daß die frühe Stunde uns leicht verderblich werden kann . Ueberdies hatte ich dringende Abhaltung . Doch nun komm ' . « Er verbarg vorsichtig das Ende der Strickleiter in den Epheuranken und führte dann die Dame , die sich zärtlich an ihn schmiegte , weiter hinein in die dunklen Bosquets des Gartens bis zu einer Bank unter hohen Ulmen und Kastanien , wo er sie niedersitzen ließ . » Wie , werden wir heute nicht zu unserm kleinen Engel gehen , Du versprachst es mir doch das letzte Mal , Ferdinand ? « » Du sollst ihn sehen , gewiß , Marie , aber ich wiederhole Dir , es ist noch zu früh , die Straßen sind noch zu belebt . Ueberdies habe ich Einiges mit Dir zu sprechen . Höre mich ruhig an , ich bitte Dich , Marie . « Sie setzte sich dicht an ihn , Hand in Hand , den andern Arm um ihn geschlungen und blickte ihm zärtlich in das harte stolze Auge . - » Du weißt , Marie , und wir haben es hundert Mal besprochen , daß unter den jetzigen Verhältnissen keine Aussicht und Hoffnung für uns ist . Das Glück hat uns besonders wohlgewollt , daß wir vor dem Auge Deines Vaters und Bruders Deine Schwangerschaft zu verbergen vermochten , ihre häufige Abwesenheit und Dein Aufenthalt auf dem Lande halfen uns dazu Du verlangtest , daß das Kind in Deine Nähe komme , und es ist geschehen . Aber was soll weiter werden ? Du weißt , daß ich nicht einmal Zutritt in Deiner stolzen Familie habe , meiner offen ausgesprochenen Ansichten und meines Bruchs mit dem Herzog wegen . « » Hast Du nicht meine Liebe , Ferdinand ? Warum auch bist Du , der doch selbst von Adel , ein solcher Gegner aller seiner Rechte und Interessen , ein Vertheidiger des Pöbels und seiner Zügellosigkeit ? Mein Gott , wie kannst Du mit solchen Leuten umgehen , die auf zehn Schritt nach dem Handwerk riechen , zu dem sie geboren sind ! « Der Major schien widrig berührt . » Laß uns nicht mehr streiten , Marie , über Dinge , über die wir uns doch nie einigen werden . Es ist leider eine traurige Wahrheit , daß die Lection von Achtundvierzig und Neunundvierzig in Berlin nur dazu genutzt hat , den Adel vorsichtiger im Aeußern , aber desto exclusiver und hochmüthiger unter sich zu machen , und im Bürgerstand die Zahl der Heuchler zu vermehren . Gehe hin und frage , welcher Dank denn den sogenannten Getreuen geworden ist , und ob sie nicht überall zurückgedrängt sind von der speculativen Geheimerathsdemotratie ? - Männern wie ich kann man freilich die beiden Jahre nicht vergessen und ich will sie auch nicht vergessen haben , denn sie sind das Feld meiner und unser Aller Zukunft . Aber diese untergeordnete Lage , diese Unthätigkeit ertrage ich nicht länger . Die Wogen der Zeit brausen vom Sturm bewegt und ein kühner Pilot kann da sein Schiff an ' s Ziel steuern . Den Mann ohne Dienst und Ruf würden die Deinen mit Hohn zurückweisen , dem General , dem Mann von Macht und Bedeutung , wird die stolzeste Familie dieses Preußens , das vielleicht an der Schwelle seiner bittersten Demüthigung steht , Frau und Kind nicht zu verweigern wagen . « » Was sinnst Du , Ferdinand , was beabsichtigst Du ? « » Laß das , frage mich nicht , ehe ein halbes Jahr vergeht , wirst Du wissen , was ich meine . Diesen Winter noch bleibe ich in Berlin , das Frühjahr schon führt mich zu einem meiner Kraft entsprechenden Wirkungskreis . Ich wollte Dich überhaupt nur auf die Trennung vorbereiten , da sie möglicher Weise über Nacht kommen kann . Doch es ist Zeit jetzt , daß wir aufbrechen , die Straßen sind ruhig , komm ' . « Er hüllte sie sorgsam in das weite Tuch und führte sie durch das Pförtchen