seine Lippen . Das Mädchen schrak zusammen , ihr Körper zuckte sichtlich , und dabei zog sie den linken Fuß , der bis jetzt auf dem Papier gestanden , zurück , während sie zu gleicher Zeit das erröthende Gesicht gegen den Boden wandte . - Vielleicht um ihre Verlegenheit zu verbergen , vielleicht auch um ihre Hand auf schickliche Art denen des Barons entziehen zu können , beugte sie sich hastig vorn über , ihre Blicke suchten irgend einen Gegenstand , und da sie zufällig vor sich das bewußte Papier erblickte , so bückte sie sich schnell darnach , hob es auf , glättete es auf ihrem Knie und legte es alsdann zu einem langen Streifen zusammen , den sie sich langsam um den Finger wand . Während dieser bedeutungsvollen Pause hatte indessen Herr von Brand seine Zeit nicht verloren . Er rückte seinen Fauteuil noch etwas näher zu dem Mädchen hin und legte seinen Arm geschickt auf die Lehne des Stuhles , von wo er nur langsam herabzusinken brauchte , um genau die Stelle ihrer feinen Taille zu treffen . Dabei blickte er ihr von unten herauf sanft lächelnd in die Augen , und während er natürlicherweise für seine Kühnheit von vorhin - ihr nämlich die Hand geküßt zu haben - um Verzeihung bat , beging er eine noch weit größere , da sie nicht sogleich eine Antwort gab , indem er seine Hand ihrem Kinne näherte und ihren Kopf ganz leise hob und aufwärts wandte ; und er that das mit einem Blicke voll Innigkeit und Liebe . - - Dem konnte das Mädchen nicht widerstehen , weil sie hiezu nicht den festen Willen hatte , doch schlug eine tiefe Röthe auf ihrem Gesicht empor , als sie ihm , doch nur eine Sekunde lang , fest in die glühenden Augen schaute . Aber sein Blick war so feurig , daß er unmöglich zu ertragen war , weßhalb denn auch das Mädchen mit einem leichten Seufzer ihre Augen schloß in der festen Ueberzeugung , es schließe nun auch ihr Leben mit einem süßen Ende oder es geschehe ihr sonst etwas Schreckliches . - Und so war es auch ; denn kaum schloßen sich ihre Augen , so fühlte sie den weichen Druck zweier fremden Lippen auf den ihrigen und ein unnennbares Gefühl durchzuckte sie so heiß und stürmisch , daß sie in der That einer halben Ohnmacht nahe war . Wie schon oben angedeutet , hatte der rechte Arm des jungen Mannes die Lehne des Fauteuils zur gelegenen Zeit verlassen , hatte sich um ihren schlanken Körper gelegt und drückte sie leicht auf die Seite , während seine linke Hand langsam ihre rechte erhob , - dieselbe rechte Hand , um deren Zeigefinger sie das bewußte Papier geschlungen hatte . Als der Baron so diese Hand erhob , that er es gewiß nur in der Absicht , um zuerst die kleinen niedlichen Fingerspitzen zu küssen , und darauf das gleiche Geschäft bei den seinen Grübchen auf den Knöcheln zu versehen . Begreiflicherweise mußte er zu diesem Zwecke den Papierstreifen abwickeln , was er denn auch muthwillig , scherzend that . Auguste , die nun das A des Liebesalphabets glücklich hinter sich hatte , ging , wenn auch mit feuchten Augen gerne durch diesen Scherz auf das B über , ja sie lächelte recht freundlich , als nun der Baron das Papier neckend um jeden einzelnen Finger wickelte , diesen darauf küßte und es dann wieder entfernte . Das war ein recht harmloses Spiel , das auch ziemlich lange fortgesetzt wurde ; bald aber verschwand der Streifen gänzlich von der Hand und alsdann