für einen Besuch gemacht hast ! « seufzte Christine , die nachgerade wieder unruhig wurde . » Der erfährt ' s freilich « , erwiderte er . » Der Knecht , der neben der Frucht liegt , ist aufgewacht , hat sichein wenig auf ' m Ellenbogen aufgerichtet und hatmich anglotzt . Der schweigt nicht . « » Jesus , Jesus ! Und das sagst du erst jetzt . « » Es kommt immer noch früh genug . Gut ist ' s aufalle Fäll , wenn die Sach mit dem Christle morgengleich ins reine kommt . Jetzt aber fort ins Bett undlaß dir von vollen Schüsseln träumen . « Am folgenden Morgen gab es in der Sonne , sobaldder Sohn des Hauses sich blicken ließ , einen jenerstürmischen Auftritte , welche der Nachbarschaft sooft verrieten , wie es um den Frieden desselbenstand . Sein Vater empfing ihn mit einer Flut von Schimpfworten , warf ihm den nächtlichen Diebstahl vor und drohte , ihn alsbald wieder ins Zuchthaus zu bringen . Der Knecht hatte ihn angegeben , schon deshalb , um , wie er nachher entschuldigend zu ihm sagte , für den Fall der Entdeckung sich selbst von dem Verdachte zu reinigen ; doch wollte er ihn nur einen kleinen Sack mit Getreide haben fortschleppen sehen . » Wenn Ihr mich ins Zuchthaus bringen wollet , Vater , so steht ' s Euch frei « , sagte Friedrich . » Ihrhabt ' s ja schon einmal getan . Freilich haben die Leut verschiedentlich drüber geurteilt , daß Ihr Eurem eigenen und einzigen Sohn zum Ankläger worden seid . « » Das ist nicht wahr « , entgegnete der Sonnenwirt . » Die Sach ist damals ohne meine Schuld offenkundig worden , und ich hab ' s nicht hindern können , daß sie vor Amt kommen ist . « » Also wollt Ihr jetzt nachholen , was Ihr damals versäumt habt ? « » Gib raus , was du mir gestohlen hast . « » Es ist weit fort , Ihr findet ' s nicht , und wenn Ihr alle Eure Stallaternen anzündet . Laßt mich majorenn werden und gebt mir mein Mütterlich ' s heraus , dann will ich mit Euch abrechnen und will Euch den Schaden ersetzen , daß nicht ein Kreuzer dran fehlen soll , und wenn der Fruchtpreis derweil anzieht , so soll der Gewinn Euer sein . Dann könnt Ihr von Stehlen sagen , so viel Ihr wollt , ' s glaubt ' s Euch niemand . « » Hast du deinem Weibsbild davon gebracht ? « » Ihr könnt in und unterm Bett bei ihr suchen , Ihr findet nichts . Es ist aber eine rechte Schand für Euch , Vater , daß ein reicher Mann wie Ihr dem kranken Hirschbauer ein einzigsmal eine Schüssel Mehl schickt . « » Was ? « fuhr der Sonnenwirt auf , » ich hab schon öfter gesagt , daß man hinausschicken soll . « » Dann ist ' s unterwegs in irgendein Loch gefallen « , versetzte Friedrich . Der Sonnenwirt schwieg unschlüssig . Es machte ihn betroffen , obwohl er es sich bei den bekannten Gesinnungen seiner Frau leicht erklären konnte , daß seine Befehle nicht vollzogen worden waren , und unter diesen Umständen glaubte er , bei seinem reichen Fruchtvorrate , den von dem Knecht angegebenen Verlust ohne Geschrei ertragen zu sollen . Er ging zur Stube hinaus und ließ seinen Sohn in Ungewißheit , was er tun werde . » Hast dein ' Hausdieb im Verhör gehabt ? « fragte seine Frau draußen . » Woher weißt du ' s denn ? « » Du schreist ja so laut , daß man ' s in Göppingen hört . Und jetzt willst immer noch in deiner Langmut zusehen ? « Der Alte kratzte sich hinter dem Ohr . » Das Stehlen will ich ihm vertreiben « , sagte er . » Du aber sagst mir weder im Pfarrhaus noch im Amthaus ein Wort davon , sonst ist ' s zwischen uns aus , und ich laß ihn morgen heiraten und nehm alle beide ins Haus