aus dem Garten . Durch die einsamen Wege an den Stadtmauern entlang und den Thiergarten gelangten sie in die neuen Stadttheile jenseits der Spree , nach dem Neuen und Oranienburger Thor hin . Hier in einer der Querstraßen blieben sie vor einem ansehnlichen Hause stehen , und der Major klopfte an ein Fenster des Kellergeschosses , in dem Alles dunkel und still war . Aber er klopfte lange vergeblich , Nichts rührte sich , nur ein heiserer Kinderhusten und ein stilles Weinen drang von Zeit zu Zeit hervor und erfüllte jedes Mal die Dame mit Schauern . » Muth , Marie , Du mußt einige Augenblicke hier verweilen , das Weib in offenbar nicht zu Hause , aber ich weiß , wo sie zu finden ist . Stelle Dich hier in den Schatten des Thürvorsprungs , gleich bin ich wieder bei Dir . « » Kann ich Dich nicht besser begleiten ? « » Nein , « sagte er hart , » das ist Nichts für Dich ! « Im Grunde war es freundlich von ihm gemeint , er wollte der Armen einen ihr Mutterherz mit den bängsten Besorgnissen erfüllenden Anblick ersparen . Er verließ sie darum rasch und ging um die nächste Ecke und rasch eine weitere Querstraße entlang , bis ihm aus dem Sousterrain eines kleinen Hauses in wüster Lärmen , untermischt mit den Tönen einer Ziehharmonika und einer kratzenden Geige , entgegenklang , welche eine beliebte Polka in überraschem Takt abspielten . Es war eine jener Kneipen , wie es in den Vorstädten , ja selbst in den innern Stadttheilen Berlins unter den zahllosen Kellerboutiken noch viele giebt , und die von der Hefe des Volkes für ihre Festlichkeiten und Orgien benutzt werden , ohne daß die Polizei dergleichen eben der Gelegenheitsursachen wegen gänzlich zu verhindern vermag . In der Nähe fand der Major den Nachtwächter auf einer Thürschwelle sitzen und nach der Musik hinhorchen . » Da geht ' s lustig her , Herr ; das Volk wird Einen bis zum Morgen in Athem halten ! « » Wollt Ihr ein Trinkgeld verdienen , Mann ? « » Warum das nicht , Herr , der Magistrat bezahlt ohnehin knapp und hier hat Jedermann seinen Hausschlüssel . « » So seht nach , ob in jener Kneipe sich eine Frau Müllendorfer befindet aus der .... straße , und bittet sie , einen Augenblick heraus zu kommen . Ich weiß , sie geht häufig hierher . « » Ach , die Engelmacherin ? versteht sich , ist die drinnen . Die ist Stammgast . « » Wie nennt Ihr sie ? « » Nun , die Engelmacherin , Herr . In ' s Gesicht mag ich sie freilich nicht so heißen , denn das Weibsstück hat eine gottvergessene Zunge , aber das ganze Viertel kennt sie unter dem Namen und der Himmel weiß es , ich glaube , sie verdient ihn . Die Charité da drüben liefert im Vergleich nicht so viel Leichen zum Gottesacker , als die Müllendorfer ; aber die Kinderhecke bei ihr wird nicht leer . « Der Major schauderte und winkte stillschweigend den Wächter hinunter . Dieser ging und als bald darauf der Tanz aufhörte , öffnete sich die Kellerthür und ein großes Frauenzimmer keuchte die Stufen herauf und schaute sich mit einigen lästerlichen Redensarten um , wer sie um diese Zeit wohl in ihrem Vergnügen störe . Es war , wie erwähnt , eine Frau von großer , ziemlich robuster Statur und wohlgenährt , etwa vierzig Jahre alt . Sie war mit einem grünen Merinokleide und darüber kreuzweis gebunden einem alten gelbseidenen Shawl , bekleidet , auf dem Kopfe trug sie stark in Unordnung und schief sitzend eine Tüllhaube mit hochrothem fliegendem Bande , doch hing das Haar unordentlich darunter her , überhaupt hatte der ganze Anzug ein wüstes zerzaustes Ansehen . Dieser Charakter sprach sich auch in dem Gesicht