gedanke von Langeweile , der ihn abschreckte . Das Kriegerleben hatte seine großen Gefahren und Strapazen - aber es ließ sie in immer wechselnden Bildern vergessen , es gab nicht nur Tage , sondern auch Wochen der Ruhe dazwischen , die in wechselnden Städten Abwechslungen und Genüsse aller Art boten ; er wußte , daß er als Krieger sich ungestraft Manches erlauben durfte , was man dem Bürger der Reichsstadt als Vergehen anrechnete - und so wollte er seinen Entschluß noch dem Zufall zur Entscheidung überlassen . Von seiner Familie ward er ehrenvoll und herzlich empfangen , Niemand sprach mit ihm von Ursula , und er selbst mochte Niemanden nach ihr fragen - er wollte nicht den Unglücklichen spielen um eines Mädchens Willen , das , statt mit ihm zu fliehen , es vorgezogen hatte , die Braut des Himmels zu werden . Nach einigen Tagen traf ihn Herr Christoph Scheurl , der , wie er damals der Vertraute seines Liebesverhältnisses gewesen und es begünstigt hatte , um dem stolzen Loosunger Tucher eine Demüthigung zu bereiten , jetzt sein Haupt immer höher hob , da der König bei ihm seine Wohnung genommen , dennoch jenen Plan immer noch mehr zu vervollständigen strebte . » Nun , Herr Stephan , « sagte er , » meine Gemahlin hat täglich nach Euch gefragt und erwartet Euch in unserm Hause zu sehen , um den König für Euch und Ursula an sein gegebenes Wort zu mahnen . « Da erst klärte es sich für Stephan auf , daß Ursula weder Novize noch Nonne geworden , sondern nur ganz zurückgezogen von dem Weltleben in Treue und Bangen seiner Rückkehr geharrt hatte . Stephan war bestürzt und beschämt - er eilte zu Elisabeth . Er beichtete ihr nicht , er schob alle Schuld auf Ursula , die ihm nicht mehr geschrieben , an deren Standhaftigkeit er schon da habe zweifeln müssen , als sie sich geweigert mit ihm zu fliehen ; er habe es glauben müssen , daß sie in ein Kloster gegangen , und gestrebt sie zu vergessen , da sie ihm nicht gehören könne . Elisabeth wußte genug von Stephan und war genug Kennerin eines solchen Männerherzens , um zu verstehen , daß es ihm leicht geworden war , sich über Ursula ' s Verlust zu trösten - und daß er eigentlich weder die treue Liebe der reinsten Jungfrau , noch alle die Thränen verdiene , die sie um ihn geweint , noch alle die Schmerzen und Kämpfe , die sie um seinetwillen ausgehalten , und die ihr doch so schwer geworden , weil sie der eigene Vater ihr bereitet und ihr zartes Gewissen ihr immer vorwarf , daß sie ihm nicht so gehorsam war und ihn nicht so erfreute , wie er es von ihr forderte . Aber Elisabeth kannte ebenso wohl Ursula und das liebende Frauenherz . Sie wußte , daß diese nur in Stephan lebte , daß er ihr Ein und Alles war , daß sie selbst ihn niemals lassen werde , außer wenn er selbst sie von sich stieße , und daß es kein entsetzlicheres Geschick für sie gab . In dem Gedanken , daß Stephan ihrer Liebe nicht werth sei , würde Ursula am wenigsten Trost gefunden haben - viel näher lag ihr der , daß sie nicht seiner werth war , sich selbst würde sie allein alle Schuld beimessen und mit peinvollen Selbstvorwürfen sich zu Grunde richten . War doch schon jetzt ihre sonst ungestörte Gesundheit dahin und ihr sonst blühendes Ansehen in ein bleiches gewandelt , das deutlich von geknicktem Lebensmuthe sprach . Darum ward Elisabeth Ursula ' s warme Fürsprecherin . Sie schilderte , was sie gelitten und noch leiden müsse in ihrer unwandelbar treuen Liebe - und in Stephan ' s Herzen wurden die alten Empfindungen wach . Noch mehr ! er begriff , welch ' andern Werth ein weibliches Gemüth habe , das so immer sich selbst getreu bleibe in seiner stillen , schönen Weise , als jenes leidenschaftliche Erglühen sinnlicher Frauen , das nur den Sinnen gilt und die Gegenstände wechselt . Ja auch der männlich ritterliche Geist wachte in ihm auf , der ihn anspornte , die schon feige aufgegebene Geliebte , die er nicht besitzen sollte , sich nun und plötzlich zu erobern . Schnell und kühn wollte er handeln , und ein Augenblick sollte Alles sühnen , um Ursula und den widerstrebenden Vätern zu zeigen , was er vermöge . Da kam wie gerufen Kunz von der Rosen zu dieser Unterredung . Er hatte Anfangs seine schöne Wirthin da er sie mit Stephan , dessen Glück bei den Frauen ihm bekannt war , abermals in Verdacht , daß sie wieder eine Prüfung ihrer Treue gegen den ungeliebten alten Gatten zu bestehen habe und Stephan vielleicht minder entschieden zurückweise wie Konrad Celtes . Aber schnell mußte er wieder anderer Meinung werden , als sie ihm zurief , er komme zur guten Stunde , um seinen klugen Rath zu ertheilen und einem langgeprüften Liebespaar zur schönen Vereinigung zu verhelfen . Nun erzählte sie ihm Alles - und wie König Max einst ihr und Ursula versprochen , ihnen beizustehen , wenn sie nach Stephan ' s Rückkehr dessen bedürfen würden . Kunz war immer gern bereit mit seinem trefflichen Herzen und klugen Kopfe , Anderen zu ihrem Glück zu verhelfen - er sann ein Weilchen nach , und da man ihm die Frage bejahet , ob nicht in wenig Tagen ein Maskenfest stattfände , war er schnell mit seinem Plane zu Stande . Stephan sollte am Ende eines Fastnachtsspieles mit der Geliebten vor den König treten und von diesem öffentlich ohne Weiteres verlobt werden . Er selbst wollte vorher Max dafür stimmen - und Elisabeth , meinte er , brauche ihn nur um seinen Beistand zu bitten oder im Nothfall ihm die Nadel zu zeigen , so werde er gern ihren Wunsch erfüllen . Es war ganz im Geiste dieser Zeit , die sich um