zu mir . « » So hitzig ? « maulte sie . » Erstens « , erklärte er , » hätt ich ihn zwar gern in Numero Sicher , aber nicht im Zuchthaus , und zweitens möcht ich mir nicht nachsagen lassen , daß ich dem Hirschbauer nichts als ein Schüssele mit Mehl geschickt hab . Was sie jetzt haben , das sollen sie behalten . « Der Tag verging ruhiger als er begonnen hatte . Friedrich wußte zwar immer noch nicht , wessen er sich zu versehen habe ; auch ließen ihn gewisse Anspielungen seiner Stiefmutter , welche von der Notwendigkeit sprach , Schlösser und Riegel ausbessern zu lassen , nichts Gutes ahnen ; doch meinte er aus dem Betragen seines Vaters schließen zu dürfen , daß seine eigenmächtige Pfändung ohne Folgen bleiben werde . Zur verabredeten Stunde ging er in des Hirschbauern Haus . Der Erwartete war bereits da , ein Mann mit rundem , schelmisch lächelndem Gesicht und einem sogenannten Hörn auf der Stirne , das in der Mitte über beiden Augen saß und so groß war , daß Friedrich es im Scherz ein drittes Auge nennen konnte . » Bist schon da , Dreiäugiger ? « sagte er , die Hand bietend . Die Alte hieß ihn sehr freundlich willkommen und bedankte sich bei ihm für den stolzen Küchengruß , den er gesandt habe ; sie vermied es klüglich zu fragen , wie er eine so bedeutende Beisteuer aufgebracht . Man schwatzte eine Weile von gleichgültigen Dingen , ohne daß der Hirschbauer , der in der Stube zu Bette lag , sich in das Gespräch mischte . Dann gingen die drei miteinander fort , um unter dem Hause ihr Geschäft miteinander abzumachen . » Was meinst , Christle ? « sagte Friedrich . » Der Jerg ist doch ein scharfsinniger Kopf , der hat ' s von selber gemerkt , daß ich wieder einen Handel mit dir machen will . « » Es ist gut merken gewesen , Frieder « , sagte Jerg . » Seit einiger Zeit hast du immer das link Aug von Zeit zu Zeit zugedrückt und hast mit dem rechten grad vor dich hingesehen , so daß ich immer hab denken müssen : der tut in Gedanken zielen . Es ist mir dabei eingefallen , was der Krämerchristle von dir gesagt hat : die Katz läßt das Mausen nicht . « Alle drei lachten . » Ich will dir beweisen , daß ich noch ein scharfsinnigerer Kopf bin als der da « , sagte Christle . » Tut ' s dir nicht and nach deiner schönen Buchs ? « » Ja , wenn ich die wiederhaben könnt ! « rief Friedrich . » Bruderherz , kannst sie haben ! Ich hab dir sie aufgehoben , weil ich wohl gewußt hab , daß du wieder nach ihr fragen wirst . « Sie lachten noch stärker . » Heißt das « , setzte Christle hinzu , » bei der Hand hab ich sie nicht , sondern ich hab sie in Gmünd versetzt , aber dort kann ich sie jeden Augenblick wiederhaben . Und damit du siehst , daß ich nicht bloß scharfsinnig , sondern auch ehrlich gegen dich bin - wie ? « unterbrach er sich , zu Jerg gewendet , » was hat er denn zu dem Geld gesagt , das ich ihm für das Gewehr geschickt hab ? Hat er mich nichts geheißen ? « » Ei ja , ' n dreiäugigen Spitzbuben . « » Siehst , um das nämlich Geld kannst dein Gewehr wiederhaben . Jetzt geh und heiß mich noch einmal ' n Spitzbuben . « » Bist ein Biedermann « , sagte Friedrich . » Was , du , der best Schütz weit und breit , hast dich zur Ruh setzen wollen ? Du könntest ' s ja vor den Bauern nicht verantworten . Und ein paar Fährten hab ich dir ausgewittert , ich sag nichts , aber das Herz wird dir im Leib lachen . Nun , du kommst doch zu mir und holst die Büchs , dann gehen wir miteinander . « » Aber Geld hab ich keins « , sagte Friedrich . » Kannst Haber brauchen