des Weibes aus , das gemein und sinnlich vom Tanz und starken Getränken erhitzt , eine fast kupferne Farbe zeigte . » Tausend Schwerenoth , wat is denn des für ene Jeschichte , des man nich e Mal in der Nacht sein Bisken Vergnügen haben kann , « sagte das Weib in niederm Dialekt , sich von der Stirn den Schweiß trocknend , » schreien die verfl ..... Beesters schon wieder , daß die Nachbarschaft rebellersch wird ! - Na wart ' t , ich will sie ... « Die ernste Stimme des Majors unterbrach ihr widriges Keifen . » Ich wollte Sie auf einen Augenblick sprechen , Frau Müllendorfer . Es ist eine Dame bei mir , die Ihr Pflegekind zu sehen wünscht , und wir haben nur spät am Abend Zeit , darum ließ ich Sie von dem Ort herausrufen , wo Sie mir selbst sagten , daß ich Sie in solchen Fällen finden würde . « Das Weib erkannte den Redner schnell und änderte im Nu ihr Benehmen zu einer kriechenden Freundlichkeit , die um so widriger war , als sie dazwischen nicht ganz den Rausch zu verbergen vermochte , der sie bereite halb erfaßt hatte . » Ach , der gnädige Herr , « sagte sie mit einem tiefen Knix . » Bitte recht sehr , ick stehe gleich zu Diensten . Glauben Sie ja nicht , daß ick den lieben Engel drum vernachlässigt hätte , i Gott bewahre , der liegt gut eingepackt in seiner Wiege ganz aparte von den andern . Sie wissen , gnädiger Herr , unsereins muß doch auch manchmal en Vergnügen haben , wenn man so kümmerlich sich durch die Welt schlägt , und die lange Guste , meine Nichte , hält heute Hochzeit , das S ..... hat richtig noch Eenen erwischt . « So schwatzend , lief sie mit manchem Fehltritt neben dem Herrn her bis zu ihrer Wohnung , wo der Major die zitternde Geliebte aus ihrem Versteck holte und an seinen Arm nahm . » Vorsicht , Marie , ich bitte Dich und halte Dein Gesicht verhüllt . Du trägst doch den Schleier unter dem Capuchon ? « Sie preßte , in Aufregung zitternd , bejahend seinen Arm . » Gleich , gnädige Frau , gleich sollen Sie das allerliebste Krabbelchen sehen . Kommen Sie nur mich nach , ich will gleich Licht machen . « Die Frau hatte die Hausthür aufgeschlossen und zog das Paar in den dunklen Flur , von wo ein zweiter Eingang zu ihrer Kellerwohnung hinunterging . Nach einigem Umhertappen und mehreren halbleisen , zwischen den höflichen Redensarten gemurmelten Verwünschungen gelang es ihr , Licht zu machen . Der Major und die junge Dame befanden sich in einem Keller , dessen vorderer Raum zum Grünzeug- und Gemüse-Laden diente . Fässer , Bütten und Körbe standen in wüster Unordnung umher , im Hintergrund einige zerbrochene Möbeln und ein großer Waschkorb , aus dem jenes Husten und Wimmern herkam . Die Dame wollte unwillkürlich dahin , doch das Weib trat ihr mit der angezündeten Oellampe in den Weg . » Oh , nich dahin , gnädiges Madamken , das ist nur en armer Balg , die Mutter ist en Dienstmädken , die sich gleich wieder vermiethen mußte . Es hat en Bisken die Masern , und wenn des kleene Jeschöpf druf geht , na lieber Gott , es is ooch keen so großes Unglücke . Ick kriege bloß anderthalb Dhaler für den Wurm alle Monate und da is freilich nich viel zu machen . « » Mein Kind ! mein Kind ! « » Sein Sie ganz ruhig , Gnädige , darum hab ' ick eben das Wurm hier abgesperrt , daß er nur die andern nich ansticht . Kommen Sie hier herein - stoßen Sie nich ! « Sie öffnete eine Seitenthür , die zu einer niedrigen , aber ziemlich geräumigen Kellerstube führte , ganz im Geschmack dieser Klasse aufgeputzt . An der gegenüber liegenden Wand stand ein großes breites Himmelbett , in dem ein etwa eilfjähriges