begnügte sich der junge Mann nicht mehr damit , daß er die Hand küßte , sondern er wandte sich nun an den Arm und avancirte dort über glattes Gold und kalte Steine hinweg und so weit hinauf , bis undurchdringliches Spitzengewebe und ein anschließender seidener Aermel seinen weiteren Forschungen für diesmal ein Ziel setzten . Es ist wunderbar , wie ein erster gelungener Kuß im Stande ist , so viele bis dahin unübersteigliche Schranken zu Boden zu werfen , wie er weite Klüfte ausfüllt , die uns bis dahin trennten , wie er eine Vertraulichkeit hervorzuzaubern vermag , an die man bis dahin in seinen kühnsten Träumen nicht gedacht . Das geht im Allgemeinen so und man sah es auch in diesem speziellen Falle ; Auguste zog ihre Hand nicht mehr zurück , sondern ließ sie in der des Barons ruhen , auch schloß sie ihre Augen nicht wieder , sondern sah den jungen Mann , der an ihrer Seite saß , zuweilen recht forschend und fest an , warf auch wohl zuweilen einen Blick auf die Thüre des Nebenzimmers , durch welche die Mama verschwunden war . » Wir haben nun zusammen ein kleines , theures und liebenswürdiges Geheimniß , « sagte der Baron schmeichelnd , indem er ihre Hand an seine nun wirklich brennende Stirne legte . » Bewahren wir es noch für eine kurze Zeit , Auguste , lassen wir es noch eine Weile verborgen vor den Augen der übrigen Welt , uns freuend , daß wir Beide Etwas gemeinschaftlich besitzen , von dem die Uebrigen keine Ahnung haben . O , eine solche Heimlichkeit ist so süß , mein Mädchen ; es gibt nichts Seligeres , als so im Gewühle der Welt scheinbar fremd an einander vorbei zu streifen , wo doch ein Blick , ein leiser Druck der Hand , ein verstandenes Wort deutlich spricht und vollständige kleine , liebe , heimliche Geschichten erzählt , während wir öffentlich einem langweiligen Gespräch zu lauschen scheinen . « » Gewiß , gewiß , « versetzte Auguste , » ich freue mich darauf . « » Und jetzt brauche ich nicht mehr mit tiefem Weh im Herzen von ferne zu stehen , wenn du im Arme anderer Tänzer an mir vorüberfliegst , mein süßes Kind . Ja , ich werde sogar glücklich sein , wenn sie dir schön thun , wenn ich sehe , daß sie in deiner Gunst Fortschritte zu machen scheinen , während ich doch weiß , daß die - mir Glücklichem ganz allein gehört . - Und dann wirst du auch zuweilen den Kopf nach mir wenden , wirst mir einen kleinen , kleinen Blick schenken . Nicht wahr , meine liebe , süße Auguste ? « » Ja , ich werde das thun und werde es gern thun , « entgegnete das Mädchen . Und dabei senkte sie ihren Kopf etwas auf die Seite , wodurch es ihm möglich gemacht wurde , sie leicht auf die Stirne zu küssen . Der Baron hatte noch immer ihre Hand mit der seinen gefaßt , und beide ruhten auf ihrem Schooße auf der kühlen Fläche des glatten Atlaß , womit sie bekleidet war . An dem Gürtel trug das Mädchen eine Chateleine von polirtem Eisen , deren Ende mit den vielen bekannten Kleinigkeiten versehen auf ihrem Knie ruhte . Zuweilen ließ der Baron ihre Hand los und faßte die glänzenden Kettchen an , die er leicht aufhob , um dann ein paar Sekunden lang mit dem Fingerhut , der Scheere , dem kleinen Büchlein und anderen Sachen , die daran hingen , zu spielen . Nach Augenblicken , wie der vorhergegangene , ist es angenehm , sinnend und betrachtend stillschweigen zu dürfen , oder Fragen über