und etwas Dinkel ? « » Das führ ich nach Gmünd , freilich , und bring gleich das Gewehr mit zurück . « » Da beim Jerg kannst die Frucht fassen , je eher , je lieber , aber in der Stille muß es sein . « » Heut abend noch will ich sie holen . Auf Wiedersehen , du verlorner und wiedergefundener Sohn . « » Der hat gut uneigennützig sein « , sagte Friedrich , nachdem jener sich verabschiedet hatte . » Wenn ich eine glückliche Hand hab , so hat er den Vorteil davon und keine Gefahr . Er weiß die beste Schlich im Wald und die beste Schlich im Handel , aber den gefährlichen Teil überläßt er andern , und wenn ' s zum Klappen kommt , so hat er nichts getan . Aber wo ist denn meine Christine ? « » Im Beckenhaus « , antwortete Jerg . » Der Beckenbub hat sie in aller Eil geholt . Ich weiß nicht , was dort los ist . Da kommt sie ja ! « Christine kam atemlos herbei . » Weißt was Neu ' s , Frieder ? « rief sie schon von weitem . » Nu , was denn ? « » Die Resolution ist da , du bist schon seit vierzehn Tag majorenn und weißt nichts davon . « » Was Teufel ! Wie kommt denn das , und woher hast denn du ' s ? « » Von der Dote ; die hat mich holen lassen . Aber von wem ' s die hat , das bringst du nicht raus , und wenn ich dich raten laß , bis die Kuh ' n Batzen gilt . « » Nu , so sag ' s. « » Die Kathrine aus dem Amthaus ist ' s. « » Was ! Das wär ! « » Ja , die Kathrine ist zu der Dote geschlichen und hat sie ums Tausendgott ' swillen bittet , sie soll sie nicht verraten , aber seit vierzehn Tag sei der Bescheid von Stuttgart da und lieg auf des Amtmanns Schreibtisch . Es hab ihr schier das Herz abdruckt , daß wir nichts davon wissen sollen . Du könnest herzhaft auftreten und die Proklamation verlangen . Aber wenn ' s rauskäm , daß sie ' s ausgeschwätzt hat , so wär sie unglücklich . « » Nein , nein , da muß man ganz still sein . Brav ist ' s von dem Mädle , das muß ich sagen , aber so viel seh ich auch bei der Gelegenheit , daß es keine einem nachträgt , wenn man sie einmal hat küssen wollen . « » So , du Lümple , was muß ich hören ? Ist ' s beim Wollen blieben ? Hat sie dich heißen um ein Haus weiter gehen ? « » Ich hab mir nicht Müh gnug geben . Aber was denkt der Amtmann ? Getraut sich der , fürstliche Resolutionen zu unterschlagen ? Da steckt gewiß die Frau Sonnenwirtin mit unter der Decke . Ich möcht nur wissen , ob mein Vater etwas davon weiß . « » Ja , ja « , sagte Jerg vergnügt , » man spricht ' s ganz Jahr von der Kirbe ( Kirchweih ) , endlich ist sie . « Er ging und ließ die beiden allein . » Wenn ich gestern gewußt hätt , was ich heut weiß « , sagte Friedrich , » so hätt mein Vater seinen Dinkel und Haber noch . Jetzt darf ich mein Mütterlich ' s fordern und brauch dich keine Not mehr leiden zu lassen . Wiewohl , ich will ' s ihm bei Heller und Pfennig zahlen . Aber hätt ' st dein Geheul auch noch ein paar Tag unterwegs lassen können . « » Wenn man eben alles wüßt , dann wär man reich « , versetzte Christine . » Und hätt ich ' s nur eine Stund früher gewußt « , fuhr er fort , » dann hätt ich den Handel mit dem Christle nicht gemacht . « » Was hast denn mit dem gehandelt ? « » Meine Büchs will ich wieder von ihm zurückkaufen . Um deinetwillen hab ich sie von mir getan , und um deinetwillen nehm ich sie wieder an mich . Es ist auch so noch immer möglich , daß ich sie einmal brauch , um Weib und Kind zu verhalten . Doch ist ' s nur für den äußersten Fall , und besser wär ' s , ich hätt sie ihm noch gelassen , denn so ein Teufelshirsch