Mädchen schlafend lag , die Tochter der Frau . Rechts zwischen den Fenstern die Kommode mit den Gläsern und Kaffeetassen auf der aus bunten Zeugcareaus genähten Decke , an der Hinterwand der Kleiderschrank und ein großer , bequemer und weichgepolsterter Sorgenstuhl vor dem Tisch . In der Ecke hinter der Thür endlich war eine Art von Pritsche oder kurzem breitem Bett , mit alten Decken , einigen schlechten Bettstücken und dergleichen gefüllt , und hier lagen , als der Lichtschein darauf fiel , nicht weniger als fünf Kinder von dem zartesten Alter von kaum einigen Wochen an bis zu etwa drei bis vier Jahren ; dürftige kleine Gesichtchen , denen das Elend und der Mangel an wahrer Pflege aus den hohlen Augen und den magern nackten Gliederchen sah , als der Schein des Lichtes , das ihre Versorgerin jetzt angezündet und auf den Tisch gestellt hatte , durch die Schatten des niedern , dumpfen und ungesunden Gemaches auf sie fiel . Neben dem Himmelbett an der Wand stand eine Wiege von Kiefernholz , rothbraun gebeizt , deren Betten von etwas reinlicherem Ansehen waren , als das allgemeine Lager der unglücklichen Früchte leichtsinniger Stunden oder trauriger Verhältnisse . Ein Rohrgeflecht mit alter Leinwand überzogen , überspannte das Kopfende der Wiege . Auf diese , vom mütterlichen Instinkt getrieben , stürzte die junge Dame zu und warf sich vor ihr auf die Kniee . Ein junges , etwa fünf Monate altes Kind mit einem Engelgesichtchen lag schlafend darin . Der Major war ihr gefolgt , auch das Weib mit der Lampe , deren Schein sie mit der Hand verhüllte , während sie ihn in gemeiner Neugier immer so zu wenden suchte , daß er das Gesicht der durch Kapuze und Schleier Verhüllten treffen sollte . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Wir müssen einige Augenblicke in der Erzählung inne halten , um wenige Worte dem traurigen Verhältniß im Allgemeinen zu widmen , das sie uns vorgeführt hat . Es giebt in Berlin eine ganze Klasse von Frauen der unteren Stände , die den Namen » Haltefrauen « führen und ihren Lebensunterhalt dann finden , daß sie mit obrigkeitlicher Genehmigung verlassene Kinder vom zartesten Alter , oft von ihrer Geburt an , gegen ein Entgelt in Pflege nehmen . Diese Kinder sind entweder solche , welche die Armenpflege der Commune die Pflicht hat , unterzubringen , oder jene armen Geschöpfe , deren erstes Lächeln an die Welt mit Thränen begrüßt wird , Kinder der Ueppigkeit , der Verführung , des Augenblicks , der Schuld und der Liebe , - arme kleine Wesen , deren Dasein nach kurzem Rausch meist mit unsäglicher Angst , mit unbeschreiblichen Schmerzen und Demüthigungen erkauft wird , - arme zarte Kinder , die von der Natur den gleichen heiligen Anspruch an die Sorge und Pflege der Mutter haben , und von der bürgerlichen Gesellschaft doch mit Gewalt von der Brust dieser Mutter gerissen werden zu einem Kampf - sie , die Unmündigen , Kraftlosen - um Leben und Dasein mit der Barmherzigkeit oder vielmehr der Unbarmherzigkeit und dem Eigennutz Fremder . Es ist unvermeidlich , - wir wollen nicht sagen natürlich , daß in einer Stadt von fast einer halben Million Einwohnern , in der namentlich Massen junger unverheiratheter und noch heirathsunfähiger Personen zusammengedrängt sind , die unehelichen Kinder sehr zahlreich sind . In Berlin die Schuld auf eines oder das andere Geschlecht zu werfen , ist sehr schwer , die Verführung ist offenbar groß , aber auch die Raffinerie von der anderen Seite war bei der früheren , jetzt geänderten Gesetzgebung ein förmliches Gewerbe . Dennoch ließ sich noch