sitzen , welcher im Kreise einiger Klugen und Frommen die weise und fröhliche Ergebung in das Unvermeidliche mit ausgezeichneter Kunst übte . Er machte einigen bejahrten Frauen den Hof und wußte jeder noch zu sagen , was sie vor dreißig Jahren gern gehört ; dafür schmeichelten sie der kleinen Anna , lobten ihre Manieren und priesen den Alten glücklich . Zu dieser Gruppe setzte ich mich und horchte neben Anna auf die beschaulichen Reden der Alten . Dabei hielten wir zwei , denen nun erst vergnüglich zu Mute wurde , noch eine kleine Mahlzeit aus der gleichen Schüssel und tranken zusammen ein Glas Wein . Auf einmal fing es über unseren Köpfen an zu brummen und zu quieken . Geige , Baß und Klarinette wurden angestimmt , und ein Waldhorn erging sich in schwülen , verliebten Tönen . Während der rüstige Teil der Versammlung aufbrach und nach dem geräumigen Boden hinaufstieg , sagte der Schulmeister » So muß es also doch getanzt sein ? Ich glaubte , dieser Gebrauch wäre endlich abgeschafft , und gewiß ist dies Dorf das einzige weit und breit , wo er noch manchmal geübt wird ! Ich ehre das Alte , aber alles , was so heißt , ist doch nicht ehrwürdig und tauglich ! Indessen mögt ihr einmal zusehen , Kinder , damit ihr später noch davon sagen könnt ; denn hoffentlich wird das Tanzen auf Leichenbegängnissen endlich doch verschwinden ! « Wir huschten sogleich hinaus , wo auf der Flur und der Treppe , die nach oben führte , die Menge sich zu einem Zuge ordnete und paarte , denn ungepaart durfte niemand hinaufgehen . Ich nahm daher Anna bei der Hand und stellte mich in die Reihe , welche sich , von den Musikanten angeführt , in Bewegung setzte . Man spielte einen elendiglichen Trauermarsch , zog nach seinem Takte dreimal auf dem Boden herum , der zum Tanzsaal umgewandelt war , und stellte sich dann in einen großen Kreis . Hierauf traten sieben Paare in die Mitte und führten einen schwerfälligen alten Tanz auf von sieben Figuren mit schwierigen Sprüngen , Kniefällen und Verschlingungen , wozu schallend in die Hände geklatscht wurde . Nachdem dieses Schauspiel seine gehörige Zeit gedauert hatte , erschien der Wirt , ging einmal durch die Reihen , dankte den Gästen für ihre Teilnahme an seinem Leid und flüsterte hier und dort einem jungen Burschen , daß es alle sahen , in die Ohren , er möchte sich die Trauer nicht allzusehr zu Herzen gehen und ihn in seinem Schmerze jetzt nur allein und einsam lassen , er empföhle ihm vielmehr , sich nun wieder des Lebens zu freuen . Hierauf schritt er wieder gesenkten Hauptes von dannen und stieg die Treppe hinunter , als ob es direkt in den Tartarus ginge . Die Musik aber ging plötzlich in einen lustigen Hopser über , die Älteren zogen sich zurück , und die Jugend brauste jauchzend und stampfend über den dröhnenden Boden hin . Anna und ich standen , noch immer Hand in Hand , verwundert an einem Fenster und schauten dem dämonischen Wirbel zu . Auf der Straße sahen wir die übrige Jugend des Dorfes dem Geigenklange nachziehen ; die Mädchen stellten sich vor die Haustür , wurden von den Knaben heraufgeholt , und wenn sie einen Tanz getan , hatten sie das Recht erworben , aus den Fenstern die Burschen , die noch unten waren , heraufzurufen . Es wurde Wein gebracht und in allerhand Dachwinkeln kleine Trinkstätten hergestellt , und bald verschmolz alles in einen rauschenden und tobenden Wirbel der Lust , welche sich in ihrem Lärm um so sonderbarer ausnahm , als es Werktag war und das Dorf ringsherum in gewöhnlicher stiller Arbeit begriffen . Nachdem wir lange Zeit zugeschaut , fortgegangen und wiedergekommen waren , sagte Anna errötend , sie möchte einmal probieren , ob sie in der großen Menge tanzen könne . Dieses kam mir sehr gelegen , und wir drehten uns im selben Augenblicke in den Kreisen eines Walzers dahin . Von nun an tanzten wir mehrere Stunden ununterbrochen , ohne müde zu werden , die Welt und uns selbst vergessend . Wenn die Musik eine Pause machte , so standen wir nicht still , sondern setzten unsern Weg durch die Menge fort in raschem Schritte und fingen mit dem ersten Tone wieder zu tanzen an , wir mochten gerade gehen , wo es war . Mit dem ersten Tone der Abendglocke aber stand auf einmal der Tanz still mitten in einem Walzer , die Paare ließen ihre Hände fahren , die Dirnen wanden sich aus den Armen der Tänzer , und alles eilte , sich ehrbar begrüßend , die Treppe hinunter , setzte sich noch einmal hin , um Kaffee mit Kuchen zu genießen und dann ruhig nach Hause zu gehen . Anna stand , mit glühendem Gesichte , noch immer in meinem Arme , und ich schaute verblüfft umher . Sie lächelte und zog mich fort ; wir fanden ihren Vater nicht mehr im Hause und gingen weg , ihn beim Oheim aufzusuchen . Es war Dämmerung draußen , und die allerschönste Nacht brach an . Als wir auf den Kirchhof kamen , lag das frische Grab einsam und schweigend , vom aufgehenden goldfarbenen Monde bestreift . Wir standen vor dem braunen , nach feuchter Erde duftenden Hügel und hielten uns umfangen , zwei Nachtfalter flatterten durch die Büsche , die vielen Blüten gaben einen mächtigen Duft , und Anna atmete erst jetzt schnell und stark . Wir gingen zwischen den Gräbern umher , für dasjenige der Großmutter einen Strauß zu sammeln , und gerieten dabei , im tiefen tauigen Grase wandelnd , in die verworrenen Schatten der üppigen Grabgesträuche . Da und dort blinkte eine matte goldene Schrift aus dem Dunkel oder leuchtete ein Busch weißer Rosen wie Schnee hervor , Anna brach , da hier von abgegrenztem Eigentume nicht die Rede war , ihr aufgeschürztes schwarzes Kleid ganz voll weißer und roter Rosen , und als sie , damit beladen und beide Hände beschäftigt , mit dem Köpfchen sich in den Zweigen eines dichten dunklen Holunderstrauches fing , ich sie befreien wollte und wir beide so in der stark duftenden Finsternis standen , da flüsterte sie , sie möchte mir jetzt etwas sagen , aber ich müßte sie nicht auslachen und es verschweigen . Ich fragte » Was ? « und sie sagte , sie wolle mir jetzt den Kuß geben , den sie mir von jenem Abend her schuldig sei . Ich hatte mich schon zu ihr geneigt , und wir küßten uns zwei oder drei Mal , aber höchst ungeschickt , wir schämten uns , eilten zum Grabe , Anna warf die Blumenlast darauf hin , wir fielen uns um den Hals und küßten uns eine Viertelstunde lang unaufhörlich , zuletzt ganz vollendet und schulgerecht . Viertes Kapitel Als Anna mit ihrem Vater noch spät sich verabschiedete , war ich in dem Augenblicke nicht zugegen , und sie konnte mir daher nicht adieu sagen . Obgleich schmerzlich betroffen war , als ich sie nicht mehr zugegen fand , überwog doch mein junges Seelenglück ; auf meiner Kammer lag ich noch eine volle Stunde unter dem Fenster und sah die Cestirne ihren fernen Gang tun , und die Wellen unter mir trugen das Mondensilber auf ihren klaren Schultern hastig und kichernd zu Tal , als ob sie es gestohlen hätten , warfen hier und da einige Schimmerstücke ans Ufer , als ob sie ihnen zu schwer würden , und sangen fort und fort ihr mutwilliges Wanderlied . Auf meinem Munde lag es unsichtbar , aber süß und warm und doch frisch und taukühl . Als ich schlafen ging , spukte und rauschte es die ganze Nacht auf meinen Lippen , durch Traum und Wachen , welche oft und heftig wechselten ; ich sank von Traum zu Traum , farbig und blitzend , dunkel und schwül , dann wieder sich erhellend aus dunkelblauer