kann einen bis ins Zuchthaus führen . « » Laß du das Wildern sein « , sagte Christine , » und denk auf andere Weg , wie du Weib und Kind ernähren willst . Wiewohl , es geht nicht immer so schlimm aus . Hab ich dir ' s nie von unsrem Haus erzählt ? Es ist ein altes Sagen in unserer Familie , ich hab meinen Vater schon davon reden hören , daß sein Urururgroßvater ein arger Wilderer gewesen sei . Den hat der Herzog gefangen und hat ihn wollen auf einen Hirsch schmieden lassen , hat sich aber anders besonnen , wie er schon halb angeschmiedet gewesen ist , und hat ihn begnadigt , weil ihm seine Antworten so gefallen haben , hat ihm auch das Haus da baut und ihn hergesetzt , um den Wilderern aufzupassen , weil ihm alle ihre Schlich und Weg wohlbekannt gewesen sind . Nach ihm ist sein Sohn auf dem Haus gesessen , und dann wieder dessen Sohn , und so immer fort , so daß das Haus seit Urgedenken unsrer Familie angehört . Sie hat sogar dem Herzog eine besondere Steuer draus zahlen müssen , die erst unter meinem Vater in Abgang kommen ist . « » So ? « sagte Friedrich . » Da kommt wahrscheinlich auch der Nam Hirschbauer her ? « » Mag sein , ich weiß nicht « , erwiderte sie . » Jetzt aber laß uns drauf denken , wie wir unser Haus bauen . Majorennitätserklärung , Proklamation , Kopulation , das muß wie Blitz und Donner aufeinander gehen . Voran , voran , eh ' s der Teufel erfährt und Unsamen streut ! « 24 Gleich noch am nämlichen Abend ging Christine in das Pfarrhaus , um im Auftrag ihres Verlobten , der auf sie wartete , den Herrn Pfarrer zu bitten , daß er sie am nächsten Sonntag proklamieren möge . Sie kam aber bald wieder zurück und erzählte , der Pfarrer habe gesagt , er wisse nichts von Majorennisation und Regierungsresolutionen , sei auch nicht verpflichtet , den Amtmann zu fragen , ob etwas Derartiges eingelaufen sei ; so könnte ihm jeder kommen . » Gleich morgen gehst zum Amtmann « , sagte Friedrich , » denn jetzt ist er auf der Jagd . Es ist besser , du gehst , weil er mir gesagt hat , ich soll nicht ungeboten vor ihn kommen . « » Ja « , sagte sie , » und wenn du kämst , könnt ' s leicht Häupeleien geben , weil du so strobelig bist . Wir müssen jetzt trachten , daß wir vollends im Frieden durchkommen . Lieber geh ich , ich fürcht mich nicht mehr so vor den Herren . Aber was soll ich denn dem Amtmann sagen , woher wir wissen , daß die Resolution da ist ? Die Kathrine dürfen wir nicht verraten , die ist unser guter Engel . « » Sagst , ich wiss es von Stuttgart her , daß die Resolution vor einigen Wochen schon abgangen sei . Gib acht , das wird ihm Füß machen . « » Das ist der Red noch einmal wert « , rief Christine und lachte ; » jetzt meint er , du habest ihn verklagt , und kriegt Angst . « » Laß ihn nur nicht schlupfen , weder links noch rechts « , sagte er . » Bekennen muß er . Morgen ist Samstag , und am Sonntag müssen wir das erstmal proklamiert sein . « Mit lachendem Munde kam Christine den andern Morgen aus dem Amthause . » Ich hätt nicht glaubt « , sagte sie , » daß so ein rundes Gesicht so in die Länge gehen könnt . Sieh , so lang ist ' s worden , wie ich mein Sprüchlein aufgesagt hab . Er hat sich dann aber gleich gefaßt und hat gesagt , die Resolution sei allerdings da , und er würd sie dir schon noch eröffnet haben , es sei ja nichts Pressantes . « » So , nichts Pressantes ? Ich wollt , das Wasser ging ihm einmal bis an Hals , und ich stünd dabei und könnt sagen : ' s pressiert gar nicht , Herr Amtmann , mit Ihrem Wohlnehmen . « » Es hat ihm aber doch rechtschaffen pressiert « , fuhr sie fort . » Sieh , da ist die Schrift , die soll ich dem Pfarrer bringen , daß es mit dem Proklamieren weiter kein ' Anstand hab . « » Lauf , Christinele , lauf tapfer ! Du arm ' s Weib du , mußt dich halbtot springen um unsere Heirat , und trägst doch den Ehkontrakt mit Brief und Siegel an dir . « » Ich wollt , du müßtest ihn tragen « , maulte sie , » damit du auch wüßtest , wie das beschwerlich ist . « » Halt ' s der Pfarrer auch nicht für pressant ? « fragte er , als sie wiederkam . » Er hat gesagt , es sei eine Sünd von dir , daß du deinem Vater nicht gehorchest , und er sag mir ' s ins Gesicht , daß so eine ungleiche Heirat eine rechte Dummheit sei und auch ein bös End nehmen werd , aber er hab jetzt sein Gewissen salviert und uns gewarnt ; morgen werd er uns proklamieren . « » Er soll uns ausrufen und einsegnen , nachher mag er schwätzen , soviel er will . Jetzt ist ' s gewonnen . « Als er von ihr wegging , begegnete er seiner Schwester Magdalene , die eben über die Gasse ging . » Du « , sagte er seelenvergnügt , » morgen werd ich von der Kanzel runtergeschmissen . Du gehst doch auch in die Kirch ? « » Ach Gott , ist ' s so weit ? « rief sie . » Ja , wenn ich kann , will ich gehen . « » Können ! « sagte er , » ich hab noch nie gehört , daß die Weibsleut nicht in die Kirch gehen können , sonderlich , wenn ' s Neuigkeiten drin gibt . « » Weiß ' s denn der Vater schon ? « fragte sie . » Grad will ich zu ihm . « » Er erfährt ' s jetzt gleich . Wir haben einen Weg . « » So , du bist also jetzt majorenn , und ich hab dir nichts mehr zu befehlen ? « sagte der Sonnenwirt , als sein Sohn ihm die Neuigkeit angekündigt hatte . » Nun , jetzt kannst du freilich tun , was du willst , aber ich bin jetzt auch nicht mehr verantwortlich dafür . « » Vater « , sagte die Chirurgin , » der Bruder fragt , ob ich morgen in die Kirch geh . Gehet Ihr ? « » Es wär schon not , daß man für ihn beten tät « , sagte die Sonnenwirtin , die sich der Antwort bemächtigte ; » aber ich sorg nur , die Leut könnten ' s so ansehen , als ob wir unsre Billigung dazu gäben , und der Vater wälzt ja selber alle Verantwortung von sich ab . « » Ich sag nicht , du sollest daheim bleiben « , antwortete der Sonnenwirt seiner Tochter , » und dein Mann kann ' s dir auch nicht verbieten , in die Kirch zu gehen . Auch wär ' s christlich , wenn ' s einmal sein soll , daß wenigstens eins von der Familie dabei wär . Aber ich kann mich nicht dazu entschließen , ich tät mich ja selber aufs Maul schlagen . « » Aus Christenpflicht ging ich auch gern dazu « , nahm wieder die Sonnenwirtin das Wort , » aber ich könnt ' s nicht prästieren , den Blicken so ausgesetzt zu sein , denn natürlich , die ganz Gemeind guckt uns an , wenn wir gegenwärtig sind . Ich weiß nicht , mit was ich die Straf verdient haben sollt , ich hab mich nicht vergangen . « » Das ist wahr « , seufzte die Chirurgin , » ich könnt die Augen nicht auftun und tät ' s doch spüren , wie ich die Zielscheib wär , und alle Andacht wär mir verdorben . « Die Türe ging auf , und der Krämer trat mit seiner Frau herein . » Ich muß um Entschuldigung bitten « , sagte er , » daß ich in meinen Hauspantoffeln komm , aber es läßt mir keine Ruh . Weiß ' s denn der Herr Vater schon ? Es ist im ganzen Flecken herum , daß der Schwager morgen mit seiner Jungfer Christine proklamiert werd . Ist ' s denn wahr ? Was , und die Familie erfährt so was zuletzt ? « » Das wird aber