immer zur Ehre der menschlichen Gesellschaft und der allgemeinen Moralität annehmen , daß mindestens die Hälfte dieser armen unschuldigen Wesen die Frucht unbewachter wirklicher Neigung und schwacher , nicht grade verbrecherischer Stunden ist . - In vielen Fällen erlauben es , ist das Unglück geschehen , die Verhältnisse und Einrichtungen der bürgerlichen Gesellschaft nun einmal nicht , daß die armen Kleinen die Pflege der Mütter genießen . Gehören diese den höheren Ständen , - und der Fall ist hier öfter , als die Welt erfährt , - so suchen sie eben den geschehenen Fehltritt aus alle Weise zu verbergen und das Kind von seiner Geburt an außer dem Kreise ihres gewöhnlichen Lebens zu halten . Gehören sie den unteren Klassen , Nähterinnen , Dienstmädchen , die von ihrer Hände Arbeit leben , denen die Zeit das tägliche Brot ist , so sind diese schon um ihrer selbst und des Kindes willen gezwungen , dasselbe sofort in fremde Hände zu geben , um nur möglichst schnell zum Erwerb wieder zurückkehren zu können . Wir haben bereits erwähnt , daß eine große Anzahl von Frauen sich mit der Aufnahme und Haltung dieser Kinder beschäftigt . - Auch mit der Pflege - mit der Aufziehung ? - Es giebt unstreitig unter diesen Frauen viele brave , rechtliche , die ihre Armuth redlich mit den übernommenen Pfleglingen theilen , die nach besten Kräften und Wissen ihre Pflichten lösen . Aber auch die Beste unter ihnen ist noch immer keine Mutter , und führen wir die Sache auf die Grundidee zurück , so ist diese doch immer die Speculation : jene Frauen wollen und müssen sich und ihre Familien von diesen Pfleglingen ernähren . Was diesen entzogen wird , kommt ihnen zu Gute . Haben sie - wie meist der Fall , - noch Nebenbeschäftigungen , so können sie sich unmöglich so um die Kleinen kümmern , wie deren Wohlfahrt es verlangt ; ist es nicht der Fall , so leben sie eben speciell nur von ihnen , und die Vergütigungen , die für den Unterhalt gezahlt werden - 3 , ja bis 11 / 2 Thaler monatlich , - sind spärlich genug , um schon für die Bedürfnisse des Kindes nicht hinzureichen . Kinder , für die über drei Thaler gezahlt wird , werden schon als sogenannte » fette Kinder « betrachtet und den Inhaberinnen viel beneidet . Ueber den Trunkenen und den Kindern wacht ein Engel , daß sie zu keinem Schaden kommen ! - so lautet das Sprüchwort und der Glauben des Volkes . Und in Wahrheit wachen die Engel des Herrn über der Kinderwelt mit besonderem Schutz , wie wäre es sonst möglich , daß auch nur der zehnte Theil jener Kleinen , die der sorgfältigsten elterlichen Aufmerksamkeit genießen , groß wüchse , wie viel mehr jener Armen , die von ihrer Geburt aus dem Zufall , ja der Feindseligkeit Preis gegeben sind . Die Kinder sind die Lieblinge Gottes ! Doch die natürlichen Gesetze , nach denen Zeit und Leben geregelt sind , haben ihren unveränderten Lauf . So ist denn die Zahl der Kinder auch , die aus Mangel an Pflege und Liebe in ihrer zartesten Jugend zu Grunde gehen , nach den statistischen Uebersichten der Todesfälle sehr bedeutend , wenn freilich auch die wahre Ursache nur selten zu Tage kommt . Die Behörde thut das Mögliche , strenge Instructionen schreiben den Haltefrauen vor , wie die armen Kleinen abzuwarten sind , welche und wie viel Nahrung sie zu erhalten haben . Die Aufsicht der Behörde selbst kann freilich nur eine geringe sein und hier kommt das segensreiche Wirken mildthätiger Vereine zu Hilfe , die sich aus menschenfreundlichen Frauen zu dem Zweck der Beaufsichtigung der Halte- und Pflegekinder gebildet haben . Mit dem besten