gleichgiltige Dinge zu stellen , die aber , in einem gewissen unbeschreiblichen Tone gestellt , liebenswürdig neckend und mit zärtlichem Ausdrucke der Stimme beantwortet werden . » Ah ! « sagte der Baron nach einer Pause , » was ist das für ein Schlüssel ? - Aber gestehen Sie mir die Wahrheit , Auguste ; er ist zu groß , als daß er zu irgend einem Necessaire oder Kästchen einer jungen Dame gehören könnte . « » Das ist mein Geheimniß , « entgegnete sie schalkhaft , » und ich werde es Ihnen unter keiner Bedingung anvertrauen . « » Jetzt gerade verlange ich es zu wissen . Sie haben meine Neugierde erregt und die muß befriedigt werden . - Nehmen Sie sich in Acht , Auguste , « setzte er sie zärtlich anblickend hinzu , » ich bin eifersüchtig wie Othello . Und bei diesem außergewöhnlichen Schlüssel erwacht begreiflicherweise mein Argwohn . « » O Tyrann , der Sie sind ! Vorhin haben Sie kaum gewagt , zu bitten , jetzt wollen Sie schon verlangen . - Nein , nein ! Die Bestimmung dieses Schlüssels sage ich Ihnen nicht , denn ich will Ihnen nur gestehen , das könnte wahrhaftig Ihren Argwohn erregen . « » Ah ! kleine Verrätherin ! « entgegnete der Baron neckend . » Sie sind noch so jung und tragen schon verdächtige Schlüssel bei sich . Aber es ist meine Pflicht , für Ihr Bestes zu wachen , und somit lege ich feierlich auf diesen Schlüssel Beschlag und nehme ihn an mich ; denn das ist eine Waffe , die in Ihrer unerfahrenen Hand gefährlich werden könnte . « » Aber er hält fest an mir , « erwiderte lachend das Mädchen , als sie sah , daß er vergebliche Bemühungen machte , den Schlüssel von dem Stahlringe zu trennen . Es war dies übrigens ein gefährliches Spiel auf ihrem Knie und der junge Mann beeilte sich auch nicht , an der ihm wohl bekannten verborgenen Feder zu drücken , welche den Ring öffnete . Endlich that er dies doch und der Schlüssel fiel in seine Hand . » Sehen Sie , « sprach er , indem er denselben triumphirend in die Höhe hob , » hier wäre das Instrument , das ich , wie schon gesagt , verpflichtet bin , zu mir zu nehmen . Seien Sie aber jetzt ein artiges Kind und sagen Sie mir , welche Thüre dieser Schlüssel aufmacht . « » Ich sage es nicht , « entgegnete sie kopfschüttelnd ; » gewiß nicht . Den Raub kann ich nicht hindern , doch soll er ein Räthsel in Ihrer Hand bleiben . « » Aber wenn ich dich herzlich um die Auflösung bitte , mein süßes , süßes Mädchen ? « sagte der Baron schmeichelnd , indem er ihre Hand ergriff und sie abermals an seine Lippen führte . - » Vertrau es mir an , es ist das ein kleines , angenehmes Geheimniß mehr . « » Nein , nein ! « versetzte Auguste eifrig . Und dabei suchte sie den Schlüssel zu fangen , den er neckisch in die Höhe hielt . » Nein , nein , ich werde es nicht sagen ; deßhalb geben Sie mir ihn nur wieder , denn was nützt er Sie , da Sie seine Bestimmung doch nicht wissen ? « » O ich werde sie erfahren , « entgegnete er heiter und vergnügt , » ich werde mich nächtlicher Weise einschleichen wie ein Dieb , ich werde sämmtliche Schlösser deines Hauses untersuchen , bis ich weiß , wo das rechte ist . « » Dazu wären Sie wahrhaftig im Stande , « sagte das junge Mädchen mit einem seltsamen Blicke ; » weiß Gott , ich traue Ihnen so Etwas zu . Und das wäre ja ein wahres Unglück . « » So beuge diesem Unglücke vor und sage die Wahrheit , - die