Finsternis zu blumendurchwogter Klarheit , ich träumte nie von Anna , aber ich küßte Baumblätter , Blumen und die lautere Luft und wurde überall wiedergeküßt , fremde Frauen gingen über den Kirchhof und wateten durch den Fluß mit silberglänzenden Füßen , die eine trug Annas schwarzes Gewand , die andere ihr blaues , die dritte ihr grünes mit den roten Blümchen , die vierte ihre Halskrause , und wenn mich dies ängstigte und ich ihnen nachlief und darüber erwachte , war es , als ob die wirkliche Anna von meinem Lager soeben und leibhaftig wegschliche , daß ich verwirrt und betäubt auffuhr und sie laut beim Namen rief , bis mich die stille Glanznacht , welche getreulich im Tale lag , zu mir selbst brachte und in neue Träume hüllte . So ging es in den hellen Morgen hinein , und beim Erwachen war ich wie von einem heißen Quell der Glückseligkeit durchtränkt und berauscht . Die Nacht in meinem Bewußtsein war wie ein großes schönes Ereignis , und alle ihre verwirrten Träume ließen den Eindruck der schönsten Wirklichkeit zurück ich war wie ein neuer Mensch , reicher an Wissen und Erfahrung als gestern , und doch wußte ich nichts und hätte es in keine Worte fassen können . Ich ging , noch immer trunken und träumend , unter meine Verwandten und fand in der Wohnstube den benachbarten Müller vor , welcher mit einem leichten Fuhrwerke meiner harrte , um mich mit nach der Stadt zu nehmen . Meine Rückkehr war nämlich , seit einiger Zeit bestimmt , an die Geschäftsreise dieses Mannes geknüpft und zufällig verabredet worden , da das Fahren mit ihm einige Bequemlichkeit bot . Ich fragte nach dieser ohnehin nicht viel , der Müller erschien zudem unerwartet und früher , als man geglaubt , mein Oheim und seine Sippschaft forderten mich auf , ihn fahren zu lassen und zu bleiben , in meinem Herzen schrie es nach Anna und nach dem stillen See - aber ich versicherte ernsthaft , daß meine Verhältnisse geböten , diese Gelegenheit zu benutzen , frühstückte eilig , nahm einige meiner Sachen zusammen und von den verblüfften und fast unwilligen Verwandten Abschied und setzte mich mit dem Müller auf das Wägelchen , welches ohne Aufenthalt zum Dorfe hinausund bald auf der staubigen Landstraße dahinrollte . Dies alles tat ich halb unbewußt in der Verwirrung , zum Teil weil ich wähnte , man würde mir auf der Stelle ansehen , daß ich wegen Anna bliebe und daß ich sie wirklich liebe , und endlich auch aus unerklärlicher Laune . Sobald ich hundert Schritte vom Dorfe entfernt war , reute mich meine Abreise , ich wäre gern vom Wagen gesprungen und drehte den Kopf immerwährend zurück nach den Höhen , welche , um den See lagen , und schaute sie an , ohne zu gewahren , wie sie unter meinen Augen blau und klein wurden und hinter meinem Rücken das Hochgebirge aus größern und tiefern Seen emporstieg . Ich konnte mich in den ersten Tagen meiner Rückkehr kaum zurechtfinden . Im Angesichte der großartigen und schönen Landschaft , welche die Stadt umgibt , schwebte mir nun die verlassene Gegend wie ein Paradies vor , und ich fühlte erst jetzt jeden Reiz ihrer einfachen und anspruchlosen , aber so ruhigen und lieblichen Bestandteile . Wenn ich auf der höchsten Höhe über unserer Stadt in das Land hinaussah , so war mir der kleine versteckte Strich blauen Fernegebietes , wo das Dorf und nicht weit davon des Schulmeisters See zu vermuten waren , die schönste Stelle des Gesichtskreises , die Luft wehte reiner und glücklicher von dorther , der mir unsichtbare Aufenthalt Annas in jener entlegenen bläulichen Dämmerung wirkte magnetisch über alles dazwischenliegende Land her ; ja wenn ich , in der Tiefe gehend , jenen glücklichen Horizont nicht sah , so suchte und fühlte ich doch