Willen , mit der größten Aufopferung jedoch können auch diese den Zweck nicht genügend erfüllen . Auch wenn die eigenen häuslichen Pflichten die fortwährende Controlle erlauben , liegt in dieser selbst schon die Veranlassung , dagegen zu kämpfen . Wer die menschliche Natur kennt , wird wissen , daß der Niedere jede Aufsicht , die der Höhere über ihn übt , als ein Mißtrauen , als einen Eingriff in seine natürlichen Rechte , als eine Feindseligkeit betrachtet , geeignet , ihn zu verderben . Er wird sie erschweren , sich ihr entziehen auf jede mögliche Weise und geht dies nicht , sie täuschen . Wir brauchen die Nutzanwendung nicht zu machen . Trotz aller Vorsicht der Obrigkeit , trotz aller privaten Wohlthätigkeit und Menschenliebe , sind bei den gegenwärtigen Einrichtungen in Betreff der Aufziehung verlassener und hilfsbedürftiger Säuglinge und Kinder Scheußlichkeiten in Menge vorgekommen und kommen noch vor , die das Blut im Herzen erstarren machen ! Es ist bekannt in ganz Berlin , daß es unter den Frauen , die aus der Aufnahme dieser Kinder ein Gewerbe machen , viele gab , die den Namen » Engelmacherin « allgemein führten , weil - die Kinder , die ihnen übergeben wurden , nach kurzer Zeit zu Engeln wurden , das heißt starben . Man konnte mit positiver Gewißheit darauf rechnen , daß binnen kurzer Zeit die Kleinen todt waren . Diese Weiber hatten förmlichen Ruf da , wo man sich eines unglücklichen Kindes entledigen wollte . Sollen wir zur Schmach der menschlichen Gesellschaft glauben , daß es wirklich Eltern gab , welche auf diesen Ruf speculirten ? - - - Wir wollen einen Schleier darüber ziehen , und dennoch klingen uns Reden in den Ohren , die - - Wahr aber ist , daß solche Weiber jahrelang ungestört ihr schändliches Handwerk betrieben , daß sie sich - mit dem offenkundigen Ruf - jedem offiziellen Verdachte , jeder Untersuchung und Bestrafung zu entziehen wußten . Wer bringt Dergleichen zur Anzeige , wer beschwert sich über den Hungertod eines armen namenlosen Kindes ? - Die Eltern , denen es eine Last , die es zu der Engelmacherin brachten ? Aerzte und Sachverständige haben uns schaurige Fälle in die ser Beziehung mitgetheilt . - Eine einzige dieser grauen machte in nicht vollen neun Monaten » sieben Engel . « In neuester Zeit ist die Sache vielfach von den Aerzten wieder angeregt worden , ihr Einschreiten , ihre Denunciationen haben die Theilnahme auf ' s Neue darauf hingewandt und gezeigt , daß eben noch immer Entsetzliches auf diesem Gebiete zu beklagen ist . Ein Criminalprozeß , der ganz kürzlich gegen eine dieser Haltefrauen verhandelt worden , hat einen tiefen schrecklichen Einblick in die Rohheit solcher Charactere , in das furchtbare Elend und die entsetzlichen Qualen gewährt , denen mitunter die armen hilflosen Wesen ausgesetzt sind . Das Obductionsprotokoll über den Befund einer solchen ausgegrabenen Kinderleiche war wahrhaft haarsträubend . Zu den äußeren Mißhandlungen , die den zum Scelett abgemagerten Körper in ihren Spuren bedeckten , war der förmliche Hungertod , der Tod wegen Entziehung der nöthigen Nahrung und ungenügender Beschaffenheit derselben constatirt . Welche Leiden muß das arme kleine hilflose Wesen ausgestanden haben ? Wie viele mögen ihm vorangegangen sein ? Die Kindesmörderin , welche die unglückliche That im Wahnsinn der Erregung , der Angst , im unzurechnungsfähigen Augenblick vollbracht , muß sie büßen mit langjähriger schwerer Zuchthausstrafe . Für den überlegten langsamen Mord der Engelmacherinnen hat das Gesetz nur verhältnismäßig eine sehr geringe Strafe . Wir schreiben diese Betrachtung in einer Zeit , wo die Theurung überhand genommen , wo die Preise fast aller Lebensmittel sich verdoppelt haben . Die Pflegegelder sind dieselben niedern geblieben - muß da nicht selbst bei redlichem Willen die eigene Noth den Pfleglingen das Nöthigste beschneiden ? Wie viel mehr wird es von den Herzlosen geschehen , die kein Gewissen haben für die , deren einzige Klage nur das dumpfe Wimmern des Elends , des Hungers ist ! Wäre es nicht möglich , diese armen , von ihrer Geburt verstoßenen hilflosen Geschöpfe zu schützen , ihre Mütter in eine Lage zu bringen , in der sie den begangenen Fehltritt leichter verbergen , in der sie die Existenz ihres Kindes sichern können ? Die Säuglingskrippen thun unendlich viel Gutes und sind schützende Engel für viele Kinder . Aber sie schlitzen eben nur das eheliche Kind des Armen vor den Gefahren , denen es die Verhältnisse der Familie aussetzen . Wir meinen das : Findelhaus ! Warum scheut man sich in Berlin so vor diesem Wort und vor dieser offenbar menschenfreundlichen Einrichtung ? Wir haben gehört , daß bedeutende Summen und Vermächtnisse für die Gründung einer solchen Einrichtung seit vielen Jahren vorhanden sind , daß aber deren Ausführung an einer gegengefaßten Meinung noch immer gescheitert ist . Man glaubt in der Gründung des Findelhauses eine Beförderung der Unmoralität zu sehen , die einer christlichen Regierung nicht geziemt . Es ist dies ein tiefer und hoher Grund , und wir verkennen keineswegs seine religiöse Bedeutung , wie seine materielle Wahrheit . Die Leichtigkeit , sich der Last des Kindes zu entledigen , wird Viele dazu führen , sich der heiligen Pflicht zu entziehen . Aber ist bei solchen Müttern das Findelhaus für die Neugebornen nicht die Rettung ? Giebt es nicht das Gewissen ? Giebt es nicht die öffentliche Meinung , die selbst in ihrer Ausartung , in der Klatschsucht , den Nächsten und seine Handlungen bewacht ? Man hat sich zu etwas weit weniger Gerechtfertigtem , weit Unmoralischerem , Unchristlicherem entschließen müssen . Man hat dem Thierischen in der menschlichen Natur die Concession gemacht , die Bordelle wieder zu eröffnen . Nach unserer Meinung sind diese in ihrer jetzigen Einrichtung nur Beförderungsmittel der Liederlichkeit und der Vergeudung und stiften keineswegs den sanitätlichen Nutzen , den man von ihnen erwartet und rühmt . Der bessere Gesundheitszustand der Hauptstadt , die Beschränkung der Syphilis ist durch die zugleich eingetretene schärfere Aufsicht der Behörde auf gewisse Zustände der bürgerlichen Gesellschaft , durch die Aufhebung der Kneipenmamsells , der zuchtlosesten Prostitution , durch die Beschränkung der vagabondirenden Liederlichkeit , keinesweges durch die Bordelle herbeigeführt , über deren Verwerflichkeit wir mit den stärksten Eiferern vollkommen einverstanden sind . Welche Aehnlichkeit aber hat das Findelhaus mit diesen Oertern der Schande , die man doch geglaubt hat , den Uebelständen einer großen Stadt schuldig zu sein ? Das Findelhaus ist eine Anstalt der Barmherzigkeit , die die Schuldlosen vor den Folgen der Schuld rettet . Sollte man deswegen die Rettungseinrichtungen gegen Feuersgefahr nicht schaffen und vervollkommnen , Versicherungsanstalten nicht gründen , weil man fürchtet , die Leute werden nun weit weniger vorsichtig mit Feuer und Licht umgehen , indem sie wissen , daß bei einem Unglück sie doch nicht so leicht verloren sind ? Die hundert wohlthätigen und barmherzigen Anstalten der Versorgung von Kranken , Schwachen , Greisen und Armen , die Waisenhäuser