mit Heftigkeit die Hand der Lupinus . » Du bist unruhig . Hättest Du wieder beleidigende Aeußerungen gehört ? « » Im Gegentheil , liebe Mutter , das ist alles überwunden , selbst der schreckliche Gedanke , daß ich in die Zeitungen kommen musste , auch das ist nun vorüber . Als wir neulich durch die Nebel auf der Wiese fuhren , und die Sonne ging dann auf , und sie verdampften , bis alles , alles klar war , da fühlte ich mich wie aufgelebt . Das Gras , die Büsche und die Blumen sind doch nicht Schuld daran , dachte ich , daß der häßliche Nebel sie belegt . « Der Geheimräthin prüfender Biick war noch derselbe : » Und Dir ist doch etwas ! Du kamst so echauffirt zurück . Du kannst Dich nicht verstellen . Ist er Dir wieder begegnet ? « Adelheid nickte nur mit dem Kopf . » Wo ? « » Als ich in den Thorweg zu Herrn Richter einbog , glaubte ich ihn um die andere Ecke kommen zu sehen , ich hoffte , er hätte mich nicht bemerkt . Und darum war es mir lieb , daß Herr Richter mich länger aufhielt . Aber als ich heraustrat , und wirklich , ich hatte ihn in dem Augenblick ganz vergessen über den herrlichen Mann , da - « » Unterstand er sich , Dich auf offener Straße anzutreten ! « » Nein eigentlich nicht . Er stand am Eckhause , wo ich vorbei musste , mit gekreuzten Armen , wie ein Träumender . « » Und als Du vorbei gingst ? « » Mama , ich glaube beinahe , ich hüpfte vorbei , so wohl war mir in dem Augenblick und ich sah ihn erst , und er gewiß mich auch , als ich beinahe an ihn stieß . « » Und - « » Ich weiß nicht , stieß ich einen Schrei aus , aber es war gewiß nicht laut , ich fuhr zurück - « » Und er ? « » Vielleicht sagte er auch etwas . Das weiß ich nicht mehr . Aber der Blick , den er auf mich warf , verfolgte mich . « » Unerhört ! Ließest Du ihn nicht durch den Bedienten zurecht weisen ? Er ist ja ein fürchterlicher Mensch . « » Den armen kranken Johann , der sich nur so hinschleppt - « » Du hättest den ersten besten Polizeimann oder Soldaten anrufen sollen . « » Nein , theuerste Mutter , lassen Sie mich lieber nie mehr ausgehen ohne Ihre Begleitung . Ich bitte Sie recht dringend , inständigst darum . Ich hätte wohl den Muth , ihm Rede zu stehen , wie er verdient , aber - « » Drei Mal hatte er ja wohl die Unverschämtheit , sich anmelden zu lassen , seit er aus dem Arrest ist ? « » Das dritte Mal gerade , als Sie zum Polizei-Präsidenten gefahren waren . « » Da ist auch keine Abhülfe , « sagte die Geheimräthin kopfschüttelnd . » Der Präsident meinte , die paar Wochen , die man ihn wieder eingesperrt , seien das Aeußerste , was man thun könne . Denn von der Insulte gegen Dich ist nicht die Rede gewesen , nur weil er maskirt auf der Straße erschienen und mit der Wache seinen Spott trieb ! Aber , mit uns treibt er täglich seinen Spott , sagte ich , er verfolgt im Theater , auf der Straße meine Pflegetochter , er dringt in mein Haus . Wer schützt uns ? Der Herr Präsident hatten keine Antwort , als , er bedaure , daß wir keine Bastille hätten und keine lettres de cachet für Personen , die uns unbequem sind . « Adelheid senkte die Augen : » Was that er uns auch eigentlich , was die Obrigkeit verbieten kann ? Andre fixiren mich auch im Theater . Er wollte in unser Haus , aber bei hellem Tage , er klingelte und ließ sich ordentlich melden . Er schrieb einen Brief an mich , aber wir schickten ihn uneröffnet zurück . Wir können dem Richter nicht einmal angeben , was er will . « » Sollen wir warten bis er eine Leiter anlegt , oder Nachts übers Dach einbricht ? « » Neulich , als Sie fortgefahren waren , hatte er mich durch das Flurfenster gesehen , und doch respectirte er die Unwahrheit , die der Bediente auf Ihren Befehl sagte : ich sei nicht zu Hause . Johann hatte die Thür schon geöffnet , er brauchte nur den Fuß vorzusetzen , ihn mit dem Ellenbogen zurückstoßen und wenn er seiner Tollheit nachgehen wollte , war er Herr im Hause . Es mag in dem Augenblick auch so etwas in seinen Sinnen umgegangen sein . Die Arme auf der Brust gekreuzt , stand er eine Weile auf dem Flur und sein Auge schien in die Dielen zu brennen . Da hab ich auch einen Augenblick gezittert . Plötzlich rief er : ich werde sie ein ander Mal zu Hause finden ! und ohne sich umzusehen , stürzte er die Treppe hinunter . Es kann doch also keine böse Absicht sein . « » Seine Absicht ist , meinem Hause einen Affront anzuthun . Es ist eine Beleidigung jetzt mir zugefügt . Sein Vater hat den Taugenichts zwar desavouirt , nichts desto weniger bleibt sein Vater der Herr Geheimrath Bovillard , der am Ende noch Gefallen daran findet , wenn sein ungerathener Sohn eine Dame insultirt , die er schon mit seinen Plaisanterien verfolgt . Aber das soll , muß anders werden . Wir werden einen Beschützer finden . Dein Erretter , der Legationsrath , der unglücklicher Weise bald nach jener Affaire Berlin verlassen musste , um seine Güter zu revidiren , wird bald zurückkehren . Er weiß , wie man uns Ruhe verschafft . Er ist jetzt der Mann , der gilt , der Stern der Gesellschaften , und ich hoffe von seinem Einfluß auf den alten Bovillard , daß er selbst endlich müde wird und den Vaurien auf gute Art aus der Stadt schafft . « Die Lupinus hatte in ihren Eifer übersehen , daß Adelheid den Mund zu einer Mittheilung geöffnet : » Herr von Wandel ist ja zurück . « Die Geheimräthin hätte jetzt ebenso Grund gehabt , in Adelheids Art etwas Auffälliges , eine Aufgeregtheit zu finden , aber weil sie selbst aufgeregt war , merkte sie es nicht . » Er zurück ! - Woher weißt Du das ? « » Als ich vor ihm - vor Jenem - in einen Laden flüchten wollte , trat er heraus . « » Wandel - und - mein Gott , das Wichtigste sagst Du mir jetzt erst ! « » Ich war so überrascht , verwirrt - « » Und - « » Ja , was eigentlich geschehen , weiß ich nicht . Ich glaube , ich habe ihm die Hand gereicht . « » Du glaubst - « » Mama , ich glaube , ich hätte Jedem sie gereicht , der mir entgegentrat , es war eine Angst , ich sah nichts mehr vor mir . « » Und der Legationsrath ! - Haben sich Beide wiedererkannt ? « » Ich weiß es nicht . Der Legationsrath sah nur meine Angst . Aber dann hat er mich nach Haus geführt . « » Er - Dich ? Hierher ? Wo ist er - Was sagte er ? « » Liebe Mutter , zürnen Sie mir , ich weiß nichts von dem Gespräch . Ich horchte nur immer , ich bebte , ob er noch hinter uns wäre . Er wird mich für sehr kindisch gehalten haben . « » Ich will es Dir vergeben , weil Du beschämt warst , nicht mehr Muth gezeigt zu haben . Und vor dem herrlichen Mann , dessen Gegenwart schon Deine gesunkenen Geister