kleine , süße , angenehme Wahrheit . « » Und wenn ich es thue , erhalte ich meinen Schlüssel wieder ? « » Wir wollen sehen . « » Nein , nein , von : Wir wollen sehen , darf keine Rede sein ; ein einfaches Ja oder Nein ! - Bekomme ich alsdann meinen Schlüssel wieder ? « » Wenn er nichts Gefährliches verschließt , ja . « » Keine Bedingungen ; darauf lasse ich mich gar nicht ein . Ich sage Ihnen , zu welcher Thüre der Schlüssel paßt , und Sie geben ihn mir zurück . Gehen Sie das ein ? « Der Baron zuckte lächelnd die Achseln , dann sagte er : » Sie sind grausam , Auguste ; aber was kann ich machen ? Sie haben mich in der Hand . - Doch ich will Ihnen noch einen andern Vorschlag machen : Sie sagen mir die Bestimmung dieses Schlüssels , darauf gebe ich Ihnen denselben zurück und dann erlauben Sie mir , Sie nach Umständen wieder darum zu bitten . « Das Mädchen zauderte , eine Antwort zu geben , endlich aber sprach sie : » Das ist eine gefährliche Bedingung ; wenn Sie sich auf ' s Bitten legen , da weiß ich am Ende nicht , was ich machen soll . Nein , nein , es ist mir zu gefährlich . « » Aber Sie können mir ja meine Bitten abschlagen , « erwiderte er so innig und zärtlich als möglich . » Und wenn ich nun nicht im Stande wäre , Ihnen diese Bitte abzuschlagen ? « sagte das Mädchen nach einer kleinen Pause mit unsicherer Stimme . » O , dann wäre ich ja doppelt glücklich ! « rief der Baron , indem er sie leidenschaftlich an sich drückte und ihre Lippen suchte , deren Auffinden sie ihm gerade nicht besonders schwer machte . - » Doppeltes , seliges Glück ! - - Hier ist der Schlüssel , « sagte er nach einer längeren Pause ; » darf ich nun wissen , was er verschließt ? « » Gewiß , obgleich wir eigentlich viel Lärmen um Nichts gespielt haben . Sie kennen ja unseren Garten hinter dem Hause ; am Ende desselben befindet sich ein kleiner Pavillon , von dem eine Thüre auf die Straße führt . Diese Thüre nun - « » Oeffnet dieser Schlüssel ! « rief der Baron hastig . » Ah ! meine geliebte Auguste , jetzt bitte ich Sie doppelt , zehnmal , tausendmal darum . - Nicht wahr , Sie sagten ja vorhin , Sie können mir Nichts abschlagen ? « Das Mädchen nickte mit dem Kopfe und reichte stillschweigend den Schlüssel wieder zurück , den er eifrig ergriff , zu gleicher Zeit aber faßte er auch ihre Hand , die er , sowie den vollen weißen Arm , mit unzähligen heißen Küssen bedeckte . In diesem Augenblicke mußte der Besuch im Nebenzimmer entlassen worden sein . Die Präsidentin , eine kluge , verständige Frau und gewiß auf ' s Innigste besorgt für das Wohl ihrer einzigen und heirathsfähigen Tochter , hustete laut und vernehmlich , ehe sie die Thüre zum Salon öffnete . Gewandt rückte der Baron seinen Fauteuil zurück , ehe die Mutter eintrat , und gewandt griff das junge Mädchen ein plötzlich hingeworfenes Gesprächsthema auf , in das nun die Beiden so vertieft schienen , daß sie den Eintritt der Präsidentin gar nicht bemerkten und laut hinaus lachten über die köstliche Geschichte der Frau von A. , die neulich Abends nach dem Theater zufälligerweise in ein ganz fremdes Coupé gestiegen sei . Auf einmal aber bemerkte der Baron die Mutter , sprang nun leicht und graziös in die Höhe , indem er versicherte , jetzt müsse alle Geduld erschöpft sein und er habe die Damen mehr gelangweilt , als bei der größten Freundlichkeit