und Erziehungsinstitute für die der Eltern Beraubten - sind sie etwas Anderes als Findelhäuser für die Unglücklichen und Hilfsbedürftigen ? Das Findelhaus ist die Waisenanstalt der Säuglinge ! Wir wollen die endliche Einrichtung nicht im Interesse der Mütter für ein gutes erhabenes Werk empfehlen - obschon auch hier die Schwäche der menschlichen Natur viel Berechtigung hätte , obschon gar manche Rettung damit vollbracht , gar manches Verbrechen verhindert würde ; nein - wir mahnen daran im Interesse der unschuldigen hilflosen Kinder , für die keine andere noch so sorgsame Einrichtung diese Anstalt der Barmherzigkeit und des Schutzes ersetzen kann . In Paris , Wien , London , fast in allen großen Städten bestehen längst solche Anstalten und haben sich überall als segensreich und gut bewährt . Auch Berlin zählt seit Kurzem eine ähnliche , private , und die Unterstützung der Behörden , deren sie sich zu erfreuen hat , zeigt , wie sehr man die Zweckmäßigkeit derselben anerkennt . Aber sie ist eben nur für die Fehler der Wohlhabenden und kann nicht den erhabenen Charakter tragen , den ein öffentliches Institut der Barmherzigkeit haben würde . - Berlin besitzt gegenwärtig an der Spitze der entsprechenden Behörde einen Mann von scharfer durchdringender Einsicht für gesellschaftliche Uebelstände und einem Organisationstalent , wie uns kein zweites je bekannt geworden . Energie vereint sich in ihm mit Eifer und Hingebung , und er besitzt die Macht in dem höchsten Vertrauen , das ihm geworden . Berlin und der Staat verdanken ihm bereite Einrichtungen , die seinem Wirken dauernde Anerkennung sichern werden , welche Hindernisse auch Unverstand und philiströser Schlendrian seinem Schaffen entgegenstellen . Das Gute und Zweckmäßige bricht sich noch immer seine Bahn . Sollte der hohe Beamte , den wir meinen , nicht auch seinen scharfen Blick , seine Thatkraft auf diese Einrichtung wenden wollen ? Indem er die Gründung eines solchen Hauses der Barmherzigkeit gegen die seit langen Jahren ihm entgegenstehenden Hindernisse durchsetzte , würde er sich ein Denkmal schaffen , das seinem Namen hundertfachen Segen gebeugter Herzen und jener Hilflosen sichern würde , von denen Christus gesagt hat : Lasset sie zu mir kommen , denn ihrer ist das Himmelreich ! - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Die Dame hob behutsam das schlafende Kind aus dem Bettchen und preßte es an ihre Brust . » Sehen Sie nur , Gnädige , was der Kleine für Bäckschen hat , roth wie Aepfelchen . Ja , ja , die Kinder haben ' s bei der Müllerdorfern gut . Schöne Nahrung und Reinlichkeit . Ick sage Ihnen , es geht Nichts über die Reinlichkeit . « Sie hätschelte mit widerlicher Freundlichkeit das Kind , obschon die Mutter , die sich damit auf einen Stuhl gesetzt , sich ekelnd vor dem Branntweinodem abwandte , den das Weib ausströmte . Davon erwachte das Kind , schlug die Augen auf und fing an zu schreien . Nach wenigen Minuten antworteten im Chor die andern , die unter den Lumpen des allgemeinen Bettes zusammengepackt lagen . » Werdet Ihr still sein , Ihr Bälger ! Wart ' , das ist der Schreihals , die Mine - das Ding ist drei Jahr und wie ein Einjähriges . Na wart ' , laßt mich hinkommen . - Entschuldigen Sie , Gnädige , es sind nur gewöhnlicher Leute Kinder und eene Magistrats-Waisenkrabbe . Ick werde sie aber gleich zur Ruhe bringen . « Damit nahm sie vom Tisch eine große Saugflasche , die mit Milch gefüllt schien , und hielt sie den jüngsten Kindern vor , die begierig daran sogen und sogleich wieder in tiefen Schlaf verfielen .