morgen ein Geläuf sein ! « rief die Krämerin . » Mein Mann , der los Vogel , hat gesagt , wir könnten einen hübschen Profit machen , wenn wir unsern Kirchenstuhl vermieten täten . Gebt acht , morgen gibt ' s am heiligen Ort Händel , denn ' s fehlt an Platz . « » Wir reden eben davon , ob wir auch gehen sollen « , sagte die Sonnenwirtin , » aber die Chirurgussin und ich , wir meinen , wir könnten ' s nicht aushalten , wenn einen alles so ansieht . « » Herr meine Sünd ! « schrie die Krämerin . » Ich weiß nicht , was mir für ein Unglück passieren könnt , wenn alles um mich rum druckt und guckt und murmelt ! Da könnt mich ja was ankommen , wovon man in Ebersbach noch nach hundert Jahr reden tät . « » Schad ist ' s aber doch , wenn wir drum kommen « , sagte der Krämer . » So ein Paar sieht man nicht alle Tag . Er ist so mager und sie so dick . « » Sie wird mich schon pflegen , daß ich wieder zu Kräften komm « , versetzte Friedrich , der alle diese Stiche mannhaft verbiß . Doch war er froh , sich mit einem Scherzwort loskaufen zu können , und beurlaubte sich von der Familie , ohne die Bitte , die er an ein sonst geliebtes Mitglied derselben gerichtet hatte , bei den andern zu wiederholen . Er brachte den Rest des Tages bei seiner Braut und den Ihrigen zu , wo es ungeachtet des Mangels und der Ungewissen Aussicht in die Zukunft sehr heiter zuging . Der Hirschbauer sprach an diesem Tage zum erstenmal wieder seit langer Zeit und konnte aufrecht im Bette sitzen . Aus jedem Worte aber , das der Bräutigam redete , gab sich das befriedigte Selbstgefühl zu vernehmen . Er konnte jetzt seinem Mädchen und ihrer Familie Wort halten . Als er abends heimkam , nahm ihn sein Vater auf die Seite . » Laß mit dir reden « , sagte er . » Jetzt hast du alles noch in der Hand . Ein Wort beim Pfarrer , und die Proklamation unterbleibt . Ich will dir was sagen : wenn du zurücktrittst , so soll dein Diebstahl ungeschehen und begraben sein . Bis jetzt ist nicht davon geschnauft worden , das hab ich in der Hand . « » Schwätzet doch nicht immer von Diebstahl « , sagte Friedrich . » Was ich aus meinem Mütterlichen ersetzen kann , das ist mein ' twegen genommen , aber nicht gestohlen . « » Wie meinst du , daß man ' s vor Amt ansehen werd ? « » Weiß ich das ? Ich hab das Gesetz nicht gemacht , und Ihr auch nicht . « » Du hast ' s , scheint ' s , vergessen , wohin dich dein Husarengriff geführt hat . « » Nein , ich weiß noch recht gut , daß man mir damals eröffnet hat , das Einsacken könnt man vielleicht meiner Jugend und Unverstand nachsehen , aber nach einem alten Reskript - ich weiß nicht mehr , die Jahreszahl ist noch aus dem vorigen Jahrhundert gewesen - sollen ungeratene , unartige Kinder , bei denen der Eltern Zucht nicht anschlage , in Sprengen und eisernen Banden zu öffentlichen Arbeiten angehalten werden , und sonach sei das Zuchthaus eigentlich eine Begnadigung für mich . Wenn Ihr es also meint , so könnt Ihr mich beim Amtmann und Vogt verklagen , wie Ihr mich beim Kirchenkonvent verklagt habt . « - » Du schreckst mich nicht « , dachte er bei diesen Worten , mit festem ; Auge den unsichern Blick seines Vaters festhaltend . » Sind das artige Kinder « , fragte dieser , » die ihren Eltern das Korn im Sack aus dem Haus tragen ? « » Wisset Ihr nicht , Vater ? der Crispinus hat Leder gestohlen , um den Armen Schuh draus zu machen , und hat ' s doch zum Heiligen gebracht , wiewohl er ' s , glaub ich , sogar bei Fremden gestohlen hat . « » Wir sind lutherisch . Da