die Himmelsgegend und sah mit Heimweh und Sehnsucht das dorthin gehende Stück Himmel von näheren Bergen begrenzt . Indessen erneuerte sich die Frage über meine Berufswahl und machte sich täglich dringender geltend , da man mich nicht länger halb müßig und planlos sehen konnte . Ich war einmal an den Türen des Fabrikgebäudes vorbeigestrichen , wo der eine Gönner hauste . Ein häßlicher Vitriolgeruch drang mir in die Nase , und bleiche Kinder arbeiteten innerhalb und lachten mit rohen Grimassen hervor . Ich verwarf unbedingt die Hoffnungen , die sich hier darboten , und zog es vor , lieber ganz von solchen halbkünstlerischen Ansprüchen fernzubleiben und mich dem Schreibertume entschieden in die Arme zu werfen , wenn einmal entsagt werden müsse , und ich gab mich diesem Gedanken schon geduldig hin . Denn nicht die mindeste Aussicht tat sich auf , bei irgendeinem guten Künstler untergebracht zu werden . Da gewahrte ich eines Tages , wie eine Menge der gebildeten Leute der Stadt in einem öffentlichen Gebäude aus und ein gingen . Ich erkundigte mich nach der Ursache und erfuhr , daß in dem Hause eine Kunstausstellung stattfinde , welche , von einem Vereine mehrerer größerer Schweizerstädte veranlaßt , in diesen bereits ihre Runde gemacht und nun noch durch die kleineren Städte zirkuliere , um auch hier der Kunst mehr Freunde zu gewinnen . Da ich sah , daß nur feingekleidete Leute hineingingen , lief ich nach Hause , putzte mich ebenfalls möglichst heraus , als ob es in die Kirche ginge , und wagte mich alsbald in die geheimnisvollen Räume . Ich trat in einen hellen Saal , in welchem es von allen Wänden und von großen Gestellen in frischen Farben und Gold erglänzte . Der erste Eindruck war ganz traumhaft , große klare Landschaften tauchten von allen Seiten , ohne daß ich sie vorerst einzeln besah , auf und schwammen vor meinen Blicken mit zauberhaften Lüften und Baumwipfeln ; Abendröten brannten , Kinderköpfe , liebliche Studien guckten dazwischen hervor , und alles entschwand wieder vor neuen Gebilden , so daß ich mich ernstlich umsehen mußte , wo denn dieser herrliche Lindenhain oder jenes mächtige Gebirge hingekommen seien , die ich im Augenblicke noch zu sehen geglaubt ? Dazu verbreiteten die frischen Firnisse der Bilder einen sonntäglichen Duft , der mir angenehmer dünkte als der Weihrauch einer katholischen Kirche , obschon ich diesen sehr gern roch . Es ward mir kaum möglich , endlich vor einem Werke stillzustehen , und als dies geschah , da vergaß ich mich vor demselben und kam nicht mehr weg . Einige große Bilder der Genfer Schule , mächtige Baum-und Wolkenmassen in mir unbegreiflichem Schmelze gemalt , waren die Zierden der Ausstellung , eine Menge Genrebildchen und Aquarellen reizten dazwischen als leichtes Plänklervolk , und ein paar Historien und Heiligenscheine wurden kalt bewundert . Aber immer kehrte ich zu jenen großen Landschaften zurück , verfolgte den Sonnenschein , welcher durch Gras und Laub spielte , und prägte mir voll inniger Sympathie die schönen Wolkenbilder ein , welche von Glücklichen mit leichter und spielender Hand hingetürmt schienen . Ich stak , solange es dauerte , den ganzen Tag in dem wonniglichen Saale , wo es fein und anständig herging , die Leute sich höflich begrüßten und vor den glänzenden Rahmen mit zierlichen Worten sich besprachen . Nach Hause gekommen , saß ich nachdenklich umher und beklagte fortwährend mein Schicksal , daß ich auf das Malen verzichten müsse , daß es meiner Mutter durchs Herz ging und sie nochmals eine Rundschau anstellte mit dem Vorsatze , mir meinen Willen zu tun , möchte es gehen , wie es wolle . So trieb sie endlich einen Mann auf die Beine , welcher in einem