zu verantworten sei . Umsonst versicherte die Präsidentin , die Unterhaltung des werthen Gastes werde ihr eine wahre Erholung sein nach der Fatigue des eben gehabten Besuches . Der Baron war nicht zu halten , obgleich ein langer und schmerzlicher Blick auf Auguste dieser deutlich zu verstehen gab , wie schwer es ihm sei , sich jetzt loszureißen . Darauf küßte er die Hand der Mutter flüchtig , die der Tochter mit einer wahren Inbrunst und verschwand leicht und gewandt aus dem Salon . Auf der Treppe athmete der Baron tief auf , schaute einen Augenblick wie forschend um sich her , sprang dann flüchtig die Stufen hinab und warf sich in seinen Wagen , nachdem er dem Kutscher zugerufen : » Nach Hause ! « Die Pferde zogen an , das leichte Coupé flog dahin , und der junge Mann griff mit einem seltsamen Blicke des Triumphes in seine Brusttasche , wo er das bewußte Papier und den Schlüssel verwahrte . » Das ist viel auf einmal , « sprach er laut zu sich selbst , während sein Auge blitzte , » dieses für mich so kostbare Blatt , unbezahlbar nach dem , was ich über den Schreiber desselben erfahren , und dann ein Schlüssel , um ungehindert zu jeder Zeit in den Gartenpavillon des Polizeipräsidenten gelangen zu können . - Glück , du warst mir günstig ! - Aber das arme Mädchen droben ! - Ah ! es war ein trauriges Mittel zum traurigen Zweck . Sie ist schön und gut , auch noch ziemlich unerfahren . - Arme - arme Auguste ! « - An diese letzten Worte , die der junge Mann noch ziemlich heiter aussprach , mußten sich plötzlich ernste , finstere Gedanken reihen , Gedanken , die ihm in kurzer Zeit furchtbar wurden , denn das Auge verlor fast mit einem Male seinen Glanz und stierte matt mit schrecklichem Ausdruck in die Ecke des Wagens , und der Kopf sank auf die Brust herab , während er die Unterlippe heftig zwischen die Zähne klemmte . Darauf wurde sein Gesicht aschfarben und fahl , und nach und nach trat ihm ein kalter Schweiß auf die Stirne . Man hätte glauben sollen , es habe ihn ein heftiger Krampf befallen , der sein Herz stille stehen ließ und seine Glieder löste ; willenlos sank er in sich zusammen , und wenn er sich nicht zuweilen aufgerafft hätte und tief seufzend mit der Hand über die Stirne gefahren wäre , um einen Augenblick auf die Straße zu schauen , hätte man meinen können , auf dem weichen Kissen liege ein schwer Erkrankter - ein Sterbender . Ja , wer ihn vor einigen Minuten am Hause des Präsidenten so leicht und gewandt in den Wagen springen und dann bei seiner Wohnung hätte aussteigen sehen , würde darauf geschworen haben , das sei nicht derselbe Mensch : dieser hier , welcher langsam die Treppen hinauf schlich , sei mindestens um zehn Jahre älter als jener , der dort die Stufen so flüchtig hinabgesprungen . Wir können aber dem geneigten Leser nicht verschweigen , daß der Baron Brand zuweilen solche fürchterliche Augenblicke hatte , wo ihn ein entsetzliches Seelenleiden befiel und dahin warf , wie Jemand , den eine tödtliche Krankheit erfaßt . Sein alter Kammerdiener kannte diesen Zustand , und er führte alsdann seinen Herrn langsam zu einem weichen Fauteuil , mischte ihm ein niederschlagendes Pulver , verdüsterte das Zimmer , indem er die Vorhänge zuzog , und überließ ihn dann seinen finsteren Träumereien . So geschah auch heute , und dann schlich der Kammerdiener leise