gelten keine solche Späß . « » Nun , so machet doch endlich Ernst und bringet mich ins Zuchthaus . Dann muß eben die Hochzeit aufgeschoben werden , bis ich wieder rauskomm . « » Ich sag noch einmal , tritt zurück , so lang ' s noch Zeit ist . « » Nein , eher will ich mich stocken und blocken lassen . Entweder setzt mich ins Zuchthaus , wenn Ihr nichts Besseres wisset , oder gebet mir mein Mütterlich ' s heraus , damit die Sach auf ein oder die ander Art endlich in Ordnung kommt . « » Zu deinem Hochzeitstag kannst ' s haben , wenn du von deinem Tugendspiegel nicht lassen willst , und kannst dann gleich auch Tauf davon halten . Ich möcht nur auch wissen , was du an ihr find ' st . Ich will nicht weiter mit dir streiten , ob du dich mit dem Crispinus vergleichen kannst , aber wenn du das sein willst , so sag nur selber , was du von deiner Crispina hältst , die sich gestohlene Sachen zutragen läßt ; denn das leid ' t kein Zweifel , da machst mir nichts weiß . « » Angenommen , es sei so , wisset Ihr denn , ob sie ' s weiß , woher ich ' s hab ? « » Sie wird wohl denken , es sei dir in der Hand gewachsen ? « » Vater , wenn sie reich war , so möcht sie tun , was sie wollt , Ihr würdet anders von ihr denken . Jetzt ist sie einmal mein , und das Kind , das sie unterm Herzen trägt , ist mein Kind und muß zu seiner Mutter einen Vater haben , wie ich zu meinem Vater eine Mutter haben sollt . « » So renn in dein Verderben , wenn du nicht anders willst « , sagte der Alte , nahm das Licht und ging in seine Kammer . 25 Richtig , das muß man sagen , hatte die Krämerin prophezeit . Nie war seit Jahren in dem doch so christlich gesinnten Flecken die Kirche so gefüllt gewesen wie an dem Sonntag , an welchem Friedrich mit Christinen proklamiert wurde . Außer den Kranken und Gebrechlichen blieb niemand zurück , von den Gesunden fehlte nur die Familie des Sonnenwirts . Der alte Hirschbauer hatte alle die Seinigen in die Kirche geschickt : » die Mucken werden mich derweil nicht fressen « , hatte er gesagt . Selbst der kleine Wollkopf hatte in dem Weiberstande neben seiner Mutter und Schwester Platz gefunden und hörte andächtig der Predigt zu . Wohl gab es ein Zischeln und Murmeln , und alles steckte die Köpfe zusammen , als der Pfarrer vor dem Segen die Verlesung der Paare , die in den heiligen Stand der Ehe treten wollten , begann , aber Friedrich blickte mutig nach der Kanzel und zugleich aufmerksam , ob der Pfarrer in seiner Verkündigung nicht vielleicht irgendein Zeichen seiner Abgunst einfließen lassen werde . Es geschah jedoch nichts dergleichen , und er konnte es höchstens auffallend finden , daß der Pfarrer unter den zu verkündigenden Paaren ihm und seiner Braut die letzte Stelle angewiesen hatte ; diese Ordnung konnte aber der Reihenfolge der Anmeldung entsprechen , somit eine zufällige sein . Der Pfarrer erteilte den Proklamierten und der Gemeinde den kirchlichen Segen , und Orgel und Choral beschlossen den Gottesdienst . Beim Herausgehen aus der Kirche stieß Friedrich auf den Invaliden . » Was , Ihr seid auch in der Kirch gewesen , Profos ? Hätt nicht geglaubt , Eure mürbe Knochen täten Euch so weit tragen . Aber ' s ist mir eine Freud und eine Ehr . Nur wundert ' s mich , denn Ihr habt ja auch Mäus dagegen gehabt . « » Es bleibt dabei , daß Er nicht recht gescheit ist « , sagte der Invalide . » Aber zu Seiner Hochzeit soll nichtsdestoweniger meine alte Lise krachen . « Friedrich drückte ihm die Hand und begab sich zu den Seinigen , die vor