alten Frauenklösterlein vor der Stadt , wenig beachtet , einen wunderlichen Kunstspuk trieb . Er war ein Maler , Kupferstecher , Lithograph und Drucker in einer Person , indem er , in einer verschollenen Manier , vielbesuchte Schweizerlandschaften zeichnete , dieselben in Kupfer kratzte , abdruckte und von einigen jungen Leuten mit Farben überziehen ließ . Diese Blätter versandte er in alle Welt und führte einen dankbaren Handel damit . Dazu machte er , was ihm unter die Finger kam , sonst noch , riskierte Porträts , fertigte Etiketten und Visitenkarten , Taufscheine mit Taufstein und Paten und Grabschriften mit Trauerweiden und weinenden Genien ; wenn dazwischen ein Unkundiger gekommen wäre und ihm gesagt hätte » Könnt Ihr mir ein Bild malen , so schön es zu haben ist , das unter Kennern zehntausend Taler wert ist ? ich möchte ein solches ! « so würde er die Bestellung unbedenklich angenommen und sich , nachdem die Hälfte des Preises zum voraus bezahlt , unverweilt an die Arbeit gemacht haben . Bei diesem Treiben unterstützte ihn ein tapferes Häuflein Gerechter , und der Schauplatz ihrer Taten war das ehemalige Refektorium der frommen Klosterfrauen . Dessen beide Langseiten waren jede mit einem halben Dutzend hoher Fenster versehen mit runden Scheibchen , welche wohl Licht ein- , aber bei ihrer wellenförmigen Oberfläche keinen Blick hinausließen , was auf den Fleiß der hier waltenden Kunstschule wohltätigen Einfluß übte . Jedes dieser Fenster war mit einem Kunstbeflissenen besetzt , welcher , dem Hintermanne den Rücken zukehrend , dem Vordermanne ins Genick sah . Das Haupttreffen dieser Armee bildeten vier bis sechs junge Leute , teils Knaben , welche die Schweizerlandschaften blühend kolorierten ; dann kam ein kränklicher , hustender Bursche , der mit Harz und Scheidewasser auf kleinen Kupferplatten herumschmierte und bedenkliche Löcher hineinfressen ließ , auch wohl mit der Radiernadel dazwischenstach und der Kupferstecher genannt wurde . Auf diesen folgte der Lithograph ein froher und unbefangener Geist , der verhältnismäßig das weiteste Gebiet umfaßte , nächst dem Meister , da er stets gewärtig und bereit sein mußte , das Bildnis eines Staatsmannes oder eine Wein karte , den Plan einer Dreschmaschine wie das Titelblatt für eine Erbauungsschrift junger Töchter auf den Stein zu bringen mit Kreide , Feder , graviert oder getuscht . Im Hintergrunde des Refektoriums arbeiteten mit breiten Bewegungen zwei schwärzliche Gesellen , der Kupfer- und der Steindruckergehilfe , jeder an seiner Presse , indem sie die Werke obiger Künstler auf feuchtes Papier abzogen . Endlich , im Rücken der ganzen Schar und alle übersehend , saß der Meister , Herr Kunstmaler und Kunsthändler Habersaat , Besitzer einer Kupfer- und Steindruckerei und sich allen entsprechenden Aufträgen empfehlend , an seinem Tische mit den feinsten und schwierigsten Aufgaben , meistens jedoch mit seinem Buche , Briefschreiben und dem Verpacken der fertigen Sachen beschäftigt . Es herrschte ein streng ausgeschiedener Geist in den Ansprüchen und Hoffnungen des Refektoriums . Der Kupferstecher und der Lithograph waren fertige Leute , die selbständig in die Welt schauten , bei Meister Habersaat um einen Gulden täglich ihre acht Stunden arbeiteten und sich weiter weder um ihn was bekümmerten noch große Hoffnungen nährten . Mit den jungen Koloristen hingegen verhielt es sich anders . Diese lustigen Geister gingen mit wirklichen , leichten und durchsichtigen Farben um , sie handhabten den Pinsel in Blau , Rot und Gelb , und das um so fröhlicher , als sie sich um Zeichnung und Anordnung nichts zu bekümmern hatten und mit ihrem buntflüssigen Elemente vornehm über die düstern