auf den Zehen gehend zum Zimmer hinaus und trat in das anstoßende Gemach , wo er einen großen Schrank von geschnitztem Eichenholze sorgfältig abschloß und den Schlüssel zu sich steckte . In diesem Schranke aber befanden sich die Pistolen und sonstigen Waffen des Barons . Fünfundzwanzigstes Kapitel . Das Siegel des Herrn von Brand . Der Maler Arthur Erichsen hatte unterdessen in dem Arbeitszimmer des Grafen Fohrbach das Aquarell beendigt , von dem Zeichenbrette herabgeschnitten , auf einen großen weißen Carton befestigt , und dann neben dem Original im günstigsten Lichte aufgestellt . Hierauf nahm er das Billet , welches neben ihm lag , betrachtete einen Augenblick das Siegel und las die Adresse : » An Madame Becker , Kanalstraße Nr. 8. « » Kanalstraße Nr. 8 , « sagte Arthur , » das muß in einem der sehr alten Häuser sein mit den langen unheimlichen Gängen . Nun , es bringt mich nicht gerade übermäßig weit von meinem Wege ab , und da dem Grafen viel daran gelegen zu sein scheint , daß der Brief bald besorgt wird , so will ich den Gang selbst unternehmen . Ich treibe mich überdies gern in so einem alten Gebäude herum . « Arthur steckte das Billet in die Tasche und ging durch den Salon in ' s Vorzimmer , wo er seinen Ueberrock fand , und wo der alte Kammerdiener neben einem Lehnstuhle stand und mit dem bisherigen Jäger des Grafen verkehrte . Dieser schien sich mit Mühe aufrecht zu halten , während seine Finger krampfhaft mit den glänzenden Knöpfen seiner Uniform spielten , und während sein Gesicht erschrocken und bleich aus dem schwarzen Bart hervorleuchtete . » Das ist hart , Herr Kammerdiener , « hörte ihn Arthur sagen , » wenn man so plötzlich fortgeschickt wird . Sie haben gut reden von einem Zeugnisse ; alle Welt kennt den Herrn Grafen Fohrbach und weiß , daß er nicht leicht Jemand wegschicke . Da werden alle Herrschaften die Achseln zucken und Wunder meinen , was ich begangen hätte . - Und was habe ich denn begangen ? - Ich weiß es nicht und Sie sagen es ja nicht . « » Von einem Vergehen wird ja auch nicht gesprochen , « antwortete der alte Mann , indem er seine Blicke auf die Schnupftabaksdose , die er in der Hand hielt , heftete . » Der Herr ist einmal der Herr , und wenn ihm unsere Nase nicht mehr gefällt , so hat er das Recht , uns aus dem Dienst zu schicken . « » Und vielleicht für Zeit Lebens unglücklich zu machen ! - O ! das ist ja entsetzlich ! Ich habe meinen Dienst gethan , wie Jeder , das müssen Sie mir bezeugen ; ich war der Erste und der Letzte auf dem Platze , denn ich hoffte hier ein dauerndes Brod zu finden . - Haben Sie mir je ein böses Wort gesagt , Herr Kammerdiener ? - Gewiß nicht ! Ich nahm mich zusammen , denn ich dachte an Weib und Kind . Bei Unsereinem geht es bitter zu , wenn man eine Zeit lang keine Condition hat . - Was werden sie daheim sagen , wenn ich so plötzlich fortgeschickt bin ! « Der Kammerdiener zuckte die Achseln und entgegnete : » Ich kann darin Nichts machen ; der Herr Graf haben befohlen und ich darf der Sache nicht einmal mehr erwähnen . Doch will ich Ihnen im Vertrauen einen guten Rath geben ; daß er hilft , glaube ich kaum : Wenden Sie sich an einen der Freunde des Herrn , daß er ein gutes Wort für Sie bei dem Grafen einlegt . « Das war ein sogenannter Kanzleitrost und als solchen schien ihn auch der verabschiedete