erheben musste ! - Aber mein Gott , wo ist er ? Er hat Dich hergeführt . Warum kam er nicht mit herauf ? « Adelheids Geister waren nicht gehoben . Auf alle Fragen der Geheimräthin über ihren Begleiter , wusste sie sich kaum zu entsinnen , daß er beim Abschied gesagt , wenn er nicht zu einem Minister berufen , würde er sich sofort das Vergnügen gemacht haben , bei ihrer gütigen Pflegemutter anzusprechen . Adelheid ward mit dem Befehl entlassen , für ihre Toilette zu sorgen . Die Geheimräthin war in sichtlicher Unruhe zurückgeblieben . Ihre Gedanken machten Kreuz- und Quersprünge . Wenn sie den Legationsrath präsentiren konnte , ihn , den neuesten Lion der Gesellschaft , den bewunderten , räthselhaften Mann , der aber als er , eine neue Sonne , aufgegangen , plötzlich wieder verschwunden war ! Wenn er nach seiner langen Abwesenheit , zuerst in ihrer Gesellschaft wieder erschien ! Wenn er jetzt anklopfen sollte , sein erster Besuch bei ihr ? Wenn - Niemand kannte den geheimen Grund seines Aufenthaltes in Berlin , und welches Vertrauen hatte er grade ihr gezeigt , als ihn ein dringendes Geschäft plötzlich auf seine Güter rief ! - Wenn er sich gedrungen fühlte , sie zur Mitwisserin seiner Ideen zu machen . Ihre Phantasie malte sich eine Reihe angenehmer Situationen , als eine kalte Frage dazwischenfuhr : Wird er denn überhaupt kommen ? Hat er dem Mädchen nicht vielleicht etwas aufgebunden , nur um sie los zu werden ? Ist er nicht vielleicht abgereist , um seine Verbindungen hier zu brechen ? Er kehrt zurück , Gott weiß warum , aber nicht , um die wieder anzuknüpfen , deren er überdrüssig ist . Er ist ein Mann , der der Welt angehört , Berlin ihm ein Stationsort , um sich auszuruhen , nicht länger als nöthig , und die Personen , mit denen er umgeht , zum Zeitvertreib zu gebrauchen . Zum Thor hinaus , in der nächsten Stadt , hat er uns vergessen - Aus diesem peinlichen Selbstgespräch riß sie ein fester Klingelzug und gleich darauf meldete der Diener den Legationsrath von Wandel . Vierundzwanzigstes Kapitel . Der Legationsrath . Die Geheimräthin war in der Regel die Erste in den Kreisen , in welchen sie sich bewegt , sie war sich dieses Uebergewichts bewusst , dennoch glaubte sie den rohen Kitzel überwunden zu haben , welcher sich darin gefällt , dies Uebergewicht auch die Anderen empfinden zu lassen . Dem Legationsrath gegenüber fühlte sie diesen Zauberbann zerstört . Aber grade gegen eine geistige Uebermacht anzukämpfen , ist interessant . Eine Frau hat so viele kleine Künste , mit denen sie unbemerkt in das feste System des Mannes Bresche legt , wenn es der Mühe verlohnt . Er stand auf der Höhe , wo man nur wenig auszugeben braucht , aber man reißt sich um die Münze , wie um eine Seltenheit . Dann sieht man auch wohl nicht immer genau nach , ob die Münze echt ist . Er saß nachlässig im Fauteuil , doch mit dem Anstand des vornehmen Mannes einer Dame gegenüber , die er auch dafür anerkennt . Ihre Unterhaltung hatte sich weit entfernt aus den Kreisen , in welchen wir die Lupinus zu Hause wissen . » Einer Frau von Ihrem Geist ist keine Region verschlossen , in die sie dringen will , « hatte er auf eine Bemerkung der Geheimräthin erwidert , daß sie die Sphären des Staats für ihr Geschlecht wenn nicht unzugänglich , doch geschlossen halte . » Man sagt uns doch so oft , wir sollen uns nicht aus unserer Sphäre verlieren . « » Wer das uns auf sich beziehen will ! Ist die Stael keine Frau ! Mich dünkt , man braucht nicht so weit zu suchen . Sind nicht die höchsten Damen an unserem Hofe die eifrigsten Partisaninnen der Politik ! Und wer sagt uns , ob nicht die ganze Politik der Zukunft in den Händen der Frauen ruhen wird ! « » O , wer in diese Zukunft blicken könnte , ob sie uns Aufschlüsse , Lichter , Befriedigung bringt , oder das alte Einerlei des Zweifels , der getäuschten Hoffnungen , der immer neuen Erwartungen , die nie erfüllt werden ! « » Die Zukunft , gnädige Frau , wird sein wie die Gegenwart , wenn wir sie nicht zu ergreifen verstehen . « » Und wer ergreift diese ! Wir Frauen scheinen wenigstens nicht dazu bestimmt . « » Auch Frauen ergriffen sie und blieben Siegerinnen grade so lange als der Mann es bleibt , das ist so lange als er sich selbst beherrscht . « » Die Enthaltsamkeit soll uns doch nicht zum Siege führen ! « » Die Kraft , das Ziel unverrückt im Auge zu behalten , die Wege , die die kürzesten und sichersten , nie zu verlieren und die Mittel zu handhaben , wie man Rosse zügelt und spornt , deren Natur wir kennen . « » Das ist nur an den Männern . « » Warum ! Der Mann ist bei der Umfassenheit seiner Bildung , Bezüge zum Leben , weit leichter der Verführung ausgesetzt . « » Das sind Paradoxien . « » Nichts weniger . Er ist zugänglicher den Leidenschaften , weil er sie leichter befriedigen kann , dem Ehrgeiz , den Illusionen aller Art ; und giebt er ihnen sich hin , hört er auf zu berechnen , verfolgt er eine Phantasie , ist er schon verloren . Das Weib in seiner anscheinend beschränkteren Sphäre kann ihre ganze Kraft weit leichter auf einen bestimmten Gegenstand concentriren , und wie sie den Mann beherrscht , wenn sie will , warum nicht die Welt ! « » Spötter ! « » Dem Weibe gab die Natur die seine Beobachtungskraft , die wir nur mit unendlicher Anstrengung uns aneignen , die Gabe aus Symptomen , die unserem in die Ferne schweifenden Blick entgehen , Seelenzustände , vergangene und künftige Begebenheiten zu entziffern . Vermag sie ' s , Herrin zu werden über ihre Neigungen , Vorurtheile , ihre Liebe und ihren Haß , ihre Impulse und abergläubischen Vorstellungen ; vermag sie ' s , ihre Bestrebungen , ihre Liebe und ihren Haß auf größere Dinge zu richten , als den Untergang einer Rivalin , die Protektion eines Günstlings , dann , sage ich Ihnen , kann sie mit ihren außerordentlichen Mitteln Großes , Außerordentliches , warum nicht das Größte . « Die Geheimräthin schwieg nachsinnend . Sie hielt es für den Moment geeignet , seitwärts abzuspringen : » Sie wollen die Begeisterung nicht gelten lassen , « sagte sie wieder aufblickend . » Ich kann einen Trunkenen beneiden , aber nur so lange er es ist . « » Damit streichen Sie aus der Geschichte ihre schönsten Thaten . « » Aus der Geschichte nicht , meine Gnädigste . Sie ist ein großes Quodlibet , wo Platz ist für vieles . Nur aus dem Katechismus der Wenigen streiche ich sie , welche wissen , was sie wollen . « » Und wie wenige Größen bleiben dann übrig , « erwiderte die Geheimräthin . » Wenige , aber zum belehrenden Exempel genug Cäsar blieb sich