Schwarzkünste des Kupferstechers wegeilen durften . Sie waren die eigentlichen Maler in der Versammlung , ihnen stand noch das Leben offen , und jeder hoffte , wenn er nur erst aus diesem Fegefeuer des Meisters Habersaat entronnen , noch ein großer Künstler zu werden . In dieser Cruppe erbte sich durch alle Generationen , welche schon im Dienste des Meisters durch das Refektorium geschwunden , die große Künstlertradition von Samtrock und Barett fort ; aber nur selten erreichte einer dies Ziel , indem immer der Flug vorher ermüdete und die Mehrzahl der Getäuschten nach ihrem Austritte noch ein gutes Handwerk erlernte . Es waren immer Söhne blutarmer Leute , welche , in der Wahl eines Unterkommens verlegen , von dem rührigen Manne in sein Refektorium gelockt wurden unter der Aussicht , eine Art Maler und Herren zu werden , die ihr Auskommen finden und immer noch etwas über dem Schneider und Schuster stehen würden . Da sie gewöhnlich keine Gelder beibringen konnten , so mußten sie sich verbindlich machen , den Unterricht in der » Malerkunst « abzuverdienen und vier Jahre für den Meister zu arbeiten . Er richtete sie dann vom ersten Tage an zum Färben seiner Landschaften ab und brachte sie , ungeachtet ihrer gänzlichen Unberufenheit , durch Strenge so weit , daß sie ihre Arbeit bald reinlich und klar und nach den überlieferten Gebräuchen verrichteten . Nebenbei durften sie , wenn sie wollten , an Feiertagen ein verkommenes oder zweckloses Blatt nachzeichnen zur weiteren Ausbildung , und sie wählten meistens solche Gegenstände , welche nichts zu lernen darboten , aber für den Augenblick am meisten Effekt machten und die ihnen der Meister korrigierte , wenn er nicht allzu beschäftigt war . Er sah es aber nicht einmal gern , wenn sie diesen Privatfleiß zu weit trieben ; denn er hatte schon einigemal erfahren , daß solche , welche Geschmack daran fanden und eine künstlerische Ader in sich entdeckten , beim Kolorieren seiner Prospekte unreinlich und verwirrt geworden . Sie mußten streng und anhaltend arbeiten und steckten um so mehr voll Possen und Schwänke , die sich in jedem freien Augenblicke Luft machten , und erst gegen das vierte Jahr hin , wenn die schönste Zeit zur Erlernung von etwas Besserm verflossen war , wurden sie gebeugt und gedrückt , von den Eltern mit Vorwürfen geplagt , daß sie immer noch von ihrem Brote äßen , und dachten ernstlich darauf , während sie noch pinselten , bei guter Zeit noch etwas Einträglicheres zu ergreifen , und auch solche , die wirklich aus einem innern Antriebe gekommen waren und außergewöhnliches Geschick bezeigten , fielen ohne weiteres ab , da sie in ihrer ganzen Erfahrung zufällig nie gehört , daß man nur durch Entbehren , Dulden und Ausharren ans Ziel gelange , und dagegen einzig wußten , daß man so bald als möglich Geld verdienen müsse . Die Jugendjahre von wohl dreißigen solcher Knaben und Jünglinge hatte Habersaat schon in blauen Sonntagshimmeln und grasgrünen Bäumen auf sein Papier gehaucht , und der hüstelnde Kupferstecher war sein infernalischer Helfershelfer , indem er mit seinem Scheidewasser die schwarze Unterlage dazu ätzte , wobei die melancholischen Drucker , an das knarrende Rad gefesselt , füglich eine Art gedrückter Unterteufel vorstellten , nimmermüde Dämonen , die unter der Walze ihrer Pressen die zu bemalenden Blätter unerschöpflich , endlos hervorzogen . So begriff er vollständig das Wesen heutiger Industrie , deren Erzeugnisse um so wertvoller und begehrenswerter zu sein scheinen für die Käufer , je mehr schlau entwendetes Kinderleben darin aufgegangen ist . Es saßen im Refektorium zehnjährige Äffchen in Höschen und Jäckchen , die ihnen zu kurz waren , und ließen