Jäger aufzunehmen . Er seufzte tief auf , fuhr sich mit der Hand über die Augen und ging in sein Zimmer . Dort legte er wahrscheinlich seine glänzende Uniform ab , zog einen ärmlichen Rock an und ging nach seiner Wohnung , wo er der Frau und vier Kindern , die um eine Schüssel mit Kartoffeln saßen , die Kunde von seiner unverhofften Entlassung zum Nachtisch brachte . Arthur ging unangenehm erregt seines Weges und nahm an der nächsten Ecke eine Droschke , die ihn in kurzer Zeit nach der Kanalstraße brachte . Hier stieg er aus und schritt über den öden Hof , den wir dem geneigten Leser in einem der vorigen Kapitel geschildert , nach dem Hintergebäude mit der steinernen Wendeltreppe ; diese stieg er hinauf und befand sich nun in einem der langen Gänge , wo er ungewiß war , an welche Thüre er klopfen sollte . Der Zufall führte ihn übrigens ziemlich glücklich , denn nachdem er zwei Thüren vergeblich geöffnet und in zwei Zimmer geblickt , aus denen ihm eine warme , unangenehme Atmosphäre entgegen drang , wo er zerlumpte und schlecht genährte Kinder auf dem Boden sitzen und scheltende , schmierige Weiber am Kochfeuer stehen sah , welche ihn ziemlich unfreundlich hinaus wiesen , kam er endlich an die Wohnung , die er suchte . Es war die dritte Thüre , an welche er klopfte ; von innen rief man » Herein ! « und als Arthur in das Gemach trat , sah er am Fenster eine Frau stehen , die ihm augenblicklich ein paar Schritte entgegen kam , und , wohl in Folge seines feinen und eleganten Anzugs , einen tiefen Knix machte . » Ich suche Madame Becker . « » Ihnen aufzuwarten habe ich die Ehre vor Ihnen zu stehen , « entgegnete die Frau mit ihrem besten Lächeln , worauf sie abermals knixte und den jungen Mann mit einer Handbewegung bat , auf dem Sopha Platz zu nehmen . Arthur lehnte das aber ab , indem er entgegnete : » Ich danke Ihnen recht sehr ; unser Geschäft ist bald abgemacht . « » Sie sind an mich empfohlen ? « fragte verschmitzt lächelnd die Frau . » Das eigentlich nicht , « versetzte Arthur . » Ich komme nur im Auftrage eines Bekannten , des Grafen Fohrbach . « » Ah ! des Herrn Grafen ! « sagte die Frau doppelt freundlich . Doch zog sie gleich darauf ihren Mund lächelnd in die Breite , die Augenbrauen in die Höhe , schüttelte bedächtig den Kopf und meinte » der Name des Herrn Grafen ist eine der besten Empfehlungen , - ein charmanter junger Herr ! liebenswürdig und gutmüthig ; aber schwer , schwer im Umgang , das kann ich Sie versichern . Und doch war er nie unzufrieden mit mir . - Nun , wir wollen schon sehen . Bitte recht sehr , gefälligst einen Augenblick Platz zu nehmen . « Den Maler interessirte das Gesicht der Frau ; er schaute sie mit einem prüfenden Blicke an und studirte offenbar in diesen seltsamen Zügen , die Verschlagenheit , Gutmüthigkeit , List neben anderen gewiß recht schlimmen Leidenschaften ausdrückten . - Er zog das Billet aus der Tasche hervor , um es Madame Becker darzureichen . » Ah ! noch eine schriftliche Empfehlung ! « sagte diese ; » das wäre vollkommen unnöthig gewesen , der Herr empfehlen sich schon hinlänglich durch Ihr angenehmes Aeußere , und da ich durch den Namen des Herrn Grafen sicher bin , auf alle Verschwiegenheit rechnen zu können , so bitte ich nur frei heraus zu sagen , womit ich dienen soll . « » Und womit können Sie mir eigentlich dienen ? « fragte lächelnd Arthur , den diese sonderbare Unterhaltung zu interessiren begann . » Ah ! das ist eine seltsame Frage , « entgegnete Madame Becker , während sie ihren Mund spitzte und den Versuch machte , schelmisch auszusehen . » Ich erwarte nur Ihre Befehle , wie es Ihnen der Herr Graf auch wohl gesagt haben wird . Anbieten kann ich Ihnen Nichts , das werden Sie natürlicherweise bei mir voraussetzen ; aber die ganze Stadt kenne ich wie meine Tasche , und wenn Sie mir einen Namen nennen , Straße , Haus und Nummer , so erfahren Sie in wenig Tagen , ob ein Besuch möglich oder unmöglich ist . « » Ah so ! « versetzte Arthur laut lachend . » Vorderhand ist es mir nicht möglich , Ihnen irgend dergleichen anzugeben , da ich selbst darüber noch im Unklaren bin . « » Das thut auch Nichts , « antwortete wichtig die Frau , indem sie die rechte Hand auf die Hüfte legte und mit dem Zeigefinger der linken den jungen Mann vertraulich auf den Arm stieß . » Wir kennen unser Geschäft . Eine Beschreibung der Person , eine Straße , wo sie meistens gesehen wird , ein Haus , in das sie häufig geht , das ist Alles , und dann verlassen Sie sich auf Madame Becker ; es müßte mit dem Teufel zugehen , wenn wir in acht Tagen nicht wüßten , woran wir sind . « » Nun , ich will mir das merken , « sprach immer noch lachend der Maler ; » aber vorderhand bin ich nur bei Ihnen , um diesen Brief zu übergeben . « » Richtig , den Brief ! « entgegnete die Frau . » Das hätten wir bald vergessen . Nehmen Sie einstweilen Platz ; ich will meine Brille holen . In die Ferne sehe ich natürlicherweise wie ein Falke , aber mit dem Geschriebenen geht ' s nicht mehr so leicht . Und dann haben der Herr Graf eine feine , kaum leserliche Hand wie ein Frauenzimmer . « Mit diesen Worten eilte sie in ' s Nebenzimmer und Arthur ließ sich auf dem Sopha nieder . Gleich darauf kam Madame Becker zurück , setzte sich neben den Maler und nahm aus einem Futteral eine Brille , die sie mit großer Bedächtigkeit auf ihrer Nase befestigte . Dann nahm sie den Brief in die Hand und sagte : » Gewiß , gewiß , lieber Herr , mit Seiner Gnaden , dem Grafen Fohrbach , ist es eigentlich schwer Geschäfte zu machen . Das werden Sie wohl einsehen ; es ist nicht Alles möglich auf dieser Welt , und meistens ist er auf das Unmögliche versessen . - Nun , wir wollen sehen ! « Damit brachte sie das Billet dicht an die Augengläser , las die Adresse , nickte mit dem Kopfe und wandte alsdann das Schreiben auf die andere Seite , um als eine kluge Frau auch das Siegel zu betrachten . Doch kaum hatte sie einen Blick auf die arabischen Buchstaben desselben geworfen , so fuhr sie erschrocken zurück , ließ Hand und Brief abermals sinken und betrachtete den neben ihr sitzenden jungen Mann mit einem Ausdrucke der höchsten Ueberraschung , ja eines unverkennbaren Schreckens , von oben bis unten . » Der Brief ist von dem Herrn Grafen Fohrbach ? « fragte sie nach einer Pause . » Allerdings ; ich dachte mir , Sie kennten ja die Handschrift , « entgegnete Arthur , dem das plötzliche ängstliche Wesen der Frau auffiel . » Die Handschrift wohl - aber das Siegel ? Haben der Herr Graf diesen Brief wohl selbst gesiegelt ? « » Ohne Zweifel ; ich glaube nicht , daß er ähnliche Schreiben von Anderen siegeln läßt . « » Sehen wir , sehen wir ! « sprach eifrig Madame Becker ,