gleich bis zum Gipfelpunkt . « » Und fiel durch Mörderhand . « » Der rohe Zufall liegt außer unserer Berechnung ; er fiel , nachdem er erreicht , was er erstrebt . Und doch vielleicht war ' s auch nicht ganz Zufall . « » Wie hätte Cäsar den Arm des Brutus hemmen können , wenn er keine Ahnung seines Vorsatzes hatte ! « Der Legationsrath lächelte : » Cäsar hatte Vertrauen , wo er nur Argwohn haben durfte . Cäsar war der große Mann , weil er sich selbst Alles verdankte , weil er im Siegerglück nicht glaubte , daß er nun genug gehandelt , daß nun das Schicksal für ihn wieder handeln müsse , weil er nicht , von der eignen Größe trunken , an eine Mission glaubte . Aber er irrte , als er glaubte , daß ein großer Mann auch sogenannte menschliche Regungen haben , daß er , ohne ein bestimmtes Interesse großmüthig sein dürfe . Er durfte nur auf die Schlechtigkeit der Menschen spekuliren , und er spekulirte nur auf ihren Edelsinn . Er , in seiner Lage , durfte nicht hoffen und lieben , nur beobachten und rechnen , und ihm war der Argwohn eine Tugend und Nothwendigkeit . Er schloß das scharfe Auge , er rechnete falsch und vertraute . Ein Cäsar darf auf nichts vertrauen ! « Es trat eine Pause ein . Das Gespräch hatte eine Wendung genommen , die vermuthlich an den Anfang desselben wieder anknüpfte . Man hatte von den Ereignissen des Tages gesprochen , von dem Stern , über den die Meinung sich noch theilen konnte , ob er ein leuchtendes Tages-Gestirn sei oder ein nächtliches Meteor ? » Und er ist Kaiser , « hub die Geheimräthin an , » er hat sich selbst dazu erklärt ! Es liegt etwas so wunderbar die Sinne Berauschendes darin , ein gewesener Artillerielieutenant ! Und die altgekrönten Mächte beeilen sich , ihn anzuerkennen ! « » Sie müssen wohl ! « » Nehmen Sie sich in Acht , Herr Legationsrath . Man darf ihn hier nicht ungestraft in allen Kreisen bewundern . Und Sie besuchen - « » Die verschiedensten , « fiel er rasch ein . Es war das gewesen , wofür der Gast es nahm , ein Klopfen auf den Busch . » Ich bewundere nichts , fuhr er fort , ich beobachte nur , und mein Facit der Anerkennung ziehe ich erst , wenn ich einen Mann am Ziele sehe . « » Wird er es erreichen ? « fragte die Geheimräthin leiser . » Wenn Sie mir sagen könnten , was sein Ziel ist , würde ich versuchen , auf die Frage zu antworten . « » Sein Ziel ! « - die Geheimräthin sah ihn groß an , aber sie verstummte vor seinem abmessenden Blick . Mit einem Seufzer sagte sie : » War es denn ein Verbrechen , in ihm einen Beglücker der Menschheit zu erblicken ! « » Ein Verbrechen ist Unsinn , und der Wahn , daß Einer für Alle etwas schaffen könne , eine Thorheit . Jeder schafft für sich . Ich weiß nicht , ob der junge Bonaparte in seiner Jugend wirklich diesem Wahne nachhing , der Kaiser der Franzosen wird ihn belächeln . Man muß die Menschen kennen gelernt haben , wie wir , gnädige Frau , um zum Resultat gekommen zu sein , daß , was man so die Menschheit nennt , nicht werth ist , sein Bestes für sie zu opfern . « » Aber mein Gott , für wen soll man sich denn opfern . « Der Gast schien es überhört zu haben , oder seine Gedanken hatten unwillkürlich einen andern Gang genommen ; » Es ist zu bedauern , daß die Kaiserin ihm keine Hoffnung auf Nachkommen gewährt . Eine