ihre Finger ruhlos tanzen , in strengster Reinlichkeit die leichteren Anlagen bereitend ; die Unglücklichen waren in dies Paradies geraten , weil sie zu Hause allzu emsig die Titelblätter und Vignetten ihrer Testamente illuminiert und so ihre Eltern irre und die Aufmerksamkeit des Herrn Habersaat auf sich geleitet hatten . Er machte auch ganz ordentliche Geschäfte und galt daher für einen Mann , bei dem sich was lernen ließe , wenn man nur wolle . Von irgendeiner Seite her war meiner Mutter angeraten worden , sich mit ihm zu besprechen und sein Geschäft einmal anzusehen , da es wenigstens für den Anfang eine Zuflucht zu weiterm Vorschreiten böte , zumal wenn man mit ihm übereinkäme , daß er mich nicht zu seinem Nutzen verwende , sondern gegen genügende Entschädigung nach seinem besten Wissen unterrichte . Er zeigte sich gern bereit und erfreut , einen jungen Menschen einmal als eigentlichen Künstler heranzubilden , und belobte meine Mutter höchlich für ihren kundgegebenen Entschluß , die nötigen Summen hieran wenden zu wollen ; denn jetzt schien ihr der Zeitpunkt gekommen zu sein , wo die Frucht ihrer unablässigen Sparsamkeit geopfert und auf den Altar meiner Bestimmung mit voller Hand gelegt werden müsse . Es ward also ein Kontrakt geschlossen auf zwei Jahre , welche ich gegen regelmäßige Quartalzahlungen des Honorars im Refektorium zubringen sollte unter den zweckdienlichsten Übungen . Nach gegenseitiger Unterschreibung desselben verfügte ich mich eines Montags Morgen in das alte Kloster und trug meine sämtlichen bisherigen Versuche und Arbeiten in bunter Mischung bei mir , um sie auf Verlangen des neuen Meisters vorzuzeigen . Er bezeugte , indem meine wunderlichen Blätter herumgingen , nachträglich seine Zufriedenheit mit meinem Eifer und meinen Absichten und stellte mich dem Personale , das sich erhoben hatte und neugierig herumstand , als einen wahren Bestrebten vor , wie er beschaffen sein müsse schon vor dem Eintritte in eine Kunsthalle . Sodann erklärte er , daß es ihm recht zum Vergnügen gereichen werde , einmal eine ordentliche Schule an einem Schüler durchzuführen , und sprach seine Erwartungen hinsichtlich meines Fleißes und meiner Ausdauer feierlich aus . Einer der Koloristen mußte nun seinen Platz am Fenster räumen und sich neben einen andern setzen , indessen ich dort eingerichtet wurde , und hierauf , als ich , erwartungsvoll der Dinge , die da kommen sollten , vor dem leeren Tische stand , brachte Herr Habersaat eine landschaftliche Vorlage aus seinen Mappen hervor , den Umriß eines einfachen Motives aus einem lithographierten Werke , wie ich es schon in den Schulen vielfach gesehen hatte . Dies Blatt sollte ich vorerst aufmerksam und streng kopieren . Doch bevor ich mich hinsetzte , schickte mich der Meister wieder fort , Papier und Bleistift zu holen , an welche ich nicht gedacht , da ich überhaupt keinen Begriff von dem ersten Beginnen gehabt hatte . Er beschrieb mir das Nötige , und da ich kein Geld bei mir trug , mußte ich erst den weiten Weg nach Hause machen und dann in einen Laden gehen , um es gut und neu einzukaufen , und als ich wieder hinkam , war es eine halbe Stunde vor Mittag . Dieses alles , daß man mir für diesen Anfang nicht einmal ein Blatt Papier und einen Stift gab , sondern fortschickte , welche holen , ferner das Herumschlendern in den Straßen , das Geldfordern bei der Mutter und endlich das Beginnen kurz vor der Stunde , wo alles zum Essen auseinanderging , erschien mir so nüchtern und kleinlich und im Gegensatze zu dem Treiben , das ich mir dunkel in einer Künstlerbehausung vorgestellt hatte , daß es mir das Herz beengte . Jedoch ward es bald von diesem Eindrucke abgezogen , als die unscheinbaren Aufgaben , die mir gestellt wurden , mir mehr zu tun gaben , als ich mir anfänglich eingebildet ; denn Habersaat sah vor allem darauf , daß jeder Zug , den ich machte , genau die gleiche Größe des Vorbildes maß und das Ganze weder größer noch kleiner erschien . Nun kamen aber meine Nachbildungen immer größer heraus als das Original , obgleich in richtigem Verhältnisse , und der Meister nahm hieran Gelegenheit , seine Genauigkeit und Strenge zu üben , die Schwierigkeit der Kunst zu entwickeln und mich behaglich fühlen zu lassen , daß es doch nicht so rasch ginge , als ich wohl geglaubt hätte . Doch fand ich mich wohl und geborgen an meinem Tische ( die Abwesenheit von Staffeleien , die ich mir als besondere Zierde einer Werkstatt gedacht , empfand ich freilich ) und arbeitete mich tapfer durch diese kleinlichen Anfänge hindurch . Ich kopierte getreulich die ländlichen Schweinställe , Holzschuppen und derlei Dinge , aus welchen , in Verbindungen mit allerlei magerm Strauchwerk , meine Vorbilder bestanden und die mir um so mühseliger wurden , je verächtlicher sie meinen Augen erschienen . Denn mit dem Eintritte in den Saal des Meisters hatte sich mit der Pflicht und dem Gehorsame zugleich der Schein der Nüchternheit und Leerheit über diese Dinge ergossen für meinen ungebundenen und willkürlichen Geist . Auch kam es mir fremd vor , den ganzen Tag , an meinen Platz gebunden , über meinem Papiere zu sitzen , zumal man nicht im Zimmer umhergehen und unaufgefordert nicht sprechen durfte . Nur der Kupferstecher und der Lithograph führten einen bescheidenen Verkehr mit sich und den betreffenden Druckergesellen und richteten das Wort auch an den Meister , wenn es ihnen gut dünkte , ein bißchen zu plaudern . Dieser aber , wenn er guter Laune war , erzählte allerlei Geschichten und geläufige Kunstsagen , auch Schwänke aus seinem frühern Leben und Züge von der Herrlichkeit der Maler . Sowie er aber bemerkte , daß einer zu eifrig aufhorchte und die Arbeit darüber vergaß , brach er ab und beobachtete eine geraume Zeit weise Zurückhaltung . Ich genoß das Vorrecht , meine Vorlagen selbst hervorzuholen , und verweilte dabei immer längere Zeit , die vorhandenen Schätze durchzugehen . Sie bestanden aus einer großen Menge zufällig zusammengeraffter Gegenstände , aus guten alten Kupferstichen , einzelnen Fetzen und Blättern ohne Bedeutung , wie sie die Zeit anhäuft , Zeichnungen von einer gewissen Routine , ohne Naturwahrheit , und einem unendlichen übrigen Mischmasch . Was mich zunächst betraf , waren einige Hefte französischer Landschaftsstudien , mit Eleganz und Bravour auf Stein gezeichnet , welche mir für das eigentliche Studium in Aussicht gestellt waren . Handzeichnungen nach der Natur , Blätter , die um ihrer selbst willen da waren und denen man angesehen hätte , daß sie freie Luft und Sonne getrunken , fanden sich nicht ein einziges Stück vor , denn der Meister hatte seine Kunst und seinen Schlendrian innerhalb vier Wänden erworben und begab sich nur hinaus , um so schnell als möglich eine gangbare Ansicht zu entwerfen , wobei alle seine Bäume einen neutralen Typus erhielten und Erde , Weg und Steine mit den gleichen Tuschen und Charakteren gebildet wurden , daß sie alle aus dem nämlichen Stoffe zu bestehen schienen . Indessen zeigten diese Arbeiten alle ein fertiges Geschick in betreff der Klarheit und Sauberkeit der Tinten ; dieselben waren nicht wahr und bestanden aus sogenannten Phantasiefarben , welche in der Natur nicht anzutreffen waren , wenigstens nicht an der Stelle , wo sie gerade angewendet erschienen ; allein sie spielten glänzend und ansprechend ineinander für den unkundigen Beschauer . Diese gewandte