wahre Zierde ihres Geschlechts ! « » Sie kennen die Kaiserin Josephine ? « » Ihre Majestät , Königin Louise , ist gewiß die personificirte Huld und Schönheit , aber diese Creolin , in der sichtlich noch das tropische Blut pulst , hat etwas Bestechendes , Fortreißendes . Man muß sie gesehen haben - ach , schon als Josephine Beauharnais ! « » Sie kannten sie damals schon ? « » Es rühmen sich Viele , doch wer kann sagen , daß er sie kennt ! Kennt man nur ihren Einfluß auf den Kaiser ! « » Sie hat vieles Blutvergießen verhindert . « » Sagt man . Wer diese on dit ' s geschickt auszustreuen weiß , der kommandirt über Armeekorps . Und Beide , der Kaiser und die Kaiserin , sind darin geschickt , es fragt sich eben nur wie lange Beide zusammen operiren werden . « » Mein Gott , Sie scheinen auch mit den häuslichen Angelegenheiten des Kaiserpaares vertraut . « » Ich lese nur , was Jeder lesen kann , der die Augen auf hat . Will er ein Reich gründen , was ihn überlebt , muß er einen Sohn haben der ihn beerbt . Wer arbeitet mit voller Kraft für einen andern Dritten ! Was ist ihm der adoptirte Stiefsohn ! Erinnern Sie sich , was die sentimentalen Seelen von ihm hofften , nachdem er die Revolution besiegt ? « » Ich habe nie geglaubt , daß Napoleon sich zu einem Monk herabwürdigen könne , « sagte die Geheimräthin . » Gewiß , wer die Kraft hat ein Egoist zu sein , wird sich nie mit einer Livree begnügen . « » Egoist ! « » Alle großen Männer sind es , eigentlich alle wahren Männer . Wer schaffen will , muß für sich schaffen , und wer ein Weltreich gründen will , für eine Dynastie , die seine ist . Die Kaiserin Josephine ist aber auch eine kluge Frau . Sie sieht das ein ; wie weit sie voraussieht , wissen wir nicht , aber sie hat einen Sohn . Es ist nun ein recht kluger Anfang , daß sie die Maske der Milde , Liebe und besänftigenden Güte vornimmt , und ob es von ihrem Gatten klug ist , sie ihr zu lassen - das ist eine andere Frage , die - uns Beide wenigstens , meine theuerste Geheimräthin , glücklicherweise nichts angeht . « Er war aufgestanden . Die Geheimräthin hätte die Unterhaltung gern fortgesetzt : » Sie sind gewiß sehr affairirt . Eine so ehrenvolle Sendung muß Ihre ganze Zeit in Anspruch nehmen . « » Ich bitte Sie , kein Wort von der Bagatelle . Natürlich wird man nicht gerade zur Thür hinausgeworfen , wenn man als Ueberbringer solcher Ehrenzeichen ankommt , indessen , wie gesagt , ich wünschte , daß man in den Cirkeln hier kein Aufhebens davon machte . « » Indessen sehen wir auch wohl bald Ihre eigene Brust mit einem dieser Ehrenzeichen geschmückt . « » Für einen Briefträgerdienst ! Monsieur Laforest , der Gesandte , lachte über die Mission , und das verdient sie auch ; haben wir doch Jeder für Wichtigeres zu sorgen ! Ich freue mich nur , daß die Demoiselle Alltag Ihre Liebe und Sorgfalt lohnt . Sie haben sich da eine ungemein schwierige Aufgabe aufgebürdet . « » Ich freue mich , daß alle Ihre Berechnungen so richtig eintrafen . Adelheids Renommee ist nicht allein hergestellt , sie ist - nun Sie erfahren es schon . Möchte sie nie den Dank gegen Den vergessen , dem sie ihr Alles verdankt . « » Dank , meine Gnädige ! Es giebt keine Substanz in der Chemie , die so schnell verflüchtigt ! Wer darauf bauen wollte - « » Sie brauchen nicht zu bauen , denn Ihr Haus steht fest . Freilich , was ist Ihnen daran gelegen , daß man Sie in Berlin vergöttert ! Indessen es ist doch auch für einen Philosophen nicht ganz unangenehm , wenn ihn die Leute auf der Straße kennen und feiern . Ach , mein Gott , warum mussten Sie damals so schnell abreisen . Das war ein Erkundigen , ein Fragen nach Ihnen . Der Hausknecht , wie Ouvriers , die für Sie gearbeitet , wer nur das Glück gehabt , Sie in Gesellschaft , in seinem Hause zu sehen , musste Auskunft geben , wie Sie aussähen , sprächen , welche Ihre Freunde , ob Sie verheirathet wären , ob Sie hier Ihr Domicil aufschlagen würden . Man wusste Sie in kleine Theile zu zerlegen und meinte , der kleinste wäre doch noch etwas , was der Betrachtung Stoff giebt . Einige meinten , es sei doch eine Art Koketterie , daß Sie durch Ihre schnelle Abreise der allgemeinen Bewunderung sich entzögen , ich indeß meinte etwas anderes - « » Und darf ich fragen , was meine Freundin meinte ? « » Sie leben sich selbst , und fühlen einen andern Beruf , als der Neugier der Menge Räthsel aufzugeben , die Sie nicht lösen wollen , vor ihr wenigstens . Wahrhaftig , ich verdenke es Ihnen nicht . « Der Legationsrath ließ einen seiner undurchdringlichen Blicke an der Diele haften , einen der Blicke , welche die tiefste Absorbirung der Gedanken ausdrücken ; man will indeß behaupten , daß auch die Kunst solche Blicke gebrauche , um den Mangel an Gedanken zu verbergen : » Ach , meine Freundin , was verräth uns mehr , welche Leerheit rings um uns ist , als dieses Haschen nach Geheimnissen , die nicht da sind . Weil sie aus sich selbst nichts sind , darum haschen sie nach einem Spielwerk , und ein unbekannter Fremder wird zu einem Räthsel , weil er vielleicht seinen Rock anders zuknöpft , anders den Hut abnimmt , einen andern Ton auf die Worte legt , als hier alltäglich ist . « » Da ich immerwährend bestürmt werde , sagen Sie mir , was ich den Leuten sagen , oder wenigstens , was ich ihnen verschweigen soll - « » Verschweigen ! Mein Gott , ist denn zwischen uns ein Geheimniß ! Malen Sie mich Ihren Bekannten , wie Sie wollen . Eine solche Meisterin wird immer das Richtige treffen . Warum ich hier bin , das ist ja wohl das interessanteste Räthsel . Ich soll Emissair sein , Gott weiß von welchem Illuminaten- oder Freimaurer-Orden , obgleich diese Albernheiten längst aus der Mode sind ! Ich bin geheimer Envoyé einer Macht , man weiß nur nicht welcher . Nicht wahr ? Natürlich soll ich Staatsgeheimnisse ausspioniren ! Ja wenn nur deren hier wären ! Und da ich an der Tafel der Minister , der Prinzen speise , da ich ziemlich offen mit ihnen konferire , ist es doch nicht meine Schuld , wenn ich Dinge erfahre , an denen mir wirklich nichts gelegen ist . Ich soll ja auch wohl ein Krösus sein , und bald wieder ein Glücksritter ! Soll ich nicht auch nach einer reichen Ehe mich umsehen ? « - Er seufzte : » Und die Geister einer unaussprechlich geliebten Gattin schweben noch um ihren Grabeshügel ! Doch genug davon . Meinetwegen lassen Sie mich einen Cagliostro sein . Im Uebrigen habe ich noch Niemand verhehlt , daß der Zustand meiner Güter in Thüringen mich hergeführt hat . Treffliche Güter , aber verwildert unter meinem Vorbesitzer . Es bedarf einer wissenschaftlichen Agrikulturbehandlung , um ihre Ertragsfähigkeit auf die Höhe zu bringen , die ich mir zum Ziele gesetzt . Ich besitze chemische Kenntnisse , wer aber kann alles wissen , wer braucht nicht des Rathes , fremder Einsicht ? In Berlin finde ich einen Hermbstädt , Klaproth , Flittner . Sie sind meine Lehrer , Freunde , ich konsultire sie , experimentire mit ihnen in der Zersetzung von Kalkerde , Mergel , in allen Arten künstlicher Dungmittel . Das meine Beschäftigung hier . - Sie selbst aber sehen mich ungläubig an . Ach , ich versichere Sie , in dieser Wissenschaft allein ist Trost . Hier ist Wahrheit , hier lerne ich kennen , was sich bindet , was sich abstößt , hier ist Folgerung , Zusammenhang , hier löse ich mir Räthsel , welche der Ballsaal der Menschenwelt mit seinen tausendfachen Umhüllungen und Masken so verwirrend umhüllt , daß oft das schärfste Auge , wenn es die Wahrheit glaubt gefunden zu haben , doch nur beschämt vor einer neuen Larve steht . Vor der Chemie gilt keine Täuschung . Während sie Formen und Farben zaubert , zersetzt sie Alles in seine Urstoffe . Das Kräuseln des Dampfes in der Retorte , im Tiegel , der Geruch , den sie entwickelt , den Lichtglanz , die schimmernde Farbe auf der brodelnden Essenz ist das Leben , flüchtige Momente , während wir doch nur den Tod produciren , Schlacke , Asche , Staub , Luft in Luft . Der Tod nur ist dauerd . Leben Sie wohl . « » Mein Gott , was ist Ihnen ? Sie betonen das Wort Tod so besonders ! « » Mit jeder Stunde , die wir leben , bereiten wir ja den Tod . Ich hoffe also heut Abend auf Wiedersehen . « » Sie hoffen nur ? Vorhin sagten Sie bestimmt zu . Sie erwarten heut keinen Befehl eines Prinzen mehr . « » Nein , wenn indeß ein Hinderniß - « » Sie müssen doch nicht wieder fortreisen ? « » Ich hoffe nicht , daß es so schlimm ausfallen wird . « » Sie spannen meine Neugier . Jetzt müssen Sie sprechen . « » Es ist nur eine der Kleinigkeiten , die das Leben pikant machen . Den jungen Bovillard , den ich in der That auf meiner Reise vergessen hatte , traf ich vorhin auf der Straße , und wenn meine Physiognomik mich nicht täuscht , finde ich zu Hause das , was ich längst erwarten durfte . Indessen wird er sich doch nicht so überhasten , daß er mir nicht noch das Vergnügen gönnt , einen vergnügten Abend in Ihrer liebenswürdigen Gesellschaft zu verbringen . « » Allmächtiger Gott , « rief die Geheimräthin erblassend . - » Eine Herausforderung ! - Und dieser Taugenichts darf sich unterstehen einen Mann wie Sie - und um die edelste Handlung - « » Vor seine Kugel zu fordern . « » Das darf nicht sein . Bester Freund , Sie kennen nicht seinen Ruf . Mit Ihrer Ehre verträgt es sich nicht - « » Er saß noch nicht im Zuchthause , ward nicht ertappt auf dem Volteschlagen , auch hat er seine Spielschulden , wie ich höre , noch immer bezahlt , und ein Dutzend Duelle als Cavalier bestanden ; das , meine gütige Freundin , giebt dem Sohn des Geheimrath Bovillard nach den Ehrengesetzen unserer Welt das Recht , auch Bessere wie ich vor die Geschicklichkeit seines Armes zu laden , und wenn seine Kugel dies Herz durchbohrt , so versichere ich Sie , ist sein Renommee nicht schlimmer , sondern besser . « » Abscheulich ! Wer bessert das ! « »